Tannenweg 33


Ich stand vor dem Tor. Es war eingefallen, Farbe blätterte ab. Blau wohl. Die Klinke ließ sich herunterdrücken. Das war gar nicht so leicht mit einer Hand. Die andere hielt den Roller fest. Für einen Sechsjährigen war das Tor sicherlich nicht gedacht. Und auch, wenn Vater mich oft genug Stahlarm nannte, dieses Scheißtor ging einfach nie richtig auf. Ich bekam es nur dann richtig auf, wenn der Boden zuvor von einem Regenguß aufgeweicht worden war; dann stand man zwar in einer Pfütze, aber die Aufstoßbewegung ließ sich durchführen, die aufstoßende Hand umfaßte den Messingknopf und ein Fußstoß expedierte das Holztor durch das Naß. Schnell hindurch, bevor das Tor zurückschlagen würde und es einem im Kreuz landete. Ein widerwilliges Tor.
Später lachte ich, als ein Freund mir von den englischen Türen erzählte, die sich beim Durchgehen bedankten; schließlich hatte man ihnen einen Gefallen getan, sie ernstgenommen in ihrer Unwegbarkeit. - Ich vergesse mich. Augenblicks, am Anfang meiner Erzählung, bin ich sechs Jahre alt und kenne England nicht, kenne diesen Menschen nicht, der mir von den zufriedengestellten Türen erzählen wird, kenne noch gar nichts. Oder doch?
Ich schob meinen Roller einen schmalen Gang zwischen einer Hecke rechts und dem Hause des bei meiner Verwandtschaft ungeliebten Nachbarn links hindurch. Der glotzte auch heute wieder mit seiner Boxervisage, wie Oma Suse sie nannte, aus seinem Fenster, nichts sagend und nichtssagend, ein Rülps eben.
„Guten Tag, Herr Müller!“ rief ich unschuldig zu dem fetten Mann auf dem Fenstersims.
„Na, kleener Scheeks. Biste durch de janze Stadt jefahrn?“ übte sich der Mann in Freundlichkeit.
„Ich kenn doch den Weg!“ rief ich stolz.
„Daß deen Elter dich alleen rumfahrn läßt, is ‘n Ding für sich. Müssen wohl so acht Kilometer sein bis hier raus.“
„Ich fahr über die Insel. Das ist kürzer als mit der Bahn“, sagte ich naseweis.
„Verantwortungslos. So ‘n süßen Fratz mitten mang de Stadt...“ Der Rest verlor sich, als er sich vom Fenster wegdrehte.
‚Dieser Kommunist!‘ dachte ich. Zwar wußte ich nicht um die Bedeutung dieses Wortes, doch Vater nannte den Mann manchmal so, wenn er wütend war.
Ich schob meinen Roller zum zweiten Tor, immer an diesem Zaun entlang, der übermannshoch eigentlich eine Hecke geworden war. Ich wußte aber aus eigener schmerzhafter Erfahrung, daß sich hinter dem Grün der Ranken eine hölzerne Innerei befand, ein Zaun oder so etwas. Also, ich konnte da nicht durch, mußte bis nach hinten den Roller durch Matsch schieben, um zu einer zweiten Tür zu gelangen, einer sehr alten Tür, die sich nicht stoßen ließ. Sie stellte sich dann quer und war schwer wieder in ihre Verankerung zu bringen. Ich mußte den Roller zur Seite stellen und sie aufschieben. Dann war ich endlich da. Vor mir tat sich mein Ziel auf, unser Garten. Vater und Großmutter standen auf der Wiese. Vater nahm mich grußlos auf seine Arme und küßte meine Nase. Dann setzte er mich ab und unterhielt er sich wieder mit Großmutter. Sie redeten französisch miteinander, glaube ich. Mutter sagte mir Jahre später, daß mache man in Vaters Familie so, wenn die Kinder nicht verstehen sollten, was besprochen werden sollte.
