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Thema: In vitae veritas

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post In vitae veritas

    IN VITAE VERITAS




    Er ruft an. Seit Jahren, aus der Ferne. "Du bist treu", sagt sie während der 24 Stunden Aufschub vom Abschied, "mir diesen Film zu zeigen!". Vervorführung der Schnecke.


    Sie wünscht sich was im Hintergrund. Schwärzer als alle Nächte der Welt. Der Gedanke kitzelt. Nein, sie kitzelt sich selbst, in Gedanken.


    Am heiligen Abend in Prag zieht sie den Ritter der Schwerter. Vorzeichenwechsel: Was nicht passt, schmiegt sich an.

    Noch wird sie ihrer Wahrnehmung nicht vertrauen können. Nichts ist wie es war, als sie vor aller Augen ihre Unschuld verlor.


    Sie weiß um die Gefahr seiner Waffen, den Worten. Wird diese nicht tiefer in sich lassen als die Angst vor der Stille. Weil sie nicht Ja sagt. "Jetzt können sie kommen, wann ich will."
    Ist ihnen erlegen, als sie dem Impuls, die Verbindung zu trennen zum erstenmal nicht folgt. Wird es immer öfter nicht tun. Die Worte werden mit jeder Wiederholung wahrhaftiger.




    Hände I


    Ihre Achtung vor ihm wächst auf einer Brücke. Das Bild des blauen Blutes an seiner Hand schmeichelt den geschlagenen Nägeln.


    "Woher du all diese Kraft nimmst", sagt er, die eigene Erschöpfung verbergend. Zu jener Zeit ist Land noch lange nicht in Sicht.


    Wieder und wieder spürt sie den Wunsch nach einer (ver)führenden Hand, die sie hält. Sie könnte schwören, es sei seine.



    Hände II


    Er ruft an. Seine Stimme ist unklar. "Was machst du heute noch?" fragt sie ihn. "Ich leg mich aufs Bett, denk an dich und hole mir einen runter."
    Verzögert dringen die Worte in ihr Bewußtsein. Der Atem stockt, Blut rauscht im Kreis, sprachlos.


    Dann, leise: "Nicht denken. Sprich mit mir. Ich bin hier."


    Sie reiben sich am Wort, bis es kommt. Tief, zeitgleich, jetzt. Dann ist Stille.




    Hände III


    Der Aquamarin ist der Stein der Oktobergeborenen und ?hilft bei Ehefragen. In Händen von Betrügern wechselt sich seine Farbe'. Grünblau, wie Meerwasser. Wie ihre Augen. Sie will ihn, sehen. Mit den Augen durch den Stein durch das Wort.


    "Ich versinke in deinen Worten, so sollst auch du versinken in mir", denkt sie und trägt das kleine Paket auf die Post.


    'Zur Verstärkung der Leuchtkraft eines Aquamarins wird oft ein schwarzer Hintergrund gewählt.'


    "Wird er seine Farbe wechseln"?


    -Das ist keine Frage.-




    Über:Blendung I


    Es ist warm, zu viele Komparsen. Freundschaftlich vertraute Hintergrundmusik, Rauschen, rötliches Halblicht.


    Er sitzt rechts neben ihr, sehr nah. Ihre Schenkel treffen sich. Sie lenkt die Schwingungen ihres Körpers auf diesen einzigen Punkt der Berührung und vergißt dabei die Kamera.


    "Bleib doch mal beim Thema", sagt er. Ton läuft.


    "Warum hast du eigentlich keine Freundin?"
    "Ich hab dich..."



    Während der nächsten Pause fliegen sie Hand in Hand mit dem Wind des A.-Platzes zu seinem Zimmer im 22. Stock des Forumhotels hinauf. Bei Vollmond.


    "Ich habe Kontraktionen verspürt. Lass uns tanzen."


