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Thema: Der Tod und das Mädchen

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Der Tod und das Mädchen

    DER TOD UND DAS MÄDCHEN


    Dramatis Personae:
    Mädchen (M)
    Angestellter (A)
    Chef (C)


    Mädchen: sitzt auf dem Stuhl, der Angestellte beachtet sie nicht und macht sich am Galgen zu schaffen.


    M: Ich habe es mir anders überlegt. Ich will doch nicht sterben.
    A: Wie bitte? Das geht nicht. Sie können jetzt keinen Rückzieher machen. Was ist mit dem Publikum? Sollen wir sie etwa nach Hause schicken?
    M: Ja, schicken Sie sie nach Hause. Sagen Sie ihnen, die Hinrichtung findet nicht statt.
    A: Das können wir nicht einfach so verschieben. Der Termin ist festgelegt.
    M: Ich will es nicht verschieben. Ich will es überhaupt nicht. Ich habe es mir anders überlegt.
    A: Muss ich Sie an den Vertrag erinnern, den Sie unterzeichnet haben? Vertrag ist Vertrag.
    M: Was für einen Vertrag? Ich habe keinen Vertrag unterzeichnet.
    A: Aber doch, das haben Sie. Darin steht: "Weil ich zu der Erkenntnis gelangt bin, dass das Leben sinnlos ist und ich für die Welt überflüssig bin, erkläre ich mich bereit, mich öffentlich hinrichten zu lassen."
    M: Aber es ist keine freiwillige Hinrichtung mehr, wenn ich es mir anders überlegt habe.
    A: Doch. Ihr Beweis ist ihre Unterschrift. Da.
    M: Es sieht aus wie meine Unterschrift... Dann ist dieser Vertrag ungültig, weil der, der sterben wollte schon tot ist. Jetzt bin ich irgendjemand anderes.
    A: Das glauben Sie. Ich glaube dass ihr wirkliches Ich unterschrieben hat. Alles was Sie jetzt sagen, sagen Sie nur, weil Sie Angst bekommen haben.
    M: Mag sein. Das spielt keine Rolle. Ich habe es mir anders überlegt. Punkt. Das ist nicht Ihr Problem warum.
    A: Hm, na ja. Ich muss mal meinen Chef fragen. Vielleicht gibt es eine Klausel für diesen Fall.


    (A ab. C tritt auf)


