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Thema: Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen ißt

  1. #1
    Maike
    Status: ungeklärt

    Post Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen isst

    Was man aus dem brunnen isst

    Auf ging die tür ganz leise. Sie stand schon die ganze zeit dort und hat sich dennoch darüber erschrocken. Das sehen schlich sich förmlich in ihre augen. Diese beunruhigung...

    Jedesmal ab hier geht alles schnell. Immer ist ganz plötzlich sein gesicht da obwohl sich doch irgendwie sein ganzer körper durch den türschlund schieben müsste der sich eigentlich so langsam auftut. Dann steht alles von ihm da doch sie kann einzig sein gesicht mit den augen darin angucken. Manchmal hadert sie für sekundenbruchteile mit sich.. darüber - ob sie ihn wirklich erkennt nämlich. Sie weiss gar nicht wie er sich anfühlt oder gar wie diese haut an ihm riecht. Nur immer dieser anblick. Nichts sonst. Würde sie sich jetzt umdrehen könnte sie sich nicht mehr an ihn erinnern.

    Dann wird sein gesicht auseinanderwehen als hätte es die ganze zeit bloss aus glühwürmchen bestanden die zusammengeflogen kamen um an einem ort gemeinsam zu rasten und seine offenen augen sind ihre luftlöcher. Sie sind beinahe durchsichtig und ohne licht im hinteren teil ihrer leiber.

    Er ist dasselbe unbeständige bild in ihrem kopf wie die erinnerung an ihr eigenes gesicht..darüber muss sie sich immer aufs neue durch spiegelblicke gewissheit verschaffen da sie ihren anblick sonst so eiligst vergisst. Mit geschlossenen lidern verflüchtigt sich auch seine gestalt kaum merklich in dunkelnder verschwiegenheit..bis sich nur noch fragmente in ihre suchenden augen heraufwirbeln lassen. Alles was sie einst an ihm anschaute scheint dann wie schwebteilchen zum grund zu sinken..um als verlorene erinnerung niemals in vergessenheit zu geraten.

    Denkt sie an all die insekten während des vor ihm stehens muss sie fast kichern.. aber vorher wacht sie immer auf.. und der moment schiesst in ihren kopf zurück - das hierstehen angucken verwirrtsein und lachenwollen und dann doch nur noch die unsicherschwer haltenden füsse. Doch zum glück. Zwar gelangt sie so zurück ins oje! doch auch zurück ins richtig/real. Dies beschwerliche gefühl dazu ist ihr vertraut. Es sinkt wie märchenwackersteine in ihrem körper hinab.. zu jenem boden auf dem ihre fuesse ihr beinah ohnmächtig die kontrolle versagen. Aussen ist aber alles ruhig. Bestimmt ist sie ein netter anblick.

    Er guckt jetzt irgendwie schon die ganze zeit gleich. Vielleicht weil diese zwei stunden voreinanderstehen in 1,5 minuten passten oder weil er grad ein mimisches brachland ist. Die gedanken daran locken sie in eine ecke mit zimmerpflanzengrün und sie bemerkt all ihre neugier. Doch nein!.. heut fragt sie sich nicht weiter denkend danach. Hereingehen sieht von aussen ganz schnell aus. Doch alles von ihr hat sich immer noch vor der tür zurückgelassen. Warte. Jetzt kommt es nachgetraut.
    Er ist so vorsichtig und man kann die tür kaum einrasten hören. Seine arme sind das schönste an ihm. Ausser wenn er sein shirt auszieht. Da sind dann so knochen die manchmal unter ihren fingern seufzen und dann fühlt sie sich wie das meer wenn es alle ecken sanft rundet und diese gegossenen formen ans ufer spült. Bis sie sich ihr erneut entgegenwiegen.
    Aber es zählt gar nicht wenn man nur handflächen träumt die auf jeden teil seiner körperhaut passen würden als könnte man sie im moment des berührens ineinanderschmelzen hören.. ineinandergegossene haut.. bist die hand zurückweicht um bei sich selbst zu verweilen. Sie denkt ihre bedürftigkeit und verzweifelt einen augenblick lang.

    Bislang war sie die erfinderin des androgynen gefühls. Doch heute nie mehr..

    Vor seinem blick schwimmt etwas durchsichtig flüssig. Sie ist davon allerding kaum irritiert. Nur wenn dieser winzige fisch darin angezwitschert kommt ist sie all ihres versuchten gefasstseins beraubt. Der hauch von grün säuselt geschmeidig entlang ihres blickfeldes und schaut kokett in ihre richtung. Ein wenig rot wird sie schon angesichts soviel jugendlichkeit. Seine augen empören sich dann verhalten über diese showstehlerei und natürlichste angabe. Ihre gesichtsmuskeln irren derweil völlig aufgebracht in alle erdenklichen richtungen im versuch eine gekonnte mine zurechtzubasteln. Der daraus entstehende zitternde mund zuckt meist ein kurzes grinsen ..dies ist ihr schrecklich unangenehm und sie spürt die erhitzung in ihre wangen schleichen. Sie ist ganz wütend darüber dass sie sowas immer noch nicht kann.. Bis sich das gedachte „verdammt!“ als chemische essenz in ihren gesamten kopf ergiesst.

    Nach dem hineinschlüpfen in seinen flur verlor sie seinen anblick. Die verflüssigenden bilder eroberten auch ihr gesicht und verwischten alle klaren formen. Sein kopf blieb beständig wie von wind erfasst..und schauten seine augen zu ihr so war ihr dies einzig erfahrbar indem sie suchend daneben blickte. Jedes fokussieren als entsetzlich verzweifeltes sehenwollen scheiterte wie lautes knieblutigaufschlagen. Es gibt kein sehen. Ihre augen schlossen sich erlöst.

    Seine wangen fliessen meist später in das gesicht hinein..wenn sich alles andere bereits erneut bewegen möchte. Sie zotteln so hinterher und lassen den kopf ganz ver-rückt aussehen. Vielleicht sind sie noch klein und können gar nicht so schnell. Ihr ausseratem reisst sie auf und lässt müde trauer bluten.

    Sie schaute sich zaghaft um und beschloss sich damit zufriedenzugeben dass ihr alles so erschien als würde man den kopf unter wasser halten. Sein gesicht wehte konturlos an ihr vorbei jedoch die körper blieben für sie erfassbar..einzig ihre beiden häupter schienen umflossen. Seine schönsten hände stopften sich gerade dringend in die hosentaschen und ihr blick huschte am fussboden entlang. Die bewegung in seinen schuhen lud sie kurz ein..er rollt seine zehen manchmal so auf als wäre er vier und versuchte beim aufstehenmüssen sich am bettlaken mit ihnen festzukrallen.

    Jetzt waren sie richtig zusammen.. in seiner wohnung. Ihr innen hörte auf sich schlagend zu fürchten. Er öffnet jetzt seinen mund und sicherlich kommen worte aus ihm heraus. Sie lässt sich darauf ein und nickt und guckt zurück und manchmal spricht sie auch. Doch ihr schauen bleibt in scheinbarer benommenheit viel schärfer als alles passierende gedämpfte geplauder. Als würde dieses sprechen in einem einzigen zimmer stattfinden..doch sie durchstreift eigentlich grad alle gemächer. Als blickte sie herauf aus einem dunklen Ort zum oben wo sie gar nicht ist.

    Sie stehen zusammen im zimmer. Dann fängt sie an und benutzt seinen raum. Das elternsofa, dieses fenster mit dem blick auf bestimmt beinah alle stadtdächer, die schaumstoffbälle zum jonglieren, den fussboden, die schwarzen musikgeräte..sie lässt all dies funktionieren und es scheint als wäre es tatsächlich von bedeutung.

    Das reden muss sein. Immer diese anstrengung. Sie träumt es still. Sehnsucht nach küssen und seinem mund bleibt.

    Mit offenen augen sieht sie sich aus dem fenster blicken..mit ihm fast dicht hinter ihr stehend. Er spricht von ihrem rücken..beiläufig..weil er so schön braun ist und es macht ihr gar nichts. Sie lächelt......es klang so schön.

    Die augenblickliche begegnung mit seiner gesundheit - dieses fragen nach ganz winzigen dingen..so souverän dass es unsicher macht..(und sie hat es schon ganz verlernt..über solche nichtigkeiten hinweg erst den versuch zum zueinander anzutreten) - schleudert ihr versuchen zerstörerisch an die zimmerwände. Ihre arme schwingen ein mattes taumeln und bestimmt ist es zeit diese seinewohnung zu verlassen..doch er ist so ein schöner anblick. Sie geniesst verschwenderisch dieses überteuerte einkaufen.

    Sie stolpert benommen zu jenem sessel und verlangt nach ihrem können....nicht-hinfallenmüssen oder verrutschen weil sich alle feinmotorik furchtvoll in das hintere dunkel des zimmers zurückgekrochen hat. Mit soviel altsein sollte das doch gehen...und sie hat sich auch schon zugesehen bei geschmeidigen mitmenschenbegegnungen............................ ......ach.