    -Das ist Geschwisterliebe. Das ist die reinste Lüge.-

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post AW: In vitae veritas

    keinschlechtes larangel laringel, so ein belauern im sichzeigen
    washältst du von ff. text?





    erstelltaus LEIDEN DES JUNGEN WO.: „Du stierst wieder ins Nichts,Edgar!“ Marcus stand Zigarre rauchend neben ihm.
    „Tag, Marcus.Was treibt dich in die Gegend?“
    „Einsamkeit.“
    „Michauch.“ Sie schauten sich an. Edgar empfing Wärme aus Marcus?Augen. Sie umfaßten ihn und trugen ihm etwas auf, eine Aufgabe, eineAussicht. Sie bedrückte ihn nicht. „Ich mußte raus aus derStadt.“ Jetzt erst fiel ihm auf, daß sein Weg ihn auf denselbenBerg geführt hatte, wie vor einigen Tagen schon. Nüsse ringsum.Hatte es geregnet? „Wollen wir in die Kneipe gehen, Marcus?“
    „Ichbin pleite.“
    „Edith spendiert. Sie ist es mirschuldig.“
    „So?“
    „Und was macht deine Freundin?“
    „Sieträgt schwarz und grau. Ich mag sie nicht sehen, im Augenblickjedenfalls nicht.“
    „Kenn? ich.“
    Sie schlurften den nassenWeg entlang. Beide trugen Schlappen aus Kork, ein wenig zu großeExemplare. Wie gesagt, man hätte sie für Brüder halten können,wäre da nicht diese klitzekleine Deviation in bezug auf dieHautfarbe gewesen. Sie kamen am Waldwirtshaus an. Wie immer hatteEdith viel zu tun und servierte kurz angebunden ein dennochausgiebiges Frühstück, das beide auf der bereits zu dieser frühenTagesstunde sonnenüberfluteten Terrasse einnahmen.
    Nachdem Marcusder Rabatte einige Ranken einer Hanfpflanze wegempfohlen hatte, siezerrieb und seinem Tabak beimengte, hob er an und erzählte. Ererzählte von einer Reise nach Indien, die er mit seiner ehemaligenFreundin gemeinsam erlebt hatte, von den Menschen dort, die in großerArmut lebten, aber auch in großer Stumpfheit. Er erzählte von denindischen Weisen, die ihre Leiber malträtierten und dennochvielleicht größere Genießer seien als er selber. Er traue ihnennicht, auch wenn sie ihn faszinierten. „Schon der Umstand, daß siees seit Jahrtausenden tun und immer noch als Heilige Kultstatusgenießen, müßte doch auch dich Zyniker überzeugen, daß amBuddhismus letztlich alle Weisheiten der anderen Religionenaufgehoben wurden!“
    „Nein, ich empfinde hier nur den Schmutzunsauberer innerer Verhältnisse. Sie waschen sich im heiligen Flußvon den irdischen Sünden rein, versuchen gar, sich in Erkenntniseinzutunken; wie sollte ich da nicht diesen Waschzwang als etwas ganzund gar auf Dreck schließendes Unternehmen tadeln sollen“, sagteEdgar.
    „Mann, redest du aber geschwollen.“
    „Es kommtmanchmal so über mich. Immer, wenn ich unsicher bin.“
    „Dasist gut, mein Freund. Das ist gut.“
    „Ich hab's von einermerkwürdigen Alten gelernt. Sie wohnt seit ihrer Kindheit in indiesem uralten und baufälligen Haus am Südosthang vom Hausberg. -Du kennst dieses Haus bestimmt, Marcus.“
    „Ah, Kaki!“ Edgartrank jeden Schlucken nachschmeckend aus seinem Glas. Marcus nippteam Kakao, goß noch ein wenig Milch hinterher, lehnte sich zurückund rauchte. Sie schwiegen.
    „Kaki hat etwas, was den Frauenfehlt, sonst fehlt“, hob Marcus nach einer ganzen Weile an.
    „Siedenkt nach.“ Marcus lachte über Edgars Glosse. Tief aus dem Bauchheraus drang es nach oben und stellte sich selbst in Frage. „Ganzanders ist es mit der da“, rief er und zeigte auf eine Touristin.Die etwa dreißigjährige Frau trug einen weiten Sommerhut, darunterwallte hellblondes Haar in gelockter Pracht hervor. Ihre helle Blusewar von einigen geschickten Händen mit Rüschen versehen worden,derart geschickt aber und zart aufgestickt: eine Handarbeitzweifelsohne. Eine dünne graue Hose verhüllte die sicherlichschlanken Beine. Die Füße steckten in hellen Stoffschuhen. Marcusverweilte, dort angekommen, und schaute bald darauf im Umfeld desGasthauses nach, ob er ein Auto sehen konnte. Fehlanzeige. Daß siehier übernachtet hatte, wohl kaum! Er zeigte mit einer für ihntypischen Kopfbewegung - schnittig und doch nur halbausgeführt - zurBetrachteten und stellte lapidar fest: „Schau, Edgar, da vornesitzt so eine, um die man am besten einen großen Bogen macht. Ob'sNacht im dunklen Park oder irgendwo am hellichten Tag ist: Die isteine von denen, die schon pro forma losschreien.“
    „Ich möchtenicht über Fremde sprechen, Marcus. Laß uns ein wenigschweigen!“


