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Thema: Poetischer Moment

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Poetischer Moment

    Eine Freundin mailt aus Paris:


    >>>>>Im Moment habe ich das Gefühl, von meinen Mitmenschen verwöhnt zu werden.
    Ich brauche nur zu lächeln, und alles geht wie von selbst.
    Dabei fällt mir ein, dass Du Deutschland prosaisch findest.
    Ja, vielleicht.
    Vorhin ging ich zum Einkaufen. Ein Clochard auf dem Weg wünschte mir einen Guten Abend.
    Ich wünschte ihm lächelnd dasselbe. Woraufhin er mir nachrief: "Princesse ! ! !"
    Das fand ich ausserordentlich poetisch, und ich habe mindestens noch 50 m weiter vor mich hin gelächelt.
    Gibt's sowas nur in Frankreich?<<<<<

  2. #2
    kls
    Laufkundschaft

    AW: Poetischer Moment

    Quoth: Gibt's so was nur in Frankreich?<<<<<


    Nein, diese seltenen goldenen Momente können Dir überall passieren. Wenn Du allerdings immer gleich einschnappst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, einem Engel zu begegnen. Mir kann ein nettes Lächeln einen ganzen Tag lang die Schwerkraft verringern. Aber ein blöder Spruch vorm Müsli macht mich zum Werhippie. Quoth, ich habe mich noch nicht sehr intensiv mit Deinen Texten auseinander gesetzt. Du versuchst Deine Souveränität zu wahren, das Recht auf eigene Fehler hoch zu achten. Wenn Du diesen Weg weiter verfolgst, wirst Du ein großer Poet/Schriftsteller, Mehr Biss, keine Betroffenheitsliteratur, Sei einfach ehrlich und vergiss die dumpfen Kritiker. Die Gilde der Schreiberlinge ist unsere intellektuelle Heimat. Und ich finde Deine Texte bemerkenswert. Leider nur quer gelesen. Die Protektionen derer, die so was schon länger praktizieren ist nicht zu unterschätzen. Es hat was mit Auslese zu tun. Wer immer gleich die Flinte ins Korn wirft, wäre eh kein guter Schriftsteller geworden. Stelle eine heimlich abgeschirmte Leitung zum Unterbewusstsein her, verweise die Mauer des aufgeflockten vorauseilenden Gehorsam auf den Bauschuttcontainer und sei froh, wenn man Dir mit solidarischem Geist begegnet. Wenn ich an die kindischen Spielchen denke, die ich anfangs hier spielte. Ich liebe dieses Forum. Ich liebe Euch, denn es gibt kaum einen höheren Kulturbeweis, als die geistige Auseinandersetzung mit ECHTEN Themen. Ich habe mindestens 5 x hier meinen Rücktritt angeboten, man wollte mich aber nicht vertreiben, man wollte mir nur helfen, etwas professioneller zu werden und hat es mir dann verboten, zu kneifen, nur weil nicht mit Worten gestreichelt wurde. Und das ehrt mich. Dich sollte es auch freuen. Ehrenwort, wenn ich dieses (heutige) Zahngemetzel hinter mir haben werde, will ich Euch alle etwas näher kennen lernen. Dieses Forum ist meine Inspiration, meine geistige Heimat, denn hier finde ich mir wesensähnliche Menschen, mit unleugbarer Liebe zum Wort...

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Poetischer Moment

    .....wenn ich dieses (heutige) Zahngemetzel hinter mir haben werde, will ich Euch alle etwas näher kennen lernen. Dieses Forum ist meine Inspiration, meine geistige Heimat, denn hier finde ich mir wesensähnliche Menschen, mit unleugbarer Liebe zum Wort...



    Du hast furchtbare Angst, nichtwahr?
    Da fängt man an die Mitmenschen zu lieben. Ich drücke Dir die Daumen.