    Manchmal ging sie allein in sein badezimmer..der brunnen stand dort in schummrig rotstichigem licht und roch feucht nach kühldunklen steinen...durchquert von winzigen moosfüsschen. Wenn sie in ihm hinabblickte sah sie das erdinnen. Eigentlich hätte ja irgendwo das zimmer mit den gänsegardinen vom untenmieter anfangen müssen. Aber das wundern darüber hörte nach dem sechsten mal hinabklettern auf. Manchmal flackerte der verstand eine empörte wallung mitsamt dieses gedankens - stirnfaltenfurchend über soviel ignoranz. Doch verstande sind auch nur menschen und erkennen ihren überfluss.

    Wenn das telephon klingelte beeilte er sich immer. Dann konnte sie vorsichtig den kopf in den nacken sinken lassen..und stand sie an der wand so hielten ihre hände breitgefächert diese hinter ihrem rücken. Dann versank ihr körper in dem milchigen weiss der tapete so dass einzig das dunkle braun ihrer wimpern einen lidschlag schimmerte. Verstohlen glitt ihr schauen zu seinen haaren hinauf wovor es furchtbar verloren verharrte.

    Sie atmet mit dem raum..das ist anstrengend weil es ein anderer rhythmus ist - natürlich - und ihr körper sich dagegen sträubt ihn anzunehmen. Dann zergliedert sich ihr leib und sie gelangt aufgefädelt zerbrochen hinter das band aus geflossenem anblick. Doch hier ist es nacht und die liebe so überwältigend dass kein sehnen nach zu sehendem sie aufrührt. Die dunkelheit lässt sie endlich still sein und das beständige versuchen sich an ihn heranzureden endet. Sie schmeckt den duft seiner haut - ganz wahrhaftig..ohne platz dazwischen für schürfende zweifel..“Lass mich hierbleiben für immer in diesen zwei minuten.. „

    Sie fliesst sich lautlos an seinem rücken entlang..verweilt..solange es schweigend sein darf. Ihr kopf schmilzt in einem letzten blicken..vorbei an allen formen..während seine wärme achtsam in ihren körper diffundiert.

    Unten ist es endlich die wahrheit. Das beieinandersein tropft ihre existenz in eine gussform und sie weiss dass er jetzt ein zusehendes gesicht vor ihre augen trägt. Doch ihr körper lässt sich erfassen von jener woge aus flüssigem durchsichtig ..dass alles schwere pulverisiert zu farbe die ihr herz rötet.
    In diesem sichtlosen versteck ergibt sich sein verstand und strömt ihr auf die lippen. Dies schmeckt nach allem an dem sie satt werden kann.

    Sie weiss sich an ihn heran und zerstösst alle furcht.. bis ihr gefühl vernichtet zu boden schmettert ..sie erträgt das betrachten des geschundenen.. entblösst alles wundsein als beginn der verwandlung.

    Ihr körper ist jetzt wesen dass sich abzieht..von ihr.. um von wurzeln erklommen zu werden..ein gar nicht länger umhülltes gefühl..erfahren von gleissendem durchdrungensein. Wahrhaft organisches zerstösst den letzten hauch gedachter wände deren geatmetes nichts ergebende fülle umströmt.

    Als sie zurückkletterten und ihre hände oben das kühle kachelblau unter sich begruben versanken die wände seines badezimmers und auch die decke, der fussboden.. alles begann wegzuschmelzen bis der raum nur noch aus weite bestand. Auch er hat es gesehen und kam um sie zu küssen. Ich lasse sie ineinander wehen und sie verwinden ihren verlust.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Brunnengeschichte: Re

    Vergeblich kämpfte Re gegen das Meer. Zwei Stunden waren vergangen, seit er übermütig, erregt in die Glück verheißenden Wellen der See an der Kurischen Nehrung gesprungen war.
    Zwei endlos lange Stunden...Kampf...


    Brütend lag der Himmel über den trüben Kiefernwäldern. Nach all der Enttäuschung war ein Bad in der See die richtige Entscheidung. Halb war der Tag verstrichen, ohne Wasser zu finden.
    Zwei, wieder vergebliche, Bohrungen waren durch den Brunnenbauer mit seiner Mannschaft in den baltischen Sand getrieben worden. Hier ist nichts, hier kommt nichts? die Arbeiter hatten enttäuscht die Mittagsfähre nach Memel genommen.
    Brunnen auf der Kurischen Nehrung, Brunnen für Touristen, Kloaken, Freßgeschirre?
    Offensichtlich wehrten sich moosbewachsenen Mulden, verkrüppelten Kiefern, herrlichen Pilze...der allmächtige Erdenseele erfolgreich gegen ihre verpestende Erschließung.
    Nach Erklimmen der hohen verwitterten Dünentreppe, packte Re an diesem herrlichen menschenleeren weiten Strand das unbändige Verlangen, nackt die Elemente zu fordern.
    Augenscheinlich hatte er vorläufig verloren....


    Hier im Baltikum ist die Ostsee mit ihren versteckten Strömungen besonders tückisch.
    Starke Nordostwinde hatten das Meer hervorragend für den Menschenfang präpariert.
    Hungrig starben die Brecher an der ersten Sandbank weiter draußen.
    Dort mögen sie mehr als zwei Meter hoch sein. Vom Ufer wirkten sie verführerisch
    filigran, fast schutzbedürftig. Knie- bis hüfthoch zerbrachen Wellen am Ufer.
    Re konnte nicht widerstehen, sprang hinein, gab sich hin, ließ alles treiben.
    Mit geschlossenen Augen trieb er rittlings auf den Wellen, ließ es geschehen.
    Reß beuge dich nicht, kämpfe! Reß laß dich treiben! Re, glaub den beiden nicht! Behalt die Kontrolle! Re?




    2


    Er hat die Augen geschlossen, sage ich. Er hat den Kontakt verloren. Es liegt jetzt bei uns.


    Rees, laß ihm etwas Zeit, baten Reßis und Reis! Wir müssen ihn stabilisieren, sonst bricht die Vielfaltigkeit weiter nach unten. Rees, gib ihm Zeit, wir müssen verhandeln.
    Wir dürfen nicht scheitern, ihr wißt, wie aggressiv, unberechenbar und destruktiv alle weiter unter uns sind. Er muß leben.
    Gut! Adrenalin vermindert, Endorphin leicht erhöht. Atmung stabil, Herz stabil. Er ruht?, ist halb bei Bewußtsein. Entlassen wir ihn in den Sekundentraum. Und reden wir.


    Gemessen an Kraft, Aufwand und Phantasie haben wir in den letzten 15 Jahren wenig erreicht. Es ist gelungen, die Sozialisierung normal zu entwickeln. Trotzdem ist Re fast mißlungen. Ursache kann nur das unsinnige Demokratieverständnis der Einzelsegmente unserer Person sein. Wir, und ich betone wir, haben wesentlich versagt.
    Jede Triebkomponente wollte sich entwickeln, jede Unterperson die Ausschließlichkeit
    ihrer Präsenz durchsetzen. Wenn wir ihn hier rausholen, dann nur gemeinsam."
    "Wir danken dir, Reßis! Doch wie sollen wir weiter vorgehen?" fragte Reis.
    "Ich habe meinen Teil vorerst getan", wehrte Rees ab.
    "So haben wir uns das nicht gedacht, du Hormonschalter. Wie oft hast du uns mit falschen
    Dosierungen die Laune verdorben", ärgerte sich Reis.
    "Bei den chaotische Zuständen, die ihr uns monatelang angetan habt, müssen die besten Drüsen durchdrehen", entgegnete Rees.
    "Wir sind ich, wir sind die Summe. Werden die Differenzen zu stark, geben wir alles in die Ausschüsse, and die anderen neun, sollten diese scheitern, dann die siebenundzwanzig."
    Reßis war verärgert, wütend und hilflos. Er Mittler zwischen innen und außen, oben und unten, links und rechts, spürte die Macht schwinden, die Sehnsucht aller Summen ihrer selbst sich endlich zu ergießen, machte ihm Angst.
    Seine Demokratie mit Makeln (er haßte sich ob der nicht zu vermeidenden Tyrannei) war am Ende. Sollte Rees den Körper nicht zu stabilisieren vermögen, bräche die wahre Demokratie, das Chaos der Personen, hervor. Reßis spürte die unbändige Gewalt der unteren Ichs, sie drangen zur Macht, sie waren fast am Ziel. Der Tunnel der Film am Ende, ist der Ball aller Summen, Ausfluß aller Erinnerungen oder doch nur Betrug.
    In Reßis schwoll Unbehagen. Der Kampf würde beginnen.


    Re trieb seit Minuten ohne eigene Kraft in den Wogen. Instinktiv waren seine Bewegungen erlahmt. Er spürte, daß es ihm gut tat, alles zu lassen, entdeckte Geheimnis um Geheimnis des Überlebens. Durch die Brecher treibend, waren die Verkrampfungen verschwunden.
    Gleißendes brennendes Licht am Ende des todschwarzen Tunnels. Bilderfluten, Lautgebirge, Wortpyramiden und Geschichtenfluten stürzten auf ihn ein. Die Reise begann?


