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Thema: Hyperfiction

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Hyperfiction-Projekt

    Künstlerisches Konzept für das Audio-Hyperfiction-Projekt 2011 des Wolkenstein-Forums:
    Mit dem Web ergab sich die Möglichkeit, vernetzte Texte zu schreiben. Die Universität Magdeburg arbeitet an einer Neukonzeption, dies zu echter Audio-Hyperfiction-Interaktivität fortzuentwickeln:


    Eine Zusammenarbeit gäbe gute Synergieeffekte, da wir ein fertiges Textgerüst, bzw. ein fertiges Audio-Gerüst eingesprochener literarischer Texte liefern und mit Hilfe der Uni-Plattform das Know-How innovativer Verlinkungen auch von interaktiven Hör-Dateien Wirklichkeit werden lassen.
    Als ältestes Literaturforum, welches bereits seit 1998 mit Hyperfiction experimentiert, sind wir dazu prädestiniert. Die Universitätsplattform könnte daher problemlos unsere Textkörper nutzen.
    Die Kunststiftung kann sich an dem Projekt mit Erfolg beteiligen, da es sowohl an vorderster Front innovativer Textgestaltung Pionierarbeit leistet, als auch im Literarischen Magdeburg ins Zentrum einer Zukunftswelt stellt, die sehr viel mit den ältesten wie den neuesten Mythen zu tun hat.
    Zielvorstellung ist eine interaktive Einbindung des Lesers, der über das Anklicken von weiterverweisenden Links und hörverweisenden Tags selbständig durch die intertextuellen und interaudiellen Welten navigieren kann. Das psychologische Prinzip lautet: Der Leser/Hörer wird über semantische Leerstellen am Geschehen beteiligt. Es ist auch daran gedacht, ihn zum echten Mitspieler zu machen, da er seinerseits Dateien hochladen und weiterverlinken darf, sie einspricht oder mit anderem Material das Geschehen belebt.
    Das wird möglich durch die von audiogent entwickelte Weltneuheit der variablen Interaktivität, die es dem Leser/Hörer/Schreiber (Nutzer) ermöglicht, Geschehen in unterschiedlicher Intensität zu beeinflussen. Er könnte charakterliche Grundmuster schaffen (arrogantes oder demütiges Auftreten) oder präzise Anweisungen (z. B. gehe zur Tür und nimm das Paket entgegen) vorgeben und dadurch in die Handlung eingreifen. Der Verlauf der Geschichte wird aufgrund der Handlungen, die vom Nutzer gestaltet werden, angepasst. Er könnte sich aber auch zurücklehnen und die Geschichte erzählen lassen, die bisher von anderen erzählt worden ist, einen Zufallsgenerator einschalten und sich so die Geschichte jedesmal ein bißchen anders erzählen lassen. Allerdings ist das die Spielwiese von audiogent . Wir sind da eher literarisch interessiert, wollen durch vernetztes Schreiben neue Welten entstehen lassen. Es ergeben sich dennoch vielfältige Synergieeffekte, weil die von audiogent entwickelten Autorenwerkzeuge die der Zukunft sein werden.


    Das Endprodukt kann vielfältige Gesichter haben: ein Hörbuch, ein Computerspiel, ein interaktiver Film, eine Wikimedia-Welt, eine DVD oder eine einfache Homepage, ein einfacher Blog im Netz werden. Das verspricht gute ökonomische Wirkungen für Literatur in der Medienlandschaft der Zukunft, die allen google-Plänen einen Schritt voraus bleibt.
    Literarisch verspricht Audiohyperfiction die Möglichkeit, die Zeitgestaltung leseraktiv zu beeinflussen: der Leser, der nur die Essenz in Kürze sucht, kann am Hauptstrang der Struktur schnell in eine Textwelt eintauchen.
    Wird er durch weiterführende Links oder Tags gereizt, kann er praktisch zeitlich unbegrenzt in eine Gegenwart aus assoziativem Klang - und Raumkörper eintauchen, die ihn auch dazu verführen mag, sich dort selbst einzubringen. Diese Einbringungen wiederum werden für andere Leser sicht- und aktivierbar.
    Das Projekt zielt auf ein künstlerisches Produkt, das ständig wächst und sich stetig erneuert, quasi lebt.
    Die Vielzahl der Autoren und literarischen Schreibstile bietet eine Faszination für sich. Es ist ja so, daß Literatur immer schon grundsätzlich einen gewissen Voyeurismus bedient: den, in die Köpfe Fremder hineinsehen zu können, in ihre seelischen und intellektuell so ganz anderen Welten und Sichtweisen, in das Rätsel. Ob man nun in träumerisches oder explosives Gelände entführt werden will, in Idyllen oder Höllenszenarien, in psychologische oder pädagogische Tabubrechungen oder Wissensschulen - Literatur leistet hier, was Menschen lesen läßt, weil sie sich aus dem Geschriebenen in eigene gedankliche Welten weiterbewegen. Gerade der Leser, der in einer stillen Ecke nicht genug bekommen kann vom Eintauchen in fiktionale Welten, der sich aus dem Alltag hierhin verlieren möchte, dem kein 1000seitiger Roman dick genug ist, braucht verschiedene Autoren und Schreibstile.
    Hyperfiction nun bietet dies in ungeheuer potenziertem Maße. Das Angebot kann praktisch ins Grenzenlose erweitert werden, findet sich aber zugleich in nur einem Text und schützt vor Informationsüberflutung dadurch, daß der Haupttext auch ohne jedes Beiwerk verständlich bleibt.
    Zugleich verspricht Audiohyperfiction das Erschließen neuer Leserschichten für Literatur. Mediale Zöglinge von Fernsehen, Film, Multimedia-DVDs und PC-Spiel werden nicht mehr durch papierene Seiten eingeladen, sondern durch Fun.
    Ein nun bereits alter Spruch der Literaturwissenschaft besagt, daß der Text erst im Kopf des Lesers entsteht und fertiggestellt wird.
    Wir arbeiten hier an dem literarischen Medium der Zukunft. Hier bekommt der Leser auch technisch die Möglichkeit, seine eigenen Vorstellungen von Text zu realisieren, selbst zum Autor zu werden.
    Künstlerisch bedeutet das eine neue Offenheit der Texterstellung, ein Einspeisen von Anregendem in den gemeinsamen Pool der Interaktivität.
    Im kommunikationstheoretischen Kontext bedeutet das eine rasante Entwicklung der Literatur, ähnlich wie der Journalismus durch weltweites Blogging ein- und überholt wird.
    Auch die Sprachgrenze, sonst in der Literatur immer an die Muttersprache der Autoren geknebelt, füllt dank vernetzter Übersetzungsprogramme weg. Zwar sind diese noch nicht zu literarischem Tun befähigt, doch wird auch das visionär kommen und mit ihnen die Möglichkeit, gesprochenen Text vermittels optimierter Sprechausgaben in den gewünschten Sprachen vorlesen zu lassen. Das ist noch Zukunftsmusik, aber mit dem Medium Papierbuch nicht realisierbar. Unser Projekt steckt hier sozusagen im Stadium der literarischen Grundlagenforschung. Da die technischen Potenzierungen immer schneller werden, ist diese aber unbedingt nötig und die Magdeburger um audiogent und vom Wolkenstein-Forum spielen hierbei ganz vorne mit.
    Unser Textkörper steht künstlerisch einer großen Herausforderung gegenüber. Es gilt, die Spannung eines Ego-Shooters und einer trivialen Handlung aus archaischem Urgrund mit hochliterarischem Wortwerk so zu verbinden, daß Leser wie Spieler gleichermaßen fasziniert sind.
    Wir konnten das verwirklichen, da es durch Hypertext möglich ist, sich ständig zwischen den Bausteinen zu entscheiden und neue einzubringen. Die Freiheit des Lesers zwischen Passivität und Interaktionismus ist gewährleistet.
    Der Textkörper ist mit acht Welten mit 24 Szenen und acht Hauptprotagonisten klar und überschaubar. Darüber wabert für den, der das möchte und sucht, eine assoziative, berührende, archaische oder zeitgenössische oder aber auch vollkommen innovative Textwelt, die hörbar gemacht wird und an welcher er mitbauen kann.
    Wie in einem guten Roman sind alle drei literarischen Gattungen vertreten. Dramatisch theatrale dialogische Szenen neben Poesie und träumerisch verwegenen Miniaturen ebenso wie episch breite Erzählfelder. In ihrer überraschenden Vernetzung sind sie wie das Leben selbst.
    Künstlerisch neu und kennzeichnend für Hyperfiction ist Spannung durch permanente Überraschungen!
    Niemand weiß genau, was sich hinter dem nächsten Link verbirgt. Der Assoziationsabsprung ist ein Bungee-Sprung, er kann den Leser an seine Grenzen führen oder in einen Traum.
    Für den Autoren ist dies ein Abenteuer, eine Herausforderung, denn er wird hier keinem Muster folgen können, kann eben keinen Plan verwirklichen, sondern muß sich in einer Welt behaupten, künstlerisch behaupten. Oder er sucht sich eine kleine Nische, in der er als Inhäusiger werkelt. Den meisten Autoren wird allerdings verborgen bleiben, was ihre Leser neu zu ihrem Gewort schaffen. Diese Art literarischen Schreibens wirkt als perpetuum mobile , ein sich ständig selbst neu schreibendes Buch. Man kann es niemals auslesen! Dennoch steht einem auch das frei: man kann jederzeit aufhören und zum nächsten Audiohypertext greifen.

    Aspekt Spannung
    Film passiver Konsum
    Musikkonserve passiver Konsum
    Hörbuch blinder Konsum
    Interaktives Hörbuch Interaktion
    Computerspiel Interaktion
    Hyperfiction Aktivität

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Koffer (Koffer, Clowns)

    Koffer
    (Koffer, Clowns)

    In einem kurz darauf geöffneten Koffer lagen einige Kleider aus der Jugendzeit. Sie passten. Stolz fuhr sie mit den Händen an ihrer Figur hinunter und überlegte, in welchem Rollenkostüm sie die neue Arbeit antreten sollte. Dies war wichtig, denn die einmal getroffene Entscheidung galt es dann durchzuhalten.

    Der Körper der Frau ist für die Expression von Gedanken nicht geschaffen; er ist auf Reproduktion von Leben ausgerichtet; Gelenke, Muskeln, Drüsen, Augen und Ohren dienen der Interpretation von Gesamteindrücken, nicht der fokussierenden Selektion in dann Allgemeingültigkeit fordernden Systemen. Der Glaube ans Systematische ist die Ersatzhandlung derjenigen, die nur existieren.
    Dagegen: Muss man nicht gelebt haben, besser noch leben, um lebendige Gedanken zu Tage zu fördern?

    Es klingelte. Sie mußte sich noch an dieses Geräusch gewöhnen und stand erst nach dem zweiten Klingeln auf um die Tür zu öffnen. Franz stand davor. In der rechten Hand hielt er einen großen Blumenstrauß. Einen Augenblick herrschte Schweigen. Franz sog zum letzten Mal am Duft der Hyazinthen, dann reichte er den Strauß Lilith, die lächelnd das Gesteck ordnete und im Wohnungsinneren verschwand.
    "Hallo, Lilith!" sagte Franz und ging ihr hinterdrein. "Du bist noch nicht sehr weit. Brauchst du Hilfe?" fragte er sich umsehend.
    "Das lohnt nicht", kam es fast schnippisch.
    "Oh!" meinte Franz lauernd. "Du weißt, daß du dich auf mich verlassen kannst. Ich komme zu jeder Tageszeit." Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer. Lilith streckte den Unterkiefer nach vorm, ihr Kinn zog zarte Furchen: "Es wird nichts Seltsames geschehen, damit du deine Kräfte hier zeigen müßtest, Franz", sagte sie gelangweilt.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Haar

    Haare markieren Übergänge. Hier einer, der wohl entscheidendste.


    Haar


    Dann wußte er es. Er machte sich sofort an die Arbeit, erschuf ein Mädchen mit langen braunen Haaren. Nein er erschuf eine Frau, doch diese Frau war noch keine Frau. Sie stand erst an der Schwelle. Und dann überlegte er, ob sich hier Gewalt antun ließe. Es ließ.
    Sie hatte die wichtigste Schwelle der Evolution noch nicht überschritten mit ihren zehn Jahren, und ihr Name war Lilith - die kleine Weltformel. Da kam die Macht über ihn! Da fühlte er sich wie ein Prometheus, wie ein Mann, dem die Welt untertan, dem die Haare nichts abdeckten, dem die Schleier nur verdeckten, was er selbst erschaffen hatte, dem es aufgegeben war, den Dingen seine Gewalt anzutun. Und er schrieb, als sei der Teufel hinter ihm her. Er schrieb und schüttete dabei den Kognak in den Hals, rauchte Gauloises und betrachtete sein Geschöpf seitenlang: ihr Engelsgesicht, ihren Rosenmund, ihren Knabenkörper und zu guter Letzt auch jenes kleine, harmlose und sich seiner Magie gänzlich unbewußte Hautfältchen ihrer Vagina. Er fand kein Ende, befürchtete schon, mit dem Papier nicht auszukommen, aber es standen ihm noch mehr als dreihundert weiße Seiten zur Verfügung, so daß er jede einzelne Pore des Kindes besingen konnte. Franz machte sie zur Göttin, ließ sie den siebenten Kreis des Himmels durchschreiten und flehte um ihre Gunst.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Eitelkeit (Eitelkeit, Markt)

    Eitelkeit (Eitelkeit, Markt)


    Sie war über die Menschen gekommen wie ein Verhängnis. Manche behaupteten, daß sie sich nur darin von der Bösartigkeit unterschied, daß sie eben bei sich blieb und die ANDEREN als abseits gelegene Andere wahrnahm. Besser gesagt, sie nahm die Anderen eben nicht wahr, sondern mied sie. Wer sich aber auch stolz mit den Händen an der Figur entlangfährt! ist's mehr als Eitelkeit? ist's vielleicht dieses unwiederbringliche Verlangen, den Dingen eine Form zu geben? - Ich weiß das nicht zu sagen. Bewunderer sind die ANDEREN Leute, als in ihrer Einbildung bewußt Wahrgenommene. Ja, vielleicht ist es so. Ich kann mich diesen Eindrücken auch nicht verschließen, gelegentlich treiben sie mich dazu, den Dingen doch einen Grund zu verschaffen.
    Nehmen wir ein Zugabteil. Setzen wir dort einige Menschen hinein. Sie haben sich beäugt, haben sich miteinander auch verbal bekanntgemacht, aber sie haben auch diese kühle Distanz aufgebaut, die ihnen jederzeit das Recht verschafft, mit einer Kopfbewegung Ruhe zu ordinieren. Damit die Zeitung oder das längst zu lesende Buch wahrgenommen werden kann. Und manche benutzen solche Gelegenheiten, Streit auszutragen. Sie sind eitel in der Obhut der Anderen. Diese fremden Mitträger ihres Gewissens müssen sich dann anhören, was EIGEN Ohren nicht aushalten mochten. Sie werden zu Mittätern, Obacht haltend und gezwungenermaßen Zuhörerschaft ihrer Eitelkeit. Hagen streitet sich mit seiner Liebsten, die anderen haben nur diesen Namen, haben aber sonst ein gefälliges Vorstellungsvermögen. Die Eitelkeit ist bei ihnen, gezwungenermaßen. Und die Geschichte endet damit, daß beide indigniert sind, daß Schweigen im Abteil waltet, daß das Lesen des mitgebrachten Buches verleidet ist.
    Und das ist gewissermaßen die eigentliche Schädlichkeit der Eitelkeit: Sie indigniert, sie macht betroffen und verwischt Wahrheit und Lüge.

