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Thema: Jessie

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Jessie

    Unter seinen Füßen knackte es, während er dem verschlungenen Pfad folgte. Er lief durch das tiefste Dickicht. Hier und da peitschte ihm ein Ast in das Gesicht. Je weiter er vordrang, desto weniger konnte von dem Weg sehen. Dornengestrüpp baute sich vor ihm auf. Es schien nicht mehr weiterzugehen. Er bog das Gestrüpp mit Anstrengung auseinander und brach hindurch. Auf seinem Rücken wurde es schwer. Wie lange sollte er die Last noch tragen? Die bleiernen Glieder schleppten ihn und seine Bürde immer weiter. Bis er zusammenzubrechen schien. Er schaute auf seinen Rücken und sagte: "Mutter du wirst mir zu schwer"

    Als er erwachte, bemerkte er, daß das nasse Laken. Mutter würde schimpfen. "So schnell kann ich doch gar nicht waschen, so oft wie du ins Bett pinkelst." hörte er ihre Worte im Geiste. Er stieg die Leiter des Hochbetts hinunter und überlegte, ob er ein Handtuch holen sollte. Seine Füße patschten auf die kalten Fliesen. Er erschauerte leicht. Wenn er jetzt zu Mutter ins Bett stieg, würde sie gleich wissen, was los war. Er liebte es, die Morgenstunden, bei Mutter, gekuschelt an ihren warmen Körper, im Bett zu verbringen. Er war schon auf dem Weg zu ihrem Schlafzimmer, als er es sich anders überlegte und ins Bad ging, um sich ein Handtuch zu holen. Wie ein Dieb nahm er klammheimlich, ohne Licht gemacht zu haben, das Handtuch und kehrte in sein Hochbett zurück. Dort baute er sich sein Lager um. Es war unmöglich. An welche Stelle des Betts er sich auch legte, die Nässe drang durch das Handtuch hindurch. Verzweifelt gab er es auf und stieg wieder hinunter. Er bewegte sich, so leise er konnte, in Richtung Wohnzimmer, um sich auf das Sofa zu legen. Er mußte an dem Schlafzimmer seiner Mutter vorbei. Noch hörte er ihre regelmäßigen Atemzüge. Je näher er kam, desto langsamer wurde er. Seine baren Füße würden ihn verraten. Sie tapsten für ihn unüberhörbar auf dem Fliesenboden. Doch dann war er vorbei. Er wollte sich gerade erleichtert aufs Sofa legen, als die Stimme seiner Mutter erklang: "Jessie, hast du wieder ins Bett gepinkelt?" "Ja, Mama." "Schon wieder, muß das denn sein? Ich verstehe das nicht, du bist jetzt sieben Jahre alt und gehst in die Schule. Trotzdem machst du noch ins Bett." "Ja, Mama, tut mir leid." "Jetzt versuch noch ein wenig zu schlafen." "Ja, Mama." Er legte sich auf das Sofa.

    Er erwachte wieder, als das Morgenlicht durch die Ritzen der Fensterläden drang. Mutter schien noch nicht wach zu sein, denn er hörte nichts. Er ging in ihr Schlafzimmer und fand sie, als sie sich gerade aufsetzte. "Bitte Jessie, reich mir mal die Schiene." Das gesunde Bein schwang sich aus dem Bett. Dann nahm sie die Hände zur Hilfe und holte das kranke Bein unter der Decke hervor. Das dünne leblose Beinchen war leblos wie ein Knochen. Er wollte ihr in die Schiene helfen, aber sie wehrte ab: "Laß es gut sein, Mäuschen. Ich kann das schon alleine. Ich habe schließlich mein Leben lang geübt." Mit geschickten Fingern, begann sie, die Schiene zuzuschnüren. Die Schiene verursachte ein Knacksen als die Mutter aufstand und ins Badezimmer humpelte.


    Als er die alten Fensterläden öffnete, quietschten sie, da die Scharniere verrostet waren. Die Vögel zwitscherten fröhlich in ihrer Lautstärke. Ein Frühjahrsmorgen, wie er schöner nicht sein könnte, erstrahlte in der aufgehenden Sonne.

    Nach dem Frühstück nahm Jessie die alte abgenutzte Joppe, schnappte sich seinen Schulranzen und machte sich auf den Weg zur Schule, nachdem er sich noch mit einer ausgiebigen Umarmung von der Mutter verabschiedet hatte. Wie immer stand sie am geöffneten Fenster und blickte ihm hinterher. Wie jeden Tag lief er an dem Brunnen des kleinen Dorfs vorbei und konnte es sich nicht verkneifen, einen Stein hineinzuwerfen. Er staunte, wie lange es dauerte, bis der Stein auf die Wasseroberfläche traf. Dieses Plopp des Steins gab ihm jeden Morgen den Kick, den er brauchte, um den Tag zu beginnen. Danach starrte er immer in das tiefe dunkle Brunnenloch und fragte sich, wo denn nun sein Stein gelandet sei. Es war bedrohlich in diesem Schacht, der gleich einem langen Tunnel kein Ende hatte. Er fragte sich, ob eines Tages ein Ungeheuer herauskommen würde, um sich zu beschweren, wer Steine auf seinen Kopf würfe.

    In der Schule beobachtete er seine Klassenkameraden, die fröhlich ihre Scherze machten. Einmal wurde er bleich vor Zorn, nämlich als sie sich über seine Mutter lustig machten. „Hinkebein, Hinkebein. Als die Mutter ihn von der Schule abholte, konnte er es sich nicht erwehren, das Tuscheln zu bemerken, das hinter seinem Rücken die Wunden riß. Er schaute seiner Mutter ins Gesicht und es kam ihm von den Lippen: „Mutter, du mußt mich doch nicht immer abholen. Ich kann den Weg alleine gehen.“ Die Mutter wurde ganz blaß und sagte nur: „Aber Mäuslein, ich wollte doch nur...“
    Ihr Satz erstarb und die Lippen waren wie zugefroren. Am Brunnen schmiß Jessie zuerst einen Stein und danach beobachtete er, wie sie sich umständlich mit ihrem zugeschnürten Bein mit dem Stock in der Ha
    nd nach einem Kiesel reckte. Sie schaffte es, ihn aufzuheben und nachdem sie dem Nachhall gelauscht hatten, machten sie sich auf den Weg nach Hause zum Mittagessen.

    Es waren ärmliche Mahle, die die Mutter auftischte. Meistens gab es eine schleimige Kartoffelsuppe, die er dann, wenn er einmal keinen Hunger hatte, schmählich von sich wies. Diesmal sagte er: „Ich weiß, Mama. Wir haben kein Geld, aber müssen es immer diese scheußlichen Supptoffeln sein?“ Die Mutter saß da, als ob sie einen Stock verschluckt hätte und sagte die alte Leier wiederholend: „Dein Vater ist in Rußland geblieben sei und leider haben wir nun kein Geld, um etwas anderes zu essen. Das wenige Geld, das ich mit meinen Näharbeiten verdiene, reicht gerade dazu aus, um uns halblebig zu versorgen. Den großen Bauernhof haben wir verkaufen müssen, als dein Vater verschollen ist.“ Nach dem Essen besorgte er den Abwasch, damit sich die Mutter hinlegen konnte. Danach machte er seine Hausaufgaben. Er begann schon ganze Wörter zu lesen. Stolz buchstabierte er und ihm wurde ganz feierlich zumute, wenn es ihm einmal gelungen war, den Sinn zu erfassen, den das Wort hatte. Wenn er das Wort „Brunnen“ las ergriff ihn ein Gefühl, das er nicht zu beschreiben vermochte. Eine Verzauberung ging von diesem Wort aus, so daß er es direkt in seiner Magenhöhle spüren konnte. Ein Anklingen an Furcht gepaart mit Erregung. Als er mit den Hausaufgaben fertig war, ging er zu dem alten verstimmten Klavier. Die Mutter störte es nicht im Schlaf, wenn er hier und da die Saiten zum Klingen brachte. Er spielte einfache Kinderlieder, die ihm im Herzen klangen.

    Als die Mutter vom Mittagsschlaf erwachte, freute er sich auf ihre Wachsein, nachdem er sich so lange allein beschäftigt hatte. Er zog mit all seinem Charme, den er bieten konnte, ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er zog sie an der Hand zu sich heran und wollte, daß sie sich über seine Hausaufgaben beugte: „Mutter, ich kann „Brunnen“
    lesen.“ Sie entgegnete noch im Halbschlaf: „Wie schön.“ Als er versuchte, mit ihr zu toben, entgegnete sie ihm mit sanfter Stimme: „Mäuslein, ich kann nicht kämpfen. Du weißt mein Bein.“
    Nach diesem Versuch verkroch er sich in ein Eck und begann, unbekannte Geister zu schlagen. Er schlug so wild um sich, daß die Mutter ihn anherrschte: „Was denkst du wohl, werden die Nachbarn sagen, wenn du einen solchen Krach machst? Danach er sich einem Heulkrampf zu hin.

