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Thema: Capuccino

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Capuccino

    Zögernd nur, sehr langsam und sehr traurig, drehe ich mich um und gehe auf das schwere Eisengittertor des Friedhofs zu. Ihr Grab im Rücken. Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen, nachdem man mich schwer verletzt hat. Zurück auf der Strasse, zünde ich mir dann eine Zigarette an. Ich inhaliere den Rauch tief. Das Ausatmen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe eine Weile stehen, überlege, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe dem Verkehr zu. Es braucht Katastrophen, damit man begreift, wie klein und unwichtig man ist, denke ich und fühle mich alleine. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich in dieser Stadt, zwischen all den anderen Menschen, die dauernd abwesend an mir vorbei gehen, alleine fühle. Aber es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl als Befreiung empfinde. Zurückgeworfen auf mein Menschsein, denke ich und schliesse meine Augen dabei. Selbstverständlich taucht gleichzeitig sofort wieder das Bild ihres Gesichts auf vor mir und krallt sich fest im Hinterkopf, als ich weiter gehe. Ich werde scheitern, so oder so, murmle ich leise vor mich hin. Grundlos, meine ich, aber ich spüre, dass das nicht stimmt. Eine Taube kreuzt meinen Weg. Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist. Ich setze mich an ein Fenster. Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Er macht seine Sache konzentriert und gut. Überhaupt, hier klappt und funktioniert alles, überlege ich, und niemand fängt ein kleines Gespräch mit dir an. Man lebt und fühlt sich ebenso sicher wie eingeengt, und die meisten wollen irgendwann ausbrechen und auf und davon, aber diese Stadt hat etwas von einer Droge. Man hasst, wenn man hier ist, aber wenn man weg ist, fehlt sie einem. Ich kenne das. Trotzdem bin ich sicher, beim nächsten Mal die Stadt endgültig zu verlassen. Aber ebenso sicher bin ich mir, dass es kein nächstes Mal geben wird. Ich bin zu müde, um nochmals die Koffer zu packen, sage ich und nicke meinem Gedanken zustimmend, während mein Blick dem Mädchen folgt, das in diesem Moment vor dem Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei. Die ziehen hier Klamotten an, da fällt einem gar nichts mehr ein! Gedankenlos sehe ich ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich. Einen Capuccino, bitte! Sie mochte diese Stadt auch nicht, denke ich und denke also wieder an sie. Ihr war es nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug hier. Gleichförmig. Das war das Wort, das sie benutzte, um ihr Leben in dieser Stadt zu beschreiben. Ich, ich habe mich schon immer viel um mich selbst gekümmert. Sie konnte das weniger gut. Dafür hatte sie viele Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft. Ich hingegen war oft und gern allein. Ihr Motto aber war: "Sei mein Freund oder ich bringe mich um." Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist allgemein extrem groß hier, weil es eine sehr einsame Stadt ist. Man kann hier vereinsamen. Manchmal geht es schnell. Der Capuccino ist kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Capuccino

    Sehr gut,
    doch nichts für mein momentanes Befinden. Ich bräuchte was zum Schreien!

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Capuccino

    >>>>>Zurückgeworfen auf mein Menschsein...<<<<<

    Nun, auf was schon sonst? Du wälzt dich in Banalität.


    >>>>>Ich, ich habe mich schon immer viel um mich selbst gekümmert.<<<<<


    Das muss wohl stimmen. Was interessiert dich auch sonst schon?


    >>>>bauchnabelfrei. Die ziehen hier Klamotten an, da fällt einem gar nichts mehr ein!<<<<<


    Echt sensationell, wie die Mädels bei euch in Zürich oder wo das ist rumlaufen. Sie tuns nämlich überall so. Und wie eine Droge wirkt Züri in der Tat. Nämlich wie ein starkes Schlafmittel.


    Gähn!
    Quoth

  4. #4
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Capuccino

    Hat mir gefallen, aber ich würde gern, bitte sehr, mehr über die Verstorbene erfahren.

