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Thema: Bist du noch da?

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Bist du noch da?

    Mein Schlüssel fällt ins Schloß. Ich rufe nach dir, als ich auf den Parkettboden trete. Meine Schuhe hallen in der hohlen Wohnung. Du wolltest keine Bilder, keine Möbelstücke. Nur die zwei Glasvasen und samstags Blumen. Im Wohnzimmer eine Sonnenblume. In der Küche ein Wiesenstrauß. Wie oft habe ich dir angeboten, eines meiner Bilder aufzuhängen. Ich bot dir sogar mein Lieblingsbild an. Die Frau in schwarz-weiß, die mit der Pistole im Anschlag auf den Betrachter zielt. Aber du beharrtest auf deinen weißen Wänden. Ich brauche meine Ruhe, sagtest du dann.


    Du antwortest nicht auf mein Rufen. Bist du tot? Wie oft habe ich mich schon gefragt, wann es soweit sein würde.


    Wir diskutierten darüber, wer eine schlimmere Krankheit hat. Das Gespräch wurde verletzend. Du glaubtest, daß eine organische Krankheit furchtbarer ist als eine Geisteskrankheit.
    "Und, was ist mit all den Verrückten, die immer noch eingesperrt sind?"
    "Aber du bist nicht verrückt, du bist gesund."
    "Ja, das ist Chemie, das sind die Tabletten. Du mußt auch Chemie nehmen, wenn du dir eine künstliche Herzklappe einsetzen läßt. Warum nimmst du nicht eine vom Schwein oder von einer Leiche."
    "Ich lasse mir keine Leichenteile einsetzten. Die Chance, daß ich überlebe besteht 1 zu 3000."
    Ich schmunzelte.
    "Das ist fast wie ein Gewinn im Lotto. Das überlebst du. Bitte laß dir keine künstliche Herzklappe einsetzen. Du mußt dein Leben lang Tabletten nehmen. Wie ich auch."
    "Tabeletten nehmen, das ist wie die Paradontose. Ich nehme täglich Meridol, Mundlösung."
    "Aber das ist äußerlich."
    Du wollest nichts hören, beharrtest auf deiner Mundlösung.


    Ich wage mich in die Wohnung vor. Ich streife mir die Schuhe ab, schaue kurz in mein Spiegelbild. Eine 37jährige in einem schwarzen kurzen Kleid. Dünne Beine, einen schmalen Hintern. Was, wenn es wahr wäre?


    Ich war vor dir im Schwimmbad und zog meine 1000 Meter herunter. Danach setzte ich mich auf mein Handtuch. Zog das Handy heraus und wählte deine Nummer. Ich hatte dich gewarnt, daß es gewittern würde. Ich sprach dir gerade auf dein Band, als ich dich kommen sah. Ich ließ das Handy sinken und starrte dich an. Du hattest ein Lächeln auf deinen Lippen. Es tröpfelte. Kurz verweiltest du und dann zogst du von dannen in Richtung Pool. Das Tröpfeln wurde stärker. Ich begann meine und deine Sachen zusammenzupacken. Besorgt schaute ich in den Himmel. Der Regen wurde stärker. Ich gab mir einen Ruck und ging in Richtung Pool. Als du kurz aufschautest, sagte ich dir, daß ich dich oben im Restaurant erwarten würde. Ich holte mir einen Weißwein und setzte mich unter das Dach. Der Regen prasselte nun wie aus Kübeln. Ich wartete und wartete. Du zeigtest dich nicht. Besorgt schaute ich auf die Uhr. Was, wenn es passiert wäre? Hektisch stand ich auf und wollte in Richtung Pool laufen, um dich zu sehen, aber da kamst du mir mit einem Lächeln entgegen.


    Ich lege den Schlüssel auf den Metallschrank. Ein klirrendes Geräusch. Erneut ein Ruf. Aber er erstickt in meiner Kehle. Nur nicht jetzt. Auf leisen Sohlen betrete ich dein Schlafzimmer. Ich beobachte dich wie du da liegst. Ein Adonis. Ich beobachte deine Füße. Regen sie sich noch? Bist du noch da? Ein leichtes Zucken in deinem rechten Fuß.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Bist du noch da?