  5. #5
    howah
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    Post Fanghände

    Fanghände


    Adam saß auf der Böschung des kleinen Baches unterhalb seiner Hütte, die Füße im Wasser, weit vorgebeugt, so dass die Spitzen seine langen, weißen Kopf- und Barthaare lustig an der Wasseroberfläche herumwirbelten. Er schöpfte Wasser mit den Händen, und schlürfte, so viel er erwischen konnte, in sich hinein. Es war nicht viel, denn seine Hände zitterten.
    Er hatte Hunger. Es war schon ein paar Tage her, seit einer von diesen Menschen zu ihm gekommen war, um ihn mit Speise und Trank zu versorgen. Er kannte keinen von ihnen, wusste ihre Namen nicht, war ihnen jedoch dankbar, dass sie ihn nicht verhungern ließen. Ihn nannten sie Urahn. Das, dachte Adam, musste er wohl sein.
    Er hätte jetzt gern einen der gerösteten Fladen gehabt, die mit dicker, süßer Milch bestrichen wurden, oder einen kalten Braten vom Hirsch. Am meisten liebte er den süßen Saft, den sie manchmal brachten, und den sie aus dem Honig der Bienen gewannen; trank er davon, wurde ihm so leicht ums Herz, und sein Schlaf danach war voll der schönsten Träume.
    Das kalte Wasser löschte zwar seinen Durst, aber es erschreckte seinen Magen, und der schickte ihm traurige Gedanken. Die kreisten, wie so oft, um Gott, der ihn nicht heim ins Paradies rief. Alle, deren Namen er kannte, waren längst dorthin zurück gegangen, wie er vermutete, nur er musste immer noch auf der Erde ausharren, alt, einsam und hilflos.
    Er ließ seine Hände und Arme so weit ins Wasser hängen, bis er den lehmigen Grund berührte und beobachtete die kleinen Wirbel, die sich um seine Arme bildeten. Er erinnerte sich an Eva, wie sie mit ihren festen Beinen im Bach stand, und lachend ihren hochgewölbten Leib abspülte; und wie sie zusammengekrümmt im Gras lag und jammerte, bis sie die Beine anzog, und mit einem Triumphschrei ein neues, winziges Menschlein ins Gras warf.
    Seine Hände krallten sich in den Grund, und als sie kalt wurden, zog er sie heraus. Sie waren voller Lehm. Die lange Reihe von Kindern, die sie in die Welt gesetzt und aufgezogen hatten, zog an seinem innerem Auge vorbei. Er richtete sich auf, und während ihm das Unglück in den Sinn kam, das einen seiner Söhne tötete und einen anderen in die Ferne vertrieb, begann er, an dem Lehmbatzen herumzukneten. Sie waren hübsche und kräftige Burschen gewesen, die ihm als Arbeitshilfen nützlich waren.Er vermisste sie auch noch, als andere Knaben zu jungen Männern herangewachsen waren. Keiner von ihnen hatte ihm so geglichen wie sie, keinen konnte er so lieb gewinnen wie Kain und Abel.
    Adam zog fröstelnd die Füße aus dem Bach, und legte sich, den Kopf auf einem dicken Ast, bequem in die wärmende Sonne. Seine Hände kneteten noch ein wenig den Lehm, ohne dass ihm das bewusst wurde. Er döste vor sich hin, bis ihn ein kühler Windstoß aufschreckte. Eine graue Wolke verdeckte die Sonne und legte einen Schatten über ihn. Aber ehe er sich erheben konnte, spürte er etwas auf seinem Bauch liegen.
    Es war die lehmige Erde, mit der seine Hände gespielt hatten, aber kein unförmiger Batzen mehr, sondern eine Figur. Er nahm sie vorsichtig in die Hand, aber sie war völlig durchgetrocknet und hart, als habe er sie im Feuer gebrannt, wie er es mit seinen Schalen und Krügen tat. Und er erkannte in der schmalhüftigen, langbeinigen Mädchengestalt mit den kecken runden Apfelbrüsten Lilith, die Menschin im Garten Eden. Wie lange, wie unendlich lange das her war!
    Adams alte, zittrige Finger strichen zärtlich über den tönernen Körper. Er lächelte, als er sich an das Glücksgefühl erinnerte, das ihn wie ein Haufen kribbelnder Ameisen durchlaufen hatte, wenn er, schweißnass nach einem Fangspiel mit der Schönen, seinen Kopf auf ihren Leib betten durfte, der straff und kühl war. Wenn er mit ihren Brüsten spielte, seine Hände durch das zarte Gekräusel zwischen ihren Beinen gleiten ließ, verspürte er eine Sehnsucht, die er sich nicht erklären konnte. Aber Lilith lachte nur, wenn er sie bat, ihm zu erklären, was die ungewohnten Regungen seines Körpers zu bedeuten hatten, und antwortete nie.
    Sie hatte ihn sprechen gelehrt und von ihr lernte er, seinen Namen in den Sand kritzeln und die Namen aller Tiere und Pflanzen im Garten. Sie deutete ihm den Gang der Sonne, des Mondes und der Sterne, und unterwies ihn, aus der Gestalt und Farbe der Wolken das kommende Wetter zu bestimmen.
    Mit ihr zusammen sang er sein erstes Lied, das von der Liebe handelte. Die Worte verstand er nicht, aber die Melodie schien ihm wunderschön, und er fühlte eine ganz neue Glückseligkeit, wenn sich ihrer beide Stimmen umeinanderschlangen, um sich schließlich am Ende zu vereinigen. Immer und immer wieder wollte er mit ihr singen.
    Das war an dem Tag, als sie für immer verschwand. Sie tänzelte leichtfüßig hinter den großen Apfelbaum, der ihre schlanke Gestalt völlig verdeckte. Hier hatte sie sich schon oft versteckt, und er sprang ihr mit großen Sätzen nach, in Erwartung auf ein lustiges Spiel. Aber er fand sie nicht; konnte sie nirgends finden. Drei Sonnentage und drei Mondnächte suchte er den ganzen Paradiesgarten nach ihr ab, dann überwältigte ihn die Müdigkeit. Er schlief lange und tief, und als er erwachte, lag Eva neben ihm.
    Adam wickelte die Tonfigur sorgfältig in große Blätter, und erhob sich mühsam. Eva war auch schön, hatte langes, helles Haar wie Lilith und blaue Augen. Nur ihre Beine waren stämmiger, ihre Hüften breiter, ihre Brüste schwerer und ihr Leib war nicht kühl, sondern lüstern heiß. Ihre brennenden Küsse und fordernden Umarmungen ließen ihn bald den erlösenden Weg für seinen erregten Körper erspüren. Unter dem großen Apfelbaum, in dessen Ästen eine Schlange züngelte, machte er sie zur ersten Frau.
    Schwarze Wolken waren aufgezogen, der Wind wurde heftiger und zauste Adams Bart und Haare. Ein Regenschauer fegte ihm prasselnd ins Gesicht, und er ahnte, dass Lilith über ihm war, die sanfte, liebevolle Gespielin seiner Jugendtage, die sich in dem bitterbösen Sturmdämon Lajil verwandelt hatte. Er fürchtete er sich sehr.
    Er presste die tönerne Lilith fest an seinen Körper und hastete den Hügel hinauf seiner Hütte zu.

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Wilgefortis - ein Märchen

    Es war einmal ein heidnischer König. Der hatte eine Tochter von ungewöhnlicher Schönheit. Wilgefortis hieß das Mädchen. Ihre Augen glänzten samtig, ihr Gang war leicht und schwebend, hinter ihrer freien Stirn konnte keiner einen bösen Gedanken vermuten, ihr Lachen verstieß jede Schwere aus den Herzen der Umstehenden. Wilgefortis' Bekanntschaft wurde gesucht, ihr Name lag auf dem Land wie eine Verheißung. Und die jungen Männer reisten an von nah und fern, um das schöne Kind zu freien, wiewohl sie selbst durch ihre Freiung befreit werden wollten von Unrast und Schwere. Aber Wilgefortis schlug alle Werbungen aus. Sie wollte Jesum Christum dienen, dessen Wort sie erreicht hatte durch weithergereiste Pilger. Ihr Vater wollte dem neuen Gott nicht dienen, aber Wilgefortis hatte Sein Wort aufgenommen, weil es ihrer innerem Wahrheitsempfinden entsprach; sie wollte Jesum dienen, wie er den Menschen gedient hatte, sie wollte sich hingeben der Nächstenliebe, die allen Menschen galt, nicht wollte sie nur einem Menschen dienen.
    Aber die Werbungen rissen nicht ab, sie wurden heftiger, als ihre Schönheit auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt wurde, führte zu Zwist und Hader unter den Bewerbern, die sich erst gekränkt zurückzogen, Flüche ausstießen wider den König und sich schließlich zusammenrotteten, um das Land mit Gewalt zu nehmen, dem Stärksten wollten sie die Jungfrau geben. Da wurde es Wilgefortis bang ums Herz und sie betete zu ihrem Schöpfer, er möge sie entstellen, damit die Freier von ihr abließen. Daraufhin wuchsen ihr über Nacht Haare im Gesicht. Ihr Vater erschrak und warf sie in den Kerker, als Kind des Teufels wurde sie schließlich ans Kreuze genagelt.

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Die schöne Magd I

    Im grünen Walde nah einer großen Burg im Schwabenlande lebte eine kleine Magd.
    Sehr hoch und waldumkränzt lag diese Burg, umgeben mit einer düstren alten Mauer. Dort saßen des Tags auf der Westseite gefräßige Raben, wartend auf den Abfall der Burgbewohner, die diesen einfach über die Mauer in eine weitgefasste Schlucht warfen. Manchmal waren Leckerbissen dabei, Innereien von frisch geschlachtetem Getier, tote Katzen, Hunde. Mehrere Male im Jahr kam es auch vor, dass dort eine illegale Leiche verschwand. Um den Gestank aufzuhalten, der im Sommer über die Mauer klomm, hatte man vor Jahren damit angefangen, Schwefel zu streuen, diesen zu entzünden und regelmäßig zu nähren.
    So schwelte es fortwährend und ein ewiges Licht erhellte sanft den Grund der Schlucht.
    Am Rande dieses Mülltals nun, auf einer kleinen Anhöhe stand von Eichen umrankt die kleine Hütte der Magd. Sie hatte nicht immer dort gewohnt. Vorher weilte sie auf der Burg, versorgte das Vieh und kümmerte sich um die Reinlichkeit der Stallgebäude. Doch dann bekam sie eine Order, indem ihre Versetzung befehligt worden war. Außerhalb der Burgmauer, am Rande der Schlucht wurde für sie eine Hütte gebaut. Sie sollte dort in Zukunft wohnen und ihr Lebensinhalt sei fortan, das ewige Feuer im Tale Hinnom in Gang zu halten. So nannte sie es.
    Jung war die Magd noch und auch sehr hübsch. Doch durch die Mühsal des Tages, die Wartung des täglichen Lebens schien sich die Lebensuhr zu beschleunigen, das Alter der Erlösung entgegenzueilen. Jeden Morgen in der Frühe begann die Magd ihr Tagewerk, beschaffte Holz, säte und erntete in dem kleinen Garten hinter dem Haus und hielt kurz Ausschau nach der schwelenden Glut. Einmal im Monat brachte der Knecht Ludolf den Schwefel ihr ins Tal. Eine Gelegenheit, am Leben der Burg teilzunehmen und Nachrichten an ihre wenigen Freunde zu senden. Gegen abend, wenn die Dämmerung sich der Umgebung bemächtigte, ging sie in den Wald. Der Fang des erbeuteten Wildes erfreute sie, auch ihrem Gott zu dienen, den sie sehr liebte. Fesselnd umschloß ein Band ihre kunstlos flatternden Locken. So durchstreifte sie die Öde der Wälder und kümmerte sich nicht um Hymen, Amor und Ehe. Oftmals sagte ihr Vater: "Tochter, du schuldest mir den Eidam." Ihr aber, die wie Sünde die Fackeln der Hochzeit verabscheute, stieg die Röte der Scham empor im lieblichen Antlitz. Und mit schmeichelnden Arm einst den Nacken des Vaters umschlingend, bat sie:
    "Teuerster Vater, gewähre mir, Jungfrau zu bleiben, immer, wie es auch Dianas Vater gestattet." Doch das ist lange her. Der Vater starb vor Jahren an der Schwindsucht, die Mutter an Gram.


    Fortsetzung nächste Nacht.

  8. #8
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Adam - der Lichtmensch - und die Frauen

    Licht blendet! Er zog die Vorhänge zu. Die Übelkeit blieb. Im Halse würgte Leid. Er nahm einen tiefen Zug. Die Flasche, von der er seit Tagen nicht mehr loskam, stand wieder wartend auf dem Tisch. Er schlich um sie herum, stundenlang, gab sich vor, etwas anderes zu tun, doch er verlor, und ihr Inhalt troff zäh, fast widerwillig in ihn hinein. Half er dabei, oder war es ihr unabdingbarer Wille? Unabdingbar! Als Ding hatte er sie gedacht. Kein Gedanke mehr. Jeder Tag ein kleines Sterben: Er trank, bis es dunkel in ihm war, bis auch das härteste Licht keine geöffnete Pore an seinem Panzer fand und hineindringen konnte. Wie widersinnig vieles in den letzten Wochen gewesen war! War es jetzt Zeit, zum ehemals Gewohnten zurückzukehren? Die Kinder. Die Familie. Aber da spürte er den Verlust am stärksten. Und immer wieder kam er auf diese Linie, dachte die gleichen Bahnen. An dieses Denken wollte er nicht länger glauben. Es wurde Zeit, daß er es verließ. Wie so vieles einen Abschluß finden mußte. Jetzt. Heute! Erschöpft schlief er ein.


