Als mich vor einigen Tagen angesichts eines alten Filmes und seiner ebenfalls altgewordenen Protagonisten eine merkwürdige halb peinvolle halb angenehme Wehmut überfiel, kam zu diesem Gefühl auch noch die Ratlosigkeit. Seltsamerweise wuchs diese Wehmut an und steigerte sich in eine richtiggehende Bekümmernis. Und gerade als ich beschämt dachte, das sei doch unglaublich albern, da verließen mich diese Empfindungen wie von selbst über Nacht.


Ich fühlte mich plötzlich erleichtert, als hätte dieser Trivialschmerz, dessen Ursache mit mir gar nichts zu tun zu haben schien, dennoch einen realen tiefen Kummer, dem ich aber nicht ins Auge sehen wollte, mit sich genommen.
So könnte es sein - die wirkliche ernste Trauer umhüllen wir vorsichtig mit Trivialem und hoffen so, dass sie dergestalt gemildert, langsam ihre Schärfe verliert, nachlässt oder uns vielleicht ganz verlässt.
Vor einigen Jahren, als mein bester Freund starb, war ich wochenlang auf der Suche nach solchen trivialen Traueranlässen, die dann zu einer "homoöpathischen Dosis" eines schwachen Trostes wurde. Erinnerungen an Freunde, Plätze, die wir einmal besucht haben - all das brauchte ich zu dieser Zeit für meine Trauerarbeit.
Wenn es sich mit diesem Wunsch nach Tarnung oder Verdrängung erklären ließe, dass Menschen oft in ihrer Trauer sehr unbegreiflich erscheinen, über ihnen ferne Dinge jammern, nahes Leid scheinbar übersehen, einen großen Kummer über seltsame und unwürdige kleine abarbeiten, dann würden manche Erscheinungen plausibler.
Ist die sogenannte DDR-Nostalgie vielleicht die verständnislos betrachtete oder verspottete triviale Hülle zur Bannung eines tiefen Schmerzes? Der "alte Film" DDR transportiert die Trauer um das vergangene eigene Leben, um verpasste Chancen oder hingenommene Ungerechtigkeiten und immer über den gnadenlosen Lauf der Zeit. Darum werden eines Tages die unglaublich albernen Fernsehshows aus dieser Zeit, die wir manchmal gucken, wieder zu dem was sie sind: kompletter Unsinn, den wir uns zu DDR-Zeiten niemals angesehen hätten. Heinrich Heine rufe ich hier zum Zeugen auf: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.......". ob es nun ein Märchen aus uralten Zeiten ist oder ein alter Film, irgend etwas aus der sentimentalen Kiste brauchen wir, damit ein reißender Schmerz sich in einer erträglichen Wehmut lösen und beruhigt werden kann