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Thema: Eiland oder das Wesentliche

  1. #1
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    Post Eiland oder das Wesentliche

    Eiland oder das Wesentliche


    Teil 1
    Das Urteil


    Mit zusammengekniffenen Augen sah er durch das Fernglas auf die Stadt herunter. Langsam ließ er den Blick durch den Ort wandern, betrachtete bestimmte Gebäude genauer und bemerkte Einzelheiten, die ihm aus der Nähe noch nie aufgefallen waren. Immer wieder ließ er das Glas sinken, umfaßte das Städtchen als Gesamtes, um es dann wieder nah an sich heranzuholen. Hausdächer, Balkone, Erker und Hinterhöfe fügten sich in seiner Vorstellung mit den bekannten Fassaden zu einem neuen vollständigen Bild.
    Er stand auf einem vorspringenden Felsen unterhalb der Burg, einige Schritte Abseits vom Weg. Er erforschte die Stadt lieber von hier aus, als vom Aussichtspunkt wenige Meter oberhalb des Vorsprungs. Hier versuchte niemand sein Fernglas auszuleihen oder ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ihn war es bereits unangenehm, wenn ein anderer versuchte zu erkennen, auf welche Häuser er sich gerade konzentrierte.
    Johannes hatte sein ganzes Leben hier verbracht, von den fünf Jahren abgesehen, die er für sein Studium nach München gehen musste. Dann war er wieder hierher zurückgekehrt, als Lehrer für Geschichte in eben jenes Gymnasium, das er als Junge besucht hatte.
    Während er das Fernglas sorgfältig in das Lederfutteral steckte, gingen zwei Nonnen an ihm vorbei. Energisch strebten sie dem Burghof mit der Aussichtsplattform zu. Ein Satz wehte mit einem leichten Windstoß zu ihm hinüber,
    „er will dann einfach meine Hand nicht mehr loslassen, aber ich kann doch nicht den ganzen Tag“
    der Rest der Worte ging im Rascheln des Herbstlaubes unter.
    Wenig später schlenderte Johannes gemächlich die Serpentinen hinab. Er drehte sich noch einmal zu den beiden Gestalten um, die nun mit wehenden schwarzen Kutten von der Balustrade auf den Ort blicken. Im Gegenlicht der tief stehenden Sonne glichen ihre gestikulierenden Arme dem Flügelschlagen von Raben, finsteren Beherrschern der Festung. Johannes griff fast unbewußt die kleine Kamera aus der Innentasche seines Mantels, blickte prüfend durch den Sucher, steckte sie aber mit einem leichten Kopfschütteln wieder ein, während er weiter hinab schritt. Dieses Bild lebt nur von der Bewegung.
    Seit er vor wenigen Jahren pensioniert worden war, beschäftigte er sich mit dem Ordnen seines großen Fotoarchivs. Mehrere Zimmer des alten Hauses in dem er seit dem Tod seiner Frau mit der jüngeren Schwester lebte, nahm das Archiv bereits ein.
    Johannes hatte schon als Kind begonnen zu fotografieren, als er als Zehnjähriger eine Leica von seinem Lieblingsonkel geerbt hatte. Dieser Onkel, ein passionierter Fotograf, war noch in den letzten Kriegswochen gefallen und hatte diese wertvolle Kamera und eine komplette Dunkelkammer seinem Neffen vermacht. Sein Vater, ein übervorsichtiger Mensch, überließ die Geräte nur zögernd den Kinderhänden. Es zeigte sich aber schnell, dass Johannes ein würdiger Erbe war.
    Mit seinem früh ausgeprägten Sinn für Struktur und System, begann er direkt nach Ende des Krieges die Stadt zu fotografieren.
    Zu Beginn machte er nur Aufnahmen von den zerstörten Häusern, aber er begriff schnell, wie wichtig es war, den Trümmerhaufen noch intakte Bauwerke gegenüberzustellen. Sie schafften erst die Möglichkeit der Orientierung und Einordnung. Es gab kein Gebäude im Ort, was er nicht abgebildet hatte, zerstört, im Aufbau befindlich und schließlich, wenn es fertig gestellt war. Wie andere Kinder Briefmarken aufbewahren, sammelte er die Teile der Stadt. Später hielt er Abrisse, Umbauten und die neuen Straßenführungen ebenso fest, wie jedes neu erbaute Gebäude.
    Manchmal tauchten auch Menschen auf seinen Bildern auf, dies jedoch eher zufällig. Sein Interesse war, die Stadt zu dokumentieren, die Bauwerke standen für das Leben ihrer Bewohner. Da er sich selber nicht gerne fotografieren ließ, empfand er es auch lange Zeit als ungehörig, jemanden außerhalb seines Familienkreises damit zu behelligen. Heute sah er das nicht mehr so streng, war doch inzwischen das Abgebildete ein wesentlicher Bestandteil der Welt geworden. So stellte seine jüngste Bilderreihe noch einmal alle Häuser mit ihren Besitzern oder Erbauern vor.
    Inzwischen war Johannes bei den letzten Serpentinenschwüngen angelangt, alte Ahornbäume hatten den Weg mit knietiefem Laub bedeckt, es war durch den sonnigen Herbst leicht und trocken, raschelte so aufmunternd unter seinen Füßen. Er konnte nicht widerstehen, es mit seinen Wanderschuhen kräftig durcheinander zu wirbeln.
    Noch ein kleiner Umweg, bevor er Nachhause ging; er liebte eine krumme kurze Gasse, deren alte Häuser alle noch erhalten waren, und versäumte es selten, sie bei seinen Spaziergängen zu besuchen. Zwischen diesen, vom Alter bauchig und schief gewordenen Fassaden, fühlte er sich sicher, sie hatten die Zeit, Kriege und ihre Bewohner mit einer bescheidenen Würde über sich ergehen lassen. All dies hatte sie zwar gezeichnet, matt lehnte sich manches Haus an sein Nebengebäude, aber trotzdem kam jedes von ihnen noch seiner Bestimmung nach, dem Menschen in seinem Inneren Schutz zu gewähren. Während er durch das Sträßchen ging, ließ er seinen Handrücken an den Hausmauern entlang gleiten und versuchte dabei das Geheimnis ihrer Geschichte zu fühlen. Warum konnte der Mensch Zeit nicht spüren, sie zeigte sich ihm nur in ihrer Wirkung.
    In Gedanken versunken, gelangte er an eine alte eiserne Gartenpforte. Während er sie öffnete und mit Genugtuung das wohlgeölt leises Aufschwingen bemerkte, überfiel ihn plötzlich das Gefühl etwas vergessen zu haben. Hatte Ilse, seine Schwester, ihn gebeten etwas mitzubringen? Er konnte sich nicht erinnern. Es war aber auch nicht so wichtig, hatte er es sowieso nicht gerne, bei seinen Erkundungen durch das Städtchen durch Besorgungen abgelenkt zu werden.
    Vor ihm lag ein großer Garten, der Rasen beschatte durch zwei alte Eichen, Beete mit den letzten Astern säumten den Weg, der mit einem weit ausholenden Schwung auf das Haus zuführte. Den Bogen hatte sein Großvater eigens anlegen lassen, damit jeder Besucher gezwungen war, sich vor dem Betreten des Hauses mit der Gartenanlage zu beschäftigen. Die glich einem kleinen, sehr sorgfältig gestalteten Park und war sein Lebenswerk gewesen. Schon als Kind war Johannes versucht, den Pfad durch einen strikten Gang über den Rasen abzukürzen. Der Großvater, wohl um die Gefahr wissend, beobachtete die Kinder immer beim Spiel - zwar durften sie über den Rasen laufen, aber nicht um den Weg abzukürzen. Heute noch, obwohl der alte Herr schon vor Jahrzehnten gestorben war, brachte Johannes es nicht über sich, die Abkürzung zu nehmen. Zu deutlich klang ihm noch die Stimme des Großvaters im Ohr, keine Altmännerstimme, sondern bis zu seinem Ende, die eines kommandierenden Offiziers.
    So ging Johannes auch heute wieder artig den Weg entlang, auf das herrschaftliche Haus zu.
    Den Wohlstand hatte der Tod in die Familie gebracht. Er war der Nachkomme einer Totengrüberdynastie - obwohl dieses Wort nicht gerne gehört wurde. Tatsächlich hatte sie sich als Bestattungsunternehmer betätigt. Anubis, eine ganze Kette der Institute befand sich in Familienbesitz. Sein älterer Bruder hatte die Geschäfte schon lange seinem Sohn überlassen, der sie zur Zufriedenheit der ganzen Verwandtschaft leitete.
    Noch bevor er den Schlüssel ins Schloß stecken konnte, wurde die Tür von seiner Schwester geöffnet. In solchen Augenblicken freute er sich, nicht alleine leben zu müssen.
    Am späteren Abend, nach einem Nachtmahl mit Ilse, saß Johannes über einem Fotoalbum an einem kleinen Tisch in seinem Arbeitszimmer. Drei Kartons mit unsortierten Fotografien stapelten sich zu seinen Füßen. Eine starke Lampe leuchtete ihm über die Schulter, während er mit einer Lupe die Bilder forschend betrachtete.
    Diese Serie stammte aus den frühen sechziger Jahren. Während er die Aufnahmen Straße um Straße ordnete, dabei ging er vom Kern des Ortes, dem Marktbrunnen, in immer weiteren Kreisen zu den Außenbezirken vor, wurde diese Zeit ihm wieder gegenwärtig.
    Für Johannes war das wirkliche Zentrum des Ortes damals die verwitterte Losbude direkt neben dem Brunnen; gleichgültig von welcher Perspektive man versuchte ihn ins Bild zu bringen, immer stand die Bude, mit ihrer großen Reklametafel „Lose - das Glück für 20 Pfennig“, im Weg.
    Hier hatte er Helga, seine spätere Frau, kennengelernt, als er, auf dem Brunnenrand stehend, das alte Pflaster des Platzes fotografieren wollte. Das Kopfsteinpflaster war hier noch vollständig erhalten und zog sich in sanften Wellen zu den Hausfassaden hin. Während er damals durch den Sucher blickte, um einen Winkel zu finden, der das ausreichend zum Ausdruck brachte, wurde er durch eine junge Frau abgelenkt, die auf allen Vieren neben der Lotteriebude auf dem Boden kroch und mit beiden Händen unter den morschen Brettern nach etwas tastete. Tasche und Handschuhe hatte sie auf der Theke abgestellt. Als er fragte, ob er helfen könne, erhob sie sich mit ärgerlichem Erröten. Ihr waren zehn Pfennig unter die Holzlatten gerollt und es war ihr sichtlich peinlich bei der Suche beobachtet worden zu sein. Johannes hatte sich in dem Augenblick in sie verliebt, als sie eilig ihre Handschuhe über die schmutzigen Hände streifte.