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Capuccino

    Sie brauchen etwas zum Schreien, Herr Hannemann? Lesen sie ihre Texte in diesen Ordnern.
    Möglicherweise waren Sie mal ein guter Koch, aber ich vermute, dass Sie nicht mehr kochen, wahrscheinlich, weil Sie keinen Geschmack mehr haben. Lesen Sie Ihre Texte. Vielleicht aber besser auch nicht, der Pfeffer, den Sie vermeinen zu streuen, könnte in Ihren Augen landen. Aber sicher haben Sie auch dagegen ein Rezept. Nur zu, ich kann lesen.

  6. #6
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    AW: Capuccino

    Ich bin den Text mal durchgegangen.


    Zögernd nur, sehr langsam und sehr traurig,
    2x sehr?


    drehe ich mich um und gehe auf das schwere Eisengittertor des Friedhofs zu. Ihr Grab im Rücken.
    Schön!


    Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen, nachdem man mich schwer verletzt hat.
    Nachdem man sich verletzt hat und ich lerne laufen? Das ist irgendwie falsch.


    Zurück auf der Strasse, zünde ich mir dann eine Zigarette an. Ich inhaliere den Rauch tief.
    Inhaliere (ohne Rauch, was sonst?)


    Das Ausatmen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe eine Weile stehen, überlege, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe dem Verkehr zu. Es braucht Katastrophen, damit man begreift, wie klein und unwichtig man ist, denke ich und fühle mich alleine.


    Begreift man dann wie unwichtig man ist, oder wie verletzlich?


    Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich in dieser Stadt, zwischen all den anderen Menschen, die dauernd abwesend an mir vorbei gehen, alleine fühle. Aber es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl als Befreiung empfinde.


    Zurückgeworfen auf mein Menschsein, denke ich und schliesse meine Augen dabei.
    So abstrakt denkt man nicht über sich selber, das wäre eine Reflektion, die hier kalt lässt.


    Selbstverständlich taucht gleichzeitig sofort wieder das Bild ihres Gesichts auf vor mir und krallt sich fest im Hinterkopf, als ich weiter gehe.


    Warum selbstverständlich?


    Ich werde scheitern, so oder so, murmle ich leise vor mich hin. Grundlos, meine ich, aber ich spüre, dass das nicht stimmt. Eine Taube kreuzt meinen Weg.


    Bist Du alt? Alte Leute murmeln, junge eher weniger. Die Taube ist gut.


    Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist. Ich setze mich an ein Fenster. Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Er macht seine Sache konzentriert und gut.


    Gutes Bild.


    Überhaupt, hier klappt und funktioniert alles, überlege ich, und niemand fängt ein kleines Gespräch mit dir an.


    Warum sollte man auch? Der Verkehrspolizist reicht als Bild des funktionierens, das muß nicht erklärt werden.


    Man lebt und fühlt sich ebenso sicher wie eingeengt, und die meisten wollen irgendwann ausbrechen und auf und davon, aber diese Stadt hat etwas von einer Droge.
    Zu oft man Warum nicht die Stadt ist eine Droge? Die der Sicherheit eben.


    Man hasst, wenn man hier ist, aber wenn man weg ist, fehlt sie einem. Ich kenne das.


    Man, man


    Trotzdem bin ich sicher, beim nächsten Mal die Stadt endgültig zu verlassen. Aber ebenso sicher bin ich mir, dass es kein nächstes Mal geben wird. Ich bin zu müde, um nochmals die Koffer zu packen, sage ich und nicke meinem Gedanken zustimmend, während mein Blick dem Mädchen folgt, das in diesem Moment vor dem Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei.
    Ein wenig larmoyant. Sie ein Dreißigjähriger, der eine Sinnkrise am kurzen Top eines Mädchens festmacht.


    Die ziehen hier Klamotten an, da fällt einem gar nichts mehr ein! Gedankenlos sehe ich ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich.


    Der Moralismus der Trauer. Aber das kommt nicht gut rüber. Es fehlt Ironie.


    Einen Capuccino, bitte! Sie mochte diese Stadt auch nicht, denke ich und denke also wieder an sie. Ihr war es nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug hier. Gleichförmig.
    Das war das Wort, das sie benutzte, um ihr Leben in dieser Stadt zu beschreiben.


