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Thema: diE KuNst dEs GEdicHts

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post diE KuNst dEs GEdicHts

    diE KuNst dEs GEdicHts


    _____________________________




    Jeder hat ein Lieblingsgedicht.
    Ich nicht.


    Was ist eigentlich ein Gedicht?
    Und wie schreibt man eines?
    Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht?
    Wer schreibt heutzutage noch Gedichte und warum?
    Kennt jemand die Kunst des Gedichts?


    Als Anhang zu meinem Ordner "Sammelsurium" möchte ich diesen hier zu einem Arbeitsordner machen, welcher sich mit Fragen rund um die Sonne des Gedichts dreht.


    Ich erhoffe mir dadurch für mich und alle Interessierten und Beteiligten eine Erweiterung des Horizonts und eine Zunahme an guten Gedichten auf Erden.


    Bin bereits jetzt gespannt auf eure Lieblingsgedichte und die Begründungen, warum sie das sind. Auf eure Ausführungen, Erklärungen, Beispiele zum Thema: Die Kunst des Gedichts.


    Tretet ein und gehet zu Werke.

  2. #2
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Lieber Freund des verdichteten Augenblicks im Wort der Bilder!
    Ich stimme Dir hier von ganzem Herzen zu.
    Ich habe viele, viele "Lieblingsgedichte", wenige jedoch kehren immer wieder zu mir zurück, so dieses:


    Selige Sehnsucht


    Sagt es niemand, nur den Weisen,
    Weil die Menge gleich verhöhnet,
    Das Lebendge will ich preisen
    das nach Flammentod sich sehnet.


    In der Liebesnächte Kühlung,
    Die dich zeugte, wo du zeugtest,
    überfällt dich fremde Fühlung
    Wenn die stille Kerze leuchtet.


    Nicht mehr bleibest du umfangen
    In der Finsternis Beschattung,
    Und dich reißet neu verlangen
    Auf zu höherer Begattung.


    Keine Ferne macht dich schwierig,
    Kommst geflogen und gebannt,
    Und zuletzt, des Lichts begierig,
    Bist du Schmetterling verbrannt.


    Und solang du das nicht hast,
    Dieses: Stirb und werde!
    Bist du nur ein trüber Gast
    Auf der dunklen Erde.


    Gedichte schreiben ist sterben und werden, wir versuchen immer wieder neu zu werden, wieder ein Stück mehr "ganz" zu werden, weil wir irgendwo vorher gestorben sind, dem Flug in ein Licht folgend. Gedichte geben dieses Lichtgefühl, um nicht nur ein trüber Gast zu sein.
    Wer mir jetzt vorwirft, ich verkaufte alte Hüte, sozusagen getretenen Quark, dem antworte ich aus dem Diwan gern noch etwas dazu, damit einmal das Zitat in voller Länge zu lesen ist, was allein schon eine gewisse philologische Genauigkeit gebietet:


    Getretner Quark
    Wird breit nicht stark.
    Schlägst du ihn aber mit Gewalt
    In feste Form, er nimmt Gestalt...


    Hier finden wir noch einen weiteren Hinweis, nämlich auf die Form. Gedichte sind immer auch Form, ohne Form, ohne den Willen zur Form, kann es nur getretner Quark, Langeweile, anödende Beliebigkeit aus HerzSchmerzSeelenschmalz sein, mit der Form kommt die Reife, die Kunst.


    Soviel als Einstieg, ich freu mich auf die Beiträge...
    uis


    [Diese Nachricht wurde von uisgeovid am 29. Juni 2001 editiert.]

  3. #3
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Hallo Jonny! Bist Du der kleine Anarchist? Der widerspenstigen Zähmung doch noch entronnen? (Das Subjekt wird in solchen Fällen ausgespart.)
    Jeder hat ein Lieblingsgedicht.
    Ich nicht.
    Wie wollen wir denn diesen Sachverhalt klären? Ich hoffe, nicht dichterisch. Hagen würde jetzt einwenden, daß Du unlogisch seist, ich denke, Du willst ein Gespräch initiieren, also unlogisch seyn. Ein Gespräch?! Das bringt mich zu meiner Lieblingssentenz. Sie stammt von Hölderlin, wie mein Lieblingsgedicht. Die Sentenz lautet: Ein Gespräch wollen wir sein. Mein Lieblingsgedicht ist Patmos, insbesondere die erste Strophe.
    Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Ich schreib hier bestimmt noch ein wenig. Vielleicht wird das ein sehr umfangreicher Ordner.