    21.6..


    „Nein, wir haben schonzu viel verloren. Ich vielleicht mehr als du. Du hast deinen Charme;meinen nimmt man exotisch, eine verblassende.. Ach, was soll's? Sindwir nicht arme Schweine mit unserem Ding? Ein Mal der Aussätzigen.Ich denke, unser ganzer Eroberungsgeist kommt nur durch diesen Makel.Wir schauen aus nach Neuem, um nicht von diesen schwanzlosenUngeheuern abhängig zu sein.“
    „Du hast recht, meinFreund!“
    „Die ruhen im Instinkt, erfassen instinktiv, worumwir kämpfen müssen, und sie schreien.. Wo paßt in diese perfektenKörper noch Vernunft hinein? Das ist es! Wir schreien zeitlebensnach Freiheit, sie nach Sicherheit. Wir versuchen im reiferen Alter,Vernunft mit Freiheit zu kreuzen und suchen doch nur Schönheit; siewaren dann die längste Zeit Schönheiten gewesen, füllen ihreinzwischen schwabbligen Bäuche und ölen trockene Schenkel vonunserem Geld. Dazu reicht der Verstand dann immer noch“, beendeteMarcus diese Tirade, deren zuvorgehende Erfahrungen wir jetzt nichtnäher befragen wollen. Auch sein Lachen änderte nichts am Ernst,mit dem Marcus hier darstellte.
    „Das hätte ich nicht geglaubt,daß du Nietzsche liest, blonde Bestie“, wagte Edgar demnach kaumWiderspruch.
    „Ich bin nur gerecht.“
    „Ah, ein Gerechterunter uns Blinden.“ Edgar war aus seinem Dämmerzustand erwacht.Jetzt erst nahm er die Schöne am anderen Tisch wirklich wahr. Siehielt das Gesicht in die kräftig strahlende Sonne, genoß die Wärmeauf ihrer Haut. Ihr Blinzeln verriet, daß sie nicht schlief. „Mußin einem Büro arbeiten, die Arme. Schau sie dir genau an, Marcus!Sie sucht jemanden, will nicht länger allein sein. Die Pose verrätihr Geheimnis, dieses Lauern im Sichzeigen.“
    „Bin ich derMaler oder du?“
    „Bestell ein Bier für mich! Dann schlafe ichweiter.“
    Edith kam zum zweiten Male - jetzt mit einem Lächeln-, umarmte Edgar und ließ sich dem Freunde vorstellen. Kurze Zeitspäter brachte sie Edgar ein zweites Bier, Marcus einenKaffee.
    „Eigentlich reagieren sie immer sehr hysterisch, mancheaber lernen es, sich zu beherrschen. Die würde ich jeder anderenvorziehen“, meinte Edgar schelmisch.
    „Bist du noch mit deinerblonden Frau zusammen?“
    „Heute nicht, morgen nicht undübermorgen holt sie der Schneidergeselle.“ Edgar lachte. „Ichwill dir nichts vormachen. Bin ich mit ihr zusammen, dann meine iches ehrlich. Mit dem Abstand aber wächst die Abneigung, verblassendie Lustreize.“
    „Und du sagst, ich sei böse heute. Alsosuchst du Abenteuer.“
    „Nie!“
