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Thema: 1955

Hybrid-Darstellung

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  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post 1955

    Natürlich hätte er sich das denken können, er war ja nicht blöd oder verrückt. Wojitsch verkniff sich grundsätzlich Sprüche wie: 'Die Welt ist noch nicht reif', oder: 'Die Menschen sind verblendete Ignoranten!'. Und wahrscheinlich hätte er an Stelle des Baumarktverkäufers auch nicht anders reagiert. Aber ein bißchen enttäuscht war er trotzdem. Der Verkäufer hatte ihn zuerst lächelnd und wegen seiner altmodischen Hornbrille ein bißchen spöttisch, dann skeptisch und schließlich, als ihm endgültig klar wurde, daß Wojitsch nicht scherzte, wie einen Wahnsinnigen angesehen. Logisch, aber Wojitsch hatte es wenigstens versuchen wollen. Er hatte die Lebensmittel, die er im Laden gegenüber gekauft hatte, im Kofferraum verstaut und war hinein gegangen in dieses Heimwerkerparadies. Er hatte Lampen und Duschvorhänge, Schrauben und Nägel, Laubsägen und Bohrschrauber, Tapeten und Spanplatten begutachtet und dann den Mann im grauen Kittel angesprochen, den das Namensschild an der Brusttasche als Herrn Schlöbohm auswies: "Guten Tag, ich möchte eine Zeitmaschine bauen. Was braucht man dafür?"
    Es war ein Versuch gewesen, mehr nicht.

    Wegen des Epochenreglers machte er sich keine Gedanken. Es würde Probleme mit der Feineinstellung geben, klar, aber eine temporale Punktlandung schloß Wojitsch sowieso aus. Auf zwei drei Monate kam es nicht an. Was ihm hingegen einiges Kopfzerbrechen bereitete, war der Paradoxonkompensator. Es mußte unbedingt verhindert werden, daß er sich selbst durch irgend eine Unachtsamkeit aus der Geschichte katapultierte. Er hatte da bereits eine Idee, eine geniale möglicherweise, aber er wollte, was diesen Punkt betraf, nichts dem Zufall überlassen. Und er wollte natürlich nicht auf die Genugtuung verzichten, es ohne die Schlöbohms dieser Welt geschafft zu haben.

    Es war erstaunlich, mit welch geringem Aufwand sich die Grundkonstruktion verwirklichen ließ, wie lächerlich einfach man leicht modifizierte Alltags- und Gebrauchsgegenstände verwenden konnte. Wojitsch benötigte ein paar bunte Glühbirnen, die so geschaltet werden mußten, daß die Komplementärfarben niemals gleichzeitig aufleuchteten, weil sich die Lichteffekte sonst gegenseitig neutralisiert hätten. Er besorgte sich ein paar alte Regenschirme, die er gut einölte, damit sie sich im entscheidenden Moment problemlos und ohne zu haken öffneten und wieder schlossen. Alle Verbindungen zwischen den einzelnen Teilen liefen über Zahnräder aus einem alten LKW-Getriebe oder über Wäscheleinen, die über Fahrradfelgen gespannt waren. In der Mitte spielte, wenn die Apparatur in Gang gesetzt wurde, eine mechanische Affenkapelle, die er sich in einem Ramschladen besorgt hatte, und daneben arbeitete ein auf dem Kopf stehender Rührmixer. 'Da investieren die Milliarden, um die Tiefsee oder den Weltraum zu erforschen, und schaffen es nicht, auf die einfachste und genialste Idee von allen zu kommen', dachte er nicht ohne Stolz. Das Ganze sah zwar etwas wackelig aus, aber es funktionierte, und darauf kam es schließlich an. Man konnte die Maschine später noch verfeinern und durch neuere und geeignetere Teile ersetzen, aber das Grundprinzip stimmte.
    Wojitsch hatte einen aus einem Umklapp-Kalender gebauten Tempometer in die Maschine integriert. Wenn man auf einen Knopf drückte, klappte eines der einunddreißig Plättchen um und zeigte das nächst höhere Datum des jeweiligen Monats an. Er hatte den Kalender vorsichtig auseinandergenommen und die Plättchen mit Jahreszahlen von 1946 bis 1976 überklebt. Weiter in die Vergangenheit wollte er erst mal nicht gehen, wegen des Krieges, und näher in Richtung Gegenwart wollte er auch nicht, denn diese Zeit kannte er ja. Da wollte er nicht mehr hin.
    1955 war genau richtig. Er dachte oft an die 50er Jahre. Manchmal "erinnerte" er sich beinahe an sie - er, der er im Jahre 1963 geboren war. Wenigstens träumte er oft davon. Er schwebte dann durch die Straßen dieser Zeit, in der er sich gut aufgehoben fühlte. Es war eine Welt, die er nur aus Erzählungen und von alten Fotos her kannte, eine Zeit, die ihm in bewegten Bildern lediglich im Fernsehen in Form von Heinz-Rühmann-Filmen begegnet war. Eine Zeit, in der seine Mutter jung gewesen war, in der noch niemand an ein Ende, an einen drohenden Weltuntergang gedacht hatte, weil man den gerade erst hinter sich gebracht hatte. Eine Zeit, in der man nicht voller Spott angestarrt wurde, wenn man eine eckige Hornbrille trug.