    Adam fühlte als Lichtmensch, geboren, die Menschheit aus den dunklen Tiefen der Selbstsucht herauszuführen. Er watete schweren Schuhs durch das Reich des Kots, diente im Reich des Goldes, wo die Gierigen dem Wertvollsten nachjagten, ohne in diesem Liebe die widerspenstige Materie bezwingen zu können. Gold sollte nach ihrem Willen den seinen scheiden vom rechten Wege, somit entsagte er der Widerspenstigen. Nun saß er in der Grube und erwartete Gottes Eingreifen. Blieb Dem denn nichts weiter übrig, als Seine der Schöpfung anvertrauten Söhne von der Mühsal zu erlösen?
    Nein, so würde Lilith denken, befürchtete Adam. Mit der Schöpfung hatte Er nichts zu tun! Die war Teufelswerk. Der ausgezogene Bote, der kam von Ihm, der erst bildete den Geist und sollte den Menschen die Klarheit des rechten Weges deuten - wie allerdings man hier einfügen muß, daß die Klarheit mitunter Gottesstrafe für vorlaute Gemüter ist, um sie vollends zu verwirren -, war allerdings unlängst hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Sollte er sich auf den Weg machen und ihm folgen? Der Gottesbote lief gewiß doch Gefahr, sich mit den Fährnissen der Welt, dem Gold, der Materie überhaupt zu vermischen und so Unheil herbeizuführen. Der Gedanke mußte rein bleiben, denn der war für ihn bestimmt, war seine Obliegenheit. Jetzt war der Kurier vielleicht schon längst die törichte Verbindung eingegangen mit dem schönen Schein, dem Feinde aller Gefahrlosigkeit, alles lebendigen Mannestums. - Die Isas und Liliths waren Form dem Scheine nach, rein dem Scheine nach, schön dem Scheine nach, dem Wesen nach waren sie nichts weiter als die Versuchung, der eigenen Formenwelt die Existenz zu rauben. Keine Verbindung!' dachte er und schärfte sich diesen Gedanken ein. Niemals wieder würde er eine eingehen! Sie töteten ihn, seine Freiheit, seinen Instinkt, seinen väterlich beigegebenen Geist. Aber Er hatte diese Welt schaffen lassen, damit Seine Söhne wieder durch sie zu Ihm finden mögen. Welche Ironie, welch' törichte Tat! Da schickte Er Seinen Boten, den Geist, damit der die Söhne erreiche, damit den Propheten der ganze große Plan eröffnet werden möge, aber was geschah wirklich? Sie kamen dazwischen, die Frauen mit ihren Forderungen des Tages, mit ihren Liebkosungen der Nächte in den Nächten: Aus der Erde kamen sie und dort würden sie bleiben; in der Formung dieser dunklen Kraft fand der Geist eine Provokation, der er sich nicht entziehen konnte, und so feierten sie den Bund als Akt der Liebe. Die Liebe nämlich findet in der Verbindung mit der Materie die prototypische Ergänzung, ist als Akt nur Ergänzung. Der Geist konnte der Materie nicht widerstehen, fiel über sie her im Wunsche, es dem Vater gleichzutun und zu schöpfen zu schöpfen zu schöpfen.