    Edgar stand auf, ging insWirtshaus und kam mit einer Wolfsmaske zurück. Die legte er auf denTisch, so, daß Marcus sie ohne Mühe nehmen und betrachten konnte,dann verschwand er wieder im Wirtshaus und blieb nach seiner erneutenRückkehr einige Momente vor der Sonnenbaderin stehen, die dasschnell bemerkte, doch den schattenwerfenden Voyeur nichtverscheuchte. Im Gegenteil: Ihr Lachen war ein verschämtes undweiches Glucksen aus dem Herzen, ein Entzücktsein, bei dem aber dieEnttäuschtheit manch ähnlichen Erwartens mitschwang. Edgar gingohne ein Wort zu sagen zu Marcus zurück, setzte sich neben ihn undtrank vom Bier. Schweigen.
    „Was meinst du, wie schnell siehysterisch wird?“
    „Woher willst du wissen, daß sie esüberhaupt wird?“
    „Ihr Leben liegt vor mir wie einaufgeschlagenes Buch“, meinte Edgar trocken.
    „Dann lies mirvor!“ forderte Marcus.
    „Sie wuchs behütet auf, entwickeltegegen den Willen ihrer Mutter künstlerische Anlagen. Sie verschafftesich Respekt, irgendwobei, vielleicht im Schulclub. Dann studiertesie Kunst, freilich nur in Verbindung mit etwas Nützlichem. Dasschuldete sie ihrer Kinderstube. In dieser Phase hatte sie eineunglückliche Romanze mit einem Älteren, einem, der alt genug war,um etwas bieten zu können, zumindest ihr da noch Unerfahrenen etwasvorgaukeln zu können. Er verschwand, als sie schwanger war. Das Kindblieb. Wahrscheinlich ist sie katholisch. Also machte sie ihr Studiumfertig und hatte Glück, denn sie fand einen, der nichts von ihrwollte, weil er mit sich selbst zu tun hatte und hat. Ich glaube, beidem ist sie noch heute. Er rettete sie, doch war's einoberflächlicher Entsatz. Das weiß sie erst seit kurzem und fragtsich jetzt, ob es für ein wirkliches Glück nicht schon zu spätist.“
    Marcus unterbrach Edgars Nachsinnen: „War's das?“
    „Nein,warte: Sie hat Geld. Vielleicht kommt's vom Gatten, doch glaube ichdas nicht. Sie sieht nicht so aus, als ob sie huren müßte. Er läßtihr die lange Leine, muß ein schlechtes Gewissen haben; viel-leichthat er selbst schon längst gemerkt, daß sie nicht füreinanderbestimmt waren. Aber sie sind längst zu weit hinaus geschwommen undkönnen jetzt nicht so einfach umkehren, wenn du weißt, was ichmeine. Sie hat Zeit, doch hat sie sich die verordnet. Sie wundertsich seit Tagen darüber, daß sie es bisher nicht bemerkte..“
    „Wasbemerkt hatte?“
    „Wie schön es ist, Zeit zu haben.“
    „Woherwillst du das alles wissen?“
    „Ich sah ihre Augen, ihreKleidung und ihr Lächeln. Das genügte.“
    „Edgar, du bist eingottverdammter Angeber.“
    „Aber ein wissender Angeber.“
    „Beweises!“
    Edgar stand auf und setzte sich die Wolfsmaske auf. Dienoch hellen Stellen an seinem Kopf schmierte er mit Walderde dunkel.Dann lief er zur Schönen, die ihr Gesicht immer noch in die Sonnehielt. Edgars Gang verwandelte sich in einen tierischen,affengleichen; er ließ die Arme hängen, gab merkwürdig grunzendeund schmatzende Geräusche von sich.

    3.7..