    Tief über die Fotografien gebeugt, hatte Johannes seine Schwester nicht kommen hören und fuhr heftig zusammen, als sie ihm schwer die Hand auf die Schulter legte. Eigentlich sollte sie wegen ihres Hüftleidens einen Krückstock benützen, aber das verweigerte sie seit Jahren hartnäckig. Lieber stütze sie sich an Möbeln ab, oder auch an Menschen, die einen festen Halt versprachen. Nachdem Ilse einen Augenblick in das aufgeschlagene Album geblickt hatte, fragte sie wie beiläufig, aber mit einem lauernden Unterton,
    „Wie war es denn heute beim Zahnarzt? Er wird ja auch immer älter, der Dr. Roeder? er hört sicher bald auf. Wie viele Termine hast Du eigentlich noch?“
    Johannes fühlte wie Wut seine Zähne aufeinander drückte. Natürlich ahnte sie, dass er den Termin vergessen hatte - zumindest vermutete sie es. Gerne hätte er jetzt gewußt, ob man nach ihm telefoniert hatte. Er mochte die kleine Sprechstundenhilfe, so jung und strahlend, das Fett noch an den richtigen Stellen. Früher hätte man wohl drall gesagt. Es musste ihr beim nächsten Mal einen Schein zustecken und sie bitten, auf keinen Fall anzurufen, falls er einmal einen Termin vergessen sollte.
    Er durfte die Antwort nicht zu lange hinauszögern. Ilse warf ihm schon lange seine Vergesslichkeit vor, weil sie einfach nicht verstehen konnte, wie fern seine Gedanken oft waren. Jetzt hatte er endlich die Zeit, seinen Erinnerungen nachzuhängen, er spielte noch einmal mit den Möglichkeiten, die sein Leben geboten hatte, stellte sich noch einmal vor die Entscheidungen. Warum hatte er genau dieses Leben gelebt? Sicher sehr normale Gedanken für einen alten Mann. Seine Schwester war, in seinen Augen auf recht oberflächliche Weise, in ständiger Auseinandersetzung mit dem Tagesgeschehen, seien es die Meldungen im Fernsehen, die Nachbarn oder die Beobachtung des Bruders. Sonst verstanden sie sich eigentlich gut, er ließ sich sogar manchmal gerne beim Frühstück von Ilse aus der Zeitung vorlesen - Nachrichten die ihn wenig berührten, weil er immer häufiger das Gefühl hatte, all das bereits schon einmal gehört zu haben. So passierte es eben auch manchmal, dass er etwas vergaß. Wie sollte sich ein Mensch nur alle Dinge merken - würde sie nicht so viel sprechen, hätte er nicht so viel zu vergessen. Gestärkt durch diese Gedanken, drehte Johannes sich recht abrupt um. Der abgestützte Arm seiner Schwester versuchte der Bewegung zu folgen, fast wäre Ilse auf seinen Schoß gefallen,
    „Ich habe den Termin nicht vergessen, ich habe ihn abgesagt.“
    Er beobachtete ihr Gesicht genau, würde sie jetzt hämisch lächeln, könnte er es noch immer auf ein Missverständnis schieben. Aber Ilse war durch die unerwartete und ruppige Bewegung etwas aus der Fassung gebracht. Sie bemühte sich ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren und streckte beide Hände nach der Tischkante aus. Das Tischchen kam ins Wanken, einige Fotos fielen hinunter. Johannes setzte nach,
    „hat dir Dr. Riemer nicht schon vor einem Jahr gesagt, du sollst auf keinen Fall ohne Krücken gehen? Warum ignorierst Du das immer? Bist du noch immer zu eitel?“
    Ihr Blick wurde zweifelnd und - ein wenig überrascht. Sie blieb in ungelenker Haltung nach vorne gebeugt stehen, die verblassten Augen auf ihn gerichtet,
    „Warum sprichst du jetzt von meinen Krücken? Ich wollte dich nicht beleidigen?“
    Während sie ihn weiter ansah, begann sie leise, an ihrem Gebiss zu saugen. Das tat sie immer wenn sie nachdenklich war. Dieses, kaum hörbare, lutschen und klicken machte Johannes wahnsinnig. Die schlaffen Lippen leicht geöffnet, sah sie ihn an, ohne etwas zu sagen. Schließlich drehte sie sich schweigend um und verließ den Raum.
    Nachdenklich hob Johannes die herhabgefallenen Fotos auf. Er war selber ein wenig erstaunt, wie zornig es ihn machte, bei einer Vergesslichkeit ertappt worden zu sein. Er musste sich nicht rechtfertigen - wenn er Termine versäumte, war dies alleine seine Sache.
    Eines er aufgehobenen Fotos behielt er in der Hand, es gehörte nicht in das Album aus den Sechzigern. Eine sehr gelungene Ansicht von seiner Lieblingsgasse. Ungelenk stand ein aufgeschossenes Mädchen neben einer Haustür und deutete verlegen auf die Jahrestafel „1145“ stand da schwer leserlich darauf. Sehr dünn sah sie aus in ihrem Dirndl, die leicht nach einwärts gedrehten Knie, waren viel zu dick für die kraftlosen Waden. Das war Ruth - Ruth als es ihr schon sehr schlecht ging, also Ende der siebziger Jahre.
    Er ließ das Bild in seinen Schoß sinken, hielt es wie einen Rosenkranz in beiden Händen, sein Blick war abwesend, aber voller lebendiger Erinnerung. Er sah diese Zeit wieder vor sich. Diese beiden Jahre der Krankheit bevor Ruth starb, hatten Helga und Johannes weiter voneinander entfernt, als alle vorherigen Krisen ihrer Ehe. Helga wollte damals der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen, er selber hatte von Anfang an gewusst, Ruth hätte keine Chance. Die verbleibenden beiden Jahre hatte er sie freundlich behandelt, sogar völlig überflüssige Therapien bezahlt - aber er nahm es ihr insgeheim übel, ein so schwaches Kind zu sein. Natürlich hatte er niemals so etwas geäußert, aber seine Frau mußte es gefühlt haben. Ruth schien völlig auf ihren Überlebenskampf konzentriert zu sein, bis zur letzten Stunde hatte das Kind sich gegen den Tod gewehrt. Nur einmal, als sie ihn unvermittelt fragte,
    „na, hast du schon meinen Grabstein ausgesucht?“
    musste er einen Augenblick um eine unbeschwerte Antwort ringen, hatte er doch tatsächlich bereits in Katalogen geblättert.
    Er hatte sein Kind geliebt, weiß Gott wirklich geliebt - bis sie sich anschickte ihn zu verlassen. Johannes konnte nichts lieben was sich von ihm entfernte. Darum hatte er die Liebe zu der gesunden Ruth in seinem Herzen von dem kranken Mädchen getrennt. Auf diese Art lebte sie für ihn in einem Kokon weiter. Es war fast so, als sei ein anderes Kind an ihrer Stelle gestorben.