    Die Vorhänge besorgten das nötige Dunkel. Adam sah zwei Gestalten durchs Zimmer laufen. Zwei Frauen. Die Kleinere führte einen blinden Esel. Sie unterhielten sich. Er hörte ihre Stimmen: eine gehemmt-aggressive, eine spöttisch-hoheitsvolle. Adam sah keine Gesichter und zündete zwei Kerzen an, eine stellte er auf den Tisch, die andere ins Eck. Von der Tür aus kamen sie näher. Er stellte verwundert fest, daß sie sehr kleingewachsen waren. Oder wurden sie kleiner mit jedem Schritt, den sie näher kamen? Sie hatten ihn noch nicht bemerkt, denn das Zimmer war riesig, und er saß auf der Rückseite des Raumteilers. Instinktiv versteckte sich Adam hinter dem Fenstervorhang und konnte, da sie in unmittelbarer Nähe de zum Stehen kamen, nunmehr alles hören, was sich die späten ungebetenen Gäste zu sagen hatten:
    "Die Welt ist mir zu zahm geworden. Plätze sind leer. Du schaffst zu wenige", sagte die größere gebieterisch. Sie trug ein scharlachrotes durchgehendes Gewand aus dünnem Damast, dazu grellgelbe Schuhe. Auf dem Kopf saß ein himmelblauer Krempenhut, dessen Schattenwurf die festen Züge des Gesichtes verdeckte. Nur die Zähne blitzten beim Sprechen und verliehen der Figur einen jugendlichen Wesenszug. Sie sprach hart und doch spöttisch, eine Mischung des Charakters, die das Sowohlalsauch mit jeweils gleicher Intensität würde fordern können. Ihr Auftreten duldete keine Widerrede. Aber doch schien die Gestalt Widersprüche in sich auszutragen, denn das halbherzige Gebaren der Gebärden brach die Eindeutigkeit ihrer Worte: Luci, wie die Dame hieß, wackelte beständig mit Kopf und Oberkörper hin und her. Davon abgesehen, war jede Bewegung geprägt vom Bewußtsein uneingeschränkten Herrschertums. Gravitätische Betulichkeit korrespondierte mit dem Schwermut auferlegter Lasten und hatte in Lucis Erscheinung majeströse Gewichtigkeit herausgebildet.
    Die andere Gestalt dagegen wirkte leicht und lebendig. Alles in der Nähe Liegende befingerte sie flattrig, sprang dabei ständig um ihre Begleiterin herum und hielt der demonstrativ das Erworbene vor Augen: "Schauen Sie, die Ewigkeit der Dinge zerstiebt in meinen Händen, so ist's eben keine. Fort damit! Schranken meines Lebens!" schrie diese untersetzte, schwarz bekleidete Frau unbestimmbaren Alters. Grellhelle Farben im Gesicht, ein schmales Täschchen um die Hüfte gebunden und die bald dunklen, bald goldroten wild umherwehenden Haare, all das bildete ein unruhiges quirliges Etwas, von dem Adam ängstlich erwartete, daß es ihn hinter dem Vorhang hervorzerren würde, um Spaß mit ihm zu veranstalten, einen Spaß, von dem zu befürchten war, daß er nicht zu überleben wäre, denn Ronja, wie diese quicklebendige Person später von Luci angesprochen wurde, schaute neugierig hinter Zimmer- und Schranktür, griff wahllos nach Gegenständen und aß diese. Dann paßte sie sich an in Form und Farbe, doch nur augenblicklich. Am längsten noch behielt sie die Pudelgestalt bei, nachdem sie den geschmacklosen Keramikpudel mit eingestanztem Faustzitat vom Regal genommen hatte. Das von ihr Berührte hob sich in ihrer Gestalt auf, unwiederbringlich.
    Luci schien in diesem Spiel diejenige zu sein, die ihre Gefährtin wieder in die vor der Verwandlung in den berührten Gegenstand auch schon wechselvolle Gestalt zurück verwandelte. Dazu reichte der Kontakt mit den Händen. Und so tollte die Quicklebendige durchs Zimmer und hinterließ nichts als Leere, denn die einmal berührten Dinge hoben sich in ihrer Gestalt auf, sie behielt nach der Rückverwandlung Farbnuancen in Haaren und Teint, wurde größer oder kleiner, schwerer oder leichter, je nachdem, was sie in sich aufgehoben hatte. Bei Adam angekommen, riß sie den Vorhang zur Seite, hinter dem Adam Versteck hielt. Sie griff durch ihn hindurch nach der Geranie auf dem Fensterbrett, wurde selbst zur Blume und fiel kurz darauf zu schwarzer Erde, grauem Staub und rotem Saft auseinander. Adam erstarrte. Luci berührte das Zerfallene mit den Händen... Ronja erstand neu. Die Erstandene fiel der Demiurgin um den Hals, die sich jedoch schnell mit widerwilligem Gestus davon befreite.
    Luci und Ronja schwebten auf einer leuchtenden Unterlage, die sie weich mit den harten Begrenzungen quasi gedachter geometrischer Linien dieser Örtlichkeit verschmolz, und blickten auf den Vorhang. Adam hielt die Spannung nicht aus und trat hervor. Er ging auf beide Frauen zu und wollte nach Lucis Hand greifen, um sie devot zu küssen, als er erschreckt feststellte, daß seine Hand durch die ihre hindurchging. Er sprach laut ihren Namen, den seinen, doch reagierte das Gebilde nicht, obwohl er die eigenen Worte laut und deutlich verstand. Verwirrt ging er zum Schrank und nahm das wertvollste Erinnerungsstück: Es war ein Thermometer auf Alabaster, ein Geschenk Liliths. Daß es sich ergreifen ließ, beruhigte ihn. Wahngespinste würde er überdauern. Ein ängstlicher Blick fiel auf die geliebten Bücher. Bei der Vorstellung des Verlustes seiner Bücher wurde ihm heiß und kalt.
    Ronja und Luci nahmen auf den Sesseln Platz. Der Esel fraß zufrieden die gestrige Zeitung und soff stinkendes Wasser aus einer Pfütze vom Parkettboden. Die Bodenvase hatte er umgeworfen, das Grautier fraß auch die Teufel- und Glockenblumen, inzwischen vergilbte Funde des letzten gemeinsamen Spazierganges, der Wochen zurücklag.
    "Wie? Ich bringe zuwenig? Ich hasse Ihre Selbstbestandheit, Luci", ließ sich zornig Ronja hören.
    "Hörte ich im Unterton zaghaft Entsetzen? Ich will es überhören. Wir müssen ihn finden und richten. Wo wird er stecken?" fragte Luci mit Widerspruch nicht duldender Bestimmtheit.
    "Man riecht ihn. Es schmeckt die Luft nach Mann."
    "Ja, nach Mann", bestätigte Luci, Luft durch die Nase siebend. Sie betrachtete den Esel, der jetzt aus Adams Hand Wasser soff.
    "Was tut dieses blinde Vieh da?" fragte Ronja.
    "Was tut dieses blinde Vieh da?" wiederholte Luci auffahrend. "Es ist er in diesem Falle, Ronja, Schätzchen! Er tut, was ich ihm auftrug: Er heilt. Er säuft und lacht und heilt dabei. Der blinde Esel heilt den blinden Narren, dafür ist er da." Plötzlich wurde Lucis weißes Gesicht blaß, die Schläfen zuckten nervös und die Augen weiteten sich. "Adam ist hier", sagte sie leise. "Wir sehen ihn nicht, aber er ist hier. Halt ein! Ruhig! Fühlst du die Schwingungen? Hier ist eine feindliche Kraft am Werke. Mehrere. Sie ist da, außer uns. Komm her! Bleib ganz eng bei mir, daß wir ein Körper sind!" Sie suchten systematisch, aneinander klebend den Raum ab, Schritt für Schritt. "Er will ihn uns nicht geben. Wir müssen Ihn überlisten! Adam ist unser Geschöpf." Sie blickten zum Esel, der Wasser freischwebend in einem Meter Höhe soff. "Jetzt säuft dieses Vieh aus seiner Hand, Ronja. Er ist in der Nähe des Esels. Los, wir müssen ihn einfangen! Sei ein Netz, und fang ihn ein mit deinen Armen! Schaff ein Netz mit tausend Löchern her! Such Farbe, um ihn damit zu überschütten! Wir müssen ihn sichtbar machen. Los! Los! Nun mach schon, reg dich! Hier wird doch was Passendes zu finden sein!"
    Adam spürte die Gefahr und eilte hinter den Vorhang. Ein zweites Mal würden sie nicht zu einem bereits durchsuchten Ort gehen.
    "Bleibt es dabei, daß ich Ruhe habe, wenn ich ihn für Sie fange?" wollte Ronja wissen.
    "Ja, du hast mein Wort darauf."
    "Sie glauben nicht, daß ich es könnte!"
    "Du hast oft genug versagt, Ronja, Schätzchen . Schaff ihn her zu mir und du wirst Ruhe haben, vorerst!" sagte Luci laut und dann merklich leiser für sich: Dieser Mensch ist mir zehntausend andere wert.
    "Aber wie soll ich's anfangen?" fragte kleinlaut die Kleinere.
    "Nimm dir Helferinnen! Doch geh nun endlich! Ich habe schon zuviel gesagt, bin müde. Halt dich an den Buchstaben: Er tötet, den Geist laß außen vor! Und nun schaff, Verfluchte!"
    Luci verhüllte sich und verschwand. Ronja lief fluchend im Zimmer umher, wobei nicht auszumachen war, wem sie fluchte. Ihre Umrisse verflüchtigten sich immer mehr, schließlich... Nichts. Das Nichts war wieder da und erfüllte den Raum mit Gewöhnlichkeit.
    Adam trat nach längerem Warten hinter dem Vorhang hervor. Er fragte sich, ob nicht Schwefelgestank oder wenigstens Brandflecken auf dem getäfelten Boden seine Hirngespinste bestätigen müßten, doch da er nichts fand, verwarf er diese Möglichkeit und öffnete die Tür. Aber statt auf dem Flur seiner Wohnung stand Adam auf einem unbekannten Feld, das nicht sehr groß war, vielleicht ein Morgen. Darauf Pferd und Pflug. Das Pferd wieherte freudig erregt. Adam streichelte die feuchten Nüstern, heißer Atem streifte seinen Nacken, weckte Lebensgeister und er athmete tief durch. Sein Blick suchte vergebens nach einer Begrenzung des unbekannten Raumes, Feld an Feld reihte sich, dazwischen Obstbäume mit prallen Früchten. Wald grünte in der Ferne und Berge, kahl und glatt, standen bedrohlich rings um; zuletzt stockte sein suchender Blick auf dem jungfräulichen Stückchen triefender Schwarzerde. - Adam säte wenig später Salz, das eine Satteltasche enthielt. Am Feldrand lag ein verwitterter Spaten, der sorgte für den Graben am Rain, in den hinein das salzige Wasser fließen konnte. Adam sah und handelte, hantierte, daß man hätte meinen können, er hätte sein Lebtag lang nichts anderes getan. Als er mit der Arbeit fertig war, kniete er auf dem Felde nieder und betete. Auch das tat er, als ob es zu einer alltäglichen Gepflogenheit gehörte.
    Eine dunkle, völlig verhüllte Gestalt kam des Wegs und blieb stehen, aber Adam grüßte erst, nachdem er das begonnene Gebet beendet hatte. Die sinistre Gestalt beugte den Oberkörper zum Gruß und murmelte etwas Unverständliches. Die Geste war freundlich, abwartend, aber freundlich, und der einsame Bauer freute sich. Gemeinsamkeit. Stumm war die Gesellschaft, stumm zwar, doch Adams Einsamkeit war beendet.
    Sie zogen nach Osten, durchschritten schweigend die rotblühende Ebene und kamen am Fuß eines kahlen Berges zu einer Basilika staunenswerter Bauart. Das Dach ruhte auf drei Säulen, die Nordseite war begrenzt von einer hohen schmutziggrauen Mauer, für die übrigen Seiten fehlten Wände. In der Mitte loderten aus einem Becken hohe Flammen. Aus den Flammen trat eine schlanke Gestalt im weißen Gewand mit unverhülltem Gesicht. Die gesetzten Bewegungen strahlten Ruhe, Kraft und Würde aus. Das weiße Gesicht blickte kalt und starr auf einen Punkt in unbestimmter Ferne. Die Gestalt reichte Adam die Hände zum Gruß, der sie zaghaft nahm und küßte. Er sah einen Rubin, schmuckvoll eingefaßt von schwarzem Gold.
    "Mein Herz war verblendet, weil es erkaltet war. Mein Glaube...", stammelte er hilflos, ohne Wissen um die Herkunft der aus ihm sprudelnden Worte. Die weiche beringte Hand des graziösen Geschöpfs legte sich über Adams Mund. Sie standen vor der Nordwand und sahen weiße, rote und schwarze Flecken, die das graue Gemäuer zum Großteil bedeckten.
    Aus dem Boden stiegen fauchend Dämpfe. Adam glaubte zu erkennen, daß dieses Schnauben durch ein gräßliches feuchtes Husten hervorgerufen wurde, das die Mauer an einzelnen Stellen blutrot sprenkelte. Nach und nach quollen apathische Gestalten aus den verschiedenfarbigen Flecken hervor, schauten sich scheu und verschreckt um und stellten sich um das Feuer des Beckens. Alle trugen ähnliche Mäntel, die ihre Körper bedeckten und nicht erkennen ließen, ob es sich um Mann, Frau, Kind oder Greis handelte. Als die Zahl der Versammelten den Raum ausfüllte, daß nur in unmittelbarer Nähe des Beckens sowie um Adam und seinen Begleiter Platz blieb, schritt eine dieser Gestalten nach dem stummen Kommando der unverhüllten Gestalt solenn zum Becken und redete gebeugt in unverständlichen Ausdrücken zu den anderen. Ab und an hob sie den Kopf, und immer dann reckten sich auch die anderen Hälse zu strafendem Murren. Am Ende der Rede schrieen die Versammelten wütend durcheinander, vereinzelt wurde geklatscht. Dann trat der nächste der Versammelten vor. Das setzte sich so fort, und die Basilika leerte sich bis auf den letzten Redner. Dann war es still.
    Nach einiger Zeit entstiegen dem Becken schwarzverkrustete Reste der Verschwundenen. Hinter dem verkohlten äußeren lächelten die Versammelten vereinzelt und schritten frohen Mutes aus der Basilika.
    Die ersten Redner hatten die lautstärkste Reaktion hervorgerufen; sie blieben länger als diejenigen im Feuer, die wegen geminderter Zuhörerschaft auch geringere Akklamation erfuhren. Nur ein einziges Mal regte sich keine Hand und kein Mund, weder zustimmend noch ablehnend. Bei einer Person im weißgrauen Mantel fielen sich mehrere nebeneinanderstehende Versammelte in die Arme und trösteten sich. Dann war es wieder still, und die weißgrau bekleidete Person ging am Feuer vorbei den Weg aus der Basilika heraus und zielgerichtet den Berg hinauf zur großen Kirche. Adam hörte nicht, was die einzelnen Redner sagten, traute sich jedoch nicht näher heran, achtungsvolle Furcht hielt ihn zurück. Der Begleiter gebot zu bleiben. Adam gehorchte.
    Nachdem der letzte Versammelte aus der Basilika geschritten war, zog der Begleiter wieder an Adams Arm und hieß ihn den Berg östlich von der Basilika hochgehen. Oben auf dem Hochplateau stand eine große Kirche, deren Westtor geöffnet war, davor lag ein spiegelglatter See mit einigen Eisschollen, in den hinein die Ankömmlinge sprangen; kaum hatte der erste das getan, als sich ein Wind erhob und kräftig die Oberfläche aufpeitschte. Die Ankömmlinge standen reglos bis zum Hals im Wasser, erstarrten und trieben längs an die Oberfläche, wo der Wind die starr gewordenen Körper ungestüm umherwirbelte. Adam und sein Begleiter folgten mit Abstand dem letzten starkverkrusteten Verbliebenen, der sehr langsam, wie schuldbeladen, den Berg hinaufstieg. Auf halber Höhe kam ihnen ein in Schwarz gekleideter prächtiger Reiter entgegen, befehlsgewohnt seinen Rappen mit glitzernden Sporen antreibend. Ihn begleitete eine lärmende Schar jubelnder Unholde. Sie bildeten einen Kreis um den letzten Verbliebenen, der auf die Knie fiel und um Gnade winselte. Doch die keifende und lärmende Schar kannte kein Erbarmen. Auf ein Zeichen des Reiters hin stürzte sich die Unholdeschar auf den einsamen Verirrten, knebelten und fesselten ihn, um das geschnürte Paket in ein abseits stehendes finsteres Gebäude mit alten Mauern zu zerren. Die Horde johlte und geiferte, bis sie hinter den Mauern verschwunden war. Der Reiter ritt schweigend hinterdrein. Dann war es still, nur aus weiter Ferne klang das Rauschen der Brandung des Eissees zu Adam und seinem Begleiter herüber.
    "Wir müssen diesem Menschen helfen", sagte Adam bestimmt.
    "Missuss, ut quaedam secreta, quae hominess adhuc in carne degentes latent, tibi ostendantur", hörte Adam, doch er verstand und befürchtete, daß der Gesandte, als der sich sein Begleiter soeben selbst bezeichnet hatte, eine Verfolgung nicht gestatten würde, solange er im Fleische entartet blieb: „In carne degentes lateo', wiederholte Adam still. Er kannte diese Worte; als junger Mann hatte er sie in einem unverständlichen Buch gelesen und war darüber gestolpert, nun fühlte er Handlungsbedarf: Vielleicht waren dort im finsteren Gemäuer die verborgenen Geheimnisse, die er sehen sollte? Nein, die Szenerie war allzu bizarr; er zog am Gewand seines Begleiters, der ihm unerwartet willens folgte, und betrat das dunkle und feuchte Haus auf halber Höhe des Berges, von dessen Hochplateau immer noch das Klirren der aneinanderstoßenden Schollen mit dem Rauschen der Brandung seltsam zu ihnen herunterklang.
    Der Boden im Eingangsraum war flauschig und feucht. Gras. Das Licht kam aus einem anderen Raum und verlor sich an den bröckelnden Wänden. Ein anderes Licht drang von oben durch glitzernde Kristalle hinein und brach die Dunkelheit in viele Teile. Sie gingen durch breite Gänge, in denen glühende eiserne Sitze standen, worauf besonders dunkelverkrustete Versammelte durch Kettenringe gezwungenermaßen Platz hielten und ihr Los beklagten. So sah Adam all die sich unterm Lichte drehend spiegeln, die dieser Welt entgangen. Aus einem Seitengang rannten johlend drei Unholde zu einem Gequälten und rissen den Stuhl aus der Verankerung, und schleppten ihn weg. Adam drückte seinen Körper an die Wand, um nicht gesehen zu werden, doch der Begleiter schüttelte lächelnd den Kopf, ging zu einem Unhold und fuhr mit der Hand durch den hindurch, ohne auf Widerstand zu stoßen. Adam tat es ihm nach mit gleichem Ergebnis. 'Das ist wie bei Lucille', dachte er.
    "Bin ich hier oder die?" fragte er laut.
    Der Begleiter schwieg. Sie folgten den Immateriellen und erreichten einen größeren Saal, in dessen Zentrum viele Versammelte auf glühenden Stühlen saßen und schrieen. Drumherum saßen im Halbkreis die Unholde, ausgestattet mit einem brutalen Lachen sowie Dreizack und feurigem Haken. Zwischen Amüsierten und Versammelten standen Kessel, in denen dickflüssige Schwärze brodelte. Auf ein Zeichen des Rappenreiters schleppten zwei grobschlächtige Scheusale einen Versammelten in die Mitte des Halbkreises, rissen ihm die Kleider vom Leibe und steckten die mit ihren feurigen Haken in Brand. Der Gequälte wand sich und schrie. Der Schwarze schleuderte mit einer Gebärde seine Untergebenen an ihre Plätze und erstickte das Feuer, indem er das Opfer in Watte packte. Das fiel erschöpft zu Boden.
    Mit ohrenbetäubender Stimme schrie der Schwarze:
    "Zeig uns, weswegen du hier bist, Verfluchter! Vielleicht gönnen wir dir eine Ruhepause, vielleicht."
    Die anderen grölten und warfen glühende Eisenringe auf den Versammelten, der seine Schönheit zu preisen begann, seine Liebschaften aufzählte und die von ihm Betrogenen nannte. Im Kreuzungspunkt des Halbkreises entstanden bewegte Bilder: Frauen wälzten sich unruhig auf weißen Laken, Spiegel tropften eitrige Beulen aus, das Beutegut der Betrügereien entstand in Form von Geldstücken und Edelsteinen. Die Bilder flossen ineinander und wurden stofflich, bildeten einen undurchsichtigen Brei, den der Schwarze aufsammelte, in einen Sack steckte und dem Schönen in den Rachen stopfte. Der würgte sich daran, zappelte und erstickte. Drei Unholde sprangen von ihren Sitzen und zerfleischten den Versammelten, umgürteten ihn mit eisernen Reifen und warfen ihn aus dem Saal.
    Nun kam die Reihe an den Nächsten, einen Soldaten. Man gab ihm ein Pferd und eine Lanze, ein Schild und eine Rüstung. Dem Schwarzen halfen drei zu Knappen verkleidete Unholde auf den Rappen und beide Kämpfer ritten gegeneinander.
    Die Knappen überschütteten den mit gezückter Lanze reitenden Soldaten mit der Kesselflüssigkeit, woraufhin der lichterloh brannte und vom Pferd stürzte. Er schrie "Betrug!", doch das bekümmerte das Gemäuer-Publikum nicht, und die in Unholde rückverwandelten Knappen zerstückelten den Soldaten, warfen Einzelteile seines Körpers gegen die Wände, tanzten und fraßen von den zurückbehaltenen Resten. Sie erbrachen und lachten, dann sammelten sie alles ein, rührten es zusammen und umgürteten das Ganze mit drei Metallreifen. Zuallerletzt warfen sie auch den zweiten Mißhandelten aus dem Saal. Aber damit nicht genug! Die Unholde griffen einander an und zerfleischten sich gegenseitig - quasi in insaniam versi se alternatim dentibus lacerabant -, ihre ganze scheinbare Zusammengehörigkeit fraß sich wie im Wahnsinn durch die Leiber, grausam und unversöhnlich schmälerten sie das Gemeinsame, indem sie den Stärksten suchten nach dem Schwarzen. Der schaute sich das an. Irgendwann stampfte er mit dem Dreizack auf, und es kehrte Ruhe ein. Humpelnde Unholde suchten die Reste ihrer verstreuten Gliedmaßen zusammen und setzten sich zurück auf spitze Sitze. Das Spiel der Verfütterung begann erneut. Wieder zerrten zwei Unholde einen Versammelten ins Zentrum des Halbkreises, und der Schwarze befragte den Unglücklichen nach seinem Vorleben; und wieder und wieder, bis es keinen mehr gab, den sie hätten befragen können.
    Die Marterung nahm kein Ende. Adam fand keinen Sinn in dem Gemetzel, das dann keines war. Es blieb die Angst vor dem Folgenden, nicht vor dem Gegenwärtigen. Er schniefte in der unnachahmlichen Wolkensteinschen Art, so daß Zähne und Nase zugleich Luft zerrieben. Ein kurzer Blick zum gehorsamen Begleiter reichte aus, sie gingen. Draußen vor dem finsteren Gemäuer stapelten sich die herausgerollten Reste der Versammelten.
    "Sind das alle?" wollte Adam wissen.
    Der Begleiter schüttelte mit dem Kopf. Adam betrachtete ein Gebilde, zusammengesetzt aus Fleischfetzen, zusammengehalten von drei rostigen Reifen, die sich ins Fleisch drückten. Was vorzeiten als Charakterausdruck manifestierten Wollens aufrecht und unverrückbar der Welt trotzte, starrte Adam mit erloschenen Augen an. Adam griff nach einem Kopf und, oh Wunder, er konnte ihn berühren. Schnell säuberte er den Kopf mit der Hand von Blut und Eiter. Das weichlich-grindige und bereits abgekühlte Etwas, das einst heiß und pulsierend durch irdische Adern strömte, roch modrig und verursachte Adam Übelkeit; allein, er wollte wissen, was unter der schleimig-schmutzigen Schicht steckte. Plötzlich bewegten sich die Augen des Gereinigten. Es waren sanftmütige Augen, die lächelten. Der Begleiter zog an Adams Hemd, und der Kopf fiel zurück; Adam hatte nur kurz wirken können, nun war er selbst zurück ins Unmögliche gefallen.
    Aus dem Bauwerk kamen die Unholde. Sie schoben lärmend einen Karren vor sich her, stellten den einige Meter vor dem Hausse ab und warfen jubelnd die geböttcherten Überreste der Versammelten darauf. In gemeinsamer Arbeit zogen sie den vollbepackten Karren den Berg bis zum See hinauf und schütteten die Ladung ins eiskalte Wasser. Ein Schreien war die Folge der Mißhandelten. Kurze Zeit später entstiegen sie, körperlich wiederhergestellt, einzeln dem See und gingen in die große Kirche.
    Die Versammelten wurden bereits erwartet. Der Hügel vor der Kirche trug einen riesigen Baum, dessen Äste im Wind wogten. Ab und an fiel welkes Laub zu Boden, aus dem Harmonien in alle Himmel davonklangen. Unter dem Baum saß die eine wunderschöne Frau unbestimmbaren Alters, eingehüllt in weißes Tuch, das nur von einer einfachen Brosche zusammengehalten wurde. Sie sang. Wohltuende Klänge erweiterten Adams Herz. Er war bereit aufzunehmen. Die Versagungen hatten ein Ende.
    Der Begleiter ging zu der schönen Frau, die aufstand und lächelte. Er streifte erst sich und dann ihr die Kleider vom Leibe. Sie riß Wunden in seinen Rücken, als er es tat! Kurz darauf gebar sie zwei Mädchen, die sich sofort nach der Geburt an die Hände nahmen und hinter dem Tor der großen Kirche verschwanden.
    Der Begleiter streifte sein Hemd über - Blut befeuchtete das vormals weiße Gewand - und setzte sich neben Adam.
    Sie scheuten sich, den Neugeborenen zu folgen. Der Begleiter holte eine Flasche Wein aus dem Revers und bot Adam an, davon zu trinken. Als Adam zögerte, sprach er: "Das ist vielen ein Geheimnis. Weil wir aber hören können, müssen wir Verantwortung wahrnehmen, Adam."
    "Sie sprechen meine Sprache?"
    "Die Sprache der Liebenden."
    "Liebe trümmert Felsen nieder, zaubert Paradiese hin, doch, mein lieber Seelenschieber, wo soll ich denn hier nur hin?"
    "Sarkasmus, Adam, gebiert die Sprache des Versagens."
    "Vielleicht war ich wirklich einmal mehr", erwiderte Adam unsicher. "Wie weiter?" Adam ahnte, was hinter dem großen Tor wartete und verzagte.
    "Er wartet dort", sprach der Missus und leerte seine Flasche. Adam schwieg. Er befürchtete Belehrungen.
    "Und die beiden Unschuldigen gingen zum Letzten Gericht?" fragte er später.
    Der Missus nahm Adam an die Hand. Sie folgten den beiden Entschwundenen Richtung Kirche. Adam ließ sich führen.
    "Was Sie nicht sahen, Adam; die eine hatte die andere bereits gemordet."
    "Ah, so. Natürlich. Deswegen hielten sie sich auch vertraulich die Hände", versuchte sich Adam wieder in Sarkasmus.
    "Verlieren Sie nicht die Fassung! Es geht alles mit rechten Dingen zu, vielleicht zu schnell oder zu langsam. Ist das nicht eine läppische Frage, bestenfalls Gemütern ein Grund, überhaupt zu zweifeln. Doch nun gehen Sie, Adam, wir müssen durch dieses Tor kommen."
    "Müssen?"
    "Es ist das letzte."
    "Ich mag nicht den letzten Schritt tun."
    "Genau deswegen bin ich bei Ihnen. - Gefällt es Ihnen hier so gut? Da ist die Linie, die wir entlanggehen müssen. Und nun zögern Sie? Riskieren Sie den Ausbruch aus den Mustern; wir müssen weitergehen!" Die letzten Worte kamen wie Peitschenhiebe, scharf und stringent; unwiderlegbar. Adam blickte ihn an. Der Arm schmerzte vom klammernden Griff seines Begleiters. Der Missus selbst schwitzte und dennoch war sein Blick starr, ging durch Adam hindurch. Er sprach gar nicht zu ihm, vielleicht war er nicht einmal hier. Der Schmerz belehrte Adam eines besseren. Der Griff des Missus wurde noch klammernder. Es stank brenzlig, muffig und ungewohnt lieblich zugleich. Blumen! Sie näherten sich dem Westtor. Die Entscheidung stand bevor.
    "Wer schickte Sie?" fragte Adam hart.
    Der Missus sprach immer abgehackter, geradezu leblos, seine Gestalt erhielt einen Zug ins Schemenhafte, Abstrakte. Das Fleisch fiel aus ihm, als ob jeder Muskel aufhörte Kraft zu spenden, als ob das fließende Wasser anderswo Leben spendete. Das Gesicht fahl und die Hand, die immer noch Adams Arm umklammerte, hatte jede Beweglichkeit verloren, krallte arthritisch, wie tot: "Sie glauben, es sei das Ende der großen Ideen gekommen?" Er hustete. "Armseliger Glaube. Wissen Sie nicht, daß diese Ideen sich gar nicht verwirklichen wollen? Da, schauen Sie!" Er hob den freien Arm, der wie ein Stock aus dem ungefüllten Gewand hervorragte und zeigte auf die soeben aus ihrem Blickfeld verschwundenen Neugeborenen. "Wäre es nicht an der Zeit, den Willen dagegen zu wagen? Oder rennen diese Fliehenden geradewegs in ihren Untergang, geben sich ein Ende vor dem Letzten Gericht." Er lachte sein trockenes Lachen. "Sie denken diese Schatten als Flüchtige, als Nichtwagende. Das sei ihr Wert! Und Ihr Wert, Adam? Geben Sie ihn sich selbst?"
    Adam hatte nicht alles verstanden, doch er fühlte, daß der Missus etwas zu verbergen hatte, selbst vielleicht ein Fliehender oder Suchender war. Die Wahrheit wird durch den Disput nur unterdrückt, bestenfalls verwässert, also schwieg Adam. Hier war freies Feld, also konnte er seine Gefühle mitteilen, etwas, was ihn von seinem Begleiter unterschied: "Am Anfang war das Wort! Am Ende wird es wieder sein. Aber ich will das Ende selbst bestimmen."
    "Geboren, um zu sterben. Sie wollen es selbst bestimmen?" Zum ersten Male lächelte der Missus still. "Im Nichts wird dein Wille enden, Adam."