    Schließlichhatte er den passenden Ton gefunden und fistelte um sieherumhechelnd:
    „Ich will mich verbinden mit Erde, der linden,doch du mußt verschwinden, wie will ich sonst finden den himmlischenBlinden. Asche zu Asche! Und mir Asche aufs Haupt.“
    Dabei griffer mit vollen Händen in den Waldboden und bewarf die Angesprochenemit Erde. Beim Lächeln bleckte er. Die Zähne bedrohten die Schöne,die erst belustigt, schließlich zunehmend ängstlich demabsonderlichen Treiben zusah. Edgar aber ließ nicht ab, vertierte inder Rolle, traf ins Ziel, traf und verwundete. Sie streckte die Händeaus! Edgar bekümmerte oder irritierte das nicht, seine Hände warfenschmutzigfeuchte Walderde auf die teuren Sachen und grapschten nachihr. Als er wieder einen Klumpen Erde auf die weiße Bluse geworfenhatte, sprang die Schöne auf und wehrte sich ihrerseits mit Händenund Füßen gegen den Eindringling:
    „Das ist Dreck. Du machstmir die Sachen schmutzig. Hör auf damit!“


    4.7..


    Edgarwich scheinbar erschrocken zurück:
    „Was für ein Wort? Hörauf? Ich muß dich hören, die leisen Töne, sie dringen hinein.“Er durchbrach die Distanz und griff nach den gelockten Haaren, zog anden Ohren: „Ich muß handeln und mich verwandeln, dann dichverschandeln und weiter lustschandelnd, wandelnd ich drandeln“,lärmte er vertiert und schmierte Dreck von seinem Gesicht auf dasihre. Doch mitten in diesem Gespinne änderte sich die Miene derUmsponnenen: Sie lachte! Edgar wurde wütend: „Jetzt ist mir derVers verschwunden. Ach, hau ab!“ Er riß sich die Maske vom Gesichtund ging zu Marcus zurück. Dort angekommen, warf er die Maske zuBoden und stürzte den Rest aus dem Krug die Kehle hinunter.
    „Daswar nur gewollt und nicht gerade nicht sehr überzeugend“, murmelteMarcus.
    „Du bist wohl selbst Schauspieler?“ bellteEdgar.
    „Seit gestern verdiene ich mein Geld damit“, sagteMarcus ruhig.
    „Wie denn das?“ fragte Edgar einige Zeitspäter.
    „Deine Frau suchte Ersatz und fragte mich, ob ich nichtvorspre-chen wolle. Ich brächte das nötige Charisma mit. Tja, dakonnte ich nicht widersprechen, ging hin und bekam die Rolle desheimkehrenden Dichters.“
    „Des heimkehrenden Dichters? Von wemist das Stück?“
    „Hab den Namen vergessen. Ein verhunztesStück, aber manchmal ganz spannend, wie deine Aufführung eben,etwas veraltet. So geht man heute nicht mehr mit Frauen um, glaubemir das, mein Freund!.“
    „Die Abgestumpften schweigen.“
    „Siehat gelacht.“
    „Das war erstaunlich.“
    Sie tranken wiederaus ihren Pötten, der eine schüttelte den seinen, denn das Gefäßschien leer, was er aber nicht wahrhaben wollte, der andere krochbeinahe vergnügt hinein ins kalte Vergnügen der Leere einerKakaotasse. Alberne Gesellen.
    Sie stand auf und kam. Der Wegführte ein wenig bergab. Sie blieb oberhalb vom Zieltisch auf einemVorsprung stehen und blickte die beiden Freunde ruhigan:
    „Hallo!“
    Edgar und Marcus schauten verstimmt hinauf.Sie taten so, als wären sie aus einer wichtigen Handlung gerissenworden.
    „Sie steht oben“, meinte Marcus.
    „Das scheint nurso. Sie tun immer so, als hätten sie allen An-spruch der Welt.“
    „Ichbin dir nicht böse und denke, daß du nur spielst“, sagte die Frauvon dreißig Jahren.
    „Allerdings. Aber nicht nur! - Was willstdu?“
    Die Angesprochene stutzte und ging dann vom Hügelhinunter, blieb etwa auf gleicher Höhe mit den Sitzenden stehen. DasGesicht war immer noch dreckverkrustet. Es kümmerte sie nicht. Edgarhob den Kopf und musterte sie erneut. Sie war schön. Kein Zweifel.Es war die oberflächliche Schönheit, die ihn abstieß, doch spürteer bei genauem Hinsehen die darunterliegende tatsächliche. Dasmachte ihn unsicher. Ihre Körperhaltung bewies Charakter. Das warkeine, die mühselig ihr Tagewerk verrichtete. Sie nahm es in dieHand! Wenn es eines Zweifels bedurft hätte an der vollständigenTatsächlichkeit von in die Welt geratenen Idealen, so wäre er durchdiese Frau zu zerstören. Verrückterweise irritierte dieser GedankeEdgar, ironischerweise fühlte er sich dann doch abgestoßen. Nein,sie würde zu einer Eskapade werden, zumindest einer Gefahr. In jedemFalle aber eine Gefährdung für den Rettungsanker, den er schonlängst ausgeworfen hatte. Die Schöne mußte weichen, war eineGefährdung bei der Suche nach der Rechten, denn sie könnte essein.
