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Ergebnis 1 bis 13 von 13

Thema: brm, brmm

  1. #1
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    brm, brmm

    Wieder ein Montag morgen und das Leben geht an ihr vorbei wie eh und je, ohne nach dem Weg zu fragen. Besser ist es, eine Nummer größer zu kaufen, Sohlen können Sie immer noch einlegen. Ihm weint sie keine Träne nach. Zu klein ist eng und Hühneraugenpflegen ist verlorene Liebesmüh. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Sie stemmt die Hände ins Kreuz und richtet sich auf. Es knackt im Rückgrat. Eine Gänsehaut kriecht ihren Nacken hinauf.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sie öffnet die Frühstücksdose und nimmt das Brot heraus, ohne Butter, halbiert und zusammengeklappt und der Käse darf nicht zwischen den Scheiben hervor stehen, sonst gibt es Gemecker, und reicht es dem kleinen Jungen, der auf dem schmalen Fensterbrett sitzt und mit den Beinen baumelt. Die Schuhsohlen klopfen rhythmisch an die Wand, drucken schwarze Gummispuren auf das weißgetünchte Mauerwerk. Das Kind schüttelt heftig den Kopf.
    "Bobbi will Misi trinken",sagt es und zeigt auf ihre Brust.
    Seine Arme umschlingen ihren Hals,seine Wange schmiegt sich an ihre. Gemeinsam setzen sie sich auf die oberste Treppenstufe neben die Regale mit den Schuhkartons. Das Kind zerrt ungeduldig an der Bluse.
    "Ham", sagt es.
    Sie öffnet die Knöpfe am Ausschnitt,schiebt den Büstenhalter hoch und legt das Kind an den Busen, spürt, wie die Milch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugen und Schlucken. Ist sie schön? Das Kind zerwühlt ihre Haare, zappelt mit den Beinen in der Luft. Und wer kümmert sich jetzt um sie? Gern schwarz wie meine Seele. Frisch gebrühter Kaffee von Hand, nicht mit der Maschine aufgesetzt, ihr zu liebe. Sonnenstrahlen rieseln durch die staubige Fensterscheibe auf ihr Gesicht, einem warmen Regen gleich,eine Maske aus Licht. Jung ist schön.
    "Ah", sagt das Kind und lacht und klettert von ihrem Schoß.
    "Brmm-Brmm."
    Ein rotes Feuerwehrauto stürzt die Treppe hinunter.
    "Möchtest du noch Brot essen?"
    "Nein!", sagt das Kind,schleudert das Brot auf die Holzdielen und schlägt auf ihre Hand.
    Sie hält einen kurzen Moment inne, unterdrückt den Impuls zurückzuschlagen, glättet stattdessen die Falten im Rock.
    "Heb bitte das Brot auf."
    Das Kind wirft sich vor ihre Füße und brüllt. Sie macht einen großen Schritt hinüber zur Kasse, nimmt den Schlüssel vom Haken, schließt die Ladentür auf und schiebt den Holzkeil unter den Türrahmen. Mülleimerräder rotieren über das Kopfsteinpflaster, als wollten sie es windelweich kloppen. Der Funkenflug einer Kippe landet im Rinnstein. Die erste Sternschnuppe heute. Wünsch dir was. Das Gebiss des Müllmanns ist makellos weiß. Er grinst bis über beide Ohren, tippt zum Gruß mit der Hand an die Stirn. Orange ist sein Anzug. Orange gefärbt waren seine Haare. Erwendet sich ab und drückt den Hebel an der Kippvorrichtung nach unten, lässt die Tonne sanft zu Boden gleiten. Es stinkt nach Katzenpisse. Sie dreht das Pappschild an der Scheibe um: Geöffnet.


    (...)
    wird fortgesetzt

  2. #2
    Maso
    Status: ungeklärt

    AW: brm, brmm

    1. Überarbeitung.

    eulalie findet es besser so?
    warum schweigt ihr?
    hannemännchen - harhar! kannst du auch konstruktiv vernichten?

    zu diensten
    deine
    maso

  3. #3
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    Post AW: brm, brmm

    Wieder ein Montag morgen und das Lebengeht an ihr vorbei wie eh und je, ohne nach dem Weg zu fragen. Besserist es, eine Nummer größer zu kaufen, Sohlen können Sie immer nocheinlegen. Orange, die Farbe der Saison, schöner Schein in derdunklen Jahreszeit. Zu klein ist eng und Hühneraugenpflegen istverlorene Liebesmüh. Wer sich jetzt trennt, der trennt sich fürimmer. Am liebsten wäre sie liegen geblieben. Sie stemmt die Händeins Kreuz und richtet sich auf. Es knackt im Rückgrat, ihre Wirbelscheinen es übel zu nehmen. Wer teilt jetzt ihre Sorgen, trägt sieauf Händen dann und wann, denkt an sie, auch wenn es ihm gut geht?Eine Gänsehaut kriecht ihren Nacken hinauf.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sie öffnet die Frühstücksdose undnimmt das Brot heraus, ohne Butter, halbiert, die Kantenabgeschnitten und zusammengeklappt und der Käse darf nicht zwischenden Scheiben hervor stehen, sonst gibt es Gemecker, und reicht es demKind, das auf dem schmalen Fensterbrett sitzt und mit den Beinenbaumelt. Die Schuhsohlen klopfen rhythmisch gegen die Wand, druckenschwarze Gummispuren auf das weißgetünchte Mauerwerk. Das Kindschüttelt heftig den Kopf.
    "Bobbi will Misi trinken",sagt es und zeigt auf ihre Brust.
    Seine Arme umschlingen ihren Hals,seine Wange schmiegt sich an ihre. Gemeinsam setzen sie sich auf dieoberste Treppenstufe neben die Regale mit den Schuhkartons. Das Kindzerrt ungeduldig an der Bluse.
    "Ham", sagt es.
    Sie öffnet die Knöpfe am Ausschnitt,schiebt den Büstenhalter hoch, wiegt den Busen in ihrer Hand. Weichwie eine Dampfnudel ist er, durchzogen von blauen Venen. DerWarzenhof ist dunkelbraun.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sein Mund ist weit geöffnet. Untenlinks bekommt es seinen zweiten Backenzahn. Sie legt das Kind an denBusen, spürt, wie die Milch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugenund Schlucken. Ist sie schön? Das Kind zerwühlt ihre kurzen Haare,zappelt mit den Beinen in der Luft. In ihren Kniekehlen sitzt seitTagen schon ein stechender Schmerz. Sturmtief oder Schlafmangel? UndBitterkeit? Gern schwarz wie die Seelen der Tugendwächter. Frischgebrühter Kaffee von Hand, nicht mit der Maschine aufgesetzt, ihr zuliebe. Sonnenstrahlen rieseln durch die staubige Fensterscheibe aufihr Gesicht, einem warmen Regen gleich, eine Maske aus Licht. Jungist schön.
    "Ah", sagt das Kind und lachtund klettert von ihrem Schoß.
    "Brmm-Brmm."
    "Pack die Brüste ein, nimm deinkleines Babylein und fahr raus zum Wannsee."
    Sie summt vergnügt.
    "Möchtest du noch Brot essen?"
    "Nein!", sagt das Kind undschlägt auf ihre Hand, dass es brennt. Ein Feuerwehrauto stürzt dieTreppe hinab. Sie hält einen kurzen Moment inne, unterdrückt denImpuls zur?ckzuschlagen, glättet stattdessen die Falten im Rock.
    "Heb bitte das Brot auf."
    Das Kind wirft sich vor ihre Füße undbrüllt. Sie macht einen großen Schritt hinüber zur Kasse, nimmtden Schlüssel vom Haken, schließt die Ladentür auf und schiebt denHolzkeil unter den Türrahmen. Mülleimerräder rotieren über dasKopfsteinpflaster, als wollten sie es windelweich kloppen. DerFunkenflug einer Kippe landet im Rinnstein. Die erste Sternschnuppeheute. Wünsch dir was. Das Gebiss des Müllmanns ist makellos weiß.Er grinst bis über beide Ohren, tippt zum Gruß mit der Hand an dieStirn. Orange ist sein Anzug. Orange verfärbt waren seine hellenSegelschuhe. Er wendet sich ab und drückt den Hebel an derKippvorrichtung nach unten, lässt die Tonne sanft zu Boden gleiten.Es stinkt nach Katzenpisse. Sie dreht das Pappschild an der Scheibeum: Geöffnet.