    Sie standen unmittelbar vor dem Tor. Es stand offen. Adam machte den ersten Schritt. Im Inneren herrschte Dunkelheit. Er schaute sich um, denn er spürte den Missus nicht mehr an seinem Arm, da öffnete sich der Boden und verschluckte ihn.

  9. #9
    howah
    Status: ungeklärt

    Arrow Hyperfiction - Organisation

    Vielen, vielen Dank an alle, die sich zur Mitarbeit am Hyperfiction-Projekt entschlossen haben.

    Ich werde jeden von Euch noch anmailen, aber erst Ende des Monats, denn ich bin gerade dabei, die Koffer zu packen. Vorweg aber eine kleine Erklärung, die, hoffe ich, auch die ersten Fragen beantwortet.

    HYPERFICTION ist,, um es kurz zu sagen, der Versuch einer nicht linearen, assoziativen Literatur.
    Die einzelnen Teile werden über vom jeweiligen Autor eines Beitrages ausgewählte und gelinkte Worte verbunden.

    ....weshalb ich nicht viel von einem Buch halte, aero, nur auf einer CD kann eine H. richtig wirken, aber darüber können wir ja noch sprechen.

    Unsere Hyperfiction leidet zur Zeit - seit langem, um genau zu sein - noch unter der fehlenden Formatierung. Wenn die endlich gemacht ist, sieht das so aus: in einem Beitrag sind vier Worte gelinkt. Ruft man das Wort auf, erscheint entweder ein neuer Beitrag, den schon jemand geschrieben hat, oder eine Leere, die man mit einem eigenen Beitrag füllen kann. Am Anfang oder Ende gibt es eine Zusammenstellung der Autoren und Beiträge (Inhaltverzeichnis) und den Strukturbaum, anhand dessen sich Leser durch die H. hangeln (linken) können.

    Darüber hinaus kann es noch eine Themenverbindung geben. In der bisherigen Hyperfiction könnt Ihr die bei dem einige Male aufgetauchten Thema "Lilith" auf dem Strukturbaum sehen. Dort sind die Wort-Links mit durchgehendem Strich verbunden, die Themenverbindungen mit unterbrochenen Strichem. Bei "Lilith" z.B. hat sich da ein kleines Dreieck ergeben. (Der Strukturbaum ist übrigens noch nicht vollständig, weil ich auf die verdammte Formatierung warte.)

    Die Hyperfiction fängt mit einem kurzen Text ohne Ende, "Markt", an. Dabei habe ich mir gedacht, dass sie am Ende, wenn genug Beiträge zusammen sind, das Markt-Thema noch einmal aufzugreifen und eine Reihe von in den Beiträgen auftauchenden Personen dort zusammenzuführen. Aber darüber können wir noch reden, wenn es so weit ist.

    Unsere Arbeit kann also vorläufig nur sein, Beiträge zu schreiben oder zu sammeln - auch aus dem Forum, denke ich, damit die ganze Sache mal ein bisschen fülliger wird. Ich habe mir schon ein paar Sachen ausgeguckt, z.B. Miniaturen von It und die Anzuggeschichte von Doderer.
    Ausserdem können Illustrationen/Animationen für schon vorhandene oder neue Beiträge gemacht werden.

    Mein Vorschlag und meine Bitte an Euch: schaut mal nach, was Ihr für h.-würdig erachtet. Ich werde dann, übernächste Woche, eine Liste erstellen, und wir werden abstimmen, was wir hereinnehmen. Einverstanden?

    It: Klar, auch Lyrik, auch Miniaturen, vielleicht auch Notizen, nur nichts Aktuelles. Einheitlicher Stil: Nein, wäre tödlich, klar. Danke für Deine Fragen.

    Gecko, wenn Du so krimiverseucht bist, ich kenne das, diese Krimi-Phasen, dann schreibe doch mal nen Kurzkrimi für H. Im Moment hat sie eh einen starken Hang ins Märchenhafte, Fromme, und muss wieder auf buntere Bahnen gelenkt werden....

    Ich melde mich wieder gegen den 28.09. - bis dahin mit nochmaligem Dank, Howah.

  10. #10
    howah
    Status: ungeklärt

    Arrow AW: Hyperfiction

    An

    Doderer, Iodin, It, Lester, Nadine, Omar Chajjam

    Hallo, Ihr alle,

    Wie schon bemerkt und immer wieder bemerkt werden muss, fehlt für die Hyperfiction die wesentliche Arbeitsunterlage, die H.-Formatierung. Aero mailte mir, ich habe mich an einen Achtpanther zu wenden. Das habe ich schon lange getan, ohne dass sich etwas tat oder ich eine Antwort bekam.

    Trotzdem können wir schon mal das bisher noch dünne Material bearbeiten und Neues hinzufügen. .

    Bitte, seht Euch die bisherigen Texte an, und schreibt, was Ihr darüber denkt. Einzelne Texte sollten/müssten noch gründlich redigiert werden. Vielleicht ist es am einfachsten, einen zu redigierenden Text komplett in diesem Ordner zu stellen, was meint Ihr?

    Zweitens sollten wir - vorsichtig - den einen oder anderen Text aus dem Forum übernehmen. Hier schlage ich vor: 1. Text in diesen Ordner kopieren, 2. Autor anfragen (mach' ich) ob er einverstanden ist, diskutieren/abstimmen, ob er übernommen werden soll. Unterfrage: soll der Autor, wenn er zu unserem Team gehört, mit abstimmen dürfen??

    So viel für heute, mit schönen Grüßen,

    Howah

  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    Arrow AW: Hyperfiction

    Hier nun ein paar interessante Adressen zum Thema deutschsprachige Hyperfiction - vielleicht findet sich dort auch Jemand, der Hilfestellungen leisten kann:



    http://www.netzliteratur.de/muster.htm

  12. #12
    howah
    Status: ungeklärt

    AW: Hyperfiction

    Hallo, Achtpanther, danke für den Link. Schade, dass es Zoff gegeben hat, das tut mir leid.
    Hoffentlich bist Du doch noch bereit...-denn Zoff gibt es hier leider immer.


    aero, ist Daphne ausgestiegen? Ihr Märchen in der H.ist quasi unvollendet...


    Liebe Mitarbeiter,


    Doderer, danke-
    was haltet Ihr von der Doderer-Geschichte?
    Wollen wir sie aufnehmen?
    Eonen schönen Sonntag Euch allen, Howah

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hyperfiction

    Hallo Howah, ich bin entschieden für den Anzug. Grundsätzlich würde ich allerdings eher erst sammeln, und später auswählen - soweit es geht. Es gibt in einem Strukturbaum schließlich auch Äste, die verkümmern - und die Möglichkeit, parallele Texte zu einem Thema zu nehmen, von denen einer letztendlich vielleicht nicht veröffentlicht wird. Mit der einen oder anderen Ablehnung sollte man leben können, wenn man hier mitschreibt, genauso wie mit der Entscheidung: jetzt sind die Lyriker dran oder: zu diesem Thema bitte erst mal Miniaturen.
    Ob der Autor über seinen eigenen Text abstimmen sollte? Ich denke, mit einem ja oder nein zur Veröffentlichung trifft er diese Entscheidung schon. (danach geht es um Bescheidenheit und Selbstüberschätzung). Aber ob zu viel Demokratie sich als wirksam erweist? Ich persönlich hätte nichts dagegen, die Entscheidung Dir (+ - zwei andere "Jurymitglieder"?) zu überlassen. Streiten kann man hinterher immer noch.
    Die Idee, aus dem Forum Texte zu sammeln, finde ich übrigens ausgezeichnet.
    Habt ihr eigentlich eine Vorstellung davon, wie viele Texte ihr in welchem Zeitraum aufnehmen wollt? Langsam wachsen lassen, zur Not auch zwei Jahre? Fertige CD-Rom in fünf Monaten?

    it

  14. #14
    howah
    Status: ungeklärt

    AW: Hyperfiction

    Hallo, It,

    Danke für Deine konstruktiven Vorschläge.


    Zum Auswählen von Texten denke ich, wir sollten nicht zu viel sammeln - vor allem aus egoistischen Gründen: da ich nun mal mit dem Strukturbaum angefangen habe, muss ich ihn wohl auch immer auf Stand bringen. Aber Du kommst schon auf den nächsten Punkt unserer Arbeit, nämlich:


    Die vorhandenen Texte durchsehen und entscheiden, ob sie alle drin bleiben sollen. Das hätten wir vielleicht als erstes tun sollen. Dann können wir zu Deinem sehr guten Tipp kommen, Texte auszusuchen (oder anzufordern?), die an bestimmte Äste passen. (Dabei müssen wir dann sowieso ab und an ein bisschen mogeln, wegen der Anschlußwörter.)


    Du hast recht, die Abstimmerei ist Quatsch. Lassen wir es doch einfach offen: einer schlägt einen Text vor, einer oder zwei sind dafür, niemand dagegen, basta. Eine Rolle muss dabei immer der Strukturbaum spielen; das behalte ich mir vorläufig aus bestimmten Gründen (s.o.) vor. Angenommen, Du würdest Dich auch um den Baum kümmern, ihn Dir einverleiben, fände ich das ganz toll und dankenswert.


