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Thema: diE KuNst dEs GEdicHts

  1. #51
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    Laufkundschaft

    diE KuNst dEs GEdicHts @ Mr. Jones

    Ich möchte etwas für Mr. Jones hier lassen. Man möge mir meine Unverfrorenheit verzeihen.

    Ein Gedicht,
    dass noch so schöne Worte führt
    doch meine Seele nicht berührt,
    das sage ich ganz unbeschwert,
    ist nicht des zweiten Lesens wert.
    Und rührt es meine Seele an
    zieht gänzlich mich in seinen Bann,
    geniess'ich es, so oft ich kann.

    (G.M.)

  2. #52
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    hypothesen, noch ohne beweis:


    1.
    der ehrgeiz aller kunst ist es, die zeit anzuhalten.
    gleichsam versucht das gedicht das endgültige einer prophezeiung zu erreichen, im gegensatz zur prosa...


    2.
    das gedicht muss nichts beweisen. die einzige regel auf dem spielfeld der lyrik lautet: alles ist wahr.


    "wasserleben regnet in einzelnen tropfen auf die welt."


    "feuerleben verkohlt die welt."


    wasserleben, feuerleben, heute dies, morgen das. dem dichter muss geglaubt werden.


    Mr. Jones

  3. #53
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Über Gedichte
    (von Hermann Hesse)