    „Ich will dich nicht. Nicht mehr.“
    „Das geht mir zuschnell. Willst du aufgeben, bevor wir gemein..“
    „Gemein. Seidgemein zueinander!“ forderte Marcus.
    „Marcus, gehspielen!“
    Der Angesprochene stand widerwillig auf und gehorchte.Auch gegen seinen Willen. Kaum, daß er gegangen war, erleichtertesich Ed-gar, indem er die Hand der Schönen nahm und mit ihr inanderer Richtung fortging. Selbst die fremdartigsten undgleichgültigsten Dinge, über die sie sprachen und sprechen würden,ließen ihn eine starke Übereinstimmung mit diesem Menschen spüren,der aus dem Nichts aufgetaucht. Jeder Satz traf ihn im Innersten,traf ihn an und ließ ihn wachsen. Edgar fühlte sich rot werden,wachsen und gleich-zeitig Angst bekommen. Verunsichert ging er mitder Schönen durch den spätsommerlichen Wald. Sein Herz hüpfteaufgeregt im engen Brustkasten hin und her. Auf der nächstenLichtung setzte sie sich auf einen Baumstumpf. Edgar bliebstehen:
    „Wie lange suchst du mich schon?“ wollte erwissen.
    „Willst du eine Geschichte hören, die du viel bessererzählen könntest?“ fragte sie zurück.
    „Ich bin mir nichtsicher, daß es dich wirklich gibt.“
    „Doch, Brüderchen, seitheute. Ich bin glücklich, daß es dich gibt und du mich ab sofortstets bei dir tragen wirst, ob du nun willst oder nicht.“
    „Lassenwir es dabei, fangen nichts miteinander an, nicht einmal dasEine.“
    „Warum nicht?“
    „Die Quellen versiegen.“
    „DieErde aber bildet neue.“
    „Nicht für uns!“
    „Nur füruns!“
    „Das ist mein Job! Ich muß dich wollen, nicht dumich!“
    „So, meinst du?“
    „Daß du mich willst, istselbstverständlich. Alle wollen das.“
    „Oh!“
    „Das istkein Witz. Ich weiß es.“ Edgar scharrte mit den Füßen. Siebemerkte es lächelnd. Es machte seine derben Späße erträglicher.„Wo kommst du her?“ fragte er.
    „Gleichgültig.“
    „Dukannst hier nicht bleiben. Ich muß.“
    „Das denkst dubloß.“
    „Auch das ist kein Witz.“
    „Und dieGelegenheit?“
    „Bleibt.“ Er überlegte: „Ich kann mitdiesem Rollentausch nicht umgehen.. Wie heißt du eigentlich?“
    „Daswar mein Zeichen. Jetzt wird es persönlich.“
    „Ich heißeEdgar. Besuch mich in ein, zwei Jahren wieder! Dannvielleicht.“
    „Wolkenstein, ich kam deinetwegen.“ Sie standauf und ging. Nach einigen Minuten ging Edgar zurück zum Wirtshaus.Marcus schäkerte mit Edith.
    „Und?“ wollte die wissen undsteckte einen Geldschein tiefer in den Ausschnitt. Kurz darauf hörtensie ein Auto reifenquietschend abfahren. „Ich wußte es“, sagteEdith nebenher.
    „Was wußtest du?“ fragte Marcus leise.
    „Diebeiden sind von gleicher Art. Das konnte nicht gutgehen. Edgarerträgt niemanden neben sich, der ihm ähnelt.“ Edgar hörte dasnicht.
    „Kluges Kind“, meinte Marcus und küßte Edith. „Ererträgt auch niemanden neben sich, der anders ist, doch würde erdas niemals zugeben.“
    „Woher wußte sie meinen Namen?“fragte Edgar, der stirnrunzelnd in der Tür stand. „Edith, hastdu..“
    „Nein.“
    „Ich bin's. Sicher, ich bin's, der hiersteht, aber war sie's auch?“
    „Sie ist's nicht“, rief Edith.„Tändelei war's. Sie gehört zu deiner alten Freundin, du weißtschon, die alte Dame vom Hausberg..“
    Doch Edgar war schonjenseits aller Wahrheiten.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: In vitae veritas