    Wähl ein besseres Wort. Das bietet sich zu sehr an. Isomorph wäre da lustig, weil es etwas über die Tote sagen würde. Abwegig und originell wäre. Den Wunsch nach Ausbruch auch durch ein Fremdwort unterstützen würde (ich bin sonst kein Fan von Fremdworten)


    Ich, ich habe mich schon immer viel um mich selbst gekümmert. Sie konnte das weniger gut. Dafür hatte sie viele Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft.


    Freunde aus der Nachbarschaft ist zu banal. Warum nicht Freunde in der Ferne, denen sie schrieb?


    Ich hingegen war oft und gern allein. Ihr Motto aber war: Sei mein Freund oder ich bringe mich um.


    Das ist aber merkwürdig, dass sie dann überhaupt freunde hatte, Diese Menschen werden gemieden. Beim ersten Lesen habe ich verstanden Sei mein Freund, oder ich bringe DICH um. Das fand ich einleuchtend. Den Typ gibt es. Der hat auch Freunde.




    Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist allgemein extrem groß hier, weil es eine sehr einsame Stadt ist.


    Ich denke die meisten Städte sind gleich einsam. Außerdem ist nicht die Stadt einsam, sondern die Leute. Der Stadt ist das wurscht.




    Man kann hier vereinsamen. Manchmal geht es schnell. Der Capuccino ist kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.


    Vereinsamen kann man überall. Ich würde dies hier weglassen:
    Man kann hier vereinsamen. Manchmal geht es schnell. Und dann direkt zum Ende kommen.




    Der junge? Mann ist weinerlich, die Situation ist traurig und ein wenig komisch zugleich. Er denkt nicht wirklich an die Tote, er spiegelt sich in ihr. Das könntest Du besser herausarbeiten, denke ich


    Kyra

  7. #7
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    AW: Capuccino

    Schöner Text zum Thema "ennui". Kreist, kreißt und gebiert am Ende das, worauf es im Titel eben ankommt... einen erkalteten, gelangweilten Capuccino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich mag den Text.


    herzlichst uis

  8. #8
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    Post AW: Capuccino

    Liebe Kyra, Dir ein herzliches Dankschön für deine Textarbeit. Da ist Berechtigtes und Unberechtigtes dabei, denke ich. Für beides gleichermassen danke.


    Quoth, Dein Kommentar kommt mir irgendwie nicht sehr differenziert und sachlich rein. Ich ignoriere ihn also, mit Verlaub. Gähn.


    Patina, über die Verstorbene gäbe es vieles zu sagen noch, hast schon recht. Aber darum geht es hier nicht. Gerade darum nicht.


    Hannemann: Zum Schreien ist der Text dann doch zu ruhig, hast recht.



    Uisgeovid: Merci a toi.



    Greetings,
    Mr. Jones

    CAPUCCINO
    ________________________


    Zögernd nur, sehr langsam und sehr traurig, drehe ich mich um und gehe auf das Eisengittertor des Friedhofs zu. Ihr Grab im Rücken. Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen. Zurück auf der Strasse, zünde ich mir dann eine Zigarette an und inhaliere tief. Das Ausatmen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe eine Weile stehen, überlege, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe dem Verkehr zu dabei. Es braucht Katastrophen, damit man begreift, wie klein und unwichtig man ist, denke ich und fühle mich alleine. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich in dieser Stadt, zwischen all den Menschen, die dauernd abwesend an mir vorbei gehen, alleine fühle. Aber es ist das erste Mal, dass ich das Gefühl als eine Art Befreiung empfinde: es wirft mich zurück auf mein Menschsein. Ich schliesse die Augen. Gleichzeitig taucht sofort wieder das Bild ihres Gesichts vor mir auf und krallt sich fest im Hinterkopf, als ich weiter gehe. Ich werde scheitern, so oder so, flüstere ich vor mich hin. Grundlos, meine ich, aber ich spüre, dass das nicht stimmt. Eine Taube kreuzt meinen Weg. Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist. Ich setze mich an ein Fenster. Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Er macht seine Sache konzentriert und gut. Und niemand fängt ein kleines Gespräch mit dir an, überlege ich, man lebt und fühlt sich ebenso sicher wie eingeengt, und die meisten wollen irgendwann ausbrechen und auf und davon, aber diese Stadt hat etwas von einer Droge. Man hasst, wenn man hier ist, aber wenn man weg ist, fehlt sie einem. Ich kenne das. Trotzdem bin ich sicher, beim nächsten Mal die Stadt endgültig zu verlassen. Aber ebenso sicher bin ich mir, dass es kein nächstes Mal geben wird. Ich bin zu müde, um nochmals die Koffer zu packen, sage ich und nicke, meinem Gedanken zustimmend, während mein Blick dem Mädchen folgt, das in diesem Moment vor dem Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei. Gedankenlos sehe ich ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich. Einen Capuccino, bitte! Sie mochte diese Stadt auch nicht, denke ich und denke also wieder an sie. Ihr war es nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug hier. Isomorph. Das war das Wort, das sie benutzte, um ihr Leben in dieser Stadt zu beschreiben. Ich, ich habe mich schon immer viel um mich selbst gekümmert. Es störte mich nicht, oft allein zu sein. Sie konnte das weniger gut. Deshalb hatte sie viele Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft. Ihr Motto war: „Sei mein Freund oder ich bringe dich um.“ Eigentlich meinte das aber: „Sei mein Freund oder ich bringe mich um.“ Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist allgemein extrem groß hier, weil es eine sehr einsame Stadt ist. Man kann leicht vereinsamen hier, und manchmal geht es schnell. Der Capuccino ist kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.