    C (freundlich): Na, was ist, wird hier jemand nervös? Ich kenne das, am Tag vor meiner Hochzeit, ging es mir genauso...
    M: Ich würde doch wohl sagen, dass es hier nicht ums heiraten geht. Wie können Sie das so verharmlosen? Es sollte eine freiwillige Hinrichtung sein und ich will leben.
    A: ...und mein bester Freund hat mir gesagt, man muss eben ins kalte Wasser springen. Die Entscheidung war schwerwiegend, aber jetzt weiss ich, dass sie richtig war. Ich habe eine liebe Frau und zwei süße Kinder.
    M: Das interessiert mich nicht. Ich will nicht sterben.
    A: Das was Sie sagen zählt nicht, das geht jedem so vor einer Hinrichtung.
    M: Sie verdrehen mir die Worte im Mund.
    A: Das kommt Ihnen nur so vor. Sie verdrehen sich von ganz alleine. Sie haben doch selbst gesagt, man muss auch die Rückseite der Worte lesen. Sie lesen die Vorderseite und ich die Rückseite.
    M: Und was steht auf der Rückseite des Vertrags?
    C: Och. Nichts.
    M: Das glaube ich nicht. Zeigen Sie her.
    Da! Sehen Sie. Da steht, dass Kommunikation nicht möglich ist.
    C: Das dürfen Sie nicht so aus dem Kontext reissen. Da steht, dass Sie deswegen sterben wollen. Seien Sie nicht so spitzfindig.
    M: Sie sind spitzfindig.
    C: Meine Argumente sind besser als Ihre, weil ich das Grundproblem verstanden habe, dass Sie zu leugnen versuchen. Aus Angst heraus kann man eben nicht argumentieren.
    M: Angst gehört genauso zum konstanten Ich.
    C: Aha. Sie glauben also doch an das konstante Ich, das den Vertrag unterzeichnet hat. In Wirklichkeit haben Sie Angst vor dem Leben und Sie flüchten sich lieber in den Tod, als das zu leugnen. Das ist sehr konsequent von Ihnen. Ich schätze diesen noblen Zug.
    M: Aber ich will nicht mehr nobel sein. Ich habe es mir anders überlegt. Ich will frei sein. Wie kann ich denn an den Vertrag gefesselt sein, wenn er vorher nicht da war?
    C: Er war da. Alles Ungesagte ist da und will bei seinem Namen genannt werden. Sie haben diese Worte gesucht und gefunden: es ist ihre eigene Schrift.
    M: Ich habe es aber doch vergessen. Es existiert nicht mehr in mir.
    C: Deswegen haben Sie es doch aufgeschrieben, um nicht zu vergessen. Dieser Vertrag ist das konsequenteste Nicht-Vergessen-Wollen, das ich je gesehen habe. Sie meinen eben was Sie sagen.
    M: Nein, ich bin wie alle anderen auch. Ich meine kein Wort ernst.
    C: Na also. Entweder Sie bringen sich um, oder Sie hören auf, Umgang mit der Sprache zu haben- und Zweiteres können Sie nicht, machen Sie sich nichts vor. Worte ohne Bedeutung sind tote Worte. Wenn in Ihnen noch ein Fünkchen Liebe zu dem Wort steckt, dann sehen Sie es ein. Und in Ihnen sehe ich noch Liebe.
    M: Wie pathetisch! Das kann nicht sein, dass das von mir ist. Wahrscheinlich war ich betrunken, als ich das gesagt habe.
    C: Aha. Und warum ist ihre Not so groß, dass sie sich betrinken und dann pathetische Sachen sagen? Weil Sie wissen, dass ich Recht habe. Sie haben die Geister gerufen und nun haben sie den Salat. Mir können Sie nichts vorwerfen. Ich bin nur Ihr Zeuge.
    M: Hm.... Das klingt vernünftig.
    C: Sehen Sie?
    M: Nein. Die Betonung lagt auf klingt.
    C: Und warum haben Sie es dann nicht kursiv geschrieben oder unterstrichen? Das ist doch nur eine Ausrede.
    M: Dann unterstreiche ich es jetzt. Noch besser: Ich streiche alles durch.
    C: Jetzt nehmen sie Ihre Hände weg! Vertrag ist Vertrag!
    M: Ich bin unschuldig.
    C: Woher wollen Sie das wissen? Sie haben keine Moral. Sie kennen den Unterschied nicht zwischen schuldig und unschuldig... Ausserdem können wir die Hinrichtung nicht abblasen. Das Fernsehen ist da.


    (A tritt auf)


    M: Das Fernsehen ist da?
    C: Ja. Deswegen sterben Sie doch. Sie haben gesagt.... (blättert):"Um ins Fernsehen zu kommen würde ich sterben."
    M: Das ist der Beweis. Das habe ich nie gesagt. Sie verwechseln mich.
    A: Sie hat Recht. Das hat sie nie gesagt. Sie hat gesagt, weil das Leben sinnlos ist.
    C: Das hat sie danach gesagt. Es gibt keinen Zweifel. Es ist notariell beglaubigt.
    M: Zeigen Sie mir den Notar.
    A: Ich bin der Notar.
    M: Aber gibt es denn keinen, der protestiert?
    C: Doch. Es gab eine Gruppe von Abtreibungsgegnern. Aber als Sie hörten, dass Sie auch einmal eine Abtreibung hatten, sind sie gegangen, um woanders zu protestieren. Machen Sie sich nichts draus. Ich habe nichts gegen Abtreibung. Wir sind auf Ihrer Seite. Nicht wahr?


    (Sieht zum Notar, Notar lächelt und nickt gütig.)