    Das ist ja wieder mal ein sch?nes Stück Arbeit bei diesem Wetter. Sagte ich schon, daß ich es hasse, wenn es so warm ist. Sagte ich? Dann bist Du also noch da?! Na, dann will ich mal:
    Mein Schlüssel fällt ins Schloß. Ich rufe nach dir, als ich auf den Parkettboden trete. Meine Schuhe hallen in der hohlen Wohnung.
    Du bringst die Bewegungen und Geräusche zusammen: Rufen und laufen, Auftritt und Hall. Das findet aber nicht gleichzeitig statt. Das Echo muß sich erst finden und überlagern, damit es zum von uns empfundenen Hallgeräusch entwickelt. Wozu hier diese Eile? Laß es langsam angehen, Bowle!
    Du wolltest keine Bilder, keine Möbelstücke. Nur die zwei Glasvasen und samstags Blumen.
    Ich möchte hier entschieden gegen die süddeutsche SAMSTAG-Variante protestieren. Es heißt Sonnabend. Basta! - Übrigens ist die Zusammenraffung disparater Gedanken hier okay, weil der Text sich doch entwickeln darf und zudem hier eine Ich-Du-Ebene eindringt.
    Im Wohnzimmer eine Sonnenblume. In der Küche ein Wiesenstrauß. Wie oft habe ich dir angeboten, eines meiner Bilder aufzuhängen. Ich bot dir sogar mein Lieblingsbild an. Die Frau in schwarz-weiß, die mit der Pistole im Anschlag auf den Betrachter zielt. Aber du beharrtest auf deinen weißen Wänden. Ich brauche meine Ruhe, sagtest du dann.
    Bißchen nervig, diese Einzelheiten hier schon zu lesen. Bleiben wir bei den Geräuschen, dem Hall und dem Boden und den bedeckten Wänden. Das Du verschwindet jetzt wieder und es bleibt ein Ich, ein in sich hineinlauschendes Ich. Davon will ich jetzt was lesen, nichts von einem Du oder von einem Bild soundso... Das nervt jetzt. - Das Einwerfen dieser schießenden Frau allerdings ist drastisch-schön.
    Du antwortest nicht auf mein Rufen. Bist du tot? Wie oft habe ich mich schon gefragt, wann es soweit sein würde.


    Wir diskutierten darüber, wer eine schlimmere Krankheit hat. Das Gespräch wurde verletzend. Du glaubtest, daß eine organische Krankheit furchtbarer ist als eine Geisteskrankheit.
    "Und, was ist mit all den Verrückten, die immer noch eingesperrt sind?"
    "Aber du bist nicht verrückt, du bist gesund."
    "Ja, das ist Chemie, das sind die Tabletten. Du mußt auch Chemie nehmen, wenn du dir eine künstliche Herzklappe einsetzen läßt. Warum nimmst du nicht eine vom Schwein oder von einer Leiche."
    "Ich lasse mir keine Leichenteile einsetzten. Die Chance, daß ich überlebe besteht 1 zu 3000."
    Ich schmunzelte.
    "Das ist fast wie ein Gewinn im Lotto. Das überlebst du. Bitte laß dir keine künstliche Herzklappe einsetzen. Du mußt dein Leben lang Tabletten nehmen. Wie ich auch."
    "Tabletten nehmen, das ist wie die Paradontose. Ich nehme täglich Meridol, Mundlösung."
    "Aber das ist äußerlich."
    Du wolltest nichts hören, beharrtest auf deiner Mundlösung.
    Das im Dialog ist besser, aber immer noch nervig. Zudem fehlt der Einsatz des Konjunktivs wegen indirekter Rede. - Man hat das Gefühl, es könnte noch stundenlang so weitergehen. Und da will ich denn doch mal nach der Funktion dieses Abschnitts fragen. Der Anfang ist da, funktionell betrachtet, gelungen, sprachlich zwar zu beanstanden, aber funktionell gelöst, dann brichst Du ein in ein Ich-Du, was als Indiziertes glaubwürdig und notwendig ist, doch dann findest Du nicht mehr hinaus zu dem Ich, bleibst erst durch ein unsichtbares Du gefangen, dann durch das Gespräch. Das ermüdet den Leser hier schon. Es ist da zu wenig Bewegung im Text, auch keine Richtung erkennbar, eher ein Kreis, ein immer wiederkehrender Kreis... Verstehst?