    Reßis Befürchtungen wurden real, das Dreierparlament mußte dem Drängen der weiteren neun nachgeben.
    Endlich sind wir frei. Erinnerungen, Personen, Geschichten., verdrängte Phantasien und Wahrheiten. Re, wir sind präsent. Du bist an der Macht, Kaleidoskop deiner Person.


    Re, warum verleugnetest du uns? Wir sind du. In deiner zivilisierten Umgebung willst du sein.
    Der Chor deiner Person verachtet dich. Selbst im Beisein eines Therapeuten konnten wir nicht an die Oberfläche, weil du Psychiater haßt, du Normschwein, du Wellenreiter, westlicher Ignorantensack haha.
    Negierst du uns, so löscht Vergangenheit, die hunderte Generationen beinhaltet.
    Das Produkt von Jahrtausenden bist du. Ihr glaubt nicht an die Unsterblichkeit. Doch seid ihr unsterblich in euren Genen. Information an Information reiht die Evolution in deinem Erbe, Re.
    Du bist alles, direkter Nachkomme eines Urvaters, direkt verwandt mit der ersten logischen, wenn auch zufälligen Aneinanderreihung unbedeutender Nukleinsäuren.
    Nicht Gott, nur Chemie.
    Alle Versuche, alle Irrtümer eurer Geschlechter abgebildet in deinen Milliarden Nervenzellen.
    Sei nicht verängstigt, Re! Wir kommen nach Hause, wir kommen an die Oberfläche.
    Erweitere deinen Geist, erweitere deine Sinne, wir sind daß
    "Reegus, endlich können wir streiten", freute sich unübersehbar Reissch.
    "Die Wette gilt, Reissch! Wo waren wir?"
    "Ganz am Anfang, mein Freund.
    Du der Boden, ich die Kraft.
    Du das Reich, ich die Macht
    Du Vergebung, ich die Wut.
    Du das Leben ich der Tod."
    "Ich mag deine hilflosen Gesänge", relativierte Reegus.
    Reißs gab nach. Um die Zersplitterung der Person Res auf Dauer zu verhindern, ließ er sie jetzt befristet zu. Vielleicht entwickelte Re so die Kraft zum überleben.
    "Sei es drum, setzen wir fort! Eröffnen wir den Rat der Dreißig, der Siebenundzwanzig!"


    Nachdem sich die Abhaltung einer außerordentlichen Veranstaltung als dringend notwendig erwies, bitten wir um Einhaltung der Hausordnung und Redezeiten. Anwesend sind drei Fraktionen: Gaisst, Säele, Triiep.
    Rees, Reis und Reßis die drei Vorsitzenden nehmen nicht an der Sitzung teil.
    Anwesende dementsprechend, siebenundzwanzig.
    Tagesordnung:
    1.Bestandsaufnahme
    2.Lösungssuche
    3.Diskussion
    4. Abstimmung über die Vorgehensweise.
    Zielstellung:
    Rückübertragung an die drei und Wiedervereinigung in Reß
    Wiedererwachen Res?
    Eigenrettung Res.
    Meine Damen und Herren, die Sitzung ist eröffnet. Es liegt mir eine Anzahl von Wortmeldungen vor, diesen wird entsprechend ihrer Dringlichkeit stattgegeben. Die Reihenfolge bestimmt sich. Zum Tagesordnungspunkt eins! Frau Reisso, Fraktion Gaisst, Thema Bestandsaufnahme:
    Ungestüm schreitet die Reisso, eine stämmige Mittfünfzigerin, zum Rednerpult.
    Ihre gefühllose Gestalt ließ das lebenslange Fehlen jedweder erotischer Bestandteile erkennen.
    Hier ging es nicht um Spaß, Erleben, Vermehren und Verbrauch. Sie war reine Pflichterfüllung, Arbeit und intellektuelle Hingabe. Das kalte Grinsen des Geistes, unbedingt funktional, lebenserhaltend, doch damit, solitär gesehen, nicht fruchtbar.
    "Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen sie mich mit der Legende der bisherigen Ereignisse beginnen. Seit unserer ersten Verhandlung, kurz nach der Geburt Res, sind vierzig Zyklen vergangen. Mit der geistigen Entwicklung hatten wir wenige Probleme. Jedoch gab es immer wieder Reibungspunkte mit den anderen Fraktionen. Einige Kollegen aus dem Bereich Triiep
    muteten uns über 2000 heterosexuelle (wir meinen, normale) Kontakte mit vollendeter körperlicher Vereinigung zu. Völlig verständlich ließ das die Kollegen der Abteilung Säele nicht unbeeinflußt.
    Beide Fraktionen störte so in Personalunion unsere algorithmische geistige Aufrüstung der Person.
    Ab dem 14ten Zyklus waren diese Störmannöver der logischen Konstruktion sehr hinderlich.
    Bis dahin konnten wir erfolgreich alle aus der Umgebung importierten Verhaltensweisen Platz sparend implementieren. Nach Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen betrieben wir die Ausbildung zum Mathematiker, Philosophen und Mediziner. Mit diesen Fähigkeiten waren wir in der Lage, bis in die Führungsschicht des Reiches aufzusteigen. Unbeeinflußt von Säele und Triiep nahmen wir Teil an allen wichtigen Aktionen.
    Skrupel, Ekel, eben Gefühle sind keine unserer Kategorien."
    Das Reich wurde groß, mächtig und stabil. Es wuchs und wuchs unterjochte den gesamten Planeten. Aber es war auch sehr schlau. Waren seine Haupttriebfedern Geldakkumulation und deren Derivate, so benötigte es ständiges Wachstum. Eroberungswachstum ist sehr kurzlebig, aber extrem Wert schöpfend. Zweihundert Zyklen nach seiner Gründung war es auf dem Höhepunkt seiner Macht.
    Lediglich einen internen Krieg, achtzig Zyklen nach seiner Errichtung, hatte es geführt.
    Alle anderen Eroberungen waren raumgreifend und kräftigten den Geldwuchs. Alle anderen Reiche wurden durch Geldgaben zunehmend abhängig vom Reich. Nach der Finanzierung und Führung zweier planetenweiter Kriege beherrschte das Reich den Planeten. Es entwickelte eine verheerende Waffe und provozierte damit Kontakt zu den äußeren Oberen. Diese lehnten eine über ihre Kontrolle hinausgehende Aufmerksamkeit ab.
    Das Reich mußte die Taktik ändern, die anderen Reiche hatten die verheerende Waffe nachentwickelt, und das Wachstum des Goldgeldes hatte die planetare Grenze erreicht, die Historiker nannten das Bretton Woods und Atombombe erreicht. Das Reich ersetzte Goldgeld durch Sphärengeld.
    Dieses umschwirrte mit wahnsinniger Geschwindigkeit die Märkte der Menschen in den abhängigen Reichsgebieten.
    Wichtigste im Reich waren die Händler des Geldes. Sie waren erst Aussätzige in den anderen und alten Reichen. Sie machten die Arbeiten, die keiner durfte und wollte. Sie erfanden den Geldhandel neu. Sie waren geächtet, geachtet und gefürchtet. Abhängig von den Bedürfnissen der Herrscher der Reiche waren sie anerkannt oder verdammt. Wiederkehrende Diaspora war ihre Macht. Mit der globalen Verteilung spannten sie weltweite Netze des Geldes. Nach achtzehnhundert Zyklen wurden sie zu den Mitbegründern des Reiches. Das Reich hatte in ihnen seine wahren Herrscher und damit die Herrscher des Planeten.
    Re stieg auf in den obersten Kreis der wahren Macht. Er wurde Leibarzt, bediente Rechenmaschinen und las die geheimen Lehren. Er behandelte die Herrscher, sprach, stritt und dachte mit ihnen. Er erkannte ihre Grenzen, ihre Stagnation, ihre Verachtung, ihre Langeweile, ihr Zukunftslosigkeit. Aber anstatt sie zu manipulieren und daraus lebenslangen Nutzen zu ziehen, verweigerte er sich in sich und gegen sie. Nach zwei Zyklen verlor er die Normung und entlarvte sich ihnen. Sie erkannten seine Gefahr und verstießen ihn.
    Nur töten konnten sie ihn nicht. Er hatte sein Wissen vergraben. Sie verbannten ihn in das alte Land, Brunnen zu bohren, damit er seine Weisheit fände."