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Poetischer Moment

    Vielen Dank für die wohlwollenden Worte, kls, aber noch dankbarer wäre ich für einen konkreten poetischen Moment aus deinem Leben, und sei es auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt. Sicherlich kommt dann heraus, dass wir ganz unterschiedliche Auffassungen von dem haben, was ein poetischer Moment ist - aber das ist ja auch gerade wieder interessant. Ich werde den nächsten, den ich als solchen empfinde, hier hereinschreiben. Und danke Ingrid für die schöne Mailstelle. Sie ist ein Mensch, der sich noch unter widrigsten Umständen freuen und das ausdrücken kann, und als solcher eigentlich eine geborene Dichterin. Aber sie weiß es nicht...

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Poetischer Moment

    Hallo Quoth


    ich will nicht abstreiten, daß es ein poetischer Moment ist von einem Clochard als Prinzessin bezeichnet zu werden. Mich stört aber, hier werden alle nur denkbaren Klischees bedient. Paris, romantischer Clochard (wir würden ihn Penner nennen, das würde der Szene schon etwas Glanz nehmen).
    Hier sehe ich Audry Hepburn in einem Film der 60er Jahre.
    Die erzählende Person sollte eigentlich in Gedanken bei diesem Mann bleiben, nicht nur sein Wort nehmen und hinfortschweben.
    Poetisch wäre ein Augenblick der Verbindung der beiden Personen, nicht nur ein nehmen ihrerseits. Alleine die Erwiderung "Guten Abend" reicht mir nicht. Es kling so, als sollte er sich schon glücklich schätzen, daß die Dame überhaupt mit ihm spricht.


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 26. September 2002 editiert.]

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Poetischer Moment

    Dann sag's ihr auch nicht. Eine Ingrid sollte sich ihr Leuchten bewahren, nicht zum Tier, Dichter, werden. Mein großes Werk , das die Welt braucht, beginnt mit den Worten: "Für jede Ingrid, und eine ganz besonders!"


    Eine andere Frage wäre der Diskussion wert, warum nämlich die Leichtigkeit des Lächelns in andere Ländern zuhaus. Hier in Bad Füssing, an der Quelle der Gesundheit, bin ich von Biestergesichtern umgeben. Motzkis, die mit altersschwachen Armen um Besitzstände krallen, wo ein Lächeln größeren Erfolg zeitigte. Es muß nicht ein Clochard sein, der mir ein "Mein Prinz" nachruft, ein sanftes Lachen in fremden (weiblichen) Augen genügt, und ich reiße kleine Bäume.
    So gesehen, lieber grüner Quoth, war das Dein bester Beirag für mich.

  7. #7
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    AW: Poetischer Moment

    - neulich, zur Sonnenscheinzeit noch, lehnte an einer Häuserwand ein Schwarzer - als er mich sah, meinte er: "Na, Bruder, alles klar?" - egal wie ich antwortete, der Bruder begleitete mich den ganzen Tag...
    - gestern, nun schon zur Wolkenherbstzeit, lächelte mich im Minimal (sehr poetisch...) eine Holde (Deutsche?) an - doch kaum dies geschehen, sank er Blick verschämt `gen Boden... -


    was lernte ich daraus?
    - die Schwarzen sind lässig, locker und haben ein gewisses Gespür für...
    - die Deutschen schämen sich
    - im Herbst ist alles anders
    - Altona ist ein liebenswerter Stadtteil, kaum Aggression zu spüren
    - wie sehr ich dieses Flimmern zwischen den "Auren" (mir fällt kein besseres Wort ein...) liebe und spüre...




    - ich war noch nie in Südamerika, aber wenn ich so ein Gespür am ehesten irgendwo vermute, dann da...

  8. #8
    Bauer Hans
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    AW: Poetischer Moment

    In Thailand gibt es Inseln, auf welchen die Eilander mit den Herzen lächeln, nicht nur Lippengeblecke.