    Es geht mir jetzt oft so, daß ich bei unzweifelhaft "schlechten" Gedichten eine Lust verspüre, sie zu billigen, ja zu rühmen, während die guten, ja die besten mir oft verdächtig erscheinen.
    Es ist das Gefühl, das man zuzeiten einem Professor oder einem Beamten oder einem Irrsinnigen gegenüber haben kann: Für gewöhnlich weiß man genau und ist davon überzeugt, daß der Herr Beamte ein einwandfreier Bürger, ein gerechtfertigtes Kind Gottes, ein richtig nummeriertes und nützliches Mitglied der Menschheit ist, während der Irre eben ein armer Kerl ist, ein unglücklicher Kranker, den man duldet, den man bedauert, der aber keinen Wert hat. Aber dann kommen Tage oder doch Stunden, etwa, wenn man ungewöhnlich viel mit Professoren oder mit Irren verkehrt hat, da plötzlich das Gegenteil wahr ist: dann sieht man in dem Irren einen stillen, in sich glücklichen, einen Weisen, einen Liebling Gottes, charaktervoll in sich selbst und in seinem Glauben von sich selbst begnügt - der Professor oder Beamte aber scheint einem entbehrlich, von mäßigem Charakter, eine persönlichkeitslose und naturlose Figur, von welcher zwölf aufs dutzend gehen.
    Ähnlich also ergeht es mir zuweilen mit schlechten Gedichten. Plötzlich scheinen sie mir nicht mehr schlecht, plötzlich haben sie einen Duft, eine Eigenart, eine Kindlichkeit, gerade ihre offensichtlichen Schwächen und Fehler sind rührend, sind originell, sind lieb und entzückend, und daneben wird das schönste Gedicht,das man sonst so liebte, ein wenig blass und schabloniert.
    Bei manchen unserer jüngeren Dichter sehen wir übrigens seit Tagen des Expressionissmus ähnliches am Werke: sie machen grundsätzlich keine "guten" oder "schönen" Gedichte mehr. Sie finden, es gebe schöne Gedichte genug, und sie selbst seien keineswegs dazu geboren und in die Welt gestellt, um noch weitere hübsche Verse anzufertigen und ein von früheren Generationen begonnenes Geduldsspiel weiter zu spielen. Sie haben damit vermutlich ganz recht, und ihre Gedichte klingen auch manchmal genauso rührend, wie man es sonst nur bei den "schlechten" Gedichten fand.
    Der Grund ist ja leicht zu finden. Ein Gedicht ist in seinem Entstehen etwas ganz Eindeutiges. Es ist eine Entladung, ein Ruf, ein Schrei, ein Seufzer, eine Gebärde, eine Reaktion der erlebenden Seele, mit der sie sich einer Wallung, eines Erlebnisses zu erwehren oder ihrer bewußt zu werden sucht. In dieser ersten, ursprünglichen, wichtigen Funktion ist überhaupt kein Gedicht beurteilbar. Es spricht ja zunächst lediglich zum Dichter selbst, ist ein Aufatmen, sein Schrei, sein Traum, sein Lächeln, sein Umsichschlagen. Wer wollte die nächtlichen Träume der Menschen auf ihren ästhetischen Wert und unsere Hand- und Kopfbewegungen, Gebärden und Gangarten auf ihre Zweckmäßigkeit hin beurteilen?! Das Wickelkind,das den Daumen oder die Zehe in den Mund steckt, tut ebenso klug und richtig wie der Autor, der am Federstiel nagt, oder der Pfau, der seinen Schweif ausbreitet. Keiner von ihnen tut besser als der andere, keiner hat mehr recht, keiner weniger.
    Manchmal geschieht es nun, daß ein Gedicht außer dem, daß es den Dichter entspannt und befreit, auch noch andere erfreuen, bewegen und rühren kann - daß es schön ist. Vermutlich ist das dann der Fall, wenn das, was es ausdrückt, etwas vielen Menschen Gemeinsames, bei allen Mögliches ist. Aber gewiß ist dies keineswegs.
    Hier beginnt nun ein bedenklicher Kreislauf.. Weil "schöne" Gedichte den Dichter beliebt machen, darum kommen nun wieder eine Reihe von Gedichten zur Welt, welche nichts als schön sein wollen, die gar nichts mehr wissen von der ursprünglichen, urweltlichen, heilig - unschuldigen Funktion des Gedichtes. Diese Gedichte sind von allem Anfang an für andere gemacht, für Hörer, Leser. Sie sind nicht mehr Träume oder Tanzschritte oder Schreie einer Seele, Reaktion auf Erlebnisse, gestammelte Wunschbilder oder Zauberformeln, Gebärde eines Weisen oder Grimasse eines Irren - sie sind bloß noch gewollte Erzeugnisse, Fabrikate, Pralines für das Publikum. Sie sind gemacht worden, um verbreitet und verkauft zu werden und von den Käufern zur Erheiterung oder Erhebung oder Zerstreuung genossen zu werden. Und gerade diese Art von Gedichten findet Beifall. In sie muß man sich nicht ernsthaft und liebevoll hineinversetzen, von ihnen wird man nicht gequält und erschüttert, sondern kann ihre hübschen, maßvollen Schwingungen bequem und lustvoll mitschwingen. Diese "schönen" Gedichte nun können einem zuzeiten ganz ebenso entleiden und zweifelhaft werden wie alles Gezähmte und Angepasste, wie die Professoren und Beamten. Und manchmal, wenn einem die korrekte Welt recht zuwider ist, dann hat man die Neigung, Laternen einzuschlagen und Tempel anzuzünden, und die "schönen" Gedichte bis zu den heiligen Klassikern hinauf schmecken an solchen Tagen alle ein wenig wie zensuriert, wie kastriert, wie allzu gebilligt, allzu zahm, allzu tantenhaft. Dann wendet man sich zu den schlechten. Dann ist einem überhaupt keines schlecht genug.
    Aber auch hier lauert Enttäuschung. Das Lesen schlechter Gedichte ist ein überaus kurzfristiger Genuß, man hat schnell genug davon. Aber wozu dann lesen? Kann nicht jedermann selbst schlechte Gedichte machen? - Man tue es, und man wird sehen, daß das Machen schlechter Gedichte noch viel beglückender ist als sogar das Lesen der allerschönsten.

  4. #54
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Bertolt Brecht schreibt:


    Einige Leute, deren Gedichte ich lese, kenne ich persönlich. Ich wundere mich oft, daß mancher von ihnen in seinen Gedichten weit weniger Vernunft zeigt als in seinen sonstigen Äußerungen. Hält er Gedichte für reine Gefühlssache? Glaubt er, daß es überhaupt reine Gefühlssachen gibt? Wenn er so etwas glaubt, sollte er doch wenigstens wissen, daß Gefühle ebenso falsch sein können wie Gedanken. Das müßte ihn vorsichtig machen.
    Einige Lyriker, besonders Anfänger, scheinen, wenn sie sich in Stimmung fühlen, Furcht zu haben, aus dem Verstand Kommendes könne die Stimmung verscheuchen. Dazu ist zu sagen, daß diese Furcht unbedingt eine törichte Furcht ist.
    Wie man aus den Werkstättenberichten großer Lyriker weiß, handelt es sich bei ihren Stimmungen keineswegs um so oberflächliche, labile, leicht verfliegende Stimmungen, daß umsichtiges, ja nüchternes Nachdenken stören könnte. Die gewisse Beschwingtheit und Erregtheit ist der Nüchternheit keineswegs direkt entgegengesetzt. Man muß sogar annehmen, daß die Unlust, gedankliche Kriterien heranzulassen, auf eine tiefere Unfruchtbarkeit der betreffenden Stimmung hindeutet. Man sollte dann unterlassen, ein Gedicht zu schreiben.
    Ist das lyrische Vorhaben ein glückliches, dann arbeiten Gefühl und Verstand völlig im Einklang. Sie rufen sich fröhlich zu: Entscheide du!




    Soweit Bertolt Brecht im Jahre 1954.

  5. #55
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Kann nicht jedermann selbst schlechte Gedichte machen? - Man tue es, und man wird sehen, daß das Machen schlechter Gedichte noch viel beglückender ist als sogar das Lesen der allerschönsten.


    Großartig, und es ist wie beim Kochen! Die Lust am Selbstgekochten kann niemals durch eine Iglu-Pizza-Bolognese ersetzt werden. O Kochen, was für eine Kunst!

  6. #56
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Lester schrieb per 21. Januar 2003 im Ordner "lyrik vs. Verstand":


    Auf jedem Tische zwei. Männer und Weiber
    kreuzweis. Nah, nackt, und dennoch ohne Qual.
    Den Schädel auf. Die Brust entzwei. Die Leiber
    gebären nun ihr allerletztes Mal.
    Jeder drei Näpfe voll: von Hirn bis Hoden.
    Und Gottes Tempel und des Teufels Stall
    nun Brust an Brust auf eines Kübels Boden
    begrinsen Golgatha und Sündenfall.


    Der Rest in Särge. Lauter Neugeburten:
    Mannesbeine, Kinderbrust und Haar vom Weib.
    Ich sah von zweien, die dereinst sich hurten,
    lag es da, wie aus einem Mutterleib.




    So Benn, der Gottfried. Wie schreibt man so etwas. Wir leben/schreiben ja alle in seiner Tradition (nicht in der von Celan, der ist nicht von dieser Welt, ach ja, hab Dank für den Link, Robert, das war wirklich viel Arbeit..). Entsteht ein Gedicht? Nein, es wird gemacht.
    Ich höre oft, ein Gedicht entsteht, in dem man alles rauslässt (ähnlich wie decariot es schreibt), dann selbiges in eine Form bringt und 'streicht'. Streichen scheint wichtig zu sein. Obiges Gedicht wäre so nie entstanden. Im Leben nicht. Ein Gedicht braucht Form, Artistik und ist eher Ergebnis einer Komposition als eines Streichkonzerts .


    Wenn ich mal Benn bemühen darf, auch wenn es schon 50 Jahre her ist:
    1. Ein Gedicht entsteht nicht, es wird gemacht (ein Gedicht entsteht nicht durch die melancholische Stimmung beim Betrachten einer Heidelandschaft).
    2. Ein Gedicht ist selbstreflexiv (Kunst ist auch das Hervorbringen von Kunst, nicht nur das Ergebnis)
    3. Es braucht Artistik (eine Tranzendenz der schöpferischen Lust)
    4 Obsolet sind:
    a) Der unbelebten Natur angedichtete Stimmungen
    b) Wie-Gedichte (Tja decariot...)
    c) Farbbeschreibungen (Farben sind reine Wortklischees, die besser beim Optiker oder Augenarzt ihr Unterkommen finden)
    d) Der seraphische Ton (ein Gedicht befasst sich mit Wirklichkeiten und nicht mit schwärmerischen Sentimentaliäten).

  7. #57
    Erich Fried
    Laufkundschaft

    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    DREI FRAGEN ZUGLEICH


    Darf ein Gedicht
    in einer Welt
    die an ihrer Zerrissenheit
    vielleicht untergeht
    immer noch einfach sein?