    Sehr geehrte Frau Reisso, wir haben hier eine Zwischenfrage von Herrn Reßissa:
    "Was soll dieses Geweine Reisso?
    Wir sind Summe des ganzen. Du siehst nur deine Daten und Fakten.
    Wir füllen sie mit wahrem Leben. Und überhaupt - Wiederholungen alles war schon da, nichts Neues im Theater. Weltbeherrschung, ein alter Hut.
    Menschen rennen gegen Mauer, Völker sterben, Reiche vergehen.
    Hungergetrieben jagten wir mit Holzspeeren unsere Nahrung. Fleisch, wir brauchen Fleisch.
    Wurde es knapp, fraßen wir Wurzel, Beeren und Würmer. Tiere sind schwer zu erlegen, der Wald ist undurchdringbar. Wir säten Körner auf Wiesen und fraßen ihre Kinder, fraßen sie roh, mahlten sie zu Brei. Langeweile, Geschmacklosigkeit. Wir buken den Brei zu Brot, brieten das Fleisch.
    Klimatisch waren wir ungeschützt, die Kälte machte uns arm, die Dürre ängstlich.
    Wir teilten die Arbeit. Jene jagten, jene kultivierten.
    Dieser Bruch war ein wesentlicher. Jäger und Bauern entfernten sich und brauchten sich doch.
    Nch der Haustierdomestizierung waren die Bauern unabhängiger von den Fleischlieferungen der Jäger. Unsere Geschlechter teilten sich also klimabedingt, nicht gottgewollt.
    Archetypen wurden geboren aus Jagd- und Überlebenserfolgen.
    Überlieferungen, transportiert durch mündliche Weitergabe von Großeltern auf Enkel, verfälschten, idealisierten die kleinen Jagd- und Überlebenserfolge zu Heldentaten. Generation nach Generation
    überhöhten die Lieder Helden zu Ahnen, deren Überbleibsel man anbetete, auch körperlich verinnerlichte, rituelle Speisungen. Verlor sich die Identität der Ursprungsperson, bedeckte man sie mit weiteren idealen Eigenschaften, der Stammgott, Sippengott, Stadtgott war in der Vorstellung der Menschen geboren."


    "Reßissa, das reicht. Ab hier wiederholt sich alles", wandte Reisso ein.
    "Ist nicht ein bißchen flach betrachtet", parierte der unterbrochene Unterbrecher.
    "Nein, Reisso! Es fehlt nur noch ein Bestandteil in Ihrem hohen Weltalgorithmus der Menschen, Geld. Geld, das Versprechen auf Leistung aus Rohstoff, Arbeit, Zeit oder deren Kombinationen, ich habe es hinlänglich beschrieben. - Unsere Forderungen sind eindeutig. Neustrukturierung der unteren Ebenen, tiefere Betonung der intellektuellen Quellen und damit Stabilisierung der Gesamtperson."
    Buh, buh, buh, Pfiffe, Gelächter - das Auditorium begleitet amüsiert Reissos Abgang.


    Zum Tagesordnungspunkt eins, Frau Reessi, Fraktion Triiep, Thema Bestandsaufnahme:
    Reessi , einladend kommunikativ, schlich genüßlich zum Rednerpult.
    "Fein fein, ihr Lieben, haben wir uns intellektuell ausgekotzt. Da haben die Lenden einen Heidenspaß. Aber nun auf den Punkt gebracht. Hier schwimmt ein hilfloses, halb totes, halb beschnittenes Stück Scheiße im Meer des eigenen Versagens. Wohin ist dieser Re geraten? Ich habe schon immer gesagt, laßt uns raus, so oft es geht. Nein, die Kollegen zogen es vor, sittsam das Kind zu reinigen, nicht mit dem Schmutz der Welt in Berührung kommen zu lassen. Reisso, Sie ereifern sich ob der 2000 vollbrachten Kopulationen. Du armes Tier, wären es 20000 gewesen, hätte Re jetzt wahrscheinlich die Kraft zu sterben. Wie oft baten wir euch alle, laßt uns kurz freien Lauf, das reinigt die Zukunft. Nein, nein. Immer wenn des Kind oder Knäblein Hand an sich legte, überschüttetet ihr es mit einer Flut von Schuldgefühlen. Wir sind allumfassend als Rees Diener. Wir haben verstanden, daß unsere Macht hier nur beschränkt sein kann. Wir haben mit euch dieses Leben genossen... Eine Verwirklichung unserer Träume hätte sicherlich einen Psychopathen denn dieses hohe Tier Re hervorgebracht. Den Jagd- und Beutetrieb zu unterdrücken, tat sehr weh. Ein Leben in Umgebungen mit Möglichkeiten erschien uns lustvoller als in Häusern voller kranker Seelen. Darum haben wir massiv zurückgesteckt. Der Dank sind Vorwürfe der Statistikerin Reisso. Bitte, Reisso, nehmen Sie das zurück, wir werden sonst unsere Position überdenken und weitere Überlegungen anstellen müssen. Wir fordern konsequenten Ausbau der Triebbefriedigung auf allen Ebenen und Beschränkung der unteren Kontrollebene. Wir halten die Schere im Kopf derer weiter oben für ausreichend. Wir fordern mehr Präsenz, mehr Energie!"
    Beifall von den Rängen.


    Zum Tagesordnungspunkt eins, Herr Reissi, Fraktion Gaisst, Thema Bestandsaufnahme:


    "Liebe Anwesende! Mache wir einön operative Kassensturz unserer Möglichkeiten. Dieser Körper ist 40 Zyklen alt, leicht beschädigt. Die Fraktion Triiep und ihre Vertreter habe ihm schon sehr geschadet. Der Blutmuskel ist angeschlage und hat während einiger Triebhandlungen Schaden genomme. Wir konnte den Kollaps immer noch rechtzeitig verhindern, jedoch habe wir auch in der eigenen Fraktion Falschspieler. Sie unterdrückte die eindeutigen Zeichen der körperlichen Schwäche im Interesse ihrer überhöhten Gesellschaftskongruenz. Jeder von uns hat seinen Anteil immer termingerecht, vollständig und nachhaltig erhalte. Wir müsse neu verteile, sonst kann ich die Verantwortung der weitere Ressourcenverwaltung nicht mehr trage.
    Zusammenfassend. Mäßigt euch, sonst ist Schluß!"


    Bäh, bäh, Topfspucker, Analpoet, Arschgesicht - das Auditorium brodelt.
    Zum Tagesordnungspunkt eins, Frau Reßissu , Fraktion Säele, Thema Bestandsaufnahme:
    "Schluß mit diesem Chaos! Bei diesem Durcheinander kriegt man ja Pickel. Ich befürchte, daß die drei uns deaktivieren, wenn wir weiter so plakativ diskutieren. Wir wissen, jeder ist Teil des anderen. Jeder braucht jeden. Empfindungen, ja die Empfindungen.
    Res Gefühle waren und sind einzigartig. Besonders ist das wohl kaum. Bei Billionen Versuch- und Irrtum-Paarungen kann nur Einzigartigkeit das Produkt sein.
    Sie ist allgemein.
    Wir messen die Außenwelt am Gottesbegriff unserer Innenwelt, dem Abguß unserer Summe.
    Ist das ein Fehler? Mitnichten, nur Ausdruck unseres Programms. Wir kommen wohl um eine Abstimmung nicht herum. Soll Re uns unterdrücken, damit wir weiter kommen!"


    Zum Tagesordnungspunkt zwei. Der Verlauf der bisherigen Vorträge läßt extreme Ziellosigkeit erkennen. Bei derartig verschiedenen Ansichten werden die Lösungsvorschläge noch weniger konstruktiv sein. Wir schlagen daher vor, das Problem in die Ausschüsse zu verweisen. Natürlich ist das eine interne Vereinbarung. Erfahren die drei Hauptichs davon, so sind wir für immer angemeldet. Selbst die besten Psychiater werden unsere Personenvielfalt für verloren erklären müssen. Unser Vorschlag kann nur sein: Leben.
    Wir gehen jetzt in die Pause und kommen dann zur Diskussion.
    Er mühte sich mit zusammengepressten Lidern das grelle Licht zu bekämpfen, es gelang nicht.
    Re riß mutig seine Augen weit auf.
    "Mutig", raunte vom weiten ein Chor.
    Die Grelle Angst wich einem vielfarbigen Halbdunkel. Dieses war jedoch nicht hauptsächlich grau, wie in der Dämmerung. Vielmehr umgab ihn jetzt ein dunkler Schlauch, in welchen Farbflächen wie Tücher eingewebt waren. Hier waren seine Erlebnisse. Er schritt an sich und seinen Zeiten vorbei, wie in einem Kabinett der Gefühle. Die Reihenfolge der Betrachtung konnte er selbst bestimmen, jedoch nicht die Anzahl., Er mußte alle Erlebnisse passieren, konnte jedoch bestimmen wann welche.
    In einem grell erleuchteten Raum sah eine Frau und Ärzte und ein Neugeborenes, sein Vater stand nicht neben dem Bett, sondern ein anderer Mann. Er und seine Mutter stritten. Plötzlich nahm er ihr das Kind aus dem Arm. Sie hielt es an die Beinen, er an den Armen. Beide zerrten an den Gliedmaßen. Das Kind schrie erbärmlich, ohne die Anwesenden zu beeindrucken.
    Blutlos zerbarst der Körper in einem Regen von Goldstücken, die Reste fraßen die Anwesenden und verwandelten sich in Res Augen.


