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Thema: Hier ruht sanft...

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post Hier ruht sanft...

    In seinem Beruf, Altbausanierer, kam der kleine Otto viel übers Land. Niemand konnte genau sagen, was Ottos Frau, die dicke Bertah, ihm angetan, aber eines Tages fing er an, alte Marterl zu sammeln und zu restaurieren; solche, die vorzugsweise in unübersichtlichen Kurven am Straßenrand stehen und mit Texten wie "Schon im ersten Morgenrot, fuhr unsre Mama in den Tod" vom vorzeitigen Ableben einer besoffenen Familienmutter künden.
    Der kleine Otto hatte noch nie etwas gesammelt, doch die Marterltafeln mit Kruzifix und Porzellanbildchen der Verstorbenen - "Weil sie mußt gar schrecklich rasen, ist ihr nun nicht mehr zum Spaßen" - hatten es ihm angetan. In kurzer Zeit füllten die hölzernen Tafeln die selbst gebaute Gartenlaube, und auch die dicke Bertah begann langsam, sich für die Marterl zu begeistern: "Otto, Engelchen, zeig doch mal deine Schmuckstücke unseren Gästen!" Und Engelchen zeigte gehorsam den Gästen seine Marterlsammlung.
    Niemand hatte noch Sorge, was er dem kleinen Otto zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken sollte. Marterl. Kleine, große, barocke runde, karg eckige und solche wie ein Schild. Verwandte und alle seine Freunde gaben sich große Mühe, immer noch ausgefallenere Tafeln heranzuschaffen. "Als die Frau fuhr ins Korn, kam der Porsche gleich von vorn" oder "Hier in diesem dunklen Wald, hauts die Alte in den Spalt" waren noch nicht einmal etwas Besonderes. " Weil die Frau fuhr wie Sau, schreit sie nur noch Weh und Au" schon eher.
    Otto sammelte, restaurierte, die Freunde schleppten herbei, doch eines Tages war es genug. Der kleine Otto sprach bei einem Dämmerabendschoppen zur dicken Bertah: "Alles hat ein End, selbst die schönste Sammelei. Nur noch ein Marterl mit der Aufschrift "Jesus hat geholfen" von der Straße zum Einödbauern, und dann ist endlich Ruh. Geh, Spatzerl, magst nicht schnell ins Auto steigen und mir dieses letzte Marterl holen? Bitte!"


    Die Polizei fand ein leeres Auto mit durchgeschnittenen Bremsschläuchen, das sich dreimal überschlagen, doch die dicke Bertah war verschwunden. Als die Beamten den kleinen Otto bezüglich dringender Fragen in seinem Haus besuchten, saß dieser selig lächelnd auf einem Stuhl, wies nur stumm in den Garten. Es war eine Pracht: Hunderte von Marterl auf einem frischen Grab. Zuvorderst und bestens restauriert: "Schaurig hat sie mich geschunden, nun hab ich meine Ruh gefunden!"
    Keiner der Freunde wollte den kleinen Otto entschuldigen, aber alle waren der Meinung, daß ihm die dicke Bertah bestimmt etwas angetan.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Hier ruht sanft...

    Irgendwas muß da im sonntäglichen Weihrauch gewesen sein.

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Hier ruht sanft...

    das hat sie nun davon die dicke bertah!
    die rache der kleinen ottomannen!

  4. #4
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Hier ruht sanft...

    Klasse. Mein Vater wollte meiner Mutter übrigens den folgenden Spruch in den Grabstein meißeln:
    "Zwei nimmermüde Hände haben aufgehört zu schlagen, die Mutters war's, was braucht's der Worte mehr."
    Hat sie ihm übelgenommen, die Ankündigung.

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Hier ruht sanft...

    Manche Frauen neigen mit zunehmendem Alter, abnehmender Schönheit und enttäuschten Erwartungen das auszuleben, was sie von Kindes Beinen an schon in sich trugen: Boshaftigkeit. Wer kennt sie nicht, die böse Schwiegermutter?
    In Bayern scheint es da ein Nothilfegesetz zu geben. Altertümer nicht sanieren, sondern, neudeutsch, entsorgen.

    Habe diese Glosse gern gelesen.

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