    (...)


    to be continued

  4. #4
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    AW: brm, brmm

    hallo eule,

    1 gefällt mir besser. ist spontaner. und davon lebt der text. und der kalauer mit dem wannsee fehlt in 1. (der ist nämlich schröcklich)

    warum die kritk hier sich so fürnehm zurückhält? thema alleinerziehende mutter ist für die herren literaten wohl nicht so interessant

    gruss eule.

  5. #5
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    AW: brm, brmm

    moin eule

    den hab ich schon entfernt, den schröcklichen.
    danke dir, dass du mit mir sprichst.

    is echt schiete, ignoriert zu werden. so mit system. jedenfalls kommts bei mir so an. finde nämlich, dass der ladenhüter hier seinen job zu wörtlich nimmt.
    puh, is mir langweilig.

    *hau&stech*

    lg
    e.

  6. #6
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    AW: brm, brmm

    mir gefällt die 1. Fassung auch besser, weil sie schneller ist. Entspricht mehr der Situation. Ich kann mit gar nicht vorstellen, wie das weitergeht, ist so wie ein Schlaglicht.

  7. #7
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    AW: brm, brmm

    zurückhaltung nicht deshalb - bin selber alleinerziehend -, sondern aufgrund fehlender grundspannung im text. gähn!

  8. #8
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    AW: brm, brmm

    Original erstellt von eulalie:
    Wieder ein Montag morgen. Das Leben geht an ihr vorbei wie eh und je, ohne nach dem Weg zu fragen. >>> wie eh und je und ohne nach dem Weg... ist doppelt gemoppelt...absatz vor...Besser ist es...und dann hättest du einen schönen anfang

    der erste abschnitt ist hauruck zackzack. urplötzlich: ihm weint sie keine träne nach. gut, das gefiele mir sogar, wenn nicht dreierlei urplötzlich:
    die schuhe
    er
    hühneraugen


    ein klein wenig mehr fleisch zum vernetzen? bitte sehr!


    situationskomik dann: hühneraugen und kurz danach noch gänsehaut. das freut so wohl nur den herrn grizmeck...


    desweiteren ist das mit der gänsehaut zu ungenau beschrieben. gänsehäute kriechen nicht den nacken hinauf. wirklich nicht. sie überziehen die haut, und zwar ziemlich gleichmässig gleichzeitig. du sprichst hier von einem frösteln. was ich auch vorziehen tät, wäre dann nicht so "tierisch" das ganze...


    so viel zum ersten abschnitt. frage jetzt:
    bin ich zu schweizerisch pünktchenschissig oder du zu schlampig?


    amicalement b.

  9. #9
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    AW: brm, brmm

    kyra,bist die gute seele hier
    esgeht schon weiter, aber du hast nicht unrecht, brauchte eineschöpferische pause. ich kriege die kurve noch , fische allerdingsnoch ein bisschen im trüben *g* mal schauen, ob ich nen hering oderkarpfen angeln werde.

    hibernoulli,
    schlampig,das macht mir sorgen immerhin, erkannt hab ich meine, diese schwächebereits, der 2. schritt ist schwieriger

    gänsehautis schon weg, ist mir irgendwie zu banal, zu blöd, zu, ...

    diebindeglieder - mein größtes problem - tempo, hetzerei, wer mag daeigentlich folgen? bin ja selber schon ganz außer atem, filmriß,auch von der kühlbrandbrücke gesprungen.

    anfangschöner? ich schau mal ...

    dankeherzlich euch allen beiden

    lg
    e.