    kyra, ein spezielles merci dir noch nachträglich für das 'isomorph'!

  9. #9
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    AW: Capuccino

    Hallo Mr. Jones,

    es freut mich, wenn Du etwas von meinen Gedanken gebrauchen konntest. Leider habe ich mich lange nicht mehr an der Textarbeit beteiligt. Ich habe Phasen, da kann ich es und es macht mir Freude. Es ist wie mit dem Schreiben, es geht manchmal, und dann bisweilen eben nicht. Außerdem hat mir Dein Text Spaß gemacht. Ich glaubte zu ahnen ihn halb zu verstehen.

    Freue mich schon Dich in 2 Wochen leibhaftig zu sehen

    Kyra

    Ach, Quoth - ich habe damit keine Urheberrechte an dem Text erworben. Es ist wie mit jemandem sprechen....mir fällt etwas ein und ich sage es. Was MJ oder wer auch sonst immer, damit macht, hat nichts mehr mit mir zu tun. Es ist wie etwas was Du aufschnappst, ein Satz, eine Melodie. Wenn Du dann etwas daraus machen kannst, gehört es Dir.
    Es ist anderes als wenn ich mit einem anderen zusammen an einem Drehbuch arbeite. Das ist etwas Gemeinsames.
    Hier öffne ich nur mein Pompadour und streue einige Worte aus, Gedanken, Sätze. Das ist nur eine Reaktion. Es ist die Antwort auf etwas Geschaffenes. Kein Werk.

  10. #10
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    AW: Capuccino

    @ Kyra: Du glaubst gar nicht, wie viele Redakteure und Dramaturgen und Coachs und Lektoren sich für Mitautoren halten, "Weil von ihnen eigentlich ja das Beste stammt"!!!!


    @Mr. Jones: Lieber Kollege, Dein Text hat mich aggressiv gemacht, weil ich die Atmosphäre des Select und anderer Zürcher Cafes kenne: Larmoyante Selbstbespiegelung, und das in einer Stadt, die ihre größten Talente, siehe Theater, vertreibt, damit die Geldsäcke auf ihrem Zahngold ruhig weiterschlafen können. Du deutest das Weggehen an, aber es ist überfällig, diese Stadt wird dich zerstören, wenn du ihr nicht den Rücken kehrst.