    Vom Jordan fern von Nazareth
    Und fern vom See, an Capernaum, wo sie ihn
    Gesucht und Galiäa die Lüfte, und von Cana.

  4. #4
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Sorry Mr. Jones, aber Gedichte sind für mich meist nur mehr oder weniger geschraubte Seelensüchteleien über Verhältnisse, die man auch ohne weiteres in klarer hübscher Prosa ausdrücken könnte. Warum nur: "Das mangelnde Brot! In meiner Not erscheint mir der Tod als einzig Gebot", wenn Mann auch einfach zu sagen vermöchte: "Ich bin am verhungern, Alte, schmier mir mal ne Mammaladenstulle!"


    Ausnahmen? Ausnahmen gibt es immer.


    Weißt Du, wo die Nacht bleibt,
    Wenn sie dem Lauf des Tages folgt?
    Kennst Du das Zeichen?
    Hast Du der Bäume Blätter gezählt?
    Weißt Du, wer die Berge baute
    Vor dem Sturz der Elemente?
    Weißt Du, wer die belebte Erde stützt?
    Die Seele klagt, weiß keine Antwort.
    Wer hat es erschaut? Wer weiß das alles?
    Ich achte die Bücher
    Wie auch das, was sie nicht wissen.


    Taliesin, der Barde.

  5. #5
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Lieber Hannemann!


    Dazu muss ich dir etwas sagen. Bist also nicht von Lyrik überzeugt, nennst aber als Ausnahme einen Barden.
    Was tun Barden? Was tat Homer? Wie sang Wolfram von Eschenbach? Wie wurde afrikanische Geschichte über Jahrhunderte überliefert? Wovon erzählen die Schamanen am Amazonas?
    Bevor eine Kultur ihre Schriftlichkeit erwirbt, hat sie Geschichte und Geschichten, Mythen sowieso. Gilgamesch-Epos.
    Das ist Lyrik. Zwar nicht so, wie wir sie heute verstehen, aber wir haben ja auch schon eine Kulturtradition der Schriftlichkeit, will sagen, vor der Schriftlichkeit lag der Gesang, lag das in Form gebundene Sprachwerk, damit es sich besser (auch am Lagerfeuer in langen Nächten) tradieren ließ, weitergegeben werden konnte an die nachfolgenden Generationen. In den Köpfen der Geschichtenerzähler Afrikas findet sich das Wissen von Bibliotheken (reiner Vergleich). So ist Lyrik entstanden immer aus dem Bemühen heraus, Mitteilungen zu verdichten. Etwa so als wenn wir heute eine E-mail schreiben, sie wird ja auch in Zahlenfolgen von 0 und 1 kodiert und dann wieder dekodiert.
    Beantwortet das die Frage nach dem Gedicht? Nein, nicht direkt. Aber der Barde, der Hannemannsche Barde gab mir zu denken, dass auch Hannemann einsehen könnte, dass Lyrik nötig war ... und ist.
    Wenn wir heute Lyrik schreiben, tun wir es genauso wie vor tausenden von Jahren, wir nehmen unsere Welt, packen sie in unsere Worte , unsere Sprache, unsere Form... Nur faszinieren tut es kaum noch so wie damals, weil wir nicht mehr konkurrenzlos sind. Naja, nicht nur weil es auch Prosa gibt inzwischen, Prosa ist schließlich auch nichts anderes als Lyrik, oder?
    Ich will durchaus den Lyriker von heute mit einem Barden jener Tage, mit einem afrikanischen Geschichtenerzähler und einem Schamanen vergleichen.
    Manchmal, wenn ich eine Botschaft in ein Bild kodiere, das nur mir im hermetischen Sinne verständlich erscheint, dann entdecke ich irgendwo einen Leser, der eben dieses Bild genauso verstehen kann. Einer reicht schon, das ist das kleine Wunder.

