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Thema: Trauerarbeit

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Trauerarbeit

    Als mich vor einigen Tagen angesichts eines alten Filmes und seiner ebenfalls altgewordenen Protagonisten eine merkwürdige halb peinvolle halb angenehme Wehmut überfiel, kam zu diesem Gefühl auch noch die Ratlosigkeit. Seltsamerweise wuchs diese Wehmut an und steigerte sich in eine richtiggehende Bekümmernis. Und gerade als ich beschämt dachte, das sei doch unglaublich albern, da verließen mich diese Empfindungen wie von selbst über Nacht.


    Ich fühlte mich plötzlich erleichtert, als hätte dieser Trivialschmerz, dessen Ursache mit mir gar nichts zu tun zu haben schien, dennoch einen realen tiefen Kummer, dem ich aber nicht ins Auge sehen wollte, mit sich genommen.
    So könnte es sein - die wirkliche ernste Trauer umhüllen wir vorsichtig mit Trivialem und hoffen so, dass sie dergestalt gemildert, langsam ihre Schärfe verliert, nachlässt oder uns vielleicht ganz verlässt.
    Vor einigen Jahren, als mein bester Freund starb, war ich wochenlang auf der Suche nach solchen trivialen Traueranlässen, die dann zu einer "homoöpathischen Dosis" eines schwachen Trostes wurde. Erinnerungen an Freunde, Plätze, die wir einmal besucht haben - all das brauchte ich zu dieser Zeit für meine Trauerarbeit.
    Wenn es sich mit diesem Wunsch nach Tarnung oder Verdrängung erklären ließe, dass Menschen oft in ihrer Trauer sehr unbegreiflich erscheinen, über ihnen ferne Dinge jammern, nahes Leid scheinbar übersehen, einen großen Kummer über seltsame und unwürdige kleine abarbeiten, dann würden manche Erscheinungen plausibler.
    Ist die sogenannte DDR-Nostalgie vielleicht die verständnislos betrachtete oder verspottete triviale Hülle zur Bannung eines tiefen Schmerzes? Der "alte Film" DDR transportiert die Trauer um das vergangene eigene Leben, um verpasste Chancen oder hingenommene Ungerechtigkeiten und immer über den gnadenlosen Lauf der Zeit. Darum werden eines Tages die unglaublich albernen Fernsehshows aus dieser Zeit, die wir manchmal gucken, wieder zu dem was sie sind: kompletter Unsinn, den wir uns zu DDR-Zeiten niemals angesehen hätten. Heinrich Heine rufe ich hier zum Zeugen auf: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.......". ob es nun ein Märchen aus uralten Zeiten ist oder ein alter Film, irgend etwas aus der sentimentalen Kiste brauchen wir, damit ein reißender Schmerz sich in einer erträglichen Wehmut lösen und beruhigt werden kann

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Trauerarbeit

    Madge, Du weißt nicht, was soll es bedeuten? Der Wechsel! Wenn Du dann noch Hitzewallungen hast, alles klar.


    Teure Jugend,wohin bist Du verschwunden? Madge, Du erinnerst Dich schon. Böses Zeichen!

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Trauerarbeit

    Du liebe Güte Hannemann - das ist ein wehmütiger Text. Mir geht es ganz gut. Hat mir sogar gutgetan, den zu schreiben. Natürlich hat er persönlichen Hintergrund. Aber in vielem bin ich da schon drüber hinaus, sonst würde ich das nicht so schreiben.
    So aufs Biologische allein bringt man das doch immer nur bei Frauen. Die Trauer über die Vergänglichkeit oder über andere Sachen betrifft doch viele Menschen. Eine Freude würde mir machen, wenn jemand sagen würde, das kenne ich, das ging mir nach.

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Trauerarbeit

    Ich kenne das, diese Trauer steht mir nah.


    Dennoch, die Bestimmung des Schnees von gestern ist, im Boden zu verschmelzen.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Trauerarbeit

    mich interessiert das thema, madge. ich muß jedoch noch ein wenig nachdenken, und das dauert bei mir

    nur so viel: das wort "trivialschmerz" ist so originell, wie auch absurd.