    Deine letzte Frage kann ich schlicht nicht beantworten, oder nur negativ: weder der "Masse" noch der Zeit nach bestehen Vorstellungen, wann diese H. "fertig" ist. Dazu muss erst mal die Formatierung klappen, muss über llustrationen etc. gesprochen werden. aero sprach mal davon, sie müsse einen "Körper" bekommen, das klingt etwas vage, aber ich kann mir darunter etwas vorstellen; einen Körper hat sie noch nicht, erst dann kann man, meine ich, entscheiden.

    Howah

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hyperfiction

    Ich greife zwei frühere Fragen noch mal auf.


    1) Inwieweit sollten die Texte nur über Links miteinander verbunden sein, und inwieweit Bezug aufeinander nehmen? Oder schreibe ich unabhängige Texte zu einem Wort? (Wollt ihr einen einheitlichen Stil?)
    Letzteres, will mir scheinen. Am Anfang gab es eine Häufung von Märchen.


    2) Was ist mit Lyrik, mit Miniaturen? Ausgehend vom Markt: wollen wir die Marktstände unterteilen in literarische Gruppen - der Lyrik- oder Humor-Stand, oder gehen wir durcheinander (ausgehend von den Bedürfnissen des Lesers)


    3) Ich hätte noch einen zweiten Spiegeltext, einer mit einem Hotelzimmer(Koffer) ist in Arbeit. Zwei Texte zu einem Link?


    4) Kann ich über Frauenprobleme schreiben, ohne daß das Wort erwähnt wird (einen Modetext, zum Beispiel?), oder braucht ihr das Wort an sich?


    5) Inwieweit muß der Text auf das Thema Bezug nehmen, oder reicht es, das Wort zu streifen (siehe Beitrag CLOWN)


    Howah, schick uns an die Arbeit: wie wäre es, wenn Du jedem Mitarbeiter hier erst mal vier, fünf Links gibst (jedem andere) und siehst, was wir finden/produzieren? Links, mit dem der Autor gar nichts anfangen kann, können an Dich zurückgegeben werden.


    Wenn wir erst einen wirklich guten Stamm haben, könnten wir damit hausieren gehen und andere Autoren (auch aus dem blauen Forum!) um einzelne "Blätter" bitten. (dazu müssen wir am Anfang verdammt gut und wählerisch sein. Aber ich denke, wir legen die Leiste am Besten erst mal hoch. Autoren gibt es (leider ) genug....)

    Liebe Grüße, it

  16. #16
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    Lightbulb AW: Hyperfiction

    Einige Gedanken zur Hyperfiction oder Schreiben im Netz (aus unserem alten Forum)

    Unser neue Forum hat nun ein halbes Jahr auf dem Buckel, mit parsimony sind wir bei zwei Jahren Laufzeit. Der Grundgedanke: Schreiben ohne Scheuklappen! Hat er sich bewahrheitet? Wohl kaum. Die Texte, die vor- und hereingestellt werden, lassen zumeist die Brisanz vermissen. Wir treten auf der Stelle. Ich bin auch im Zweifel, ob Hyperfiction etwas Neues hervorbringt. Ist es nicht letztlich so etwas wie ein verlinktes Schreiben udn wird sich irgendwann wiederholen? - Ich will das jetzt nicht weiter dekonstruieren, nur eben so feststellen. Es ist aber an der Zeit, einmal die Konstituenten des Schreibens in diesem Medium zu ergraben. Fragen wir nach den hervorstechenden Merkmalen dieses neomedialen Milieus!

    In dieser Zeit bestehen die allgemeinen Denk-und Gestaltungsformen des Denkens immer im Kontext. Der Kontext, die Struktur der Vernetzung, der Verkreuzigung disparater Denkformen ist Prinzip zur Texterzeugung. Aus dem Kontext heraus entsteht der Text. Die Idee, die dann die Form sucht, ist zweitrangig. Spielerische Elemente der Erprobung des Neuen. Darstellungsexperimente statt Formzwang. Form ist Spiel, aber nicht aus dem analytischen Begehren entwachsen. Man nennt das TRANSVERSAL.
    Nun könnte man's zufrieden sein, diese Hybridformen des Unwertens als Verkreuzung verschiedener Codes zu akzeptieren, aber es ist schwierig, in diesem Wirrwarr noch die Elementarverfassung des Gestaltens zu erkennen. Der literarische Text ist aber immer noch - in erster Linie - ein Gemachtes, als ein durch Formgesetze Rückzukehrendes, ein reversibler Vorgang im hermeneutischen Sinne gesprochen. Die Pluralität, das Nebeneinander der disparatesten Formen, aber macht die Elementarverfassung, die Fassung des Elementaren, unmöglich. Die Texte bestehen aus verschiedenen Gängen, aus Durchgängen, aus unbewußten und bewußten Überregelungen, deren Gelenkstellen zumeist zwischen den Zeilen stutzend machen. Und dann kennzeichnet dieses Gemacht noch ein zweiter Charakterzug: die Flüchtigkeit. Die Texte sind flüchtig. Sie sind konstituiert durch die Schaltstelle Speichern/Löschen. Spuren des Rückverfolgens sind mitgedacht im Prozeß des Schreibens. Hyperfiction, d.i. die Fluchtbewegung des Textes in ein Unwegbares, ein verschlungen Ungerades, eine temporäre Passage. Da wird im Text der Platz verortet, den ein literarisches Erlebnis urständet, aber der Text selbst wird durch die Option des widerrufbaren Löschens (Spurensuche leicht gemacht) deterritorialisiert. Man nennt das TRANSFUGAL.

    Und so bleibt was abzuwarten? Muß Literatur nicht bewahren? Was kann getan werden, damit sich die Worte festhalten lassen, damit sich die Verweilung im Autoren rückbindet und er die Möglichkeit des Mitteilens wahrnimmt. Denn dafür ist er doch da, oder?

    greeneye: ich erlaube mir die freiheit und lege mich in die gelegte furche wie in einer wasserbahn. mein schreiben ist daher ein freudenschrei. -

    g: dieses "querverbindende" verfahren, das schreiben und denken in kontexten, (ver)kreuzigungen, vernetzungen etc. ist das nur ein phänomen unserer zeit oder ist ein solches verfahren nicht selbst schon so alt wie die epistomologie? was heißt hier analytisches begehren? meinst du damit das pathos der erkenntnistheorie, den machtwunsch, alles im griff zu bekomen und zu kontrollieren? eine subsumption der wirklichkeit unter dem logos? - vielleicht hat die mode, die feuilletons aus dem poststrukturalismus oder der dekonstruktion etwas gemacht, was sie gar nicht ist, schlagworte und schlachtrufe "designt", die aus der journalistischen praxis zu rechtfertigen sind, aber mit dem (nach)denken eigentlich nicht viel zu tun hat. nehmen wir z.b. begriffe wie "collagen" oder "montagen" (man wirft oft den modernen schriftstellern vor, daß sie nicht mehr schreiben, eigenständig sprachlich denken und handeln, sondern nur mit dem vorhandenen material "spielen" aus ihrem "technifizierten" verständnis heraus. was können wir sehen, wann uns die scheuklappen genommen werden? welchen "sinn" hatte dieses zeigen im verfahren ursprünglich gehabt? im 84. brief an lucilius schreibt seneca in der frage "Wie soll man es mit der Lektüre halten, um sie fruchtbar für sich zu machen?" nach einer kurzen reflexion über wissenschaft und forschung, lesen und schreiben, bringt seneca das bild von den bienen und den honig. er führt aus:
    Wir müssen uns, wie man zu sagen pflegt, die Bienen zum Vorbild nehmen, die umherschwärmen und die zur Bereitung des Honigs dienlichen Blüten aussaugen, dann aber was sie eingebracht, zurechtlegen und auf die Waben verteilen, wie unser Vergil sagt (auch seneca schreibt sich also in den "themenkörper" ein, der ja schon vor ihm existiert. er "transversiert" nach deiner definition): häufen des Honigs/ Klarsten Seim und füllen mit köstlichem Nektar die Zellen Was die Bienen betrifft, so weiß man nicht sicher, ob der Saft, den sie aus den Blüten saugen, schon wirklicher Honig ist. oder ob sie dem, was sie gesammelt, erst durch eine besondere Mischung und die Eigenart ihres Lebenstriebes diesen besonderen Geschmack verleihen. Denn es gibt Vertreter der Ansicht, daß ihnen nicht das Vermögen Honig zu bereiten, sondern nur das, ihn zu sammeln, zukomme. Sie machen geltend, daß sich in Indien auf den Blättern gewisser Schilfarten Honig finde, der entweder das Erzeugnis des in jenem Klima heimischen Taues sei oder aus dem süßen und dicken Saft des Rohres selbst sich bilde. Auch in unserer Pflanzenwelt finde sich der nämliche Saft, nur weniger ausgeprägt und erkennbar, den das hierzu geschaffene Bienenvolk suche und sammle.
    Andere hinwiederum meinen, der Saft, den die Bienen aus den zartesten Teilen der Pflanzen und Blüten ziehen, erlange erst durch eine gewisse Zubereitung und Verarbeitung die Eigenschaft des Honigs, nicht ohne eine Art von Gährungsprozeß, durch den das Verschiedenartige zur Einheit verschmolzen wird.

    es klingt jetzt vielleicht etwas paradox, ist aber nach meiner meinung die konsequenz aus dieser lektüre. man muß bewußt die dinge verstellen, um sie richtig erkennen zu können. später wird nietzsche diesen gedanke zu einer philosophie der masken ausarbeiten. aber das ist hier nur marginal. auf die frage des lesers und sein lektüre-verhalten/verfahren wird es darauf ankommen, ob wir in der lage sind mit dem phänomen hyperfiction oder dem schreiben und lesen im netz - ja jedes schreiben und lesen überhaupt - umzugehen.

    Ja, g, Schreiben ist querverbindend, d.i. epistemologisch unantastbar.
    Dein Bienenbeispiel hinkt NATURGEMÄß, denn die Bienen folgen nur ihrem Instinkt. Auch Dein Gedanke des bewußten Verstellens gefällt mir.
    Doch nun weiter: Du thematisierst den Umgang mit dem Schreiben. Darum geht es mir auch. Ich frage danach, warum das Netz(werk)schreiben rezeptionsästhetisch marginal wahrgenommen wird. (Und es liegt nicht nur an der gesunden Borniertheit bedeutender Schriftsteller!) Ich glaube, es liegt daran, da? diese Form. dieses Milieu, zeitgemäß betrachtet, Flüchtigkeit "adelt", daß Form und Inhalt des Textes von den meisten Netz(werk)schreiblingen nur zweitrangig Bedeutung beigemessen wird.

    Da machen wir einen Ausritt in die Falterungen des Theoretischen, mixen es mit einer Geschichte, die aber uns noch ein wenig Struktur abverlangt. Wir müssen die Zweigungen anzeigen, die Links quasi setzen, die den einzelnen Mitwirkenden Erlaubnis verschaffen, sich an dieser Stelle einzubringen.
    Ich habe mir ein paar Gedanken über das Texten als kritischer Leser und das Autorisieren gemacht. Vielleicht gibt es, wie bei vielen wichtigen Dingen, hier eine Dreiteilung, jeweils eine genaue, mittelgenaue und ungenaue Lesart. Man kann einen Text akribisch genau, dazu noch mißbehaglich lesen, immer auf der Suche nach dem Fehler, dem Unbeweglichen, dem Starren, dem Formverletzenden,...,...,... Ich könnte mir aber auch vorstellen, einem Text mit Achtung zu begegnen, also recht behutsam damit umzugehen. Dann ist die Erwartung an den Text getragen von dem Worte Vorsicht; schließlich kann ich den Text durchhasten, ihn eben modern betrachten: Nun, ich könnte eine Zeile lesen und mir sagen: "Grottenschlecht!" Dann wartete ich, bis sich wieder ein Fauxpas ereignete und ginge dann dazu über, nur hin und wieder etwas aus dem text herauszupicken, um es in einem mir genehmen Kontext darzustellen.
    So, wie nun aber das Verhältnis zum Autoren gestalten? Soll ich mir vorstellen, was er will, soll ich ihn töten, um bloß noch dem Text zu begegnen, soll ich raten, was er denn von mir will, von anderen, eben vom Leser? Soll ich mir plausible Hypothesen aus dem Instinkt zaubern, wie's uns die amerikanischen Pragmatiker weismachen wollen?

    Jetzt zu unserer Geschichte. Ich habe mir erlaubt, sie im Zusammenhang darzustellen und auch schon mal die Abzweigungen deutlich zu machen.

    Lassen sich Hypertexte denn diskursiv entwickeln? Stoßen wir nicht schon jetzt an die grenzen künstlerischer Plausibilität?
    Ich habe nicht umsonst diesen Sinnzusammenhang zwischen dem Dichter und dem Leser angezeigt. Da liegt ein Bedeutungszusammenhang.

    Zum Baum:
    Die durchgehenden Striche zeigen die Verbindungen durch Assoziationsworte an, die unterbrochenen thematische Verbindungen.

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hyperfiction

    hallo howah,


    ich leih dir einen guten lötkolben und zinn, wenn du die clowns (abgedroschen, erinnert mich an die prächtigen Ölbilder im kaufhaus, gleich neben der glutäugigen zigeunerin mit den prallen titten) aus dem strukturbaum nimmst,
    aeros gewort verhilft mir immer, nur eine anleitung zu konkretem tun gibt's natürlich nicht. Die will ich jetzt von dir. Soll ich ein textchen schreiben zu einem der begriffe? Mit abzweigmöglichkeiten? Oder neue zweigungen vorschlagen? Oder mundharmonika spielen?


    Gruß


    Doderer

  18. #18
    howah
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    AW: Hyperfiction

    Hallo, Doderer, ob Du nun Mann oder Weib bist, ich umarme Dich, ich küsse Dich, ich liebe Dich für Deinen Vorschlag. Die "Clowns", die ich schon nach dem Auftauchen in H. mit herbster Kritik bedacht habe, wurden dann halt trotzdem in den Gesamttext gesetzt. Und mit diesem Gesamttext-Ordner kann ich nicht umgehen, auch nicht löschen.