    Re trieb es entsetzt weiter.
    Sarah. Hier war Sarah. Er liebte ihre Lippen. Konnte stundenlang in allen sechs versinken.
    Sarah lag hier, wie er es mochte. Sie wand sich unter seinen Blicken. Aber sie hatte kein Gesicht.
    Re begriff, daß sie bei den Vereinigungen nie ein Gesicht hatte, zumindest bei diesen Vereinigungen. Ihr Gesicht sah er oft am Anfang ihrer Begegnung. Gesichter als Eingang zur Seele, als Grenzstein zu den weiteren gesichtslosen Sarahs. Sprach sie, fehlte ihr das Gesicht.
    Trieb er sie, sah nicht in ihr Gesicht. Ihre Summe langweilte Ihn, doch ihre drei Einzelteile verebbten nicht, ihm interessant zu erscheinen. Hier sah er Sarahs Dreieinigkeit, aber keine Langeweile mehr.
    "Re, wo warst du?" flüsterte Sarah im violetten Halbdunkel ihrer Szene. "Wir haben dich seit Stunden gesucht.“ Seit deine Arbeiter mit der Fähre in Memel anlegten, hatte ich ein leises Unbehagen.
    Doch jetzt könnte ich vor Angst zerspringen. - Bedeuten dir unsere zwei Jahre nichts? Quält dich die Erinnerung an die ältere Frau immer noch."
    Re wollte etwas entgegnen, seine Stimme schien gelähmt.


    "Habe ich nicht alles getan, dir hier im Norden Wurzeln zu verschaffen? Mit den Brunnenprojekten erschienst du mir über Jahre zufrieden.Wo sind unsere Kinder, du hast versprochen, wir würden Kinder haben. Wo ist unser Geld, du hast versprochen, Geld zu beschaffen. Re, wer bist du, daß ich nichts erkenne? Re?"
    Jetzt verstand er es und rannte schnell weiter.


    Sarah verschwand im Strudel des Schlauches, Re hatte keine Zeit die nächste Szene zu focussieren, seine Karriere, alle Fremderwartungen, all das einfache Leid...
    "Re, warum diese Enttäuschung. Warst du überfordert mit dem letzten Projekt?"
    Er sah in die traurigen, zaghaften Augen Neunbergs. Sein Mentor zu den Spitzen des Reiches und Reichtum. Nach Abschluß der Ausbildung hatte der, im Auftrage der hohen Riege Nachwuchs suchende, ihn ausgewählt, im Kopf der Riege tätig zu werden. Neunberg kannte sie alle, und es waren wenige. Tatsächlich, wenige hatten die wahre Macht im Reich und nutzten sie nur noch destruktiv.
    "Neunberg, Sie wissen um die Gründe meiner Flucht. Es ist unverständlich, daß Sie es dort aushalten. Sie haben Weitblick, Sie haben Intelligenz, Sie hatten Brillanz. - Ich wollte nicht zum Reichsverweser werden, nicht mitansehen, wie alles abstürzt. Nichts kann das Stürzen der Riege noch verhindern, Sie wissen es auch.. Fraglich bleibt nur der Zeitpunkt, und das kann noch dauern."
    Neunberg entgegnete beschwörend.
    „Re, ich war Ihr Lehrer, aber ich bin alt. Alter macht versöhnlicher, vor allem gegen Veränderung resistenter. Ich liebe meine Form und möchte sie nicht mehr ändern. Lieber mit den Götzen stürzen als neue errichten. Kehre zurück an die Oberfläche, Re!“




    Es wurde dunkel auf dieser Szene.
    Re beeilte sich.
    Er sah sich an sich vorbei gehen. Er war in der Szene.
    Re spürte das dumpfe Dröhnen der Schlagader am Hals. Vibrationen peinigten sein müdes Hirn. Ihre Amplituden vergrößerten sich und falteten schwarze Schmerzgebirge ihn endlich wirklich erwachen zu lassen. Zaghaft erhob er seinen schmerzenden Körper, streifte die Nachdecke ab und fand Halt an einem tristen Spiegel, davor eine Waschschüssel. Er bemühte sich, im Spiegel sein Antlitz zu erkennen. Seine Augäpfel schmerzten heftig, als wäre die Hornhaut durch Sandpapier ersetzt, und riebe unentwegt seinen Augen Substanz ab. Mörderisch die Schmerzen bei jeder Bewegung, die er brauche um sein Bild im Spiegel zu erinnern.
    Warum erlebte wieder er diese depressive Morgenszene.
    Eigentlich war diese tatsächlich Alltag gewesen.
    Seine Erinnerung hatte die wenigen schönen Erwachen schon vor Zyklen rigoros gelöscht.
    Seine Hände führten müde Wasser an seine Augehöhlen, dieses schien bei Berührung zu verdampfen. Es bildeten sich Schwaden undurchsichtigen Dunstes, die Augen brannten fürchterlich.
    Verzerrt ließ er von der sadistischen Morgentoilette ab. Das Zimmer war muffig und kalt.
    Geruch verbrannten Tabaks und zu Essig gewordenen Weins verdarb die Luft. Er schwankte zum Fenster, riß in der Hoffnung auf Licht die Vorhänge beiseite. Kalte graue Regenschleier schlagen ihm entgegen. Wind der sie antreiben müßte, war nicht wahrnehmbar. Als ständen vor seinem Fenster jeden Morgen Ungeheuer, ihm den Tag zu vermiesen.
    "Guten Morgen, Re! Die Vereinigung der Ungeheuer wünscht die einen miesen Tag. Das Springen gibt es heute besonders günstig und wir schenken dir noch ein Totenhemd dazu. So billig kommst du nie wieder ans sterben. Heute sterben, morgen bezahlen. Wir empfehlen dir auch unsere neuen Finanzierungsmodelle."
    Re war übel, er konnte nicht springen, so schlecht war. ihm. Schlecht vom Ekel der Enttäuschung. Immer wieder diese billigen Importe von irgendwoher. Gab es denn hier keine anständigen und gepflegten Morgendepressionen, denen man entspannt nachhängen und nachspringen konnte.
    Widerliche künstliche Konservenwelten.


    Die schweren Register einer Orgel zogen ihn weiter... Feierliche, frisch gebadete erwartungsfrohe Menschen... hunderte...sie saßen zu hunderten hintereinander in der kahlen frühsommerwarmen hellen Kirche. Kahlen Kirchen missfielen Re seit eh und je, es beklomm ihn, hier sitzen zu müssen.
    Nur weil einige Aktenhistoriker vor ein paar Jahrhunderten die griechische Antike
    falsch interpretierten und rekonstruierten, litten die Mensche noch heute an den kahlen Wänden ihrer Kathedralen. Tatsächlich ging die Vielgottheit der Antike mit kunterbunten Tempeln einher.
    Diese wirkte sogar in die frühen Kirchen noch hinein. Doch das ist lang her.
    Demut ist besser an kahlen Wänden zu kultivieren. Also saß man hier, wieder Menschen in den Kreis der Ahnungslosen zu bitten. Re hörte nicht die Kreisgebete an Meinungen und Gelöbnissen der
    ökumenen Zeremonienmeister. Er sah nur einen Haarschopf, braune Augen ...ihre braunen Augen und die Erinnerung erdrückte ihn. Verrat, Verrat ... er hatte damals sträflichen Verrat an seinen Gefühlen begangen. Und die saßen nun vor ihm mit zwei Kindern an den Händen und schienen
    in sich zu Ruhen. Sie schien glücklich zu sein und das beruhigte Re. Er sah das lang mit an und wünschte sich, sie möge in diesem Moment verweilen, einfach dort bleiben an diesem Sonntag in dieser Kirche. Er war glücklich, dass alles, selbst nach 17 Jahren seinen Träumen entsprach.
    Siebzehn Jahre trug er ein Zerrbild der Unvollkommenheit in sich. Es hielt ihn aber am Leben, seine Träume, seine Wünsche ...immer wenn diese restliche Gefühl für immer zu verschwinden drohte, ereignete sich für ihn eine Erinnerung an sie. Es war völlig egal, ob die schöne sicherlich fast vierzig Jahre alte Frau, dort schräg ihm gegenüber, Susanne war. Wichtig war der Schlüsselreiz... selbst in seinem schlimmsten Alptraum gab sie ihn Ruhe, Atem zu holen....


    Wollüstig quoll die nächste Szene auf ihn ein.
    Lea, diese kleine Schlampe, rekelte sich immer ungekämmt auf ihrem breiten Diwan.
    "Re, komm bei mich! Du weißt, was wir haben wollen tun?"
    Nein, keine Zeit für Triebe. Re floh.
    Wir beenden die Pause und kommen zur Diskussion.
    "Was bleibt hier zu hoffen? Tod, sage ich, abschalten das ganze Chaos, Ende Abgang, Fischfraß, Dünengrab. Ja, ihr kennt mich: Reßissowski aus der Fraktion Säele.
    Wir sitzen hier, zermartern unser Möglichkeiten, und dieses feige Schwein tanzt außen den Todesreigen. Wer von euch hat uns denn hier verraten? Gibt der da draußen auf, muß mehr als die Hälfte von euch dafür sein. Ergo Abgang, Schlußakkord."


