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Thema: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    Behutsam legte er sein Netz aus
    und der Nebel blieb.

    Still liegt der Ozean im dritten Stock der Luisenstraße 24.
    Frau Hegenbergs Bibliothek ist seit den 60er Jahren die bedeutendste der Straße. Allein das Gästezimmer der Eheleute Janotta aus der Nummer 17 weist eine ähnlich große Anzahl sehr gut erhaltener Werke auf. Trotz größter Bedenken ihres Hausarztes Doktor Mühlenbach, der einmal in der Woche bei ihr nach dem Rechten (und alten medizinischen Schriften) schaut, trinkt Frau Hegenberg auch weiterhin täglich zwei Kannen Kaffee, schwarz. Doch heute, einen Tag vor ihrem 97. Geburtstag, bekommt sie kaum einen Schluck herunter. Nervös geht sie mit ihrer Lieblingstasse aus dem Hause Nymphenburg die Zimmer auf und ab. Der Bildhauer Dominik Auliczek entwarf das Service „Perl“ im klassizistischen Louis-Seize-Stil, zierlich und elegant, wie Frau Hegenbergs Finger, die große Mühe haben, die Ober- und Untertasse aus dem späten 18. Jahrhundert zusammenzuhalten. Am Küchenfenster nippt sie mit ihren blassen, schmalen Lippen vom symphonieblauen Rand und wirft ein zweites Stück Kandis in den kalten Kaffee nach. Aus der Ferne taucht ein zitronengelber Lastwagen auf. Das schwarz gedruckte "H" auf beiden Seitenflächen lässt den LKW von weitem wie ein auf der Straße krabbelndes Insekt aussehen, das sich langsam nähert. Sie nimmt einen großen, letzten Schluck, stellt die zwölfeckig gestaltete Tasse auf die Fensterbank und tritt ins Bibliothekszimmer. Mit ihren zierlichen Fingern streicht sie über Juwelen, zieht versunkene Schätze, Romane ihrer Jugend, aus den Regalen hervor. Biographien erwachen in ihren Händen zu Gemälden. Sie nimmt Abschied von den Fischern an der Loire, reist zu den Zaren bis an den Ural, umrundet in höchster Not das Kap der Guten Hoffnung, passiert die Alpen auf Goethes Spuren über die Via Raetia und kehrt zurück. Zurück in ihre Kindheit, in der sie im Bücherzimmer der Eltern eine große, neue Welt entdeckte, wie ein kleiner Fisch das Korallenriff, in das er zum ersten Mal eintaucht. Umgeben von leuchtenden Farben, findet er Schutz im dichten, sonnengeschimmerten Blätterwerk. Am Grund flackern Teile eines alten Schiffswrack auf. Zwei Taucher nähern sich vorsichtig von der Oberfläche, sie geben einander Zeichen und verschwinden mit wenigen Flossenschlägen im Wrack. Plötzlich dringen dumpfe Schläge aus dem Rumpf hervor, verschrecken einen Schwarm Halfterfische und einen einsamen Skalar.
    Es klopft dreimal,
    sie öffnet behutsam.
    Der Antiquar.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    Adjektive! Brokat. So hübsch antiquiert, daß es mir schon wieder gefällt. Allerdings mag sich hier noch gar nichts andeuten, zeigt sich keine Richtung, die das Geschehen könnte. Um also etwas übers Ganze sagen zu können, müßte ich schon ein wenig mehr erfahren. Bislang klingelt bei einer alten Dame jemand, der alte Bücher mag. Offensichtlich.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    ...so weit, so hübsch. Ich hoffe, Autor (Autorїn) weiß Genaueres darüber, was aus der alten Dame wird nach dem Klopfen. Wird sie ums Eck gebracht?, erzählt der Anti-quar seine „Einzige Geschichte“?, werden sie Rommee spielen und sich mit Sherry betrinken, ist er ihre seltsame Liebe: Ein Verhältnis neben ihrer zweiten Ehe, die kinderlos blieb zu ihrem Erstaunen...wird er sie beschimpften über den Zustand der alten Schmöker, oder ist er in Wirklichkeit ein Geist aus den moorigen Waldstück neben dem Friedhof bei der alten Stadtmauer, vor dessen abendlichen Besuch sie jedes Mal zittert und dennoch immer wieder begierig erwartet...oder doch ebbes ganz anderes...
    ...fragt sich
    Lester

