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Thema: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

  1. #1
    kls
    Laufkundschaft

    Post Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    Rudi hatte sich für 200 Kracher ein riesiges Gelände in der Nähe von Hannover gekauft. Mehrere Häuser, eine ehemalige Konservenfabrik, denn Burgdorf ist berühmt für seinen Spargel, eher ein kleines Dorf. Die Asphaltierung endete bei der Einfahrt, riesige, uralte Pappeln umsäumten diese Diaspora, es war fast wie damals, außer dass im Betriebsbereich schwer das Geld verdient wurde, welches für den Ausbau benötigt wurden. Heute ist Rudi ja Millionär und kennt seine ehemaligen Mitstreiter nicht mehr, aber so ist es wohl meistens und ich bin auch etwas schlauer geworden dabei.


    Schaukel, Sandkasten, Planschbecken und Feuerstelle für die Kinder im Innenhof, es war ein Paradies. Wir Erwachsenen waren so unterschiedlich, wie es Erwachsene nun mal sind. Vom Sozialhilfeempfänger über alleinerziehende Mutter der vegetarischen Art, bis Softwareunternehmer für frei konfigurierbare Regeltechnik war alles vertreten, aber die sozialen Schranken waren uns wurscht. Wir soffen und kifften bis in den Morgen und gingen anschließend halb im Koma arbeiten oder ins Bett. Keine Junkies, denn die kamen naemlich nicht an mir vorbei: Ich hasse und verachte Junkies fast mehr als Waffenhändler oder Zuhälter.


    Die Welt war so heile, wie man es gerade noch vertreten kann. Hätten in den Bäumen, ein kleines Biotop dabei mit Fischen und Fröschen im Teich, gesäumt von Rohrputzern nebst Schilf. Wir aßen Pilze aus dem Wald, klauten Zwiebeln und Kartoffeln von den Feldern; dafür durfte der Bauer unsere Wiesen mähen und sich das Heu einbehalten.


    Die Feten waren legendär. Die Geländebewohner hielten zwei mal im Jahr eine "Make-me-smile-Fete" ab und dann gab es ein Festzelt, Freibier aus Getränkewagen, Sekt für den Geländehirsch nebst Kebse, eine gute Band und meistens auch eine Anzeige vom Nachbarn, der bloß einen Kilometer entfernt aber sauer war, dass die Zugereisten so einen Spaß haben dort, wo schon seine Großeltern Spargel putzten und Zuckerrübensirup einkochten.


    Einmal brach im Leistenlager ein Brand aus. Es hatte wohl ein wenig genieselt und so ein Idiot war mit seinem Grill in die Werkstatt gegangen, hatte aber den Kanister mit Verdünnung nicht vorher ins Chemikalienlager geschafft.


    3 Uhr morgens rüttelte mich jemand von Babsi runter: "Es brennt!"


    "Na und? Ist doch das Beste, was hier passieren kann." Aber die Stimmung war flöten und so ging ich hin, mir diese Bescherung mal aus der Nähe anzugucken.


    Aus den Sofas lösten sich die unglaublichsten Kombinationen von Seelen, die zu einander fanden.


    Kurt rannte aufgeregt in Richtung Wohnbereich um die schlafende Bevölkerung zu warnen: "Rettet die Kinder!"


    Erich verlangte nach dem Büroschlüssel um die Feuerwehr anzurufen. Ich rückte ihn raus, unter der Bedingung, dass er noch ein wenig warten möge.


    Norwin hatte sich eine Staubmaske aufgesetzt und schon drei der 16 Feuerlöscher bereitgestellt. Einer davon war allerdings eine Gasflasche, auch rot und das war in der Dunkelheit und bei dieser kopflosen Panik wohl zu verstehen. Ich trug die Flasche einige Meter zur Seite und dann stürmten wir den Brandherd.