  9. #9
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    AW: Poetischer Moment

    @ Kyra: Ich warte auf deinen poetischen Moment, Kyra, und bin sicher, er wird ganz anders aussehen, avantgardistisch, fett wie ein beuysscher Margarinewürfel, mystisch wie ein Bild von Kiefer, grellbunt wie eine richtersche Studie... Nun? Nun?
    Nachschrift: Ingrid lebt seit 25 Jahren in Paris und hat es, scheint's, aufgegeben mit Clochards zu reden. Aber ich werd nachfragen.
    @ Moderator: Bitte nenn mich jetzt nicht immer grün, du pechschwarzes Landei. Ich hab die gewählt, aber ich gehör ihnen nicht an. Ansonsten hab ich nichts dagegen, dass du meinen Beitrag magst.
    @ Paul: O ja, das war gut: Put a heavy story on me - hätte er vielleicht gesagt...
    Wäre vielleicht poetisch zu nennen eine menschliche Brücke durch Blick und Wort, wo man sie nicht erwartet? Supermarkt, wo alles auf die Waren starrt, wenn sich da Blicke begegnen ist es wie Nacktsein.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 26. September 2002 editiert.]

  10. #10
    rodbertus
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    AW: Poetischer Moment

    die Fülle, alles im Raum hat Poesie, denke ich, nein, fühle ich


    25.09.2002, 23:47 Uhr sie lächelte durch die zähne und lutschte an einer zitronenschale, ich nahm ihren kleinen finger und führte ihn zu meinem mund, sie ritzte mir die backe auf, ein wenig, und lächelte wieder durch die zähne, dann stand sie auf und stellte sich so vor mich hin, daß sie ihre hüfte ein wenig schräg hielt, blickte zurück über die schulter; tanzen? tanzen!
    dann kam ihr freund vom klo zurück und sie setzte sich wieder neben mich, brav, und schwätzte von einer reise nach berlin, die sie heute antreten müsse, um carmen beim tapezieren zu helfen...
    es war nichts und es wird nichts, denn ich liebe sie wie ihren freund. mehr ist dazu nicht zu sagen. aber die poesie blieb in diesem raum über die zeiten, schichtet sich jedes mal.

  11. #11
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    AW: Poetischer Moment

    rodbertus, ja, poetisch, und schmerzhaft; SEHR schmerzhaft. man m?chte den protagonisten am liebsten aus dem spiel nehmen und woanders, weit weg von ihr, wieder hineinsetzen, und beten, daß sie sich nie wieder begegnen.


    [Diese Nachricht wurde von Tobias am 26. September 2002 editiert.]

  12. #12
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    AW: Poetischer Moment

    In a Station of the Metro
    The apparition of these faces in the crowd;
    Petals on a wet, black bough.

    Ezra Pound


    Für mich: das Einfangen eines Momentes, gekoppelt an eine Bildlichkeit, die aus dem Zusammenspiel einen poetischen Moment werden lässt, wann immer man es liest.

  13. #13
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    Post AW: Poetischer Moment

