Wie ein Giftpfeil bohrt sich diese Fragestellung in mein Herz. Denn nur allzu gerne würde ich wenigstens in den Attentätern des 20. Juli 1944 einmal ein paar Deutsche sehen, derer man sich nicht schämen muß! Aber ihr Attentat ist kläglich gescheitert; die von Graf Stauffenberg in der Wolfsschanze hinterlassene Bombe explodierte, Hitler wurde nur leicht verletzt, und da die Maßnahmen des "Walküre-Operationsplans" nur zögerlich ausgelöst und ausgeführt wurden, konnten die hitlertreuen Offiziere das Gesetz des Handelns wieder an sich reißen, die Attentäter verhaften und noch in derselben Nacht erschießen (und noch viele, viele nach ihnen). Nicht von Ihnen, aber von einem Ihrer Kollegen, wertester Herr Dr. Herzlieb, hören wir, Stauffenberg sei doch einfach nur "zu feige" gewesen, Hitler die Bombe in seiner Tasche nachzutragen und sich mit ihm in die Luft zu sprengen. Man spürt richtig das Vibrato der Verachtung in der Stimme dieses tapferen Kollegen, der, Jahrgang '98, das Vergnügen hatte, in beiden Weltkriegen Soldat werden und den Kopf fürs Vaterland hinhalten zu dürfen. Für ihn sind Stauffenberg, Haeften, Merz von Quirnheim, Olbricht und Beck ganz einfach nur Verräter und dazu noch militärische Dilettanten, auf die er die ganze Galle seiner Verachtung verspritzt. Während er in heldenhaftem Abwehrkampf den Vormarsch der Sowjets verzögerte (und den in seinem Rücken arbeitenden KZs Freiraum für weitere Zehntausende von Morden an wehrlosen alten Menschen, Frauen und Kindern verschaffte), hatte sich doch tatsächlich diese dekadente und gesinnungslose Adelsclique zusammengefunden, um den Führer und obersten Feldherrn, auf den sie alle vereidigt waren, zu töten. Welch eine Feigheit, etwas so Niederträchtiges zu planen, während Millionen von Deutsche einschließlich meiner Eltern das verbrecherischste Regime ihrer Geschichte und vielleicht aller Zeiten mutig unterstützten und vor den Parteibonzen und ihren Spitzeln auf Knien rutschten. O, was für eine hilflose Wut kommt in mir hoch, wenn ich das höre! Da wollen sich Feiglinge reinwaschen, indem sie die einzigen, die den Mut aufbrachten, etwas gegen die physische und moralische Zerstörung Deutschlands zu unternehmen, zu noch viel größeren Feiglingen erklären! Ich will Graf von Stauffenberg nicht rechtfertigen; er bedarf keiner Rechtfertigung. Wir sind keine Asiaten, der Kamikaze-Angriff widerspricht unserer Natur, und bei jedem Staatsstreich wird jeder der Organisatoren dringend für den Aufbau der angestrebten neuen Ordnung gebraucht. Soviel ich weiß, hat Stauffenberg die suizidale Lösung ins Auge gefaßt, aber seine Mitverschwörer haben ihn gebeten, davon abzulassen. Wie dem auch sei, der erwähnte Kollege hat noch mehr Säure auf Lager. Er meint, Stauffenberg habe aus Eitelkeit die Bombe im Stich gelassen - um sich anschließend im Ruhm seiner Tat zu sonnen. Nun, so denkt ein ruhmloses Nichts von Studienrat, der Zeit seines Lebens vor Vorgesetzten den Rücken krummgemacht hat und wahrscheinlich des Nachts wild davon träumt, wie er es "denen" mal zeigt... Grund dafür, diese mutigen Verschwörer so herabzusetzen, ist ausschließlich das Gefühl der eigenen Mediokrität. All die, die den Nazibonzen die Füße geküßt haben, die "Jaaaaa!" geschrien haben, als Goebbels sie fragte, ob sie den totalen Krieg wollten, die nicht ein einziges Mal Zivilcourage zeigten - sie schmähen die Attentäter aus Wut darüber, daß sie ihnen beweisen, was für Schlappschwänze sie selber waren. Wer immer nur den eigenen Arsch zu retten trachtet, hat gut heroischen Selbstmord von anderen verlangen. Eine Tat wird nicht nur durch ihren Erfolg gerechtfertigt, ja, ich wage zu behaupten, daß die Verschwörer des 20. Juli für das Ansehen und die Selbstachtung Deutschlands mehr getan haben als alle Frontsoldaten zusammen. Und im Mißerfolg ihrer Aktion liegt sogar eine heimliche Weisheit. Hätten sie Erfolg gehabt, es wären zwar viele Menschen am Leben geblieben, die durch Krieg und Staatsverbrechen in den folgenden neun Monaten noch sterben mußten, Dresden wäre nicht bombardiert worden, ja, vielleicht wären die Kapitulationsbedingungen sogar ein wenig weniger bedingungslos ausgefallen. Aber: Wir hätten heute mit einer sehr viel vitaleren und wirksameren Dolchstoßlegende zu kämpfen als nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist gut, daß Nazideutschland nicht durch ein Attentat von innen heraus, sondern durch den Sieg seiner äußeren Gegner erledigt wurde. So sind wir von der faschistischen Geisteskrankheit vielleicht für immer geheilt.



[Diese Nachricht wurde von Quoth am 20. Juli 2002 editiert.]