    Wir haben alle 16 Feuerlöscher reingehalten, aber bei der zehnten wurde dann leider aus Angst die Feuerwehr gerufen. Die kam auch gleich mit zwei Zügen, Krankenwagen und Polizei. Da war der Brand natürlich schon gelöscht und Rudi (schlaf- und alkoholvernebelt taumelnd: "warum habt ihr den Scheiß nicht abfackeln lassen, ist doch versichert") durfte sich eine Predigt vom Zugführer antun. Hat uns 900 Maak und Neubetankung von 16 Feuerlöschern gekostet.


    Ein anderes Mal stolpere ich über eine komplette Apotheke. Das Gelände wurde mal von einer Spedition als Lager genutzt und es gab vergessene Räume in dem Komplex. Ich hatte eine nette Zeit, bis das Geländegewissen mir einen Riegel vorschob. Die Entsorgung als Sondermüll kostete 2 Kracher.


    Es war ja genug Geld vorhanden. Die anglikanische Kirche kennt keine Kirchensteuer und so verkauften die Engländer komplette Kircheninneneinrichtungen nach Deutschland. Aus diesem Material ließen sich gut Gaststätteninneneinrichtungen tischlern. Nie wieder habe ich eine Fa. mit solcher Gewinnspanne gesehen.


    Ich hatte mir das ehemalige Wiegehäuschen als Datscha eingerichtet. Zwei Meter breit, 3,5 Meter lang. Bett, Ofen, Tisch, Stuhl, Gitarre. Dort wurde gedichtet!


    Aber eigentlich will ich ja beschreiben, wie angenehm das Leben an einem Sonnabend Nachmittag erscheinen kann und stelle zu meinem Entsetzen fest, dass ich dazu gar nicht fähig bin. Wie kann man diese unimitierbare Stimmung "rüberbringen?" Dieses "Inselgefühl" und die Gewissheit, dass Alles halbwegs in Ordnung ist und was nicht ganz in Ordnung sein mag eben Zeit bis übermorgen hat? Im Keller übt wer Schlagzeug, ich klampfe Eric Burtons "Many River to cross" als Fingerpicking, es riecht nach Grill und Nivea, Kindergelächter, meine Frau flüstert mir zu, dass das Grass schon "Zwei-arsch-hoch" sei und ob man nicht...


    Die Hunde haben Frieden mit den Katzen geschlossen, die Katzen mit den Kaninchen, auf dem Schornstein liegt ein verlassenes Storchennest, Schwalbenhäuschen hängen unter den Firsten - manchmal spielen wir Golf, denn nur Saufen ist ja auch nicht das Wahre.


    Meine Frau hat gute Laune, die Kinder sind rechtschaffend müde, ich habe mein Soll erfüllt. Gute Nacht und lasst noch etwas Wein im Fass übrig. Für Morgen, sonst müssen wir wieder an der Tanke mit Idiotenzuschlag kaufen.

  2. #2
    Moderator
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    AW: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    zu lang gewesen, damals? zu viel geschwätz? zu wenig spannend?

  3. #3
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    Nein, ich versuchte mich in einem anderen Stil. Aber pastellfarbiges Schreiben fetzt nicht.

  4. #4
    Moderator
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    AW: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    na dann weißte doch bescheid! ran an den (Winter)Speck...

  5. #5
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    Winterspeck ist gut. Wenn Du wüsstest, welch Fit&Well-Programm ich hier durchziehe. (Inliner, Bettsport, Popeln) Zur Zeit überarbeite ich 60.000 Zeilen Quellcode für Geld. Denn für Geld mache ich doch alles. Sogar arbeiten. Darum kommt auch in letzter Zeit so wenig von mir.

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Sonnabend Nachmittag (Eine Idylle)

    Eigentlich wäre dies ein Ordner, in dem ich Beiträge streichen müßte. Eigentlich. Ich lasse ihn unverändert, denn er zeigt, wie freudlos freudwillige Arbeitsangebote von manchen Autoren vergolten werden. Meine Mitarbeiterin versuchte sich vergeblich daran, aus einer Einwegflasche mehr heruszuholen als den einmaligen (Lese)-Genuß.

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