    Die Mutter humpelte zu dem Winkel, in den er sich verkrochen hatte. „Jessie komm her, ich muß jetzt zwar noch die Vorhänge für die Nachbarin fertig nähen. Aber vorher will ich dir noch eine Brunnengeschichte erzählen.“
    Die Mutter steckte voller Geschichten und eine war spannender als die andere. Jessies Gesicht lichtete sich wieder auf. Er kroch aus der Ecke und sie setzten sich zusammen auf das abgewetzte Sofa. Die Mutter begann mit einem feierlich lächelnden Gesicht, so daß er fast vor Spannung platzte:

    „Es begab sich, daß ein Bauer, der in Konitz wohnte, von einem Brunnen in Danzig träumte. Dort, so hieß es in dem Traum, werde er sein Glück finden. Der Traum wiederholte sich dreimal. Der Bauer quälte sich von nun an mit dem Gedanken, daß er nach Danzig reisen müsse. Entgegen seiner Vernunft, daß Träume Schäume sind, reiste er schließlich ab und nahm den beschwerlichen Weg auf sich. In Danzig angelangt, fand er sogleich den großen Brunnen inmitten der Stadt. Drei Tage lang strich er um den Brunnen, und fragte sich, ob ein Schatz auf dem Grunde des Brunnen liege. Aber wie sollte man einen Schatz aus den Tiefen eines Brunnen bergen? Ein Ding der Unmöglichkeit. Am dritten Tag traf er auf einen Kaufmann. Jener erzählte ihm, daß er in den letzten Nächten von gewaltigen Träumen heimgesucht worden war. Der Bauer hielt seine Lippen verschlossen wie ein Siegel über seine eigenen Träume. Der Kaufmann erzählte weiter, daß ihm gesagt wurde, in einem kleinen Dorf namens Konitz hinter einem kleinen Bauernhaus liege ein Schatz begraben. Der Bauer reiste daraufhin sofort ab und als er daheim war, begann er hinter seinem Haus zu graben. Er fand den Schatz.“

    „Mama, heißt das, daß hinter unserem Haus ein Schatz begraben liegt?“ „Aber nein, Jessie, denk doch nur mal nach. Das Glück sucht man in der Ferne, aber oft findet man es an seinem eigenen Ort, in sich selbst.
    „Jessie dachte über diesen Satz nach. Er saß noch wie festgewachsen, als seine Mutter schon an der Nähmaschine saß und das surrende Geräusch erklang, das sie mit dem gesunden Bein auf dem Trittbrett verursachte. Die Mutter rief ihm zu: „Geh nach draußen an die frische Luft. Geh spielen.“ Herausgerissen aus seinen Gedanken erhob er sich und ging statt nach draußen in den Keller. Mit dem Schlüssel öffnete er die Eisentür des alten Gewölbekellers. Er kämpfte sich durch die ekligen Spinnweben, bis er vor dem großen alten Bauernschrank stand. Seine Großmutter hatte ihn einst mit Blumen bemalt. Die Farben waren schon ganz verblichen. Es war für ihn immer wieder ein großes Fest, in den alten Sachen zu wühlen. Diesmal fiel ihm die Offiziersmütze und -jacke seines Vaters entgegen. Er setzte sich die Mütze auf und zog sich die Jacke an. Dann blickte er sich in dem Spiegel an, der neben dem Bauernschrank stand. Der Spiegel hatte schon einen Sprung und war an den Seiten gelblich gefärbt. Trotzdem konnte er sich noch gut darin sehen. Plötzlich hörte er, wie die große Eisentür mit einem lauten Knall ins Schloß fiel. Der Schlüssel steckte noch im Schloß. Panik ergriff ihn. Was sollte er nun tun? Niemand wußte, daß er hier unten war. Er rannte zu der Eisentür und begann mit den Fäusten, auf sie einzutrommeln. Lautes Schreien begleitete seine Schläge. Es war für ihn eine Ewigkeit. Dann gab er es auf. Müde und fertig vor Anstrengung legte er sich in den Schrank und der muffige Geruch der alten Kleider seiner Mutter begann, ihn einzulullen. Er mußte geschlafen haben, anders konnte er es sich nicht erklären, denn plötzlich stand seine Mutter vor ihm und sagte fassungslos immer wiederholend: „Jesus, Jessie, was machst du hier unten?“ Von der Angst befreit, stürmte er auf seine Mutter los und hätte sie fast umgerannt. Laut weinend sagte er immer wieder. „Ich bin ja so froh, daß du da bist, Mama.“ Sie beruhigte ihn summend und sagte dann: „Jetzt bin ich ja da, Mäuschen. Alles ist wieder gut.“

    Vier Jahre später - es war tiefster Winter - verabschiedete sich Jessie von seiner Mutter wie jeden Morgen mit einem Kuß. Er ging die kleine Straße zum Dorfplatz hinab. Seine Finger waren wie eingefroren, denn er hatte seine Handschuhe vergessen. Der Kirchturm schlug acht Uhr und er stand vor dem Brunnen. Mit steifen Fingern nahm er einen Kiesel und warf ihn hinab. Er wartete auf den allmorgendlichen Plopp. Statt dessen wehte aber nur ein scharfes Klirren den Schacht hinauf. Er beugte sich besorgt über den Brunnenrand. Die Wasseroberfläche des Brunnens war zugefroren. Er nahm noch einen Stein. Diesmal warf er ihn mit gewaltigem Schwung, als ob sie in der Schule Weitwerfen übten. Er hörte nur erneut ein Klirren. Enttäuscht wandte er sich ab und schlitterte auf dem eisigen Weg in Richtung Schule.

    Der Direktor betrat die Klasse. Hinter ihm ein Fräulein mit spitzer Nase in einem eigentümlichen Kostüm im Schlepptau. „Darf ich vorstellen: Eure neue Lehrerin. Fräulein Klimczak.“ Das Fräulein schnüffte mit der Nase und sagte näselnd mit einem seltsamen Akzent: „Hallo Kinder. Ich hoffe, wir werden uns schnell aneinander gewöhnen.“
    Die Klasse begann zu tuscheln. Einige schnitten Grimassen und hielten sich die Nasen. Sobald der Direktor gegangen war, wurde das Tuscheln lauter und ohrenbetäubendes Kreischen setzte ein. Das Fräulein stand einsam an der Tafel und räusperte sich mit gekräuselter Nase. Dann sagte sie mit viel zu leiser Stimme, denn sie konnte nicht dem Lärm begegnen: „Ruhe.“ Ihre Stimme erhob sich und sie schrie nun: „Ruhe, verdammt noch mal!“
    Das Gekreische wurde immer lauter und die Schüler hielten sich die Bäuche vor Lachen. Nur Jessie saß wie gebannt auf seinem Stuhl und starrte die neue Lehrerin an. Er sagte kein Wort. Seine Miene war unbeweglich. Der Blick des Fräuleins fiel auf ihn und als sie sah, daß er nur ruhig dasaß, schenkte sie ihm ein vorsichtiges Lächeln. Er lächelte zurück. Die anderen hatten diesen Blickkontakt nicht bemerkt. Vergeblich versuchte Fräulein Klimczak noch einmal Ruhe zu schaffen, dann wandte sie sich still der Tafel zu und begann lange Sätze niederzuschreiben. Der Schultag endete in einem einzigen Chaos.

