Fortsetzung von Teil I

Es gelang den Bolschewiken, die anarchischen Elemente innerhalb ihrer Reihen auszuschließen und mit dem Schlagwort der Geschlossenheit Richtlinien durchzusetzen (insbesondere auf dem X. Parteitag der RKP 1921), eine neue Hierarchie zu bilden, die für Rußland notwendig war und von den neuen Machthabern gern angenommen und umgesetzt wurde, denn das sicherte ihre lokale Macht ebenso wie sie im fernen Machtzentrum Moskau gebraucht und gefördert wurde. Das neue System stabilisierte so seine Macht nach innen und stand vor der neuen Schlüsselfrage: Weltrevolution oder Aufbau des Sozialismus in einem Lande?

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Lenin spricht in Moskau zu Rotarmisten vor deren Abmarsch an die Bürgerkriegsfront, Mai 1920 (rechts neben der Rednertribüne: Trotzki).

Eigentlich war die Frage 1920 mit dem Machtverlust Trotzkis zugunsten der Machtsicherung mit nachfolgendem Aufbau in EINEM Lande (Lenin, ff. Stalin) entschieden, doch hatte der deutsche Widerstand von rechts und links gegen den imperialistischen Westen in Rußland die Hoffnung genährt, die Revolution doch noch über die Grenzen des eigenen Imperiums hinaustragen zu können. Die Russen setzten Angriffstruppen bis in die Weichselniederung in Bewegung und forcierten die kommunistische Propagandaarbeit in den kommunistischen Ballungszentren des Reiches. Aber Polen rettete den Westen, der von seinem Glück nichts erfuhr, schlug die russische Kavallerie und trieb sie nunmehr bis kurz vor Moskau zurück.Auch 1923 während der Ruhrbesetzung hoffte Rußlands Führung, daß die Weltrevolution nunmehr ihren Lauf nehmen könnte. Unter dem Strategen Radek wurde Polen angegriffen, aber der Angriff war substanzlos, denn die Russen konnten den zivilisierteren Völkern der Mitte und des Westens nichts anbieten als die Idee einer Diktatur des Proletariats, die in Mittel- und Westeuropa mit seiner bürgerlichen Bevölkerungsmehrheit bestenfalls sauer aufstieß, aber nicht mehrheitsfähig war. Das war für die Bolschewiken nichts Unbekanntes, denn als sie 1905 das erste Mal nach der Macht griffen, waren über 90% der Russen keineswegs auf ihrer Seite, dennoch setzten sie sich in knapp zwanzig Jahren durch, was nunmehr die Frage der Beurteilung dieser politischen Veränderung nach sich zieht.

1. Der empirische Ansatz

Rußlands Entwicklung um 1900 verlief zielgerichtet auf imperialistische Verhältnisse zu. Mit Hilfe französischer Kredite, eigener Goldbestände, riesigen Rohstoffen, einer gut ausgebildeten, dazu aggressiv-imperial orientierten Führungsschicht und einem straffen Staatskörper wurde der Ausbau der Industrie angegangen. Bauernbefreiung und damit verbundene Landflucht erzeugte die dafür notwendigen Proletarier, zugleich aber führten technischer Fortschritt und das Beharren der oligarchischen Führung dazu, die Widersprüche zwischen dem wachsenden gesellschaftlich erzeugten Mehrheit und seiner privaten Aneignung zu verschärfen. Die auch heute aktuelle Einkommensschere. Die ausgebeuteten Unterprivilegierten lernten Gesellschaftstheorien kennen, die in ihnen neue Lebensimpulse setzten.
Angesichts des wenig politisierten Bürgertums, das im Vergleich zu West- und Mitteleuropa in geringer Zahl in den Städten sein kleinbürgerliches Dasein fristete, mußte ein weitgehend führerloser bürgerlich-demokratischer Aufstand (wie 1905) scheitern. Statt dessen kam der entscheidende Stoß zur Umwälzung der politischen Verhältnisse in Rußland aus dem hungernden und kriegsmüden Proletariat, das in den Bolschewiki eine politische Kraft besaß, der es auch gelungen war, auf dem Lande Anhänger zu gewinnen. Die Bolschewiki unter den genialen politischen Köpfen Lenin und Trotzki versprachen den Landarmen Land aus Gutsbesitzerhand und Frieden. Da sie ihr Versprechen unmittelbar nach dem Putsch im Oktober 1917 hielten und entsprechende Dekrete erließen, gewannen sie die notwendige zahlenmäßige Unterstützung und konnten die auf schwachen Füßen stehende bürgerliche Ordnung, wie sie sich nach der Februarrevolution im Frühjahr/Sommer 1917 anbahnen wollte, beiseite schieben. Dieser bürgerliche Entwurf besaß aus folgenden Gründen keine Chance, sich dauerhaft in Rußland zu etablieren:


  • er setzte den Krieg gegen das Reich fort, der in Rußland wenig populär war;
  • er war auf die Unterstützung Britanniens und Frankreichs angewiesen, fand aber in Rußland nur ein wenig politisiertes Bürgertum vor, das zwar das Französische als Ausdruck eigener Zivilisation begriff, aber keine politische Initiative entwickelte;
  • das bürgerliche Moment bildete in Rußland keine Nomenklatur heraus, zudem waren 40% der alten Bürokratie deutsch geprägt, was im Krieg weitgehend aufgelöst und nicht durch eine neue Verwaltungstätigkeit auf russisch-bürgerlicher Basis ersetzt werden konnte und
  • Amerika unterstützte die Bolschewiken, um sie zum Frieden mit dem Reich zu bringen (was taktisch 1917/18 auch im Interesse der Bolschewiki war) und konnte im Laufe des russischen Bürgerkriegs (bis etwa 1923) auch seine Assoziierten davon überzeugen, daß nicht in einem bürgerlichen, sondern in einem bolschewistischen Rußland größere Entwicklungsmöglichkeiten auch für den plutokratischen Westen lägen


2. Der teleologische Ansatz
Geschichte läßt sich mit Hilfe empirischer Forschungen in Fakten wiedergeben: wertneutral, emotionslos, sachlich. Die Menschheitsgeschichte wird für diesen Fall als absehbare Kette von Ereignissen beschreibbar; strittig sind die Abschnitte, zu denen widersprüchliche Forschungsergebnisse vorliegen oder eben gar keine. Für die GSOR gibt es zahllose empirische Belege, aber dennoch widersprüchliche historische Bewertungen. Das liegt daran, daß diese GSOR zwar in Hinsicht auf ihr Selbstverständnis eine streng wissenschaftlich erklärbare Ereigniskette beinhaltete, aber unerklärbar zu bleiben scheint, wenn man sie historisch bewerten soll. Und das wiederum liegt an der Substanz ihrer Lehre, dem Marxismus-Leninismus. Dieser ist nämlich alles andere als empirisch, sondern teleologisch. Marx und mit ihm auch die Marxisten gingen von der Unabwendbarkeit des historischen Prozesses hin zur sozialistischen Revolution aus, an dessen Ende die kommunistische Gesellschaft alle Menschheitsfragen lösen würde und jedem das Recht zum Ausleben seiner Bedürfnisse sichere.
Das liest sich in der Bewertung der Ereignisse um 1917 in der öffentlichen Publikation des Institutes für Marxismus-Leninismus so: „Die Revolution war eine klassische Verwirklichung der im Manifest der Kommunistischen Partei verkündeten grundlegenden Erkenntnis des wissenschaftlichen Kommunismus, daß der Sturz des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus unvermeidlich sind…" [1] Das ist mittelalterliche Endzeiterwartung, Teleologie. Alles, was in der Lebenswirklichkeit (Verhältnis des Kapitals zur Arbeit, des Bauern zum Proletarier, des Besitzenden zum Besitzlosen, der nichtmarxistischen Parteien zur marxistischen Partei…) vorkommt, hat einen Bezug zum Endzweck der Geschichte, der unvermeidlichen Errichtung des Sozialismus.
Daß Rußland 1917 in einem Zustand der Erschöpfung war, daß soziale Fragen vor 1914 nicht gelöst worden sind, daß der Staat den Ansprüchen einer stark wachsenden Industrie und den damit verbundenen Problemen einer wachsenden Arbeiterschaft, eines wachsenden Wohlstands, wachsenden technischen Fortschritts und wachsender Gegensätze zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten und sozialen Gruppen nicht gewachsen war, legt nahe, daß ein verlorener Krieg diese Widersprüche steigern und die unteren Schichten besonders treffen würde… Daran ist nichts Mystisches und schon gar nicht etwas, das den Zielpunkt menschlicher Handlungen abgeben könnte. Der Mensch strebt seit Menschengedenken zum Besseren, aber dieses Bessere ist mit rein weltlich angelegter Glücksverheißung, die zudem auf ein ungewisses Später verschoben wurde, nicht ausgefüllt. Die Vorstellungen über das Bessere ändern sich mit jeder Generation. Sozialismus war an der Front beinahe eine Tatsache. Sie auf die zivile Gesellschaft zu übertragen, lag bei der Rückkehr der Soldaten auf der Hand. Kameradschaft, Genossenschaft, Gemeinschaft statt Individualismus, Parteilichkeit oder Klassenkampf. Konjunktur für die Parteien mit antiliberaler Ausrichtung, Parteien, die aus dem Ich ein Wir zu machen vorgaben und dabei nur neue Eliten schaffen wollten (ein aufgeblasenes Super-Ich), eine neue Herrenschicht, die die uniformierte Masse anführte, also nichts anderes war als hypertrophierter Liberalismus, Abgrenzung gegen andere bei Überbetonung der zugehörigen und hierarchisierten Massepartikeln, wie sie die Schützengräben des Krieges produziert hatten.
Neben diesen eher metaphysischen Umständen war Rußlands Abwendung vom Reich und Hinwendung an der Erzfeind Britannien, der mit französischen Gold schmackhafter gemacht worden war, eine strategische Fehlleistung ersten Ranges. Rußland glaubte sich an der Seite der Entente stark genug, das welthistorische Ziel des Russentums, die Beherrschung Konstantinopels und damit verbundene Führung der griechisch-orthodoxen Christenheit, erreichen zu können, obgleich der zuvor erfolgte (scheinbare) Paradigmenwechsel der westlichen Hegemoniebestrebungen über Nahost doch wohl kaum plausibel gewesen sein konnte. Als den Russen ihre Rolle als nützlicher Idiot bewußt geworden war und die Kriegsziele in weite Ferne gerückt waren, war damit auch das Zarentum unwiederbringlich diskreditiert. Der fürderhin von Lenins Gegnern gemachte falsche Vorwurf, daß er im Solde des Kaisers stünde, verfing deshalb auch kaum bei den Bauern und Proletariern, denn die sahen sehr wohl, daß das Reich sofort Frieden zu machen bereit war, während die Westmächte und mit ihnen deren Satrap Kerenski munter weiter Krieg führte.