  6. #6
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Danke uis, für ein kleines Wunder lohnt sich ein Gedicht. Doch eines möchte ich noch verdeutlichen, den Rhythmus, die Musik. IM ANFANG WAR DIE MUSIK!... und ich glaube, es war der Blues.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Beim Blues, Hannemann, bist Du mitten im Zentrum eines Gedichts, bist Du in der Seele und in ihrer Bedeutung.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Vielleicht wird das ein sehr umfangreicher Ordner, ja. Vielleicht wird es auch ein wunderbarer Ordner. Voll Musik und Leben und Poesie. Wie ein Gedicht halt.



    danke


    fürs
    mitmachen
    und
    weitermachen

  9. #9
    Die Wahrheit
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Ich bin ein gedicht !

  10. #10
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Wahrheit schrieb:
    Ich bin ein Gedicht!


    Ist Wahrheit ein Gedicht?


    Gott lacht, wenn er mich denken sieht. Wenn ich aber dichte, wird Gott stiller, und ganz still ist sein Lächeln als Echo auf ein wirklich und wunderlich gutes Gedicht.

    Wirklich und wunderlich, schreibe ich, und füge hinzu: wahrhaftig. Denn ich weiss nicht, was Wahrheit sein soll, aber bestimmt soll ein Gedicht wahrhaftig sein.






    aNNäHeRuNG aN deN tHeMeNBeReicH


    _______________________________________




    "Roman, Short Story, Gedicht. Die Idee, dass man ein Gedicht hinfetzen und etwas auf den Punkt bringen kann, hat etwas Verlockendes. Das scheint wirklich der kürzeste und knackigste Weg zu sein. Warum einen Roman schreiben, wenn man es in zehn Zeilen sagen kann?"
    -Charles Bukowski


    Was ist das aber eigentlich, ein Gedicht? Definition, irgendeinem Lexikon entnommen: "Gedicht = Bezeichnung für jede Dichtung in Versform." Etwas ausführlicher finde ich in einem anderen Lexikon: "Ursprünglich war der Begriff 'Gedicht' die Bezeichnung für alles Geschriebene, seit dem 18. Jahrhundert allerdings bezieht er sich ausschliesslich auf poetische Texte. Danach blieb der Ausdruck 'Gedicht' zumeist auf den Bereich der Lyrik beschränkt. Bis zur Moderne war das Gedicht als lyrische Form an die überlieferten Gattungsmerkmale - Metrum, Reim, Strophe - gebunden. Danach etablierten sich zunehmend freie Verse."


    Eine andere Möglichkeit der Definition:
    Ein gutes Gedicht gleicht der Rose, die man seiner Liebsten schenkt. Über alle Moden und alle Entwicklungen hinweg zu bleiben, ist das Ziel des Gedichts. Also den Zeiten, die sich ändern, wie Bob Dylan richtig bemerkte, standzuhalten.
    -Mr. Jones


    Die Idee meiner Definition des Gedichts lieferte B. Brecht. "Alle grossen Gedichte", so dieser, "haben den Wert von Dokumenten." Wir erinnern uns gleichzeitig an Bertolt Brechts Botschaft: "Alle Künste tragen bei zur grössten aller Künste, der Lebenskunst." Und lassen dies so stehen.


    Nämlich es wird Zeit, Goethe zu zitieren, Goethe zu Eckermann 1823: "Die Welt ist so gross und reich und das Leben so mannigfaltig, dass es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein." Die Gelegenheiten mögen politisch, historisch oder an Freunde oder Frauen gerichtet sein, mögen ausgehen von Bildern oder Persönlichkeiten, seien es historische oder zeitgenössische, was zählt ist einzig, dass die Realität den Stoff für das Gedicht liefert, d.h. dass das Gedicht auf dem Grund und Boden der Wirklichkeit fusst. Dadurch wird es zu einem Gelegenheitsgedicht im Sinne Goethes, der weiter sagte: "Von Gedichten aus der Luft gegriffen, halte ich nichts." Damit unsere Gedichte also auch dem verehrten Goethe standhalten, was ja explizit das Ziel des Gedichtes ist, bitte ich um Gelegenheitsgedichte.


    Worte Bukowskis, um ihn, den Pferderennen-Liebhaber, zum Abschluss dieser meiner Annäherung nochmals zu bemühen: "Das Gedicht ist der einsame Favorit auf der Zielgerade. Daran führt nichts vorbei. Es wird das Rennen machen."

    Mr. Jones

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Über Kunst ist gut reden. Über Gedichte auch. Die Kunst, las ich mal, das ist ein marionettenhaftes, jambisch-fünffüßiges und kinderloses Wesen. So ungefähr der erste Satz aus Celans Büchnerrede. Die ganze Rede ist derartig kryptisch, dass sie ihrem Gegenstand auffällig ähnlich sieht.