    Darf ein Gedicht
    in einer Welt
    die vielleicht untergeht
    an ihrer Zerrissenheit
    anders als einfach sein?


    Darf eine Welt
    die vielleicht an ihrer
    Zerrissenheit untergeht
    einem Gedicht
    Vorschriften machen?

    Noch eins:

    Geglücktes Spätwerk
    Schöne Kadenz
    Vollkommenes
    Spiel der Vokale
    Die Melodie
    ungewohnt
    und doch zwingend
    Das Ganze aufwühlend
    einprägsam
    kurz genug
    Nie zuviel
    Man möchte
    mehr davon hören
    Ob es ein Notschrei war
    ist wirklich
    unwesentlich

  8. #58
    Conrady
    Laufkundschaft

    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Zur Lyrik gehören alle Gedichte, und Gedichte sind sprachliche Äußerungen in einer speziellen Schreibweise. Sie unterscheiden sich durch die besondere Anordnung der Schriftzeichen von anderen Schreibweisen, und zwar durch die Abteilung der Verse, wofür bei der "visuellen Poesie" die Bildgestaltung mit den Mitteln des (nicht immer nur) sprachlichen Materials und der Schrift eintritt. Der Reim ist für die Lyrik kein entscheidendes Merkmal. ... Der Autor entscheidet durch seine Wahl der Anordnung des Textes, ob er ihn als "Gedicht", als "Lyrik" ansieht und angesehen haben will. Erst in genauer Einzelbetrachtung läßt sich zeigen und muß beurteilt werden, ob und wie im Zusammenhang mit "Thema" und "Textorganisation" das jeweilige Gedicht welche Bedeutung gewinnt, welche Intention es leitet, an wen es sich richtet, was seine spezielle Schreibweise besagt und gemäß, welcher Kriterien es als gelungen oder mißlungen einzuschätzen ist.

  9. #59
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Aufpassen. Die Ebenen verwirbeln schon. "Kunst des Gedichts" lautet hier Dein Thema, Jonathan.
    Im letzten Beitrag war von einer Dislokation die Rede. Ich möchte hier anführen, daß viele Autoren (siehe Hannemann) nicht wissen, was sie eigentlich schreiben. Es fließt aus ihnen heraus. Der bewußte Schreibakt ist bei vielen gegeben, doch die besten Autoren sind diejenigen, die in einem Ekstase-Zustand niederlegen, was sie empfingen. (Das wußten schon die Griechen, die den Dichter als den Dolmetsch Gottes bezeichneten, allerdings nur im Ekstase-Zustand...)
    DIE WAHL DER ANORDNUNG DES TEXTES entscheidet nicht über die Zuordnung zum Genre "Lyrik", sie ist bestenfalls Agridenz, also dem - ich möchte es prosaisch so nennen - Grundfeeling des Gesamttextes. Aus diesem Grundgefühl baut sich die Form, die wiederum für den Leser eine Möglichkeit schafft, zum Kern des Textes vorzudringen.


    Deshalb ist die Sache mit der Form so wichtig, weil sie Türen öffnet.


    Und was der Dichter WILL - das ist die nämliche Dislokation! -, das ist bestenfalls drittinstanzlich für den Leser, sogar für den Dichter/Autoren. Denn wir alle stehen im einem Duktus höherer Instanzlichkeit.

  10. #60
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Sicherlich trivial, und reimt sich nicht mal richtig, aber ich hänge nun mal an den Versen - mit Übersetzungsversuch:


    We came down
    The rivers and highways
    We came down from
    Forests and falls


    We came down from
    Carson and Springfield
    We came down from
    Phoenix enthralled


    And I can tell you
    The names of the Kingdom
    I can tell you
    The things that you know
    Listening for a fistful of silence
    Climbing valleys into the shade ...


    James Douglas Morrison
    (aus "Celebration of the Lizard")



    Wir kamen hinab
    Auf Flüssen und Straßen
    Wir kamen hinab von
    Wäldern und Seen


    Wir kamen hinab aus
    Carson und Springfield
    Wir kamen hinab aus
    Phoenix verträumt


    Und ich kann euch sagen
    Die Namen des Königreichs
    Ich kann euch sagen
    Was ihr doch längst wißt


    Lauschend, in einem Moment der Stille
    tauchen Täler in Schatten ein...

