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Thema: Sie

  1. #1
    Anna
    Laufkundschaft

    Post Sie

    Sie achtet nicht darauf, wohin sie geht,
    sie blickt auch nicht zurück, sie schreitet,
    und wenn sie unverhofft den Raum betritt,
    verändert sich das Licht und breitet
    sich aus wie tiefe, warme Töne
    es manchmal tun, wenn du die Augen schließt,
    und mit ihr übersiehst du, was im Dunkeln steht.


    Sie ist nicht schön im eigentlichen Sinn,
    und manchmal ist ihr Blick so katzengrau, als käme
    sie schlaflos und verhangen in den Tag
    aus einer endlos langen Reise durch die Nacht;
    du weißt nicht, was sie hier- und dorthin treibt,
    du wünschst dir nur, sie nähme auch dich
    in ihre Zeit und fragst auch nicht, wohin


    sie nach dir geht und nicht, wie lang sie bleibt,
    denn wenn sie da ist, ist sie und meint einzig dich,
    und wenn sie dich berührt und lacht,
    hat sie zwei Himmel über sich.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    Duisburg
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    604
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    20

    AW: Sie

    Manche Gedichte werden geschrieben und entstehen beim Schreiben neu und anders. Dies ist so ein Fall, denn diese Zeilen atmen so synkopisch teilweise auf die letzten zwei hinaus, besonders auf die letzte, dass diese letzten Zeilen ihr Entstehen erst den vorhergehenden verdanken. Dieses Gedicht lebt für die zwei Himmel. Kann man zwei Himmel haben? Ein menschliches Wesen sicherlich nicht, oder doch tausende vielleicht?manchmal. Vielleicht hatte ich auch schon einmal zwei Himmel? Engel und Sonnen haben sie sicherlich. Und dann passiert beim Lesen der letzten Zeilen noch dieser unwillkürliche Effekt, es noch einmal von vorn zu versuchen, weil man diesen Geschmack der zwei Himmel, deren Kommen man ja nun kennt, noch einmal auskosten will. Profan betrachtet, ist das Gedicht ein Rätsel. In Zaubersprüchen, altbekannt, hatte man früher zunächst die Poesie kennengelernt. Ich mag Rätseln nicht so sehr, weil ich meistens erst drauf komme, wenn andre es längst erkannt haben. Ich mag aber lesen diese Zeilen immer wieder, weil ich berührt werde am Ende, und ich kann es mir vorstellen dann, dass mich jemand berührt dann, der diese zwei Himmel dann erlebt. Aus dem Schleier der Worte tritt sie heraus danach und erstrahlt für sich.

    Ja, liebe Anna, das waren Gedanken zunächst dazu. Betrachte ich das Gedicht genauer, dann fällt mir die erste Zeile als etwas sehr Barsches auf, das seine Stimmung aufrecht hält, bis das Komma in der zweiten Zeile Einhalt gebietet. Das Verb schreiten danach ist zelebrierend-programmatisch für den Rest des Textes wohlgesetzt. Die Zeilen drei bis fünf bringen Reim, Enjambement, wohldosiert, und wieder dieses Innehalten am Komma, weil zwei Betonungen Aufmerksamkeit verlangen. Jetzt bin ich wach und rätsele und weiß noch nicht, dass ich am Ende mit den zwei Himmeln einer Erkenntnis belohnt werde. Ich breche mal hier an dieser Stelle ab, denn ich kenne jemanden, der lester heißt, und der an diesen Zeilen ebenfalls Gefallen finden wird.

    Herzlichst uis

  3. #3
    Zora
    Laufkundschaft

    AW: Sie

    Da schweige ich lieber. Und staune.

  4. #4
    Anna
    Laufkundschaft

    AW: Sie

    Lester kennt diesen Text schon, uis, er könnte ja auch - fast- von ihm sein ...