  3. #3
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    Post AW: Bist du noch da?

    Lieber Robert,
    ok, ich werde den Text entrümpeln und mal sehen was daraus wird.

    Fehlt noch der Schluß. Kannst du den auch noch bearbeiten?


    Mein Schlüssel fällt ins Schloß. Stürmisch öffne ich die Tür. Ich rufe nach dir. Keine Antwort. Als ich auf den Parkettboden trete, ist es so als ob ich in eine Begräbnisfeier einfalle. Meine Schuhe hallen in der hohlen Wohnung. Du wolltest keine Bilder, keine Möbelstücke. Nur die zwei Glasvasen und sonnabends Blumen. Im Wohnzimmer eine Sonnenblume. In der Küche ein Wiesenstrauß. Wie oft habe ich dir angeboten, eines meiner Bilder aufzuhängen. Aber du beharrtest auf deinen weißen Wänden. Ich brauche meine Ruhe, sagtest du dann. Ruhe, dachte ich. Und was ist mit meiner Ruhe? Die Wände in meiner Wohnung schreien. Sie sind vollgeklatscht mit Bildern von Frauenköpfen. Selbstbildnisse. Das Gesicht ist immer geteilt. Bei einem der Bilder ist das rechte Auge schwarz, groß und hängt herunter. Das linke ist klein und hell. Ich habe es der Malerin und Bildhauerin Eva Hesse nachempfunden. Ihre Mutter war krank, psychisch krank. Als du die Bilder sahst, sagtest du es sei Kunst, aber nicht dein Ding. Wie kann man nur in Chagall oder Hopper verliebt sein?


    Ich rufe erneut nach dir. Du antwortest nicht auf mein Rufen. Bist du tot? Wie oft habe ich mich schon gefragt, wann es soweit sein würde. Mein Blick gleitet durch den Flur. Verzweifelt suche ich nach getrockneten Rosen, gefallenen Engeln. Aber die Wohnung bleibt nüchtern. Die weißen Wände schreien mich an. Ich erinnere mich an ein Krankenhaus. Ich schlurfe den Gang entlang in der Geschlossenen. Meine Füße wie tot. Der Mund trocken von den Medikamenten. Bewegungsunsruhe aufgrund des Medikaments. Jetzt bloß nicht hinsetzen und eine rauchen. Das Sitzen verstärkt den Bewegungsdrang. Und jetzt bloß nicht sprechen. Die Worte quillen dann wie zerstochene Plastikkissen aus dem Mund. Daneben andere Patienten in ausgerissenen Jogginganzügen mit der gleichen Unruhe. Ständig laufen sie den Gang entlang im Kreis. Und ich mit.


    Wir diskutierten darüber, wer eine schlimmere Krankheit hat. Das Gespräch wurde verletzend. Du glaubtest, daß eine organische Krankheit furchtbarer ist als eine Geisteskrankheit.
    "Und, was ist mit all den Verrückten, die immer noch eingesperrt sind?"
    "Aber du bist nicht verrückt, du bist gesund."
    "Ja, das ist Chemie, das sind die Tabletten. Du mußt auch Chemie nehmen, wenn du dir eine künstliche Herzklappe einsetzen läßt. Warum nimmst du nicht eine vom Schwein oder von einer Leiche."
    "Ich lasse mir keine Leichenteile einsetzten. Die Chance, daß ich überlebe besteht 1 zu 3000."
    Ich schmunzelte.
    "Das ist fast wie ein Gewinn im Lotto. Das überlebst du. Bitte laß dir keine künstliche Herzklappe einsetzen. Du mußt dein Leben lang Tabletten nehmen. Wie ich auch."
    "Tabeletten nehmen, das ist wie die Paradontose. Ich nehme täglich Meridol, Mundlösung."
    "Aber das ist äußerlich."
    Du wollest nichts hören, beharrtest auf deiner Mundlösung.