    DasKind wirft sich vor ihre Füße und brüllt. Es tritt nach ihr.Sie macht einen großen Schritt über seinen Körper hinweg und gehtnach hinten ins Büro, ein Staubtuch holen. An der Pinwand über demSchreibtisch grinst ihr Mann sie eselohrenschief an. Sie zieht diekleine Nadel aus dem Kork und nimmt das Foto in die Hand. Er und siebarfuss im Sand. Männer schauten Frauen angeblich zuerst insGesicht, hat sie kürzlich gelesen, und riskierten erst dann einenBlick auf den Busen. Frauen dagegen träfen ihre Wahl zu meist überdas Gehör, auf seine Stimme käme es an. Sie zuckt die Achseln.Irgendwie scheint sie durch alle Raster zu fallen. Du bist so zickigund arrogant, wie die Olle Ernst, sagte ihr Vater immer. Vielleichtliegt es daran? Wie eine Hellseherin aus den Linien einer Hand, siehtsie Schuhen an, was sie über ihre Besitzer zu sagen haben. Sie, dieverdammte Schönwetterprinzessin, die Fehler gerne anderen anhängt,als handele es sich um eine lästige Sommergrippe, wird von nun anohne Wärmflasche auskommen müssen, weil sie einmal zu viel irrte.Sie dreht das Foto um. Hallo Anita, ich hab mir riesengroße Blasengelaufen. Sorry, einen Pantoffelhelden machst du aus mir nicht! Takeit easy. Mit freundlichen Grüßen, Felix. Sie steckt das Fotozurück. Mit freundlichen Grüßen, Felix, flüstert sie vor sichhin. Da waren sie bereits drei Jahre zusammen.
    OhMann“, sagt sie laut und tritt einen der umherliegenden Kartonsgegen die Wand. Schuhsalon Emilie Ernst, krumm und schief steht esauf seiner zerknautschten Pappnase zu lesen. Von ihrer Urgroßmuttergegründet. Die erste Schuhmachermeisterin in Hamburg und einzige inder Familie, die sich treu blieb, statt irgendeinem dahergelaufenenFreier die Stiefel zu lecken, der nichts weiter zu bieten hatte, alsTüren zu öffnen, um sich den Rücken freizuhalten und, als wäre esein Naturgesetz, sich mit unverfrorener Selbstverständlichkeit aufihren Platz zu setzen. Es sei denn, es kam einer, der Schuhgröße ab46 trug. Natürliche Auslese, nannte sie das. So sagt es jedenfallsdie Legende und so erzählte sie es ihm. Eine, wie die, wäre Giftfür jede Beziehung, zu egozentrisch und es interessierte ihn eherperipher, was Frauen dachten. Sie stand am Kühlschrank wieangewachsen, eine Milchtüte in der Hand, öffnete den Mund undschloss die Lippen wieder. Es passierte nicht oft, dass sie nichts zusagen wusste. Eigentlich spürte sie es damals schon, es rumorte inihren Eingeweiden, es war Schluss. Eigentlich. Eigentlich gefallenihm die neuen Stiefel nicht besonders, sie sind innen nicht einmaldurchgehend mit Leder gefüttert. Er kauft sie trotzdem, weil es einSonderangebot ist und sie fast um die Hälfte billiger sind. EinSchnäppchen, das er gerne mitnimmt, für den Alltag wie geschaffenzum Auslatschen und danach kommen sie eben auf den Müll.Sensationell, was Sie eingespart haben. Davon sollten Sie sich nochein zweites Paar leisten. So dachte er, es ist immer klüger, Ersatzzu haben. Ihr Blick schweift ziellos umher, sie kratzt irritiert amMückenstich auf ihrem Ellenbogen. Was wollte sie? Eigentlich. Sieklappert zurück in den Ladenraum. Dort ist es verdächtig still.

    (...)

  10. #10
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    AW: brm, brmm

    ... über das Gehör


    ... wird von nun an ohne Wärmflasche auskommen müssen ...


    Die erste Schuhmachermeisterin in Hamburg und einzige in der Familie, die sich treu blieb, statt irgendeinem windigen Freier die Stiefel zu lecken, nur damit er ihr die Türen aufhielt. Ein Fortschritt in die Abhängigkeit, wie sie fand.


    ....


    Es ist immer klüger, Ersatz zu haben, war seit jeher seine Devise gewesen.


    ....


    Verkaufsraum

  11. #11
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    Post AW: brm, brmm

    anfang, neu überarbeitet:

    Es ist Montag morgen und es ist ihrGeburtstag. Da steht sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden -Latschen mit Lederriemchen, glänzende Metallschnallen links, an denFüßen - und schwankt nicht ein bisschen. Beim Gehen klappert dasHolz gegen die Fersen, als wollten sie ihrem Herzen einprägen, allessei erlaubt, außer im Leerlauf sterben. Sie sieht auf die Uhr, derVertreter mit der neuen Kollektion ist noch nie pünktlich gewesen.Besser ist es, eine Nummer größer zu nehmen, Sohlen können Sieimmer noch einlegen. Orange, die Farbe der Saison, der Muttupfer indunkler Jahreszeit. Zu klein ist eng und Hühneraugenpflegenverlorene Liebesmüh, denn wer sich im Herbst trennt, der trennt sichfür immer.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sie öffnet die Frühstücksdose undnimmt das Brot heraus, ohne Butter, halbiert, die Kantenabgeschnitten und zusammengeklappt und der Käse darf nicht zwischenden Scheiben hervor stehen, sonst gibt es Gemecker, und reicht es demKind, das auf dem schmalen Fensterbrett sitzt und mit den Beinenbaumelt. Die Schuhsohlen klopfen rhythmisch gegen die Wand, druckenschwarze Gummispuren auf das weißgetünchte Mauerwerk. Das Kindschüttelt heftig den Kopf.
    "Bobbi will Misi tinken",sagt es und parkt sein kleines Feuerwehrauto auf ihrer Brust, führtes ihren Hals hinauf. Seine Wange schmiegt sich an ihre. Gemeinsamsetzen sie sich auf die oberste Treppenstufe neben die Regale mit denSchuhkartons. Das Kind zerrt ungeduldig an der Bluse.
    "Ham", sagt es.
    Sie öffnet die Knöpfe am Ausschnitt,schiebt den Büstenhalter hoch, wiegt den Busen in ihrer Hand. Weichwie eine Dampfnudel ist er, durchzogen von blauen Venen. DerWarzenhof ist dunkelbraun.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sein Mund ist weit geöffnet. Untenlinks bekommt es seinen zweiten Backenzahn. Sie legt das Kind an denBusen, spürt, wie die Milch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugenund Schlucken. Ist sie schön? Das Kind zerwühlt ihre kurzen Haare,zappelt mit den Beinen in der Luft. In ihren Kniekehlen sitzt seitTagen schon ein stechender Schmerz. Sturmtief oder Schlafmangel? UndBitterkeit? Gern schwarz wie die Seelen der Tugendwächter. Frischgebrühter Kaffee von Hand, nicht mit der Maschine aufgesetzt, ihr zuliebe. Sonnenstrahlen rieseln durch die staubige Fensterscheibe aufihr Gesicht, einem warmen Regen gleich, eine Maske aus Licht. Jungist schön.
    "Ah", sagt das Kind und lachtund klettert von ihrem Schoß.
    "Brmm-Brmm."
    Sie schaut dem Kind zu, wie es flinkseinen Hintern in die Luft streckt, sich mit den Armen auf dem Bodenabstützt, schwankt, unbeirrt seinen kleinen Körper auf zweiO-Beinen ausbalanciert.
    "Möchtest du noch Brot essen?"
    "Nein!", sagt das Kind undhaut auf ihre Hand, dass es brennt. Das Feuerwehrauto stürzt dieTreppe hinab. Sie hält einen kurzen Moment inne, unterdrückt denImpuls zurückzuschlagen, glättet stattdessen die Falten im Rock.
    "Heb bitte das Brot auf."
    Das Kind wirft sich vor ihre Füße undbrüllt. Es tritt nach ihr. Sie macht einen großen Schritt überseinen Körper hinweg und geht nach hinten ins Büro, ein Staubtuchholen. An der Pinwand über dem Schreibtisch grinst ihr Mann sieeselohrenschief an. Sie zieht die kleine Nadel aus dem Kork und nimmtdas Foto in die Hand. Er und sie barfuss im Sand. Männer schautenFrauen angeblich zuerst ins Gesicht, hat sie kürzlich gelesen, undriskierten erst dann einen Blick auf den Busen. Frauen dagegen träfenihre Wahl zu meist über das Gehör, auf seine Stimme käme es an.Sie zuckt die Achseln. Irgendwie scheint sie durch alle Raster zufallen. Du bist so zickig und arrogant, wie die Olle Ernst, sagte ihrVater immer. Vielleicht liegt es daran? Wie eine Hellseherin aus denLinien einer Hand, sieht sie Schuhen an, was sie über ihre Besitzerzu sagen haben. Sie, die verdammte Schönwetterprinzessin, die Fehlergerne anderen anhängt, als handele es sich um eine lästigeSommergrippe, wird von nun an ohne Wärmflasche auskommen müssen,weil sie einmal zu viel irrte. Sie dreht das Foto um. Hallo Anita,ich hab mir riesengroße Blasen gelaufen. Sorry, einenPantoffelhelden machst du aus mir nicht! Take it easy. Mitfreundlichen Grüßen, Felix. Sie steckt das Foto zurück. Mitfreundlichen Grüßen, Felix, flüstert sie vor sich hin. Da warensie bereits drei Jahre zusammen.
    "Oh Mann", sagt sie laut undtritt einen der umherliegenden Kartons gegen die Wand. SchuhsalonEmilie Ernst, krumm und schief steht es auf seiner zerknautschtenPappnase zu lesen. Von ihrer Urgroßmutter gegründet. Die ersteSchuhmachermeisterin in Hamburg und einzige in der Familie, die sichtreu blieb, statt irgendeinem windigen Freier die Stiefel zu lecken,nur damit er ihr die Türen ins Reich der gemeinen Küchenschabenaufhielt. Ein Fortschritt in die Abhängigkeit, wie sie fand. Es seidenn, es kam einer, der Schuhgröße ab 46 trug. Natürliche Auslese,nannte sie das. So sagt es jedenfalls die Legende und so erzähltesie es ihm. Eine, wie die, wäre Gift für jede Beziehung, zuegozentrisch und es interessierte ihn eher peripher, was Frauendachten. Sie stand am Kühlschrank wie angewachsen, eine Milchtütein der Hand, öffnete den Mund und schloss die Lippen wieder. Espassierte nicht oft, dass sie nichts zu sagen wusste. Eigentlichspürte sie es damals schon, es rumorte in ihren Eingeweiden, es warSchluss. Eigentlich. Eigentlich gefallen ihm die neuen Stiefel nichtbesonders, sie sind innen nicht einmal durchgehend mit Ledergefüttert. Er kauft sie trotzdem, weil es ein Sonderangebot ist undsie fast um die Hälfte billiger sind. Ein Schnäppchen, das er gernemitnimmt, für den Alltag wie geschaffen zum Auslatschen und danachkommen sie eben auf den Müll. Sensationell, was Sie eingesparthaben. Davon sollten Sie sich noch ein zweites Paar leisten. Es istimmer klüger, Ersatz zu haben, war seit jeher seine Devise gewesen.Ihr Blick schweift ziellos umher, sie kratzt irritiert am Mückenstichauf ihrem Ellenbogen. Was wollte sie? Eigentlich. Sie klappert zurückin den Verkaufsraum. Dort ist es verdächtig still. Ein Schuh nachdem anderen, kein Karton und die mit Schnürsenkel sind ohne, hat esins Schaufenster zur wilden Stehparty gesellt. Das Kind ist ganz obenauf das Trittleiterpodest geklettert und lässt Seidenpapierfetzendurch seine Finger zu Boden schweben.
    "Tuck mal Mama, Bobbi machtSchneegetober."
    Sie entscheidet sich zu weinen. Greiftsich das Kind von des Turmes Spitze, umarmt es, bis es schreit.
    "Bobbi mag das nicht."
    Sie wirbelt ihn um ihre Achse. Hochsollen sie leben, drei mal hoch.
    "Noch mal!"
    Alles dreht sich, die Fenster, Tür,die Schuhe und Kartons, das ganze Leben ein Karussell, das Kind istKlabautermann und sie seine Kurbel. Der Boden unter ihren Füßendreht sich noch ein wenig weiter, als sie mit den Latschen klappert,und steht still.
    "Noch mal!"
    Staubtuch, fällt ihr wieder ein. Siesollte ruhig öfter Durchdrehen, denkt sie und grinst, ihr Kopf istwie leer gefegt - herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

