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Thema: Athen - von den Anfängen bis zur Blüte

  1. #1
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Athen - von den Anfängen bis zur Blüte

    Gängiges Erklärungsmuster für die Verursachung von Kriegen: Die Reichen wollen reicher werden, die Armen werden zur Schlachtbank geführt und zahlen die Zeche.

    Das ist zumeist eine Lüge.

    Im demokratischen Athen bildeten die Armen die Kriegspartei, die reichen Athener dagegen waren für Frieden. Der Krieg zerstört Besitz, stülpt um und bringt den meisten Reichen nichts. Die Armen dagegen haben nichts zu verlieren und erkennen ihre Chance, besonders in Demokratien.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    Post Athen - von den Anfängen bis zur Blüte

    Attika ist in etwa so groß wie die Altmark. Die Bevölkerung bezeichnete sich als autochthon, also eingeboren. Sie war schon im Altertum sehr stolz darauf, den Wanderungsströmen in der Frühzeit Griechenlands widerstanden zu haben, also nicht durch Illyrier erobert worden zu sein. Dieses Selbstbewußtsein bewirkte Spannungen zu den dorischen Spartanern, die als Eindringlinge in den griechischen Raum betrachtet wurden. Dabei vergaßen die Bewohner Attikas gern, daß sie irgendwann, sicherlich irgendwann, auch gekommen sein mußten. Die Patriarchen einer selbstbewußten Königs- und Adelskultur bauten sich Burgen, besonders an der Landenge, die Attika vom übrigen Griechenland trennt, und schotteten sich gegen alles Fremde ab. Am Ende des zweiten Jahrtausends v.Chr., um 1100 v.Chr., war dieser Prozeß der Volkbildung abgeschlossen; Griechenland kam zur Ruhe und bildete still im sogenannten „Dunklen Zeitalter“ seine Eigentümlichkeit aus. Dorische Gründungen nahe Attika, Megara und Korinth, entdeckten den Seehandel, Sparta bildete seinen Kosmos aus und auch andere griechische Gebiete entwickelten eine Stadtstaatkultur.
    Wenn jemand jemanden unabsichtlich tötet, soll er in die Verbannung gehen. Die Phylenkönige sollen prüfen, ob er an dem Todesfall schuld hat, durch Tätlichkeit oder indirekt. Die Epheten aber fällen den Spruch. Doch mag man Gnade üben, wenn er einen Vater hat, einen Bruder oder Söhne; sind diese eines Sinnes, so sollen sie obsiegen, andernfalls der, der dawiderredet. Hat er solche Verwandte nicht, dann gehe man zu denen zweiten und dritten Grades, wenn sie einstimmig Begnadigung wollen und den Eid schwören. Hat er auch solche nicht, er, der den Totschlag beging, und haben die 51 Epheten auf Totschlag erkannt, dann sollen zehn Mitglieder seiner Phratie für ihn eintreten, wenn sie dies wollen; diese Zehn aber sollen von den 51 ihrer Abkunft nach ausgewählt werden. (Plutarch; Solon 24,1)
    Den nächsten Zeitabschnitt nennen wir den der Kolonisation. Seit dem 8. Jahrhundert v.Chr. mußten die griechischen Staatsstaaten ihren Bevölkerungsüberschuß loswerden. Sie wählten die Form der Verbannung, also einer Vertreibung von Bürgern von Bürgern selbst. Diese Vertriebenen fuhren an den Küsten des Mittelmeerraumes entlang, bis sie eine Stelle fanden, die sie besiedeln konnten.
    Die Kolonisation des Mittelmeerraums fand ohne attische, nicht aber ohne ionische Beteiligung statt. Attika schloß sich allmählich zu einem für griechische Verhältnisse großen Staat zusammen, einem Synoikismus. Dabei schwand die Macht des Königtums, dessen Befugnisse auf sakrale Befugnisse eingeschränkt wurden. Dagegen wuchs die Macht des oberen Stadtbeamten, des Archonten, dem ein Polemarchos, ein Beamter für Fragen im Krieg, an der Seite stand und den Jahr für Jahr die athenischen Familienoberhäupter aus dem Machtzentrum, dem Rat der Geschlechter, neu wählten, anders als beim spartanischen Modell, wo der spartanische Vollbürger die letzte Machtinstanz bildete. Der Rat der Geschlechter tagte auf dem Areopag, ganz in der Nähe des athenischen Burgbergs, der Akropolis, dem heiligen Bezirk der athenischen Stadtgöttin Athene. Diese patriarchalische Struktur blieb vorerst, allerdings in wechselvoller Gestalt: So kamen gegen Ende des 7. Jahrhunderts v.Chr. zu den drei Oberbeamten sechs Thesmotheten, die eine schriftlich vorgenommene Fixierung der Ratschlüsse vornahmen, allmählich Grundsätze paraphierten, indem sie Gewohnheitsrecht zu Rechtsgrundsätzen modelten und durch diese Tätigkeit selbst zu Experten und Beratern wurden. Die Macht blieb bei den Familienoberhäuptern. – Diese Staatsform nennt man Aristokratie. Dafür spricht auch das bei den Oberhäuptern verbliebene Recht, Münzen zu prägen und mit dem eigenen Geschlechterwappen zu versehen, auch das Fehderecht ist hier zu nennen.
    Aus Sklaverei, in die sie Willkür oder Recht gezwungen, führt' ich viele nach Athen zurück ins gottgeschenkte Vaterland; und andre auch, die vor dem Schuldzwang fliehend in die Fremde rings umirrten, schon der att'schen Sprache Klang entwöhnt; auch denen, die daheim der Knechtschaft hartes Joch ertrugen, zitternd vor der Willkür mächt'ger Herren, gab Freiheit ich zurück. Kraft des Gesetzes schuf das alles ich, verbindend Macht mit strengem Recht. Ich hab's vollendet, wie ich's damals euch versprach, Gesetze schrieb ich euch, gerechte, welche klar bestimmen, was dem Guten, was dem Bösen frommt.
    Die Aristokratie blieb in Attika bestehen; der Versuch des beim Volk beliebten Olympioniken Kylon von ca. 630 v.Chr., in Attika eine uneingeschränkte Herrschaft zu errichten, scheiterte am verbissenen Widerstand der alteingesessenen Adelsfamilien, die den Emporkömmling in die Schranken wiesen. Die Niederschlagung des Kylonischen Aufstands nahm der Archont Megakles vor, beging dabei allerdings ein Sakrileg, da er in einen Tempel geflüchtete Aufrührer erschlagen ließ. Die Klage ließ nicht lange auf sich warten und Megakles samt Sippe, die Alkmeoniden, wurden aus Athen verbannt. So war der Aufstand niedergeschlagen, der Aufrührer samt Sippe vertrieben. Das war gut für das Gesamtgefüge in Athen, denn es verhinderte die Alleinherrschaft der Alkmeoniden, die Tyrannis. Schlecht für die adligen Familien war jedoch die Tatsache, daß zwar der Aufstand niedergeschlagen worden war, aber die Gründe für den Aufstand auch nach dessen Überwindung weiterbestanden. Es würde nicht lange dauern, bis die sozialen Spannungen wieder einen Aufstand befürchten ließen. Die weisen Herren von Athen zeigten hier erstmals eine Eigenschaft, die ihnen im Laufe der nächsten Jahrhunderte mehrmals die Existenz rettete: Lernfähigkeit. Sie beauftragten Drakon, einen Aristokraten, ca. 620 v.Chr. damit, als Nomothet (Gesetzgeber) in Athen Verhältnisse zu schaffen, die alle Seiten zufriedenstellen sollten. Drakon erledigte die Aufgabe. Wahrscheinlich. Vielleicht aber ist das auch eine später vorgenommene Interpolation, die in den Spätzeiten des Peloponnesischen Krieges kluge Adlige erdachten, um ihre Ansprüche auf ältere zu stellen und sich darum eines in Athen beliebten Nomotheten erinnerten. Jedenfalls ist um 600 v.Chr. von 51 Epheten (Schöffen) die Rede, die Recht sprachen und von einem Drakon bestimmt worden sein sollen. Andererseits behielten die Phylenkönige Rechtsbefugnisse, sofern sie Belange ihrer Phyle nicht überschritten.
    Staat und Gesellschaft werden durch Drakons Impulse miteinander verzahnt. Aber Drakons Bemühungen reichten nicht aus, denn er kodifizierte lediglich bestehende Verhältnisse. Die Machtverhältnisse blieben unverändert, also blieb das Hauptproblem Attikas bestehen: die Betrachtung des Menschen als Ware. Denn wer seine Schulden nicht zahlen konnte, der kam in Schuldknechtschaft, aus der es selten genug ein Entrinnen gab. Darum war der Reformprozeß nicht zu Ende.
    Drakon folgte Solon, wie er ein Eupatride, ein Aristokrat. Er wurde 595 v.Chr. als Archon bestimmt und sah sich vor der Aufgabe, als Schiedsrichter und Gesetzgeber zugleich die Privilegien der Reichen nicht anzutasten, aber auch den Armen eine Perspektive und Rechtssicherheit zu verschaffen, mit anderen Worten, er mußte Land gerecht verteilen und die Schuldenfrage klären. Zu seinen Lebzeiten wurde er mithin von allen angefeindet, dennoch gelang es ihm, Frieden im Staate zu halten, darum zählt er bis heute unter die Sieben Weisen.