    nun gut, ich oute mich

    Poetischer Moment

    Ich trete aus dem Haus. Es ist Januar, kurz nach sechs Uhr morgens. Orion zwinkert mir zu, der Mond scheint - fast rund, wei?. Sein Licht auf dem Schnee lässt die Landschaft nachthell aufscheinen. Mein Hund, Rebell, läuft mir ungestüm voraus, begeistert - lautlos jubelnd.
    Wir betreten die Buchenallee, die Baumstämme an der Westseite Schnee bestäub, die nackten Zweige mit Zuckerschnee bedeckt.
    Ich kann die Kälte hören, ein leises Knacken um mich herum. Sonst Stille. Rebell verschwindet im Geb?sch, ich gehe alleine weiter, folge meinem langen Schatten über den Schnee der in der Nacht gefallen ist. Trete eine jungfräuliche Spur.
    Der Hund ist verschwunden, ich rufe laut nach ihm. Meine Stimme scheint kläglich, dünn. Einen Augenblick später höre ich ihn durch das Gestrüpp brechen, in großen Sprüngen mit hüpfenden Schlappohren fegt er auf mich zu. Schneegestöber. Umrundet mich und rennt weiter. Wenig später kehren wir um. Ich versuche in meine Fußstapfen zu treten, merke wie der eisige Wind mir die Tränen über die Wangen treibt. Die Nase läuft. Mein Gesicht ist eingefroren. Nun gehe ich dem Mond entgegen, lasse den Schatten hinter mir. So glücklich bin ich, lasse mich auf den Boden fallen, umarme die Welt - bin Eins mit ihr, lebe unendlich gerne. Bis eine warme Zunge versucht mir die Mütze vom Kopf zu lecken und mich vor diesem romantischen Kältetod bewahrt.
    Zusammen gehen wir zum Haus und vergessen unsere Schatten.

    Das war vor 2 Jahren. Inzwischen stehen wir um 7 auf, wofür ich sehr dankbar bin. Aber da gibt es nicht mehr die Stille der Winterwelt. Glücklich und lebendig fühle ich mich nur alleine. Wenn ich Glück habe so einmal im Jahr. Aber das genügt mir.

  14. #14
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Poetischer Moment

    Robert - eine menschliche Brücke durch Blick und Berührung, wo man sie nicht erwartet, sofortiger Rückfall in Interesselosigkeit. nur ein Aufblitzen von Möglichem.

    Uisgeovid - Ja, das warst nicht du, aber du willst uns erinnern an die Theorie der Epiphanie, die Joyce zur ästhetischen Grundlage seines Frühwerks machte und die auch Pound hier benutzt: Etwas scheinbar Winziges, Bedeutungsloses, in dem mystisch für einen Moment das Ganze aufscheint. Aber eine solche Epiphanie von Dir wär interessanter.


    Kyra - allein? Gut, ohne Menschen - aber mit einem Hund ist frauchen, ist herrchen nicht allein. Der Moment einer Erfahrung glückhaften Einswerdens mit dem Ganzen, mit Natur, Licht, Schnee und Tier, Totalität und Identität ineinander verschwimmend.


    Was mir wichtig erscheint: Allen poetischen Momenten ist Interesselosigkeit eigen. Liegt es daran, dass man in einer (Liebes)Beziehung keine poetischen Momente erlebt?

  15. #15
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    AW: Poetischer Moment

    oh ja, so läuft der Hase...
    zwei Momente fallen mir ein:


    - nachts nackend ins Meer hinauswaten, der Vollmond, der sich schlingernd auf dem Wasser spiegelt ("let's swimm to the moon..."), der große Wagen hängt irgendwo rum und man möchte einfach immer nur weiter und weiter gehen...(still muß es natürlich sein und menschenleer...)


    - und (a propos still): es gab bis jetzt nur einen Augenblick, in dem ich in freier Natur, tagsüber!,nichts, absolut nichts hörte (kein Flugzeug-, Traktorbrummen, kein Wind, Vogelpiepsen, Hundebellen, Kirchturmbellen - nichts! das war sehr schön und erhaben!
    (in Irland auf irgend einem höheren Hügel war das)


    ja, so war's...

  16. #16
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    AW: Poetischer Moment

    Liegt es daran, dass man in einer (Liebes)Beziehung keine poetischen Momente erlebt?




    das könnte sein.


    PS. ich bin auch dem Hund gegenüber Frau - Mensch - Lebewesen - nicht frauchen !!!!


    Das Tier bring die Lebensfreude. Es gibt noch einen solchen Moment, der genauso intensiv, aber tierlos. Schreibe ich noch auf für die Sammlung der Momente. Ist lange her, 20 Jahre.


    [Diese Nachricht wurde von Kyra am 26. September 2002 editiert.]

