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Thema: Sinnkrise

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Question Sinnkrise

    es ist schon merkwürdig - im Augenblick fallen mir zwar genug Geschichten ein, aber keine scheint es wert geschrieben zu werden. Mir ist klar, wenn ich fleissig bin, kann ich in den nächsten 5 Jahren sicher ein Buch machen. Aber ich würde damit in der Kreisliga bleiben. So wie ich jetzt schreibe, käme ich nie in die 2. Bundesliga, geschweige denn in die 1.
    Der Schritt der mich davon trennt, ist nicht groß, aber entscheidend. Es ist wie in der Kunst, es gibt genug Künstler, die im unteren Drittel herumkrebsen. Sogar davon Leben können. Der Unterschied zu den Großen = die sind ihre Kunst und keine Bastler. Wenn ich diesen Schritt nicht schaffe - innerlich, werde ich nicht mehr schreiben. Oder vielleicht doch mal zum Spaß. Aber ich bemerke, daß mir das innere Wissen um die Verschmelzung von Form und Inhalt fehlt. Ich suche noch. In Gedanken schreibe ich ununterbrochen. Aber verwerfe alles wieder. Diese Entwicklung hat nichts mit Handwerk und Übung zu tun, es ist ein Denkprozess, ein sich in seinem Schreiben finden. Das will ich, aber im Augenblick bemerke ich die Grenze sehr deutlich. Und ich bin nicht so geil darauf, mich nur mal gedruckt zu sehen, dass mir dies reichen würde. Ich will mein Schreiben sein. Eine Einheit. Nur eine Stufe - die aber einen geschickten routinierten Schreiber von einem wirklichen Autor unterscheidet. Das Echte muss nicht einmal besser geschrieben sein (technisch). Es lässt einfach nur eine neue Welt sehen. Die geschickten Schreiber können durchaus unterhaltsamer, brillanter sein. Sind aber nicht echt.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb AW: Sinnkrise

    Frage Dich nach Deinem Thema! Jeder Mensch hat einen geheimen Punkt,um den sich sein Leben dreht. Wenn Du den umkreisen willst, dann mußt Du nur noch die Dir adäquate Form suchen, wiewohl ich glaube, daß dieser Punkt selbst Form ist.


    Bevor ich Dir sinnarme Ratschlagge gebe, hier genug. Nur eines noch: Künstler haben Drang zur Form, Handwerker zum GUTAUSSEHEN.


    Komm mal nach Magdeburg und laß Dich bequatschen, meine Liebe!

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    Exclamation AW: Sinnkrise

    Lieber Robert, das hast Du sehr gut gesagt:
    Künstler haben Drang zur Form, Handwerker zum GUTAUSSEHEN.
    Das genau ist es.

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sinnkrise

    Liebe Kyra, ich mußte lächeln beim Lesen Deines Beitrags...


    "Es ist wie in der Kunst, es gibt genug Künstler, die im unteren Drittel herumkrebsen."
    Genau das ist mein Thema. Die Verteidigung "unteren Drittels", nicht nur in der Kunst.
    Ich weiß genau, was ich darüber sagen will und warum. Nur nicht, wie es rüberkommen soll. Das ist meine Sinnkrise.

    Zefira

    (im Moment windstill)

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sinnkrise

    Du willst perfekt sein und Du suchst die Einheit mit Deiner Schreibe, die Echtheit, Dich! Aber beides zusammen geht nicht, denn niemand ist perfekt. Das macht uns individuell.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinnkrise

    Hallo Zefira,


    Du schriebst:
    Die Verteidigung "unteren Drittels", nicht nur in der Kunst.