    Es war kurz vor Weihnachten, als Johannes sich entschloß, doch zum Arzt zu gehen. Er hatte zweimal den Termin mit dem Leiter eines Verlages vergessen, der seine Stadtdokumentation als Buch herausgeben wollte. Das hatte ihn erschreckt. Vor allem, weil er sich die ganze Zeit nur mit den Fotos beschäftigte. Aber sein Kopf ordnete die Dinge nach Gesetzen, auf die er keinen Einfluß mehr hatte.
    Er ließ viele Untersuchungen über sich ergehen, mürrisch, aber pünktlich erschien er zu den Terminen. Als die Diagnose feststand, bat der Doktor ihn, seine Schwester zu dem Gespräch mitzubringen. Das passte ihm zwar nicht, aber als sie im Wartezimmer saßen, war er fast froh, sie neben sich zu haben.
    Die Sprechstundenhilfe, ein kränklich aussehendes Mädchen, rief sie auf. Wie konnte ein Arzt nur so jemanden in einer Praxis arbeiten lassen, dachte Johannes noch beim Betreten des Sprechzimmers.
    Dann sah Johannes den Arzt, wie er aufmerksam in der Krankenakte las, das leichte Nicken, sah wie er die Blätter sinken ließ, die Brille abnahm und den Papierstapel einen Augenblick mit beiden Händen bedeckte. Als er sich ihnen mit gesenktem Kopf und einem kleinen Ruck zuwandte und sich schwungvoll aus seinem Stuhl abstieß, um sie lächelnd zu begrüßen, verließ Johannes das Sprechzimmer. Er wollte es nicht hören - er wollte nicht das häßliche Wort in sich eindringen lassen. Das Urteil.