    (...)
    to be or not to be continued - dochgeht noch weiter

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: brm, brmm

    Es ist Montag morgen und es ist ihrGeburtstag. Da steht sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden -Latschen mit Lederriemchen, glänzende Metallschnallen links, an denFüßen - und schwankt nicht ein bisschen. Beim Gehen klappert dasHolz gegen die Fersen, als wollten sie ihrem Herzen einprägen, allessei erlaubt, außer im Leerlauf sterben. Sie sieht auf die Uhr, derVertreter mit der neuen Kollektion ist noch nie pünktlich gewesen.Besser ist es, eine Nummer größer zu nehmen, Sohlen können Sieimmer noch einlegen. Orange, die Farbe der Saison, der Muttupfer indunkler Jahreszeit. Zu klein ist eng und Hühneraugenpflegenverlorene Liebesmüh, denn wer sich im Herbst trennt, der trennt sichfür immer.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sie öffnet die Frühstücksdose undnimmt das Brot heraus, ohne Butter, halbiert, die Kantenabgeschnitten und zusammengeklappt und der Käse darf nicht zwischenden Scheiben hervor stehen, sonst gibt es Gemecker, und reicht es demKind, das auf dem schmalen Fensterbrett sitzt und mit den Beinenbaumelt. Die Schuhsohlen klopfen rhythmisch gegen die Wand, druckenschwarze Gummispuren auf das weißgetünchte Mauerwerk. Das Kindschüttelt heftig den Kopf.
    "Bobbi will Misi tinken",sagt es und parkt sein kleines Feuerwehrauto auf ihrer Brust, führtes ihren Hals hinauf. Seine Wange schmiegt sich an ihre. Gemeinsamsetzen sie sich auf die oberste Treppenstufe neben die Regale mit denSchuhkartons. Das Kind zerrt ungeduldig an der Bluse.
    "Ham", sagt es.
    Sie öffnet die Knöpfe am Ausschnitt,schiebt den Büstenhalter hoch, wiegt den Busen in ihrer Hand. Weichwie eine Dampfnudel ist er, durchzogen von blauen Venen. DerWarzenhof ist dunkelbraun.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sein Mund ist weit geöffnet. Untenlinks bekommt es seinen zweiten Backenzahn. Sie legt das Kind an denBusen, spürt, wie die Milch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugenund Schlucken. Ist sie schön? Das Kind zerwühlt ihre kurzen Haare,zappelt mit den Beinen in der Luft. In ihren Kniekehlen sitzt seitTagen schon ein stechender Schmerz. Sturmtief oder Schlafmangel? UndBitterkeit? Gern schwarz wie die Seelen der Tugendwächter. Frischgebrühter Kaffee von Hand, nicht mit der Maschine aufgesetzt, ihr zuliebe. Sonnenstrahlen rieseln durch die staubige Fensterscheibe aufihr Gesicht, einem warmen Regen gleich, eine Maske aus Licht. Jungist schön.
    "Ah", sagt das Kind und lachtund klettert von ihrem Schoß.
    "Brmm-Brmm."
    Sie schaut dem Kind zu, wie es flinkseinen Hintern in die Luft streckt, sich mit den Armen auf dem Bodenabstützt, schwankt, unbeirrt seinen kleinen Körper auf den O-Beinenausbalanciert.
    "Möchtest du noch Brot essen?"
    "Nein. Nein!", sagt das Kindund haut auf ihre Hand, dass es brennt. Das Feuerwehrauto stürzt dieTreppe hinab. Sie hält einen kurzen Moment inne, unterdrückt denImpuls zurückzuschlagen, glättet stattdessen die Falten im Rock.
    "Heb bitte das Brot auf."
    Das Kind wirft sich vor ihre Füße undbrüllt. Es tritt nach ihr. Sie macht einen großen Schritt überseinen Körper hinweg und geht nach hinten ins Büro, ein Staubtuchholen. An der Pinwand über dem Schreibtisch grinst ihr Mann sieeselohrenschief an. Sie zieht die kleine Nadel aus dem Kork und nimmtdas Foto in die Hand. Er und sie im Sand. Männer schauten Frauenangeblich zuerst ins Gesicht, hat sie erst vor kurzem gelesen, undriskierten erst dann einen Blick auf den Busen. Frauen dagegen träfenihre Wahl zu meist über das Gehör, auf seine Stimme käme es an.Sie zuckt die Achseln. Irgendwie scheint sie durch alle Raster zufallen. Du bist so zickig und arrogant, wie die Olle Ernst, sagte ihrVater immer. Vielleicht liegt es daran? Wie eine Hellseherin aus denLinien einer Hand, sieht sie Schuhen an, was sie über ihre Besitzerzu sagen haben. Er war barfuss und sie eine Kuh, eine blinde. Ist sieden Männern zu ähnlich dämlich? Schönwetterprinz trifftBurgfräulein zur Brunft auf Schloss Fliegenscheiß. Sie wird von nunan ohne Wärmflasche auskommen müssen. Hallo Anita, ich hab mir dieZehen blutig gelaufen. Sorry, einen Pantoffelhelden machst du aus mirnicht! Take it easy. Mit freundlichen Grüßen, Felix. Sie steckt dasFoto zurück. Mit freundlichen Grüßen, Felix, flüstert sie vorsich hin. Da waren sie bereits drei Jahre zusammen.
    "Oh Mann", sagt sie laut undtritt einen der umherliegenden Kartons gegen die Wand. SchuhsalonEmilie Ernst, krumm und schief steht es auf seiner zerknautschtenPappnase zu lesen. Von ihrer Urgroßmutter gegründet. Die ersteSchuhmachermeisterin in Hamburg und einzige in der Familie, die sichtreu blieb, statt irgendeinem windigen Freier die Stiefel zu lecken,nur damit er ihr die Türen ins Reich der gemeinen Küchenschabenaufhielt. Ein Fortschritt in die Abhängigkeit, wie sie fand. Es seidenn, es kam einer, der Schuhgröße ab 46 trug. Natürliche Auslese,nannte sie das. So sagt es jedenfalls die Legende und so erzähltesie es ihm. Eine, wie die, wäre Gift für jede Beziehung, zuegozentrisch und es interessierte ihn eher peripher, was Frauendachten. Sie stand am Kühlschrank wie angewachsen, eine Milchtütein der Hand, öffnete den Mund und schloss die Lippen wieder. Espassierte nicht oft, dass sie nichts zu sagen wusste. Eigentlichspürte sie es damals schon, es rumorte in ihren Eingeweiden, es warSchluss. Eigentlich. Eigentlich gefallen ihm die neuen Stiefel nichtbesonders, sie sind innen nicht einmal durchgehend mit Ledergefüttert. Er kauft sie trotzdem, weil es ein Sonderangebot ist undsie fast um die Hälfte billiger sind. Ein Schnäppchen, das er gernemitnimmt, für den Alltag wie geschaffen zum Auslatschen und danachkommen sie eben auf den Müll. Sensationell, was Sie eingesparthaben. Davon sollten Sie sich noch ein zweites Paar leisten. Es istimmer klüger, Ersatz zu haben, war bisweilen seine Devise gewesen.Ihr Blick schweift ziellos umher, sie kratzt irritiert am Mückenstichauf ihrem Ellenbogen. Was wollte sie? Eigentlich. Sie klappert zurückin den Verkaufsraum. Dort ist es verdächtig still. Ein Schuh nachdem anderen, die mit Schnürsenkel sind ohne, hat sich wie vonGeisterfüßen getragen ins Schaufenster zur wilden Stehpartygesellt. Das Kind ist ganz oben auf das Trittleiterpodest geklettertund lässt Seidenpapierfetzen durch seine Finger zu Boden schweben.
    "Tuck mal Mama, Bobbi machtSchneegetober."
    Sie entscheidet sich zu weinen. Greiftdas Kind von des Turmes Spitze, umarmt es, bis es schreit.
    "Nein. Nein. Bobbi mag das nicht."
    Sie wirbelt es um ihre Achse. Hochsollen sie leben, drei mal hoch.
    "Noch mal!"
    Alles dreht sich, die Fenster, Tür,die Schuhe und Kartons, das ganze Leben ein Karussell, das Kind istder Klabautermann und sie eine Kurbel. Der Boden unter ihren Füßendrosselt langsam das Tempo, als sie mit den Latschen klappert, undsteht still.
    "Noch mal!"
    Staubtuch, fällt ihr wieder ein. Siesollte ruhig öfter Durchdrehen, denkt sie und grinst, ihr Kopf istwie leer geputzt - herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Gemeinsamkrabbeln sie auf allen Vieren, reihen die Kartons aneinander, vomSchaufenster bis zur Treppe staut es sich auf.
    "Die Feuerwehr tommt. Miemiemie!"
    Wählen und schauen und suchen. Immerzwei gleiche Schuhe aus den Haufen fischen, nach Damen und Herren,groß und klein, sortieren und einwickeln in Seidenpapier. Esraschelt und kruschelt, als würden alle fleißige Lieschen der Stadtfürsorglich den Winter entblättern.
    "Tuck mal Mama, Schuh schlaft imTuschelbettchen, Bobbi macht."
    Nur zwei einzelne Klapperlatschen,schwarze Lederriemchen mit glänzenden Metallschnallen, sind nichtfüreinander bestimmt. Sie streift - nur so ein Bauchgefühl - einevon ihren Füßen ab. Sieh einer an, staunt sie, gebraucht liebtoriginal verpackt. Adam und Eva latschen in ihr Schlafgemach. Unisex,Absatz neu besohlen, schreibt sie auf den Deckel. Sonderangebot. DasKind entert ihren Schoß. Sie reimt und singt:
    Liebe Sonne scheine,
    auf meine schönen Beine,
    besser das Geld verkaufen,
    als Blasen in Latschen laufen.
    Der Rhythmus holpert das Kind auf ihrenKnien auf und ab. Es quietscht vor Vergnügen. Sein Kopf ein Gewirraus flachsblonden Haaren, wippt und wackelt, statt an einem Hals,scheint er an einer Sprungfeder befestigt zu sein.
    "Ham", sagt das Kind.
    Es rollt sich in ihren Armen zusammenund nickt, als sie die Knöpfe der Bluse öffnet. Mit den Zähnennagt es vorsichtig an ihrer Brustwarze.
    "Nein. Nein", sagt es undlacht.
    Es dockt sich an. Sie spürt, wie dieMilch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugen und Schlucken. Ein Kindbraucht Mutter und Vater. Liebe kümmert Kummer nicht. Sie kitzeltdem Kind die Fußsohlen. Friederike sollte es eigentlich heißen.Eigentlich. Seitdem bremst sie auch für Cowboys. Sie setzt das Kindauf ihrem Hüftknochen ab und geht hinüber zur Kasse, nimmt denSchlüssel vom Haken, schließt die Ladentür auf und schiebt denHolzkeil unter den Rahmen. Eine Brise aus Nordwest wehtBratfischgeruch in ihre Nase und das monotone Brummen derLadekrankatzen vom Containerterminal ruht sich auf ihre Schläfenaus. Sie klappert ein paar Schritte über den Bürgersteig.
    "Tuck mal Mama."
    Das Kind kreischt in ihr Ohr hinein,starrt die Gehwegplatten an, zeigt mit ausgestrecktem Finger aufetwas Grünes, das in einer der moosbewachsenen Ritzen hockt.
    "Oh, eine Heuschrecke."
    Wieselflink rutscht es an ihrem Beinhinunter, sein Fuß schnellt nach vorne, zack, die Heuschrecke istplatt.
    "Tschüs Heuschecke!"
    Zarte Kinderseelen?, denkt sie und willihm erklären, dass. Doch es ist schon wieder auf und winkt und davongerannt und im Laden verschwunden. Was das noch werden wird. O hauahaua haua ha! Müllmänner sind heute früher da, als gewöhnlich.Sie zerren die Eimer hinter sich her, als wollten sie sich die Armeausreißen. Die Räder rotieren über das Kopfsteinpflaster, dass diePunkergören in der Hofeinfahrt von ihren Schlafsäcken hochschrecken. Der Funkenflug einer Kippe landet im Rinnstein.Sternschnuppe für Kellerkinder. Wünsch dir was. Das Gebiss desMüllmanns ist makellos weiß. Er grinst bis über beide Ohren, tipptzum Gruß mit der Hand an die Stirn, dann wendet er sich ab unddrückt den Hebel an der Kippvorrichtung nach unten, lässt die Tonnesanft zu Boden gleiten. Es stinkt nach Katzenpisse. Sie dreht dasPappschild an der Scheibe um: Geöffnet.