    Nach der Schule machte sich Jessie sogleich auf den Weg nach Hause. Er wußte, daß seine Mutter ihn heute nicht abholen würde. Wenn es draußen eisig war wie heute, dann wagte sie keinen Schritt nach draußen, da sie Angst hatte mit ihren unsicheren Bewegungen auszurutschen. Immer waren ihm die hoffnungslosen Augen des Fräuleins vor Augen. Er lief schnell, da ihm kalt war und erreichte den Brunnen. Den Meilenstein auf der Hälfte seines Weges. Und was mußte er sehen? Der Brunnen war mit alten Holzlatten zugenagelt. Was bedeutete dies? Und dann sah er sie. Sie fielen gleich einer Masse streunender Hunde in das Dorf ein. Sie lachten grobschlächtig und machten dreckige Witze. Jessie erstarrte. Sie trugen Uniformen. Nicht grüne Uniformen, wie sein Vater eine gehabt hatte. Sie waren braun. Die schwarzen schweren Stiefel knirschten im Schnee und ihr Atem schoß kleine Nebelschwaden in die klirrende Luft. Jessie versteckte sich schnell hinter dem Brunnen und wartete bis sie vorbei waren und als sich ihr Lärm in der Luft verloren hatte, rannte er was das Zeug hielt zurück zum Haus seiner Mutter. Er drückte auf die Klingel, auf der Franziska Herrmann stand. Nichts rührte sich. Er öffnete die Gartentür und sah schon von weitem, daß die Tür des Hauses offen stand. Er wunderte sich. Dann trat er ein. Zuerst stolperte er über einen Haufen Schuhe. Was war bloß los? Seine Mutter war doch so ordentlich. Warum diese Unordnung? Dann sah er, daß alle Schubladen aufgerissen worden waren und der Inhalt auf dem Boden verteilt war. In der Küche lag das feine weiße Geschirr mit dem Goldrand in Scherben auf den Holzdielen. Er blickte ins Wohnzimmer. Sein Klavier. Die Saiten waren herausgerissen worden. Das Sofa war mit einem Messer aufgeschlitzt worden, so daß ihm sein Inneres entgegenquoll. Die Federn waren gleich Schnee über Tisch und Boden verteilt. Die Nähmaschine seiner Mutter thronte kopfüber auf dem Nähtisch. Er rannte ins Schlafzimmer. Dort fand er sie. Sie lag im Bett zu einem Knäul verflochten. Die roten Blutspuren auf der weißen Bettwäsche traten ihm entgegen. Er war fassungslos, erstarrt in Angst und konnte kein Wort hervorbringen bis ihm ein kehliger Laut gelang, der fern an das Wort „Mutter“ erinnerte. Er starrte auf den Stock seiner Mutter. Der Knauf war voller Blut. Dieser schöne Holzstock mit den Wurzelfasern, blank lackiert, ehemals braun, nun rot. Die Schiene der Mutter hing angenagelt von der Decke herab. Er strich mit seinen kalten Fingern über das blonde dicke Haar seiner Mutter. Der lange Zopf war aufgelöst und Streifen von Blut fanden sich darin. „Mama, Mama“, flüsterte er. Ihr entwich ein Laut. Ihre schöne Stimme war gebrochen und klang hölzern. „Jessie, diese Schande. Wer soll diese Schande sühnen?“
    Sie hatte während dieses Satzes den Mund in das Kissen gedrückt und er verstand nur die Hälfte davon. Er hörte nur Jessie und Schande. Er rückte mit seinem Leib an sie heran. Aber sie zog ihn mit ihrer Hand weg. „Nein, Jessie, nein.“ Er sagte: „Komm, Mama, ich werde dich baden. Das wird dir guttun.“ Er stand auf und zog die Mutter hoch. Als die Decke hochging, sah er, daß seine Mutter in einer Blutlache lag. Tapfer ertrug er den Anblick und versuchte verzweifelt, seine Mutter aus dem Bett zu ziehen. Widerwillig ließ sie es geschehen. Er schleppte sie ins Bad. Er ließ sie dort allein und begann in der Küche, Kessel mit Wasser aufzusetzen. Als die Töpfe dampften und die Scheiben vor Dunst taub waren, nahm er sie und schleppte sie ins Bad. Die Mutter stand immer noch wie gefangen am Rand der Badewanne. Blut rann ihr zwischen den Schenkeln herab. Ein unendlicher Strom, der nicht gestillt werden konnte. Er goß den Inhalt der Kessel in die Badewanne. Dann ließ er noch etwas kaltes Wasser hinzu. „Jetzt, Mama, komm.“
    Er half ihr in das heiße Wasser. Nachdem er ihr die Seife in die Hand gedrückt hatte, lief er ins Schlafzimmer. Wie sollte er die Schiene herunterholen? Er besann sich und erinnerte sich an die Leiter im Keller. Seine Gedanken waren glasklar wie noch nie. Und diesmal ließ er nicht den Schlüssel stecken. Er nahm ihn mit. Er fand die Leiter und trug sie nach oben. Im Schlafzimmer angelangt suchte er im Werkzeugkasten nach einer Zange. Warum war der Werkzeugkasten im Schlafzimmer? Er war immer dort gewesen, aber warum stellte er sich in jenem Moment diese Frage? Er fand die Zange, stieg auf die Leiter und zog die Nägel heraus. Es waren fünf an der Zahl, säuberlich eingehämmert. Welcher Idiot war auf diese Idee gekommen? Mit einem Plumps fiel die Schiene auf das Bett. Erleichtert nahm er das Geräusch wahr. Seine Mutter war gerettet. Er kramte nach sauberer Wäsche für seine Mutter. Mit Schiene und Wäsche bewaffnet kam er ins Bad. Die Mutter saß apathisch auf einen Fleck blickend in der Badewanne. „Mama, hast du dich schon abgeseift?“ Sie murmelte etwas unverständliches und er begann ihr, den Rücken zu schrubben. Das Blut zwischen den Beinen würde hoffentlich das Wasser aufgeweicht haben. Es war braun, nicht rot. Wurde Blut im Wasser braun? Ihm wurde übel bei diesem Gedanken, während er aus dem Zuber Wasser über den Kopf seiner Mutter laufen ließ. „Mama, wir müssen deine Haare waschen.“ Er holte die Seife und begann das nasse Haar einzureiben. Die Blutreste waren widerwärtig, hartnäckig klammerten sie sich in das schöne Haar, gleich braunen Kletten, die nicht loslassen wollten. Immer wieder schrubbte er ihren Kopf bis die Blutreste entfernt waren. Die Mutter hatte all dies mit gebanntem Blick über sich ergehen lassen. „Mutter, wir sind fertig, steh jetzt auf!“ Er half ihr aus der Badewanne. Sie hatte ihre Hände auf den Badewannenrand geklammert und stieg zuerst mit dem gesunden Bein aus. Das kranke Bein holte sie dann mit einer langen ziehenden Bewegung heraus. Er führte sie auf den Stuhl, der neben der Badewanne stand und gab ihr die Schiene. „Die machst du zu, während ich das Bett neu beziehe.“ Er ging ins Schlafzimmer und suchte die frische Bettwäsche. Er wühlte in den Schränken und fand sie schließlich ganz oben in einem Eck. Die Leiter zur Hilfe nehmend, nahm er die frische Bettwäsche und trug sie herab. Dann begann er, das blutige Bettzeug abzuziehen. Es war kein Ekel, den ihn ergriff, nur ein leichtes Schauern über dem Rücken machte sich bemerkbar. Das Kopfkissen war leicht zu beziehen. Das Laken war schon schwieriger. Die Enden wollten immer hinausflutschen. Er fluchte. Schließlich schaffte er es. Und dann kam der ewige Kampf mit der Bettdecke. Wie sollte er die Enden finden? Immer wieder bog sich die Decke vor ihm zu einem sonderbaren Knäul. Er besann sich und beobachtete im Geiste seine Mutter.
    Sie nahm die Enden der Bettdecke und führte sie dem Ende des Bezuges zu. Genauso ahmte er jetzt diese Bewegung nach. Danach schüttelte er sie und siehe da, die Bettdecke hatte ihren \'86berzug gefunden. Erleichtert kehrte er ins Badezimmer zurück. „Mama, ich habe das Bett bezogen. Du kannst jetzt schlafen gehen.“ Aber die Mutter saß noch immer naß auf ihrem Stuhl. Die Schiene neben sich. Er trocknete sie ab und führte sie mit stützenden Bewegungen ins Bett. Sie verschwand in den großen Kissen, eine gebrechliche Gestalt, nur mehr an eine kleine Maus erinnernd. Das Gesicht mit den feinen Zügen versunken in einer anderen Welt, die nicht die seine war. „Mama, du mußt jetzt schlafen“, stieß er hervor. Aber sie schien nicht daran zu denken. Ihre Augen waren immer noch auf diesen einen Punkt geheftet, den die Starre ihre Blickes fixierte. Einen Blick fernab von diesseits.