    Teil 2
    Krieg


    1. Kapitel


    Wieder war es Herbst geworden.
    Johannes hatte inzwischen fast alle Kartons in sein Arbeitszimmer geschleppt, in Türmen standen sie um den Arbeitstisch herum. Die tiefe Sonne schien durch die Fenster, ließ die Fensterscheiben schmutzig erscheinen und stöberte in den hintersten Winkeln des Raumes. Sie beschien den Rücken von Johannes, wärmte ihn, während er sich mit seiner Lupe tief über einen ungeordneten Haufen Bilder beugte. Die Lampe brannte trotz des Sonnenscheins und schickte ihm ihr ärmliches Licht über die Schulter.
    Er saß schon seit einer Stunde reglos, starrte eine Fotografie an und versuchte sich zu erinnern, wo dieses Haus stand. Gequält grübelte er, konnte sich nicht losmachen. Das weiße Schild neben der Tür war nicht zu entziffern. Dieses Bild muß jemand ihm dazwischengeschoben haben, um ihn zu verunsichern. Da konnte er sich natürlich lange den Kopf zerbrechen. Es muß die Schwester gewesen sein. Die Schwester seines Bruders. Sie wohnte mit ihm hier. Immer wieder vergaß er ihren Namen, aber das war auch nicht so wichtig. Entscheidend war, sie versuchte ihn zu betrügen und ihn damit verrückt zu machen. Ärgerlich warf er die Fotografie auf die Erde, als er aufstand und zum Fenster ging.
    Mitten im Raum blieb er unvermittelt stehen, etwas war hier falsch. Die Möbel standen nicht mehr an ihrem Ort. Soweit er es sehen konnte, fehlte nichts, aber er wußte genau, das kleine grüne Sofa stand immer vor dem Kamin. So war auch der Sessel verschoben, jetzt fiel es ihm erst auf - sogar der Tisch, an dem er grade noch gesessen hatte, war umgestellt worden. Wozu sollte das alles gut sein? Er hatte niemanden gebeten, etwas an seinem Zimmer zu ändern. Verärgert und niedergeschlagen sah er in den sonnigen Garten. Auch hier schien es Veränderungen gegeben zu haben. Die beiden Eichen standen natürlich noch an ihrem Platz. Johannes mußte leise lachen, als könnte jemand diese mächtigen Bäume einfach so mal umstellen. Der Weg, die Beete - alles war, wo es hingehörte. Trotzdem hatte sich etwas verändert. Dinge die hätten da sein müssen, fehlten. Den Körper vorgebeugt, die Hände an die Scheibe gepreßt, versuchte er zu erkennen, was da fehlte. Niemand war zu sehen. Das war falsch. Es gab kein Leben zwischen dem Grün. Niemand lief über den laubbedeckten Rasen, die vereinzelten Geräusche kamen von den Sammelrufen herbstlich gestimmter Vögeln. Natürlich, die Schaukel war nicht mehr da, ebensowenig wie das große Trampolin, was immer inmitten der Grasfläche stand und die bunten Bälle und Fahrräder. Jemand muß dies alles weggeräumt haben. Dabei war Johannes sicher, all dies gestern noch gesehen zu haben. Wo war sein Bruder? Selbst das Baumhaus mit der Strickleiter war fort. Empört, ohne den Blick von der Stelle zu lösen, an der normalerweise die Leiter im Baum verschwand, rief er,
    „Schwester...“
    Als sich hierauf nichts rührte, lauter,
    „Schwester...!“
    Das Haus antwortete ihm mit einem freundlichen Knacken des Parketts. Er horchte, war niemand Zuhause?
    Schließlich öffnete er das Fenster, lehnte sich weit hinaus und rief in die spinnwebstille des Nachmittags,
    „Verdammt noch mal, wo stecken sie, Schwester?“
    Er hörte, wie die Gartenpforte geöffnet wurde - warum war sie nicht besser geölt - und wie sich eilig Schritte näherten. Wo war die Schwester gewesen, schließlich sollte sie für ihn sorgen und sich auf keinen Fall vom Haus entfernen, ohne sich bei ihm abzumelden. Sie erschien an der Biegung des Weges und winkte ihm mit gespielter Freundlichkeit zu. Als er nicht reagierte, hinkte sie unsicher über den Rasen direkt auf ihn zu. Wie konnte diese Person es wagen, einfach die Strecke des Weges abzukürzen. Die Stimme des Großvaters schien auf ihn übergegangen zu sein als er herrisch rief,
    „Gehen sie sofort wieder auf den Weg zurück. Werden sie wohl den richtigen Weg ins Haus nehmen, Schwester?“
    Johannes bemerkte, wie die Schwester mit fragendem Ausdruck stehen blieb, bevor sie sich, langsam und kopfschüttelnd, wieder auf den richtigen Pfad begab.
    Befriedigt schloß er das Fenster. Jetzt war er neugierig was sie sich einfallen lassen würde, um den Wirrwarr zu erklären.
    Als sie wenig später das Zimmer betrat, wies er ihr schweigend einen Stuhl zu. Er saß ihr gegenüber in seinem Sessel. Am liebsten hätte er sie zur Strafe stehen lassen, wollte aber einer alten Frau gegenüber nicht ungehörig sein.
    Sie sah ihn ungeduldig an, schien überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben und fragte schließlich,
    „Johannes, was ist bloß mit dir, du schreist ja die ganze Nachbarschaft zusammen...“
    Gereizt befühlte sie ihre Frisur, ob sie sich beim Laufen nicht gelöst hatte,
    „ich dachte dir sei etwas passiert. Mach das bitte nicht noch einmal. Und nenn mich nicht immer Schwester, ich habe einen Namen, Ilse. Oder weiß du das auch nicht mehr?“
    Er bemerkte, wie ihre Haltung sich änderte, die Schultern sanken nach unten, sie neigte den Kopf, als wäre sie plötzlich traurig. Vielleicht tat es ihr jetzt doch leid, alles umgeräumt zu haben. Nicht einmal gefragt hatte sie ihn. Dennoch war er milder gestimmt, als er sagte,
    „Warum haben sie das getan, wollten sie mich absichtlich verärgern? Manchmal denke ich, sie wollen mich mit ihren Einfällen verrückt machen. Wirklich, manchmal wirkt es so auf mich.“
    „Johannes?.. Johannes, weißt du denn nicht mehr, wer ich bin? Deine Schwester, ich bin deine Schwester Ilse.“
    „Schwester, hatte ich sie nicht schon öfters gebeten mit, dieser Duzerei aufzuhören? Weder sie noch ich gehöre dieser Generation an, die das offenbar als selbstverständlich sieht. Aber darüber wollte ich jetzt nicht mit ihnen sprechen. Warum wurde das Zimmer umgestellt? Ich hatte ihnen keine Erlaubnis dazu gegeben.“
    Johannes lehnte sich in seinem Sessel zurück, schlug die Beine übereinender und fuhr gönnerhaft fort,
    „Ich erwarte ja keine Dankbarkeit, daß ich sie hier wohnen lasse. Sie sind schließlich die Schwester meines Bruders. Aber ich möchte noch einmal deutlich machen, in diesem Haus bleibt alles an seinem Ort. Ich bin es so gewohnt und fühle mich hier wohl. Haben wir uns verstanden?“
    Den letzten Satz ließ Johannes ein wenig drohend klingen. Er war überrascht, als sie wortlos aufsprang und das Zimmer verließ. Er hatte das Gefühl, sie weinte und wollte das vor ihm verbergen.
    Johannes schüttelte den Kopf, warum konnte man mit der Schwester nicht ganz normal und sachlich sprechen? War es wirklich zuviel verlangt, die Möbel an ihrem Platz zu lassen? War er zu grob gewesen? Sicher nicht. Er würde einen Brief an seinen Bruder schreiben müssen. Das würde er jetzt gleich tun, hatte er jetzt noch alles genau vor Augen.
    Am Schreibtisch nahm er einen Briefbogen und griff automatisch zum Füller - dann erstarrte er. Etwas war geschehen. Hand und Schreibwerkzeug waren sich fremd. Er erinnerte sich, seitenlange Texte geschrieben zu haben, aber seine Finger befühlten neugierig den Stift als hielten sie ihn das erste Mal. Johannes legte ihn beiseite und betrachtete mißtrauisch seine Handfläche, legte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger und rieb die schwieligen Täler. Hier war die Erinnerung an die niedergeschriebenen Worte noch in seiner Haut fühlbar. Trotzdem wußte er nicht mehr, wie er den Füllfederhalter anfassen sollte, jede Stellung fühlte sich fremd an. Trotzig packte er ihn und senkte die Feder über das Papier.
    „Lieber Bruder“
    Sein Mund formte die Silben lautlos. Hart fuhr die gespaltene Federspitze über den Bogen, fast unsichtbar ritzten sich zwei Striche in das Papier, die in einem Klecks endeten. Das sollte ein L werden. Johannes wußte wie ein L auszusehen hatte, aber es war ihm nicht gegenwärtig genug, um es direkt schreiben zu können. Etwas verwirrt griff er nach einer alten Fotozeitschrift. Die Bilder begegneten ihm so vertraut wie immer, nur die Texte schienen ein Eigenleben entwickelt zu haben. Sie tanzten, Worte wechselten ihre Bedeutung, Sätze schienen am Ende ihren Anfang vergessen zu haben. Wirres Zeug. Dann wieder war alles wie es sein sollte, Kodak, Agfa, Weitwinkelobjektiv, das konnte er mühelos lesen. Die Fehler waren in den engen Textpassagen verborgen. Hier versuchte offenbar jemand originell zu sein, verdrehte Silben, schrieb sinnlosen Quatsch. Natürlich, bei so einem Fotojournal glaubte man wohl, kein Mensch würde die klein gedruckten Berichte lesen. Fassungslos ließ Johannes das Magazin zu Boden fallen. Offenbar kontrollierte niemand die Texte. Alles wurde einfach so gedruckt, wie es irgendein Redakteur abgegeben hatte. Die Leute hatten keine Lust mehr zu lesen, nur noch die Bilder wurden betrachtet. Keiner wollte mehr seinen Geist anstrengen. Darüber vergaß Johannes den angefangenen Brief an seinen Bruder. Entschlossen wandte er sich der Tageszeitung zu, wollte in seinem Verdacht bestätigt werden. Die geistigen Kräfte des Landes verrotteten, wahrscheinlich kümmerte es die Lehrer heutzutage wenig, ob ihre Schüler sich klar und verständlich auszudrücken vermochten.
