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Thema: Belladonna

  1. #1
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    Belladonna

    Dunkelmondmelancholie
    unter die Haut
    geschlüpfte
    Nacht

    im Lichtkegel
    synchronisierter Sterne
    überblühst du im Dreivierteltakt
    deinen eigenen Zerfall

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Belladonna

    Ich kann hier drei Beziehungsebenen fixieren:
    1. die zwischen dem Dunkelmond (Neumond) und einem lyrischen Du;
    2. die zwischen einem nicht näher spezifizierten Synchronisator (Demiurg? resp. jemandem, der Dinge gern steuert?) und dem Objekt der Begierde (Sternen) und
    3. zwischen einem abstrakt bleibendem lyrischen Sprecher, der offenbar Walzer tanzen will, und dem vom lyrischen Sprecher betrachteten lyrischen Du, das in der Bewegung zerfällt.

    Dies konstatierend, muß ich fragen, wie sich Synchronisation mit Zerfall vertragen? Oder ist das das Thema des kleinen Textes?
    Wie die Überschrift (Schöne Frau) dann hier noch hineinpaßt, bleibt der Phantasie überlassen. Vielleicht entsteht Schönheit erst in dieser Spannung aus (harmonischer) Anordnung, Bewegung und Zerfallsangst. Das mag schon sein.

    Halte diesen Text für einen Deiner besseren, denn er regt mich an.

  3. #3
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Belladonna

    Ich wurde von einer wahren Belladonna zu diesem Text inspiriert. Von einer Frau Ende sechzig, die alles überstrahlt. Ob immer noch, oder gerade weil...das weiß ich nicht - aber ich weiß, dass Haltung (geistige wie körperliche), Ausstrahlung, Charme, Humor, Attraktivität, Bildung und Lebenserfahrung in Summe ein Paket schnüren, das nur schwer zu übertreffen ist - und das über alle Altersklassen hinweg. Erst im Zusammenspiel all dieser Attribute...wird eine gepflegte, eine schöne, eine gebildete, eine charmante Frau zur Belladonna.

    Ich schreibe das.. als jemand, der um viele Jahre jünger ist - der sich diese Frau in Abwesenheit von Instinkten und aus einer emotionalen Unbefangenheit heraus "betrachtete".

    Darum "Synchronisation". Ein einzelner Stern wirft kein Licht, er ist lediglich als Licht für uns sichtbar - mal mehr, mal weniger...abhängig von verschiedensten Konstellationen. Ob diese Frau zu ihrer Schönheit erst reifen musste...oder sie diese "nur" alle Zeiten überdauernd konservieren konnte, da kann ich nur spekulieren. Aber eins war mir gleich klar; würden nicht all diese "Sterne" zur gleichen Zeit und im gleichen Maße leuchten, könnte diese Frau nicht aus dem Schatten heraus und in einem Lichtkegel tanzen.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Belladonna

    Die letzten zwei Zeilen gefallen mir sehr, fast habe ich den Eindruck, das war der ursprüngliche „Einfall“, das was in den Sinn kam beim Zuschauen, beim Betrachten der alternden Tänzerin. Davon will der ganze Text leben. Und er lebt davon in der Tat.

    „Dunkelmondmelancholie“ ist auf den ersten Blick nicht einleuchtend… Dunkelmond… also kein heller Mond, ein Mond, der ist, aber nicht leuchtet („…und ist doch rund und schön…“). Neumond also. Mond und Melancholie finden sich oft zusammen in lyrischen Texten und der Viel-Leser nickt dazu, auch wenn er hier (noch) nicht begreift wozu das Wort hier steht. Am Ende erst, ja das war mal hell, mit Zukunft und leuchtend, in voller Blüte (um ein anders Bild zu bemühen) die Belladonna, als sie noch Primabellarina war, jung und strahlend. Und bei dem Gedanken mußte ich lächeln. Ja. Passt. Sie war Tänzerin, das trägt sie mit sich und macht sie mit zu dem, was sie heute ist: Eine schöne Frau.
    Sähe man sie allerdings ungeschminkt, nackt gar, könnte man unter ihre Haut sehen, in sie blicken, sie durchschauen: Nacht breitet sich aus, der Tag, die Party geht zu Ende.

    Ist in der ersten Strophe alles dunkel, melancholisch, wird es in der zweiten dann blendend hell, und es wird technisch. Der Leser schüttelt sich beim Lesen der ersten beiden Verse. Da werden Sterne zu einem Lichtkegel „synchronisiert“, das hat mit Sternenhimmel nichts zu tun, da waltet der Beleuchter, der könnte auch mit Kerzen Lichtkegel zaubern. Aber der Zuschauer merkt, dass hier etwas geschieht, hier beim Dreivierteltakt, bei dem einfachsten Tanz überhaupt: Ein ‚Überblühen‘ ein, vielleicht letztes, Aufleuchten. Auch Menschen kennen ihre Supernova.

    Der Text wird verständlicher durch deine Erläuterung, kein Frage. Frage ist, warum braucht der Text dieses Beiwerk. Die Versuchung ist immer groß, dem Leser auf die Sprünge zu helfen. Aber einmal zu Papier gebracht muss der Text für sich alleine sprechen. Oder muss zurück in die Schublade. Wenn man das, was zu sagen ist, besser in Prosa aufgehoben ist, warum nicht gleich in Prosa schreiben. Drei bis fünftausend Wörter, eine kleine Erzählung.

  5. #5
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Belladonna

    Da stimme ich Dir gerne zu, Lester, ein Autor sollte die Interpretation seines Textes anderen überlassen. Jedoch unabhängig davon...ob es sich um einen kryptischen (gewollt oder ungewollt)...oder um einen Klartext handelt. Erkläre ich einen Text, der von verschiedenen Lesern unterschiedlich interpretiert wird, verpulverisieren sich alle Interpretationen...die meiner widersprechen. Es ist eine Art Raub. Belladonna ist für mich persönlich mehr Skizze als Gedicht...weshalb es für mich dann auch sehr interessant ist zu erfahren...ob ich das Bild einigermaßen getroffen habe.

    Ich danke dir auf jeden Fall, dass Du mich wissen lässt...wie das Gedicht bei dir ankommt - Du mir auch sagst was dir nicht so gefällt, oder was ich hätte besser machen können...wie z.B.

    Der Leser schüttelt sich beim Lesen der ersten beiden Verse. Da werden Sterne zu einem Lichtkegel „synchronisiert“, das hat mit Sternenhimmel nichts zu tun, da waltet der Beleuchter, der könnte auch mit Kerzen Lichtkegel zaubern
    Das sind für mich wertvolle Informationen...die ich irgendwo im Hinterstübchen auch behalte...damit ich sie...falls gefragt...abrufen kann. Das heißt nicht, dass ich es beim nächsten Mal anders oder besser mache...aber es fließt zumindest in die Betrachtung mit ein.

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