  17. #17
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    Post AW: Poetischer Moment

    Gut, dann also eine Epiphanie von mir, weil Quoth mich ausdrücklich drum gebeten hat. Leider habe ich sie nur auf Englisch ausdrücken können. Das Ganze spielte sich, glaub ich, am 22. Dezember 1999 ab. (Und erinnert mich im Nachhinein irgendwie auch an Kyras Erlebnis):


    Winter Solstice
    The full, pale December moon
    half-risen above the eastern fields
    meets a dark purple sun,
    glowing over the mountain top in the West -
    casting this only fading light
    over our snow-covered fields.
    Some deer just stopped here ?
    in rest and awe...
    Behold my little dog, she wouldn?t go a-hunting them?
    She would not ask, not listen!
    Not a second would she ? wonder?
    The fields are wide and white and open ?
    The chase is about to commend...
    The deer just look
    and change their direction
    and as if by some strange reflection,
    follow their own fear across the moonlit fields into the western night...
    The little dog, whose chase did end
    before it really started
    has learned some more a lesson now:
    about winter and moon and nature.
    In this true hour
    watching the traces of man and deer ?
    as if we all knew...
    we may stay longer here.

  18. #18
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Poetischer Moment

    Der Rauch von Gartenfeuern
    Ein Sperling stürzt sich von der Dachtraufe
    Automotoren säuseln vorüber
    Freude am eigenen federnden Gang
    An der guten gehabten Verdauung
    Flugzeuggeorgel im Hohen
    Müdes Geplapper des Amselhahns
    Die rotädrigen Gemüseblätter der Beete
    Ein Mann mit Motorradfahrerhüftschutz stutzt die Hecke

  19. #19
    pjesma
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    Post AW: Poetischer Moment

    die sonnenstrahlen fallen von westen ins zimmer ich habe einen orangenes kind


    sein profil beim autofahren,scheint fast als er es wüste wo lang es geht


    gewöhnlich grüne wiese
    gewöhnlich bewolkte himmel
    ein kind lässt rote drache steigen


    und wind
    wind
    wind

  20. #20
    kls
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    AW: Poetischer Moment

    Apropos unpoetische Momente. Gestern 5 (fünf) Stunden Zahnarzt.


    Aber so etwas schreibe ich bei Ebbe in den Sand. In Granit gemeisselt aber dieser poetische Moment (Auch gestern). Ich habe nach dem Zahnarztbesuch meine Schnorchelkrautzucht geplündert. 10 kleingeschnittene Blüten in die Mikrowelle, 3 Minuten auf kleiner Stufe und...


    Sauguat. Boah, Leute, das hat vor lauter Poesie geknallt!

    Hier ändern sich ja ständig die Titel. Plötzlich bin ich ein bewährtes Mitglied. Vorher war ich 3 Stimmen, davor...

    Ist Euch eigendlich klar, in welch Identitätskrise ich mich nun befinde?





    [Diese Nachricht wurde von kls am 27. September 2002 editiert.]

  21. #21
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    22

    AW: Poetischer Moment

    habe gestern abend nach einer Textzeile aus einem Nietzsche-Gedicht gesucht - dann auch gefunden: es war aus "Der Freigeist - Abschied" - weil das ganze Gedicht gar so zur Situation passte, hab ichs in mein Tagebuch abgeschrieben - als ich mit dem Schreiben anfing, war es punkt Mitternacht - auf die Sekunde - mich schauderte...