    Wie wird ein Gedicht? Wenn man's wüßte. Man kann ein G. 'machen', keine Frage. Aber man kann es nicht fertig machen. Es bleibt unfertig. Es steht da wie ein Holzpferd. Pegasus ähnlich. Tot. Und dann wird es doch noch. Es macht sich selbst. Ein Wort findet sich ein. Und verschwindet wieder. Ein anderes kommt und erzwingt die Umstellung eines Verses. Dann verschwindet es wieder. War nur Katalysator. Jetzt bäumt sich ein Verb und will Substantiv sein und will weiter nach vorne und will partout ein Komma. Zwei Zeilen aus einem anderen, längst vergessene Versuch melden sich gehorsamst und denken sich hinein. Bleiben. Und wollen dorthin, wo sich ein seltsames Reim ergibt. Eine Auflösung aus einer Häufung dunkler Vokale ergeben. Jetzt lebt es, jedenfalls teilweise. Irrlichtert.


    Und plötzlich doch nicht mehr. Im Kopf des Schreibers geht seltsames vor. Er versteht nicht mehr, was er gerade noch sah in den Wörten, des Halbsätzen und Versen. Das Zusammenspiel, das Leuchten: alles weg. Hölzerne Worte auf Papier. Sonst nichts. Und er legt das Blatt beiseite. Etwas erschöpft, etwas verwirrt. Wieder ein Versuch, vergeblich. Aber irgendwann, vielleicht beim dritten Versuch, beim zweihundersten ist es da: ein Gedicht. Und es ist sehr gut.


    Man glaubt es nicht. Läßt es liegen. Liest es wieder am nächsten Tag. Und es ist immer noch gut. Das einzige im ganzen Monat. Nach sovielen Versuchen. Freut sich der Schreiber.


    Dann bringt er es in ein Forum. Aber das ist eine andere Geschichte.

  12. #12
    Ein Gedicht
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    leicht kommt es daher geflogen
    setzt sich auf deine Hand
    und flüstert dir Worte ins Herz

  13. #13
    während die Prosa
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    erst mit Messer und Gabel zerteilen
    in den Mund schieben
    und herunterschlucken musst

  14. #14
    während aber..
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    alle Dichtung eigentlich Gedicht ist
    streicht das Lyrische der Prosa
    meist nur die Backen rot an
    (wenn überhaupt)
    in der Lyrik aber
    sollte es pur
    gereicht werden

  15. #15
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    A poem is an ocean of thought
    in a single drop of water caught


    Ein Gedicht - in Wassertropfen
    eingefangene Ozeane von Gedanken


    Das ist schon seit einiger Zeit mein Motto!


    uis

  16. #16
    und
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    ein Tropfen Wort in deine Hand
    hältst du das Meer von Rand zu Rand

  17. #17
    jetzt noch mein Lieblingsgedicht
    Laufkundschaft

    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Mein Lieblingsgedicht


    Heute sind es diese Rosenblätter
    Gehalten in meinen hohlen Händen
    Sie trösten meine Augen
    Erquicken mein Herz
    Morgen vielleicht
    Bin ich weit
    Hinter den Bergen
    Oder bei dir

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    diE kuNst dEs GEdicHts
    _____________________________________




    ich habe zahnseide
    drahtseile
    antennenkabel
    galgenstricke
    schnürsenkel
    und nähfaden
    oder den faden der ariadne


    und alles drehe ich zusammen
    verknote und verflechte es
    miteinander
    zu einem strang
    mehr
    als tausend kilometer lang


    und damit wickle ich alles ein


    verknüpfe
    das häschen meiner geliebten
    und die kirchturmspitze
    mit einer büste von marx
    und mit schwarzen wolkentieren
    mit dem regenwald
    mit alaska
    mit hollywood
    mit gelbroten rosen im garten
    mit sirius im all
    mit einer toten amsel am strassenrand
    mit dem telefon im gang


    aber warum, fragt ihr, warum das alles?
    was steckt dahinter?
    wo ist der sinn darin?


    doch zur antwort kriegt ihr von mir nichts
    als ein stilles, wissendes lächeln
    während ich den rauch meiner zigarette inhaliere
    und anfang und ende
    und gott und die welt
    einfange
    und
    zusammenhänge.