    Die wichtigsten Änderungen von Solons Reformwerk:

    Er setzte zuerst die Lastenabschüttelung durch, die seisacqeia. Großgrundbesitzer wurden nicht enteignet, aber Grundhörigkeit und persönliche Schuldknechtschaft abgeschafft. Das bedeutete für viele Gläubiger enorme Verluste. Andererseits blieben die Besitzverhältnisse unangetastet, doch war es nunmehr nicht mehr für einen athenischen Bürger möglich, wegen nicht bezahlter Rechnungen Sklave zu werden. Mancher Gläubiger verarmte und viele Spekulanten wurden reich, v.a. Angehörige des Solon, die sich Geld borgten und Land günstig von denen kauften, die kein Geld mehr besaßen, um es bestellen zu können. In den Alltag der Athener zog das Geld ein und veränderte die sozialen Beziehungen von grundauf: Nivellierung der sozialen Verhältnisse, d.i. Timokratie, eine Herrschaftsform, in der das Geldsäckel über die Partizipation am Gemeinwillen entscheidet. Andererseits gab es hierdurch auch Aufstiegsmöglichkeiten, die mancher nutzte. Theognis, ein Dichter um 500 v.Chr., klagte, daß das Geld die Stände verwische und Reichtum den Gemeinen edel mache. So wurde aus der alten Häuptlingsaristokratie kapitalistisches Eupatridentum. Die Stammeshäuptlinge, Eupatriden, traten zunehmend als Händler und kapitalistisch wirtschaftende Großstädter auf, die ihre Angehörigen als Händler in die Welt schickten, um größtmöglichen Gewinn aus dem zu erzielen, was Sklavenarbeit zuvor geschaffen hatte. Und so dachten sie alle, alle Athener. Welcher Gegensatz zum Spartaner!
    Solon erkannte die Bedeutung des Mittelstandes. Der Staat baute auf steuerzahlende Kleinunternehmer mit Perspektive. Neben der Repatriierung zahlungsunfähiger Gläubiger sollten einwandernde Handwerker Vollbürger werden dürfen, was viele Auswärtige anlockte. [1] Diese schützte er durch ein Exportverbot von Nahrungsmitteln, allein Öl- und Ölprodukte durften Athen verlassen. Das förderte die Tonkrügehersteller, Künstler und Olivenanbauer gleichermaßen, ganz nebenbei war es auch gut für das allgemeine Klima in der Stadt, da der Ölbaum Athene heilig war. Und es förderte den Handel [2], da sich nunmehr viele Importeure in Athen ansiedelten, die durch gelockerte Bürgerrechtsbestimmungen ins Land gelockt wurden.
    Wirtschaftliche Maßnahmen taugen nichts, wenn die Geldpolitik nicht darauf abgestimmt wird. Solon mußte also dafür sorgen, daß Athen genug Geld besaß, genug Geld zirkulierte und zugleich Nachschub kam. Attika besaß Silbervorkommen. Solon bestimmte das dort geförderte Silber als Grundstock der attischen Währung, der Drachme, die mit 4,3g Reingehalt Silber bald eine beliebte Zahlungseinheit im Mittelmeerraum werden sollte. Eine Drachme war 6 Obolen wert, ein Obolus 48 Chalkoi, Kupfer. [3] Dabei beließ Solon den Phylenkönigen das Prägerecht, so daß es in Athen vier verschiedene Drachmentypen gab. Erst in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v.Chr. setzten sich Eule und Athene als Motive bei allen athenischen Münzen durch.
    Solon definierte klugerweise die blutsmäßigen Bindungen des einzelnen Polisbürgers über das Maß an Steuerkraft und bestimmte daraus wiederum die Partizipation an politischen und militärischen Entscheidungen. Das nennt sich Demokratie, hier in ihrer attischen Sonderform, der Timokratie [4]. Er teilte die Bevölkerung [5] in vier Steuerklassen ein und legte ihren Anteil an der politischen Macht über die Zugehörigkeit zu einer dieser Vermögensklassen fest, also band er Partizipation an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Je mehr einer dem Staat gab und je besser die Ausrüstung war, mit der er zum Kampf erschien, so das Vaterland ihn rief, um so mehr Rechte erhielt er. Es gab das aktive und passive Wahlrecht. Jeder durfte wählen. Jede Stimme war gleichviel wert. Aber nur diejenigen, die mehr als 500 Scheffel Weizen (ca. 4400 Liter oder 500 Drachmen) jährlich Steuern zahlen konnten, durften auch als Leiter einer Staatskasse gewählt, also Archonten werden. Das ist eine ungeheure Nivellierung der Leistungsfähigkeit, die v.a. politisch Begabten den Zutritt zu höheren Ämtern untersagte, freundlicher ausgedrückt, die manchen geeigneten Bürger von den Ämtern ausschloß, weil ihm nur das Wahlrecht, nicht aber das Amtsrecht konzediert wurde. Andererseits ist anzunehmen, daß eine beschlußfähige Volksmasse sich Rechte, die sie haben möchte, holen würde, früher oder später, was wiederum Demagogen aller Klassen ein großes Betätigungsfeld schaffte. Es war allerdings nicht so, daß nunmehr weiterhin nur Eupatriden Archonten stellen konnten. Für das Jahr 580 v.Chr. sind vier Archonten Angehörige der Eupatriden, also Adlige, drei gehören zu den (reichgewordenen) Bauern und drei sind (reichgewordene) Handwerker, Demiurgen.