    Ich bin wirklich für die Schwachen. Grosse Mutter und so. Aber bei der Kunst bin ich hart. Ich habe noch nicht einmal was gegen das untere Drittel, aber ich will nicht dazu gehören. Die haben auch manchmal gute Ansätze, aber dann kommen sie manchmal zu schnell voran und versinken wieder. Oder sie werden gefällig um zu überleben. Es geht hierbei nicht um junge Künstler, die müssen sich immer nach oben durchbeissen, und nicht alles, was ober ist, ist gut. Aber es setzt sehr viel Intensität voraus. Und Du musst wirklich in Deiner Zeit in Deinem Leben sein. Es hat viel mehr mit Identität zu tun, als mit basteln. Und sich trauen, sich zu entblößen, nicht nur provokativ, sondern auch langweilig, tief und langsam. Ich habe genug mit Künstlern zu tun, diejenigen, die weiter kommen, leben sie. Das sind aber nicht unbedingt diejenigen die ununterbrochen darüber reden. Rednen tun sie meist über das Alltägliche, aber sie saugen alles in sich auf. Jedes Ereignis, jede Kleinigkeit. Je besser sie sind, um so besser teilen sie das Jetzt mit. Darum werden sie dann später historisch wichtig, weil sie ihre eigene Zeit widerspiegeln - in allen Facetten. Die Mittelmäßigen versuchen das zu konstruieren. Aber der Unterschied ist fühlbar. Natürlich hat Intelligenz auch was damit zu tun. Ein wenig intelligenter Künstler kann keine kluge Kunst machen. Es ist aber eine bestimmte Intelligenz, eine die Zusammenhänge erkennt, die nicht ofennsichtlich sind. Den Geruch einer Zeit, den Geschmack (den auf der Zunge), den Puls.....

    Hallo Philo


    Du schriebst:


    Du willst perfekt sein und Du suchst die Einheit mit Deiner Schreibe, die Echtheit, Dich!


    das ist richtig. Aber ich suche nicht mich, sondern die Form um das "mich" mitzuteilen.


    Aber beides zusammen geht nicht, denn niemand ist perfekt. Das macht uns individuell.


    Das hat nichts mit perfekt zu tun. Beuys war nicht perfekt und Malewitsch auch nicht, auch Proust und Balzac nicht. Sie waren intensiv. Alle hatten auch schlechte Stellen, selbst Kafka . Ein guter Autor, ein guter Künstler kann sich ganz ausleeren - und füllt sich wieder. Sein Blick verdichtet.




    Suchen verkrampft... laß los und Du wirst Dich finden!


    Ich suche nicht verkrampft, ich lote aus, ob ich die Kapazitäten habe. Das muss ich mit mir selber ausmachen. Ich muss es fühlen. Es nützt mir nichts, wenn 20 Leute sagen, Du schreibst doch schon ganz schön. Das glaube ich auch. Aber es geht mir um das Wirkliche, das Echte. In mir habe ich es. Ich suche die Form. Meine Form, wie Robert schon sagte, die dem Inhalt entspricht, die der Inhalt selber ist. Die Einheit. Und das ist nicht unmöglich. Ich denke das ist sogar richtig (für mich) ich habe jetzt 1 Jahr lang Geschichten erzählt, und könnte genauso weitermachen. Hätte, bei guter Betreuung, wahrscheinlich auch nach einiger Zeit gewisse Erfolge. Aber das reicht MIR nicht. Ich will die Welt entdecken und erobern. Meine Welt. Und sie Euch zeigen. Es ist nicht verkrampft, aber es ist wie Liebe.





    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 07. April 2002 editiert.]

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sinnkrise

    hallo kyra,


    einiges von dem was du sagst kann ich nachvollziehn, anderes nicht. zunächst mal meinte ich herauszuhören, dass unterhaltung und kunst für dich nicht zusammenpassen? wenn nicht, sorry. aber das ist ja auch nicht das thema.


    ich kann das gut nachvollziehen, dass du nämlich zweifelst, zweifel ist gut. nur, aus diesem zweifel den schluss zu ziehen, ich schreibe nicht mehr, halte ich für unsinnig. wer hat denn entschieden, dass kafka oder ähnliche ein grosser künstler waren, doch nicht sie selbst, sondern andere. sie haben einfach gesucht nach ihrem schreiben, genau wie du, und: sie haben geschrieben. willst du eine garantie, dass das was du tust, im schreiben UND im leben, gut ist? die gibt es nicht. die gab es für keinen, zu keiner zeit, auch nicht für die "grossen".