    ach ja...eines alten Schiffswrackssssssssssssssssss

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    wir müssen schon etwas rücksicht nehmen auf frau hegenberg.

    als extremer anfänger, der nicht schon mit 10 jahren kurzgeschichten probierte usw., brauchte ich zunächst eine geschichte, die ich ohne verrückt zu werden auch zu ende bringen kann.
    das hat hier soweit geklappt.
    daher der kleine rahmen.

    ob komplexere bilder irgendwann einen weitaus größeren rahmen ausfüllen (ohne den verstand zu verlieren) ist für mich selbst die größte frage.

    wie habt ihr euch entwickelt?

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    Zu Deiner letzten Frage, mühe, empfehle ich Dir die Lektüre dieses Ordners.

    Du formulierst ein Problem, ob nämlich Bilder entscheidend für die Konstruktion eines Textes sind. - Ich meine, entscheidend ist die Fabel. Über die Klarheit (nicht die Komplexität) der Handlungsabläufe, ihre Motivationen und ihre logische Stringenz, entsteht ein Text. Die Textarbeit ist akzidentiell, Wortwerk, aber sie ist nicht konstitutiv für das Entstehen eines Textes. Deshalb fragte ich oben auch nach einem Handlungsablauf, einem groben.

  6. #6
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Antiquar oder die alte Dame und das Meer

    da hast du mich falsch verstanden, bzw. ich mich nicht klar ausgedrückt.

    mit "komplexeren bildern" ging ich auf den vorherigen satz ein, dass diese geschichte eben nur diesen kleinen (inhaltlichen) rahmen hat, nämlich die simple handlung einer bücherabholung durch einen antiquar (frau hegenbergs wertgefühl der büchersammlung gegenüber ist natürlich alles andere als simpel, bitte dies zu entschuldigen).

    eine längere geschichte, ein größerer rahmen, würde fast zwangsweise mit komplexeren bildern (nicht sprachlich stilistisch gemeint, sondern die[neben-]handlungen numerisch an sich) ausgestattet werden.

    und damit sprach ich die handlung schon an. quasi, plump gesagt, eine lkw-fahrt in die luisenstraße 24.
    dass drumherum ganz viele andere sachen eingebaut werden könnten, selbst um die minimalste handlung, ist mir bewusst. aber ich muss für mich erst lernen, klar zu werden. im kleinsten schritt erstmal.

    stringent, schlüssig, vor allem für den leser. für einen selbst ist es ja immer logisch.
    einen text scheinbar einfach zu halten, das ist für mich grad die kunst. man möchte hoch schreiben, man will zeigen, was man alles für metaphern malen kann etc. für wörter kennt.
    aber dieses scheinbar einfache...das ist diese hohe kunst.

    habe dazu mal die romane von einem meiner lieblinge (hrabal)durchgestöbert...für die satzanfänge zum beispiel...das waren fast nur artikel. jeden satz mit "der, die, das"..da hätte mich meine deutschlehrerin geohrfeigt in den aufsätzen...ich will mich nicht nochmal wiederholen...

    die gedanken, die wirren, klar runterzubrechen, das ist grad meine hausaufgabe. und je mehr handlungen ich habe, desto schwieriger ist es für mich. deswegen malte ich in dieser kurzgeschichte die straßen dieser lkw-fahrt mit ein paar bildern aus oder stellte ein paar blumenkübel auf.

    und vielleicht wachsen die blumen ja mal in den himmel :D

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