  13. #13
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: brm, brmm

    Eigentlich


    Es ist Montag morgen und es ist ihrGeburtstag. Da steht sie nun, Latschen mit Lederriemchen, glänzendeMetallschnallen links, an den Füßen, und wundert sich, wie festder Boden darunter ist und schwankt nicht ein bisschen. Beim Gehenklappert das Holz gegen die Fersen, als wollte es ihrem Herzeneinprägen, alles sei erlaubt, außer im Leerlauf sterben. Sie siehtauf die Uhr, der Vertreter mit der neuen Kollektion ist noch niepünktlich gewesen. Besser ist es, eine Nummer größer zu nehmen,Sohlen können Sie immer noch einlegen. Orange, die Farbe der Saison,Muttupfer in dunkler Jahreszeit. Der Wille allein ist, was zählt.Trotzdem, zu klein ist eng und Hühneraugen pflegen verloreneLiebesmüh, denn wer sich im Herbst trennt, der trennt sich fürimmer.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sie öffnet die Frühstücksdose undnimmt das Brot heraus, ohne Butter, halbiert, die Kantenabgeschnitten und zusammengeklappt und der Käse darf nicht zwischenden Scheiben hervor stehen, sonst gibt es Gemecker, und reicht es demKind, das auf dem schmalen Fensterbrett sitzt und mit den Beinenbaumelt. Die Schuhsohlen klopfen rhythmisch gegen die Wand, druckenschwarze Gummispuren auf das weißgetünchte Mauerwerk. Das Kindschüttelt heftig den Kopf.
    "Nein. Nein. Bobbi will Misitinken", sagt es und parkt sein kleines Feuerwehrauto auf ihrerBrust, führt es ihren Hals hinauf. Seine Wange schmiegt sich anihre. Gemeinsam setzen sie sich auf die oberste Treppenstufe nebendie Regale mit den Schuhkartons. Das Kind zerrt ungeduldig an derBluse.
    "Ham", sagt es.
    Sie öffnet die Knöpfe am Ausschnitt,schiebt den Büstenhalter hoch, wiegt den Busen in ihrer Hand. Weichwie eine Dampfnudel ist er, durchzogen von blauen Venen. DerWarzenhof ist dunkelbraun.
    "Ham", sagt das Kind.
    Sein Mund ist weit geöffnet. Untenlinks bekommt es seinen zweiten Backenzahn. Sie legt das Kind an denBusen, spürt, wie die Milch zu fließen beginnt, lauscht dem Saugenund Schlucken. Ist sie schön? Das Kind zerwühlt ihre kurzen Haare,zappelt mit den Beinen in der Luft. In ihren Kniekehlen sitzt seitTagen schon ein stechender Schmerz. Sturmtief oder Schlafmangel? UndBitterkeit. Gern schwarz wie die Seelen der Tugendwächter. Frischgebrühter Kaffee von Hand, nicht mit der Maschine aufgesetzt, ihr zuliebe. Sonnenstrahlen rieseln durch die staubige Fensterscheibe aufihr Gesicht, einem warmen Regen gleich, eine Maske aus Licht. Jungist schön.
    "Ah", sagt das Kind und lachtund klettert von ihrem Schoß.
    "Brmm-Brmm."
    Sie füllt Wasser in den elektrischenKocher und schaut dabei dem Kind zu, wie es flink seinen Hintern indie Luft streckt, sich mit den Armen auf dem Boden abstützt,unbeirrt balanciert es seinen kleinen Körper auf den O-Beinen aus.
    "Möchtest du noch Brot essen?"
    "Nein. Nein!", sagt das Kindund haut auf ihre Hand, dass es brennt. Das Feuerwehrauto stürzt dieTreppe hinab. Sie hält einen kurzen Moment inne, unterdrückt denImpuls zurückzuschlagen, glättet stattdessen die Falten im Rock.
    "Heb bitte das Brot auf."
    Das Kind wirft sich vor ihre Füße undbrüllt. Es tritt nach ihr. Sie macht einen großen Schritt über denSpeichel spuckenden Drachen hinweg und geht nach hinten ins Büro,ein Staubtuch holen. An der Pinwand über dem Schreibtisch grinst ihrMann sie eselohrenschief an. Sie zieht die kleine Nadel aus dem Korkund nimmt das Foto in die Hand. Er und sie im Sand. Männer schautenFrauen angeblich zuerst ins Gesicht, hat sie vor kurzem gelesen, undriskierten erst dann einen Blick auf den Busen. Frauen dagegen träfenihre Wahl zu meist über den Gehörsinn, auf seine Stimme käme esan. Sie zuckt die Achseln. Irgendwie scheint sie durch alle Raster zufallen. Du bist so zickig und arrogant, wie die Olle Ernst, sagte ihrVater immer. Vielleicht liegt es daran? Wie eine Hellseherin aus denLinien einer Hand, sieht sie Schuhen an, was sie über ihre Besitzerzu sagen haben. Er war barfuss und sie eine Kuh, eine blinde. Ist sieden Männern zu ähnlich dämlich? Schönwetterprinz Klettverschlusstrifft Burgfräulein Ökosocke zum Erbsensammeln auf SchlossFliegenscheiß. Sie wird von nun an ohne Wärmflasche auskommenmüssen. Hallo Anita, ich hab mir die Zehen blutig gescheuert. Sorry,einen Pantoffelhelden machst du aus mir nicht! Take it easy. Mitfreundlichen Grüßen, Felix. Sie steckt das Foto zurück. Mitfreundlichen Grüßen, Felix, flüstert sie vor sich hin. Da warensie bereits drei Jahre zusammen.
    "Oh Mann", sagt sie laut undtritt einen der umherliegenden Kartons gegen die Wand. SchuhsalonEmilie Ernst, krumm und schief steht es auf seiner zerknautschtenPappnase zu lesen. Von ihrer Urgroßmutter gegründet. Die ersteSchuhmachermeisterin in Hamburg und einzige in der Familie, die sichtreu blieb, statt irgendeinem windigen Freier die Stiefel zu lecken,nur damit er ihr die Türen ins Reich der gemeinen Küchenschabenaufhielt. Ein Fortschritt in die Abhängigkeit, wie sie fand. Es seidenn, es kam einer, der Schuhgröße ab 46 trug. Natürliche Auslese,nannte sie das. So sagt es jedenfalls die Legende und so erzähltesie es ihm. Eine, wie die, wäre Gift für jede Beziehung, zuegozentrisch und es interessierte ihn eher peripher, was Frauendachten. Sie stand am Kühlschrank wie angewachsen, eine Milchtütein der Hand, öffnete den Mund und schloss die Lippen wieder. Espassierte nicht oft, dass sie nichts zu sagen