  22. #22
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Poetischer Moment

    In der Schule mußte ich sie ständig anschauen. Sie hieß Sarah und saß am Fenster, zwei Tische von meinem Platz entfernt. Sie war sehr hübsch. Ihre Haut glänzte und war glatt. Sie blieb im Gegensatz zu den anderen Mädchen von Pickeln verschont, die in diesem Alter, etwa 15 bis 16 Jahre, völlig normal gewesen wären. An so etwas dachte ich damals natürlich nicht. Mir fiel nur ihre Schönheit auf, neben der alle anderen verblaßten. Sie hatte kurzes blondes Haar. Allerdings hatte sie einen langen Pony, der ihr permanent im Gesicht hing und ihre blauen Augen verbarg. Wenn es sein mußte, warf sie ihn mit einer geschickten Kopfbewegung aus ihrem Blickfeld. Sie trug ständig eine schwarze Lederjacke, die sie nie auszog, nicht mal im Sommer. Sie war eine von den coolen Mädchen. Nicht eine von diesen langweiligen Streberinnen, die immer begeistert die Hand hoben, wenn der Lehrer etwas fragte. Lieber träumte sie aus dem Fenster hinaus. Ich stellte mir vor, wie ich einen ihrer Gedanken fing, die sich durch den offenen Fensterspalt nach draußen schlichen, ein wenig auf dem Schulhof verweilten, um dann in den Himmel zu steigen. Sie verbrachte ihre Zeit auf der Schulbank außerdem damit, sich ihre Fingernägel zu lackieren oder in ihrem Heft rumzukritzeln, obwohl es gar nichts zu schreiben gab, denn Notizen von dem, was der Lehrer vorne sagte, machte sie sich bestimmt nicht. Sarah war nicht so eine, die ihr Wissen gerne preisgeben wollte. Im Gegenteil. Falls der Lehrer sie mal überraschte und speziell ihr eine Frage stellte, tat sie, als ob sie nicht wisse, worum es ging. Das war sicherlich auch des öfteren der Fall, aber sie war gerne der Außenseiter, die Coole. Da hätte eine kluge Antwort nicht ins Bild gepaßt. Statt dessen fauchte sie den Lehrer an Boah, du Pissnelke! und genoß das Gelächter der Klassenkameraden.


    Irgendwann erzählte ich meinem besten Freund, der sie nicht kannte, von ihr. Er schlug vor, daß ich sie anrufen und zum Kino einladen könnte. Wir gingen zu mir nach Hause und ich wollte sie anrufen. Es grummelte in der Magengegend und mein Herz klopfte wild. Ich wählte ihre Nummer. Es klingelte und bevor noch jemand abnehmen konnte, legte ich wieder auf. Mein Freund sah mich fragend an.
    Ich trau mich nicht, gab ich zu.
    Quatsch, jetzt ruf da an!
    Also versuchte ich es noch einmal. Mein Herz klopfte nun so heftig, daß es jeden Moment aus meiner Brust zu springen drohte. In meinem Magen machte irgend etwas Purzelbäume, mein Körper vibrierte und mein Kopf erhitzte sich dermaßen, daß ich dachte, mein Gehirn fängt an zu Kochen. Ich wählte die Nummer. Es klingelte und als eine männliche Stimme erklang, legte ich wieder auf. Das war der letzte Versuch. Ich gab es auf. Ich sagte mir, es ist sinnlos, denn sie mag mich sowieso nicht.


    Doch manchmal, wenn sie so träumerisch aus dem Fenster schaute und sich dann zu mir drehte und bemerkte, wie ich sie betrachtete, lächelte sie mich an. In diesen Momenten veränderte sich meine Welt. Ich sah alles mit anderen Augen. Die Englischlehrerin war auf einmal halb so alt und der graue Horizont war sonnendurchflutet. Das Gekritzel auf der Tafel war plötzlich ein Bild mit tausend Farben. Ich grinste wie blöde vor mich hin, obwohl es offensichtlich keinen Grund dazu gab. All das nur, weil sie mich angelächelt hatte. Vielleicht mag sie mich doch, dachte ich.