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Präsidium des Allrussischen Zentralexekutivkomitees in Petrograd 1918: (v.l.n.r. sitzend) Urizki (Jude), Trotzki (Jude), Swerdlow (Jude), Sinowjew (Jude), Lachewitsch (Russe)

Das war die Gretchenfrage jener Tage: Wer garantierte den grundsätzlichen Wandel der russischen Politik und trat für den Frieden ein; wer wollte Rußland auf der Basis eines freien und selbständigen Bauerntums autark, wer zum Anhängsel der Plutokratien machen?Es waren die Bolschewiki, die dem russischen Volk das garantierten. Die Symbolbegriffe im öffentlichen Diskurs hießen Frieden und Brot. Das verstand jeder. Diese Wörter ebneten ihnen den Weg zur Macht (Sturm aufs Winterpalais und Einsetzung einer neuen Regierung: Sowjet der Volkskommissare), die sie eisern verteidigten. Die äußere Sicherheit des jungen Staates übernahm Trotzki, der die Rote Armee mit Hilfe zarischer Offiziere schuf [2] und sie gegen vom Westen unterstützte Weißgardisten einsetzte. 9 Millionen Tote waren die Folge des russischen Bürgerkriegs, mehr als im Ersten Weltkrieg, doch 1920 waren die äußeren Bedrohungen abgewehrt und die Bolschewiki beherrschten Rußland. Die innere Sicherheit wurde Sache Lenins, zunehmend auch Stalins. Schon 1917 ersetzten Volksgerichte die zarische Rechtsprechung, die Polizei wurde durch bolschewikische Milizen ersetzt. Man trennte die Kirche und das Schulwesen vom Staat (Dekret vom 23. Januar 1918), wodurch der Glauben zur Privatsache wurde und damit kontrarevolutionär resp. bourgeois-reaktionär, was die Staatssicherheit (Tscheka) aufrief, die Religiöses ausmerzte, wo es sich zeigte. Industriearbeiter übernahmen (obgleich ohne Kenntnis makro- und mikroökonomischer Kenntnisse) die Leitung ihrer Betriebe, Frauen waren fortan gleichgestellt, Verstaatlichung, wo immer es möglich war: Totalität des Staates. Das war die Diktatur des Proletariats - wie das Lehrbuch sie vorsah. Die Bolschewiki übernahmen keine Rechtsnachfolge des Zarenreiches, also auch keine finanziellen Verpflichtungen (Auslandsanleihen), zudem monopolisierten sie den Außenhandel. Pressefreiheit gab es nicht, denn Individualismus galt als reaktionär und daraus resultierende (vom politisch-korrekten abweichende) Meinungen waren etwas Subjektives und unproletarisch, da es den Klassenstandpunkt in Frage stellen konnte - das konnte nicht geduldet werden, also wurde alles Diesbezügliche bekämpft.
Den zahlreichen Nationalitäten innerhalb des russischen Zarenreiches konzedierten die Bolschewiki das Recht auf Selbstbestimmung - allerdings unterwanderten die Bolschewiki alle Separationsbestrebungen und setzten das Prinzip des Internationalismus vor das nationale, also gab es nur aufgrund ausländischen Drucks im Baltikum, Polen und Finnland Abtrennungen.


Aufgaben:


  1. Fasse die im Abschnitt genannten Ereignisse in zehn Stichpunkten zusammen! (II)
  2. Nenne zwei Motive der Bolschewiki für ihren Sturm aufs Winterpalais! (I)
  3. Diskutiere die Ansätze zur Erklärung der GSOR! (III)




[1] In: Geschichte der KPdSU. Bd. 3. Moskau 1971, S. 629.

[2] Die Motive dieser Offiziere können nur vermutet werden: Trotzki konnte sie bezahlen, die Bolschewiki wollten das in Brest-Litowsk verlorene Terrain für Rußland zurückgewinnen (der Kampf der Roten Armee richtete sich auch gegen das Reich, stand also im Einklang mit dem Kriegsziel und dem dem Zaren gegebenen Eid) und zudem braucht jeder Militär einen Brötchengeber: eine neugeschaffene Armee ermöglicht Aufstiegschancen, bildet neue Eliten.

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