    Er überließ sie sich und begann, das Chaos in der Wohnung zu beseitigen. Zuerst räumte er die Schuhe in den Schrank zurück. Dann ging er in die Küche und kehrte das schöne Geschirr zusammen und trug es zum Abfall. Als er im Wohnzimmer stand, war ihm zum Heulen zumute. Sein Klavier konnte er nicht reparieren. Er nahm die heraushängenden Saiten und verstaute sie im Bauch des Holzkastens. Er drehte sich um. Es wurde immer mehr. Wie sollte er die Federn wegräumen? Er begann sie, mit seinen Fingern aufzulesen. Jede Feder einzeln, die aus dem Kissen des Sofas umherflog. Die Nähmaschine der Mutter stellte er mit ächzenden Bewegungen auf ihren Platz zurück. Und dann noch die Schubladen! Er harrte solange, bis alles auf seinen Platz zurückgekehrt war. Dann ging er mit stolzem Blick durch die Zimmer. Alles war in Ordnung. Aber nein, was war mit Mama? Er ging ins Schlafzimmer. Sie schien nicht zu schlafen. Der Blick war immer noch so fixiert auf ein Nichts wie zuvor. „Mama, willst du nicht aufstehen?“ Sie blickte weiter auf diesen Punkt, der sich seinem Gesichtsfeld entzog. Einen Tag und eine Nacht lag sie so in ihrem Bett, ohne daß sie ein Geräusch von sich gegeben hätte.

    Am Morgen des besagten Tages hörte Jessie ein Scharren. Er lag noch im Bett und erinnerte sich des Horrors, daß er letzten Morgen sein Schulbrot selber schmieren mußte. Aus dem Schlafzimmer der Mutter waren zarte Rufe zu hören: „Jessie, Jessie, kannst du mir die Schiene reichen. Ich will aufstehen.“
    Jessie sprang aus seinem Bett auf und lief zum Schlafzimmer der Mutter. Sie hatte sich schon aufgesetzt. Die blonden Haare wild um ihren Kopf verschlungen. Er nahm die Schiene und gab sie ihr. Das kranke Bein fand sofort seinen Bestimmungsort und sie begann die Schiene zuzuschnüren. Er wollte ihr schon fast um den Hals fallen, als die Mutter mit einer abwehrenden Bewegung gebot: „Keine Berührungen, Jessie, ich ertrag das nicht.“
    Er beobachtete sie wie eine verletzliche Porzellantasse, die jederzeit dazu bereit wäre, in tausend Stücke zu zerspringen. Sie stand auf und ging mit ihren humpelnden Bewegungen ins Bad. Währenddessen begann Jessie, das Frühstück zuzubereiten. Er hatte sogar eingekauft und kochte der Mutter ein weiches Ei. Mit dem Kanten Brot kämpfte er wie ein Verzweifelter. Schließlich gelang ihm doch noch ein Schnitt und er legte die Scheibe Brot auf den Teller seiner Mutter. Als die Mutter aus dem Bad zurückkehrte, setzte sie sich an den gemachten Tisch und begann hier und da zu kauen. Aber nur entsetzlich kleine Teile fanden den Weg in ihren Schlund herunter. Nach jedem Bissen hielt sie sich den Bauch. Er tat so, als ob er es nicht gesehen hätte und machte sich über sein eigenes Brot mit Appetit her, das er mit der gleichen Verzweiflung geschnitten hatte, wie das seiner Mutter. Dann schaute er auf sie. Eindreiviertel des Brots lagen noch vor der Mutter. „Mutter, willst du nichts essen?“
    Mit einer abwehrenden Bewegung sagte sie: „Jessie, ich kann nicht. Es ist mir zuviel. Ich hoffe du verstehst?“ Er nickte in die Dunkelheit des Morgens. „Ja, Mama, ich verstehe.“
    Obwohl er nichts verstand, gar nichts. „Mama, was ist passiert. Sag es mir.“ „Nein Jessie, nicht jetzt. Vielleicht kann ich es dir niemals erzählen.“ Tränen rollten über ihre Wangen hinab.
    „Die Schande, ach....nein, nicht jetzt, niemals....“
    „Mama, kann ich dich wenigstens auf die Wange küssen, wenn ich in die Schule gehe?“ „Aber ja, Mäuslein, tu das.“ Er küßte sie und hinterließ sie mit einem wehmütigen Blick. Als er auf dem Weg zur zurückblickte, sah er keine Mutter, die ihm winkte. Das Fenster war grau, leblos. Mit schwerem Herzen ging er in die Schule. Der Brunnen war immer noch zugenagelt.

    Fräulein Klimczak versuchte sich wieder durch die Klasse zu kämpfen. Dumpf schoß ein Schwall von Klaviergespiel durch den Boden des Klassenzimmers. Jessie lauschte diesen Klängen und ihm wurde ganz mulmig. Es nervte ihn, dieses Klaviergespiel von der Ferne zu hören. Er stand auf und schrie laut: “Aufhören!“
    Er hatte nicht die Klasse gemeint, sondern das Klavierspiel, das von den schlechtesten Saiten zu ihm herüberklang. Aber die Klasse erstarb in ihren Geräuschen. Das Klavier wurde noch lauter, nachdem die Klasse ruhig war. Wie sollte er ihm entgegnen? Ein Pseudo macht sich über das Klavier her. Wie sollte er ihm sagen, wann piano und wann forte herrschte. Er stürmte wutschnaubend aus dem Klassenzimmer. Die ganze Klasse schaute ihm wie versteinert hinterher. Aber er nahm es nicht wahr. Nicht einmal die zarten Rufe des Fräuleins, die ihm hinterherrief: „Aber Jessie, ich wollte doch nur...“, hörte er nicht. Er lief schnellen Schrittes die Treppe hinunter und stürmte in das Zimmer, das sich direkt unter seinem Klassenzimmer befand. Dort fand er einen bleichen Jungen, der soeben noch die Tasten des Klaviers berührt hatte. Jenen herrschte er an: „Wie kannst du nur! Wie kannst du nur Schubert so verunstalten?“ Der Junge starrte ihn an und die Klavierlehrerin japste nach Luft. Mit einem eisigen Klirren in der Stimme schrie ihn die Klavierlehrerin an: „Mach es besser. Setz dich und spiel.“ Der bleiche Junge wich von seinem Platz und die dunklen Augen Jessies begannen zu leuchten. Er griff in die Tasten. Die Tür flog auf und die gesamte Klasse stand im Türrahmen. Aber da war er schon lang weg, gefangen in seinem Spiel, das ihm die Götter geschickt hatten. Er spielte das Lied von Schubert nicht schöner, als es ein Vogel gesungen hätte. Als er fertig war, atmete er auf. Das Atmen nahm die gesamte Klasse hinweg mithin der Lehrerin, die am Türrahmen gelehnt ihren Platz gefunden hatte. Er hatte noch kaum die Finger von den Tasten des Klaviers genommen, als sich lauter Applaus breitmachte. Er war noch nie in einer solchen Situation gewesen. Wie sollte er sich verhalten? Zuvorkommend deutete er einen leichten Diener an und aus den Augenwinkeln schaute er auf die Lehrerin. Er jubelte innerlich. Sie schien begeistert zu sein. Mit gerötetem Kopf erhob er sich. In jenem Moment beschloß er, das Klavier daheim reparieren zu lassen.

    Er schoß an dem zugedeckten Brunnen vorbei. Ein wehmütiges Gefühl überkam ihn, aber er schüttelte es ab.

    Er fiel mit lauten Worten in die Stille, die daheim herrschte ein. „Mutter wir müssen das Klavier reparieren lassen.“ Er fand sie zusammengekauert vor ihrer Nähmaschine. „Ach Jessie, wir haben doch kein Geld.“
    „Aber Mutter ich kann Klavierspielen wie ein junger Gott. Die Klasse und die Lehrerin haben es mir heute bestätigt.“ „Ja, Jessie, ist ja gut, aber es muß nicht gleich heute sein. Laß uns morgen darüber reden.“
    Die Mutter begann mit ihrem gesunden Fuß die Nähmaschine zu betätigen.
    Das wohlklingende Surren ertönte. „Mama, alles wird wieder gut werden.“ Er hatte noch ganz den vertrauten Ton der Nähmaschine im Gehör, als er mit den Augen sah, was seine Mutter zu nähen begonnen hatte. Ein abstoßender Stoff war ihr in die Finger geraten. Wie hatte sich wohl die Mutter an diesem häßlichen Garn vergreifen können? Seine Augen bohrten sich in den Rücken der Mutter: „Mutter, was bedeutet das, dieser häßliche Stoff?“
    Die Mutter wandte sich um. Er konnte ein Glitzern in ihren Augen sehen. Dann begann sie lauthals zu lachen. „Jessie, bald ist Fasching. Wir werden dir ein richtig tolles Kostüm nähen.“
    „Aber Mama, bald ist Weihnachten. Ich brauche jetzt kein Faschingskostüm.“ „Doch, Jessie, bald wirst du es brauchen. Glaube mir.“
    Er trat einen Schritt auf die Mutter zu und wollte sie umarmen, aber wie zuvor hielt sie ihn davon ab. „Nein Jessie, nicht jetzt.“

    Beleidigt setzte er sich in seine Ecke und begann wieder gegen unbekannte Geister zu kämpfen, aber diesmal kam die Mutter nicht, um ihn aus dem Eck hervorzuholen mit einem strahlendem Gesicht; mit einer Geschichte auf ihren Lippen. Als er lange dort gekauert hatte, sah er, daß seine Mutter in ein Buch, das er noch nie zuvor gesehen hatte, schrieb. Seite um Seite füllte der blaue Tintenhalter. „Mutter, was schreibst du?“ Der lange Zopf der Mutter hatte sich aufgelöst und hing wirr um ihr Gesicht. Als sie ihm gewahr wurde klappte sie das Buch zu und antwortete: „Nichts, Jessie, das ist nichts für dich.“ Sie steckte das Buch unter das Sofa. Jessie merkte sich das Versteck.