    also: suche, schreibe, zweifle, suche, schreibe...


    es kann nicht negativ sein.


    liebe grüße
    tt
    der auch zur zeit nichts zu papier bringt

  8. #8
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sinnkrise

    Vielleicht geht das hier jetzt am Thema vorbei, und vielleicht werde ich auch gleich geteert und gefedert hier hinausgeschmissen.
    Ich habe mein ganzes Leben in einer Gegend verbracht, wo große Kunst es unglaublich schwer hat. Ich erkenne (hoffentlich, meistens) große Kunst, wenn ich sie sehe, und würdige sie. Aber die kleine ist genauso wichtig. Es gibt keinen großen Pianisten ohne unzählige kleine, die, wie ich, zwei Monate lang üben müssen, um Schumanns Träumerei herunterstümpern zu können. Es gibt keinen Moliere ohne Liebhaberbühnen (ich sah erst kürzlich eine herrlich unvollkommene Aufführung von Frischs "Chinesischer Mauer") und keinen Flaubert ohne Charles Bovary. Genau gesagt: es gibt keine große Kunst ohne das unermüdliche Bemühen und Scheitern in der unteren Garde.
    Damit will ich nicht sagen, daß ich ewig in dieser Garde verharren möchte. Nur, daß sie mehr verdient als belächelt zu werden. Und daß es keine Schande sein sollte, zu bekennen, daß man dort herkommt und womöglich nie richtig herauskommen wird. Das ist für mich kein Grund, aufzuhören. Es hat seine eigene Existenzberechtigung, nicht nur als "Wollen und nicht können", sondern als eigene Ausformung. Einfach eine Nummer kleiner. Immer noch besser als gar nichts.


    Du magst doch gute Filme, Kyra, kennst Du "Shine"? War erst kürzlich wieder im ARD-Nachtprogramm zu sehen. Es gibt da eine Szene zwischen dem großen Pianisten und einer kleinen - wie nennt man das? Tanzklavierspielerin? -, die mich sehr gerührt hat... Sie haut da begeistert ihre Tanzrhythmen in die Tasten, und er sitzt ebenso begeistert daneben und ruft "Gut, sehr gut, sehr gute linke Hand!"... herrlich.

  9. #9
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    AW: Sinnkrise

    Nein, Zefira, Du wirst nicht gesteinigt...in einem anderen Ordner (auch aus orbis vitalis, schon länger her) "Das schlechte Buch", habe ich genau in diesem Sinne Kleist zitiert, aber will ich das für mich? Es ist eher das Gefühl, eine Melodie zu hören, in seinem Inneren, und wenn man sie singen will, kommt nur ein Gekrächze heraus, nur einige Töne stimmen. Aber tt hat auch recht, zweifeln und weitermachen...hier das Kleist Zitat, was ich damals durchaus in Deinem Sinne verwendet habe.:


    Ein Satz aus der höheren Kritik


    erstellt von H.v. Kleist


    Es gehört mehr Genie dazu, ein mittelmäßiges Kunstwerk zu würdigen, als ein vortreffliches. Schönheit und Wahrheit leuchten der menschlichen Natur in der allerersten Instanz ein; und so wie die erhabensten Sätze am leichtesten zu verstehen sind (nur das Minutiöse ist schwer zu begreifen), so gefällt das Schöne leicht; nur das Mangelhafte und Manierierte genießt sich mit Mühe. In einem trefflichen Kunstwerk ist das Schöne so rein enthalten, daß es jedem gesunden Auffassungsvermögen, als solchem, in die Sinne springt; im Mittelmäßigen hingegen ist es mit so viel Zufälligem oder wohl gar Widersprechendem vermischt, daß ein weit schärferes Urteil, eine zartere Empfindung, und eine geübtere und lebhaftere Imagination, kurz mehr Genie dazu gehört, um es davon zu säubern. Daher sind auch über vorzügliche Werke die Meinungen niemals geteilt (die Trennung die Leidenschaft hineinbringt, erwäge ich hier nicht); nur über solche, die es nicht ganz sind, streitet und zankt man sich. Wie rührend ist die Erfindung in manchem Gedicht: nur durch Sprache, Bilder und Wendungen so entstellt, daß man oft unfehlbares Sensorium haben muß, um es zu entdecken.