    "Sag mal, Reßissowski, wer versorgt dich mit diesen jämmerlichen Informationen? Das können doch nur die Triebidioten sein. Daß die bei Kälte durchdrehen, ist auch längst keine Neuigkeit mehr. Leben natürlich und nur Leben", beeilte sich Reßis.


    Die Diskussion ist auf Wunsch eines einzelnen, höheren Personenteils beendet. Bevor der Rat sich zwangsweise aufgelöst, bitte ich dringend um die Abstimmung




    Patt! Weise, sehr weise, ihr Lieben. Salomon macht Re zum Idioten.
    Wir lassen ihn leben, aber auch nicht?




    3


    "Rundheraus versagt. Sie haben versagt. Die lieblichen kleinen Triebe unserer Schöpfung.
    Lassen wir ihn leben oder holen wir unser Versagen zurück?
    Tauchen soll er, schlucken soll er, kotzen - und endlich begreifen, hier ist kein Platz für Erschließung.
    Laß deinen Göttern Platz, du jämmerliches kämpfendes Fleisch."
    Bel schob sich auf seinem Thrönchen zurecht.
    "Es ist nicht mehr in der Lage, versucht zu werden. Geben wir ihm Gelegenheit. Geben wir ihm etwas Kraft. Niemand hatte die Absicht zu töten. Re, du kleines Menschlein, antworte mir!
    "Vater, wo bist du?" schrie Re in die Wogen.
    "Hier am Brunnen deines Lebens, nimm sein Wasser an!
    "Vater ich kann dich nicht spüren, wo bist du?"
    "Hier ganz nah am Ufer. Bewege deine Füße, da ist Grund.
    Du bist am Ufer, am Rand, du bist!"


    Re erwachte, er konnte schwimmen, die Lähmung, Krämpfe vorbei.
    Nach ein paar kräftigen Zügen war er fast am Strand. Das Meer schien gerettet zu haben.
    Er hatte schon Boden unter den Füßen, spürte den weichen Sand.
    Ein riesiger Brecher hob in hoch und schleuderte seinen Körper den Kopf voran gegen den einzigen Findling weit und breit. Herrlicher schwarzer Granit. Blut und Hirn rannen an der nassen Oberfläche herab. Aber Re würde überleben. Es hatte sich entschieden.






    Zitat:
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    erstellt vom sp: Vergeblich kämpfte Re gegen das Meer. Zwei Stunden waren vergangen, seit er übermütig, erregt in die Glück verheißenden Wellen der See an der Kurischen Nehrung gesprungen war.
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    Zwei Mal WAR. Zwei Stunden nach seinem ... Sprung... - ganz ohne WAR - oder Seit zwei Stunden kämpfte er...
    Zwei endlos lange Stunden... Kampf...
    Brütend lag der Himmel über den trüben Kiefernwäldern. Nach all der Enttäuschung[/quote][/b] unterscheide Enttäuschungen und Enttäuschung als Sammelwort für eine in einem versammelbare psychische Bestandheit des Helden


    Zitat:
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    war ein Bad in der See die richtige Entscheidung.
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    WAR und außerdem fragt man sich, was hier zur Entscheidung stand?
    Zitat:
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    Halb war der Tag verstrichen, ohne Wasser zu finden.
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    Das ist komisch: der Tag suchte Wasser?
    Zitat:
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    Zwei, wieder vergebliche, Bohrungen waren durch den Brunnenbauer mit seiner Mannschaft in den baltischen Sand getrieben worden. Hier ist nichts, hier kommt nichts - die Arbeiter hatten enttäuscht die Mittagsfähre nach Memel genommen.
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    zu knapp - hüte Dich vor dem allzuhäufigen gebrauch von Hilfsverbkonstruktionen - der Aufbau ist bisher gut
    Zitat:
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    Brunnen auf der Kurischen Nehrung, Brunnen für Touristen, Kloaken, Freßgeschirre?
    Offensichtlich wehrten sich moosbewachsenen Mulden, verkrüppelten Kiefern, herrlichen Pilze... der allmächtige Erdenseele erfolgreich gegen ihre verpestende Erschließung.
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    Wehrten sich DIE moosbewachsenen... oder ohne DIE Allmächtigen? Die Erschließung ist nicht verpestend in bezug auf IHRE, kann es aber sein, wenn Du IHRE killst und durch EINE ersetzt. Dann aber müßtest Du das noch erläutern, vielleicht in einem Nebensatz, vielleicht in einem neuen.
    Zitat:
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    Nach Erklimmen der hohen verwitterten Dünentreppe packte Re an diesem herrlichen menschenleeren weiten Strand das unbändige Verlangen, nackt die Elemente zu fordern.
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    nach DEM Erklimmen
    Zitat:
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    Augenscheinlich hatte er vorläufig verloren...
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    Augenscheinlich? Anscheinend? Scheinbar? Mutmaßlich? Offensichtlich?
    Zitat:
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    Hier im Baltikum ist die Ostsee mit ihren versteckten Strömungen besonders tückisch.
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    Gedanklicher Sprung, denn eigentlich sind wir gerade etwas emporgeklimmt, sollten also hier entweder einen Übergang zur Ostsee setzen und oben bleiben.
    Zitat:
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    Starke Nordostwinde hatten das Meer hervorragend für den Menschenfang präpariert.
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    Präpariert ist unpassend. Lebt das Meer? Will es? Wenn dem so ist (in Deinem Text), dann thematisiere das stärker, vielleicht schon beim VERPESTEN. Die Natur wehrt sich. Die Natur ist tätig, sie ist ohne menschlichen Einfluß und baut sich gegen den menschlichen Willen etwas... Weißdergeier.
    Zitat:
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    Hungrig starben die Brecher an der ersten Sandbank weiter draußen.
    Dort mögen sie mehr als zwei Meter hoch sein.
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    Perspektive unklar. Wer sieht hier was? Draufsicht? Erzählperspektive? Gibt es ein Ich? distanzierte Bildbeschreibung? - Bitte entscheiden und Perspektive durchhalten.
    Zitat:
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    Vom Ufer wirkten sie verführerisch filigran, fast schutzbedürftig. Knie- bis hüfthoch zerbrachen Wellen am Ufer.
    Re konnte nicht widerstehen, sprang hinein, gab sich hin, ließ alles treiben.
    Mit geschlossenen Augen trieb er rittlings auf den Wellen, ließ es geschehen.
    Re - beuge dich nicht, kämpfe! Re - laß dich treiben! Re - glaub den beiden nicht! Behalt die Kontrolle! Re...
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    Guter Übergang.

    Zitat:
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    erstellt von Schwarzes Pferd: 2
    Er hat die Augen geschlossen, sage ich. Er hat den Kontakt verloren. Es liegt jetzt bei uns.


    Rees, laß ihm etwas Zeit, baten Reßis und Reis!




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    Muß das mit dem Stabreim sein? Ich weiß, bei den soundso war das üblich, daß Familienangehörige mit einem bestimmten Buchstaben ihre Zusammengehörigkeit markierten - soll ja in bestimmten Familien auch heute noch so sein
    Zitat:
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    Wir müssen ihn stabilisieren, sonst bricht die Vielfaltigkeit weiter nach unten.
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    Das verstehe ich nicht. Was bricht? Wer benutzt hier solche Wörter? Der Text wird nebulös.
    Zitat:
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    Rees, gib ihm Zeit, wir müssen verhandeln.
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    Wenn Du das so hintereinander weg schreibst, dann komme nicht nur ich durcheinander. Wer sagt hier wo warum was zu wem? Das Personengefüge ist völlig durcheinander. Bau erst einmal die Situation zusammen, bevor Du die Personen interagieren (schönes Wort!) läßt.
    Zitat:
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    Wir dürfen nicht scheitern, ihr wißt, wie aggressiv, unberechenbar und destruktiv alle weiter unter uns sind.
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    So selten, wie Du das von mir hören wirst, aber hier tut Nominalstil Wunder.
    Zitat:
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    Er muß leben.
    Gut! Adrenalin vermindert, Endorphin leicht erhöht. Atmung stabil, Herz stabil. Er ruht?, ist halb bei Bewußtsein. Entlassen wir ihn in den Sekundentraum. Und reden wir.
    Gemessen an Kraft, Aufwand und Phantasie haben wir in den letzten 15 Jahren wenig erreicht. Es ist gelungen, die Sozialisierung normal zu entwickeln. Trotzdem ist Re fast mißlungen. Ursache kann nur das unsinnige Demokratieverständnis der Einzelsegmente unserer Person sein.