    [Diese Nachricht wurde von Mr. Jones am 07. Juli 2001 editiert.]

  19. #19
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    noch eine antwort


    dann zeig mir, dichter, auch
    den einen augenblick
    als wimpernschlag
    über dem himalaya,
    zeig mir den schmerz einer rose,
    wenn sie gebrochen wird,
    zeig mir das drahtseil,
    auf dem du akte vollführst
    im frühen tau ohne publikum,
    zeig mir den brunnen,
    aus dem du trinkst,
    ohne alt zu werden,
    dann zeig mir noch so vieles,
    von dem ich nicht weiß,
    wie zahnseide aus galgenstricken
    gemacht wird zum beispiel,
    denn wenn ich dich lese,
    erkenne ich immer etwas,
    ohne mich ganz zu kennen




    [Diese Nachricht wurde von uisgeovid am 07. Juli 2001 editiert.]

  20. #20
    und auch dies...
    Laufkundschaft

    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    braucht ein gedicht...


    ich atme tausend nächte
    schaue millionen von sternen
    pflücke hundert rote rosen
    liebe sieben mal den mond
    kaue acht bittere wurzeln
    sterbe fünf tode
    koste den geschmack von pfefferminze
    lege meinen finger auf deine haut
    liege im sand
    laufe durchs wasser
    und schreibe dann über eine spinne auf einem blatt
    wäre ich aber nicht durchs wasser gelaufen
    hätte nicht im sand gelegen
    meinen finger nicht auf deine haut gelegt
    nicht den geschmack der pfefferminze gekostet
    wäre nicht fünf tode gestorben
    hätte nicht acht bittere wurzeln gekaut
    den mond nicht geliebt
    die rosen nicht gepflückt
    die sterne nicht geschaut
    und die nächte nicht geatmet
    so wäre die spinne nur eine spinne
    auf einem blatt
    so aber wird es ein gedicht

  21. #21
    Tochter aus gutem Hause
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    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    im urwald stehen bäume,
    dazwischen, urig, zwischenräume.
    und an den bäumen blatt für blatt
    hängt urlaub,
    schön wenn man ihn hat.


    Diese Nachricht wurde von Hannemann vor seinem Abflug jubiliert.

  22. #22
    gedichte...
    Laufkundschaft

    Post AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    manchmal schreien gedichte wie kleine kinder
    manchmal laufen sie sinnend über den strand
    manchmal singen sie das hohe lied der vögel
    und manchmal weinen sie wie fallendes laub


    immer aber... wenn sie uns berühren
    spüren wir das lebendige zittern


    der nachtigall oder
    des dorns

  23. #23
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Ist ein Gedicht
    am Ende
    nur
    des Poeten
    Schweigen
    ?

  24. #24
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    Wir diskutieren da noch...

    Ein Ergebnis der Postmoderne liegt - ihrer Meinung nach - darin, daß der Mensch für sein Tun verantwortlich ist. Also wird die Putabilität (ein lateinisches Wort für unsere Verantwortlichkeit existiert nicht, ähnlich, wie es im Griechischen keine adäquate Wortung dafür gibt), auch die Briten tun sich mit RESPONSibility sehr schwer, denn das stammt aus dem Latein, hat also den Sprung ins Eidos des Angesehenen im native speaker nicht erreicht.. Also, worauf ich hinauswollte: Ein Schweigen ist Tat, nicht Nicht-Tat, nicht Untat. Ein Schweigen stammt aus dem Tiefsten oder dem Vordergründigsten, ist also ein Bedachtes. Früher machte man nur die Tat verantwortlich, nicht die Motivation. Die war uninteressant. Also schlug man die Hand ab; die war's schließlich. In unsere heutige Zeit übertragen bedeutet es, das Hirn zu scannen und eventuelle Fehlleistungen zu lokalisieren und genetisch auszumerzen.. Ich schnalze gerade mit der Zunge, weil doch da tatsächlich irgendwer glaubt, man könne den Menschen ein bißchen amputieren und ausbessern.
    Ja, wo war ich?
    Also, ein Schweigen ist schon eine Wortung; es ist der Verzicht, die Unmacht, Ohnmacht oder die Bedarftheit des Augenblicks, die einem Schweigen vorangeht. Insofern schweigt auch ein Dichter, manchmal ohrenbetäubend.
    Unsere heutigen Dichter schweigen an den Gräbern, üben sich in falscher Demut und blenden das Herkommen zugunsten eines faden Imperialismus aus. Sie sind aus dem Hungerturm vergangen und gefallen sich an ihren Ejakulaten.