    Wie er schon richtig vermutet hatte, bis auf die Schlagzeilen boten die Artikel ein Bild hilflosen Gestammels. Inhaltsleere Sätze, unverständliche Formulierungen, selbst offensichtlich erfundene Worte wurden hier abgedruckt. Ein Skandal. Wäre er nicht so erschöpft gewesen, hätte er direkt bei der Zeitung angerufen. So mußte der Anruf bis morgen warten.
    Er rief nach der Schwester.
    Sie sah ein wenig mitgenommen aus, als sie mit einer Vase in der Hand in der Tür erschien - vielleicht war sie krank. Sicherheitshalber blieb er am Tisch sitzen und bat sie freundlich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Sie sah wirklich nicht gut aus, Augen und Nase waren gerötet, sie schien leicht zu zittern. Hoffentlich nichts ansteckendes. Johannes haßte Krankheit in seinem Haus.
    Er räusperte sich, setzte seine Lesebrille auf und fing an ihr in bedeutsamen Ton aus der Zeitung vorzulesen. Es war wirklich schwierig dieses Kauderwelsch laut zu lesen, aber er tat sein bestes,
    „Gestern morgen trat der Stadtrat....“
    gespannt sah er sie an,
    „merken sie das denn nicht, Schwester?“
    klatschend schlug er gegen das Blatt,
    „Wen oder was sollen die denn treten, bitteschön? Das ist doch völlig absurd. Mein Vater kennt den Herrn Bürgermeister sehr gut. Glauben sie denn wirklich, mein Vater würde mit tretenden und sicherlich auch prügelnden Ratsmitgliedern verkehren? das ist doch lächerlich!“
    Hohnlachend zerknüllte er die Zeitung und warf sie geschickt in den, schon seit Jahren elektrisch beheizen, Kamin.
    Als noch immer keine Reaktion kam, begann er sich zu langweilen. Die Erregung schwand. Ärgerlich schüttelte er den gesenkten Kopf, so wie er manchmal seine Schüler am Nacken gepackt und geschüttelt hatte, damit eine Antwort aus ihrem Mund fällt.
    Warum hatte die Schwester jetzt eine Vase in der Hand, hatte er sie darum gebeten?
    Er sehnte sich nach Gesellschaft. Warum sprach sie nicht mit ihm? Dennoch fuhr er zusammen, als die Schwester leise sagte,
    „Verstehst du das wirklich nicht mehr? Es schreitet viel zu schnell fort...der Arzt meinte....Aber das ist ja auch egal.“
    „Was hat das mit dem Arzt zu tun? Sie hören mit ja überhaupt nicht zu.“
    Seufzend stand er auf und ging zu seinem Fototisch,
    „die Vase nehmen sie aber bitte wieder mit. Ich will sie nicht hier im Zimmer haben.“
    Er hörte, wie sie leise das Zimmer verließ. Konzentriert ging Johannes einen Stapel Bilder durch und begann sie in drei Alben einzuordnen.
    Eine Aufnahme des Rathauses irritierte ihn. Das Gebäude wurde grade umgebaut, es war also Ende der sechziger Jahre, die genaue Jahreszahl wäre leicht herauszufinden. Aber seine Aufmerksamkeit galt einer jungen Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Lange betrachtete er die beiden durch die Lupe. Da ihm damals nur an der Dokumentation des Umbaus gelegen war, standen die Frau und das Kind winzig und wie zufällig am Rand des Fotos.
    Die Erkenntnis traf Johannes unerwartet und heftig. Plötzlich wurde ein Vorhang beiseite gerissen, hinter dem sich ein Teil seines Lebens böswillig vor ihm verborgen zu haben schien.
    Ein Gefühl, dessen Namen ihm nicht mehr gegenwärtig war, ließ ihn tief einatmen. Er schien zu wachsen, die Haut wurde eng und seine Kehle schien weinen zu wollen, obwohl er sich gar nicht traurig fühlte. Er sprang auf,
    "Schwester!....Schwester!"
    Ungeduldig riß er die Tür auf und rief noch lauter,
    "Schwester!"
    Eifrig ging er zum Tisch zurück, als er ihre Schritte auf dem Flur hörte und rief ihr über die Schulter ein wenig atemlos zu,
    „Sehen sie nur Schwester, was ich hier gefunden habe...“
    aufgeregt winkte er sie zu sich,
    „dieses Foto lag versteckt in einer der Kisten, sicher hat niemand vermutet, dass ich die noch einmal sortieren werde.“
    Einen Augenblick sah er sie prüfend an, aber die Freude überwog alles Mißtrauen,
    „hier, das habe ich gefunden,“
    stolz hielt er die Fotografie unter das Lampenlicht,
    „...dies hier sind meine Frau Helga und meine Tochter Ruth.“
    Johannes war begeistert. Er bemerkte nicht, wie die Schwester ein wenig zurückwich und sich schwer auf den Tisch stützte.
    „Ich will jetzt sofort wissen, was mit ihnen geschehen ist. Sofort.“
    Schwungvoll drehte er sich nach der Schwester um und erschrak über ihren ängstlichen Gesichtsausdruck.
    „Stimmt was nicht? Stimmt irgend etwas mit meiner Frau nicht? Oder mit meiner Tochter?“
    Am liebsten hätte er die alte Frau geschüttelt, warum antwortete sie nicht?
    Wo können die zwei nur sein. Seine Erinnerung war so lebendig, er hatte sie noch vor kurzem lachen und rufen gehört, die Kleine im Arm gehalten. Er meinte das kleine heiße Gesicht noch an seiner Wange zu spüren.
    „Bitte Schwester, ich weiß, manchmal kann ich anstrengend sein. Beantworten sie einfach die Frage. Sie können dann Feierabend machen. Also, wo sind meine Frau und meine Tochter?“
    Sie sah ihn immer noch wie erstarrt an, die Augen ungläubig aufgerissen, die zitternden Lippen öffneten und schlossen sich in lautlosen Worten. Nur das Gebiß klickte manchmal leise.
    Johannes war beunruhigt und verärgert. Offensichtlich stand es um die Schwester schlimmer, als er gedacht hatte. Er mußte sie erst einmal beruhigen. So schob er ihr hilfsbereit einen Arm unter und geleitete sie höflich zum Sessel. Selber nahm er auf dem unbequemeren Stuhl Platz, mit dem sie vorher hatte vorlieb nehmen müssen. Mit berechnender Freundlichkeit tätschelte er ihr Knie und gab ihr einen Klaps auf den Arm,
    „Geht es jetzt besser? Ich weiß, ihre Tage sind auch lang. Ich war nie jemand, der die Arbeit der Frauen unterschätzt hat. Das dürfen sie mir glauben.“
    Er versuchte ihr aufmunternd zuzulächeln, nur sie war offensichtlich völlig in ihre Gedankenwelt versunken. So etwas gab es. Sie saß vor ihm, gebeugt, das Gesicht in den Händen verborgen. Im Augenblick war er so glücklich, selbst dies war er bereit zu akzeptieren, wenn sie ihm nur schnell diese eine Frage beantwortet hatte,
    „Wo sind die beiden? Verstehen sie doch Schwester, ich will einfach nur zu meiner Frau und meinem Kind. Das sollten sie doch verstehen, oder?“
    Unvermittelt hob sie den Kopf, sah ihn mit sehr klaren Augen an und sagte,
    „Johannes, deine Frau und dein Kind sind tot. Sie sind alle beide schon lange tot...“
    Ohne ihn aus den Augen zu lassen, fuhren ihre Finger unruhig über die Armlehnen,
    „Helga starb vor acht Jahren, das Kind ist jetzt schon seit über...“
    „Was erzählen sie da für einen Blödsinn.“
    Johannes fiel es schwer, ruhig zu bleiben. Er hob die Hand, wollte die häßlichen Worte wegwischen - aber der Arm schien sich selbständig gemacht zu haben, die Handfläche flog der Schwester ins Gesicht und legte sich über ihren Mund. Zweimal drückte er ihr heftig auf die Lippen, fühlte das Gebiß zurückweichen - dann fiel sein Unterarm kraftlos herunter und blieben im Schoß der alten Frau liegen.
    Unglücklich sah er sie an,
    „warum zwingen sie mich so etwas zu tun? Aber jetzt ist es gut, ich habe alle bösen Worte wieder in ihren Mund zurück geschoben.“
    Er beobachtete wie sie hustete und gegen einen Brechreiz kämpfte, aber das war völlig in Ordnung. Wer so schlimme Dinge sagt, muß sie wieder herunterschlucken. Das hatte der Vater ihm beigebracht, jedes schlimme oder schmutzige Wort hatte er ihn früher wieder schlucken lassen.
    Mühsam erhob sie sich und ihre Stimme klang zerbrochen, als sie kaum verständlich murmelte,
    „ich werde es dir zeigen, Johannes....ich werde es dir zeigen wo sie sind. Morgen.“
    Froh ging er am späteren Abend ins Bett, er wunderte sich nur, wie schwierig es war, den Pyjama zuzuknöpfen. Er musste lachen, seine Finger schienen so unbeholfen, wie die eines kleinen Kindes.
    Am nächsten Tag würde er endlich seine Familie wiedersehen. In der Nacht wachte er auf, seine Blase drückte. Schlaftrunken ging er zur Toilette. Als er wieder in sein Zimmer zurück wollte, wusste er plötzlich nicht mehr wo er war. Alles war unbekannt, die vielen Türen, die von der großen Diele abgingen verwirrten ihn. Sicher träumte er. So ließ er sich erschöpft auf einen der Stühle sinken und schlief dort ein.


