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Thema: schwarz-rot-gold

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Question schwarz-rot-gold

    Ins Geländer der kleinen Holzbrücke über die Wiehl, wo sich die 15Jährigen zu ersten Flirtübungen unter viel Dosenbier- und Zigarettenverbrauch treffen, fand ich den Spruch eingeschnitten:


    Deutsche Frauen,
    deutsches Bier,
    Schwarzrotgold,
    wir stehn zu dir.


    Irgendwie war ich gerührt und freute mich, daß das vermaledeite Schwarzweißrot aus den Köpfen der Jungen zu verschwinden scheint. Zugleich fragte ich mich: Brauchen wir einen schwarzrotgoldenen Patriotismus? Kommen wir nicht ohne besser aus?


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 01. September 2002 editiert.]

  2. #2
    rodbertus
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    AW: schwarz-rot-gold

    Brauchen? Sich zu einem Gemeinwesen zu stellen, ist wichtig. Sonst sollte man den Laden auflösen. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß Staat und Nation wohlweislich zu trennen sind. Zum Staat BRD mag ich mich nicht patriotisch verhalten - solange dem Volk eine beschnittene und zudem scheindemokratische Verfaßtheit dezisiert wird, sich politisch nicht korrekt verhaltende Gruppierungen diffamiert und verklagt werden, Mehrheitswünsche einfach ignoriert werden (einige Beispiele [die Liste könnte sehr lang werden]: in Magdeburg äußerten sich 93% gegen eine Beteiligung Deutscher beim Krieg im Kosovo; die Rechtschreibreform wurde gegen den Willen der übergroßen Mehrheit durchgedrückt; der NATO-Raketenbeschluß wurde gegen den Mehrheitswillen durchgedrückt, imgleichen die Einführung des Euro... Will man eine Demokratie haben, dann muß man auch den Willen zum Fehler mitbringen. Sonst wird es zur Farce.), solange kann ich im Staatskonstrukt BRD nichts Fortschrittliches oder dem Deutschen Gemäßes sehen, behandle den Staat also als meinen Feind; glücklicherweise beginnen wir langsam, uns auf eigene Füße zu stellen, sehr langsam - es bleibt abzuwarten, ob Schröder seinem NEIN zu einem erneuten Irak-Abenteuer Taten folgen läßt -, aber das ist eben die Aufgabe meiner Generation, das nun endlich mal zu leisten. Als Deutscher aber erfüllt es mich mit Freude, es zu sein. Es ist eben meins. Ich stoße immer wieder auf mich selbst, wenn ich lese, höre, schaue. Ich habe auch im Ausland freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt, was heißt hier AUCH?, zumeist sind sie freundlicher und hilfsbereiter als die hiesigen Maulpimpfe, aber das war nicht ICH, dem ich da begegnete. Das waren kleinere Teile meines Ichs, die ich antraf. Und es war wichtig, schließlich bin ich in erster Hinsicht ein Mensch und nicht ein Deutscher, brauche also das Fremde auch. Aber nicht immer. Wenn ich nur meinen Sohn oder mein Töchterchen anschaue, dann sehe ich mich, dann habe ich Hoffnung und Traum, auch bei vielen anderen Menschen, mit denen ich zu tun habe, da stellt sich so ein Gefühl von Vertrautheit ein, nicht einmal unbedingte Sympathie, vielmehr diese von mir so beanspruchte Sympathetie.


    Als widerlich empfinde ich Nasenringträger und Tätowierte mit STOLZ-Sprüchen - ich halte von beidem nichts, weil es Verschandelungen des Körpers sind -, die sich was von STOLZ einbröseln.
    Ich könnte stundenlang darüber schwätzen, will aber erst einmal schweigen. Mein Standpunkt dazu ist deutlich, denke ich: ja zu Patriotismus im kleinen, nein zu Nationalismus im großen.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: schwarz-rot-gold

    Mir fallen Bekenntnisse auf diesem Gebiet schwer. Ich sehe viele Möglichkeiten, kann allen etwas abgewinnen, bin in keiner wirklich zuhause - ein vaterlandsloser Geselle? Ein freischwebendes Arschloch? Ich kann mit solchen Etiketten leben. Mein Deutschlehrer, WKI- und -II-Teilnehmer ("Ohne mich konnte auch der Zweite Weltkrieg nicht verloren gehen") sagte einmal, Europa sei für ihn Wasser, Deutschland hingegen Wein. Wir starrten ihn fassungslos an. Für uns war es nur noch eine nach ehrlosem Massenmord stinkende Latrine.
    Familiäre Vertrautheit empfinde ich mit Leuten, die dieselben Autoren mögen wie ich, Borges, Marquez, Octavio Paz, Juan Rulfo - also den magischen Realismus Lateinamerikas - aber nicht für wiehernde Bürohengste, dosenbierverputzende Glatzen, anmaßende Politwichtel - mögen sie hundertmal Deutsche sein.
    Und was Mehrheitsentscheidungen betrifft, Robert: Das ist ein dialektischer Prozeß, und in dem kann es durchaus auch Sinn machen, dem Volk, dem "großen Lümmel" (Heinrich Heine) mal was aufzuzwingen. Entscheidend ist immer, was? Wann ist das Volk, wann sind seine Regenten weiser? Das ist die Frage, ein prinzipielles Mehrheitsdiktat hingegen erscheint mir absurd.