  11. #11
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    Post AW: Capuccino

    kyra: ich freu mich auch...
    quoth: dir scheint zürich wirklich zugesetzt zu haben. nun ja, ich pass auf. auf mich. danke für den väterlichen ratschlag so oder so.


    tja. alles gute sind drei. hier nun, der vollständigkeit und transparenz halber, die endversion des capuccinos, ad acta:


    _________________________________________


    Capuccino




    Zögernd nur, sehr langsam und sehr traurig, drehe ich mich um und gehe auf das Eisengittertor des Friedhofs zu; ihr Grab im Rücken. Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen. Zurück auf der Strasse, zünde ich mir dann eine Zigarette an und inhaliere tief. Das Ausatmen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe eine Weile stehen, überlege, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe dem Verkehr zu dabei. Es braucht Katastrophen, damit man begreift, wie klein und unwichtig man ist, denke ich. Ich fühle mich alleine. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich so fühle in dieser Stadt, zwischen all den Menschen, die dauernd abwesend an mir vorbei gehen. Aber es ist das erste Mal, dass ich es als eine Art von Befreiung empfinde: das Gefühl wirft mich zurück auf mein Menschsein. Ich schliesse die Augen. Gleichzeitig taucht sofort wieder das Bild ihres Gesichts vor mir auf und krallt sich fest im Hinterkopf, als ich weiter gehe. Ich werde scheitern, so oder so, flüstere ich vor mich hin. Grundlos, wie ich meine, aber ich spüre, dass das nicht stimmt. Eine Taube kreuzt meinen Weg. Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist. Ich setze mich an einen Fensterplatz. Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Er macht seine Sache konzentriert und gut. Und niemand, überlege ich, fängt ein kleines Gespräch mit dir an, sondern man lebt und fühlt sich ebenso sicher wie eingeengt, und die meisten wollen irgendwann ausbrechen und auf und davon, aber diese Stadt hat etwas von einer Droge: man hasst, wenn man hier ist, aber wenn man weg ist, fehlt sie einem. Ich kenne das. Trotzdem bin ich mir sicher, beim nächsten Mal die Stadt endgültig zu verlassen. Aber ebenso sicher bin ich, dass es kein nächstes Mal geben wird. Bei dem Gedanken folgt mein Blick einem Mädchen, das in diesem Moment vor dem Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei. Ich sehe ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich. Einen Capuccino, bitte! Sie mochte diese Stadt auch nicht, sage ich kleinlaut zu mir und denke also wieder an sie, oder immer noch. Ihr war es nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug hier. Isomorph. Das war das Wort, das sie benutzte, um ihr Leben in dieser Stadt zu beschreiben. Ich, ich habe mich schon immer viel um mich selbst gekümmert. Es störte mich nicht, oft alleine zu sein. Sie konnte das weniger gut. Deshalb brauchte sie viele Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft. Ihr Motto war: "Sei mein Freund oder ich bringe dich um." Eigentlich meinte das aber: "Sei mein Freund oder ich bringe mich um." Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist allgemein extrem groß hier, weil es eine sehr einsame Stadt ist...
    Unterdessen ist der Capuccino kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.

  12. #12
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Capuccino

    mir gefällt es jetzt. über einige Sätze muß ich noch nachdenken. Kritik wird eventuell später nachgereicht.

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Capuccino

    hallo mr. jones,


    langweiliges wischiwaschi.
    am meisten stört mich -man- wer oder was soll das sein?


    Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Er macht seine Sache konzentriert und gut. ???


    aber diese Stadt hat etwas von einer Droge: man hasst, wenn man hier ist, aber wenn man weg ist, fehlt sie einem WIESO???


    etc. pp


    Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung. Die ist -allgemein extrem groß hier- ???, weil es eine sehr -einsame-??? Stadt ist...


    mach was draus. das thema wäre es wert.
    wähle worte, die mich, deine leserin, inspirieren. ich möchte die menschen sehen, die atmosphäre spüren, die einsamkeit meinswegen auch ...


    gruß
    e.

  14. #14
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    AW: Capuccino

    Original erstellt von eulalie:

    langweiliges wischiwaschi.
    am meisten stört mich -man- wer oder was soll das sein?



    man. das unpersönliche ich. weil er nicht gern ich sagt. weil er distanz sucht. auch zu sich. vor allem zu sich. aber sein alleinsein konfrontiert ihn mit sich, wirft ihn zurück auf den kern seines menschseins. ganz nach büchner: der mensch ist mensch weil er ist alleine. MAN kann dem nicht ausweichen, manchmal.


    dank dir so oder so für deine fragezeichen. bloss: ich weiss nicht recht. du willst mehr. mehr atmosphäre. nicht das behauptende, sondern das beschreibende, heisst das wohl im klartext. ich muss drüber nachdenken. weil das hat schon so seinen grund, dass ich spare mit beschreibungen. dass da zum beispiel kein kellner auftaucht und letztlich überhaupt fast keine geschichte. sogar die langeweile ist bewusster beschwört als du womöglich meinst. aber vielleicht hast du auch recht... vielleicht braucht der text ein mehr. vielleicht schadet ihm das skizzenhafte. warum aber zögere ich?