    „Man kann unter zwei Gesichtspunkten wirtschaften. Einmal zur Deckung eines gegebenen eigenen Bedarfs. […] Gegenüber der Wirtschaft zur Deckung des eigenen Bedarfs ist die zweite Art des Wirtschaftens Wirtschaft zum Erwerb, d.h. die Ausnutzung des spezifisch ökonomischen Sachverhalts: der Knappheit begehrter Güter, zur Erzielung eigenen Gewinns an Verfügung über eben diese Güter.“ (Weber, S. 60.)
    Das Werk Solons änderte das Leben Athens radikal, denn er befreite die Bauern von Schulden und Sklaverei, schränkte andererseits den Großgrundbesitz ein, ohne den Reichen Land wegzunehmen. Da er auch die Neuverteilung des Landes ausschloß, drängte Solons Reform die frei gewordenen Bauern nach außerhalb, was Athens Außenpolitik aggressiver werden ließ. Er brach die Herrschaft des Adels, verhinderte aber auch die Volksherrschaft der Armen. Beide waren nicht zufrieden, aber doch in ihrem Wirken so gelenkt, daß sie zwangsläufig fürs Gemeinwohl tätig werden mußten, was Athen stärkte. Solons Strukturreform beließ die Spannungskräfte zwischen arm und reich, gut und böse, vernunftgeleitet und instinktgeleitet; ja, um es mit Äschylos‘ Worten zu sagen: „Tilgt nicht alles aus dem Staat, was Schauder weckt!" [6] läßt er Athene den Athenern zurufen, als deren Mehrheit alles Nichtlogische, Nichtdemokratische, Nichtvernünftige, Archaische, ja Böse vernichten will, um die Herrschaft der Gleichen, also die Herrschaft des Pöbels zu verfestigen.
    Stellt sich nun die Frage, wer Bürger Athens werden konnte. Unter Solon war das eine Blutfrage. Jeder Athener mußte einer der vier Stammesphylen angehören, also dort Aufnahme gefunden haben oder dort hineingeboren sein. Das Recht zur Aufnahme in die Phyle war der Volksversammlung vorbehalten. Jede der Stammesphylen bestimmte hundert Vertreter, die im Rat der Vierhundert eine vorbereitende und vorberatende Instanz bildeten und dem Areopag ihre Beschlüsse mitteilten, der sie in den meisten Fällen auch passieren ließ (Legislative). Der Areopag setzte sich aus den ehemaligen Archonten zusammen und übte eine Kontrollfunktion für die in der hliaia (Volksgerichtshof) ausgesprochenen Urteile aus, prüfte Behördenmaßnahmen und schützte die Verfassung (Judikative).
    Solon wies diesem Volksgerichtshof auch die Appellationsinstanz zu. Das Volk konnte hier Druck ablassen und Willkürakte oder empfundene Ungerechtigkeiten öffentlich machen. Daraus entstand bald der Rat der Sechstausend. Gleichzeitig billigte er jedem Vollbürger das Recht auf Anklage zu. Solon verifizierte das Eigentumsrecht zum Schutz des Besitzes. Das tat er für die Reichen, die nun ihre Ansprüche geltend machen und sich durch den Kauf des besten Verteidigers in der Regel auch zusichern konnten.
    Soweit Solons Reformwerk. [7] Der kluge, auch feige Mann verließ seine Heimatstadt, nachdem er das Reformwerk in seiner Amtszeit durchgesetzt hatte. Er wußte wohl, was kommen würde. Streit. Parteien.
    „Die Tyrannis förderte Ansehen und Wohlstand des Volkes und erscheint so als eine Übergangsstufe zwischen Aristokratie und Demokratie.“ (Christian Schmid: Die alte Welt. Stuttgart 1969. S. 91.)
    Es gab derer drei; nunmehr bestimmte nicht die Stammeszugehörigkeit die Partei, sondern die Füllhöhe des Geldbeutels. Das ist immer so, wenn man Gleichheit nur dem Namen nach schafft. Es setzten sich nach mehreren Anläufen die Diakrier durch, die ärmeren Bewohner des Binnenlandes, deren Wortführer Peisistratos als Kriegsmann gegen Salamis allen Athenern bekannt war. Mit Unterbrechungen hielt er sich von 561 bis 527 v.Chr. an der Macht, allerdings nicht ohne Unterstützung seines Schwiegervaters Megakles von der feindlichen Paralier-Partei, der des Mittelstandes von der Küste. Peisistratos' erster Tyrannis-Versuch [8] schlug fehl und er mußte die Stadt verlassen. Peisistratos zog ins Pangaiosgebirge, wo es reiche Silbervorkommen gab und beutete die Vorkommen aus. Er prägte Münzen mit Athene und der Eule, warb Söldner und eroberte Athen für sich zurück. Und hier wird uns ein Charakterzug Griechenlands deutlich, das Charakterlose seiner Herrscher. Es waren meist grausame, von Eigennutz und Selbstliebe getriebene Müßiggänger, die die ihnen zur Verfügung stehenden Gemeinwesen benutzten, um an ihrer Selbstvervollkommnung zu arbeiten, die Selbstherrlichkeit hieß. Es waren eingebildete und eitele Gecken, in Athen Peisistratos, Hippias, Kylon oder Alkibiades, auf Naxos Lygdamis. Milde, Toleranz oder Nächstenliebe waren für sie unbekannte Vorstellungen. Eine Ausnahme wie Polykrates von Samos bestätigt nur diese Regel. Mit der Wahrheit nahmen sie es nicht genau, nur wenn sie ihnen nützte. Sie machten keine Gefangenen und kannten keine Ehrfurcht. Großmut, Herzlichkeit oder Dankbarkeit war ihnen ebenso fremd wie Anstand oder Uneigennützigkeit.