Irgendwann war ich dann dran. Oma Suse kam und sagte etwas Belehrendes. Das war ihre Art. Ich mochte sie trotzdem. Sie hatte diese Strenge, wie sie ältere Damen mit einer bewegten Vergangenheit zumeist haben. Ihr Lächeln war freundlich, schlimme Worte würden niemals aus ihrem Munde kommen. Soviel war gewiß. Und manchmal sagte sie so komische Sachen wie „Meenepopel!“, „Kanaille!“ oder „Flitzpiepe!“. Wenn sie so etwas sagte, dann straffte sich ihr gedrungener Körper, über das faltige und weiche Gesicht huschte ein verschmitztes Lächeln, aber das war das Ärgste, was ich jemals an Gemütsäußerung bei ihr wahrgenommen hatte. Ich glaube auch, Flitzpiepe war die ärgste Beschimpfung, die ich jemals von ihr gehört hatte. Sie galt einem Kommunisten, wem sonst. Trotzdem fürchtete ich mich ein wenig vor ihr. Vater hörte auf diese Frau, die zwar seine Mutter, nichtsdestotrotz jedoch nur eine Frau, währenddessen Vater ein großer und starker Mann war; also: Vater hörte sonst auf keinen Menschen, im Gegenteil, andere hörten auf ihn, jeder andere, den ich kannte, hörte auf ihn.
Ich stand auf dem Rasen und blickte auf die Birnbäume. Zwischen ihnen baumelte meine Hängematte. Es war August, warm, einzelne Birnen lagen drin. Ich hechtete mich ins Netz und rollte mit dem Hintern über die weichen Früchte. Meine Lederhose hielt das wohl ab. Außen. Sie hatte so manches auszuhalten. Aber wie ich so drinlag und hin und her schaukelte, merkte ich plötzlich, daß es in der Arschgegend feucht wurde. Halt, da war noch etwas anderes. Und da fiel mir wieder ein, wovor ich mich eigentlich die ganze Fahrt hier raus gefürchtet hatte: vor diesem Augenblick. Vater stand noch auf der Wiese und unterhielt sich. Sein Blick ruhte jenseits des Baumes auf einem Stückchen Rasen; er gestikulierte mit den Armen und versuchte Großmutter von irgend etwas zu überzeugen. Ich überlegte, ob ich im Rücken ins Haus gehen könnte, um das Malheur zu beseitigen.
„Popel!“ riß mich die Stimme Vaters aus allen möglichen Fluchtgedanken. „Wo willst du mit deinem eingezogenen Schwanz hin? Lauf gefälligst gerade! - Komm zurück!“
Ich mußte zurück.


Wie diese Sache beschreiben? Soll ich - der Autor - dem Erzähler etwas vorwegnehmen? Darf ich mich aus der heutigen Sicht in Geschehnisse verwickeln lassen, die erzählt, nicht jedoch präsumptiv bewertet werden dürfen?


Als ich vor Vater stehen blieb, rümpfte der sofort die Nase.
„Du stinkst, mein Sohn!“ sagte er nicht eben freundlich. Seine Worte waren wie üblich ziemlich scharf geschnitten. „Bist du es oder schleppst du es nur mit dir herum?“
„Ich war so aufgeregt. Hier, schau! Ich hab den zweiten Platz im Wettrennen gemacht. Nur Ines war schneller, und die hat betrogen. Ich hab‘s genau gesehen, wie sie abkürzte!“
„Zweiter! So so“, sagte Vater etwas freundlicher und befingerte die auf meiner Brust liegende Leichtmetallmedaille. „Wie viele sind denn mitgelaufen?“ Er hielt mit seiner beinahe wohlwollenden Geste inne und versteifte sich wieder. „Du hast nicht gewonnen! Erkläre dich, mein Sohn!“
„Wir hatten heute Sportfest. Alle mußten mitmachen. Am Ende stellten wir uns in eine Reihe...“
„Du meinst sicherlich an eine Linie!“
„...und sollten um den großen Platz rennen. Ines hat aber abgekürzt und darum gewonnen. Dann gab‘s eine Siegerehrung. Und wie ich da so auf dem zweiten Treppchen stehe, kann ich‘s nicht mehr halten. Ich konnte doch nicht weg. Frau Meister kam und hängte mir die Medaille um. Da konnte ich nicht mehr weg.“
„Warum hast du keine Sporthose an, sondern meine alte Lederhose?“
„Die ist doch jetzt meine, Papa“, erwiderte ich vorsichtig.
