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Thema: Wirtschaftswunder

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Wirtschaftswunder

    Das Wirtschaftswunder




    Aus dem Radio dudelt der Schlager "Wunder gibt es immer wieder". Ich bin Rationalist und glaube nicht an Wunder. Gewiß, nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich in Deutschland das Wirtschaftswunder ereignet. Aber auch das war kein Wunder, denn ein zerstörtes Deutschland war für die Pläne der Westmächte nutzlos; also wurde es wieder aufgebaut.


    Aber in einem kleinen hessischen Dorf ereignete sich ein wirkliches Wirtschaftswunder - doch diese Geschichte war ganz anders.


    Im Gasthaus "Zum roten Ochsen" herrschte Hochbetrieb. Es war Erntezeit, und der Tag war trocken und heiß gewesen. Grund genug also, den Staub des Ackers und der Dreschmaschine mit viel Bier hinunterzuspülen. Unermüdlich schleppten die Kellnerinnen Biergläser, die, kaum zu den Tischen gebracht, schon wieder ausgetrunken waren. Es gab Spezialisten unter den Bauern, die besonders hohes Ansehen wegen ihrer Fähigkeit genossen, das Bier ohne zu schlucken in sich hinein zu schütten. Die Stimmung stieg, die Männer kniffen die Kellnerinnen in die ausladend-einladenden Gesäße oder faßten ihnen unter die Röcke, was jedesmal mit einem freudig-züchtigen Aufquietschen quittiert wurde und ihnen signalisierte, daß man durchaus bereit sei, ihnen zu gewähren, was ihre Alte zu Hause ihnen verweigerte, weil gerade Antonius, Bonifatius oder Unbefleckte Empfängnis war.


    Dicker Tabaksqualm durchzog den Schankraum. Der Ventilator surrte und würgte und schaffte es trotzdem nicht: die Luft war zum Schneiden. Derbe Scherze und Anspielungen flogen von Tisch zu Tisch, wurden aufgenommen, belacht und weitergegeben. Mitunter lagen an solchen Tagen auch Ohrfeigen und Fausthiebe in der Luft. Aber heute wurde man mit steigendem Alkoholpegel immer bierseliger. Man nahm die Frauen, die gekommen waren, ihre Männer abzuholen, in die Mitte, legte dem Nachbarn den Arm um die Schultern und sang Volkslieder: Man fragte, warum es am Rhein so schön sei; wer den deutschen Wald abgeholzt und dann verschoben habe; wer des bezahlen solle und soviel Geld habe; versicherte, Frankreich siegreich schlagen zu wollen; oder bedauerte, daß die morschen Knochen zitterten. Den Abschluß bildete gewöhnlich das Lied "In X-Dorf sind die Pflaumen reif". Die Weiber kreischten angeregt-geschmeichelt - das waren doch noch Kerle! - und ließen sich hierhin und dorthin grapschen. Man hatte ja schließlich was vorzuzeigen; das wäre ja noch schöner!
    Am Tisch des Sägemüllers Roßbach ging es besonders hoch her. Der sonst meist finster in sich gekehrte Junggeselle, mit dem sich, seines Jähzorns wegen, niemand im Dorf gern anlegte, war heute aufgekratzt und zeigte sich in ungewöhnlicher Spendierlaune. Nachdem er eine Runde nach der anderen ausgegeben hatte, wurde aus dem Stiefel getrunken. Jetzt mußte der bezahlen, bei dem das Bier gluckerte, wenn es am Übergang vom Schaft zum Fuß gekommen war. Alle sahen gespannt auf Roßbachs Knecht Eduard, der eben den Stiefel mit seinen klobigen Händen ergriffen hatte. Vorsichtig setzte er ihn an die Lippen und drehte ihn langsam, während er in tiefen, gleichmäßigen Zügen trank. Aber er hatte sich verrechnet. Ausgerechnet an der kritischen Stelle ging ihm die Luft aus, er mußte Atem holen, und schon gluckste es.
    "Das war deine Runde, Eduard", stellte Roßbach befriedigt fest. "Du kannst auch mal bezahlen; ich habe schon genug Striche auf dem Bierdeckel."
    Eduard ließ einen neuen Maßkrug kommen, knallte ihn auf den Tisch und sagte mit diabolischem Grinsen die Regel der nächsten Runde an: "Der Vorletzte bezahlt!" Damit schob er den Krug dem Treiber Joseph zu, den sie "den Geschlitzten" nannten, seit ihm ein Keiler auf der Treibjagd beide Oberschenkel aufgerissen hatte. Der hob ihn auf und trank, daß ihm die Augen aus den Höhlen traten. Alle sahen gespannt zu. Schon schien es, als müsse er kurz vor dem Ende aufgeben, aber mit einer gewaltigen Anstrengung schaffte er auch den Rest. Er gab ein tiefen Rülpser von sich und schob den Krug erleichtert fort. Für diese Runde brachte er nicht in die Tasche zu greifen.
    Während Joseph einen neuen Maßkrug bestelle, zählte Roßbach verstohlen nach, was ihm noch an Geld geblieben war. Natürlich blieb das nicht unbemerkt. Mit heimlichen Fußtritten, Augenzwinkern und Kopfrucken in Richtung Roßbach waren sich die Kumpane schnell darüber einig, ihn unter den Tisch zu trinken. - Und das taten sie mit Erfolg.