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    Immerhin wird jetzt etwas klarer artikuliert, wenn es auch (Absicht) an die Sprachstruktur des Vierten Reiches erinnert. Aber das kann Dein stilistisches Strukturmuster bleiben. Okay.
    Zitat:
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    Wir, und ich betone wir, haben wesentlich versagt.
    Jede Triebkomponente wollte sich entwickeln, jede Unterperson die Ausschließlichkeit
    ihrer Präsenz durchsetzen. Wenn wir ihn hier rausholen, dann nur gemeinsam."
    "Wir danken dir, Reßis! Doch wie sollen wir weiter vorgehen?" fragte Reis.
    "Ich habe meinen Teil vorerst getan", wehrte Rees ab.
    "So haben wir uns das nicht gedacht, du Hormonschalter. Wie oft hast du uns mit falschen Dosierungen die Laune verdorben", ärgerte sich Reis.
    "Bei den chaotische Zuständen, die ihr uns monatelang angetan habt, müssen die besten Drüsen durchdrehen", entgegnete Rees.
    "Wir sind ich, wir sind die Summe. Werden die Differenzen zu stark, geben wir alles in die Ausschüsse, and die anderen neun, sollten diese scheitern, dann die siebenundzwanzig."
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    Das ist witzig. Vielleicht noch eine kleine Äußerlichkeit einbinden.
    Zitat:
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    Reßis war verärgert, wütend und hilflos.
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    genauer; entweder etwas für IHN Typisches einflechten oder aber die Unmöglichkeit, Eigenes zu entwickeln poetisch darstellen. Tja, Herr Künstler, hier ist Er gefordert.
    Zitat:
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    Er, Mittler zwischen innen und außen, oben und unten, links und rechts, spürte die Macht schwinden, die Sehnsucht aller Summen, ihrer selbst sich endlich zu ergießen, machte ihm Angst.
    Seine Demokratie mit Makeln (er haßte sich ob der nicht zu vermeidenden Tyrannei) war am Ende. Sollte Rees den Körper nicht zu stabilisieren vermögen, bräche die wahre Demokratie, das Chaos der Personen, hervor. Reßis spürte die unbändige Gewalt der unteren Ichs, sie drangen zur Macht, sie waren fast am Ziel. Der Tunnel der Film am Ende, ist der Ball aller Summen, Ausfluß aller Erinnerungen oder doch nur Betrug.
    In Reßis schwoll Unbehagen. Der Kampf würde beginnen.
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    Gut. Wenn auch etwas dick und brachial.
    Zitat:
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    Re trieb seit Minuten ohne eigene Kraft in den Wogen.
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    Die Übergänge, die Schichtung des Textes deutlicher anzeigen, jedenfalls die ersten Male, damit der Leser sich zurechtfindet.
    Zitat:
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    [/b]Instinktiv waren seine Bewegungen erlahmt.
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    [/b]Verstehe ich nicht. Wie kann instinktiv etwas erlahmen? Instinkt setzt etwas frei oder nicht; erlahmen ist an Kraft gebunden, an Haushalt. Etwas wurde freigesetzt; vielleicht war es zu wenig, aber das Freigesetzte kann verpuffen, aber nicht erlahmen, denn es ist ja schon da.
    Zitat:
    --------------------------------------------------------------------------------
    Er spürte, daß es ihm gut tat, alles zu lassen, entdeckte Geheimnis um Geheimnis des Überlebens. Durch die Brecher treibend, waren die Verkrampfungen verschwunden.
    --------------------------------------------------------------------------------


    Zu große Sprünge. Kleinschrittiger, bitte.
    Zitat:
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    Gleißendes, brennendes Licht am Ende des todschwarzen Tunnels. Bilderfluten, Lautgebirge, Wortpyramiden und Geschichtenfluten stürzten auf ihn ein. Die Reise begann?
    Reßis Befürchtungen wurden real, das Dreierparlament mußte dem Drängen der weiteren neun nachgeben.




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    Bezug unklar. Setzt zuviel voraus, da mußt Du liefern. Wenigstens Anhaltspunkte eines Warums.
    Zitat:
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    Endlich sind wir frei. Erinnerungen, Personen, Geschichten, verdrängte Phantasien und Wahrheiten. Re, wir sind präsent. Du bist an der Macht, Kaleidoskop deiner Person.
    Re, warum verleugnetest du uns? Wir sind du. In deiner zivilisierten Umgebung willst du sein.
    Der Chor deiner Person verachtet dich. Selbst im Beisein eines Therapeuten konnten wir nicht an die Oberfläche, weil du Psychiater haßt, du Normschwein, du Wellenreiter, westlicher Ignorantensack haha.
    Negierst du uns, so löscht Vergangenheit, die hunderte Generationen beinhaltet.
    Das Produkt von Jahrtausenden bist du. Ihr glaubt nicht an die Unsterblichkeit. Doch seid ihr unsterblich in euren Genen. Information an Information reiht die Evolution in deinem Erbe, Re.
    Du bist alles, direkter Nachkomme eines Urvaters, direkt verwandt mit der ersten logischen, wenn auch zufälligen Aneinanderreihung unbedeutender Nukleinsäuren.
    Nicht Gott, nur Chemie.
    Alle Versuche, alle Irrtümer eurer Geschlechter abgebildet in deinen Milliarden Nervenzellen.
    Sei nicht verängstigt, Re! Wir kommen nach Hause, wir kommen an die Oberfläche.
    Erweitere deinen Geist, erweitere deine Sinne, wir sind da.
    "Reegus, endlich können wir streiten", freute sich unübersehbar Reissch.
    "Die Wette gilt, Reissch! Wo waren wir?"
    "Ganz am Anfang, mein Freund.
    Du der Boden, ich die Kraft.
    Du das Reich, ich die Macht
    Du Vergebung, ich die Wut.
    Du das Leben ich der Tod."
    "Ich mag deine hilflosen Gesänge", relativierte Reegus.
    Reißs gab nach. Um die Zersplitterung der Person Res auf Dauer zu verhindern, ließ er sie jetzt befristet zu. Vielleicht entwickelte Re so die Kraft zum überleben.
    "Sei es drum, setzen wir fort! Eröffnen wir den Rat der Dreißig, der Siebenundzwanzig!"




    --------------------------------------------------------------------------------


    Nur den Übergang gestalte. Die Worte für sich genommen besitzen Kraft und Überzeugungskraft.

  3. #3
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    Post Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen ißt

    Was man aus dem Brunnen isst


    Vor zwölf Nächten war ich in den Wald aufgebrochen. Es sollte mein erstes Nur-in-den-Wald-Gehen werden. Alle anderen Absichten hatte ich freiwillig geknebelt zu Hause gelassen. Abends schien mir eine gute Zeit zu sein mich ohne weiteres aufzumachen. Meinen Körper wollte ich so glauben machen, dass ich auf dem Wege wäre, ihn zu betten, damit er nicht vor eingebildeter Aufregung zerbarst. Doch sobald ich den Wald betreten hatte, schlug sich trotz dieser gerissenen Taktik Ruhelosigkeit an ihm und meinen lichterlos gewordenen Augen nieder, so dass ich mehr stolperte als ging.
    Die ganze Nacht hindurch war ich beschäftigt mir die eingeredete Eleganz anzueignen, die ich mich vorgenommen hatte zu verkörpern.
    Vergeblich.
    Als die Sonne sich schon ankündigte, griff die zurückgehaltene Müdigkeit nach mir und rang mich nieder in ein moosiges taufrisches Bett. Sie behielt mich, bis die Sonne mich traf und weiter bewegte ihre Schatten zu werfen. Doch es waren andere Schatten geworden als die der Dunkelheit und meine mir nun nützlich scheinenden Augen, saugten das Licht um die Dinge ein, wie um sich ihrer Friedlichkeit zu vergewissern. Etwas in mir glaubte, dass sichere Helle bunkern zu können für den dunklen Teil des Tages. Alle Heimlichkeit in mir war noch an Licht gebunden. Noch.
    Beim Gehen wurden meine Schritte langsam Schritte und der Wald begann mich in sich aufzunehmen, der grüne Stiller.


    Was ich gehofft hatte zu erreichen, trat nicht ein. Zumindest nicht so, wie von einem, im Grunde unwissenden Teil in mir, geplant. Erst als ich begann mich leiten zu lassen von seinen Geistern, gelang mir meiner Bewegung nicht mehr vorauseilen zu wollen. Ich folgte mal hier einem Vogel, mal da einer Spinne im Gestrüpp, mal der Spur einer vermeintlichen Ricke. Niemand ausser dem Eichelhäher folgte mir, der die warnte, die gewarnt sein wollten. Es war ein grosser Wald und so lief ich kaum Gefahr auf andere wie mich zu treffen. Das half mir vergessen, dass ich mich anders gedacht hatte, als ich jetzt sein konnte.


    So verbrachte ich meinen ersten Tag, ungeplant und ohne einen Grund für Furcht gefunden zu haben.