„Papperlapapp...“
Doch bevor er eine seiner längeren Erklärungen abgeben konnte, kam zu meinem Glück Oma Suse.
„Wilmuth!“ rief sie laut und zog dabei das L ziemlich in die Länge. „Dein Freund Christian steht vorn an der Tür. Geh doch mal hin!“
Mein Vater drehte sich ohne ein weiteres Wort zu verlieren um und stiefelte in seinen Gartenstiefeln durch das ganze Grundstück, um das Haus herum und verschwand irgendwo im Grünen Richtung Gartentür. Oma Suse trat an mich heran und legte ihre Hand auf meinen Kopf.
„Wir gehen jetzt Kuchen essen, Pöppi. Ich habe heute zur Feier des Tages Apfelstrudel gemacht. Die ersten Äpfel für deinen Lieblingskuchen. Bestimmt ist er ein bißchen zu sauer für dich, aber da gibt es ja noch die gute Sahne drüber.“ Und nachdem sie eine Prise von meinem Malheur wahrgenommen hatte, sagte sie noch: „Aber zuvor machen wir dich sauber.“
Irgendwie war ich froh. Wir gingen in das alte Haus und Oma Suse putzte mich, wie sie es schon hunderte Male getan hatte. Ich mußte mich danach in den großen Raum neben der Bibliothek auf meinen Platz am Tisch setzen und bekam Apfelkuchen und Kakao. Oma Suse saß erst neben mir, nippte am Kaffee und strich mit ihrer weichen Hand über meinen Kopf, dann stand sie auf und ging ins Nachbarzimmer. Nach einigen Schlucken und noch während des wohligen Wärmegefühls im Magen, außerdem den krustigen und herben Strudel im Munde, klopfte es und mein Patenonkel Christian stand in der Tür.
„Hallo, Pöppi“, begrüßte er mich freundlich. „Ich habe etwas für dich. Da!“
Er kramte in seiner Tasche und zog ein kleines Geschenk hervor. Es war quadratisch und flach. Ein Buch vielleicht? Aber er wußte doch, daß ich noch nicht richtig lesen konnte! Ich riß die Geschenkpapierhülle ab und hielt eine Schallplatte in der Hand. Vier Männer mit langen Haaren waren darauf.
„Was ist das?“ fragte ich.
„Das ist das Beste, was ich dir schenken kann, mein Sohn“, sagte mein Patenonkel. „Alles Gute für deinen neuen Lebensabschnitt.“
Ich verstand nicht, was er sagte. Aber ich verstand eigentlich nie, was er sagte. Er sprach auch immer sehr leise. Onkel Christian setzte sich auf einen Stuhl und blickte zu mir. Er sagte nichts, schaute mir nur zu und lächelte. Ich bedankte mich und widmete mich wieder meinem Kakaobecher, der noch halbvoll war. Mit beiden Händen griff ich nach dem blauen Becher mit den weißen Punkten und trank den letzten Rest aus.
„Die Menschen gehen verschiedene Wege. Lerne es, auf sie zu achten. Schau dir an, welche Figuren sie zeichnen, worauf sie achten, was sie herstellen und worauf sie stolz sind. Du findest manch Sonderliches, wenn du die Wolkenbildung im Himmel betrachtest, wenn du ein Kristall unter dem Mikroskop anschaust oder nur durchs Fernglas deines Vaters schaust. Schau aufs Eis im Winter, mach dir den Spaß und stell ein Glas mit Wasser gefällt im Winter auf das Fensterbrett, betrachte die Tiere durch die Jahreszeiten, die Lichter im Himmel sommers wie winters, schau auf den Blütenzauber am Fenster, hinter dem Fenster, hier und in der Stadt. Du wirst staunen, du wirst fragen und du sollst immer fragen. Wenn du keine Antworten bekommst, dann schreib deine Fragen auf. Und behalt sie im Gedächtnis. Ja, vor allem das, Junge, behalt dein Fragen im Gedächtnis.“
Ich stellte den Becher hin und fragte, ob ich aufstehen dürfe. Onkel Christian lachte und gestattete es mir. Ich wollte in meine Hängematte und mit den Augen in die Sonne blinzeln. Die Schallplatte ließ ich liegen.