    Danke Doderer. Eine echte Sonntagsmorgenfreude hast Du mir da bereitet, liebe Grüße,

    Howah

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hyperfiction

    Ich habe irgendwie grundlegende Probleme mit dem Strukturbaum, vielleicht liegt es auch daran, daß dieses Projekt so zäh in die Gänge kommt.
    Um beim Bild des Baum zu bleiben: die Autoren wurde zu früh und vollständig ausgewechselt, da wurde zu früh gepfropft. Ich weiß auch nicht, wie ein Leser seinen Weg da finden soll. Denn ein Weg ist vorgegeben, ob wir das wollen oder nicht.
    Mein Vorschlag (ich bin nicht für meine Geduld bekannt: wenn es nicht weitergeht, alles über den Haufen werfen, und zurück zum Anfang).
    Wer von den Autoren, die bis jetzt Texte eingereicht haben, ist denn noch dabei? aero? Daphne? Nadine?
    Ich würde jeden der "Stammautoren" in der ersten "Verzweigung" schreiben und seinen eigenen Ast entwickeln lassen. Damit der Leser schon im ersten Augenblick einen Einblick in die Vielfalt der Stile, Autoren und Themen bekommt. (mir fehlen bisher zum Beispiel Gedichte, Miniaturen, stilistische Experimente und Humor) Von jedem Text im "zweiten Level" ausgehend zwei Verzweigungen.


    Konkret: Wir (alle Autoren, die regelmäßig mitmachen wollen, alte und neue) gehen zurück zum Ausgangstext und "bewerben" uns hier um einzelne Links (damit wir keine dreizehn Beiträge zum Thema Argwohn und keinen zu Haare haben). Schicken die Texte an Howah. Wenn sie sie nehmen will, stellt sie sie hier rein, zusammen mit Vorschlägen für weitere Verzweigungen.
    Iodin sagt dann beispielsweise: Brennesseln sind klasse. Die übernehme ich. Und macht weiter. (okay von Howah)
    Doderer sagt: mit dem Stuhlbein kann ich nichts anfangen. Wie wäre es mit einem Link zum Thema: Sarong. (Okay von Howah)
    Oder auch: Lester schreibt: wenn it aus dem neongrünen Sonnenschirm einen pinken machen könnte, hätte ich ein Gedicht, das passt.... (okay von it und Howah)
    Und Howah schreibt einen Forumsautoren an, der zufällig einen guten Text zu einem passenden Link hier ins geschriebene Wort gestellt hat.
    Und dann sollten wir anfangen zu schreiben. Bisher weiß ich nämlich noch nicht genau, was mein Unterbewußtsein so auszuspucken bereit ist.
    Ich hasse zähe Projekte. Beim Ausmeißeln mittelalterlicher Kathedralen wäre ich nicht gut gewesen.

    Liebe Grüße,
    it

  20. #20
    schreibt hier hin und wieder
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    Der neue Anzug


    Er ist nun doch früher als vereinbart angekommen und drückt nach einigem Zögern den gelben Klingelknopf, über dem auf einem kleinen Messingschild zu lesen steht: "Adolf Bading Schneidermeister".
    Es dauert geraume Zeit, bis sich ein Fenster öffnet. So hat Jakob Muße, die in dem kleinen Schaukasten angepinnten alten Modezeichnungen zu betrachten. Einen Wintermantel sieht er da, für den stattlichen Herrn, mit wuchtigen Schulterpolstern und breitem Kragen, daneben einige Jacken und Kostüme. Gleichgültig geht sein Blick über die vergilbten Blätter. Drei Tage noch. Sein Magen zuckt.
    "Hallo", hört er schließlich eine Stimme aus dem Haus, das nahezu verdeckt steht, hinter dem herbstlich leuchtenden Blattwerk der Büsche und Bäume. Jakob ruft seinen Namen dagegen und wird hereingebeten.
    Der Eingang liegt an der Rückseite, und so geht er rasch um das Haus herum. Sein Blick fällt auf den von Winden überwucherten Drahtzaun an der Nordgrenze des Anwesens, auf ein kleines, mit einem Vorhängeschloss gesichertes Tor. Einige Meter hinter dem Zaun führen die Geleise der Bahnstrecke nach Rosenheim vorbei. Jenseits des geschotterten Dammes der Bahnstrecke zieht sich der Wald zur Heilanstalt hin. Die Bäume am Waldrand stehen eigenartig für sich, eine große Fähre mit schiefem Stamm, zwei hohe Buchen, eine alte Eiche, mehrere Kiefern mit wunderlich verwachsenen Kronen. Dahinter breitet sich die dunkle Monotonie der Fichten bis hinüber zu den ersten Gebäuden der Klinik. Und zur Grube. Dort drüben ist jetzt fast alles bereit.
    Die Frau des Schneidermeisters kommt ihm auf den letzten Metern entgegen. "Guten Tag, Herr Jakob, Sie sind reichlich früh dran", sagt sie in einem Tonfall, der ihm sorgsam unterdrückten Abscheu verrät. "Wir sitzen noch bei der Vesper."
    Ein pfauchendes Blasen fährt über ihnen aus dem Haus. Jakob schaut erschrocken auf. Im ersten Stock ragt ein gut zwei Meter langes Stück Rohr aus der Mauer. Dampf quillt aus ihm heraus, einige Tropfen kondensiertes Wasser rieseln herunter. "Das Abzugsrohr des Dampfbüglers", sagt die Meisterin, als sie seinen Blick bemerkt.
    Jakob wird von der Frau durch den niedrigen Hausgang und die große Küche in den Speiseraum geführt, ein Erkerzimmer mit drei Fenstern. Zwei davon gehen nach Norden hinaus, man erkennt den dunklen Waldrand durch die weißen Gardinen. Im Erker sitzen auf einer Eckbank, der Schneidermeister Bading mit zwei seiner Gesellen.
    Jakob kennt den älteren der beiden, den Altgesellen Schleh, einen kleinen, breitgesichtigen Mann in mittleren Jahren. In seinem gelocktem braunen Haar kringeln sich die ersten grauen Fäden. Ein ruhiger Mensch, schüchtern durch seinen Sprachfehler, fleißig und von großer körperlicher Kraft. Zentnersäcke hebt er wie nichts. Die schweren Ballen Uniformstoff, die ansonsten zwei Gesellen tragen müssen, schleppt er alleine vom Lager in die Werkstatt. Er lebt im Haus des Schneiders, quasi als Mitglied der Familie.
    Zwischen Schleh und dem Meister sitzt ein großer Mensch, noch keine zwanzig, breitschultrig, mit verknorpelten Augenbrauen und roten, knubbeligen Ohren. Die schweren Arme liegen zu beiden Seiten seines Tellers auf dem großen, runden Tisch. Auf dem rechten Arm bemerkt Jakob eine kleine Tätowierung. Die Männer kauen. Vor ihnen stehen dampfende Tassen mit Schokolade. Jakob sieht einen angeschnittenen Wecken Brot, das Einmachglas halbvoll mit Marmelade, eine Schale mit einem winzigen Rest Butter darauf, die große Kanne mit dem heißen Getränk. Er spürt plötzlich einen saugenden, schwächenden Hunger.
    "Grüß Gott, Herr Jakob. Wollen Sie auch eine Tasse?", sagt der alte Bading. Ein verbliebenes Büschel weißen Haares steht ihm hoch vom schmalen Kopf. Seine runde Brille gibt ihm ein unentwegt fröhliches Aussehen, obwohl auch er wenig zu lachen hat in diesen Zeiten.
    "Herr Jakob kommt wegen des Anzugs", sagt seine Frau streng. Sie ist an der Türe zur Küche stehengeblieben.
    Der alte Bading zuckt zusammen, er setzt die Tasse, die er bei seiner Einladung zum Mund führte, wieder ab. "Ich weiß", sagt er.
    Der baumlange junge Mann, schon im Sitzen geht er dem nun eng vor dem Tisch stehenden Jakob bis fast an die Brust, nimmt schweigend den Wecken zur Hand und schneidet sich einen mächtigen Kanten ab. "Das ist Waldemar Knöring, unser neuer Geselle", sagt der Schneidermeister, als er Jakobs prüfenden Blick bemerkt. "Er kommt aus Rosenheim. Waldemar boxt im dortigen Verein. Sie dürfen wieder boxen, seit zwei Monaten."
    Jakob betrachtet stumm die Tätowierung an Waldemars Arm. Ein kleiner Anker. Harmlos.
    "Und dann blutet er uns beim Zuschneiden am Montag wieder die Stoffe voll", sagt Frau Bading.
    "Das war doch nur einmal, weil ihm die Braue wieder aufgegangen ist, am Montag, nach seinem Kampf", antwortet der alte Bading beschwichtigend.
    Waldemar sagt nichts. Er hat das Brot inzwischen dick mit Marmelade bestrichen und beißt nun große Happen ab. "Wo er doch morgen wieder einen Kampf hat", sagt der Meister.
    "Übermorgen", sagt Waldemar kauend, "gegen einen starken Mann."
    "Dann schneidest Du am Montag nicht zu, sondern gehst an den Dampfbügler", sagt Frau Bading streng zu dem jungen Riesen.
    "Wollen Sie nun eine Tasse Kakao", fragt der alte Bading erneut.
    "Nein, danke", sagt Jakob. Er bemerkt jetzt, daß Schleh einen Arm verbunden hat. "Was ist denn da passiert", fragt er und weist mit seinem Kinn auf den Arm des Gesellen.
    "Er hat sich vorhin am Dampfbügler verbrannt", sagt der Schneidermeister.
    Schleh versucht, seinen verletzten Arm unter dem Tisch zu verbergen. "Ist nicht so schlimm", sagt er.
    Draußen dröhnt und keucht ein Zug vorbei nach Osten, eine lange, von zwei schwarzen Lokomotiven gezogene Reihe grüner Waggons.
    "Der Orientexpress!" Bading hebt die Stimme, um den ins Zimmer brandenden Lärm zu übertönten. "Mit Kurs nach Rosenheim und weiter, auf den Balkan und immer weiter bis hinunter nach Istanbul." Er schaut sehnsüchtig hinaus, auf die in den Wald verwehenden Schwaden. Dann starrt er in seine Tasse.
    "Du solltest Herrn Jakob jetzt den Anzug probieren lassen", sagt seine Frau grimmig.
    Bading steht auf. "Er hängt oben, in der Werkstatt", sagt er. Auch die Gesellen erheben sich.
    Jakob folgt dem Schneidermeister in den ersten Stock. Hinter ihm stampft Waldemar schwer die Treppen hoch.
    In der Werkstatt deutet der Schneider auf einen Bügel. Die mit groben Stichen zusammengefügte, bräunlichschwarze Jacke hängt darüber. Auf dem Tisch daneben liegt die fast fertige Hose. Nur die Knöpfe am Hosenschlitz fehlen noch.
    "Ich hab altes Fahnentuch für den Anzug genommen", sagt der Meister.
    "Wie passend", sagt Jakob.
    "Es ist wie ein letztes Anspucken", sagt Bading heftig, "doch wir hatten keinen anderen Stoff."
    "Sie haben es verdient", sagt Jakob.
    Bading antwortet nicht. Seine Hand führt langsam über die Jacke.
    "Meine Frau hat den Stoff vorgestern gefärbt. Das Tuch kann kratzen. Aber es ist ja nur für das eine Mal", sagt er
    "Hoffentlich", sagt Jakob.
    Der alte Bading blickt erschrocken auf. "Glauben Sie, es wird es wird noch eine geben?"
    "Weiß ich nicht", sagt Jakob, "ich bekam meine Order nur für diesen Montag."
    "Wir müssen heute nur die Jacke anprobieren. Die Hose paßt ja." Bading nimmt das Kleidungsstück vorsichtig vom Bügel und hält es Jakob weit geöffnet entgegen.
    Jakob dreht sich um und führt, vorsichtig, um die provisorischen Nähte nicht zu zerreißen, mit den Händen in die Ärmel. "Wird bis morgen alles fertig?", fragt er.
    Auch Schleh ist inzwischen in die Werkstatt gekommen und an den Dampfbügler getreten. Er nimmt eine Uniformhose von einem großen Haufen gleichartiger Hosen, legt sie auf das blanke Metall und klappt die obere Bügelfläche herunter. Es zischt leise, Dampf quillt zwischen den blanken Metallplatten hervor, es riecht streng nach feuchtem Stoff. Der junge Knöring hat sich an der Werkbank beim Fenster einen dicken Stapel Tuch genommen und schneidet mit einer riesigen Schere die aufgezeichneten Kreidelinien nach.
    Bading tritt prüfend vor Jakob hin und zieht in kleinen Rucken das Jackett zurecht. Jakob, um der plötzlichen Nähe von Badings Gesicht auszuweichen, schaut hinüber zum Fenster. Draußen werden die Schatten lang
    "Für wann ist der Termin angesetzt?", fragt der Schniedermeister. Er hat eine blaue Kreide genommen, hebt Jakobs Arm und zieht Linien zwischen Brust und Achsel.
    "Montag um sieben Uhr. Das Gerüst ist bereits fertig. Ich war gerade drüben. An der Grube", antwortet Jakob.
    "In drei Tagen schon", murmelt Bading leise in sich hinein.
    "Der Anzug braucht nicht perfekt zu sitzen", sagt Jakob. "Man wird keinen Blick für eventuelle Falten haben." Er schweigt. Alle schweigen.
    "Ich weiß", sagt endlich der alte Bading. Er schaut starr auf Jakobs Brust. "Wichtig ist eigentlich nur, daß der Anzug rechtzeitig fertig wird. Doch ich kann nun einmal nicht aus meiner Haut. Selbst in diesem Fall nicht. Was ich mache, muß sitzen."
    "Ich brauche noch zwei Assistenten", sagt Jakob, nun beide Arme nach Weisung des Schneiders erhoben. "Der Militärgouverneur hat mir freie Hand gegeben. Alles muß von uns Ortsansässigen vollzogen werden. Kein Soldat wird Hand anlegen. Ich dachte da an ihre beiden Gesellen. Kräftige Leute, falls einer sich sträuben sollte. Es gäbe auch Extrarationen hinterher."
    Bading antwortet lange nicht. "Das müssen Sie mit den beiden ausmachen", sagt er schließlich. Er spricht jetzt undeutlich, mit einer Reihe von Nadeln zwischen den Zähnen. Er steckt damit Korrekturen am Rücken ab.
    "Eine Weigerung würde wahrscheinlich Gefängnis bedeuten", sagt Jakob, halb über die Schulter zum Meister hin, halb zu den Gesellen.
    "Das können Sie den beiden doch nicht zumuten. Schließlich ist ein früherer Geselle dabei", sagt der Meister. Er kniet sich hinter Jakob hin und nestelt am unteren Saum des Jacketts.
    "Ich werd's mir überlegen", sagt Jakob
    "Außerdem, was, wenn der Waldemar mit einem blauen Auge zurückkommt von seinem Kampf? Er kann sich doch da nicht mit einem zerschlagenen Gesicht raufstellen. Das wäre würdelos. Sonst könnten Sie ihre Aufgabe ja auch in alten Hosen und einem Regenmatel erledigen."
    "Ich sagte bereits, ich überlege es mir", erwidert Jakob barsch.
    "Mach doch mal Licht", schnauzt Bading den Altgesellen an. "Ich sehe gar nicht mehr, was ich da abstecke."
    Schleh geht schweigend zur Türe und schaltet das Licht ein. Hell flutet es über die Werkbänke und Nähmaschinen. Er schaut Jakob an. "Mit meinem Arm wäre ich keine Hilfe. Ich kann kaum greifen damit", sagt er.
    "Ich werde sehen, ob ich, statt euch beide, zwei geeignete Pfleger aus der Anstalt verpflichten kann", sagt Jakob. "Es ist vielleicht auch besser, wenn niemand die Brandwunde sieht. Man könnte sonst auf Gedanken kommen."
    "Da war keine Tätowierung, wenn Sie das meinen", nuschelt Schleh. "Es ist nur eine Brandblase. Hier vom Bügler."
    "Wir sind fertig", sagt Bading, er atmet tief aus dabei. "Sie dürfen die Jacke jetzt ausziehen. Morgen früh können sie den Anzug abholen."
    "Wann genau?", fragt Jakob.
    "Um zehn Uhr", antwortet Bading. Er hängt die Jacke wieder auf den Bügel.
    Jakob verabschiedet sich. Sein Gruß wird von vagem Gemurmle erwidert. Keiner der Männer sieht von seiner Arbeit auf. Er steigt die Treppe hinunter, durchquert den kleinen Vorbau und geht ums Haus. Zehn Uhr. Dann hat er vorher noch Zeit, drüben an der Grube zu schauen, ob die Seile und der Sandsack geliefert wurden, für die Erprobung der Falltüre.
    Draußen ist es Abend geworden. Das Firmament wölbt sich unglaublich hoch und klar und wird im Westen von den letzten Strahlen der untergegangenen Sonne verwandelt. Purpurn leuchtet der Himmel im Westen. Wolkenbänder hängen, wie aus Blei gegossen, im Zenit. Jakob geht ums Haus, zurück zur Straße. Durch die Stille röchelt das Abrohr des Dampfbüglers.

