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Thema: Notizen Mai 2019

  1. #1
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    Notizen Mai 2019

    1. Mai 2019. Hieß früher bei uns in Wien und Umgebung noch 'Tag der Arbeit'. War der größte Feiertag der Sozialisten, die ungefähr die Hälfte der Wähler repräsentierten. Die SPÖ hieß damals noch Sozialistische Partei Österreichs. Seit sie sich sozialdemokratisch nennt, ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Auf dem Rathausbalkon in Wien standen der Parteichef, der Gewerkschaftschef und die nächstrangigen Funktionäre mit roter Nelke im Knopfloch und Sträusschen in der Rechten und blickten ernst herab auf das Fußvolk, die gemeinen Parteigenossen, wie Hohepriester auf ihre Schäfchen. Das Parteivolk huldigte dem roten Konzilium in naiver Gläubigkeit und sang inbrünstig die Internationale. Das war so bis ungefähr vor 40 Jahren. Dann bröckelte die Fassade, Risse zeigten sich im Gemäuer der roten Kathedrale, der Glaube ans Evangelium aus dem Gemeindebau schmolz in der Maiensonne des sich erwärmenden Planeten, die Fundamente des Glaubens, Arbeit, Partei und Lohnzuwachs erodierten im Sandstrahl des von Reagen und Thatcher kräftig entfachten Mistrals neoliberalen Wirtschaftens. Mehr Privat, weniger Staat war die Devise und dem kleinen sozialistischen Parteimitglied wurde erfolgreich eingeredet, es sei für ihn vorteilhafter, Aktien zu erwerben, statt in die Parteimitgliedschaft zu investieren. Dann erstanden wetterwendische Figuren wie Schröder und Blair und faselten vom 3. Weg. Dieser führte direkt in den Abgrund. Sozialisten mutierten zu Sozialdemokraten, nicht wissend, dass sie fortan nur noch Statisten im letzten Akt der Tragödie vom Untergang der sozialistischen Utopie vom besseren Menschen und Leben spielten.

    Und heute? Heute ist aus der Utopie die Dystopie vom totalen Konsumidioten geworden. Ich kaufe, also existiere ich noch.

    Der intellektuellen Redlichkeit halber muß ich anmerken, dass dieser totale Konsumismus allerdings auch schon in der sozialistischen Genetik angelegt war. Insofern unterscheiden sich unser spätkapitalistischer Konsumtotalitarismus und der sozialistische Materialismus nur in Nuancen. Zu ökologischen Katastrophen führen sie beide allemal.

  2. #2
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    AW: Notizen Mai 2019

    heißt hier auch so, till, v.a. aber "Kampf- und Feiertag der Werktätigen" --> hab mir als Erzeuger des BSP dann mal ein Bockbier gegönnt

    Descartes, cogito ergo sum, mutiert also zu "Ich kaufe, also bin ich!" - Immerhin! Philosophie begegnet uns doch überall.

    Apropos Philosophie: Wir nähern uns dem Jubiläumsjahr 2020. Beethoven, Hegel und mein guter Freund Hölderlin nennen 1770 ihr Geburtsjahr, also ein Vierteljahrtausend ist das her. Während der Monarchist und Kaiserverehrer Beethoven wohl überall gefeiert werden wird, auch Hegel seine Freunde und Erinnerungskulturbeförderer im linken Spektrum hat, guckt einer unserer größten Dichter, Friedrich Hölderlin, in die Röhre. War er es nicht, der der Güter Schwierigstes, die Sprache, in einem empathischen Athemzug mit dem Verdruß denken konnte? Ich sollte ihm zu Ehren ein literarisches Fest organisieren.

  3. #3
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    AW: Notizen Mai 2019

    Ich bin auch in diesem Monat im flow. Da korrigiere ich im Augenblick einen Rilke-Text, da singt Tamara vom Panther im Sprung. Von über zehntausend Liedern spielt mein System ausgerechnet dieses! Es gibt so etwas wie Zufall; es gibt aber so etwas wie die Koordination von Lebenslinien. Man sollte von seinen Lieben nur nicht zuviel erwarten.

    P.S. Apropos Lebenslinien: Ich befürchte, daß wir heute bei den Schrottis in Köpenick einen auf die Mütze bekommen und absteigen. Das wäre das erste Mal in unserer Vereinsgeschichte, daß wir absteigen. Bislang haben wir nur oft genug den Aufstieg verpaßt, aber abgestiegen ist außer uns im deutschen Profifußball nur eine Mannschaft nicht: Bayern München.

  4. #4
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    AW: Notizen Mai 2019