Als ich in den Garten zurückkam, sah ich Vater. Er stand breitbeinig und gebückt und warf Pflanzenreste aus; es waren die Erdbeerbeete. Ich schwang mich in die Matte unter den Birnbäumen und schaukelte ein bißchen. Als ich genug hatte, spielte ich mein Lieblingsspiel: Farbenhaschen. Ich legte mich von Angesicht zu Angesicht zur Sonne, ließ den Kopf nach hinten auf mein Kissen fallen und schloß die Augen. Nach einigen Augenblicken öffnete ich sie leicht. Die Sonnenstrahlen verwirbelten den Staub der Gartenluft. Es roch leicht nach faulen Äpfeln und Pflaumen. Ich blinzelte, das war das Entscheidende. Das ganze Spektrum bildete sich vor meinem Auge. Der Staub verlor das Graue, wurde blau und gelb, rot und mit ein wenig Mühe auch grün. Wie ein Regenbogen, nur nicht in einem Stück, sondern so, wie ich es wollte!
„Popel! Komm mal her und hilf!“ rief mich Vater, ohne sich nach mir umzusehen.
Ich schwang mich aus meiner Matte - Widerspruch kam mir nicht einmal in den Sinn - und watschelte hin, stand kurze Zeit später etwa einen Meter hinter ihm und wartete auf weiteres. Vater maß mit einem Gliedermaßstab die Länge des Beets und schrieb sie sich mit einem abgelutschten Bleistift in sein karmesinfarbenes Notizbüchlein. Dazu summte er eine Melodie, eine traurige, wie es mir erschien.
„Greif dir die Harke und hark die Reste da zusammen. Das kommt in die Karre. Mach hin! Wir haben heute noch ‘was vor“, bellte er. Dann fiel seine Stimmung wieder in die Melodie und versank darin. „Dadidadadidada..“, sang er textlos. „Diese Arbeit muß man jetzt machen, mein Sohn. Der Boden wartet darauf. Man muß ihm genügen. Er ist nicht durstig. Wasser kommt später. Dazu kommen wir später. Jetzt müssen wir Nährstoffe in den Boden bringen. Nährstoffe. Das, was für dich Essen ist, ist für den Boden etwas anderes. Wir gehen gleich los und holen das Leckerste, was es für unsere Beete gibt: Scheiße.“ Und einige Zeit später sagte er noch: „Du bist Zweiter geworden. Dann hol dir mal zwei Eimer aus dem Schuppen. Und warte vorn an der Gartentür. Ich komme gleich.“
Wir liefen den kleinen Berg hinauf, den ich vor einigen Minuten auf meinem Roller noch zufrieden heruntergerollt war. Rechts und links hielt meine Faust jeweils einen Eimer, leicht und an den Henkellöchern klappernd. Auf dem Hügel, wo der Tannenweg von der Hauptstraße abbog, stand eine alte Scheune. Sie besaß zwei Scheunentore, ein kleineres an der Westseite und ein größeres an der Nordseite. Die Nordseite grenzte an die Hauptstraße. Wir gingen durch das größere Tor und standen in einem halbdunklen Raum. Von der Tenne rief eine Stimme, daß wir warten sollen, sie käme gleich. Die Stimme kam dann eine wacklige Leiter heruntergeklettert. Sie gehörte zu einer alten Frau, die ein Kopftuch trug und kaum einen Zahn im Mund hatte. Vater und die Alte wechselten ein paar Worte, dann wendete die Alte ihr Kopftuch in meine Richtung und beugte sich zu mir herab. Sie sagte etwas, was ich nicht verstand und tätschelte meinen Kopf. Ich mochte es nicht. Sie stank nach Schweiß und schmutziger Wäsche und nach etwas, was mir nicht bekannt war. Vater grinste.