    Aber jetzt schwätze ich.


    P.S. Denn vielleicht ist der Mensch für sein Tun nicht verantwortlich, mithin irrt die Postmoderne!

  25. #25
    Kurzvormabschussiger
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    AW: diE KuNst dEs GEdicHts

    ... sich begreifen, annehmen, Verantwortung für sich übernehmen, suchen, sich öffnen, behutsam - brutal - ehrlich...


    Gedichte sollten nicht gesucht, nicht nach Worten, Reimen, Substantiven, Kommata gegraben - werden. Der Augenblick sollte sie erschaffen, der Reim in dein Hirn donnern, wie eine unerwartete Ohrfeige, oder sich ganz leis breit machen, über deinen Rücken rieseln die Worte, sie fließen;
    du sprichst sie aus, die Feder ist schneller als der Gedanke, es ist alles ganz klar, einfach, logisch, du riechst die Ganzheit, Instinkt nicht verschüttet..


    es ist, als kotzt du das ganze Erlebte Ereignis wie die Überreste des letzten Saufgelages aus deinem Unterbewusstsein..


    und wenn die getrocknete Tinte dem anderen keine Interpratition des Gefühls mehr lässt, sondern nur noch diese Hingabe grenzenloser Zustimmung (obwohl du von der henkellosen Lieblingskaffeetasse schriebst, die du irgendwie nicht wegwerfen kannst und der Leser nickend beisteuert "ja genau, so ging es mir mit 13 auch, als meine Eltern nicht mehr verstanden...") tja, dann ist dir wohl ein Gedicht gelungen....

    Original erstellt von lester:
    Über Kunst ist gut reden. Über Gedichte auch. Die Kunst, las ich mal, das ist ein marionettenhaftes, jambisch-fünffüßiges und kinderloses Wesen. So ungefähr der erste Satz aus Celans Büchnerrede. Die ganze Rede ist derartig kryptisch, dass sie ihrem Gegenstand auffällig ähnlich sieht.


    Wie wird ein Gedicht? Wenn man's wüßte. Man kann ein G. 'machen', keine Frage. Aber man kann es nicht fertig machen. Es bleibt unfertig. Es steht da wie ein Holzpferd. Pegasus ähnlich.Tot. Und dann wird es doch noch. Es macht sich selbst. Ein Wort findet sich ein. Und verschwindet wieder. Ein anderes kommt und erzwingt die Umstellung eines Verses. Dann verschwindet es wieder. War nur Katalysator. Jetzt bäumt sich ein Verb und will Substantiv sein und will weiter nach vorne und will partout ein Komma. Zwei Zeilen aus einem anderen, längst vergessene Versuch melden sich gehorsamst und denken sich hinein. Bleiben. Und wollen dorthin, wo sich ein seltsames Reim ergibt. Eine Auflösung aus einer Häufung dunkler Vokale ergeben. Jetzt lebt es, jedenfalls teilweise. Irrlichtert.


    Und plötzlich doch nicht mehr. Im Kopf des Schreibers geht seltsames vor. Er versteht nicht mehr, was er gerade noch sah in den Worten, des Halbsätzen und Versen. Das Zusammenspiel, das Leuchten: alles weg. Hölzerne Worte auf Papier. Sonst nichts. Und er legt das Blatt beiseite. Etwas erschöpft, etwas verwirrt. Wieder ein Versuch, vergeblich. Aber irgendwann, vielleicht beim dritten Versuch, beim zweihundersten ist es da: ein Gedicht. Und es ist sehr gut.


    Man glaubt es nicht. Läßt es liegen. Liest es wieder am nächsten Tag. Und es ist immer noch gut. Das einzige im ganzen Monat. Nach sovielen Versuchen. Freut sich der Schreiber.



    ---

    Geh hin und such' dir einen andern Knecht!
    Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,
    Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,
    Um deinetwillen freventlich verscherzen! ...
    ...Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart!
    J. W. v. Goethe


    Dann bringt er es in ein Forum. Aber das ist eine andere Geschichte.

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