    athenischerstaat.jpg Peisistratos hielt sich ca. 30 Jahre an der Macht und nutzte die politische Konstellation: Persien unterstützte ihn, warum auch immer, Sparta zeigte kein Interesse, sich in athenische Angelegenheiten einzumischen, zudem fand er in Athen die Unterstützung der einst Besitzlosen, denen er eingezogenen Eupatridenbesitz verschafft hatte, die der einstigen Pächter, die zu Eigentümern ihrer bewirtschafteten Ackerfläche gemacht worden waren und schließlich minderte Peisistratos den Bevölkerungsdruck durch Umsiedlung vieler armer Athener an den Hellespont. Aber Peisistratos wäre falsch bewertet, wenn man seiner nur als Sinnbild egomanischen Strebertums gedenken würde. Dialektisch betrachtet zeigt sich hierin, daß eigensinniges Streben auch zu einem Aufschwung des Ganzen führen kann. Athen war um 550 v.Chr. zu einer griechischen Großmacht geworden. Viele zog es nach Athen, die dort wirtschaftlich schalten und walten konnten, der Mittelstand wurde reich, die Bauern hatten weniger Not zu leiden. Vielleicht waren es auch die Solonschen Reformen, die nun griffen, die Peisistratos leicht hätte abschaffen können; daß er es nicht tat, mag an seinem wachen politischen Verstand gelegen haben. Attika jedenfalls wuchs und gedieh im Zeitalter der Tyrannis, was heute ganz andere Fragen aufwirft, ob nämlich jede Tyrannis zu allgemeinem Wohlstand und zu einer Form der Lebenssicherheit führt, die offeneren Gesellschaftsformationen uneigen?
    Peisistratos benötigte sichere Einkünfte, die er als 5%-Ertragssteuer von jedem Gewerbetreibenden erhob. Allerdings steckte er diese Einkünfte nicht in die eigene Tasche, sondern bezahlte davon öffentliche Aktivitäten. Er führte in Athen die Panathenäen ein, Feste zu Ehren Athenes; er begann große Bauvorhaben und förderte die Eleusien, Mysterienkulte zu Ehren Demeters. Damit brachte er die Frauen Athens hinter sich, gleichzeitig besänfigte er das imperiale Gehabe vieler Neureicher durch die Beteiligung an imposanten Bauvorhaben.
    Als Peisistratos 537 v.Chr. starb, hinterließ er seinen Söhnen Hipparch und Hippias eine funktionierende Tyrannis. Aber seine Söhne waren keine guten Politiker. 514 v.Chr. wird Hipparchos von Eupatriden beim Fest der Panathenäen von Eupatriden ermordet, die als „Befreier des Vaterlandes" [9] schon 510 v.Chr. in Standbildern gefeiert wurden, allerdings keine politischen Gründe für ihre Tat hatten, sondern schlichtweg persönliche: sie waren beleidigt worden. Hippias wurde griesgrämig und menschenscheu, suchte Schutz bei den Persern [10]. Das verstärkte die innenpolitischen Konflikte. Die athenische Opposition der Alkmeoniden holte sich Hilfe bei den Spartanern, die ihren König Kleomenes schickten und 510 v.Chr. die Akropolis besetzten. Es scheint hier wichtig zu sein, darauf noch einmal aufmerksam zu machen: Die Tyrannis in Athen wurde nicht durch eine Volkserhebung beseitigt, sondern durch eine Intrige Adliger, der alkmeonidischen Eupatriden, die sich mit Auswärtigen, den Spartanern, zusammentaten und siegten.
    ...in die Enge getrieben, ließ Megakles dem Peisistratos sagen, ob er seine Tochter zur Frau haben wolle und dazu die Tyrannis. Peisistratos nahm den Vorschlag an und erklärte sich mit den Abmachungen einverstanden. Nun ersinnen sie, um ihn nach Athen zurückzuführen, eine List, die, wie ich finde, in höchstem Maße einfältig war. Es ist ja nicht erst seit heute, daß sich das Hellenentum von dem barbarischen Volkstum dadurch unterscheidet, daß es sowohl klüger ist, wie auch törichter Beschränktheit ferner steht; trotzdem ersannen jene beiden damals bei den Athenern, die doch die größte Schlauheit unter den Hellenen besitzen sollten, folgende List:
    In Paiania, zwanzig Kilometer südöstlich von Athen, lebte eine Frau namens Phye; sie war vier Ellen weniger drei Finger groß (1 Elle= 3/2 Fuß; 1 dorischer Fuß = 32,6 cm [Herodot war Dorier]; 1 Finger = 1/16 Fuß) – 1,89 m – und auch sonst wohlgestaltet. Diese Frau statteten sie mit voller Rüstung aus, stellten sie auf einen Wagen, zeigten sie in einer Aufmachung, von der zu erwarten war, daß sie darin am stattlichsten in Erscheinung treten würde, und führten sie in die Stadt, wobei sie Herolde als Vorboten vorausschickten. Als diese in die Stadt kamen, verkündigten sie, was ihnen aufgetragen war, und sagten folgendes: „Athener! Nehmt getrost Peisistratos auf! Ihn hat Athene selbst am meisten von den Menschen geehrt. Führt ihn auf die Akropolis zurück!“ So rufend liefen sie also überall in der Stadt umher. Und sofort verbreitete sich das Gerücht, „Athene führt Peisistratos zurück!“, und die Leute glaubten, die Frau sei die Göttin selbst, beteten das weibliche menschliche Wesen an und nahmen den Peisistratos auf. (Herodot I,60)
    Athen stand am Scheideweg. Entweder würde es einen neuen Herrscher benötigen, unter dessen starker Hand die Künste und Geschäfte weiter blühten, oder es schuf sich eine demokratische Ordnung, bei der es gleichgültig sein sollte, wer herrschte, solange die Geschäfte florierten. Beide Möglichkeiten boten Vor- und Nachteile. Tyrannei war an die Fähigkeit des Einzelherrschers gebunden, Demokratie an die Vernunft der Mehrheit. Beide Staatsauffassungen waren und sind unvollkommen und bedürfen des Korrektivs. Beide haben sie zumeist nicht.