„Geh mit!“ sagte er.
Die Frau führte mich in einen Verschlag. Das Pferd darin war braun und riesig. Stroh und Pferdemist.
„Sammle die Äppel ein, Junge!“ sagte die Alte und schob ein Kehrblech in einen Scheißhaufen, um den dann über dem ersten Eimer auszuschütten.
Ich hatte mein Tun.
Als meine beiden Eimer gefüllt waren, stellte Vater sie auf den mitgebrachten Handwagen, ich setzte mich daneben, und dann zog er mich zum Garten zurück. Er sang wieder dieses Lied - Dadidadadidada -, angekommen verteilten wir die Pferdeverdauungstraktendprodukte auf den Beeten. Am Abend machte er ein Feuerchen, wies mir einen Platz auf einem der Korbstühle neben sich zu und trank seinen geliebten französischen Tischwein. Auf dem Tisch standen zwei Gläser und vier Flaschen. Vater goß nach und trank langsam. Mir gab er einen kleinen Schluck.
„Versuch es, Sohn!“ sagte er freundlich. „Oder..., nein! Deine Mutter reißt mir den Arsch auf. Das wollen wir dann doch nicht.“ Er nahm eine Flasche vom Tisch und warf sie in die Hecken am Zaun. „Da freu ich mich nächstes Frühjahr, wenn ich jäte“, sagte er grinsend.


Jahre später.
Ich hatte inzwischen erfahren, daß meine Eltern geschieden waren. Als Kind bekommt man so etwas nicht unbedingt aufs Brot geschmiert. Statt dessen erzählen sie einem Märchen: daß die Erde rund sei, daß es weit bie Amerika sei, daß Mädchen anders seien, kleine Brüder beschützt werden müßten, daß es einen Himmel gebe und man sich auf Erden bemühen solle, immer sein Bestes zu geben, damit der Himmel erreichbar bleibe. All so ein Zeug eben.
Nein, geneigter Leser, dies wird kein Entwicklungsroman. Weiß Gott nicht. Eigentlich will der Niederlegende nur eine Geschichte erzählen, eine Geschichte vom Brunnenbauen.
Ich muß 15 gewesen sein, als mich mein Vater eines Tages in seinen Käfer packte und mit mir in den Garten fuhr.
„Mein Sohn! Wir haben nur drei Dinge wirklich zu erledigen. Der Rest ist Schafscheiß, sagte er alkoholvernebelt.
Ich fragte nicht.
„Wir müssen einen Sohn zeugen, einen Brunnen bauen und den Keller leertrinken. Dann können wir getrost warten.“
Ich fragte immer noch nicht.
„Was treibst du?“
„Ich versuche noch nichts. Ich spiele. - Wo warst du?“
Er lehnte sich in seinem Korbsessel zurück und musterte mich. Seine braunen Augen blieben eine ganze Weile in mir. Irgend etwas müssen sie gefunden haben. Ich fühlte mich ausgetrocknet. In meinem Mund sammelte sich Speichel. Die Beine wurden schwer.
„Hast du eine Freundin?“
Jetzt wurde ich rot, aber die Beine leichter.
„Keine Freundin. Gut so! - Komm mit!“
Wir gingen an das alte Gartentor. Er stellte sich mitten in die Hecke neben dem Tor und zeigte auf eine Stelle zwischen den Birnbäumen, wozwischen früher meine Hängematte baumelte.
„Hier werden wir graben!“
„Wie tief?“
„Wir fangen erst mal an.“
Natürlich mußte ich graben. Er lächelte und stocherte mit einem Stück Holz zwischen seinen Zähnen. Nach einer halben Stunde fragte ich zum ersten Mal, was anfangen bedeutete.
