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Thema: winterschlaf

  1. #1
    literratten_MD
    Laufkundschaft

    Post winterschlaf


    Winterschlaf





    Draußen war es kalt, bitter kalt.
    Der zwanzigste Winter in meinem bis dato trostlosen Leben hielt mit
    Volldampf Einzug in Deutschland, und ich verbrachte meine letzten
    Winterferientage in der Landeshauptstadt.
    Berlin war in jenen Tagen ein kaltes Pflaster für jeden noch so hart
    gesottenen Menschen und jedes noch so widerstandsfähige Getier.
    Gefrorene Wasserstraßen durchzogen die City mit einem Netz aus feinen
    Adern und durchbluteten sogar die letzten Hintergassen.
    Die Schneespinne spann und der Streusand ging allmählich aus, als ich wehmütig an
    sonnigere Momente dachte.
    Ich besuchte zur der Zeit meine Verwandten im einem der berühmt
    berüchtigten Stadtbezirke. Als Ghetto verrufen, mehr verflucht als
    geliebt,so schien es. Aber im inneren Kern herrschte das selbe kalte
    Klima wie auf jedem Platz der Welt, den ich kenne. Die Stadt lag seit
    Wochen wie in einer gläsernen Schneekugel, und irgendjemand dort oben
    schüttelte sie als hätte er Parkinson im Endstadium.
    Meine Glieder zitterten wie fallendes Espenlaub, vor Aufregung und vor der scheiß Kälte.
    Am liebsten wäre ich bei diesem Wetter, wenn man es so bezeichnen kann,
    Schlittschuhgelaufen, als Freizeitbeschäftigung und gute Aufwärmübung für meine Unsportlichkeit. Aber erstens besitze ich kein solches zweischneidiges Equipment
    und zweitens wäre ich bei meiner Trotteligkeit sowieso eingebrochen und selbst in einer 5cm
    tiefen Pfütze jämmerlich ertrunken.
    Denn für mich wäre selbst das Hilferufen eine äußerst peinliche
    Angelegenheit gewesen. Mein Gesicht färbte sich dann immer erdbeerrot,
    und selbst eine Holländische Tomate müsste dann neben mir ihre Farbe neu definieren.
    Jegliche emotionale Regung meinerseits glich eher zarten Wimpernschlägen als ausgedehnten Freudentänzen.
    Ja,ich war schüchtern, meine Kontaktaufnahme mit den Mitmenschen
    beschränkte sich lediglich nur auf ein obligatorisches "guten Tag" und"Danke".
    Meine strähnigen Haare verdeckten tagsüber die dunkelgrünen, halbgeschlossen Augen.
    Mein Mund ohne Mimik, die Lippen trocken, die Gemütsstimmung ohne Glück und Trauer,
    meinen Blick unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze stets zum hellen Boden
    gerichtet,bloß keinen angucken, bloß nicht stolpern.
    Auf keinen Fall auffallen.
    Ich ging zügig, machte trotz geringer Körpergröße von 1.60 riesige
    Schritte,wollte schnell von einem Fleck zum nächsten. Mein
    Selbstbewusstsein ist seit ich 14 wurde, auf ewiges Packeis gelegt und
    taute seit dem Pubertätsbeginn einfach nicht mehr auf. Während meine
    früheren Klassenkameraden in dem Alter mit Strohalmen auf Frösche Jagd
    gingen,sie fingen und aufpusteten um sie danach gegen die Wand zu
    knallen,streichelte ich lieber Meerschweinchen.
    Ich war nicht froh über meine Introvertiertheit, aber ich war froh über
    den selbstgestrickten hellblauen Schal meiner Großmutter,
    der enganliegend und stark kratzend um meinem dünnen Hals lag, ihn wärmte aber leider nicht vor
    massiven Schluckbeschwerden bewahrte. Ich war froh über die gefütterte
    Jeansjacke,über meine Weste und über meine zu großen Handschuhe. Da
    hätte sicherlich auch noch ein degenerierter sechster Finger hinein
    gepasst. Diese Handschuhe waren wohl für Eisbären gedacht, mit sehr
    empfindlichen Pfoten. Ich war auch froh über meine Polnische Mütze mit
    fellbehafteten Klappen an den Ohrenseiten, und über den durchnässten
    Stadtplan in meiner linken Westentasche. Berlin ist ja nicht gerade eine
    Kleinstadt,und ich bin nicht gerade mit dem Orientierungssinn eines
    Zugvogels ausgestattet. In dem Rucksack auf meinen Schultern verstaute
    ich außer alten Schulheftern, zerbrochenen Bleistiften und leeren
    Kugelschreiberminen noch mein Tagebuch, welches eigentlich vorher rosa
    war,aber durch mich mit einem Edding zu neutral schwarz übermalt wurde.
    Alsich auf dem nach Hause weg durch den fast blindmachenden, weißen Schnee latschte, knirschte es unter meinen braunschwarzen Stiefeln lauter als die Zähne von meinem arabischen Onkel. Ich dachte immer daran, wie er nachts so seelenruhig im Nebenzimmer vor sich hinschlummern konnte.
    Indieser weißen Megametropole prallten die Gegensätze nur so aufeinander.
    Eine Art Massenkarambolage der Nationalitäten und Sinneseindrücke.
    Draußen herrschten bei minus 15 Grad eisige Schneewehen.
    Die unter den Spreebrücken hausierenden Obdachlosen vegetierten fast
    stillschweigend vor sich hin, afrikanische und asiatische Mütter brachten
    zur selben Zeit schwarze und gelbe Babys auf die Welt.
    Von einer Dunkelheit in die nächste, die Sonnenstunden minimierten sich
    auf ca. 25 kurze Minuten pro Tag, wenn überhaupt was von der hellgelben,
    eiförmigen Erscheinung zusehen war. Fast alle waren wie im Winterschlaf
    und zutiefst deprimiert, nur die Schneemänner konnten dieser Eiszeit
    etwas abgewinnen. Sie lebten länger und wurden auch immer größer. Einmal
    bäumte sich ein 5 Meter großer, mit Tabakpfeife und Schneebesen
    bewaffneter,lachender Schneemann übergroß vor mir auf. Ein Glück waren
    andere Passanten in der Nähe, ansonsten hätte ich ihm anstandslos meine
    Geldbörse in seine Kugelhand gedrückt.
    Aber all dies geschah für mich nur nebenbei, wie in einem schlechten
    Film, und ich war der Gelegenheitscineast. In diesen Ferienfilm sollte
    sich etwas ändern. Etwas schönes.