    Als die Mutter ging, um Kaffee zu machen, holte Jessie das Buch hervor und begann darin zu lesen. In Mutters schöner Handschrift stand dort:

    „Die Flügeltüren sind halb geöffnet.“
    „Sie müßten ganz geöffnet sein.“
    „Aber der Raum, in den sie weisen, ist schwarz.“
    „Sind die Flügel weiß?“
    „Ja, unterbrochen durch eine Glasscheibe, die sich kaum von der Schwärze des Raumes abhebt.“
    „So ist die Öffnung klein?“
    „Ja, ein Korridor.“
    „Ein Korridor ist bedrohlich.“
    „Du weißt wahrscheinlich nicht, was dich am Ende erwartet.“
    „Hat der schwarze Raum in seiner Schwärze eine Begrenzung?“
    „Ja, ein schwarzes Fenster. Es ist Nacht.“
    „Tagsüber wäre das Fenster durchflutet von Sonnenlicht?“
    „Ja, Kannst du dir das vorstellen?“
    „Ich versuche, es mir vorzustellen.“
    „Es wird dir gelingen.“
    „Ich werde die Nacht über durch den dunklen Korridor gehen, um morgens das Sonnenlicht zu empfangen.“
    „Ich werde dort am Ende auf dich warten, auch wenn es wieder Nacht sein wird.“


    Er verstand kaum, was die Mutter mit diesen Worten sagen wollte. Sie waren für ihn verschlüsselt.. Er wurde herausgerissen aus seinen Gedanken, als die Mutter rief: „Jessie, Kaffee ist fertig.“
    Mit einer schnellen Bewegung versteckte er das Buch wieder unter dem Sofa und ging in die Küche. Ihm stockte der Atem, als er das Zimmer betrat. Auf dem einfachen Holztisch thronte eine riesengroße weiße Torte. „Aber Mutter!“
    schoß es aus ihm heraus. „Ich dachte, wir müssen sparen.“ Die Mutter zwinkerte ihm zu und sagte: „Die habe ich heute morgen gebacken, während du in der Schule warst. Eine echte Lichnauer Torte. Nach dem Rezept deiner Großmutter. Setz dich und laß es dir schmecken.“ Die Mutter schnitt ihm ein riesengroßes Stück ab und legte es ihm auf den Teller. Mit großem Appetit machte er sich darüber her. Sie mundete ihm gar zu köstlich. Er vertilgte Stück um Stück die weiße Buttercreme umhüllt von Biskuitteig gekrönt von Erdbeermarmelade. Während er schmatzte sagte die Mutter: „Ab heute werden wir es uns so richtig gutgehen lassen. Krieg hin oder her.“ Als er aufblickte, sah er, daß die Mutter sich die Schläfen rieb. „Mutter, hast du Kopfweh?“
    „Es ist nichts, Mäuslein, laß es gut sein. Nur diese weiße Buttercreme und die rote Marmelade. Ich weiß nicht so recht. Irgendwie kommt mir das Ganze komisch vor. Geronnenes Blut auf blondem Haar.“ Sie hielt sich den Zopf. „Mama geht es dir nicht gut?“
    Jetzt strich sie mit einer langsamen festen Bewegung über ihre Handgelenke. „Jessie, weißt du, die Handgelenke schmerzen, als ob sie auseinandergerissen werden wollten. Und das kranke Bein fühlt sich wie abgetrennt an, als ob ein übler Phantom in ihm hauste. Es scheint nicht mehr da zu sein. Wie taub. Und doch ist es da. Ein lebloses Anhängsel.“ Und dann entfuhr ihr: „Wenn sie es doch nur abgetrennt hätten, anstatt...!“ Er stand auf und legte seiner Mutter die Arme um den Hals. Diesmal ließ sie es zu. Sie lehnte ihren Kopf an seinen, aber sie hatte keine Tränen.
    Jessie kam sich wieder ganz heimisch vor. War dies nicht die alte Mutter, die er immer so geliebt hatte? Er hätte ewig so verweilen können und überließ sich ganz seinem Gefühl. Plötzlich machte die Mutter eine Bewegung und sagte:
    „Jessie, ich muß noch dein Kostüm fertig nähen.“ Verständnislos mußte er die Mutter gehen lassen. Die Nähmaschine begann zu surren und er suchte nach seinen Kleidern, um nach draußen zu gehen. In den Keller wagte er sich nicht mehr.

    Ewig suchte er nach seinen Handschuhen. Schließlich fand er sie in einer Schublade. Sie waren durchlöchert. Aber was machte das schon? Er zog sie über und ging nach draußen zum Brunnen. Er war immer noch zugenagelt. Seine Klassenkameraden lieferten sich gerade eine Schneeballschlacht. Er wollte nicht teilnehmen. Er begann, die Holzscheite vom Brunnen zu entfernen. Eines nach dem anderen trug er sie sorgfältig ab und stellte sie in einer Reihe neben den Brunnen. Wer hatte den Brunnen zugenagelt? Waren es die Soldaten gewesen? Er arbeitete wie im Fieber. Schließlich konnte er hinunterblicken. Er streckte seinen noch kleinen Körper über den Brunnenrand und schaute auf die Eisfläche. Nachdem er in den Schneemassen nach einem Stein gegraben hatte, schmiß er ihn auf die Eisfläche. Es klirrte wieder. Und er dachte an die Handgelenke seiner Mutter. Sie mochten so klingen, wenn sie an ihr rissen. Wer waren sie? Die Soldaten? Sein Kopf dröhnte noch vor Fragen, als er sie sah. Das Fräulein Klimczak hob ihren Kopf in der klirrenden Luft. Die spitze Nase reckte sich in den Himmel, als ob sie nach Schnee schnupperte. Ein Wärmestrahl durchfuhr ihn. Und dann ein seltsames Gefühl, ihr begegnen zu wollen. Er trat hinter dem Brunnenrand hervor und blickte sie mit festen Augen an. Sie erwiderte seinen Blick und wollte schon weiterlaufen, als er sich ihr in den Weg stellte. Mit einer kleinen Bewegung ließ
    er sie ihren Kopf neigen. Er dachte: „Jetzt oder nie.“ Seine Gedanken rasten. Und dann geschah das, was man in dem kleinen Dorf Konitz nicht für möglich gehalten hätte. Er drückte ihr einen zarten Kuß auf die Wange. Die Klassenkameraden grölten. Dann rannte er. Rannte zurück zu dem Haus der Mutter. Atemlos erreichte er die Gartentür. Er war mehrmals ausgerutscht auf seinem hastigen Weg. Worte wie „Kann ich morgen mit diesem Gefühl in die Schule gehen?“ hatten während des Rennens seinen Geist ergriffen. Er drückte auf die Klingel. Das friedliche Brummen öffnete ihm das Tor und er trat ein. Mit roten Ohren stand er vor der Mutter. Jene aber war so geistesabwesend, daß sie es nicht wahrnahm.

    Als er Abends im Bett lag, konnte er vor Aufregung nicht schlafen. Immer noch stand der etwas erschreckte Ausdruck des Fräulein Klimczak vor seinem Gesicht, als er ihr diesen zarten Kuß auf die Wangen gedrückt hatte. Hatte er nun sich und seine Gefühle verraten? Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es kam aus dem Schlafzimmer der Mutter. Dann hörte er, wie sie sich aus dem Bett erhob und ins Wohnzimmer humpelte. Er verließ das Hochbett und ging zu seiner Mutter. Sie saß auf dem Sofa und schrieb in ihr Buch. „Mama!“ rief er erschreckt. „Was machst du mitten in der Nacht?“
    „Ich kann nicht schlafen, Mäuslein. Ich muß es tun. Ich muß es aufschreiben. Sie lassen mich nicht los, diese Stimmen.“
    “Mama, wer, welche Stimmen?“
    „Ich weiß es nicht. Sie dröhnen in mein Ohr und überfallen mich, gebieten mir keinerlei Ruhe. Vielleicht sind es die Soldaten.“
    “Mama, was haben sie dir angetan, die bösen Männer?“ „Stillschweig, mein Sohn und gehe jetzt ins Bett.“
    Die Stimme klang hart und unerbittlich. Er trollte sich zurück in sein Bett. Fräulein Klimczak war nur noch als zarter Rauch auf seinen leicht geröteten Wangen zu sehen. Er schlief ein.