  4. #4
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    Post AW: Bist du noch da?

    Klar doch, Bowle. Meine Montagmorgengymnastik, bevor ich mich der Bestie widme.
    Ich wage mich in die Wohnung vor. Ich streife mir die Schuhe ab, schaue kurz in mein Spiegelbild.
    Das ICH ist verwirrend, weil doch eigentlich keine neue Handlung beginnt, sondern nur die Fortsetzung der ersten vollzogen wird.
    Eine 37jährige in einem schwarzen kurzen Kleid. Dünne Beine, einen schmalen Hintern.
    Warum benutzt Du hier keine vollständigen Sätze? Wenn Du raffen willst, dann stell das zusammen, sonst wirkt es unnötig bedeutungsschwanger.
    Was, wenn es wahr wäre?


    Ich war vor dir im Schwimmbad und zog meine 1000 Meter herunter. Danach setzte ich mich auf mein Handtuch. Zog das Handy heraus und wählte deine Nummer. Ich hatte dich gewarnt, daß es gewittern würde. Ich sprach dir gerade auf dein Band, als ich dich kommen sah. Ich ließ das Handy sinken und starrte dich an. Du hattest ein Lächeln auf deinen Lippen. Es tröpfelte.
    Das ist hier gut. Das Lächeln tröpfelte. Man könnte aber meinen, daß es ungewollt geschah. Dennoch ist es gut. Solche Wechsel könntest Du öfter einbauen. Also, einfache Beschreibung von einfachen Zuständen, dann aber verbindest Du sie über Zwischensätze, die beide verbinden. Dadurch könntest Du eine synästhetische Grundstimmung erzeugen, die dem schizoiden Duktus des Textes gut zupaß käme.
    Kurz verweiltest du und dann zogst du von dannen in Richtung Pool.
    Zu kompliziert. Bleib bei ihm, setz einen aktiven Vorgang. VERWEILEN ist nicht aktiv genug.
    Das Tröpfeln wurde stärker. Ich begann meine und deine Sachen zusammenzupacken. Besorgt schaute ich in den Himmel. Der Regen wurde stärker.
    letzten Satz streichen
    Ich gab mir einen Ruck und ging in Richtung Pool. Als du kurz aufschautest, sagte ich dir, daß ich dich oben im Restaurant erwarten würde.
    Hier Zwischenhandlung einbauen, meinetwegen wieder auf IHN kommen.
    Ich holte mir einen Weißwein und setzte mich unter das Dach. Der Regen prasselte nun wie aus Kübeln. Ich wartete und wartete. Du zeigtest dich nicht. Besorgt schaute ich auf die Uhr. Was, wenn es passiert wäre? Hektisch stand ich auf und wollte in Richtung Pool laufen, um dich zu sehen, aber da kamst du mir mit einem Lächeln entgegen.
    Das letzte wirkt verloren, im Text untergegangen. Der Leser sitzt schon im Restaurant.
    Ich lege den Schlüssel auf den Metallschrank. Ein klirrendes Geräusch. Erneut ein Ruf. Aber er erstickt in meiner Kehle. Nur nicht jetzt. Auf leisen Sohlen betrete ich dein Schlafzimmer. Ich beobachte dich, wie du daliegst. Ein Adonis. Ich beobachte deine Füße. Regen sie sich noch? Bist du noch da? Ein leichtes Zucken in deinem rechten Fuß.

  5. #5
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Bist du noch da?

    Auf jeden Fall ein virulenter Text, dessen Variationen im Jahre 2003 Bowle beschäftigten.

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