    Der Spartaner Kleomenes wurde von einer Partei unter dem Aristokraten Isagoras hofiert, der den spartanischen Staatsaufbau als etwas Positives betrachtete, dabei jedoch übersah, daß spartanische Verhältnisse für Attika mit seiner gewachsenen Sozialstruktur nicht anwendbar waren. 508 v.Chr. versuchten Isagoras als Archon und Kleomenes die Verfassung Solons auszuhebeln, indem sie den Rat der Sechstausend beseitigten und eine Volkszählung durchführen ließen. Das war ein Fehler. Nun erhob sich der athenische Volkszorn und die Befreier von der Tyrannis der Peisistriden wurden zu Feinden des attischen Volkszorns. Isagoras und Kleomenes verschanzten sich auf der Akropolis. Die Belagerung des athenischen Burgbergs fand erst ein Ende, als die Spartaner versprachen, Athen zu verlassen. Isagoras zog mit ihnen, die Errichtung einer nach spartanischem Muster entworfenen Staatsform hatte sich zerschlagen. Die Athener bevorzugten die andere Möglichkeit, die Demokratie.
    Kleisthenes setzte sich an die Spitze der Demokraten, ein Alkmeonid, ein Adliger. Er holte sich tatkräftige Unterstützung beim einfachen Volk, indem er es an den politischen Entscheidungsprozessen durch das Scherbengericht (Ostrakismos) beteiligte, was letztlich dazu führte, daß zu stark werdende Führer aus Athen verbannt werden konnten. Nicht wenige Historiker sehen in diesem Scherbengericht den Grund für die allmähliche Schwächung Athens, letztlich jedoch war eine Demokratie im patriarchalisch strukturierten Griechenland durch Ostrakismos erst lebensfähig. Die Spartaner unterließen fortan jede Einmischung in Athens innere Angelegenheiten, sei es aus Prinzip, sei es aus Desinteresse oder Selbstüberschätzung.
    Kleisthenes hatte als Archon 505 v.Chr. diese Krise überstanden und konnte nunmehr an die Neugestaltung Athens gehen. Er machte einen Schnitt. Das war klug, denn ein Schnitt legt Kräfte frei, mischt die Karten neu. Dabei achtete er darauf, den Reichen nicht zu viel zu nehmen und den Armen nicht zu viel zu geben. Somit besaß jeder fortan eine neue Chance zur Erringung von Macht, Reichtum und Sicherheit.
    „Zur Residenz des persischen Riesenreiches wurde Susa in Elam [Südwesten des heutigen Iran] erhoben. Von hier ging die Königsstraße nach Sardes [in Kleinasien; heutige Türkei], die die Verbindung mit dem wichtigen westlichen Reichsteile gewährleistete. Bewunderungswürdig im höchsten Grade ist die Organisation des riesigen Reiches. Darius teilte es [um 520 v.Chr.] in zwanzig Provinzen, an deren Spitze vornehme Perser als Satrapen [Gouverneure] traten. Für die Vereinheitlichung der Tribute aus den Satrapien schuf der König in Anlehnung an das lydische Vorbild [die Lyder erfanden das Geld] ein Reichsmünzensystem, das auf dem nach Darius benannten goldenen Dareikos beruhte; auch in den griechischen Staaten fand diese Neuerung Eingang.“ (Stier, S. 125.)
    Die Phyle ist der Stamm, vergleichbar unserer Herkunft als Ostfale, Schwabe oder Franke. Die nächste Einheit war die Phratie, der Geschlechterverband, zu vergleichen mit der Großfamilie, zu der auch Neffen und Nichten vierten Grades gehören. Letzte und kleinste Einheit war der Genos, das Geschlecht, das bis zu drei Generationen hinabreichte. Das war seit alters so, Kleisthenes rüttelte nicht daran, daß sich die Athener eben so definierten. Aber nun kam die neue Idee: Er nahm die Ergebnisse der Einschreibung von 508 v.Chr. und bestimmte den Einzelbürger über seine örtliche Zugehörigkeit zu einem Demos, einem Bezirk. Insgesamt gab es erst zehn mal zehn Bezirke, im Laufe der Jahre wuchs Athen und somit die Bezirkszahl auf 174; allerdings blieb die Zahl der 500 Volksvertreter aus den zehn Phylen in der boule (Volksversammlung) konstant. Dabei achtete Kleisthenes darauf, daß die drei Bezirke, Trittynen, aus denen die Phylen bestanden, nicht nebeneinander lagen, sondern jeweils eine der Stadt, eine dem Küstengebiet und eine dem Binnenlande zugeordnet werden mußte. In jeder Trittyne meldeten sich diejenigen, die in die Boule einzutreten wünschten, und dann wurde gelost, wenn es keinen Einspruch von den anderen gab. Jeder Bezirk besaß die gleichen Rechte, Bürgerlisten seiner Mitglieder, die zugleich Steuer- und Aushebungslisten waren. Das Bürgerrecht wurde vererbt und war nicht an die alte Phylenzugehörigkeit gebunden, sondern an die Einschreibung in einen Bezirk.
    Am Anfang war dieses Bestreben erfolgreich; es war neu, sich über die Zugehörigkeit zu einem Wohnbezirk politisch zu bestimmen, manche Zugehörigkeit wurde auch durchs Los bestimmt. Diese Phylen entsandten ihre Abgeordneten in die Volksversammlung, besaßen ein Kontingent im Theater und Stadion, benannten jeweils einen Oberst im Bürgerheer, bestimmten über religiöse und kultische Ereignisse und führten somit innerhalb des attischen Staatsverbandes ein gewisses Eigenleben. Kleisthenes bestimmte die Zehnzahl als Normierungszahl im attischen Staatsverband: es gab fortan zehn Archonten, zehn Phylen, zehn mal fünfzig Volksvertreter... Das war leicht zu merken und erzeugte Transparenz: jeder verstand dieses Prinzip.