    Er erwachte, als es rumpelte. Es klang so, als ob die Mutter aus dem Bett gefallen wäre. Schnell nahm er die Leiter und ging in das Schlafzimmer. Die Mutter lag im Schlafzimmer auf dem Boden und versuchte verzweifelt, die Schiene zu erreichen.
    „Mama, aber Mama, was machst du am Boden?“„Jessie sei so gut und reich mir die Schiene. Sie ist mir weggerannt. Mitten in der Nacht kamen Geister und haben sie mir weggestohlen.“
    Er reichte ihr die Schiene mit den Worten „Aber Mama, das waren keine Geister, ich habe sie dorthin gestellt.“
    “Ist schon gut, Jessie, Geister hin oder her. Sie stand nicht an ihrem Ort.“ Er blickte auf die Uhr in der Küche. Es war schon fünf Minuten vor acht. „Mama, ich muß jetzt gehen.“ In Eile warf er sich in die Kleider. Und dann sah er, daß seine Mutter in der Küche stand und ihm den Stullen schmierte. „Mama, du bist die Beste in der Welt“, sagte er zu ihr und umfing ihre Hüften mit seinen kleinen Armen. Sanft zog sie ihn weg und sagte: „Jessie, du mußt jetzt gehen. Beeil dich. Wir haben beide den Hahnenschrei verschlafen.“

    Nachdem er angezogen war, drückte er seiner Mutter den Kuß auf die Backe und rannte dann los. Als er sich umdrehte, sah er, daß seine Mutter im Fenster stand und ihm winkte wie immer. Erleichtert ging er den verschneiten Weg zur Schule. Den Brunnen fand er noch so, wie er ihn verlassen hatte. Die Holzscheite standen sorgfältig aufgetürmt auf der einen Seite des Brunnens. Die vertraute acht-Uhr-Turmmelodie erklang. Alles war in Ordnung. Er schmiß seinen Stein. Das nun schon gewohnte Klirren erklang. Und er ging in die Schule.

    Fräulein Klimczak stand in dem besten braunen Kostüm, das ihr Kleiderschrank hergab vor der Tür und erwartete ihn schon. „Jessie!“ flüsterte sie ihm zu. „Mach auf, daß du in die Klasse kommst. Es ist schon spät.“ Erleichtert, so empfangen zu werden, setzte er sich in die Klasse. Die Schüler waren heute erstaunlich ruhig. Ein seltsames Knistern ging durch die Reihen, als ob die Schüler etwas Neues zu erwarten hätten. Das Fräulein begann ihren Unterricht. Und niemand störte. Einen nach dem anderen rief sie an die Tafel, um die Rechenaufgaben lösen zu lassen. Jessie starrte derweilen aus dem Fenster, den Blick auf die Winterlandschaft gerichtet. Seine Wangen waren immer noch leicht gerötet, aber wie er mit Genugtuung sehen konnte, überließ ihn das Fräulein ganz sich selbst. In Ruhe konnte er mit sich selbst und seinen Gefühlen feiern. Er wurde kein einziges Mal an die Tafel gerufen. Die Stunden flogen vorbei und schließlich ertönte das Klingeln zur großen Pause. Die Klassenkameraden blickten ihn komisch an, während er die Hände zu Fäusten verschlossen in seiner Jacke hielt. Er trollte sich abseits wie immer. Er wußte nicht, was er mit ihnen reden sollte. Bis sich schließlich einer hervorwagte. Das verschmitzte Gesicht wohl unter der Pudelmütze geborgen. „Jessie, was war das gestern für ein Auftritt am Brunnen? Das Fräulein war ganz blaß nach deinem Abgang.“ Jessie drehte ihm wütend den Rücken zu. Er hatte schon solche Aussprüche erwartet. Ein Schneeball flog und traf ihn am Kragen. Der Schnee drang auf seine nackte Haut am Hals. Er drehte sich um und wühlte in dem Schnee. Er formte seinen Schneeball solange bis er zu Eis wurde. Dann warf er ihn dem Sprecher mit voller Wucht ins Gesicht. Das Auge des Gegenüber begann zu tränen. Er wußte nicht zu sagen, ob es von seinem Schneeball herrührte oder ob es echte Tränen waren. Schnellen Schrittes kehrte er in das Klassenzimmer zurück und setzt sich wohlbehalten auf seinen Platz. Er wollte nicht erneut in eine Keilerei geraten. Als die Klasse zurückkehrte war er schon wieder in tiefen Gedanken versunken und es war so, daß niemand es wagte, ihn anzutasten. Schließlich war er der Größte in der Klasse und niemand beherrschte besser die Tasten des Klaviers.

    In der nächsten Stunde hatten sie Schreiben. Das Fräulein kündigte an, daß sie heute einen Aufsatz schreiben müßten. Das Thema war: „Was mir seltsames passiert ist.“
    Jessie begann beinahe ungehalten zu schreiben. Der Brunnen kam darin vor. Die Soldaten. Und natürlich das seltsame Verhalten seiner Mutter. Während dieser Stunde war er weit weg, gefangen in seinen Worten, die versuchten das Unfaßliche zu beschreiben. Mit einem triumphierenden Blick übergab er dem Fräulein den Aufsatz. Er wollte schon gehen. Aber das Fräulein hielt ihn am Ärmel zurück mit den Worten: „Jessie, ich möchte deine Mutter sprechen.“
    Jessie stand da wie ein begossener Pudel und antwortete mit schwacher Stimme. „Meine Mutter? Das geht nicht. Sie kann nicht raus bei diesem Wetter.“ Dann stürmte er davon. Er vergaß Handschuhe und Schulranzen und rannte mit keinem Blick auf den Brunnen zurück zu seiner Mutter.

    Arglos sprach er zu seiner Mutter: „Mama weißt du, daß der Brunnen zugefroren ist?“ Erstaunlicherweise antwortete sie: „Was, der Brunnen ist zugefroren? Das bedeutet, daß der Zugang zu unseren Seelen verschlossen ist. Der Quell des Lebens bedeckt unter einer Eisschicht. Das verheißt nichts gutes. Ich bin da abergläubisch.“ Er blickte seine Mutter argwöhnisch an. Hatte die Mutter seine Gefühle erraten oder sprach sie für sich selbst. Es blieb ihm ein Rätsel.