  23. #23
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    Post AW: Poetischer Moment

    ich denke an "les amants du pont neuf", an die poesie des abgrunds vielleicht, oder weil man sich vor dem abgrund die gefühle stärker denkt... irgendwie ist wohl jede poesie projektion? und das war wohl verklärter quatsch.


    nun, quoth, noch einen poetischen moment zum sammeln...


    und zu paris:


    fortentwehtin der place des vosges
    den clochard gekostet


    die fratzen notre dames wasserabläufe
    in ihrem gesicht gefunden


    den durst der stadt
    an meine gefühle gelassen


    und doch
    bin ich mir oft nicht sicher
    ob ich da wirklich mal war


    die nacht umhüllte uns umfassend und schwarz, beinahe plötzlich. das bergrestaurant war noch so weit wie der weg steil und gefährlich. wir haben einander an den händen gehalten. wortlos erst. bis er anfing, ein kinderlied anzustimmen. später assen wir schweigend eine gerstensuppe.


    so.


    momentement b.

  24. #24
    Bauer Hans
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    AW: Poetischer Moment

    Frühsommer. Der Hafer trägt noch Grün und Silber. Wind spielt mit den Farben Wellenreiten. Ich strecke die Hände, lasse Wind und Hafer meine Finger kitzeln. Ich sehe mich um, bin allein und fange an zu lachen.

  25. #25
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Poetischer Moment

    Paul lässt's gar schaurig Mitternacht schlagen, als er ein Nietzsche-Gedicht kopiert, Tobias erinnert sich an eine Jugendschwärmerei und das Glück, ein Lächeln von der Angebeteten zu ergattern. Pjesma genügen Licht und Wind einer bestimmten Weltsekunde, der Eidgenosse bedarf einer Hand, eines Kinderlieds und einer währschaften Gerstensuppe, während Hannemann ährenstreifend dasteht wie die bläulichen Jenseitsgestalten im famosen "Gladiator". In Uisgeovids "Wintersonnenwende" bleib ich an dem "she" hängen - ist der kleine Hund eine Hündin? Die Ähnlichkeit mit Kyras Hunde- und Schneewelt ist in der Tat bemerkenswert. Auffallend, dass bei fast allen Glück erlebt wird im "poetischen Moment", freilich ein flüchtiges und zartes, verhaltenes und immer, so scheint mir, mehr dem Selbstgenuß durch Weltgenuß sich verdankend als der Liebe. Eine Tendenz zur Kürze und Verknappung ist erkennbar, vielleicht dies einer der Gründe, weshalb sich, gerade im Netz, der japanische Haiku so großer Beliebtheit erfreut, denn er beschreibt eigentlich nie etwas anderes als einen "poetischen Moment". Nur Paul macht den Versuch, eine dunkle Stimmung einzufangen, die sich eher glücksfern ausnimmt, in dieser Richtung wünschte ich mir mehr, erinnere mich an den großen Eindruck, den ich einmal bei der Lektüre von Milton hatte, als ich seine Schilderung der gefallenen Engel und ihres Aufstehens aus dem brodelnden Höllensumpf las: Eine gewaltige Poesie des Düstren, Makabren.
    Meine Vermutung, dass eine (ausgelebte) Liebesbeziehung keine Poesie hergebe, scheint Bernouilly noch nicht zu widerlegen, aber doch widerlegen zu wollen. Ich glaube, Tobias und Robert sind mit ihrer unerfüllten, unerfüllbaren Liebe der Poesie doch näher als Bernouilly bei der Gerstensuppe - nun, aber es gibt natürlich auch eine Poesie der Häuslichkeit und des Familiär-Beschaulichen. Und wenn ich Kyra auch zugeben muß, daß Ingrids Clochard-Begegnung nichts Avantgardistisches hat, sie hat etwas anderes: Ein "l'art pour l'art", der Ruf "Princesse!" ist absolut interesselos, aus dem Abgrund der Verrottung der feinen bürgerlichen Dame nachgeworfen als ein ironischer, glanzvoller, trotziger Tribut an die Schönheit des Lebens.

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