wusste. Eigentlichspürte sie es damals schon, es rumorte in ihren Eingeweiden, es warSchluss. Eigentlich. Eigentlich gefallen ihm die neuen Stiefel nichtbesonders, sie sind innen nicht einmal durchgehend ledergefüttert.Er probiert sie trotzdem, weil es ein Sonderangebot ist und sie fastum die Hälfte billiger sind. Ein Schnäppchen, für den Alltag wiegeschaffen zum Auslatschen und danach kommen sie eben auf den Müll.Nein, in schwarz haben wir leider keine da. Nur, das, was Sie imSchaufenster ausgestellt sehen, ist herabgesetzt. Es ist immerklüger, Ersatz zu haben, war bisweilen seine Devise gewesen. IhrBlick schweift ziellos umher, sie kratzt irritiert am Mückenstichauf ihrem Ellenbogen. Was wollte sie? Eigentlich. Sie klappert zurückin den Verkaufsraum. Dort ist es verdächtig still. Ein Schuh nachdem anderen, die mit Schnürsenkel sind ohne, hat sich wie vonGeisterfüßen getragen im Laden zur wilden Stehparty gesellt. DasKind ist ganz oben auf das Trittleiterpodest geklettert und lässtPapierschnipsel durch seine Finger zu Boden schweben.
    "Tuck mal Mama, Bobbi machtSchneegetober."
    Sie entscheidet sich zu weinen. Greiftdas Kind von des Turmes Spitze, umarmt es, drückt es an sich, bis esschreit.
    "Nein. Nein. Bobbi will nicht."
    Sie wirbelt es um ihre Achse. Hochsollen sie leben, drei mal hoch.
    "Noch mal!"
    Alles dreht sich, die Fenster, Tür,die Schuhe und Kartons, das ganze Leben ein Karussell, das Kind istder Klabautermann und sie eine Kurbel. Der Boden unter ihren Füßendrosselt langsam das Tempo, als sie mit den Latschen klappert, undsteht still.
    "Noch mal!"
    Staubtuch, fällt ihr wieder ein. Siesollte ruhig öfter Durchdrehen, denkt sie und massiert mit denFingerspitzen ihre Schläfen. Ihr Kopf ist wie leer geputzt -herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Gemeinsam krabbeln sie unddas Kind auf allen Vieren über die Dielen, reihen Kartonsaneinander, vom Schaufenster bis zur Treppe staut es sich auf.
    "Die Feuerwehr tommt. Miemiemie!"
    Wühlen und schauen und suchen. Immerzwei gleiche Schuhe aus den Haufen fischen, nach Damen und Herren,groß und klein, sortieren und einwickeln in Seidenpapier. Esraschelt und kruschelt, als würde der Weihnachtsmann dieses Jahralle Geschenke im Akkord für sich selber einsacken.
    "Tuck mal Mama, Schuh schlaft imTuschelbettchen, Bobbi macht."
    Nur zwei einzelne Klapperlatschen,schwarze Lederriemchen mit glänzenden Metallschnallen, sind nichtfüreinander bestimmt. Sie streift - nur so ein Bauchgefühl - einevon ihren ab. Sieh einer an, staunt sie, gebraucht liebt originalverpackt. Unikat, Absatz neu besohlen, schreibt sie auf den Deckel.Sonderangebot. Das Kind entert ihren Schoß und klatscht in dieHände.
    "Bobbi will Schuhlied sing."
    - Liebe Sonne scheine, auf meineschönen Beine, besser das Geld verkaufen, als Blasen in Latschenlaufen. - Der Rhythmus holpert das Kind auf ihren Knien auf und ab.Es quietscht vor Vergnügen. Sein Kopf ein Gewirr aus flachsblondenHaaren, wippt und wackelt, statt an einem Hals, scheint er an einerSprungfeder befestigt zu sein.
    "Ham", sagt das Kind.
    Es rollt sich in ihren Armen zusammenund nickt, als sie die Knöpfe der Bluse öffnet. Mit den Zähnennagt es vorsichtig an ihrer Brustwarze.
    "Nein. Nein", sagt es undgrinst sie an.
    Es trinkt. Sie spürt, wie die Milch zufließen beginnt, lauscht dem Saugen und Schlucken. Liebe kümmertKummer nicht. Sie kitzelt dem Kind die Kniekehlen. Frodewin sollte eseigentlich heißen. Eigentlich. Eigentlich fürchtet sie nichts mehr,als die leeren Fußstapfen, die er seinem Sohn hinterlassen wird. Siesetzt das Kind auf ihrem Hüftknochen ab und geht hinüber zur Kasse,nimmt den Schlüssel vom Haken, schließt die Ladentür auf undschiebt den Holzkeil unter den Rahmen. Eine kühle Brise aus Nordwestweht Bratfischgeruch in ihre Nase. Und das monotone Brummen derLadekrankatzen vom Containerterminal, wie ein wohlmeinendesSchulterklopfen in alter Freundschaft, stimmt sie unvermutet heiter.Sie klappert ein paar Schritte über den Bürgersteig.
    "Tuck mal Mama."
    Das Kind kreischt in ihr Ohr hinein,starrt die Gehwegplatten an, zeigt mit ausgestrecktem Finger aufetwas Geflügeltes, das in einer der moosbewachsenen Ritzen hockt.
    "Oh, eine Heuschrecke."
    Wieselflink rutscht es an ihrem Beinhinunter, sein Fuß schnellt nach vorne, zack, die Heuschrecke istplatt.
    "Tschüs Heuschecke!"
    Zarte Kinderseelen?, denkt sie und willihm erklären, dass. Doch es ist schon wieder auf und winkt und davongerannt und im Laden verschwunden. O haua haua haua ha! DieMüllmänner sind heute früher da, als gewöhnlich. Sie zerren dieEimer hinter sich her, als wollten sie sich die Arme ausreißen. DieRäder rotieren über das Kopfsteinpflaster, dass die Punkergören inder Hofeinfahrt von ihren Schlafsäcken hoch schrecken. DerFunkenflug einer Kippe landet im Rinnstein. Sternschnuppe fürKellerkinder. Wünsch dir was. Das Gebiss des Müllmanns ist makellosweiß. Er grinst bis über beide Ohren, tippt zum Gruß mit der Handan die Stirn, dann wendet er sich ab und drückt den Hebel an derKippvorrichtung nach unten, lässt die Tonne sanft zu Boden gleiten.Es stinkt nach Bratfisch in Katzenpisse. Ihr fröstelt plötzlich.Sie zieht den Hals ein zwischen die Schultern, reibt die Handflächengegeneinander. Der Kaffee ist fertig, denkt sie und dreht dasPappschild an der Scheibe um: Geöffnet.

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