    An jenem Tag redete die Mutter nur noch zusammenhangsloses Zeug, was den Brunnen betraf. Er konnte es sich nicht erklären, was mit ihr los war. Einmal hörte er sie feierlich murmeln: „Mein Seelengrund ist verschlossen, vereist auf unwegsamen Gründen.“ Sie saß nun nur noch auf dem Sofa mit dem seltsamen Buch auf dem Schoß und schrieb unentwegt Sätze hinein. Die Nähmaschine blieb unberührt in ihrem Eck, noch sein nicht fertiggenähtes Faschingskostüm zwischen den Zähnen, bis sie plötzlich aufstand und ihm zurief: „Komm Jessie, wir wollen zu dem Brunnen gehen.“ “Aber Mutter kannst du bei diesem Wetter?“
    „Keine Sorge, Jessie, Gott wird über uns wachen.“
    Und so machten sie sich gemeinsam auf und gingen zu dem Brunnen. Die Mutter mit ihren unsicheren Bewegungen auf dem rutschigen Schnee. Jessie stützte sie so gut er konnte, aber er konnte nicht verhindern, daß sie manchmal ausrutschte.
    „Mama, kannst du noch?“ rief er ihr dann zu und wenn er ihr ins Gesicht schaute, konnte er sehen, daß sie die Zähne aufeinander gebissen, bereit war weiterzugehen. „Jessie, ich muß es schaffen. Ich muß den Brunnen sehen.“
    Sie gelangten schließlich an. Wieder waren seine Klassenkameraden am Werk und lieferten sich eine Schneeballschlacht. Er führte sie ganz vorsichtig, sachte zu dem tiefen verschlossenen Loch. Die Mutter beugte sich über den Brunnenrand. „Aber Jessie. Ich wollte dir gar nicht glauben. Er ist tatsächlich zugefroren.“ Wie zur Bestätigung grub Jessie nach einem Kiesel und schmiß ihn hinein. Es klirrte. Das Gesicht der Mutter war nun von Entsetzen geweiht. „Meine Welt bricht auseinander. Aber dahinter sehe ich eine Klarheit, wie ich sie nie gesehen haben. Alle sind weit weg, aber doch da. Ein Rauschen macht sich breit. Die Tannen werden in den Brunnen stürzen oder vielleicht ich?“ Sie beugte sich etwas zu weit über den Rand. Aber Jessie hielt sie am Mantel fest. „Mutter, laß uns gehn. Alles wird wieder gut werden.“ Aber dann sah er, wie Fräulein Klimczak von der Ferne winkte. Sie trat langsam heran. „Das ist also deine Mutter, Jessie. Und du wolltest uns nicht vorstellen?“ Die Worte des Fräuleins tönten in seinen Ohren. Die Mutter starrte sie an. Sie sagte: „Das ist also deine Lehrerin, Jessie. Sie trägt so einen seltsamen braunen Mantel. Diesen Mantel habe ich schon einmal gesehen.“
    Die Lehrerin wandte sich nochmals an die Mutter: „Sie müssen wissen, sie haben da einen ganz besonderen Sohn. Ihr Jessie, ja, der ist etwas ganz besonderes. Er spielt Klavier wie ein junger Gott. Und diesen Aufsatz, den er mir neulich abgeliefert hat. Er beschreibt Sie darin. Ihr Verhalten scheint ja schon etwas eigenartig zu sein.“ Jessies Blick traf die Lehrerin. Die Mutter war etwas befangen und sagte dann: „Ja mein Sohn, ich weiß davon. Aber ich weiß noch viel mehr. Die Stimmen sagen es mir immer wieder ein.“ Das Fräulein schien überrascht zu sein: „Stimmen, Sie hören Stimmen?“ Die Mutter erwiderte: „Ja, ich glaube, sie kommen direkt von Gott.“ Jessie zupfte die Mutter am Ärmel und sagte: „Mama, laß uns gehen. Das ist nichts für dich.“ Die Mutter gehorchte wie in Trance und ließ sich wegführen. Sie kehrten zurück in das kleine Haus. Zuhause legte sich die Mutter nach der Anstrengung sofort ins Bett. Jessie hörte sie immer wieder vor sich hinmurmeln: „Dieser braune Mantel, wo habe ich diesen braunen Mantel schon einmal gesehen?“

    Am nächsten Morgen ertönte ein Poltern. Es war noch dunkel. Stimmen wehten von der Eingangstür herüber. Es waren eindeutig Männerstimmen. Jessie war sofort hellwach. Er setzte sich im Bett auf und hörte, wie die Tür eingeschlagen wurde. Er schrie: „Mama, hast du das gehört?“ Sie antwortete: „Ja, Jessie. Ich glaube, das sind sie wieder.“ Er warf die Bettdecke über sich. Dann erinnerte er sich nur noch an häßliche Fratzen über seinem Bett, die ihn herauszerrten.

    Er fand sich wieder auf einem Eisenwaggon neben seiner Mutter. Sie hatte die Schiene an. Er dankte Gott dafür. Sie hatte es also geschafft, in dem Tumult, den die Soldaten verursachten, die Schiene anzuziehen. Er blickte um sich. Neben ihm drängten sich viele Menschen gleich Tiere in dem kleinen Abteil. Die Morgensonne tauchte die ausgezehrten Gesichter der Menschen in ein leuchtendes Rot. Vor dem Eisenwaggon liefen hektisch Männer in Uniformen auf und ab und erteilten Befehle an die verwirrten Massen. Die Mutter sagte: „Jetzt konnte ich dein Faschingskostüm gar nicht fertig nähen. Gerade jetzt, es hätte so gut gepaßt.“
    Mit Angst in der Stimme fragte er: „Mutter, wo fahren wir hin?“ Sie antwortete. Ein seltsames Lächeln stand auf ihrem Gesicht. „Gott hat es mir vorhergesagt: In den Morgen.

  2. #2
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    AW: Jessie

    erstellt vom Bowle: Unter seinen Füßen knackte es, während er dem verschlungenen Pfad folgte. Er lief durch das tiefste Dickicht. Hier und da peitschte ihm ein Ast in das Gesicht.
    Akkusativ oder Dativ?
    Je weiter er vordrang, desto weniger konnte von dem Weg sehen.
    fehlt ein Subjekt; ist mir noch zu pauschal; das Dickicht kann sooo viel bedeuten
    Dornengestrüpp baute sich vor ihm auf. Es schien nicht mehr weiterzugehen.
    Wenn Du das DORNENGESTRüPP quasi personifizierst, indem Du es handeln läßt, dann muß es Dir mehr als diesen kurzen einen Satz wert sein.
    Er bog das Gestrüpp mit Anstrengung auseinander und brach hindurch. Auf seinem Rücken wurde es schwer.
    Wieder eine Verdrehung und Quasi-Einsetzung eines Handlungsträgers. meinetwegen nimm das als Stilmuster. Mir aber würde es besser gefallen, wenn Du die Dinge in ihrer Natürlichkeit beließest, allerdings auch das Besondere betontest. Hier bedeutet das, daß der RüCKEN schmerzen könnte, weil es (IHM) zu schwer wird.
    Wie lange sollte er die Last noch tragen? Die bleiernen Glieder schleppten ihn und seine Bürde immer weiter.
    siehe vorige Bemerkung; hier gibst Du den Gliedern eine pseudoagente Bedeutung, sie sind quasi verselbständigt und nicht unbedingt zum Helden gehörige TEILE des Helden selbst
    Wie gesagt, als Stilmuster ist das akzeptabel, da? also die Bestandteile des Helden durch die Anstrengung ein Eigenleben entwickeln; dann bin ich gespannt, wie Du das noch verifizierst und dem Leser plausibel machst
    Bis er zusammenzubrechen schien.
    Dieser bezug ist jetzt schlecht. Außerdem ist das kein Satz.
    Er schaute auf seinen Rücken und sagte: "Mutter du wirst mir zu schwer."
    Das ist jetzt sehr gut.
    Als er erwachte, bemerkte er das nasse Laken. Mutter würde schimpfen. "So schnell kann ich doch gar nicht waschen, so oft wie du ins Bett pinkelst", hörte er ihre Worte im Geiste. Er stieg die Leiter des Hochbetts hinunter und überlegte, ob er ein Handtuch holen sollte. Seine Füße patschten auf die kalten Fliesen. Er erschauerte leicht.
    Dativ ist hier besser
    Wenn er jetzt zu Mutter ins Bett stieg, würde sie gleich wissen, was los war.
    steigen würde; jedenfalls ein Konjunktiv ist hier viel besser
    Er liebte es, die Morgenstunden, bei Mutter, gekuschelt an ihren warmen Körper, im Bett zu verbringen.
    schlecht; zu pauschal und klischeebeladen
    Er war schon auf dem Weg zu ihrem Schlafzimmer, als er es sich anders überlegte und ins Bad ging, um sich ein Handtuch zu holen.
    schlecht: 1. ER-Wiederholung; 2. langweiliges Beschreiben ohne irgendwelche Konnotationen; 3. selbst als beruhigendes oder aufbauendes Moment ohne jedes Esprit
    Wie ein Dieb nahm er klammheimlich, ohne Licht gemacht zu haben, das Handtuch und kehrte in sein Hochbett zurück. Dort baute er sich sein Lager um. Es war unmöglich. An welche Stelle des Betts er sich auch legte, die Nässe drang durch das Handtuch hindurch. Verzweifelt gab er es auf und stieg wieder hinunter.
    kletterte; weil STEIGEN geht immer nach oben
    Er bewegte sich so leise er konnte in Richtung Wohnzimmer, um sich auf das Sofa zu legen.
    übertreibe es nicht mit UM - ZU - Sätzen
    Er mußte an dem Schlafzimmer seiner Mutter vorbei. Noch hörte er ihre regelmäßigen Atemzüge. Je näher er kam, desto langsamer wurde er. Seine baren Füße würden ihn verraten. Sie tapsten für ihn unüberhörbar auf dem Fliesenboden. Doch dann war er vorbei. Er wollte sich gerade erleichtert aufs Sofa legen, als die Stimme seiner Mutter erklang: "Jessie, hast du wieder ins Bett gepinkelt?" "Ja, Mama." "Schon wieder, muß das denn sein? Ich verstehe das nicht, du bist jetzt sieben Jahre alt und gehst in die Schule. Trotzdem machst du noch ins Bett." "Ja, Mama, tut mir leid." "Jetzt versuch noch ein wenig zu schlafen." "Ja, Mama." Er legte sich auf das Sofa.
    Er erwachte wieder, als das Morgenlicht durch die Ritzen der Fensterläden drang. Mutter schien noch nicht wach zu sein, denn er hörte nichts. Er ging in ihr Schlafzimmer und fand sie, als sie sich gerade aufsetzte. "Bitte Jessie, reich mir mal die Schiene!" Das gesunde Bein schwang sich aus dem Bett. Dann nahm sie die Hände zur Hilfe und holte das kranke Bein unter der Decke hervor. Das dünne leblose Beinchen war leblos wie ein Knochen.
    Nicht so guter Vergleich. Wenigstens ein Attribut muß hier ran.
    Er
    Streng genommen muß sich ER auf Knochen beziehen.
    wollte ihr in die Schiene helfen, aber sie wehrte ab: "Laß es gut sein, Mäuschen! Ich kann das schon alleine. Ich habe schließlich mein Leben lang geübt." Mit geschickten Fingern, begann sie, die Schiene zuzuschnüren. Die Schiene verursachte ein Knacksen, als die Mutter aufstand und ins Badezimmer humpelte.
    Du benutzt ALS zu oft als zeitstrukturierenden Partikel.
    Als er die alten Fensterläden öffnete, quietschten sie, da die Scharniere verrostet waren.
    Erkl?rungen vermeiden. Dein Leser denkt mit.
    Die Vögel zwitscherten fröhlich in ihrer Lautstärke. Ein Frühjahrsmorgen, wie er schöner nicht sein könnte erstrahlte in der aufgehenden Sonne.