    Kleisthenes‘ System bewährte sich. Vorerst. Die Bauern kamen nicht mehr in Schuldknechtschaft, sondern zogen einfach in die Stadt, wenn sich ihr Land nicht mehr rentierte. Ihre Phylenzugehörigkeit war davon nicht betroffen, der Weggezogene blieb attischer Vollbürger, denn er war ja eingeschrieben. Er fand in der Stadt Nahrung, da die ständigen Versammlungen ihm Einkommen sicherten, denn jeder, der an einer Versammlung teilnahm, erhielt von der Stadt drei Obolen, den Durchschnittsverdienst eines in Athen Arbeitenden. Wenn das nicht reichte, dann wanderte er aus, was ihm durch Zuschüsse versüßt wurde. Allein auf Euboia wurden 2000 Kleruchen angesiedelt. Vielleicht war er neidisch auf diejenigen, die mehr als er hatten, aber es gab keine Not.
    Nach dem Sieg über die Perser 490 v.Chr. (vgl. Abschnitt „Griechen und Perser“) verstärkten sich die demokratischen Bestrebungen in Athen. Der Einzelbürger, der sich in der Schlacht von Marathon bewährt hatte, forderte einen höheren Grad an politischer Partizipation.
    Im Jahre 487/6 v.Chr. kam es zur Einführung des Bohnenloses. Die Archonten wurden phylenweise aus hundert Vorgewählten jedes Demos per Los bestimmt. Das ist eine Form der egalitären Demokratie, allerdings entstammten die Kandidaten den beiden reichsten solonischen Steuerklassen, die dann von allen Vollbürgern gewählt werden konnten. War das die für jedes Gemeinwesen notwendige Form der Auslese, die Bestimmung der politischen Fähigkeiten über den Füllstand des Geldbeutels? Dieser Blickwinkel auf den Füllstand des Geldbeutels besaß auch Auswirkungen auf die Zusammensetzung des Areopags, in dem sich die ehemaligen Archonten versammelten und als Rat fungierten: die letzte Instanz, die über Leben und Tod beschloß. Im politischen Alltagsgeschäft setzten sich in Athen zunehmend diejenigen mit dem größten Redetalent durch, Sophisten. Die Alteingesessenen der attischen Adelshäuser gerieten nun ins Hintertreffen und reagierten auf die veränderten Verhältnisse: Sie kauften sich redegewandte Advokaten, manche ließen sich gegen viel Geld von den Sophisten ausbilden und nutzten die erworbenen rhetorischen Fertigkeiten dazu, das Volk von dem zu überzeugen, wozu vor Kleisthenes‘ Reform ein Fingerzeug des Patriarchen genügt hätte, daß die Alteingesessenen stets das Richtige wollen.
    Auch heute stehen wir vor der Grundsatzfrage nach der bestmöglichen Bestimmung der politischen Führung eines Gemeinwesens. Daß dieses Problem nicht gelöst wurde, belegen zahlreiche gegenwärtige Diskussionen in den Medien.
    Die Athener trennten die militärische von der politischen Administration, ließen aber ihre Volksversammlung den Strategen (führte das Bürgerheer) bestimmen, was einer Zusammenlegung von Legislative und Exekutive gleichkam und die athenische Volksversammlung zum Spielball der Opportunisten machte, die immer dann mächtig werden, wenn Mehrheiten entscheiden, nicht aber der Verstand, der stets bei wenigen nur ist.
    Weiterhin kam es 487 v.Chr. zur Einführung des Ostrakismus, des berühmten athenischen Scherbengerichts zur Bestimmung von Schuld oder Unschuld eines Angeklagten, wobei nicht die absolute Mehrheit zählte, sondern die größte Zahl genannter Stimmen, was dazu führte, daß geachtete Bürger Athens aus Neid und Rachsucht manches Unterprivilegierten ihre Heimatstadt verlassen mußten.
    Es kam die Zeit des Themistokles. Miltiades war einige Zeit nach 490 v.Chr. aus Gram darüber gestorben, daß ihm seine Heimatstadt nicht zu würdigen wußte. Themistokles begann mit dem Ausbau des Hafens in Piräus, denn er rechnete mit den rachedurstigen Persern. Er setzte durch, daß die kleineren Inseln Athen Gelder für den notwendigen Schutz zukommen ließen, auch fand man neue Silbervorkommen, die Athens Reichtum mehrten. Er setzte zudem den Bau von 200 Trieren [11] durch, was jeden Athener 10 Drachmen kostete, nach heutigem Wert rund 30 €. [12] Diese geringen Kosten zum Aufbau einer schlagkräftigen Flotte erklärt auch das Hochkommen in anderen Teilen des Mittelmeeres. Es war Kleinstaaten ohne weiteres in ein paar Jahren möglich, ganz gewaltige Marinen aufzustellen. Der Bau einer Triere mit immerhin 200 Mann Besatzung war vergleichsweise weniger kostspielig, als es heute der Bau eines Panzerschiffes ist. Die Perser konnten in einigen Jahren ihre Verluste durch den Bau neuer Schiffe im Libanon (mit Zedernholz) wettmachen, auf Sizilien wurden viele Schiffe gebaut (Sizilien war zu dieser Zeit noch stark bewaldet), auch Ägina baute Schiffe, und in Athen behauptete sich Themistokles über innenpolitische Widersacher, die Athen eine binnenländisch orientierte mittlere Macht bleiben lassen wollten.


