Die Diktatur wird durch das in den Sowjets organisierte Proletariat verwirklicht, dessen Führer die Kommunistische Partei der Bolschewiki ist, die nach den Angaben des letzten Parteitags (April 1920) 611000 Mitglieder zählt.
Die Partei, die alljährlich ihre Parteitage abhält (bei dem letzten entfiel auf 1000 Mitglieder ein Delegierter), wird vom Zentralkomitee geleitet, das aus 19 Personen besteht und auf dem Parteitag gewählt wird; die laufende Arbeit in Moskau wird von noch engeren Kollegien geleistet, dem sogenannten „Orgbüro“ (Organisationsbüro) und dem sogenannten „Politbüro“ (Politisches Büro), die aus je fünf Mitgliedern des Zentralkomitees bestehen und in Plenarsitzungen des Zentralkomitees gewählt werden. Hier haben wir also eine regelrechte „Oligarchie“. Keine einzige wichtige politische oder organisatorische Frage wird in unserer Republik von irgendeiner staatlichen Institution ohne Direktiven des Zentralkomitees unserer Partei entschieden. (Lenin, Werke, Bd. 31, Berlin 1959, S. 32.)

Die innenpolitische Lage hatte sich im Sommer 1917 in Rußland nicht beruhigt. Hunger, Kriegsnot und unklare Machtverhältnisse spielten den Bolschewiki zu. Die bürgerliche Regierung unter dem Sozialdemokraten Kerenski fand aufgrund ihrer Kriegspolitik weder eine machtpolitische Basis im russischen Volk noch bei den adligen Eliten, und die schmale bürgerliche und intellektuelle Unterstützerschicht war zerstritten. Die Bolschewiki, straff von Lenin und Trotzki geführt, unterwanderten die großstädtischen Räte und organisierten die revolutionäre Situation (Streiks, Straßenraub, aufrührerische Reden, Pressearbeit, Agitation gegen die kriegführende Regierung). Anfang November fühlten sie sich stark genug, um den Umsturz zu wagen. Der Sturm boslchewikischer Soldaten auf das Winterpalais in Petrograd (St. Petersburg), Sitz der Provisorischen Regierung, von Trotzki am 7. November 1917 organisiert, war folgenreich. Jetzt erst änderte sich die russische Politik grundlegend:


  1. Die Bolschewiken übertrugen die (unteilbare) Macht auf den II. Allrussischen Kongreß der Sowjets (Räte);
  2. sie enteigneten (entschädigungslos) die Großgrundbesitzer und übertrugen das gewonnene Land auf die Landlosen und Landarmen, die es nutzen durften, und
  3. sie erließen das Dekret für den Frieden, das sich an alle kriegführenden Völker und Regierungen richtete, und forderten einen Friedenschluß ohne Annexionen und Kontributionen.


Die westlichen Partner Rußlands lehnten sofort ab, das Reich nicht. Da Rußland militärisch am Boden lag [1], konnte das Reich im Frieden von Brest-Litowsk (März 1918) eine Friedenszone aus Pufferstaaten von Finnland bis Rumänien durchsetzen (imgleichen die Selbständigkeit der Ukraine), die ihm selbst Schutz gewährte und zugleich die Russen auf ihr Kernland und den gewonnenen Osten (Sibirien) zurückwarf. Einerseits kamen damit zahlreiche nichtrussische Völker im Westen des einstigen Zarenreiches in den Genuß nationalstaatlicher Prägungen, andererseits stand für Rußland eine deutsche Hegemonie in Osteuropa zu befürchten.

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Lenin setzte den Frieden für seine Bolschewiki durch, um die Kräfte bündeln zu können, die der Durchsetzung der bolschewikischen Macht in Rußland dienen sollten, denn die im Januar 1918 stattfindenden Wahlen zur Konstituierenden Versammlung, die Rußland eine neue Verfassung erarbeiten sollte, verliefen für die Bolschewiki enttäuschend: nicht sie, sondern Sozialrevolutionäre erhielten die Mehrheit der Stimmen. Die Konstituierende Versammlung kam nicht zur Ausarbeitung einer Verfassung, wohl aber zur Ausrufung einer russischen Republik namens Russische Demokratische Föderative Republik, die „in unauflöslichem Bundes Völker und Gebiete vereint, die souverän sind" [2], solange sie die Gesetze der Föderation nicht außer Kraft setzen. Die Bolschewiken setzten die Auflösung dieser Versammlung schon am zweiten Tag ihrer Konstituierung im Namen der Klasseninteressen des Proletariats und der Bauernschaft durch und zeigten damit nicht nur ihr Verhältnis zu demokratischen Entscheidungen, sondern auch Machtgespür. [3] Daß die Mehrheit der Bauern sie nicht gewählt hatte, war (für die Bolschewiki) unerheblich, denn die meisten Bauern besaßen eben kein (marxistisches) Klassenbewußtsein, mußten also von ideologisch entwickelteren Kräften geführt werden. Demokratischer Zentralismus, die Direktive kam von den führenden Vertretern der Partei (seit März 1918 KPR, Kommunistische Partei Rußlands) und mußte vor Ort durchgedrückt werden. Die vom Volk gewählten kommunalen Sowjets (Räte) verloren ihren demokratischen Charakter in dem Augenblick, da die Bolschewiken in Moskau und Petrograd die Mehrheit stellten. Von diesem Augenblick an verschmolzen Parteibeschlüsse mit der Politik der Sowjets [4], Legislative (gewählte Volksvertreter) und Exekutive (Staatsorgane) wurden eins: der wichtigste Schritt zur Diktatur, die fehlende Gewaltenteilung.

