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Thema: Das Unglück der Anderen

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Das Unglück der Anderen

    Nicht erst seit dieser Flut beschäftigt mich der Gedanke, warum der Mensch - und ich denke das kann man fast so generell sagen, diese Faszination am Unglück anderer hat. Ist es, weil man dann das Gefühl haben kann, gut davon gekommen zu sein? Aber das scheint mir nicht zur reichen. Warum werden jetzt jeden Tag nach der Tagesschau Sondersendungen gezeigt. Immer ähnliche Bilder, immer Tränen, Verzweiflung. Ebenso wurden ja nach dem 11. September die Bilder bis zum Erbrechen wiederholt. Welche Instinkte lassen Menschen an Unfällen bremsen, obwohl sie nicht helfen können oder wollen?
    Es muß doch eine tiefere soziale oder psychologische Ursache dafür geben, als nur Neugier. Denn erfahren kann man durch diese Glotzerei ja nicht viel. Mittelalterliche Hinrichtungen, Grubenunglücke usw. Es ist ja nicht erst heute so. Nur heute wird es durchs Fernsehn frei Haus geliefert. Ist es immer ein persönlicher Abgleich - mir geht es besser? Ist es Freude an den erlebten Gefühlen der Unglücklichen, weil es so wenig echte Gefühle zu sehen bzw. fühlen gibt?
    Es ist einfach zu sagen, das sind alles prollige Idioten - nur greift das nicht tief genug. Schon das Märchen von dem "Mädchen mit den Streichhölzern" erzeugte bei mir und sicher auch bei anderen Kindern nicht nur Mitgefühl, sondern auch ein Glücksgefühl, daß man es wohlig und warm hat.
    Also welche sozialen Ursachen kann es haben, daß dies Verhalten sich über Jahrtausende erhalten hat. Genauso wäre ja Gleichgültigkeit möglich, oder Hilfe. Aber es ist genau dieses Dazwischen. Was hat die Gesellschaft davon und was schöpft die Seele daraus?


    PS. Sind alle Primaten so? Schauen die Affen auch zu? Können wir nicht anders?


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 21. August 2002 editiert.]

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Das Unglück der Anderen

    In seinem Lebensbericht erwähnt Uwe Jens Lornsen, ein Landsmann von mir aus dem 19. Jahrhundert, wie die Krankheit "seitlich", "von der Seite her" in sein Leben eingebrochen sei und es allmählich völlig zerstört habe.

    Man ist ja auf Ziele der Selbsterhaltung, Bewährung, des Erwerbs und der Steigerung innerlich immer ausgerichtet. Ich fahre mit einem Bus, denke an den Vortrag, den ich gleich halten will. Plötzlich stoppt der Bus jäh, senkt sich vorn, immer mehr, wir schreien, stürzen aus unseren Sitzen, versinken in Düsternis und Wasser. Ende.
    Die Straße war unterspült. 13 Tote.
    Seitlich kann das Entsetzliche, Ungeplante, Unerwartete in unser Leben einbrechen und es völlig deformieren. Das wissen wir, wir sind dieser Gefahr immer ausgeliefert, im Flugzeug mehr als im Bett, aber sogar hier in der scheinbaren Geborgenheit können Wasser, Erdbeben, Gasvergiftung, herabstürzende Flugzeuge, Krankheit und Krieg uns anfallen.
    Ich glaube, wir immunisieren uns gegen das Grauen, indem wir es anschauen. Es ist eine Sehnsucht danach, sich zu feien gegen das Entsetzliche. Nicht dass wir dann weniger gefährdet wären. Aber wir haben unsere Angstlust befriedigt und können hinfort besser mit dem Unvorhersehbaren leben.
    Es gibt eine ganze Kunstform, die auf der Lust am Unglück beruht, die Tragödie. Wir gehen hinein, um zu weinen. Aber es ist nicht Trauer um die leidenden Anderen auf der Bühne, nein, wir identifizieren uns mit dem leidenden Protagonisten und probieren sein Unglück bis zur Neige mit aus. Insofern reicht der Kontrast von Geborgenheit im Kino- oder Theatersessel und dem Entsetzlichen, das wir sehen, nicht aus, um das Phänomen zu erklären. Auch das römische Publikum, das dem furchtbaren Röcheln und Schreien wirklich Sterbender beiwohnte, ergötzte sich nicht nur voyeuristisch am Leid der anderen, sondern versetzte sich hinein in die Lage der Sterbenden, starb virtuell gleichsam mit und erstand gekräftigt darauf aus.
    Ich weiß nicht, ob ich hab deutlich machen können, was ich sagen wollte. Es soll in gar keiner Weise eine Rechtfertigung von Katastrophentourismus sein.