  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
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    21

    Post Adams Hände

    Vorgabe: (Eine vierte wäre möglich: Eva spannt Adam Lilith aus, legt los mit Sex und Kinderlein, und Lilith wird aus Wut - ein neuer Mann ist nicht greifbar - zum Dämon. Ein Gleichnis der "hochgeistigen" Frau, der eine "animalische" den Kerl ausspannt, indem sie ihn zum Vater macht.)


    aus: Adams Hände


    Lillian = Hüften


    Chicago, 1953




    Das Erbrechen kam schnell und ließ sie bleich und verschwitzt auf den grünlichen Kacheln des Badezimmers zurück.
    Sie lehnte ihre Stirn gegen das weiße Porzellan und fühlte, wie die Kälte durch ihre Schienbeine kroch. Ausgestülpt.
    Es war keine Überraschung gewesen. Nur die banale Brutalität einer gelblich-braun verschmierten Binde am Fußende ihres Bettes. Seines Bettes.
    Sie ging die Treppe hinunter mit der Behutsamkeit eines langjährigen Trinkers. Setzte sich auf die Couch, ohne sich die Mühe zu machen, das Licht anzuschalten. Jeden optischen Eindruck hätte sie als unwillkommene Ablenkung empfunden. Dann saß sie still und starrte in den dunklen Raum.
    In ihrem Kopf waren keine Gedanken, eher ein tiefer, lang anhaltender Ton. Ihr Puls war flach und schnell, sie hatte ihn gefühlt, ohne sich dessen bewußt zu sein. Kalter Schweiß, die Haut wird blaß sein und die Lippen bläulich. Schock, dachte sie, ich befinde mich im Schock. Die Reaktion meiner Pupillen ist verlangsamt.
    Aber sie hatte nicht die Energie, aufzustehen und einen Spiegel zu suchen, um sich Gewißheit zu verschaffen. Ich sollte die Beine hochlegen, es ist kein schlechter Tod, dachte sie, noch ist mir nicht kalt, aber meine Augen brennen. Warum auch nicht.
    Das Schluchzen kam erst später, Tränen nie.


    "Wer ist sie?" Nur sein Atmen verriet ihr, da? die Verbindung noch stand. So lang war sein Schweigen.
    Wie eine Ratte im Institut, dachte er, ausgebreitet auf weißem Marmor. Die gleiche Stimme.
    "Evelyn Liebknecht." Seine Worte hatten keinen Klang.
    Sie brauchte einen Augenblick, um sich das passende Gesicht ins Gedächtnis zu rufen. "Viertes Semester, Biologie und Chemie? Der Calvin-Zyklus?"
    "Sie ist schwanger, Lilli." Draußen fuhr ein Auto vorbei. Sie konnte die Musik in seinem Radio hören, Bess, you is my woman now. Gershwin. Ich werde nie wieder Gershwin hören, ohne daran zu denken, dachte sie. Ich habe Gershwin geliebt.
    "Es tut mir leid."


    Es waren ihre Hände, nicht der Schmerz. Die Hände, die so unkontrollierbar zitterten, ich habe das bei Parkinson-Patienten im Endstadium gesehen, dachte sie, mein Gott, so fühlt es sich an. Wer zwingt ihnen diesen Willen auf. Ich habe sie seziert und es nicht begriffen.
    Das Wimmern. Bin das ich? Ich löse mich auf.
    Sie hielt die Hände unter den Achseln versteckt, wiegend.




    Ich werde nicht Nichts sein. Nicht für ein paar breitere Hüften. Ich werde diesen Geist nicht zersetzen lassen durch junges Fleisch.


    Als das Zittern vorüber war, ersetzte sie die Stille durch Brahms. Symphonie N0. 1 c-moll op.68.
    "Du bist der Beweis, daß man sein Leben denken kann", hatte er gesagt.
    Aber heißt Denken weniger Fühlen, Evelyn mit Ypsilon? Kannst Du in Deinem trächtigen Glück verstehen, was diese Musik Dir sagen will? Wenn Du noch nicht mal den Calvin-Zyklus begreifst? Kannst Du es?
    Diesen Mut, einen solchen Anfang zu wagen, der keine Steigerung kennt.
    Diese poetische Wucht.
    Du wirst diese Musik nie wieder hören, Adam, dachte sie. Du hast sie nie begriffen. Ersetze sie. Ersetze sie durch Gute-Nacht-Lieder. Gib sie hin für einen feuchten Glanz in ihren Augen und sieh zu, wie Du gl?cklich wirst.
    Glaubst Du wirklich, Du w?rdest Dich nicht langweilen zwischen ihren Schenkeln, wenn die erste Geilheit sich legt?
    Wie klein Du bist. Sie lachte, den Kopf zu weit in den Nacken gelegt.
    Auch ihren Blick hätte sie diagnostizieren können: bipolare affektive Störung.
    Ein manischer Schub.
    Jetzt, da er von ihrem eigenen Körper Besitz ergriffen hatte, hätte sie ihm andere Namen geben können, ältere.




    Dann ging sie nach oben, um ihren Koffer zu packen. Ihre Schritte fühlten sich steif und ungelenk an, als laufe sie auf trügerischem Grund. Sogar die einfachsten Dinge hatten ihre Selbstverständlichkeit verloren. Eine Implosion, dachte sie, die Zerstörung nach innen gerichtet.
    Mit welchem Recht.
    Ich bin allein im Haus Deiner Mutter. Alles, was Dich hält auf der Welt, außer Deinem Atem und einem Job, dessen Höhepunkt Du überschritten hast, alles ist hier. Deine Photos als Staffelsieger im Einer-Kanu. Deine Urkunden. Die gebürsteten Chinzkissen. Du hast diese Streifen geliebt, wenn Edna sie frisch gebürstet hatte, nicht ich. Dich vorsichtig auf den anderen Sessel gesetzt und die Kissen angesehen. Das war Deine Sicherheit. Sie riechen nach Deinen Zigarren und Staub.
    Sie sind so schutzlos, wie ich es war.
    Ich könnte sie Dir nehmen. Aber ich lasse Dir ihren Verfall. Soll das Baby darauf kotzen.


    Der Koffer, den sie nach unten trug, war leer.
    Nicht Menschen, nicht Dinge.


    Assoziationen: Puls und Streifen.
    Und eine dritte mögliche Vorgabe: hat jemand Lust, die Geschichte aus der Sicht eines Adams zu schreiben - verheiratet und schwangere Freundin, in egal welchem Stil oder Kontext, mit welchem Link auch immer?


    Liebe Grüße, it

  22. #22
    howah
    Status: ungeklärt

    AW: Hyperfiction

    Liebe It,
    die Asso-Wörter brauchen wir, weil diese Hyperfiction eben nun einmal so angelegt ist.
    Aber das können wir auch ?ndern, und jeder schreibt auf ein Wort, das ihm gefällt - aber wozu brauchen wir dann überhaupt Assoziationen, bzw. überhaupt eine Hyperfiction?

    Heute kam "Lilian" noch einmal per Mail. Ohne einen Hinweis auf geänderte Stellen, aber wieder mit dem blutigen Lappen. Auch wenn Du bei "Eltern" festgestellt hast., es gebe bei Schwangerschaften Zwischenblutungen, das greift einfach nicht. Meist - ich habe eine "Eltern"-Redakteurin gefragt - gibt's dann eine Fehlgeburt, wenn dabei ein "blutiger Lappen" mengenmäßig herauskommt, es also über ein paar Tröpfchen geht.


    Doch zum Procedere: Du hast mir erst Deine Geschichte geschickt und gewünscht, dass ich sie ins Forum stelle; das war mir eigentlich nicht recht, aber ich wollte es Dir zu Gefallen halt dann so machen. Wir besprachen Änderungen, ich habe Deinen Beitrag redigiert und zum Posten fertig gemacht. Aber da hattest Du schon einen neuen Ordner mit "Lilian" eröffnet. Und heute, s.o., kommt sie wieder per Mail...


    Wie gesagt, das kann ich nicht leisten, da bin ich echt überfordert. Es bleibt dabei:


    Ein für H. angebotener Beitrag wird in den Arbeitsordner und zur Diskussion gestellt. Ich füge meine Vorschläge, da es mit den üblichen Markierungen nicht klappt, mit Kursivschrift ein, andere Vorschläge werden per "Antwort" gemacht. Schließlich macht der Autor aus dem Ganzen den fertigen Beitrag, der in den H.II-Vorordner gestellt wird. Basta. Nicht ganz, wenn der Autor noch schwerwiedende Änderungen später vornehmen will, können wir das Ganze wieder aus Vor- oder Gesamttext-Ornder rausholen, und das Ganze nochmals anfangen.


    Jedenfalls, weil Du zu Recht meinst, dass Manches auch mal etwas "abhängen" muss, bleibt der Beitrag im Arbeitsordner, bis der Autor ihn verlegt!


    Ich eröffne jetzt einen ArbeitsordnerII, nachdem aero nicht reagiert, und bitte Dich, die Mail-Fassung dort hineinzustellen.


    Ganz schöne Sonntagsgrüße, Howah

  23. #23
    howah
    Status: ungeklärt

    AW: Hyperfiction

    Offensichtlich ist es notwendig, mich post mortem noch des penetranten Vorwurfes des "Chaos" zu erwehren, den It schon refrainartig in jeder Zuschrift singt:


    1. Ganz prinzipiell ist eine H. im Gegensatz zu einem Buch (lineare Literatur) "chaotisch"; das ist der Witz daran. Der Leser wird nicht von Seite zu Seite geführt. Er linkt sich nach eigenem Gusto durch, lässt sich überraschen. .
    2. Das "Chaos" wird durch eine bestimmte Formatierung gebändigt, überschaubar gemacht. Diese stand mir nicht zu Verfügung; hätte ich sie eines Tages bekommen, wäre es für mich ein Leichtes gewesen, die vorhandene H. darin einzu"Ordnen"(!).
    3. Zur Übersicht habe ich einen provisorischen Strukturbaum gemacht, der jeweils zweierlei Verbindungen aufzeigte. It und aero wollen nun einen anderen Strukturbaum machen und haben außerdem die Texte in Haupt- und Untertexte aufgeteilt Das geht auf die Kapitelaufteilung eines Buches zu, und hat nichts mehr mit H. zu tun. It bemängelte, dass keine Autorenangaben im Strukturbaum aufschienen: er war, wie gesagt, provisorisch. In der Endform hätte es selbstverständlich auch eine Liste der Beiträge mit Autoren gegeben - genau gesagt gab es die immer, die aktuelle habe ich Doderer zukommen lassen. Dass im "Gesamttext" die Autorennamen fehlen, ist nicht meine Sache, ich habe diesen Ordner nicht gemacht und konnte darin nicht redigieren.
    4. Eine H., schließlich, muss immer als Versuch entstehen, will man nicht vorhandene einfach kopieren. Wenn der Versuchscharakter schon zu Anfang - diese H. hat 14 - VIERZEHN! - Beiträge in die von It gewünschte Ordnung presst, geht der Versuchscharakter verloren.


    Liebe It, ich bin keinesfalls für eine Weile mit mir selbst beschäftigt, wie Du glaubtest feststellen zu müssen, ich übergebe. Mache jetzt mal die Ordnung, die Du Dir vorstellst - wie die ausschauen soll, hast Du ja leider nie definiert. Howah

  24. #24
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Hyperfiction

    Zusatz: Zu den Haupt- und Untertexten gesellen sich querschießende Verbindungen, die dann Deiner Vorstellung von H. - übrigens mit meiner kompatibel - nahekommt.


    Der bislang aufgezeigte Strukturbaum entspricht, vage, der Dichotomie unseres Denkens. Leider kann ich nicht sonderlich vernetzt denken, muß mich immer mühsam von Strukturast zu Strukturast hangeln, also benötige ich eine beiterminierte Referenz. Diese ist jetzt gegeben. Was allerdings auch nicht heißen mag, daß der Baum vollständig oder für andere zufriedenstellend sein kann.


    Aber ich bin ja nicht der Einzige, der hier schreibt und denkt, oda (um den Gefiederten zu zitieren)?

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hyperfiction

    Howah, ich muß mich entschuldigen. Meine Bemerkungen waren nie als persönliche Kritik an Dir gedacht (wobei ich es, nach genauerem Nachdenken, verstehen kann, daß Du sie als solche auffasst).
    War aber so nicht gedacht, und es tut mir leid.
    Alles, woran mir lag, waren die "Bälle". Die werde ich jetzt ausdrucken und mir an die Wand hängen, und dann zusehen, daß daraus Texte werden, mehr nicht.
    Ansonsten werde ich meinen Mund halten.
    Nochmal: entschuldigung. it

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