    Gruß
    K.

  11. #61
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    ..das u.a. Gedicht von GB verfolgt mich seit Jahren. Es ist mir, als könnte ich es verstehen, aber es ist unmöglich, ich kann es nicht entziffern. Ich weiß, daß die 2. Strophe 20 Jahre nach der ersten entstand, faszinierend, daß das geht. Ein perfektes Gedicht, deshalb gehört es hier hin, leider unlösbar....




    Welle der Nacht - Meerwidder und Delphine
    mit Hyakinthos leichtbewegter Last,
    die Lorbeerrosen und die Travertine
    wehn um den leeren istrischen Palast,


    Welle der Nacht - zwei Muscheln miterkoren,
    die Fluten strömen sie, die Felsen her,
    dann Diadem und Purpur mitverloren,
    die weiße Perle rollt zurück ins Meer.

  12. #62
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    Post

    Houellebecq:


    "Die Poesie ist das natürlichste Mittel, um die reine Intuition eines Augenblicks zu vermitteln. Es gibt wirklich einen Kern reiner Intuition, der sich direkt in bilder oder Wörter übertragen lässt. Solange man bei der Poesie bleibt, bleibt man bei der Wahrheit."

    Kundera:


    "Wenn sich der Dichter, statt 'das Gedicht' zu suchen, das 'irgendwo dahinter' verborgen ist, dahingehend engagiert, mit einer im voraus feststehenden Wahrheit (die sich von selbst anbietet, die 'davor' ist) aufzuwarten, verzichtet er auf die der Poesie eigene Mission. Und es spielt dabei kaum eine Rolle, ob die vorausgesetzte Wahrheit Revolution oder Dissidenz, christlicher Glaube oder Atheismus heisst und ob sie mehr oder weniger richtig ist; der Dichter, der sich in den Dienst einer anderen Wahrheit als der ZU ENTDECKENDEN stellt (die BLENDUNG bedeutet), ist kein echter Dichter.

    postscriptum:


    "Dichter erfinden Gedichte nicht
    Irgendwo dahinter ist das Gedicht
    Es ist da, undenkliche Zeiten,
    Der Dichter entdeckt es nur."
    -Jan Skacel


    Dazu Kundera: "Für den Dichter bedeutet Schreiben also, eine Wand zu durchstossen, hinter der im Schatten etwas Unwandelbares (DAS GEDICHT) verborgen ist. Deshalb (dank dieser plötzlichen Enthüllung) wirkt DAS GEDICHT auf uns zunächst wie eine BLENDUNG."


    Bestimmte Wahrnehmungsweisen der Welt sind poetisch. Die Sprache ist ein Mittel, zu diesen aufwühlenden Wahrnehmungen zurückzufinden. Eine Theorie, die Jean Cohen in folgendem Satz zusammenfasst:


    "Die Poesie ist der Gesang des Signifikats."

    Michel Houellebecq schreibt über Jean Cohen, dass diesem zufolge die Poesie danach strebe, einen von Grund auf alogischen Diskurs zu erzeugen. Für die Sprache, die informiert, ist es möglich, dass das, was ist, nicht oder anders ist, anderswo, oder in einer anderen Zeit. Die Abweichungen der Poesie dagegen streben nach einem "Effekt der Unumschränktheit", bei dem das Bejahende die gesamte Welt überflutet, ohne dass sich ein äusserlicher Widerspruch behaupten könnte. Dies rückt das Gedicht in die Nähe von primitiveren Ausdrucksformen wie Wehklagen oder Geschrei. Das Register ist von beachtenswertem Umfang, aber die Wörter sind ihrem Wesen nach dem Schrei gleich. In der Poesie beginnen sie zu schwingen, sie finden ihre ursprüngliche Schwingung wieder. Diese ist aber nicht nur musikalischer Natur. Es ist die von ihnen bezeichnete Realität, die durch Worte zu ihrer zauberischen Macht, zu ihrem ursprünglichen Pathos zurückfindet.


    "Wenn tief und schwer der Himmel wie ein Deckel drückt..."