    Der Text wandelt das bekannte Wort "In vino veritas" ab, und wie dort muß auch hier nach "in" der Ablativ stehen, und der lautet "vita" und nicht "vitae".
    Ergänzung: Im Deutschen steht nach "in" auf die Frage "wo?" der Dativ. "Vino" ließe sich als Dativ deuten, ist aber keiner, und "vitae" kann nur Genitiv oder Dativ, aber nicht der (hier erforderliche) Ablativ sein.

  4. #4
    rodbertus
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    AW: In vitae veritas

    Eigentlich hätte sich Jonathan hier melden müssen, sprechen wir doch über eine von Lessings - Theodorus! - Lieblingsplattitüden, die GEOMETRIE DER DUMMHEIT, wonach es die Radialen gibt, die alles auf den Punkt bringen, wobei sie a'la simplex sigillum veris verfahren, also (frei übersetzt) Das Einfache ist ein Zeichen des wahren Vermögens. Die Sekanten-Dummen finden über einige Verwurstelungen manchmal zum Kern, während die Tangentisten nur am Rande bleiben, aber niemals (das liegt eben in der Natur eines Tangentisten) die Kreisbahn berühren, und wenn sie auch noch so klug daherschwätzen, Tacheles (also frischfrommfröhlichfrei; kernergreifend) können sie nicht die Dinge benennen.


    Und so verhält sich's auch mit der Kunst, dem Künstler: Es ist die Distinktion zum Einfachen, die ihn auszeichnet. Das Einfache aber läßt sich nur annähernd beschreiben, die Phantasie ersetzt den Rest. (vgl. dazu meine Poetik)


    Und, ich gebe hier zu bedenken, daß der Prozeß entscheidend ist, das Einfache liebt es, sich zu verbergen und muß umkreist werden. Ha! Gefangen.

  5. #5
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: In vitae veritas

    daß die möglichkeit einer erlösung vom leiden letztlich das wichtigste ist, was den menschen in seinem streben antreibt, will mir nicht recht einleuchten. das leben selbst in seiner mannigfaltigkeit, seinem umfassen von glück und unglück ist die wahrheit. erlösung vom unglück und leiden? nein. wie will ich glück zu schätzen wissen, wenn ich unglück nicht kenne?

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: In vitae veritas

    Dein text hat etwas Gewalttätiges. War da nicht mal dieser Terroristenordner? Moment, ich schau mal nach. Bin selbst ein kleiner Steinewerfer. Hab eben so einen kennen gelernt, der's auch ist.


    Die literarische Qualität leidet unter den verschiedenen Sprachebenen, den ästhetisch uneinheitlichen Verwirbelungen. Eben Terrorismus, denn Du willst den Leser zu etwas zwingen, was der (vielleicht) nicht will..

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