    Selbst die Nächte wurden mir lieb und das liess mich ihre Lieder mitsummen. Das Geschenk an mich, wurde die Ruhe in den Schlaf zu kommen. Mein Schlafen war jedoch inzwischen nur ein anderes Wachsein geworden. Die alte Schwere steinerner Betten war von mir abgefallen, wie alte Kalenderblätter. Alle wünschten mir eine Gute Nacht bis zum Morgengrauen, und ich konnte nicht anders, als ihnen die ganze Zeit zuzuhören. Mein Einatmen wurde ihr Ausatmen und die Luft war was wir gaben. Das brachte mich in den Tag und der empfing mich mit seinen Armen, die nie etwas anderes waren, als offen. Jetzt weiss ich, dass es ein Vorbereiten war, auf das, was mir zu tun blieb, in diesen Hallen aus Schimmer und Schall.


    Die Veränderung, die ich kommen sehen wollte, die ich mir voraussagen wollte, war so still in mich eingezogen, dass ich sie erst jetzt bemerkte. Wie ich, für mich, auf einmal dem Klaren folgen konnte. Mein inneres Wasser, war wieder zum Fluss geworden, der sein Bett erkannte und belebt war von den vielen Wesen, die ich in den Pfützen meiner Seele gehalten hatte. Zu fest Gebundenes, für eine zu lange Zeit, war los geworden, ohne wildes Gebell. Die grosse Stummheit, die in mir ausgebrochen war, blieb mir für das, was meine kommenden Taten werden sollten. All das, was nicht zu mir gehören wollte, begann von mir abzufallen.


    Die angelegte Härte derer, die härter waren, die jedoch nie genügte. Die bezahlbare Freude, die unüberhörbar laut sein musste, um als solche zu bestehen. Die aufgeredete Liebe so vieler Jahre, die nur von Angst getragen war und nichts als Angst erlaubte. Wo hätte ich anders hingehen können mit diesen Sätzen, die keine waren. Ich erlaubte mir zu ahnen, dass ich zum richtigen Ort gekommen war, sie zu begraben.
    Morgens lief ich los und verwandelte dabei meine Kümmerlichkeit, zu Größe. Ich fand Neues mich zu füllen, und nach einer Woche wollte ich nicht mehr wissen, wer ich je davor gewesen sein sollte.


    So kam ich an den Brunnen.


    Es war abends, und die Sonne war dabei mit ihrem täglichen Abschied zu schmücken. Er hatte auf mich gewartet seit Zeit getrennt von mir geworden war. Es traf mich so verhersehbar zu sein. Das Wissen, das um die Dinge schwebt, ist grösser als alle Köcher die an meine Arme passten. Gern gab ich wieder auf was ich besitzen wollte, um bewaffnet zu sein für einen Krieg, den es ausserhalb von mir nicht gab. Ich blieb stehen und schaute. Um den Brunnen war alles unsichtbar freigehalten. Frei, von allem, das aufgehalten hätte, geradewegs zu ihm zu gelangen.
    Was für eine grosse Kraft er war. Seine Form war so wie er sie brauchte. Muldige moosige graugrüne Steine, die sich aneinander rund gerieben hatten. Sie mussten sich hier versammelt haben, um so zusammengefunden zu werden. Wie alt gewordene granitgetränkte Augen, die Ausschau hielten. Sie hatten wohl 1000 Jahre eingeatmet, und doch waren sie nicht voll davon geworden. Andächtig stand ich, bis es dunkel wurde.


    Dann tat ich, was zu tun war.


    Aus allem was ich fand, begann ich mein Bett zu bauen, ein Lager, genau auf der Öffnung des Brunnens. Jetzt weiss ich, dass es die Muschel eines Ohres wurde, eines Ohrs, das ich nicht hatte.
    Grosse Äste, kleine, krumme, mittlere Zweige, halblange, abgebrochene, nackte, zerwurmte. Alles was mir brauchbar erschien und nicht allzu morsch war, musste herhalten. Ich bedeckte mein Geflecht mit Blättern und Moos und betrachtete mein Kunstwerk für eine kleine schöne Weile.


    Ich war's zufrieden und bestieg mein neues Bett aus verzukünftigten Schalen. In der Wirre hilfloser Gedanken - meinen Katarakten aus Unverwindbarem, schleppte sich mein Ersatz in den Schlaf. Und mir träumte. So war es. Nicht ich. Mir träumte. Dass ich wach war an einem Ort der mich in sich hatte. Ich war nicht mehr extra und bewegte ich mich, kam alles nach und mit entgegen. Und aus dem brunnen kam eine stimme die jenseits lag, auf der anderen, der lautlosen seite. Ich hatte erst hierher kommen müssen, damit ich still genug für sie geworden war. Ihre vollkommene Gegenwart erinnerte mich, dass ich eine Wahl war, die ich nicht hatte. Völlig in sie eingefasst, trieb ich dahin und liess von allem ab, was ihr nicht gleichen wollte. Seligkeit trug meinen namen.


    Dann wachte ich auf.


    Es war dunkel geworden. Die Sonne war ohne Abschied gegangen. Es war kalt und ich fühlte mich unaufgehoben - das erste Mal seit ich hier war. Das Rauschen der Bäume klang wie Brandung, der ich zu nah gekommen war, doch der ich nicht entrinnen konnte. Mein Herz erinnerte sich, wie es dazu kam - mein Herz, das einzige das mich kannte. Ich war als Fremde in ein Land gekommen, das von sich glaubte, mich zu kennen. Das mich wohl kannte. Und doch bin ich fremd geworden auf diese abgetrennte Art. Unangenähert stiess ich mich in diese Felder aus strömender Glut. Was war passiert ! All die aufgesparte Trauer brach aus mir in diesen willigen Wald. Ich erbrach meine angehäuften Wälle aus Angst und Neid und falscher Treue. O wie unwahr ich gewesen bin und es nun ertragen musste - auf einmal - diese Fäule. Das tat mir zurück, was ich wie aus Versehen von mir haben wollte und nun litt ich mein eigenes Leiden. Mit weit geöffneten Augen, Armen und Beinen gab ich mich preis. Ich ergab mich. Der lauen Luft - bat sie mich zu zerschneiden, sich mich zu nehmen und aufzuteilen, auf dass ich vergeudet würde. Den Wald flehte ich an sich auf mich zu stürzen, mich zu zerreissen bis es kein Zeichen mehr von mir gab. Und die Tiere bat ich von mir zu nehmen was ihnen je von irgendwem genommen war. Nehmt, rief ich. Nehmt alles und bringt nichts wieder.


    Niemand kam. Nur ein leichter Wind. Dem lief wohl alles nach. Denn nichts blieb, da, wo ich lag, lose wie ein Blatt dass nichts fand hin zu fallen. Mein ganzes Wollen war angehalten. Und wie um mich aufzuheben und in etwas Grösseres zu reihen, setzte Regen verständnisvoll ein. Er weichte alles auf für mich mit grossen wilden Tropfen, dass ich nicht wieder hart werden musste und frei schwamm ins Meer der Möglichkeiten. Ich sah auf die andere Seite und wurde ganz still und kreiste.


    Der Pfropf auf dem ich lag, gab nach und wir rauschten in den Brunnen, meine Schalen und ich, vorbei an Zeiten die mich längst nicht mehr meinten.


    Ich schliff dahin, dem alten Licht entgegen und mein Rücken sah ihm an, wie erwartet ich war. Da, meine ausgesparte Stelle schwang, um als erste auf mich zu treffen. Und die Steine halfen mir von ihnen abzugleiten und nicht warm zu werden und nicht weich.


    Ich hing an meinem Fallen.


    Eines aus dem Wasser, das nach Hause kam. Wie ein hochgeworfener schneller Ball, der weiss, dass da Hände sind, die auf ihn warten, da unten im Schatten seiner sonnigen Träume, und er ihnen gehört, weil er aus ihnen kommt und nur in sie zurückzukehren bleibt. Ich bin meine Schwere. Ich bin das Gewicht meiner Seele. Endlich falle ich auf die Schalen der Waage mich zu messen. Hier. Hierher hat mich der Hunger getrieben. Vorbei an diesen angehefteten toten Gesichtern die mir nachschauen ins Steininnere. Ich erreiche die Nahrung. Ich reiche sie mir. Sie schmeckt. Weil ich sie esse. Weil ich erkenne.


    Auf dem Grund dieses Brunnens schwimmen meine Geister. Wir nehmen uns zusammen und befreien unsere versunkene Absicht.


    Letztendlich steigt der erste Laut der einzige, Immersatte hinauf, um der Stille ein Kind zu machen. Staunend schlingt er sich selbst entgegen.


    Oh.


    Ich falle noch immer. In meine Form.
    Oh, sagt sie.


    Antworte.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Brunnengeschichte: Was man aus dem Brunnen ißt

    schade, daß das büchlein keine beachtung fand.

  5. #5
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Brunnengeschichte: Re

    Eine der seltenen Zusammenarbeiten zwischen den zwei Begründern des Wolkenstein-Forums. Nach Jahren wirkt der Text auf mich wie Kuddelmuddel, doch keineswegs ohne Momente.

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