    Dieser wie so viele Verse von Baudelaire schrecklich schwerfällige Vers strebt etwas ganz anderes an als die Weitergabe einer Information. Es ist nicht nur der Himmel, sondern die ganze Welt, das Wesen dessen, der spricht, die Seele dessen, der zuhört, die von einem Ton der Angst und Beklemmung befallen werden. Die Poesie ereignet sich; Pathetik überflutet die Welt.

  13. #63
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    ein neues gedicht meinerseits, ich als cowboy diesmal.
    zum thema: diE KuNst dEs GEdicHts.


    .
    .
    .


    ein wildes pferd


    -------------------------


    was weiss ich, wie man ein gedicht schreibt.
    ich bin ein cowboy, verdammt.
    was ich weiss, das ist:
    wie man wilde pferde fängt.


    aber du, du hast einen bleistift und
    du hast alle fäden in der hand,
    den der ariadne und auch den roten.
    also. nimm noch eine wäsche- oder hundeleine
    und jedenfalls eine dreifach gezwirnte schnur hinzu.
    und das stromkabel, ja.
    nimm auch das tau, das die boote mit dem ufer verbindet.
    und das drahtseil, auf dem der tänzer geht im zirkus.
    und die strümpfe einer frau, vergiss die nicht.
    und vergiss nicht die blaue linie des horizonts.
    und zahnseide, zahnseide ist auch wichtig.
    ebenso schnürsenkel.
    und ein feuerwehrschlauch für den notfall.
    ausserdem eine kausalkette, meinetwegen.
    und so weiter.
    häng alles zusammen dann.
    knöpf ein lasso draus.
    dann wirf es aus.
    und mit ein bisschen glück oder so
    fängst du am ende ein wildes pferd.


    .
    .
    .
    ---
    Mr. Jones, August 2003

  14. #64
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts @ Mr. Jones

    erstellt von Sternchen:

    Ich möchte etwas für Mr. Jones hier lassen. Man möge mir meine Unverfrorenheit verzeihen.

    Ein Gedicht,
    dass noch so schöne Worte führt
    doch meine Seele nicht berührt,
    das sage ich ganz unbeschwert,
    ist nicht des zweiten Lesens wert.
    Und rührt es meine Seele an
    zieht gänzlich mich in seinen Bann,
    geniess'ich es, so oft ich kann.


    (G.M.)

    schön. flutscht. was flutscht und leicht ist, kann die seele auch anrühren. worte bewirken bei jedem etwas anderes.
    und darum will ich sternchen entgegnen: mehr toleranz! ein gedicht muß nicht schlecht sein, weil es bei dir nichts bewirkt.

  15. #65
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Ein Ordner, in dem es eher um das Dichten als die Kunst selber ging. Ich mag diesen Ordner, gerade weil er so viele Facetten umfaßt.

  16. #66
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Manchmal kann ein Gedicht wie ein Blitzlicht einen Sachverhalt erhellen. Manchmal kann ein Gedicht Zusammenhänge vernebeln. Manchmal kann ein Gedicht Gänsehaut erregen, meistens nur Langeweile verbreiten.

    Die Form ist eine notwendige aber nicht ausreichende Bedingung für ein Gedicht. Viele Gedichte sind nur Form, leere Form.
    Gedichte ohne spürbaren Formwillen zerfließen wie Butter in der Sonne.

    Was ein gutes Gedicht ist, weiß ich nicht. Was ein gelungenes Gedicht ist, sagt mir mein Gefühl.
    Alles sehr subjektiv. Wie Musik. Da gibt es kein Metermaß, mit dem man messen könnte.

    Aber ein Metrum haben sie beide, Gedichte und Musik. Ohne das geht es auch nicht.
    Rhythmus ist entscheidend. Schrieb schon oben jemand. Also Form und Rhythmus. Struktur und Maß in der Zeit. Beides gehört dazu.

    Da sind die Sprache und der Inhalt fast zweitrangig.

    Ach ja, man muß Gedichte nicht mögen. So wie man Musik nicht mögen muß. Es entgeht einem halt viel. Alles Geschmacksache.
    Gedichte gehören sicher nicht zu den lebensnotwendigen Dingen. Aber sie können das Leben bereichern, in Freude wie in Not.
    Das gilt auch für Wein, Bier, Zigaretten oder Pizza.

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