    Nach dem Frühstück nahm Jessie die alte abgenutzte Joppe, schnappte sich seinen Schulranzen und machte sich auf den Weg zur Schule, nachdem er sich noch mit einer ausgiebigen Umarmung von der Mutter verabschiedet hatte. Wie immer stand sie am geöffneten Fenster und blickte ihm hinterher. Wie jeden Tag lief er an dem Brunnen des kleinen Dorfs vorbei und konnte es sich nicht verkneifen, einen Stein hineinzuwerfen. Er staunte, wie lange es dauerte, bis der Stein auf die Wasseroberfläche traf. Dieses Plopp des Steins gab ihm jeden Morgen den Kick, den er brauchte, um den Tag zu beginnen.
    Wieder eine überflüssige Erklärung. Statt dessen könntest Du seinen Kick beschreiben, ihn aber nicht nennen.
    Danach starrte er immer in das tiefe dunkle Brunnenloch und fragte sich, wo denn nun sein Stein gelandet sei. Es war bedrohlich in diesem Schacht, der gleich einem langen Tunnel kein Ende hatte. Er fragte sich, ob eines Tages ein Ungeheuer herauskommen würde, um sich zu beschweren, wer Steine auf seinen Kopf würfe.
    Das ist gut, aber zu knapp.
    In der Schule beobachtete er seine Klassenkameraden, die fröhlich ihre Scherze machten. Einmal wurde er bleich vor Zorn, nämlich als sie sich über seine Mutter lustig machten. „Hinkebein, Hinkebein“. Als die Mutter ihn von der Schule abholte, konnte er es sich nicht erwehren, das Tuscheln zu bemerken, das hinter seinem Rücken die Wunden riß. Er schaute seiner Mutter ins Gesicht und es kam ihm von den Lippen: „Mutter, du mußt mich doch nicht immer abholen. Ich kann den Weg alleine gehen.“ Die Mutter wurde ganz blaß und sagte nur: „Aber Mäuslein, ich wollte doch nur...“
    Ihr Satz erstarb und die Lippen waren wie zugefroren. Am Brunnen schmiß Jessie zuerst einen Stein und danach beobachtete er, wie sie sich umständlich mit ihrem zugeschnürten Bein mit dem Stock in der Hand nach einem Kiesel reckte.
    Du hast nicht motiviert, warum sie zusammen zum Brunnen gingen. Die Mutter rechtfertigt sich. Warum? Ich glaube, Du mußt hier aufpassen. Das Kind ist manchmal sehr erwachsen. Es sollte diese Selbstreferenz ablegen.
    Sie schaffte es, ihn aufzuheben und nachdem sie dem Nachhall gelauscht hatten, machten sie sich auf den Weg nach Hause zum Mittagessen.
    Reicht nicht als Erlebnisbeschreibung.

    erstellt vom Bowle: Es waren ärmliche Mahle, die die Mutter auftischte. Meistens gab es eine schleimige Kartoffelsuppe, die er dann, wenn er einmal keinen Hunger hatte, schmählich von sich wies.
    Stilbruch. Das Schmähliche muß fallen. SCHLEIMIG ist nicht so günstig. Such einen Ersatz: SCHLIERIG, KARG, DÜNN... Entweder baust Du hier eine Alliteration ein oder übertreibst es für den heutigen Leser.
    Diesmal sagte er: „Ich weiß, Mama. Wir haben kein Geld, aber müssen es immer diese scheußlichen Supptoffeln sein?“
    Die Mutter saß da, als ob sie einen Stock verschluckt hätte und sagte die alte Leier wiederholend: „Dein Vater ist in Rußland geblieben und leider haben wir nun kein Geld, um etwas anderes zu essen. Das wenige Geld, das ich mit meinen Näharbeiten verdiene, reicht gerade dazu aus, um uns halblebig zu versorgen. Den großen Bauernhof haben wir verkaufen müssen, als dein Vater verschollen ist.“
    Das solltest Du als indirekte Rede wiedergeben. - Setzt der Schwabe ALS und NACHDEM gleich?
    Nach dem Essen besorgte er den Abwasch, damit sich die Mutter hinlegen konnte.
    Wenn Du erklärst, warum einer was tat, dann nimmst Du dem Text Spannung. Viele Leser, auch ich, mögen es nicht besonders, wenn zu vieles erklärt wird.
    Danach machte er seine Hausaufgaben. Er begann schon ganze Wörter zu lesen. Stolz buchstabierte er und ihm wurde ganz feierlich zumute, wenn es ihm einmal gelungen war, den Sinn zu erfassen, den das Wort hatte.
    Ganz schlechter Satz. Zu verschachtelt und konstruabel. Mehr Einzelheiten in kürzeren Abschnitten!
    Wenn er das Wort „Brunnen“ las, ergriff ihn ein Gefühl, das er nicht zu beschreiben vermochte. Eine Verzauberung ging von diesem Wort aus, so daß er es direkt in seiner Magenhöhle spüren konnte. Ein Anklingen an Furcht gepaart mit Erregung. Als er mit den Hausaufgaben fertig war, ging er zu dem alten verstimmten Klavier. Die Mutter störte es nicht im Schlaf, wenn er hier und da die Saiten zum Klingen brachte. Er spielte einfache Kinderlieder, die ihm im Herzen klangen.

    Als die Mutter vom Mittagsschlaf erwachte, freute er sich auf ihre Wachsein, nachdem er sich so lange allein beschäftigt hatte.
    ALS ALS ALS - finde andere Wörter zur Konstruktion von Zeit bzw. -abläufen.
    Er zog mit all seinem Charme, den er bieten konnte, ihre Aufmerksamkeit auf sich.
    Perspektive! Wessen Perspektive erteilt hier das Wort CHARME? Gibt es einen Erzähler, ein Quasi-Ich oder -Er?
    Er zog sie an der Hand zu sich heran und wollte, daß sie sich über seine Hausaufgaben beugte: „Mutter, ich kann ‚Brunnen‘ lesen.“ Sie entgegnete noch im Halbschlaf: „Wie schön.“
    Als er versuchte, mit ihr zu toben, entgegnete sie ihm mit sanfter Stimme: „Mäuslein, ich kann nicht kämpfen. Du weißt, mein Bein.“
    Nach diesem Versuch verkroch er sich in ein Eck und begann, unbekannte Geister zu schlagen. Er schlug so wild um sich, daß die Mutter ihn anherrschte: „Was denkst du wohl, werden die Nachbarn sagen, wenn du einen solchen Krach machst? Danach er sich einem Heulkrampf zu hin.
    Fehlt ein Verb im letzten Satz. Direkte Rede ist auch hier nicht notwendig, aber nicht die schlechteste Lösung. Beachte die Perspektive des Erzählten! Es muß dem Leser klarsein, ob hier ein Rückblick oder ein gemachter Erzähler oder ein Autor niederlegt.

  3. #3
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Jessie

    Ein mir nicht im unangenehmen Sinne erinnerlicher Text. Hart am Kitsch.

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