Jeder Verzicht auf die uneingeschränkte Macht der Sowjets [wo die Bolschewiki die Mehrheit hatten], auf die vom Volke [ihnen selbst] eroberte Sowjetrepublik zugunsten des bürgerlichen Parlamentarismus [in den der politisch stumme Kleinbürger seine Vertreter entsandte] und der Konstituierenden Versammlung wäre jetzt ein Schritt rückwärts [für die Bolschewiki und ihre geplante Weltrevolution], würde den Zusammenbruch der ganzen Oktoberrevolution bedeuten [..] Deshalb beschließt das Zentralvollzugskomitee [einige wenige bestimmen über das politische Schicksal Rußlands: ein oligarchischer Akt]: Die Konstitutionelle Versammlung wird aufgelöst. (Dekret vom 6./19. Januar 1918 der Sowjets von Petrograd und Moskau)

Die Bolschewiken nutzten den administrativen Vorteil hauptstädtischer Machtausübung, um von diesen Machtknotenpunkten aus landesweit die Diktatur des Proletariats, wie sie es nannten, zu etablieren. Obgleich die Wahl ihren Anteil an politischer Willensbildung auf 25% fixiert hatte - was angesichts ihrer Ausgangsposition (6% Proletariat) ein sehr gutes Ergebnis war -, wollten sie die Macht als Unteilbares. Das politisch desillusionierte Bürgertum war vorerst keine Gefahr für sie, wohl aber erstarkte, unterstützt von den westlichen Alliierten des zarischen Rußlands, der postzarische Widerstand auf dem Land, die Weißgardisten. Die Folge: Bürgerkrieg, der sich auf mehreren Ebenen abspielte:


  1. der innere Parteikampf der Bolschewiki: demokratischer Zentralismus statt innerparteiliche Diskussion mit Fraktionen es bildete sich der Parteisoldat heraus, der die Beschlüsse des Zentralkomitees in der politischen Praxis umsetzt; Gegner werden beseitigt;
  2. der Kampf der Bolschewiki gegen alle anderen Parteien und Bewegungen sie besaßen im Unterschied zu den deutschen Sozialdemokraten den Willen zur Macht;
  3. der Kampf gegen die auswärtigen Feinde: gegen vom Ausland gestützte Weißgardisten [5], Interventionsarmeen (Polen, Balten, Briten…) und
  4. der Kampf der (bürokratischen) Parteisoldaten gegen ihre anarcho-syndikalistische Basis.


Der vierte Aspekt des russischen Bürgerkriegs kulminierte im Aufstand der Matrosen von Kronstadt 1921. Kronstadt liegt in der Bucht von St. Petersburg, eine Insel vor den Toren der Stadt. Die dort stationierten Matrosen waren mit den Ergebnissen der Revolutionen von 1917 nicht zufrieden und formulierten eine Erklärung mit folgenden Anklagepunkten:


  • die bolschewikische Revolution führte zu größerer Versklavung der menschlichen Persönlichkeit typischer Angriffspunkt der Anarchisten gegen hierarchische Gesellschaftsformen: die Unmöglichkeit, individuelle Freiheit auszuleben, wenn die Gesellschaft nicht frei, also durch Parteien und mächtige Einzelinteressen bestimmt wird; die Bolschewisten lehnten liberale Freiheitsphantasien ab;
  • die zarische Polizeimonarchismus sei in die Hände der Bolschewisten übergegangen, die mit Hilfe des Geheimdienstes (Tscheka) die Grausamkeiten gegen die Werktätigen verstärkt hätten anarchische Leugnung, daß der Staat das Recht besäße, Gewalt gegen andere auszuüben; die Bolschewisten machten die Notwendigkeit staatlichen Selbstschutzes gegen seine Feinde geltend;
  • die neue Parteibürokratie soll ihren Vertretern ein ruhiges und sorgenfreies Leben sichern anarchische Ablehnung von Hierarchien und die Bestimmung der Gesellschaft als freie, als von Gleichberechtigten gebildete; die Bolschewiki hatten erkannt, daß ein Staat geführt werden muß, also einer disziplinierten Oligarchie bedürfe, wie Lenin auf dem VIII. Parteitag erläutert hatte, und zwar so lange, bis „der Widerstand der Kapitalisten endgültig gebrochen ist, wenn die Kapitalisten verschwunden sind, wenn es keine Klassen mehr gibt - erst dann hört der Staat auf zu bestehen und es kann von Freiheit die Rede sein" [6];
  • die Kommunisten betrieben Gedankenkontrolle und zwängen die Werktätigen so zu denken, wie sie selbst;
  • die RKP habe nur ihre eigenen Interessen im Sinn, v.a. Machterhalt, sei aber nicht für die Werktätigen da Ablehnung der Diktatur des Proletariats; die Bolschewisten betonten immer wieder, daß die Diktatur letztlich die der übergroßen Mehrheit gegen die Einzelinteressen verfolgende bürgerliche Staatsform sei und so lange bestehe, bis der Staat im Kommunismus absterbe;
  • die dritte Revolution der Matrosen von Kronstadt will die bürgerliche Ordnung ebenso beseitigen wie die kommunistische Herrschaft anarchisches Konzept der Räte; die Bolschewisten betrachteten die Bildung frei gewählter Sowjets als Übergangsphase, die sie zugunsten der Errichtung ihrer Herrschaft überwunden hatten. [7]