    Mr. Jones

  15. #15
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Capuccino

    ja, mr. jones, es ist leider nur eine skizze, eine notiz in deiner kladde.


    mir brennt dieses thema jedenfalls unter den nägeln. es ist eins der themen unserer zivilisierten? welt. ich werde aggressiv, wenn z. b. die verkäuferin mir mein wechselgeld in die hand drückt und mich dabei nicht anschaut - kleinkram, trotzdem. ein wohlmeinendes lächeln kann wirklich den berühmten (schweizer) berg versetzen *g*


    hab schon verstanden, das mit deinem -man-
    stilmittel. na und? ich finde, da machst du es dir zu einfach. dein -ich- ist mir durchaus sympatisch, wenn auch etwas weinerlich und passiv, das -man- interpretiere ich so: er? ist nicht besser als die anderen, beklagt sich und ist gleichzeitig einer von ihnen. wäre ja an sich noch okay , aber, er checkt es nicht. er fühlt sich nur als opfer und ist auch täter?! solche typen hab ich wiederum echt gefressen.


    "Sei mein Freund oder ich bringe mich um."
    yepp! und wie weiter?
    allerdings, bin mir nicht sicher, ob das nicht der anfang/tenor einer ganz anderen geschichte ist.


    ich meine, du kommst nicht um das "eingemachte" herum.
    sonst bleibts beim fisch sucht fahrrad


    übrigens, wäre es nicht die kunst, langeweile zu präsentieren, die deine leser fesselt, als tatsächlich zu langweilen.
    langeweile ist wie entropie, sie passiert einfach. wenn ich mich langweilen will, lese ich keine geschichten, das ist in solchen momenten viel zu anstrengend


    machs besser!
    gruß
    e.

  16. #16
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    AW: Capuccino

    in allerkürzester kürze: wenn der text langweilig ist, ist er tot. ob er - für mich - langweilig ist, weiss ich noch nicht. gib mir zeit, damit ichs herausfinde. merci dir.


    Mr. Jones

    isn't it strange, eulalie? da will ich mehr sagen, und wie endet es? ich streiche weg und vertrau dem capuccino, dass er langsam genug abkühlt...


    ________________________

    Capuccino

    Zögernd nur, sehr langsam und sehr traurig, drehe ich mich um und gehe auf das Eisengittertor des Friedhofs zu; ihr Grab im Rücken. Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen. Zurück auf der Strasse, zünde ich mir dann eine Zigarette an und inhaliere tief. Das Ausatmen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe stehen, überlege eine Weile, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe dem Verkehr zu dabei. Es braucht Katastrophen, damit man begreift, wie klein und unwichtig man ist, denke ich. Und fühle mich alleine: zurückgeworfen auf mein Menschsein. Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal empfinde ich das Gefühl als identisch mit mir. Ich schliesse die Augen und kann die Leute hören, aber nicht spüren, die, abwesend wie Geister, an mir vorbei ziehen. Gleichzeitig taucht das Bild ihres Gesichts vor mir auf und krallt sich fest im Hinterkopf, als ich weiter gehe. Ich werde scheitern, so oder so, flüstere ich vor mich hin. Eine Taube kreuzt nickend meinen Weg. Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist, und setze mich an einen Fensterplatz. Von hier aus kann ich einen Verkehrskadetten beobachten, wie er in der Mitte der Kreuzung den Verkehr regelt. Und niemand, überlege ich, fängt ein kleines Gespräch an, man lebt und lebt eigentlich nicht, weil man es gar nicht erst versucht. Bei dem Gedanken folgt mein Blick einem Mädchen, das in diesem Moment vor dem Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei. Ich sehe ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich. Einen Capuccino, bitte! Sie mochte diese Stadt auch nicht, sage ich kleinlaut zu mir und denke also wieder an sie, oder immer noch. Ihr war es nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug hier. Isomorph. Das war das Wort, das sie benutzte, um ihr Leben in dieser Stadt zu beschreiben. Ich habe mich immer viel um mich selbst gekümmert. Sie konnte das weniger gut. Deshalb brauchte sie viele Bekannte aus der Nachbarschaft. Ihr Motto war: "Sei mein Freund oder ich bringe dich um." Eigentlich meinte das aber: "Sei mein Freund oder ich bringe mich um." Das war ihre Sehnsucht nach Sozialisierung...
    Unterdessen ist der Capuccino kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.