    Alles dies ist so wahr, daß der Gedanke zu unseren vollkommensten Kunstwerken (z.B. eines großen Teils des Shakespeareschen) bei der Lektüre schlechter, der Vergessenheit ganz übergebener Broschüren und Scharteken entstanden ist.


    Wer also Schiller und Goethe lobt, der gibt mir dadurch noch gar nicht, wie er glaubt, den Beweis eines vorzüglichen und außerordentlichen Schönheitssinnes; wer aber mit Gellert und Cronegk hie und da zufrieden ist, der läßt mich, wenn er nur sonst in einer Rede recht hat, vermuten, daß er Verstand und Empfindungen, und zwar beide in einem seltenen Grade besitzt.
    das bezieht sich natürlich nicht auf die zeitgenössische Kunst. Die wird von kaum einem als schön empfunden. Renoir, Monet usw. wurden bei ihren ersten Ausstellungen bespuckt (wörtlich) und die Bilder als abartig hässlich empfunden. Heute hängen sie in jedem Postershop. Das Empfinden für Schönheit hinkt bei der Kunst immer viele Jahre hinterher. Siehe Damian Hirst, Pippilotti Rist usw.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinnkrise

    Original erstellt von Robert:
    Frage Dich nach Deinem Thema! Jeder Mensch hat einen geheimen Punkt, um den sich sein Leben dreht...

    endlich. leise berührt.


    Mr. Jones

  11. #11
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sinnkrise

    Ich hätte mich nicht in diesem Ordner gemeldet, wenn nicht tatsächlich dieser Konflikt "mein Punkt" wäre, das Hauptthema meines ganzen Schreibens: die Mittelmäßigen, die Genie vergeblich anstreben, die Genie nicht erkennen, womöglich in sich selbst sogar bekämpfen, und (mein Lieblingsthema) an denen Interessantes unbemerkt vorbeirauscht. Siehe Dagmar in Loch Ness.


    Und, Kyra: Dein Beispiel mit dem Gekrächze, wo man eine schöne Melodie singen möchte (und innerlich auch genau weiß, wie es klingen soll) ist sehr treffend. Trotzdem finde ich es fruchtbarer, selbst zu krächzen, als immer nur Belcanto-CDs zu hören. (Schließlich schult es auch das eigene Gehör.)
    In diesem Sinne, krächzen wir weiter...


    Zefira

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Sinnkrise

    Mittelmaß, veredelt Sophrosyne, das Maß finden zwischen den Extremen, das ist Lebenskunst, Ziel alles philosophischen Wollens. Will heißen, ein Maß zu finden zwischen den Tälern der Lust und den Höhen des gottgleichen Strebens, sich empor zu schwingen zu Gott, sich herabfallen zu lassen zur Materie, diese vitiöse Verbindung einzugehen und zu wühlen und zu schmatzen. Ja, dazwischen sitzt das Gewöhnliche. Aber wie vom Himmel in die Hölle kommen? Durchmessen, retardierende Momente. Gleichmaß halten und Schritt vorgeben.


    Die meiste Zeit des Künstelns ist MittelMaß.


    Wer dieses Forum aufmerksam liest, der wird feststellen, daß wir genau diese Vermittlung anstreben, darin gleichsam eine ästhetische wie politische Aufgabe sehen.


    Doch ich will mich jetzt nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Es weht ein kalter Wind.

    Drei Anmerkungen aber über Kleist, Goethe und Kafka.