    Ein Cocktailsessel war genau die richtige Sitzgelegenheit für diese Reise. Wojitsch hatte sich so einen vom Sperrmüll besorgt. Einen roten mit ausgeleierten Federn und eingerissener Rückenlehne. Wie geistreich, in einem roten Cocktailsessel in die Fünfziger zu reisen! Er lächelte. Er hatte wirklich Sinn für schrägen Humor.
    Er mußte sich keine in die Zeit passenden Klamotten besorgen. Der Paradoxonkompensator, den er inzwischen aus einer sich ständig um ihre eigene Mittelachse drehenden Sanduhr entwickelt hatte, würde dafür sorgen, daß er im Augenblick seiner Ankunft einen fünfziger-Jahre-gerechten Anzug tragen würde. Das hatte er sich raffiniert ausgedacht, und es war so einfach!

    Als der große Tag gekommen war, trank Wojitsch ein Glas Sekt. Er war sehr aufgeregt. Mit ein paar geübten Handgriffen nahm er die letzten Feineinstellungen vor, kontrollierte jedes Teil noch einmal mit fachmännischem Blick und nahm dann langsam und würdevoll in dem roten Cocktailsessel Platz. "Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für mich!", sagte er. Mit bedächtigen Fingern bediente er den Tempometer, bis er das gewünschte Ziel anzeigte: 1955. Er verband diverse Drähte und Lederriemen mit Kopf, Armen und Beinen, trank noch einen Schluck Sekt und atmete tief durch. Dann stellt er den Umschalthebel auf "Ein", und der Rasenmähermotor startete mit einigem Stottern, bevor er auf Touren kam.
    Zuerst zündeten die rings um den Sessel angebrachten Schwärmer vom vergangenen Sylvester. Dann leuchteten alle Glühbirnen in der richtigen Reihenfolge auf, die Regenschirme öffneten und schlossen sich immer schneller und schneller, und die Affenkapelle spielte wie entfesselt. Wojitsch schloß die Augen. Ihm war gelungen, wovon Generationen von Wissenschaftlern nicht zu träumen gewagt hatten.

    Es herrschte dichter Nebel. Der Raum roch nach Qualm und Benzin. Die letzten Schwärmer brannten aus, die letzten Glühbirnen flackerten müde, dann standen alle Räder still. Wojitsch hustete. Er hatte keine Ahnung, wie lange die Reise gedauert hatte, aber der Tempometer zeigte noch immer 1955 an. Er war angekommen.
    Er stand auf und ging hinaus und hatte nach wie vor den Eindruck, seine grüne Hose und das karierte Flanellhemd zu tragen. Aber damit hatte er gerechnet. Der Paradoxonkompensator war so eingestellt, daß er den Übergang für den Reisenden fließend machte, um den Schock zu dämpfen. Die Veränderungen würden für ihn nur langsam sichtbar werden.
    Es beunruhigte ihn daher nicht, als er das Golf-Cabriolet mit den hämmernden Bässen der Stereoanlage und dem telefonierenden Fahrer an sich vorüberfahren sah. Die Kino-Werbung für "Terminator III" war nur eine Illusion, die sich bald in Luft auflösen würde. Er lächelte tief und glücklich in sich hinein, während er seine Hornbrille aufsetzte und durch die Straßen einer anderen Zeit schlenderte.

  2. #2
    resurrector
    Laufkundschaft

    Aw: 1955

    Eine meiner Phantasien durchlebt das Wäre-Wenn der Zeitreisen. Allerdings würde ich mir das Jahr 1955 nicht für meine erste Zeitreise aussuchen. 1913 wäre es, vielleicht auch 1795. Das wäre auch ein lohnenswertes Ziel.

    Marks Text sind immer von einer Sprödigkeit, die sich sprachlich mit Wortwitz und konstruierend sehr zugespitzter Dramaturgie verbindet. Leider versprachen seine Expositionen mehr, als daß er sie in der Durchführung hätte erfüllen können.

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