  17. #17
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    AW: Capuccino

    Aber zum ersten Mal empfinde ich das Gefühl als identisch mit mir.


    das Wort "identisch" stört mich. Es ist wie ein Fremdkörper - komisch, gell?

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Capuccino

    Capuccino


    Zögernd nur, drehe ich mich um und gehe auf das Eisengittertor des Friedhofs zu; ihr Grab im Rücken. Die Schritte fallen mir nicht leicht, es ist fast, als müsste ich neu laufen lernen. Zurück auf der Strasse, zünde ich mir eine Zigarette an und inhaliere tief und atme aus. Das Loslassen ist es, das schwer fällt in diesen Tagen. Ich bleibe stehen und überlege, welche Richtung ich einschlagen soll, und sehe den Autos nach, gleich mir, vergiften sie die Atmosphäre dieser Stadt. Es braucht Katastrophen, damit wir begreifen, wie klein und unwichtig wir sind, denke ich. Und fühle mich einsam: zurückgeworfen auf mein Menschsein. Ich existiere. Na und? Nicht mal mich interessiert das wirklich. Ich schliesse die Augen und höre die Leute wie Geister an mir vorüber ziehen, ohne sie zu spüren. Es ist ihr Gesicht, das vor mir auftaucht, sich an mich krallt. Ich kann kaum weiter gehen. Du wirst scheitern, so oder so, flüstere ich vor mich hin. Eine Taube kreuzt meinen Weg. Ich weiche ihr aus, hinein in ein Cafe, das fast leer ist, und setze mich an einen Fensterplatz und beobachte einen Kadetten, wie er auf der Kreuzung den Verkehr regelt. Und niemand, überlege ich, fängt ein kleines Gespräch an, man lebt und ist wie tot, weil Menschen zu feige sind und mein Blick folgt einem Mädchen, das am Fenster vorbei schlendert, bauchnabelfrei. Ich sehe ihm nach, kaum dreizehn, schätze ich. Einen Capuccino, bitte! Sie (schlecht, weil im ersten Moment bezug auf das mädchen beim lesen) mochte diese Stadt ebenso wenig wie ich, sage ich kleinlaut zu mir. Ihr war sie nie bunt, nie farbig, nie lebendig genug. Isomorph. Das war das Wort, das sie benutzte. Ich habe mich immer viel um mich selbst gekümmert. Zu viel? Sie konnte das weniger gut. Ihr Motto war: "Sei mein Freund oder ich bringe dich um." Ich bin mir sicher, eigentlich meinte sie: "Sei mein Freund oder ich bringe mich um." Ihre Sehnsucht nach Nähe.
    Der Capuccino ist kalt geworden. Auch gut, denke ich. Und zahle. Und gehe.

    (...)

    Du wirst scheitern, so oder so, flüstert sie mir zu.

  19. #19
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    AW: Capuccino

    Inhalt: Üble Sache.
    Dramaturgie: Pointiert und dramaturgisch gelungen.
    Sprache: Im mittleren Teil könnte ich mir einen Hinweis aufs Ende vorstellen, vielleicht ein Detail, das beim Leser am Ende anagnoritisch wirkt. Die im Laufe der Textentwicklung vorgenommenen Änderungen haben den Text nicht verbessert. Der Hinweis auf den Tod der Partnerin am Anfang lenkt den Leser von Anfang an, was nicht gut ist.

    Der Ordner zeigt, daß viele Köche den Brei verderben und bestätigt damit, wie wenig sinnvoll öffentliche Textarbeit in einem literarischen Forum zuweilen sein kann.

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