[1] Der russische Unterhändler Trotzki: „Wenn ich darauf bestand, daß man den Moment der Kapitulation vor den Hohenzollern so weit als möglich verzögere, so tat ich es nicht, um den revolutionären Krieg hervorzurufen, sondern um den deutschen und europäischen Arbeitermassen überhaupt zu zeigen, daß zwischen uns [den Bolschewiki] und den Hohenzollern keine geheimen Abmachungen waren, und um die Arbeiter Deutschlands und Oesterreichs zu größerer revolutionärer Aktivität anzuspornen.“ (Leo Trotzki: Die Fälschung der Geschichte der russischen Revolution. Berlin 1927. S. 24.)

[2] Beschluß der Konstituierenden Versammlung vom 5./18. Januar 1918 zur Staatsform Rußlands

[3] „Der Staat muß das Werkzeug im Kampfe für die Befreiung der Arbeiter, Soldaten und Bauern sein. Das ist das Grundprinzip der Sowjetmacht.“ (Trotzki am 7. November 1917) → damit war jede Gewalt legitimiert, denn sie ging vom Staat aus und richtete sich gegen die Minderheit, da die Bolschewiki für sich reklamierten, die Macht FÜR die Arbeiter, Bauern und Soldaten (etwa 85% der Russen) auszuüben

[4] Diese Verschmelzung entsprach den Richtlinien der bolschewikischen Politik, wie sie der VIII. Parteitag der RKP 1919 festgelegt hatte.

[5] Allerdings betrieben Briten und Franzosen hier ein Doppelspiel: Ihr Ziel bestand nicht in der Siegführung bürgerlicher Kräfte, sondern in der Schwächung Rußlands. Als der beliebte weißgardistische Admiral Koltschak 1919 von Sibirien aus auf Moskau zumarschierte und verkünden ließ, daß eine konstituierende Versammlung Rußland stabile politische Verhältnisse geben solle, verrieten ihn seine westlichen Partner und unterließen zugesagte Hilfen. Die Bolschewiki mit ihrem Plan einer Weltrevolution (die sich zuerst gegen das Reich richten müßte, was dieses schwächen und in steigende Abhängigkeit zum Westen brächte → deshalb auch die Unterstützung Amerikas für die bolschewikische Revolution 1917) war für den Westen lukrativer als ein bürgerliches Rußland, das sich zweifellos mit dem Reich verständigen würde. Koltschak geriet durch Verrat in die Hände der Bolschewiki, die ihn 1920 bei Irkutsk erschossen und in einem Eisloch versenkten. - Ein ähnliches Schicksal vollzog sich an General Wrangel (1928 im belgischen Exil von einem als Hausdiener getarnten sowjetischen Geheimagenten vergiftet), der sich in Südrußland gegen die Bolschewiken so lange behaupten konnte, wie er über die Krim Nachschub erhielt. Nachdem dieser ausblieb und sich Wrangel mit seinem Konkurrenten Denikin über die Hierarchie innerhalb der weißgardistischen Nomenklatur nicht einigen konnte, er sich zudem als unfähig erwies, eroberte Gebiete angemessen zu verwalten, geriet er 1920 in die strategische Defensive und verlor erobertes Terrain an die besser organisierten Bolschewiki.

[6] Lenin: Staat und Revolution. Werke, Bd. 25. Berlin 1960. S. 475.

[7] Die wichtigsten Teile der Erklärung im wiki philosophica; Lenin antwortete auf dem X. Parteitag der KPR darauf (Lenin: Werke, Bd. 32, S. 182 ff.) und betonte, daß das kleinbürgerlich-anarchische Element in der Arbeiterklasse die größte Gefahr für die Bolschewiki sei und man dazu übergehen müsse, die Proletarier mit der Bauernschaft zu versöhnen, eben durch eine auf Frieden ausgerichtete Wirtschaft.