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Thema: Besuch beim Minimal-Kabarettisten

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    Besuch beim Minimal-Kabarettisten

    Besuch beim Minimal-Kabarettisten


    Gestern beschloss ich etwas für meine kulturelle Bildung zu tun. Opernbesuche sind mir zu langwierig und eigentlich nur für philosophische Experimente geeignet. Wenn man Solipsist ist, kann man ein starkes Abführmittel einnehmen, sich dann Wagners Tannhäuser reinziehen und ermitteln wie lange man unter diesen Bedingungen seinen Solipsismus aufrechterhalten kann. Wobei der Wunsch, der Solipsismus möge wahr sein, durchaus stärker werden kann. Aber bevor ich ins Schwafeln komme, zurück zu Gestern. Ein groß als Minimal-Kabarettist angekündigter Kulturschaffender gab eine Vorstellung. Da ich mir ein relativ kurzes Programm versprach ging ich also hin, bezahlte Eintritt und nahm erwartungsvoll Platz.
    Der Kabarettist betrat die Bühne, grinste kurz ins Publikum und sprach mit sonorer Stimme den folgenden Satz. „Auch Hitler hat während der Endphase seiner Regierungszeit gezittert.“ Danach setzte er sich auf einen Stuhl, mampfte Kartoffelchips und lauschte den Reaktionen des Publikums. Diese waren zweigeteilt: Verhaltenes Gelächter mischte sich mit Pfui-Rufen. Einer der Zuschauer stand auf und bekundete, dass man über den Gesundheitszustand der Kanzlerin keine Witze machen dürfe. Ein anderer meinte, dass die Kanzlerin selbst verkündet habe, dass bei ihr gesundheitlich alles in bester Ordnung sei. Somit sei eine kabarettistische indirekte Erwähnung Teil einer ganzheitlichen Normalität. Nach einer kurzen Erörterung darüber, was zum Teufel denn eine ganzheitliche Normalität sei, wandte sich das Publikum der Frage zu ob der Witz den Nationalsozialismus banalisiere. Über Hitler dürfe man nicht lachen, weil es ihn verharmlose, meinte ein nicht unerheblicher Teil des Publikums. Worauf ein nicht ganz so großer Teil des Publikums - bestehend aus einer Person – anfügte, dass man auch über Merkel nicht lachen dürfe, weil es sie ebenfalls verharmlose. Was wiederum empörte Reaktionen auslöste. Danach haute sich das Publikum Argumente rund um Merkels Flüchtlingspolitik um die Ohren. So ging es mehrere Stunden dahin, bis eine allgemeine Erschöpfung die Diskussionslust hinwegfegte. Der Minimal-Kabarettist stellte sein Chips-Essen ein, erhob sich trotz seiner nicht unbeträchtlichen Körperfülle gewandt von seinem Stuhl und ging wortlos nach draußen.
    Der Abend war ganz nett. Das einzige was ich bereue, ist, dass ich vor dem Kabarettbesuch keine starken Abführpillen eingeworfen habe.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Besuch beim Minimal-Kabarettisten

    Das mit dem Solipsismus, an den man glauben muß, damit er wirkt resp. dem man mit einem Abführmittel beizukommen glaubt, habe ich nicht verstanden. Ein Solipsist ist ja eben dadurch gekennzeichnet, daß er nur an das glaubt, was in seiner eigenen Wirklichkeit geschieht, besser: was seine eigene Wirklichkeit wahrzunehmen sich dünkt.
    Davon abgesehen ist die Episode köstlich und parodiert unsere zerrißne Gesellschaft. Nun ist eine zerrißne Gesellschaft nichts Neues, die gab es immer schon, aber wenn ein Künstler das auf diese Weise mitteilt, ist es sogar amüsant. Die action findet im Zuschauerraum statt. Vielleicht ließe sich der Text auch wie eine Vertikalverschiebung der Publikumsbeschimpfung von 1968 lesen. Wir leben in einer Zeit, der ein neues 1968 gut täte.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder Avatar von Streusalzwiese
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    AW: Besuch beim Minimal-Kabarettisten

    Die Sache mit dem Solipsismus war von mir so gedacht: Die Abführmittel in Verbindung mit der Schwierigkeit eine Toilette aufzusuchen, setzen den Betreffenden so sehr "unter Druck", dass er gezwungen ist zuzugeben, dass sich das Geschehen nicht nur in seinem Geist abspielen kann, sondern es eine geistesunabhängige Macht gibt, die sehr stark ist.

  4. #4
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Besuch beim Minimal-Kabarettisten

    Zitat Streusalzwiese

    Über Hitler dürfe man nicht lachen, weil es ihn verharmlose, meinte ein nicht unerheblicher Teil des Publikums
    Dabei wird wohl kaum eine Person so oft parodiert wie Hitler - und zwar vom Publikum (Volk) selbst. Die "Experten" sagen: die Deutschen ziehen Hitler ins Lächerliche...weil sie ahnen, dass sie selbst mehr Hitler in sich tragen...als ihnen lieb sein kann. Sie überspielen das mit ihren "Witzen".

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