    "Paula, einen Liter an unseren Tisch!" rief der Bäcker Heumüller und erhob sich. "Ich geh' erst mal schnell nach draußen", sagte er zu der Runde, "bin bleich wieder da."
    "Na, hat der kleine Junge schön Pipi gemacht?" höhnte Eduard, als Heumüller sich wieder an den Tisch setzte. "Deine Blase ist auch nicht mehr das, was sie mal war."
    "Wart's ab!" knurrte Heumüller. "Du wirst das Laufen auch noch lernen."
    Der nächste, der aufstand und sich unauffällig zu entfernen versuchte, war Eduard.
    "Ach nee, Eduard mit der eisernen Blase", frotzelte Heumüller. "Ich hab's doch gleich gesagt."
    Eduard lief rot an. "Ich bin mal neugierig, was du beim Skat sagen wirst. Da wird dir Hören und Sehen vergehen."
    Als er zurück kam, ließ er sich von einer Kellnerin ein Skatspiel bringen, und bald knallten harte Männerfäuste die Karten auf den Tisch, daß die Gläser wackelten. Roßbach begann zu reizen, Joseph und Eduard gingen eine Weile mit, um ihn in die Höhe zu treiben, paßten dann aber und spielten zusammen gegen den Sägemüller der schon gar nicht mehr merkte, wie ihm das Fell über die Ohren gezogen wurde.


    Mitternacht war längst vorüber, als die ersten Gäste aufbrachen. Nach und nach leerte sieh die Gaststube, und der Wirt stellte die Music-Box ab; aber die Skatspieler und ihre Kiebitze merkten nichts davon. Lautstark und mit vor Eifer geröteten Gesichtern tranken und spielten sie weiter, Runde um Runde.
    Der erste , der das Fehlen der Musik bemerkte, war der Sägemüller. Für ihn gehörten Trinken und laute Musik zusammen.
    "Willi, drück mal 'n paar schöne Märsche", lallte er und schob Heumüller ein Markstück hin. Der ging auf unsicheren Beinen zur Music-Box, warf das Geldstück ein und wunderte sich, daß es immer wieder durchfiel, bis ihm nach mehreren Versuchen klar wurde, daß die Box abgestellt war. Er torkelte zum Tisch zurück und schüttelte Roßbach an den Schultern: "Geht nicht, Norbert, ist abgestellt."


    Wenn ein Betrunkener sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nur schwer davon abzubringen; und Roßbach hatte mächtig geladen.
    "Ich will den Badenweiler hören!" brüllte er.
    "Norbert, sei vernünftig", versuchte der Wirt ihn zu beschwichtigen, "es ist Polizeistunde, und ich habe Gäste im Haus. Die beschweren sich, wenn hier unten so'n Krach ist."
    Roßbach erhob sich. "Musik!" grölte er, "oder ich scheiß in'n Saal!"


    Wer aus der Runde "Feigling" gerufen hatte, war später nicht mehr festzustellen. Keiner wollte es gewesen sein.
    Roßbach torkelte vom Tisch hoch, zog seine Jacke aus, schob zwei Stühle zusammen, ließ seine Hose herunter, setzte sich zwischen die Stühle - und dann ereignete sich das, was in den Annalen des Dorfes als "Wirtschaftswunder" einging und als Spitzname an dem Sägemüller hängenblieb.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Wirtschaftswunder

    der berg kreißte..


    etwas betulich erzählt, aber stimmig


    weniger ist manchmal mehr

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Wirtschaftswunder

    ick bin all do
    Du weißt ja, am besten gefallen mir die "Annalen"!

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Wirtschaftswunder

    Ein Krokodil biß am Nil einem saufendem Elefanten in den Rüssel. Drauf nuschelte das Rüsseltier: "Soll das vielleicht nustig sein?"

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Wirtschaftswunder

    Nein Hannemann, das soll nicht lustig sein.
    Aber bevor Du Dich echauffierst: ich werde nicht weiter in diesem erlauchten Kreise stören.
    Ciao

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Wirtschaftswunder

    bevor ich jetzt in die wirtschaft geh, hab ich mir überlegt, daß der beste satz vor dem eigentlichen text steht; ich konnte nicht ersehen, warum er da steht...


    exemplarischer ordner für den rauhen umgangston dieses forums, aber wer literarisch tätig sein will, der muß kein weiches fell haben

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