    Und Gruß an die Löwin

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    27.July 2000
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    Freiburg im Breisgau
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    AW: Sie

    ..ja ich kenne es, hat kurz vor Weihnachten letztes Jahr im 4w für reichlich Kommentare gesorgt...die zwei Himmel..die Deutung (soweit ist wohl zu gehen) ist mehrfach, da ist Kants gestirnter Himmel über ihm und ein anderer, gleichwertiger, in ihm, da ist der blaue Himmel über uns und die Himmelserwartung f?r jene, die es mit dem Transzendenten und Jenseitigem halten, und da ist der alte und der neue Himmel des Johannes. Begreife es, wer kann. Oder ganz anders. Sieben Himmel hat der Mensch (im 7. ist er allerdings höchst selten), was ist wenn fünf ihm abhanden kommen? Hier ein Schnellschuß:

    Die anderen fünf,
    sie weiß nicht mehr wo sie geblieben,
    erinnert nur als deren Engel fielen
    war um sie plötzlich alles sternenleer,
    und kein Gefühl dann mehr dabei
    als der Gedanke,
    die letzten Himmel sind wir zwei.

    Ja, Anna, wie schon gesagt, das Gedicht gefällt (mir). Die Gefahr dieser Art: die Gedichte können sehr 'glatt' , 'kantenlos' wirken. Und sie sind (so meine ich) schwierig zu schreiben, da hilft kein Silbenzählen, kein Reimlexikon, keine gelernte Versform. Das Gedicht schreibt sich selbst oder niemand. Hast du noch mehr davon?

    Gruß
    Lester

    [Diese Nachricht wurde von lester am 10. Juli 2003 editiert.]

  6. #6
    Anna
    Laufkundschaft

    AW: Sie

    Nein, hab ich nicht, lester. Es ist bis dato das einzige dieser Art, was auch mit seiner Entstehung zu tun hat.
    Und ich sehe auch durchaus die "Gefahren", die ein solcher Schreibstil mit sich bringt.

    Ich las die Eingangszeile "Sie achtet nicht darauf, wohin sie geht" damals in einer Kurzgeschichte vom Henry Miller, sie lie? mich nicht mehr los und wollte partout in ein Gedicht.
    Gleichzeitig hat sie mir aber auch den Stil und den Klang dieses Gedichts quasi vorgegeben, wobei ich versucht habe, dieser Vorgabe durch möglichst unaufdringliche Reime, Binnenreime, Enjambements, "klingende" Worte etc. gerecht zu werden.
    Entstanden ist daraus nach meinem eigenen Empfinden ein Gedicht, das ziemlich ausladend daherkommt, das "schreitet", sich auch etwas aufplustert, stellenweise etwas gespreizt und in seiner Gesamtheit auch etwas eitel wirkt.

    Das alles habe ich diesem Gedicht nachgesehen, weil ich meine, dass die "Sie" sich trotz allem noch die Balance bewahrt und auch der Schluss geeignet ist, "Sie" zu halten und nicht aus dem von mir gesteckten Rahmen fallen zu lassen.
    Aber das mögen andere auch durchaus anders sehen.

    Anderen Gedichten von mir lasse ich soviel Pomp und Eitelkeit so ohne weiteres nicht durchgehen, die kommen bescheidener daher, wie du ja auch weißt, wirken dann im Gegenzug aber auch kleiner und unscheinbarer.

    Ich werde noch einmal ein Beispiel dafür hier ins Forum stellen.

    Wenn mir aber wieder solch ein Satz in den Sinn kommen sollte, kann daraus durchaus wieder ein Gedicht dieser Art entstehen.

    Lieben Gruß,
    Anna


    Ach, und damit keiner lange rätseln muss: die "Sie" hier ist (natürlich) die Liebe

  7. #7
    Anna
    Laufkundschaft

    AW: Sie

    Und ja, wenn man sich erst einmal auf solch ein Gedicht einlässt, dann schreibt es sich beinahe selbst. Da muss man dann sorgen, dass einem die Zügel nicht entgleiten ...

    Du kennst das Problem der zu großen äußeren und inneren Verschachtelung bei deinen eigenen Texten ja auch

    CU, Anna

  8. #8
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Sie

    die Lieben, die ich im Leben kennenlernte, die waren anders - ausnahmslos

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