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Thema: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Wie ein Giftpfeil bohrt sich diese Fragestellung in mein Herz. Denn nur allzu gerne würde ich wenigstens in den Attentätern des 20. Juli 1944 einmal ein paar Deutsche sehen, derer man sich nicht schämen muß! Aber ihr Attentat ist kläglich gescheitert; die von Graf Stauffenberg in der Wolfsschanze hinterlassene Bombe explodierte, Hitler wurde nur leicht verletzt, und da die Maßnahmen des "Walküre-Operationsplans" nur zögerlich ausgelöst und ausgeführt wurden, konnten die hitlertreuen Offiziere das Gesetz des Handelns wieder an sich reißen, die Attentäter verhaften und noch in derselben Nacht erschießen (und noch viele, viele nach ihnen). Nicht von Ihnen, aber von einem Ihrer Kollegen, wertester Herr Dr. Herzlieb, hören wir, Stauffenberg sei doch einfach nur "zu feige" gewesen, Hitler die Bombe in seiner Tasche nachzutragen und sich mit ihm in die Luft zu sprengen. Man spürt richtig das Vibrato der Verachtung in der Stimme dieses tapferen Kollegen, der, Jahrgang '98, das Vergnügen hatte, in beiden Weltkriegen Soldat werden und den Kopf fürs Vaterland hinhalten zu dürfen. Für ihn sind Stauffenberg, Haeften, Merz von Quirnheim, Olbricht und Beck ganz einfach nur Verräter und dazu noch militärische Dilettanten, auf die er die ganze Galle seiner Verachtung verspritzt. Während er in heldenhaftem Abwehrkampf den Vormarsch der Sowjets verzögerte (und den in seinem Rücken arbeitenden KZs Freiraum für weitere Zehntausende von Morden an wehrlosen alten Menschen, Frauen und Kindern verschaffte), hatte sich doch tatsächlich diese dekadente und gesinnungslose Adelsclique zusammengefunden, um den Führer und obersten Feldherrn, auf den sie alle vereidigt waren, zu töten. Welch eine Feigheit, etwas so Niederträchtiges zu planen, während Millionen von Deutsche einschließlich meiner Eltern das verbrecherischste Regime ihrer Geschichte und vielleicht aller Zeiten mutig unterstützten und vor den Parteibonzen und ihren Spitzeln auf Knien rutschten. O, was für eine hilflose Wut kommt in mir hoch, wenn ich das höre! Da wollen sich Feiglinge reinwaschen, indem sie die einzigen, die den Mut aufbrachten, etwas gegen die physische und moralische Zerstörung Deutschlands zu unternehmen, zu noch viel größeren Feiglingen erklären! Ich will Graf von Stauffenberg nicht rechtfertigen; er bedarf keiner Rechtfertigung. Wir sind keine Asiaten, der Kamikaze-Angriff widerspricht unserer Natur, und bei jedem Staatsstreich wird jeder der Organisatoren dringend für den Aufbau der angestrebten neuen Ordnung gebraucht. Soviel ich weiß, hat Stauffenberg die suizidale Lösung ins Auge gefaßt, aber seine Mitverschwörer haben ihn gebeten, davon abzulassen. Wie dem auch sei, der erwähnte Kollege hat noch mehr Säure auf Lager. Er meint, Stauffenberg habe aus Eitelkeit die Bombe im Stich gelassen - um sich anschließend im Ruhm seiner Tat zu sonnen. Nun, so denkt ein ruhmloses Nichts von Studienrat, der Zeit seines Lebens vor Vorgesetzten den Rücken krummgemacht hat und wahrscheinlich des Nachts wild davon träumt, wie er es "denen" mal zeigt... Grund dafür, diese mutigen Verschwörer so herabzusetzen, ist ausschließlich das Gefühl der eigenen Mediokrität. All die, die den Nazibonzen die Füße geküßt haben, die "Jaaaaa!" geschrien haben, als Goebbels sie fragte, ob sie den totalen Krieg wollten, die nicht ein einziges Mal Zivilcourage zeigten - sie schmähen die Attentäter aus Wut darüber, daß sie ihnen beweisen, was für Schlappschwänze sie selber waren. Wer immer nur den eigenen Arsch zu retten trachtet, hat gut heroischen Selbstmord von anderen verlangen. Eine Tat wird nicht nur durch ihren Erfolg gerechtfertigt, ja, ich wage zu behaupten, daß die Verschwörer des 20. Juli für das Ansehen und die Selbstachtung Deutschlands mehr getan haben als alle Frontsoldaten zusammen. Und im Mißerfolg ihrer Aktion liegt sogar eine heimliche Weisheit. Hätten sie Erfolg gehabt, es wären zwar viele Menschen am Leben geblieben, die durch Krieg und Staatsverbrechen in den folgenden neun Monaten noch sterben mußten, Dresden wäre nicht bombardiert worden, ja, vielleicht wären die Kapitulationsbedingungen sogar ein wenig weniger bedingungslos ausgefallen. Aber: Wir hätten heute mit einer sehr viel vitaleren und wirksameren Dolchstoßlegende zu kämpfen als nach dem Ersten Weltkrieg. Es ist gut, daß Nazideutschland nicht durch ein Attentat von innen heraus, sondern durch den Sieg seiner äußeren Gegner erledigt wurde. So sind wir von der faschistischen Geisteskrankheit vielleicht für immer geheilt.