    M: Das glauben Sie doch wohl selbst nicht. Wo sind meine Freunde?
    A: Sie sitzen in einem anderen Raum und diskutieren darüber, ob Freitod heldenhaft ist.
    M: Das ist ja schrecklich. Sagen Sie Ihnen sie sollen aufhören. Es geht nicht um Freitod oder Heldentum... Es ist... einfach Mord!
    C (erschrocken): Jetzt werden Sie aber vulgär.
    M: Es ist ja auch vulgär. Es ist eine ** und ein großes ** ** . Es ist ein Komplott und ihr seid alle **.
    C: Jetzt aber bitte. Es wird nachmittags gesendet. Denken Sie doch an die Kinder.
    M: Kinder? Die Kinder wollen auch, dass ich sterbe? Geben sie Ihnen doch einen Luftballon.
    C: Haben sie schon. (Zeigt auf eine Gruppe von Zuschauern mit Luftballons.)
    M: Dann geben Sie ihnen Süßigkeiten.
    C: Haben sie auch schon.
    (Zu dem Notar.) Sehen Sie nur! Ein Kind weint. Schnell. Sagen Sie es denn Kamerateams. Endlich wird jemand emotional.


    (A ab.)


    M: Weint es wegen mir?
    C: Nein. Es will ein Eis.
    M: Das ist der falsche Grund.
    C: Macht nichts. Das sieht man nicht im Fernsehen.
    So. Genug davon. Die Zeit drängt. Haben Sie noch etwas zu sagen?
    M: Ich will nicht sterben.
    C: Nein, ich meine, wollen Sie der Welt sagen warum Sie sterben wollen?
    M: Aber ich will nicht sterben.
    C: Das sind Ihre letzten Worte? Das macht sich nicht so gut. Besser wäre: "Sterben, schlafen, nichts weiter und zu wissen, dass ein Schlaf die tausend Stöße endet, die...ähm......?
    M: Aber Hamlet hat sich nicht umgebracht.
    C: Am Ende ist er aber doch gestorben.
    M: Ich will aber auf natürlichem Wege sterben.
    C: Ja, wenn wir dich erhängen, natürlich bist du tot.

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Der Tod und das Mädchen

    Gern würde ich sagen: Spielt mit Mustern." Spielt aber nicht. Will nur. Und damit ist so ziemlich alles gesagt. Oder sieht das jemand anders?

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Tod und das Mädchen

    Matthias Claudius
    Der Tod und das Mädchen


    Das Mädchen:
    Vorüber! Ach, vorüber!
    Geh, wilder Knochenmann!
    Ich bin noch jung, geh Lieber!
    Und rühre mich nicht an.


    Der Tod:
    Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
    Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
    Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
    Sollst sanft in meinen Armen schlafen!


    Nur der berühmte und vielfach in Malerei, Dichtung und Musik variierte Titel heißt noch nicht, dass dieses Stück sich mit den bisherigen Versionen des Themas auseinandersetzen muß. E. A. Poe hat den Tod eines jungen Mädchens zum zentralen poetischen Motiv erklärt (und ihm in zahlreichen Erzählungen sowie ein "Annabel Lee" und im "Raben" gehuldigt). Das muss für eine junge Autorin eine Provokation sein, und dieser Provokation scheint sich Ariadna hier stellen zu wollen.
    Die von Männern beherrschte Welt der Poesie liebt es, junge Mädchen sterben zu sehen. Auch der fromme Claudius stellt den Tod als erlösenden Beischläfer dar. Was sagt das Mädchen selber dazu? In einem unbedachten Moment, zu der Erkenntnis gelangt, dass das Leben sinnlos und es selbst "für die Welt überflüssig" ist, ja, vielleicht auch aus Eitelkeit und Ruhmsucht ("Um ins Fernsehen zu kommen, würde ich sterben"), oder auch depressiv nach der (gegen Ende erwähnten) Abtreibung, hat das Mädchen in seine öffentliche Hinrichtung gewilligt. Daß dieser Vertrag wegen Sittenwidrigkeit nichtig ist, blendet die Autorin aus, das Dramolett beruht auf dieser Ausblendung. Das Mädchen stemmt sich nun mit teils guten, teil hergeholten, teils spitzfindigen Argumenten gegen die öffentliche Hinrichtung. Und hier scheint mir das Stück eine entscheidende Leerstelle zu haben. Ich verstehe, warum das Mädchen in lebensmüder und zugleich ruhmsüchtiger Stimmung diesen Vertrag abschloß. Aber ich verstehe nicht, warum es plötzlich von dieser Entscheidung abrückt. Was ist geschehen? Warum findet sie das Leben nicht mehr sinnlos, sich selbst nicht mehr überflüssig? Die Beantwortung dieser entscheidenden Frage bleibt uns die Autorin schuldig, weshalb das Stück trotz der interessanten Kernproblematik blaß und abstrakt auf mich wirkt.
    Lesenswert find ich den Text schon wegen des Schlusses:


    >>>>>M: Ich will aber auf natürlichem Wege sterben.
    C: Ja, wenn wir dich erhängen, natürlich bist du tot.<<<<<


    Wie hier der Chef das "natürlich" entwertet und plötzlich ins Du fällt - ich habe die grässlich brutale Vertraulichkeit zwischen Henker und Opfer noch nicht knapper angedeutet gelesen.


    Und es ist auch ein Text über das Netz. Jeder weiß, daß rape und violation, Sadismus bis an die Grenze des Mords und diese überschreitend (und fast ausschließlich an Frauen) im Netz zu finden ist. Behaupte also niemand, es handle sich um ein reines Gedankenspiel.


    In den folgenden Dialogbeiträgen muß A durch C ersetzt werden:


    >>>>>A: ...und mein bester Freund hat mir gesagt, man muss eben ins kalte Wasser springen. Die Entscheidung war schwerwiegend, aber jetzt weiss ich, dass sie richtig war. Ich habe eine liebe Frau und zwei süße Kinder.
    M: Das interessiert mich nicht. Ich will nicht sterben.
    A: Das was Sie sagen zählt nicht, das geht jedem so vor einer Hinrichtung.
    M: Sie verdrehen mir die Worte im Mund.
    A: Das kommt Ihnen nur so vor. Sie verdrehen sich von ganz alleine. Sie haben doch selbst gesagt, man muss auch die Rückseite der Worte lesen. Sie lesen die Vorderseite und ich die Rückseite.<<<<<








    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 14. September 2002 editiert.]

  4. #4
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    AW: Der Tod und das Mädchen

    interessant allemal; text noch straffen, argumente ausholzen, aufs wesentliche bringen:


    jetzt will ich leben! egal, was ich gestern unterschrieben habe.


    @quoth: fürs leben brauchts keine begründung; der wille reicht!


    gruss eule.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Tod und das Mädchen

    ergänzung, eine graphik munchs: der tod und das mädchen


    Eine poetische Grundstimmung macht noch keinen poetischen Text. Hier greift Skurriles in Plattes. Abgesehen davon ist es ein Vorrecht der Frauen, ihre Meinung zu ändern. Ein Mädchen, meist von Attributen wie Unschuld und Schönheit begleitet, steht im krassen Gegensatz zum finsteren Wesen des Todes. Das an sich ist schon poetisch und damit ein oft benutzter Kontrast in der Kunst, vielleicht noch häufiger in der bildenden als in der schreibenden.
    Doch hier, in ariadnas Text gibt es in der Tat keine Motivik, keine Vertiefung, aber es gibt einen nachvollziehbaren, sofern man das Groteske liebt, Dialog. Ich würde die Szenerie noch erweitern wollen, vielleicht mit einem im Hintergrund übenden Regisseur, der ein Fernsehballett im Tütü Schwanensee üben läßt, dazu eine Gothic-Gruppe, die Mother, I can feel, the soil is falling over my head singt. Oder so.


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