    Kleist mußte so schreiben, denn das, was sein künstlerisches Leben ausmachte, war Ablehnung. Er saß zwischen allen Stühlen und kam nirgendwo mit dem Arsch zur Ruhe. Sein Selbstmord war konsequent, zugleich eine sinnbefreite Tat, denn wir leben nicht nur im erfolglosen Augenblick, sondern immer auch im Kontext anderer Menschen, die uns brauchen, lieben und schätzen - oder verachten.
    Goethe vertrat die Auffassung des künstlerischen Dilettantismus. Er meinte damit wohgl etwas in der Art, wie es Zefira hier zum besten gibt. Aber er meinte auch noch etwas anderes, daß nämlich nur der künstlerisch schaffen dürfe, der etwas mitzuteilen habe. Die Form zu finden, sei dann sein Anspruch. Sie zu finden, kann ihm nur Gewi0ßheit sein. Wer aber schreibt, dichtet, musiziert, bildhauert, malt.,.., weil er es möchte, nicht aber weiß, in welche Richtung er zielt, der kömmt irgendwann zu dem Punkt, den Kyra itzt beschreibt, eine formlose innere Leere. Mittelmaß ist ein Zustand, den jeder Künstler kennt - JEDER.
    Kafkas künstlerisches Selbstbewußtsein war niedrig. Zeitlebens versagte er sich das Künstlerleben, um es nachts auszuleben, immer bis zur Erschöpfung um den perfekten Satz ringend. Tagsüber ging er in seine Versicherung und legte wohl den Kopf auf den Schreibtisch. Ein Schwächling, würde ich heute sagen. Und kurz vor seinem Tode sagte er dem Freunde, er möge alle seine Schriften vernichten - als ob er das nicht selber hätte tun können. Kleist tat es mit Robert Guiskard. Aber Kleist war ein deutscher Dichter, ein Gewaltmensch. Kafka war ein zwischen Juden-, Deutsch- und Tschechentum aufgelöstes postmodernes Menschlein, ein bucklicht Männlein.

  13. #13
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    AW: Sinnkrise

    In diesem Sinne, krächzen wir weiter...


    Ich will aber singen!!!
    Wahrscheinlich ist es richtig, sich diese Gedanken zu machen. Vor 1 Jahr habe ich das erste mal etwas geschrieben. Alles was ich je zu "Papier" gebracht habe, steht in diesem Forum. Ich denke es spricht nicht gegen mich, mehr zu wollen. Ob ich es kann, ist eine andere Frage. Wie Robert schon so richtig sagte, es geht um das Thema, um das sich jedes Leben dreht und tanzt und wirbelt. Diese Melodie zu finden, in Klarheit zu finden und sie auch noch singen zu können......
    mehr will ich ja gar nicht
    Und auch damit stimme ich mit Robert überein, es ist ein Schwingen, zwischen Himmel und Erde, ohne anzuhalten. Eigentlich ist es ganz einfach, ich sitze auf der Schaukel und schwinge, dabei verändert sich die Welt jeden Augenblick. Es ist meine Schaukel und damit meine Perspektive. ABER ICH WILL NICHT NUR KRÄCHZEN!!!
    Von mir aus jubeln, jammern, jodeln, erzählen und wimmern, schreien und singen. Aber nicht Krächzen!
    Ich suche hiermit keinen Trost, ich renne mit Trotz gegen mich und Euch an.

  14. #14
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Sinnkrise

    Kyra, leb mit den Sinnkrisen!

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinnkrise

    Hallo Kyra,


    ein großer Künstler zu sein, habe ich mir schon lange abgeschminkt. Diese Sinnkrise habe ich vor drei Jahren durchlaufen. Nur ganz wenige schaffen es, sich zu jenem glitzernden Stern aufzuschwingen. Wie Robert schon geschrieben hat, halte dich an den Horizont. Der hat auch was schönes. Auch wenn es das Mittelmaß ist. Viele Künstler waren krank. Sei froh, daß du gesund bist, eine gute Beziehung hast und das Leben genießen kannst. Was gibt es mehr. Dieser glitzernde Stern ist nichts. Gib ihn auf und schreib einfach weiter. Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja doch irgendwann mal etwas. Aber das kannst du nur durch harte Arbeit erreichen. Und das heißt Schreiben, schreiben, schreiben. Schau dir meinen Ordner "Die Überführung" an. Der entspricht ganz deinem Thema.