  6. #6
    rodbertus
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    AW: Trauerarbeit

    ich kann einen zusammenhang zwischen der traurigen lorelay, der dieser verfallenden des verunglückenden schiffers und der ddr nicht ziehen. die ddr scheiterte an fehlendem realitätsbezug, der schiffer dito, sicherlich, aber wo ist hier der gemeinsame angelpunkt? gab es in der ddr eine vergangenheit verklärende nostalgie? kaum.
    trivialschmerz nennt madge einen schmerz, der zum tiefsten gehört, was wir überhaupt empfinden können, den verlust eines geliebten anderen, der beinahe zum eigenen geworden war. ich glaube, das ist nicht nur eine verunglückte bezeichnung, sondern ausdruck einer lustvollen scham vor tiefen gefühlen. auch das suchen nach erneuerung des gefühls spricht eher für eine lust als für wirkliche betroffenheit.
    die erinnerung an vergangenes ist kein zeichen des alters, hannemann. erst wenn bloß noch erinnerungen unseren alltag bestimmen, dann sind wir alt, denke ich. so ein wenig wehmut bei der initiierung des vergangenen ist doch völlig normal, hat nichts mit der ddr zu tun. zur ddr erinnerte sich mancher an die nazizeit, zur nazizeit ans kaiserreich, im kaiserreich an die 48er revolution... ein menschliches verhaltensmuster, daß es früher besser war, weil wir eh nur selektiv wirklichkeit wahrnehmen und uns auch gern die sahnehäubchen aus dem vergangenen herauspicken.

    nun zurück zur lorelay: heine schrieb diesen text um 1820, in einer zeit der restauration, des wiedererstarkenden absolutismus, auch der erweckten historizität. aus england klangen walter scotts romantisierende historienschinken ins bewußtsein einer "wir sind wir"-gesellschaft, die sich auf den stümpfen des absolutismus eine durch die französische revolution in ihren tiefsten verunsicherten herrschenden klasse einrichtete. der blick zurück war da programm. und was macht heine: er nimmt das schönste und verbindet es mit dem (seinem dialektischen verstande geschulten) häßlichsten. das schönste: eine schöne frau. das häßlichste: der blick zurück in wehmut. und was geschieht? der schiffer (das leben) fährt die kiste kaputt. romantische ironie?

    nun ja.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Trauerarbeit

    das sehe ich ehrlich ganz anders. wer immer auf dem grund seines ihn von jugend auf begleitenden schmerzes lebt, dem ist er so vertraut, daß er daraus eine heitere grundstimmung erwirbt. die lorelay ist ja jung und dennoch so viel schmerz. der schmerz ist ein teil der schönheit, dem der fischer deswegen verfällt und nicht achtet, wie er seinen beitrag leisten kann, das schiff sicher zu landen, den felsen hochzusteigen und die frau zu erobern. er schaut nur und bleibt passiv. da krachte sein schiff ein.


    die vergangenheit sehe ich hier gar nicht problematisiert. sie dient weder der schönheit, noch dem schmerz. die erinnerungen sind ja keine abgeschlossenen filmteile, sondern amalgamierte gegenwart. die lorelay ist verlockende zukunft, der schiffer möchte zukunft. die ddr war auf zukunft ausgerichtet. angelpunkt ist die zukunft.


    madge thematisiert die vergänglichkeit, als sei sie eine neue erkenntnis. die trauerarbeit bricht bei ihr neu in das leben ein. das zeigt, daß sie zuvor nicht geleistet worden ist, sondern als zukünftige herausforderung begriffen. wer mit der natur lebt, begreift immer ihre jeweiligen herausforderungen des jetzt. wenn er also älter geworden ist, so hat er diese erfüllt und muß ihnen nicht nachtrauern. in ruhe alt werden ist ein schönes gefühl. einen geführten dazu zu finden ist glück. die sucht nach zukunft ist nicht so gierig, daß man als schiffer eine lorelay sieht und stirbt. man sucht sich einen menschen, mit dem man zusammen sterben wird. und den schmerz, wenn man diesen verliert, verwandelt man in das gefühl, noch ein wenig zu bleiben und ihm dann auch zu folgen. diese natürlichkeit ist ein großes gut. trauerarbeit ist ein kaltes wissenschaftliches wort.

  8. #8
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Trauerarbeit

    Wir haben mehrere Trauer-Ordner. Ich glaube, dieser hätte sich zu einem guten entwickeln können.
    Madge stand seinerzeit für eine Lebensauffassung, die mir unangenehm war: schnippisch, intelligent, auf eine oberflächliche Art dedizierend, dabei aber gut mit Worten hantierend. Eine mögliche Schriftstellerin. Heute würde ich da anders reagieren, nämlich duldsamer.

    In einem inhaltlichen Punkt muß ich aber auch heute der Intention des Ötzis widersprechen: TRIVIALE TRAUERANLÄSSE sind kein Hülfsmittel, um eine innere Noth zu wenden. Abgesehen davon ist Trauer keineswegs ein nur einseitig ausgerichtetes Wort: es klammert Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wer wie ich an den ewigen Kreislauf des Lebens glaubt, kann Trauerarbeit nicht als einen Reinigungsprozeß begreifen, sondern als ein immer mal wiederkehrendes Momentli in einem im übrigen hoffnungsreichen Leben.

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