    [Diese Nachricht wurde von Quoth am 01. September 2002 editiert.]

  4. #4
    pjesma
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    AW: schwarz-rot-gold

    vertrautheit ist schön. ist aber auch angst vom flug und freien fall.
    wenn ich mein sohn sehe, dann sehe ich nicht mich, dann sehe ich etwas ganz neues, was ich und noch etwas anderes ist . erkenntlichkeit in neuem. es ist ein spagat dem ich ohne vertrautheit bewältigen muß, und kann, nur durch das vertrauen, (glaube=hoffnung?) dass die zukunft es schon richten wird...
    wenn ich einen irländer singen höre, bin ich ganz irländer. wenn ich hessische witze höre, bin ich deutsch. heute im opelzoo, roch überall nach gras und schafe, ich kam mir mittendrinne ganz neuzeeländisch vor
    wenn ich eine mutter hätte, wäre ich kroatisch geblieben. deshalb, kann ich es mit vertrautheit verstehen und nachvollziehen. wenn muttersprache und vaterland dass sind was einen nestgefühl und gefühl des zusammengehörigkeit ausmachen, was habe ich wohl zu bieten? weniger oder mehr? fragen über fragen.....

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: schwarz-rot-gold

    Gut, dass Du da bist - und dich hier gemeldet hast, pjesma. Wenn es noch eines lebendigen Beweises bedurfte...

  6. #6
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Cool AW: schwarz-rot-gold

    Das wird bei diesem Thema sehr oft gemacht, ein sogenannter Kategorienfehler. Das eine ist die Zugehörigkeit zu einer, sagen wir mal, ästhetisch fixierbaren Gruppe (gleiche oder ähnliche Interessen, ähnliches Auftreten, ähnliche soziale Zugehörigkeit...); das andere ist die Zugehörigkeit zu einem Genpool, einer Vergangenheit, einer Klasse. Die Frage nach schwarz-rot-gold zielt auf eine historische Kategorie, nicht auf die gemeinsamer (frei gewählter) Interessen wie Bingospielen oder Borges-Lesen.
    Es fällt schon einem Kind auf, wenn es mit einem ausländischen Kind spielt - und es nicht versteht -, ob es mit diesem Kind Gemeinsamkeiten hat, jedenfalls mehr als mit dem Arschloch aus der eigenen Klasse (dem eigenen Bruder vielleicht sogar), das ihm jeden zweiten Tag den Kopf in die Toilette drückt. In unserem Falle sind diese Arschlöcher die Dosenbiertrinker.
    Nun, ich trinke auch gern mal ein Dosenbier, manche Sorten schmecken, entsprechend temperiert, gut aus der Dose, außerdem bediene ich damit die prollige Natur, die ich gelegentlich auch ausleben muß. Ich lese aber auch Borges oder Ricarda Huch.
    Eben. Kategorienfehler, wenn man die Frage so durcheinanderwirft. Das Ordnerthema will aber heißen: Bedarf es einer objektiven Abgrenzung gegenüber anderen Staaten oder sollten wir Staaten auflösen?

  7. #7
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: schwarz-rot-gold

    Aus gegebenem Anlaß hervorgeholt und umformuliert:


    Deutsche Männer,
    deutscher Durst,
    Schwarzrotgold,
    du bist mir Wurst.


    Besser so?
    Gruß Quoth

  8. #8
    rodbertus
    Laufkundschaft

    Lightbulb AW: schwarz-rot-gold

    hinter quoths glossierung steckt eine bittere wahrheit, allerdings eine andere, als sie der linksliberale quoth wahrhaben wollte: die brd und mit ihr europa besitzt keine politische idee und ist und handelt statt dessen nur zweckrational. der zweck ist profiterzeugung, wozu jeder eingeladen und woran jeder partizipieren soll. eben liberales gewäsch. ein konsumtempel, an dem jeder beteiligt werden soll, solange die möglichkeit besteht, daß er in den waren-geld-kreislauf eingreifen könnte, was de facto auf jeden menschen zutrifft, auch auf den ärmsten.
    es gibt in der BRD den wunsch nach selbstabschaffung, der in den medien jeden tag gepflegt wird und genug sich selbst hassende schnurzel kennt, die noch nach jedem bellen, der in diesen kanon nicht einstimmen möchte.
    de BRD ist ein in ihrer tiefenpsychologie sich selbst verneinendes, sich selbst verleugnendes und sich selbst abschaffen wollendes staatsgebilde, dem es an jeder perspektive fehlt. pathologisch. ein tätiges pro gibt es hier nicht.
    und irgendwie finde ich das gut. es ist der anfang von etwas und führt uns vielleicht endlich weg vom großdeutschen schwarzrotgold hin zum alten reichsgedanken: übernationell, föderativ und so gar nicht auf mehrwertgewinnung bedacht.

  9. #9
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: schwarz-rot-gold

    der ordner schreit geradezu nach modifikation. in den letzten jahren tat sich doch einiges, nicht unbedingt erwartbares.

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