    Aufgaben:


    1. Entwickle Schemata der verschiedenen attischen Verfassungen! (III)
    2. Definiere die im Text vorkommenen Begriffe und füge sie deiner Begriffskonkordanz zu! (I)
    3. Vergleiche Sparta und Athen und komme zu einem Ergebnis hinsichtlich der Partizipation des Einzelbürgers an der politischen Willensgebung! (III)
    4. Erzähle die Geschehnisse um Peisistratos nach und versuche eine Erklärung für die Leichtgläubigkeit der als klug bekannten Athener! Erkläre auch, warum Peisistratos lange an der Macht bleiben konnte! (II)



    [1] Eine fremdenfeindliche Bestimmung erließ die athenische Vollversammlung 451 v.Chr.: fortan durfte keiner Athener werden, der nicht zwei athenische Elternteile besaß. Das erinnert an die Reinheitsgebote der Juden. (in Sparta gab es eine solche Blutsbestimmung nicht)

    [2] Die Griechen waren schon seit Jahrhunderten für ihre rege Handelstätigkeit bekannt. Ihre besonders günstige Lage im Mittelmeer ließ sie schnell zu einem Handelsvolk werden. Bei günstigen Winden (Nordwinde, die an zwei von drei Tagen des Jahres bliesen) konnte von Mittelgriechenland ein Handelsschiff in zwei Tagen nach Samos fahren, eine Woche dauerte es bis nach Ägypten und zwei Wochen bis nach Syrakus auf Sizilien. Durchschnittlich wurden somit 50 Kilometer am Tag zurückgelegt, sehr viel mehr als auf dem Landweg, zudem konnten die Schiffe mehr Ladung tragen. Der Landhandel war bei den Griechen verpönt. Sie besaßen kein ausgebautes Straßennetz, keine Sicherheit auf den Straßen und zudem wurden dennoch über Land ziehende Händler mehr oder weniger regelmäßig ausgeraubt. Zur See war es weniger gefährlich, obwohl kilikische und kretische Seeräuber lauerten, Stürme taten ihr Werk, und es gab keine festen Preise, Veträge wurden selten genug gehalten und die politischen Verhältnisse waren alles andere als stabil.