    Viele Grüße von Patina

  16. #16
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    AW: Sinnkrise

    Und alles endet im Postershop: Holzhammerplakate auch noch für den letzten Kunstunverständigen. Über jeder Wohnzimmer-Liegelandschaft die Sonnenblumen des Einohrigen, über jedes Doppelbett das Abendmahl oder, im Krankheitsfall, die Nachtwache. Kunst wird durch die Druckerkunst erst groß, wird viel Große Kunst. Wo pfuit denn da der Teufel?


    Kyra, wenn Du im Schreiben leben willst, dann lebe im Schreiben. Mach! Ich versuche im Leben zu leben, Lebenskünstler, das ist schon schwierig genug.

  17. #17
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    AW: Sinnkrise

    Kyra, leb mit den Sinnkrisen!


    das ist, glaube ich das wirklich abschließende Wort zu dem Thema


    oder das:


    Kyra, wenn Du im Schreiben leben willst, dann lebe im Schreiben. Mach! Ich versuche im Leben zu leben, Lebenskünstler, das ist schon schwierig genug.


    Patina...
    Nur ganz wenige schaffen es, sich zu jenem glitzernden Stern aufzuschwingen.


    aber meine Urgroßmutter hat mir beigebracht, man darf nur untergehen oder triumphieren. Mittelmaß war verboten. Jedenfalls wenn man etwas so eigenes macht wie schreiben, malen, komponieren..... da gibt es keinen anderen, dem man die Schuld zuschieben könnte....
    keinen unfähigen Kameramann, keine schlechten Schauspieler......


    Thänxs






    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 07. April 2002 editiert.]

  18. #18
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    AW: Sinnkrise

    hier ist schon genug kluges verzapft worden, da kann ich kaum mehr was hinzufügen;


    nur eines noch: diese oberliga, die erste reihe in der kunst, da kannste auch absteigen, wenn du drin bist; will sagen, keiner ist immer spitze; und ein gelungenes werk bedeutet, dass das nächste schon scheitern kann; deshalb, auch wenn man mal diese einheit von wollen und sein oder wollen und werk vollbracht hat, heisst das nicht, dass das immer so bleibt;


    that's life, the times they are achangin',


    gruss eule.


    ps: danke für die formulierung 'Künstler haben Drang zur Form, Handwerker zum
    GUTAUSSEHEN. '

  19. #19
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sinnkrise

    'Künstler haben Drang zur Form, Handwerker zum
    GUTAUSSEHEN. '... mit anderen Worten: wenn Du nicht mal in der Lage bist, Dein Werk handwerklich ordentlich hinzubekommen - nenn Dich Künstler! Seltsamerweise sind aber alle wirklich großen Künstler (ob nun Maler, Koch oder Tintenpisser) auch sehr gute "Handwerker"...

  20. #20
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    AW: Sinnkrise

    Seltsamerweise sind aber alle wirklich großen Künstler (ob nun Maler, Koch oder Tintenpisser) auch sehr gute "Handwerker"...


    das stimmt so nicht. Sie ringen um Form und werden dann in ihrem Bereich zu Spezialisten, aber nicht zu guten Handwerkern. Z.B. Klauke mach gute Foto Inszenierungen - zusammen mit einem Fotografen. Er könnte aber sicher kein "ordentliches" Foto machen. Es stünde ihm auch nicht der Sinn danach. Paeffgen hat für seinen Inhalt eine malerische Form gefunden, obwohl er ein erbärmlicher Maler ist. Also er könnte dir nicht mal eben ein hübsches Bild malen, wo alles drauf zu erkennen ist. Er ist aber ein guter Künstler, der seine, sehr persönliche Form für seinen Inhalt gefunden hat. Die lässt sich dann auch nicht imitieren, weil sie mit seinem Inhalt verbunden ist. Gutes Handwerk kann man nachmachen. Wobei ich nichts gehen Handwerk habe. Künstler nehmen sich meist einen winzigen Bereich aus einem Handwerk, den sie zu ihrem Inhalt zusammenfügen. Es gibt, ganz im Gegenteil, sehr begabte z.B. Maler, die aber in eine Beliebigkeit verfallen, weil ihnen alles zu leicht fällt. Z.B. Lüthi früher (in seiner Malerei)

    usw.