    Meine Kurzreise an die Ostsee war traumhaft. Das Meer hatte sich im Winter auf zweihundert Metern Länge ungefähr zehn Meter in die Tiefe vom 10 Meter hohen Steilufer geholt, etwa an der gleichen Stelle, wo es sich im letzten Jahr schon was geholt hatte. Ich erinnerte mich an den Geographieunterricht. Da erklärte meine Lehrerin, daß die Ostsee Gebiete besitze, wo Sand vom Ufer abgetragen, andere Gebiete, wo der wieder angespült werden würde. Der westliche Teil der Ostsee sei so ein Abtragegebiet, Hiddensee dagegen sei als Ablagerungsgebiet erst in den letzten zehntausend Jahren entstanden, quasi aus dem Sand, der im Westen abgetragen worden sei.
    Über dem Meer Nebel. Am Strand war es kalt. Das Wasser war eisig. Ich legte mich trotzdem an den menschenleeren Strand, kramte mein Buch heraus und las. Zu kalt. Kaum hatte ich den Strand verlassen, stiegen die Temperaturen. Nicht am Strand, denn dort blieb's feucht und kalt, nein, dort nicht. Ich fand meine Liebe im Wald. - Bizarr. Nur ein paar Meter.
    Was mich dann abends beschäftigte, waren die Vorgänge in Österreich. Klar kann man als Politiker wütend auf die vierte Macht im Staate sein. Klar darf man Phantasien in Gegenwart einer schönen Frau entwickeln. Aber eine Grenze ist nicht zu überschreiten: Eben dieser doch weitgehend Unbekannten eigene Machtphantasien mitzuteilen, die den Umgang mit der politischen Konkurrenz betreffen, die die Vergabe von Staatsaufträgen betreffen, die den (möglichen) politischen Partner betreffen. Das ist nicht nur strachdumm, sondern eben auch politisch gefährlich. Ich glaube auch nicht, daß so was Zufall ist. Die meisten dieser bürgerlichen Politiker aus dem liberalen Lager denken so, streichen sie sich nun grün, rot, blau oder schwarz an. Das muß ein Webfehler der kapitalistischen Demokratie sein, die immer wieder solche Typen generiert.

  5. #5
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    AW: Notizen Mai 2019

    Was mich an der ganzen Sache wirklich überrascht und erschreckt: Wie dumm kann ein Politiker sein, der doch immerhin eine Partei führt und inzwischen bis zum Vizekanzler aufgerückt ist? Wenn auch in Österreich, aber immerhin. Dass diese Leute, speziell Strache und Gudenus, nicht gerade von Skrupeln geplagt werden, wusste jeder. Dass diese Leute keinen Anstand und kein Schamgefühl haben, das gilt wohl für viele Politiker in den vorderen Reihen bei allen Parteien. Dass diese Leute aber so instinktlos, dumm und gierig sind, dass sie in solch ein plumpe Falle tappen, das ist erschreckend! Solche Leute wollen einen Staat lenken? Na, guate Nacht, Österreich.

    Das ganze Setting war so aufgelegt kalkuliert, gestellt und gezielt auf die Schwächen der sich entblödenden Politioten konstruiert, da hätte nicht mal ich mitgespielt. Und ich bin sehr naiv und politisch völlig untalentiert.

    Eigentlich interessiert mich an der ganzen Scheisse nur noch eins: warum haben die Macher des Videos dieses nicht VOR der Nationalratswahl 2017 veröffentlicht? Ist das nicht fahrlässig, ja verantwortungslos? Was wäre uns nicht alles erspart geblieben. Vielleicht. Warum wird das gerade jetzt veröffentlicht?

    Lautere Absichten kann ich auch hier nicht entdecken.

    Fazit des Kleinbürgers: Die sind alle korrupt.

    So sehr ich diese Haltung ablehne, sie drängt sich halt auf.

    Und was mich auch noch stört: Die ganze FPÖ-Riege lässt bis jetzt jedes Unrechtsbewusstsein vermissen. Man ärgert sich vielleicht, dass man in die Falle getappt ist. Man schäumt über die illegalen Machenschaften der Hinterleute, die das Video gemacht haben. Aber man hat nicht mal soviel Anstand, sich des Verhaltens der beiden Ertappten zu schämen. Vom Verrat an den eigenen Wählern ganz zu schweigen.

    Fazit: Mit diesen 'Rechten' ist kein Staat zu machen. Das wussten viele schon vorher. Manche werden es nie lernen.

  6. #6
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    AW: Notizen Mai 2019

    Irgendwie sind wir doch noch eins. Merke: Wenn in Österreich eine rechtsliberale Partei resp. einige ihrer Prätendenten Unfug macht, dann wirkt das nach Meinung etlicher Medienvertreter auch auf die reichsdeutsche Schwesterpartei. Sic!
    Wenn in Italien, Frankreich oder Dänemark ähnlicher Unsinn bekannt werden würde, hätte das vermutlich keine Auswirkungen auf ihre bundesdeutschen Schwesterparteien.

  7. #7
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    AW: Notizen Mai 2019

    Der Sturz von Kanzler Kurz durch eine Koalition aus FPÖ und SPÖ wird vor allem Letztere teuer zu stehen kommen bei den Wahlen im Herbst. Reines taktisches Kalkül oder lautes Pfeifen im Wald, weil man Stärke zeigen will, um die letzten SPÖ-Wähler nicht zu verlieren? I don't know. Eines aber weiß ich, diese Königsmörderkoalition aus FPÖ und SPÖ, wird letztlich nur Kurz nützen. Wie sehr, hängt davon ab, ob er seine aktive, konstrukitve Politik weiter dem Wähler anbietet, oder der Versuchung erliegt, sich als Opfer böser Mächte zu gerieren. Letzteres wäre schwach und wehleidig und kein Zeichen von Führungsstärke. Das würde nur seinen Gegnern nützen. Die Leute wollen, dass Politik gemacht wird und nicht nur Meinung. Wie z. B. in D, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.

    Man wird sehen. Ich traue es Kurz zu, nicht nur seine Wunden zu lecken, sondern aufzustehen und für konstruktive Politik zu werben.

  8. #8
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    AW: Notizen Mai 2019

    Ich frage mich, warum ich so viel Freude an verzwickten Situationen habe. Ich bringe mich immer wieder in solche, obgleich ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Möglichkeiten kenne, sie vorher zu umgehen. Es muß so was wie Todessehnsucht oder Selbstzerstörungswille oder vielleicht auch eine Form der Bestätigung dessen sein, die mich vor mir selber sagen läßt: "Ich hab es doch gewußt."

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