    [3] Der Tagesverdienst eines attischen Tagelöhners betrug ungefähr zwei Obolen am Tag, 1 €, wenn man es auf den heutigen Silberpreis rechnet, 25 €, wenn man darauf rechnet, wie viel ein Schaf heute kostet. Bei Gericht gab es drei Obolen am Tag, anfänglich nur zweI. siehe auch: http://www.gnomon.ku-eichstaett.de/LAG/misthos.html. Davon konnte man gut leben.

    [4] Die in ihr ausgeprägte Anschauung, daß der Staat das Eigentum der Bürger sei und die in ihr enthaltende Überzeugung, daß der Staat eben deshalb im Notfall verpflichtet sei, für seine Angehörigen aufzukommen und sie für die Leistung ihrer öffentlichen Pflichten zu bezahlen und für ihren Unterhalt zu sorgen, hat auch das Staatsverständnis unserer Zeit rezipiert und dazu geführt, dem Staat mehr Verantwortung zuzubilligen, als der leisten kann. Andererseits nimmt der moderne Staat diese Pflicht auch gern an, da sie ihn hinsichtlich des Gewaltmonopols, der Außenpolitik und anderes mehr rechtfertigt. Hegel nannte die Polis ein Kunstwerk, das die echte Mitte zwischen Geist (Allgemeingültigkeit der Gesetze) und Sinnlichkeit (Besonderheit des individuellen Willens) halte. Man muß präzisieren: halten müßte.

    [5] Um 450 v.Chr. gab es etwa 170000 attische Bürger, dazu 25000 geduldete Ausländer (Metöken) und 100000 Sklaven. In Athen lebten etwa 90000 Menschen. (Christian Schmid: Die alte Welt. Stuttgart 1969. S. 115.)

    [6] Äschylos: Eumeniden, Verse 943 ff. Nach anderer Übersetzung lauten sie: „Aus dem furchtbaren Mund der Eri’nnen erblüht viel Segen, ich seh’s, für die Bürger der Stadt. Wenn freundlichen Sinns ihr die Freundlichen stets hoch ehret hinfort; dann werdet ihr Land und Stadt allzeit ruhmvoll in Gerechtigkeit lenken.“ (übersetzt von J. Donner, In: Langenscheidtische Bibliothek sämtlicher Klassiker. Band I: Äschylos. Berlin 1855.)

    [7] Der Aufbau des attischen Staates nach Solon basierte auf dem Steuerertrag. Ein Scheffel Getreide/Öl, 39 Kilogramm, wurde einer Drachme gleichgesetzt (auf Silberbasis 3 €; nach heutigen Preisen für Öl etwa 70 €, für Getreide 12 €) oder einem Schaf (heute etwa 70 €) oder auch einem Fünftel Rind (heute etwa 70 €). Da die Steuerschätzung jedes Atheners jedes Jahr neu vorgenommen wurde, war es ein großer Anreiz, durch vermehrte Steuer auch mehr politische Macht zu bekommen, andererseits konnte man auch schnell sozial absteigen.

    [8] Tyrann hat ursprünglich keinen negativen Nebensinn; es bedeutet Herrschaft. Der Tyrann stützt sich auf die Zustimmung des Großteils der Bevölkerung, die in ihm ihren Verteidiger und Helfer gegen die Selbstherrlichkeit des plutokratisch gewordenen Adels sehen. Darum geht Tyrannenherrschaft immer mit Wohlstand und Sicherheit einher, früh oder spät allerdings kommt es zu Expansion und Selbstherrlichkeit, die meist mit Umsturz enden. Tyrannen bestimmen das Recht selbst, sie lassen sich nicht ans Gängelband einer Verfassung legen.

    [9] Thukydides hat das als Legende zurückgewiesen.

    [10] Bei den Persern fanden die Griechen Eigenschaften, die ihnen, im politischen Sinne gesprochen, fremd waren: Milde, Wahrheitsliebe und Vergebung. Dennoch prägten die Perser die von ihnen Beherrschten nicht sittlich. Das fand in Ansätzen erst unter den letzten Sassaniden im 7. Jahrhundert nach Christus Aufnahme in die Staatsstrukturen, wurde aber nie zu einem diese bedingenden Lehnsherr-Lehnsknecht-Verhältnis wie im europäischen Mittelalter. Asiatischen Herrschern war eine pflichtgemäße soziale Verantwortung gegenüber ihren Beherrschten fremd.

    [11] Dieser Bootstyp wurde vor 600 v.Chr. von den Griechen erfunden. Er basierte auf der Idee, den Drehpunkt des Ruders außerhalb der Bordwand zu legen, wodurch nicht nur die Schiffahrt, sondern v.a. die Marine völlig neue Möglichkeiten erhielt: die Schiffe wurden beweglicher.

    [12] Zehn Drachmen entsprechen dem Durchschnittsverdienst von zwanzig Arbeitstagen (heute ca. 1300 €), damals etwa 30 €. Als einmalige Investition zur Sicherung des Gesamteigentums ist das eine durchaus zumutbare Abgabe für jeden einzelnen Vollbürger. Allerdings sähe die Rechnung ganz anders aus, wenn man sie auf den Preis eines Schafes stellt. Eine Drachme bezahlte man damals für ein Schaf. Heute kostet ein Schaf ca. 70 €. Fünf Schafe entsprachen dem Wert eines Rindes. Ein Schaf war soviel wert wie ein Scheffel Getreide. (39 Kilogramm) Heute kostet ein Kilogramm Getreide etwa 0,30 €, ein Scheffel demnach ca. 12 €.



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