„Alles. Ich will es dir so sagen: Wenn du nicht anfängst, kannst du auch nicht aufhören. Ich habe nie angefangen, also will ich auch nicht so tun, als ob ich es könnte. Du aber vielleicht. Du kommst eher nach deiner Mutter, also grabe!“


a) Nachbar
b) innere Stimme
c) Oma Suse
d) eine Kiste
e) ein Schädel
f) ich maule
g) Geschichte des Brunnenbaus
h) über das Geschichtenschreiben
i) Wasser
j) Traumgespinste


a) Ich war so weit. Die Grube war einige Zentimeter tief. Eine Stimme über mir plapperte etwas Unverständliches. Vater sagte, ich solle weitergraben.
„Warum quälen Sie Ihren Jungen?“
„Steck deine Fresse hinter die Gardine und halt’s Maul!“
„Ich zeige Sie an! Seit Jahren quälen Sie Ihr Kind. - Wie kann man nur?“
„Ich wüßte nicht, was Sie das angeht.“
„Ich meine es nur gut. Vielleicht habe ich falsche Vorstellungen von Erziehung, Nachbar, vielleicht. Aber ich habe lange genug als Erzieher gearbeitet, um zu wissen, daß Sie hier Strafarbeit verteilen. - Hat der Junge ‘was ausgefressen?“
„Oh! Sie werden doch nicht noch auf Ihre alten Tage konstruktiv werden?“
„Ich sag Ihnen, warum mich das interessiert. Der Junge wird bald mein Nachbar werden. Ihre Mutter sagte mir, daß Sie abhaun. Also, ich will hier nicht noch Jahre Tür an Tür mit einem Spinner leben. Sie werden also verzeihen, daß ich frage.“
„ Gespräch über Erziehung


b) Während ich grub, fragte ich mich, was Vater mit dieser Aktion bezweckte. Hier war in zehn Metern Tiefe kein Wasser zu finden. Was also wollte er? Einen Brunnen? Mein Gott! Wozu? Das Grundstück war erschlossen, ein paar Meter entfernt tropfte ein Wasserhahn. Wasser die Menge!
Ich hatte von diesen Erziehungsversuchen die Nase voll. So ein Quatsch! Die Hände taten mir weh, das Kreuz. Und Mutter würde mich zurecht fragen, wo ich den Nachmittag gewesen sei. Müßte ich nicht zum Klavierunterricht? Darauf legte doch auch er wert! Warum also? Ich haßte es, mir Gedanken über Pflichten zu machen. Nein, da war dieser kleine Zweifel. Etwas hielt mich. Ich hatte es noch nie bereut, auf Vater zu hören. Doch er war immer so weit weg, verschwand für Jahre, um, wie es sich dann herausstellte, in Norwegen zu lachsen. Dann kam er zurück, und ich mußte arbeiten! Na ja, anderderseits, ich war nun mal sein Sohn. Vielleicht würde er mir auch etwas beibringen damit. Wie könnte ich das beurteilen?
Und wieder so ein Spatenstich. Schwere Erde. War sie nicht schon etwas nasser? Aber jetzt doch noch nicht. ich war höchstens einen Meter tief ins Erdreich vorgedrungen. Gedrungen? Jetzt dachte ich schon wie er.
„Vater, wie tief kann man eigentlich eindringen?“


- metaphysische Verdichtung


c) Ich hatte nicht bemerkt, daß Oma Suse kam. Sie hatte sich neben ihren Sohn gestellt und wohl schon eine ganze Weile meinem Graben zugesehen.
ca) Unordnung wegräumen
cb) Großvaters Traum
cc) Kompensation
cd) Unglück ungeratenen Wollens


ca) „Wenn ihr hier fertig seid, bringt die Erde zum Komposthaufen. Aber nicht alles. Ich hab‘s nicht so gern, wenn Angefangenes liegen bleibt.“
„Du fragst gar nicht, warum ich ihn arbeiten lasse?“
„Du wirst schon wissen, warum du es tust, mein Sohn! Außerdem habe ich es aufgegeben, dich zu erziehen. - Pöppi, wenn du hier fertig werden solltest, ich hab‘ einen Pflaumenkuchen für dich.“