    2.
    Johannes hielt sich einen halben Schritt hinter der Schwester, als sie durch den Ort gingen. Sie war schon den ganzen Tag sehr unfreundlich zu ihm gewesen - hatte sogar gedroht ihn wegzuschicken.
    Da er eine echte Empörung in ihr spürte, hielt er sich sehr zurück, wußte aber nicht, was sie damit meinte, er solle ihr nie wieder ein Wort in den Mund stopfen. Er hatte ein wenig Angst, sie würde verrückt werden. Wie sie überhaupt davon wußte, wie man mit häßlichen Worten umging? Schließlich hatte der Vater das nur bei seinen Kindern gemacht.
    Am Nachmittag war die Schwester dann plötzlich mit Hut und Mantel in seinem Zimmer erschienen, sie würden jetzt zu seiner Frau und seiner Tochter gehen, hatte sie verkündet. Er hatte es tatsächlich vergessen, war er doch den ganzen Morgen damit beschäftigt gewesen, Schuhe und Wäsche zu ordnen. Seine Finger wurden immer ungeschickter, wollten sich manchmal nicht bewegen, lagen nur reglos da und schienen seine Befehle nicht zu hören.
    Die Vorfreude endlich zu seiner Familie zu kommen, ließ ihn immer wieder lachen. Nur ganz leise, aber er konnte den Jubel einfach nicht unterdrücken.
    Er sollte Blumen mitbringen, Helga freute sich immer über Blumen. Manchmal steckte sie sogar eine Blüte ins Haar - aber natürlich nicht in der Öffentlichkeit. Das machte sie nur, wenn sie beide besonders übermütig waren und wenn die Kleine schon schlief.
    „Schwester...“
    Er war stehen geblieben. Hier in der Nähe gab es doch ein Blumengeschäft, wo genau, fiel ihm nicht ein,
    „Schwester, ich möchte meiner Frau einen schönen Strauß mitbringen, für die Kleine sollte ich auch etwas haben.“
    Sie war einige Schritte weitergegangen, bevor sie stehen blieb und sich gereizt umdrehte,
    „Warum hast du das nicht vorhin gesagt, als wir an dem Geschäft vorbeigegangen sind? Jetzt müssen wir den halben Weg wieder zurücklaufen.“
    Unentschlossen und widerwillig stand sie da,
    „....sonst hast du ihr ja auch nie Blumen hingelegt. Jetzt auf einmal plötzlich....“
    Er hatte aufgehört zu lächeln, sein ganzer Körper zitterte vor Wut. Grimmig beobachtete er, wie die Schwester in einem vorsichtigen Bogen um ihn herumging und ihn zu dem Laden zurückführte.
    Mit einem üppigen Blumenstrauß in der Hand und einem Porzellanpüppchen in seiner Manteltasche, fühlte er sich wieder zufrieden, auch wenn die Schwester gemeint hatte, die roten Rosen seien ebenso unpassend, wie die Puppe.
    Er kannte doch sein Mädchen, Ruth liebte solche kleinen Figuren, das ganze Zimmer war voll davon. Helga hatte sich sogar schon einmal beschwert, wie lange sie brauchte alles abzustauben.
    Am liebsten hätte er noch viel mehr gekauft, so glücklich machte es ihn, sich den Jubel vorzustellen. Ruth war in letzter Zeit schnell gewachsen, sie benötigte dringend neue Kleidung. Er würde mit ihr zusammen einkaufen gehen. Seltsam, das hatte er bisher noch nie getan - wo es doch sicher so ein Spaß wäre. Die Kleine war sein Ein und Alles, er hatte immer nur ein Kind gewollt, eine Tochter. Und er hatte das wunderbarste Mädchen der Welt bekommen. Sie glich ganz ihrer Mutter, hatte aber ein noch feineres Antlitz, die Augen größer und dunkler, die Nase schmal und völlig gerade. Sicher, Helga war hübsch, aber Ruth war auf dem Weg, eine wirkliche Schönheit zu werden. Er würde sie so lange er lebte vor allem Bösen zu schützen versuchen.
    Johannes hatte nicht auf den Weg geachtet, so war er erstaunt, sich unvermutet in einem Park zu befinden. Die kalte neblige Luft roch stark nach Erde. Dann bemerkte er die Kreuze, Marmorplatten mit eingemeißelten Goldbuchstaben und kündende Engel. Sie befanden sich auf einem Friedhof. Konnte das eine Abkürzung sein?
    Obwohl er sich selber durchaus als Christ bezeichnen würde, mochte er die Gottesäcker nicht. In seinem Glauben war immer eine Spur Mißtrauen geblieben. Und der Tod erinnerte ihn genau an den schwächsten Punkt seiner Gottesfurcht. Johannes glaubte an das Recht zu leben - aber es gelang ihm nicht, dem Sterben das gleiche Recht einzuräumen. Er hatte keine Angst zu sterben, er verachtete den Tod, lehnte ihn rundweg ab. Daher erschienen ihm die Toten wie Verlierer - natürlich würde auch er einmal verlieren. Aber noch fühlte er sich sicher vor dem Sensenmann. Und er ekelte sich vor den verwesenden Leibern unter seinen Füßen. Warum sollte Gott so etwas wollen? Entweder war seine Schöpfung unvollkommen und ER damit auch, oder er war kein gütiger, verzeihender Gott, sondern stand dem Bösen ebenso nah, wie dem Guten. Wenn Gott ewig war, warum sollte er dies seinen menschlichen Ebenbildern vorenthalten? Wer stirbt, hat unrecht! Wo hatte er diesen Satz nur gelesen? Obwohl es im ersten Augenblick so grausam klang, war es die Wahrheit. Johannes war sich sicher, er wollte kein ewiges Leben nach dem Tod, sondern vorher. Wie auch immer ein mögliches Jenseits aussehen sollte, er würde gerne darauf verzichten. In Wahrheit konnte er sich kein Leben nach dem Tod vorstellen. Tod war endgültig, für immer - ohne Chance auf Wiederkehr und Friedhöfe waren in seinen Augen nur eine unnütze Aufwertung von Freund Hein, darum mied er sie.
    „Schwester, mußten sie wirklich diesen Weg wählen? Es mag ja eine Abkürzung sein, aber diese Umgebung deprimiert mich immer.“
    Die Schwester drehte sich mit einem merkwürdigen Lächeln zu ihm um, als hätte er gerade etwas Dummes gesagt und sie wollte ihn verhöhnen. Nein, er hatte sich geirrt, es war nur, weil ihre Lippen an einer Seite ein wenig geschwollen waren.
    „Wir sind gleich da Johannes, es sind nur noch wenige Schritte.“
    Wenige Augenblicke später blieb sie an einem dieser Familiengräber stehen und zeigte mit ausgestrecktem Arm wortlos auf das Grabmal. Sie wirkte lächerlich, wie eine Allegorie aus einem Heft der Gartenlaube. Nur wofür sollte dieses Bild stehen, für eine Soldatenwitwe? Für eine gramgebeugte Mutter?
    Johannes wollte sich hier nicht unnötig aufhalten,
    „sehr schön, aber können wir jetzt bitte weitergehen?“
    „Soll ich dir die Namen vorlesen, oder kannst du sie selber lesen?“
    Befremdet sah er auf den Grabstein. Es war offenbar das Grab seiner Familie, den Namen Stroth erkannte er wieder. Aber bei den anderen Worten und bei den Zahlen schien etwas nicht zu stimmen, es war, als würden sich die Buchstaben seinen Augen nähern, aber kaum hatte er einen begriffen, schon stand der nächste da, forderte seine Aufmerksamkeit, schob den Vorgänger beiseite, nahm allen Platz in seinem Gehirn ein. Seine Lippen versuchten die Buchstaben festzuhalten, sie den Ohren zum Gewahrsam zu übergeben. Aber sein Gehör erfreute sich nur an jedem neuen Laut, war keine Hilfe, sondern schien den Mund noch anzuspornen das Gewisper fortzusetzen.
    Johannes hielt sich die Ohren zu und schrie die Schwester gequält an,
    „Ich habe meine Brille vergessen. Jetzt sagen sie schon, was dort steht.“
    Sie blickte ihn einen Augenblick erschöpft an, dann sagte sie leise,
    „ich lese dir nicht alle Namen vor, Johannes. Aber hier liegen auch Helga und deine Tochter Ruth. Das ist schon lange her, mit Ruth. Darum wirst du es nicht mehr wissen. Sie wurde sehr krank, mit dreizehn ist sie gestorben. Helga ist seit acht Jahren tot.“
    Sie begann lautlos zu weinen,
    „warum hast du mich gezwungen dich hierher zu bringen? Warum tut Gott mir das in meinem Alter noch an? Du bist fein heraus, du kannst nichts dafür. Du hast Narrenfreiheit. Wer fragt, ob ich das aushalten kann...“
    Obwohl Johannes die Namen noch immer nicht erkennen konnte, wußte er, sie sagte die Wahrheit. Seine Frau und seine Tochter waren beide tot, auch sie waren Verlierer, wollten ihn zu sich ziehen mit der Erinnerung und der Sehnsucht, die er so stark in sich fühlte.
    Er wehrte sich, setzte sein Leben dagegen - aber als er die Puppe in der Manteltasche fühlte, gab er den Widerstand auf. Er sank auf die Knie und begann in der Erde zu wühlen, riß den Efeu aus dem Beet und vergrub seine Finger so tief er konnte im Boden. Er wollte zu ihnen. Der Sog der Freude war ein zerstörerischer Strudel geworden und bestand ebenso unerbittlich auf Einlösung wie das Glück zuvor.
    Johannes bemerkte die Menschen nicht, die zu Hilfe eilten, er hörte weder die Sirenen des Krankenwagens noch die beruhigende Stimme des Arztes. Wie bewußtlos ließ er alles mit sich geschehen. Man gab ihm eine Spritze und fuhr ihn nach Hause. Dort ließ er sich wie ein Kind zu Bett bringen.