    Kyra


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 11. April 2002 editiert.]

  21. #21
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sinnkrise

    Wir landen also bei der Frage "was ist Kunst?" bzw. der Suche nach einer Definition für einen "wirklich großen Künstler".


    Wobei das sicher gerade (wenn auch nicht nur) bei den diversen mehr oder weniger modernen Künsten etwas schwierig ist, zugegeben... um mich zu outen: meist (also: nicht immer) halte ich es in diesem Fall mit Brecht.




    (Ein Freund kam zu ihm und sagte, dass Kunst ist, wenn man in die Ecke scheißt. Darauf sagte er: ,,Nein, Kunst ist, wenn man in die Ecke scheißt und dazu das Publikum applaudiert.")

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Sinnkrise

    Gut, der Brecht,


    denn die Kunst, auch die sogenannte große Kunst, ist unverbrüchlich mit dem Kunst-Nutzer verbunden. Seilschaft, und ist dieser Nutzer rein zufällig eine Kapazität, dann heissassa, die Post geht ab.

  23. #23
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sinnkrise

    Bringt uns aber auch nicht so richtig weiter, denn meist kann ich mit dem Geschmack dieser Kapazität nicht leben.

    Vielleicht zwei Schritte zurück: mit wirklich großen Künstlern meinte ich eher die Gewichtsklasse Picasso. Oder allgemeiner: Künstler, die durch die Qualität ihrer Werke auch uneingeweihte und vielleicht sogar voreingenommene "User" beindrucken können.

    Kennst Du die frühen "handwerkliche Übungen" des Einohrigen? Gerade bei ihm ist mir aufgefallen, wie die Verbesserung der handwerklichen Fähigkeiten mit der Entwicklung der eigenen, typischen Ausdrucksmittel Hand in Hand ging. Ganz deutlich: diese ganz frühen Werke waren weder vom handwerklichen noch vom künstlerischen her *wirklich* überragend - und offenbar doch notwendig. Vielleicht bist Du ja in einer ganz ähnlichen Situation ! Ein bißchen Wahnsinn muß natürlich von Anfang an vorhanden sein, ansonsten hilft alles üben nicht.

    Wenn Renoir, Monet usw. einst bespuckt wurden und heute in jedem Postershop hängen, heißt das doch nicht, daß die Menschen heute klüger und besser sind, auch nicht, daß "das Volk" eben länger braucht, um etwas zu begreifen! Es bedeutet einfach: das meiste damals bejubelte war nicht nicht *wirklich* gut und wurde zu Recht vergessen. Gott sei Dank funktioniert diese Prinzip immer noch.

  24. #24
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    AW: Sinnkrise

    mit wirklich großen Künstlern meinte ich eher die Gewichtsklasse Picasso.


    glaubst Du wirklich, er hätte Dir auch 1910 gefallen?
    Die Menschen sind nicht besser geworden, daß er ihnen jetzt gefällt, aber das empfinden was "schön" oder auch "gut" ist, hinkt der Avantgarde naturgemäß hinterher.....
    Was das Handwerk angeht, ich sagte ja bereits, die meisten Künstler entwickeln es sehr wohl, aber genau für ihren Bereich. Das breite Handwerk lassen sie fallen, zu Gunsten des Teiles, der für ihre Sprache wichtig ist.

    Und wer ist der Picasso von Heute für Dich? Es gibt ihn...aber kannst Du ihn erkennen? Aus der Geschichte heraus ist es leicht von großen Kalibern zu sprechen - aber sie heute sehen, setzt wirkliches Verständnis voraus......

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Sinnkrise

    Ach Avantgarde, was wird heutzutage nicht alles als Avantgarde bezeichnet! Des Kaisers neue Kleider lassen schön grüßen. Und die Fachleute, Gurus, Oberschamanen haben Recht, weil sie Fachleute, Gurus, Oberschamanen sind...

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