    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 20. Juli 2002 editiert.]

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Zum 20. Juli ändert sich meine Meinung. Erst fand ich es blöd, so spät noch den Aufstand zu üben, dann geil, dann toll, je älter ich werde, um so mehr gelange ich zu der Meinung, daß es doch ein Haufen Verräter war.

    Die Bombardierung Dresdens war ein Verbrechen, denn der damit verbundene Terror richtete sich gegen die Bevölkerung, was das Völkerrecht für die Kriegsführung verbietet. Ich glaube auch nicht, daß ein erfolgreiches Attentat bei den Alliierten irgendwelche Regungen hervorgerufen hätten.

    Dein Text ist ausgewogen und gedankenvoll. Es fehlt ihm allerdings die Zuspitzung.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Dein Schlingern in der Einschätzung des 20. Juli zeigt m.E., wie schwer dies Ereignis zutreffend einzuschätzen ist. Immerhin werden heute die Rekruten an diesem Tag - und nicht am 20. April - vereidigt!

    Gruß
    Quoth

  4. #4
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    AW: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Ein ehemaliger Stammtischbruder von mir, ein Herr von Trott und unmittelbar betroffen, wußte die Ereignisse noch nicht einmal gefühlsmäßig einzuordnen.


    Die Frage sei erlaubt: Thema für Literaten oder langsam für Ahnen- und Geschichtsforscher. Hannemann hat 60 Jahre gelebt, sich oft und mit Eifer an den ewig Gestrigen gerieben. Langsam ist er es leid, unter der Bürde aufgeschwatzten schlechten Gewissens den Nacken zu beugen, zu grübeln, was wäre und hätte geschehen können, wenn WIR und Österreich diesen verdammten Krieg gewonnen... und Adolf vielleicht mit Eva einen Sohn gezeugt. Wem nützt das alles, wer hat gelernt und nicht nur seinen Gewinn daraus gezogen?


    "ADOLFOS SOHN, HIER IN EINER WIEGE! MEIN GOTT, ICH KANN IHN NICHT TÖTEN!!!" Das wäre ein Thema für eine Geschichte.

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Hi, Hannemann, mein Name ist Feldhausen, bin 61. Angenehm.
    Der Aufsatz ist aus der Perspektive eines 17jährigen Ende der 50er Jahre verfaßt. Das begrenzt natürlich die Übertragbarkeit seiner Schlußfolgerungen auf Heute. Deine Betrachtungen gehen eher in Richtung Martin Walser - Paulskirche. Ich kann sagen, dass ich nie ein schlechtes Gewissen hatte (und es mir auch nicht habe aufschwatzen lassen). Ich hatte nur immer das Gefühl einer historischen Belastung, die mir kein Schuldgefühl einflößt, sondern viel Anlaß zum Fragen nach den Ursachen und vor allem danach bietet, wie ich mich selbst verhalten hätte. Nicht ohne Grund verwandelt sich Kyra in ihrem Text in einen um eine Generation älteren Helden - kann ich gut verstehen.


    Gruß Quoth

  6. #6
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Eduard Eisenpflicht: Der 20. Juli 1944 - eine Blamage?

    Ich bin mir sicher, daß wir einen Ordner zum 20. Juli hatten...

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