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Thema: Begegnung

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Begegnung

    Begegnung


    Ich führe meine schlechte Laune spazieren und lass ihr Leine. Chopin in den Ohren, was aber nicht zwingend ist. Auf einem Viadukt bleibe ich stehen. Es ist aus Holz und nur für Fussgänger. Ich war hier schon einmal vor ein paar Jahren. Mit einer Frau. Viel fehlte damals nicht, und ich hätte mich in sie verliebt. Sie hätte sich trotzdem nicht in mich verliebt. Dafür war kein Platz. Sie brauchte mich ganz einfach, nicht für die Liebe, für sich. Ich hörte ihr zu, damals, mein Verständnis war durchaus ehrlich. Sie erzählte von Übergriffen physischer und psychischer Art. Ich war also derjenige, den sie brauchte, sich anzulehnen. Später gingen wir dann eng umschlungen zu ihr nach Hause. Und tranken. Ich, ohne betrunken zu werden. Es gibt solche Momente. Ihr bekam das Trinken nicht, was mich nicht wunderte, da sie aus einem anderen Grund trank. Frische Luft wäre das richtige, sagte ich. Die vier Kilometer zu meiner Bude stützte ich sie, breitete mein Innenleben aus, offen und farbig, allein ich redete für mich, was mir sogar egal, wenn nicht gar lieber war. Ihren Zustand hatte ich überschätzt, denn im Nachhinein kann ich es nicht ausschliessen, dass es meine Zunge war, die ihr den Rest gab. Sie kotzte. Sie kotzte auf mein Sofa und legte ihr Haar in das Erbrochene. Es störte mich nicht. Es widerte mich nicht einmal an. Ich tat ganz einfach, was von mir verlangt wurde: ich war da.
    Sie bestand darauf, sich selber auszuziehen. Sie kauerte in der Badewanne, zitternd, BH und Höschen hatte sie anbehalten. Ich wusch ihr das Erbrochenen aus dem Haar, gab ihr ein frisches T-Shirt und führte sie ins Schlafzimmer. Ich hatte sie kaum zugebettet, war sie schon eingeschlafen. Nachdem ich ihre Kleider gewaschen hatte, legte ich mich zu ihr. Sie kuschelte sich an mich, ihr Haar roch immer noch säuerlich.
    Wir haben nie miteinander geschlafen. Sie war es, die mich ein paar Wochen später verliess. Und obwohl wir nie richtig zusammen gewesen waren, zerbrach etwas in mir. Es scheint mir, als werde ich in Sachen Liebe nur noch kauziger.
    Auf dem Viadukt bleibe ich stehen. Es ist aus Holz und nur für Fussgänger. Ich hab nur noch die Stöpsel im Ohr, ohne Musik, und zünd mir eine Zigarette an. Schritte, bevor ich sie höre, spüre ich sie. Ich bin nicht neugierig darauf, wer da kommt, ich war in Gedanken, und ärger mich, dass sie mir entgleiten, dass sich diese Schritte ungefragt dazwischen mischen. Gut habe ich die Kopfhörer noch im Ohr. Ich warte, bis die Schritte unmittelbar meine Stelle erreichen und drehe mich mit überrascht gespieltem Gesichtsausdruck um. Ich fühle innerlich, dass ich mir die Überraschung geglaubt hätte. Es ist eine alte Frau. Ich sehe die Besorgnis unter ihren Falten. "Guten Tag." sage ich. Sie nickt bloss. Mach dir keine Sorgen, Mütterchen, denke ich. Am Brückenende windet sich ein steiler Waldweg. Ich schau der alten Frau nach und frage mich, ob sie sich nach mir umschaut. Was sie nicht tut. Der Weg ist steil und fordert wohl ihre ganz Aufmerksamkeit. Ich gehe nach Hause.

  2. #2
    hauchdünn
    Laufkundschaft

    AW: Begegnung

    >Und obwohl wir nie richtig zusammen gewesen waren, zerbrach etwas in mir.<

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Begegnung

    Was ist zerbrochen? Die Brücke? Zu ihr? Bitte etwas genauer....

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Begegnung

    Tatsächlich ist diese Geschichte nur eine Berührung, aber keine Begegnung. Du gibst ihr kein Wort, sie bleibt eine besoffne, nach Säuerlichem riechende Gestalt ohne Klarheit. Die Wochen der Nüchternheit werden mit einem knappen Sätzchen wiedergegeben. Derweil sollte doch der berühmte Morgen danach hier eine Kleinigkeit mehr Gestaltung finden.
    Das Verhalten des lyrischen Sprechers finde ich keineswegs kauzig, eher verantwortlich, wobei nicht ganz klar wird, worin sein Motiv liegt.

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