    3.
    Als der Frühling kam, brauchte Johannes die Hilfe der Schwester beim Anziehen. Seine Finger schienen einfach vergessen zu haben, wie man Schuhe schnürt oder wie Knöpfe durch die kleinen Löcher zu stecken waren. Dieser Zustand quälte ihn, er war in seiner Selbständigkeit eingeschränkt. Aber dieser Ärger dauerte nie lange, war er erst einmal für den Tag geröstet, hatte er diese demütigende Zeremonie schnell vergessen.
    Die meiste Zeit saß er am Arbeitstisch und sah sich seine Fotos an. Er entschied sich, sie in eine neue Ordnung zu bringen. Das alte System war ihm zu wirr, darum sortierte er sie zuerst nach Farben. Er bedachte bei jedem Bild lange, welche Farbe vorherrschend war. Ebenso mußte er entscheiden, in welcher Reihenfolge sie einzuordnen seien. Er beschloß schließlich eine Anordnung von gelb, blau, rot, grün, grau und weiß. Die drei Grundfarben waren allerdings selten vertreten. Häuser waren nun einmal eher grau oder weiß.
    Die schwarz-weiß Aufnahmen wollte er wegwerfen, weil sie da nicht mehr hineinpaßten und ihm auch sonst nicht mehr zusagten. Die Schwester überredete ihn, damit zu warten. Vielleicht würde sich ja auch für diese Bilder eine sinnvolle Ordnung ergeben.
    Tatsächlich ergab sich die Möglichkeit die alten Fotografien so anzuordnen, daß sich der dunklere Teil des Bildes entweder rechts oder links befand.
    Nachdem er die Hälfte von ihnen so eingeteilt hatte, waren sie ihm viel wichtiger geworden, als die Farbfotos.
    An die Schwester hatte er sich inzwischen gewöhnt Er verstand sie zwar jetzt häufig nicht mehr richtig, so merkwürdig drückte sie sich aus, aber er hörte sie trotzdem gerne sprechen. Sogar lieber als vorher.
    Sie kam manchmal in sein Zimmer, um ihn zu fragen, ob er nicht zur Toilette müsse. Es war ihm lästig, aber manchmal vergaß er alles um sich und in sich, wenn er sich in seine Arbeit vertiefte.
    Heute Morgen hatte er eine neue Idee gehabt, er suchte alle Fotografien des Marktplatzes zusammen. Sowohl die alten aus der Nachkriegszeit, als auch die neueren Farbbilder. Er breitete sie alle um sich herum aus, über Tisch und Boden, bis fast zur Tür. Vorsichtig ging er zwischen ihnen herum, betrachtete immer wieder eines genauer, ließ es wieder sinken und versuchte sich zu erinnern. Bei allen neueren Bildern fehlte die Losbude. Dabei konnte er sich deutlich erinnern, Helga dort noch vor kurzem ein Los gekauft zu haben. Sie mußte sich das selber einmal ansehen.
    „Helga, könntest du bitte mal kommen?“
    Zögernd öffnete sich die Tür und Helga lugte vorsichtig ins Zimmer.
    Ohne lange zu fragen, nahm er ihre Hand und zog sie ins Zimmer. Warum sie sich in letzter Zeit nur so komisch kleidete, fast wie die Schwester. Aber vielleicht war es ja grade Mode. Ihn kümmerte das nicht.
    „Helga, sie dir doch bitte mal diese Bilder an. Es gibt da einige darunter, bei denen unsere Losbude nicht drauf ist, obwohl ich genau weiß, daß sie da steht.“
    Johannes bückte sich und hielt ihr eine Aufnahme und die Lupe hin.
    „Sieh dir das bitte mal an, die Stelle ist leer.“
    „Johannes, ich bin Ilse, nicht Helga. Bald wirst du mich noch für deinen Bruder halten.“
    Er lachte und versuchte sie in seine Arme zu ziehen,
    „du bist mir eine Verrückte, Helga. Als könnte ich dich für einen Mann halten. Weißt du, eigentlich könntest du dir mal wieder eine Blume ins Haar stecken. Du weißt schon....“
    Vorsichtig machte sie sich los,
    „die Lotteriebude gibt es schon lange nicht mehr, Johannes. Man hat sie abgerissen.“
    Seine Augen schienen nur noch Einzelaufnahmen an seinen Kopf zu senden. Denn plötzlich war Helga nicht mehr im Zimmer, er stand alleine im Raum und versuchte sich zu erinnern. Helga wollte wohl Blumen holen. Aber wie kam er nur auf Blumen? Dann fiel ihm wieder ein, er war mit ihr am Marktbrunnen verabredet. Er war schon spät dran. Unbemerkt verließ er das Haus. Die milde Frühlingsluft streichelte sein Gesicht, der Geruch der erwärmten Erde erregte ihn. Wie schön, Helga jetzt zu treffen. Johannes fühlte sich wie ein junger Liebhaber. Er würde gar nicht lange fragen, er würde sich Helga einfach schnappen und direkt mit ihr Nachhause gehen. Schließlich waren sie verlobt. Aber vorher würde er ihr ein Los kaufen, heute war sein Glückstag, das spürte er genau.
    Während er den Weg zum Markt suchte, er mußte sich verlaufen haben, manche Straßen waren ihm völlig unbekannt, ließ seine sehnsuchtsvolle Lust kein Bißchen nach. Er stellte sich ihre nackten Beine unter dem leichten Kleid vor, ihr Lachen, das geradewegs aus dem Bauch zu kommen schien, so rund und warm klang es.
    Seine gute Laune verdrängte den Ärger, als er wieder in der sicheren Gewißheit den Marktplatz gleich vor sich zu haben, um eine Ecke bog und stattdessen in einem krummen Gässchen landete. Die kleinen Häuser schienen enger zusammenzustehen, als andere Stadthäuser. Als wären sie aufeinander angewiesen - fast als hielten sie sich umschlungen. Erst jetzt fielen ihm die Jahreszahlen an den Hausfassaden auf, 1145, 1236....was verband ihn nur in diesen Zahlen? Er wußte es nicht, trotzdem freute er sich, heute so mühelos lesen zu können. Seine Augen bereiteten ihm zunehmend Sorgen, wie er auch jetzt das Gefühl hatte, von ihnen betrogen zu werden. Johannes drückte seine Fäuste so fest er konnte auf seine Augäpfel. Erst als tanzende Flammen erschienen ließ er die Arme sinken. Dann ging er weiter. Und jetzt schien sich alles vor ihm zu öffnen, ohne Umweg gelangte er zum Marktplatz.
    Im ersten Augenblick sah er nur den Brunnen. Der Brunnen, das Symbol für Tiefe, Wasser, einfach für das Leben - hier würde er gleich mit Helga das Hochzeitsdatum festlegen. Suchend sah er sich um, war er zu früh, oder hatte sie sich ein wenig verspätet?
    Ohne zu zögern ging er auf die Losverkäuferin in ihrer Bretterbude zu und legte ihr eine Mark auf die Theke. Fünf Lose, heute war sein Glückstag. Ihn störte es nicht, daß einige Leute stehen blieben und ihn neugierig anstarrten. Sollten sie nur über seine Unvernunft staunen, heute würde er gewinnen. Da war er sich völlig sicher. Die Papierstreifen fielen auf den Boden, auch das machte nichts. Er hob sie einfach wieder auf, spuckte dreimal drauf und rief den Gaffern strahlend zu,
    „Heute werde ich den Hauptgewinn machen. Und mein Mädchen wird sich die schönsten Blumen kaufen können.“
    Als er sich auf den Brunnenrand setzte, gingen die Menschen kopfschüttelnd weiter.
    Ursprünglich war es ein einfacher Ziehbrunnen gewesen, später, als die Häuser Wasserleitungen bekamen, wurde der Brunnen abgedeckt und vergessen. Erst vor weniger als hundert Jahren kam ein Bürgermeister auf die Idee, die Brunnenreste mit einem reich verzierten Wasserbecken zu umbauen. In diesem Becken sorgten niedrige Fontänen für ein kühles Plätschern. Der eigentliche Brunnen war längst ausgetrocknet.
    Johannes setzte sich auf den breiten Brunnenrand, unter seinen baumelnden Beinen sah ein Löwenkopf hervor, um den sich dichtes Laubwerk rankte. Wo Helga nur blieb? Er setzte einen Fuß auf die Löwenmähne - dabei fiel ihm die Komische Hose auf, die er trug. Auch die Schuhe hätten eher zu einem alten Mann gepaßt und nicht zu einem jungen Kerl, der hier mit Herzklopfen auf seine Verlobte wartete. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Er hatte wohl versehentlich Sachen von seinem Vater angezogen. Manchmal war er wirklich zu sehr in seine Gedanken versunken. Hoffentlich schämte sich Helga nicht deswegen. Sie war sehr modebewußt, trug die kürzesten Röcke und hatte ihr Haar zu einem unglaublichen Bienenstock frisiert. Was wäre, wenn sie ihn gesehen hatte, aber einfach nicht zu ihm gekommen war? Sollte er versuchen sie Zuhause zu erreichen? Er sah zur Rathausuhr, es war noch nicht ganz halb vier und da sie aus Prinzip nie zu früh kommen würde, hätte er die Chance, sie zuerst zu sehen. Dann würde sie nicht mehr flüchten können. Er grinste, als er daran dachte, wie überrascht sie gleich sein würde, wenn er von der Hochzeit anfing. Sie hatten trotz ihrer Verlobung noch nie konkret darüber gesprochen. Ungeduldig sah er sich um.
    Von der Rathausgasse näherte sich eine junge Frau. Sie schlenderte langsam aus der schattigen Schlucht auf den sonnigen Platz. Ihr Kleid war so weiß, Johannes hatte das Gefühl, sie würde leuchten. Er konnte ihr Gesicht nicht genau erkennen, aber ihr Haar trug sie heute anders als sonst, ließ es einfach offen über die Schultern fallen.
    Er war begeistert, diese Krähennester, hatte er immer schrecklich gefunden. Kaum kam man einem Mädchen näher, fing es schon an zu schreien,
    „Vorsicht. Meine Frisur...?“
    Dann war die schönste Stimmung dahin. Er hatte sich oft gefragt, ob Frauen überhaupt etwas von der Sexualität hatten. Wer denkt schon an seine Haare, wenn er wirklich Lust hat?
    Helga schien auch einen weicheren Gang zu haben. Sonst hielt sie die Beine so dicht zusammen, dass er oft das Reiben der Nylons hörte, wenn er neben ihr ging.
    Die Frau kam auf ihn zu, jetzt war er sich fast völlig sicher, es war Helga. Sein Herz begann zu rasen. Aber es war ein schwaches, flackerndes Herzklopfen, nicht der runde Schlag den er gewohnt war. Einen Augenblick senkte er den Blick zu Boden und umklammerte seine Schenkel mit zitternden Händen so fest er konnte. Der Schmerz ließ ihn ruhiger werden. Als er sie wieder ansah, paßte die Liebe wieder in seinen Körper. Wie hübsch ihre Beine waren, er mußte es ihr gleich noch einmal sagen. Fein gemeißelt zeichneten sich die Knöchel an den Fesseln ab, die Waden, muskulös aber nicht zu dick. Er konnte seine Augen kaum vom Rocksaum lösen, der bei jedem Schritt ein wenig verrutschte, um einmal mehr, einmal weniger von den runden Oberschenkeln preiszugeben. Er stellte sich seine Hand vor, wie sie sich langsam nach oben schiebt. Aber meist wurde dann der Druck ihrer Schenkel zu einer Falle und Helga rupfte seine eingeklemmten Finger dazwischen hervor wie Unkraut.
    Johannes hatte seine Brille abgenommen, er wollte sie sofort mit einer stürmischen Umarmung begrüßen. Alle möglichen Einwände damit beiseite wischen, sie schon vor dem ersten Wort erobern.
    Nur noch wenige Meter trennten sie, er hatte sich bereits halb erhoben, da bemerkte er seinen Irrtum. Diese Frau sah Helga nicht einmal ähnlich, völlig fremde Augen betrachteten den Brunnen in seinem Rücken. Seine Sehkraft ließ entweder rapide nach oder er bekam eine seiner seltenen Migränen. Jetzt hatte die junge Dame seinen aufdringlichen Blick bemerkt, sicher auch sein brennendes Gesicht und die zitternden Hände. Er drehte sich zur Seite und versuchte seine Hand ins Wasser zu stecken, als würde ihn eigentlich dieses harmlose Spiel interessieren. Aber so sehr er versuchte, den Arm zu bewegen, bleiern blieb er auf den Brunnenrand gestützt liegen. In einem Augenblick der Panik befürchtete er, gelähmt zu sein. Schließlich packte er die widerspenstigen Finger mit der anderen Hand und versenkte sie im Brunnenwasser.
    In diesem Augenblick sah er sie. Sie stand direkt vor ihm und lächelte ihn an. Ohne einen Moment zu zögern riß er sie an sich. Er hatte schon ganz ihren Geruch vergessen, vielleicht trug sie auch ein neues Parfüm. Obwohl er sie ja noch vor wenigen Tagen gesehen hatte, fühlte er die Berührung als sei seit dem eine Ewigkeit vergangen.
    Johannes spürte wie ihr Herz gegen seine Brust schlug, wie sie sich leicht zur Wehr setzte, ihm atemlos etwas ins Ohr rief. Sie zierten sich ja alle - aber manchmal hätte er sich doch gewünscht, von Helga ein einziges Mal ebenso leidenschaftlich umarmt zu werden, wie Frauen in Filmen es mit ihren Männern taten. Er drückte sie noch fester an sich, versuchte ihre Abwehr niederzulieben und dieses verlockende Nachgeben zu erzwingen. Das Nachgeben kam - total und unerwartet. Sie wurde plötzlich schwer in seinem Arm, aber ihre Schwere war ohne Hingabe, hatte nur sich selber im Zentrum und strebte direkt zu Boden. Vor Schreck ließ er sie fast fallen, hielt sie aber noch schnell genug fest, um mit ihr den Rand des Brunnens zu erreichen. Hier setzte er die Benommene behutsam hin und ließ ihren Oberkörper gegen seinen Bauch sinken. Während er sich vorbeugte, um sein Taschentuch ins kühle Wasser zu tauchen, meinte er, ihren Atem an seiner Leiste zu fühlen. Er genoß diesen Augenblick, bevor er sie mit einem Arm umfaßte, um ihr das nasse Tuch auf die Stirn zu legen. Sie kam langsam zu sich und öffnete die Augen. Dieser entsetzte Blick und der darauffolgende langgezogene Schrei fegten wie ein Sturm durch seinen Kopf, rissen die wenigen verbliebenen Verankerungen aus den Fundamenten und wirbelten alle Erinnerungen zu einem unentwirrbaren Filz.
    Warum sieht Helga mich so verängstigt an?
    Dies waren die letzten in klaren Worten gedachten Gedanken von Johannes.
    Es folgte die Zeit der unendlichen Gegenwart.