    Oder schau dir an, welch merkwürdige "Erquickung" Gläubige im Anblick und der Vorstellung des gemarterten und gekreuzigten Christus empfinden! Milder, der Philosophie näher: Hiob, in der Asche sitzend und seine Beulen kratzend, mit Gott hadernd. Nie ist es allein Voyeurismus, immer auch und vor allem Empathie, stellvertretendes Mitdurchleiden. Und wenn der Psalmist ausruft: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir!" dann ergötzen Gläubige sich nicht an diesem Notschrei eines anderen, sondern benutzen ihn als Ausdruck der eigenen Not.
    Damit stelle ich das Vorhandensein hassenswerten, sich auf Kosten anderer aufgeilenden Voyeurismusses nicht in Frage. Aber er allein ist es nie, immer schwingt das Grauen der eigenen Verletzlichkeit mit.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Unglück der Anderen

    Das mußt Du, glaube ich, sehr differenziert sehen.
    Es ist das gute Recht eines Menschen, sich zu erkundigen. Vielleicht erwächst aus dem Beobachten auch eine Regung wie Mit-Leiden! Manchmal ist das so, nicht beim ersten Mal, nicht beim zweiten Mal, aber irgendwann wird das Scheckbuch gezückt, wird das Ränzlein geschnürt bei Kenntnis vom Elend anderer.


    Und dann noch etwas: Meine Mutter sagte: "In Cracau (Ostelbien) wohnt man nicht." Da wohnen die Flußbewohner, ein eigenes Völkchen. Sie wissen, daß eben der Fluß manchmal überschwappt. Das macht er schon, so lange in Magdeburg Häuser stehen, und auch, wenn ich es jetzt bei den Grünen mir völlig verscherze, auch schon vor Zeiten Magdeburgs oder Kölns haben die Flüsse Hochwasser gehabt. Manchmal war es sogar höher als das letzte. Es soll aber auch Zeiten gegeben haben, da trockneten Elbe, Rhein udn Donau im Sommer völlig aus, Jahr für Jahr, so daß man im Sommer an den Brückenbau gehen konnte - im trockenen Flußbett! Also, wer an den Fluß zieht, der muß eben damit rechnen. Da kann keiner Schutz gewähren. Man kann doch den Fluß nicht zehn Meter tiefer legen?! (Obwohl ich jetzt die Nachtigall trapsen höre.)

    Schließlich noch eine dritte Bemerkung zu Deinem Problem: Mitleidefähigkeit, die nicht an Instinkt gebunden ist, wie das bei Tieren, die im Rudel leben, auch vorkommen soll, ist an Sympathetie gebunden, an Einfühlungsvermögen in das Leid eines anderen. (Ich schreibe es klein, weil es ein unbestimmter Anderer ist - hier groß, weil er bestimmt wird.) Ein Indiz für unsere Sonderstellung im Kosmos, wie Scheler dies nennte. Wir sind eben keine Primaten, die das nicht können, sondern merkwürdige Wesen, die in der Lage sind, uns in andere Lebewesen - sogar in tote Dinge, denen wir manchmal sogar Namen geben - hineinzudenken. Das Gaffen ist dann die Kehrseite davon, das Sichweiden am Unglück anderer. Aber, in Hinsicht auf unsere Sonderstellung im Kosmos, ist auch das nachdenkenswert und keineswegs ein Übel.

    In Hinsicht auf Deinen eingestellten Text müßtest Du das noch exemplarisch ausführen, entweder durch eine logisch affizierte Argumentation, meinethalben auch ein Plädoyer, oder durch eine Paraphrase, die Deine Fragestellung deutlicher macht.

  4. #4
    resurrector
    Laufkundschaft

    Question AW: Das Unglück der Anderen

    ein leider schlecht geführter Ordner, der doch viel Potential besitzt - denke ich

    Vielleicht will sich einer der heutigen Wolkensteiner zum Thema äußern?

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Das Unglück der Anderen

    Das Unglück der Anderen ist etwas, was dem postmodernen Menschen zum Gutteil gleichgültig ist. Seine Empathie ist aufgesetzt, entsteht aus dem Bedürfnis, keinen Fehler zu machen, sein Karma nicht zu belasten, die Schattenreiter hinter sich nicht allzu mächtig werden zu lassen. Vernünftige Handlungen entstehen oft aus dem Bedürfnis, eben dieser Vernunft zu entsprechen, es richtig zu machen, wie das so auch heißt, dem Rechtszustand zu entsprechen. Aber Unglück ist etwas, was in erster Hinsicht Empathie erfordert, Pflichtgefühl, nicht Rechtsbewußtsein. Das ist keine Zustandsbeschreibung, die sich auf den Kapitalismus beschränkt, gar auf die BRD/BRÖ. Das gab es auch schon in der DDR, wie das folgende Lied der Puhdys belegt, insbesondere die Textstelle: "Du siehst ein Unrecht und bist nicht empört..." Das ist so eine Grundeinstellung der meisten heutigen Menschen, die sich maßlos über Oberflächliches aufregen können,a ber den Balken in ihrem eigenen Auge nicht sehen wollen. Oder ein großes Unrecht, das von der Regierung begangen worden ist.
    Übrigens gab es in der DDR so eine Grundsatzentscheidung, die man als Jugendlicher fällen mußte: Karat oder Puhdys? Klarerweise war ich für Karat, schon weil mein Vater mit dem Sänger von Karat, Herbert Dreilich, befreundet war und ich auf dem Schoße dieses Mannes ein Gutteil meiner frühkindlichen Kneipenzeit verbrachte.
    An dieser Nummer gefällt mir musikalisch das Zwischenstück.

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