    Die unendliche Gegenwart
    Gleichmäßiges Nordlicht drang durch das geöffnete Fenster. Die dünnen Gardinen wehten im warmen Luftzug, bauschten sich ins Zimmer, drehten sich zum Bett, wandten sich ab und wurden schließlich wieder an das Fenster gesogen.
    Flatternder und schneller wurden Johannes Lippen von seinem Atem in dem gebisslosen Mund gezogen und wieder ausgestoßen. Während er Luft holte, fiel sein Mund tief in die Höhlung, um beim Ausatmen wieder voll zu werden und das Gesicht um Jahre jünger aussehen zu lassen. Während er stockend schnarchte, wanderten seine Hände unruhig über die Bettdecke. Sie schienen völlig losgelöst von seinem schlafenden Körper ein Eigenleben zu führen. Rastlos glitten die Fingerspitzen wie Fühler über den weißen Bettbezug, waren auf der Suche nach Krümeln und Unebenheiten, die sie intensiv ausforschten.
    Unvermittelt schlug er die Augen auf, sein Mund schnappte noch einmal nach Luft, dann klappte er zu. Die Hände schienen von seinem Erwachen nicht weiter beeinflußt zu werden, unbeirrt setzten sie ihre Untersuchung fort. Es war sehr ruhig im Zimmer, der Sommernachmittag hatte die Geräusche in Wärme verwandelt. Nur ab und zu drang vom Flur leises klappern von Geschirr in den Raum.
    Johannes sah zur Decke. Sein Blick war weder starr noch lebendig oder teilnehmend. Die Augen schienen völlig vorurteilsfrei zu sein, wie die eines Säuglings - kein durch Wissen und Erfahrung vorsichtig gewordener Erwachsenenblick. Er betrachtete die Decke, ohne sich zu langweilen, entstand sie doch immer wieder aufs Neue vor ihm. Ein wenig später trat eine Nonne mit einem Tablett ins Zimmer. Nachdem sie den Kaffee auf dem Nachtisch abgestellt hatte, setzte sie sich behutsam auf das Bett und berührte Johannes an der Schulter. Noch bevor er den Kopf zu ihr drehte, hatten die Hände sie schon wahrgenommen, eilten ihr entgegen und suchten sie zu fassen. Sie überließ ihm lächelnd ihre linke Hand, während sie mit der Rechten geschickt das kleine Stück Kuchen auf dem Teller zerteilte.
    Er streckte den Kopf nach oben, als wolle er sich aufrichten, verharrte einen Augenblick in dieser Bewegung, bevor er ihr sein Gesicht zuwandte.
    Johannes spürte das leichte Niedersinken des Bettes. Er ahnte, jetzt kommt etwas sehr schönes. Er fühlte wie seine Finger sich bereits auf den Weg machten, es zu begrüßen. Wie es hieß hatte er vergessen, aber es kam jeden Tag. Die Signale an seinen Körper, sich aufzurichten, reichten nicht weit. Aber wenn er sich sehr anstrengte, seinen Blick mit Macht in eine Richtung lenkte, folgte meist auch der Kopf. Als sein Blickfeld sich änderte, wurde ihm fast schwindelig. Es war als sähe er aus einem Zugfenster, vor dem in unmittelbarer Nähe die verschiedensten Dinge vorbei rasten. Erst das ruhige Weiß der Decke, dann ein Kruzifix, ein Spiegel, das Waschbecken und schließlich die Haube der Nonne. An ihren Lippen fand er schließlich Halt. Sie hatte begonnen leise ein Lied zu singen. Die Töne konnte er verstehen, er erkannte sogar die Melodie und versuchte mit rauher zittriger Stimme einzufallen. Die Worte bildeten sich ganz von selbst in seinem Mund, sie bedeuteten ihm nichts, aber er fühlte sich glücklich. Er war in sich vereint - keine rasenden Bilder die schneller verschwanden, als er sie erkennen konnte, keine Befehle an seinen Körper, denen kein Muskel mehr gehorchte. In diesem, fast stimmlosen Gesang, vereinte sich alles was er empfand. Er öffnete bereitwillig immer wieder den Mund, wenn die Gabel mit einem Stück Kuchen kam. Er sah sie kommen und seine Lippen wußten was sie zu tun hatten, kundig umfing seine Zunge den weichen Bissen und zerdrückte ihn am Gaumen. Er merkte es kaum und hatte es einen Augenblick später bereits vergessen. Aber solange er sang, schwamm er wie in Korken über dem Vergessen. Es gab nur diesen Augenblick, kein vorher, kein später. Nur diesen Augenblick in dem sich ein Ton nach dem anderen zu einer Melodie formte. Er sah die Nonne bei jedem Laut aufs Neue, entdeckte sie mit dem Klang seiner Stimme und hörte selig, wie sich ihr Gesang mit seinem mengte. Seine beiden Hände hielten die ganze Zeit ihre kräftige warme Hand umfangen.
    Plötzlich bemerkte Johannes eine Veränderung in ihrer Stimme, sie vermische sich nicht mehr so lebendig mit der seinen, sie zog sich langsam vor ihm zurück. Je leiser sie wurde, umso fester hielt er sie umklammert, bis ein völlig unmelodischer Satz seine Augen wieder zur Decke starren ließ,
    „Bitte lassen sie jetzt meine Hand los, ich kann nicht den ganzen Tag an ihrem Bett sitzen....“
    Einen Augenblick meinte er riesige Raben zu sehen, die sich von einer Festung zu Tal stürzten.

  2. #2
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Eiland oder das Wesentliche

    Ja, hier fehlt eine Textarbeit. Wird nachgeholt werden müssen.

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