    Sie saß 2 Tage vor meiner Abreise auf der Ledercouch in dem
    unaufgeräumten Zimmer meines 27 jährigen Cousins. Sie war die Sonne auf
    dieser Müllhalde, bestehend aus Beton und abgerissenen Tapetenresten.
    Ich war gerade nur mit meiner Unterhose bekleidet als ich ohne
    anzuklopfen das Zimmer betrat. Ich wollte ihn eigentlich nur fragen, wo
    ich meine vom Schnee durchnässten Klamotten zum trocknen hinlegen sollte,
    als er uns schon gegenseitig mit Vor und Zunamen bekannt machte, beide
    lachten leise über mein kindliches Verhalten, wie ich krampfhaft meine
    Schüchternheit zu verbergen versuchte, Ihr und Ihm tief in die Augen
    schaute und mit meinen Händen an der äußeren Hosennaht rumspielte, bis
    sie beinahe ausgefranst war.
    Ich kam mir reichlich albern vor, aber ließ mir fast nichts anmerken.
    Ich war nie wirklich gut in solchen Dingen, mich hatte bis zu diesem
    Zeitpunkt noch nie ein Mädchen berührt, geküsst oder geschweige denn
    angelächelt.Umso verwunderter war ich als plötzlich dieses komische
    Gefühlin der Magengegend auftrat, ich wollte am gleichen Tag zu dem
    Hausarzt meines Onkels stürmen, aber mein Verstand prognostizierte schon
    eine eigene Diagnose. Es waren weder Bauchschmerzen noch Übelkeit.
    Es war Irgendetwas anderes.
    Ach so, und noch etwas regte sich in diesen Moment, ich wäre bestimmt vor
    Scham in den dreckigen Boden versunken wenn ich nicht schon vorher mit
    einem kreischartigen Ton blitzartig aus dem Raum hinaus gerannt wäre.
    Ich betrat den Raum nie wieder und hatte mit Ihr kein weiteres Wort gewechselt,
    sie keine weitere Sekunde angeschaut.
    Aber diese paar Minuten mit Ihr waren wie ein Sommerregen in der Sahara,so dass ich Ihr Bild noch heute deutlich vor Augen habe. Ihr gut proportionierter Körper in meinen schmutzigen Gedanken, Ihr Lachen auf meinen Lippen, ihre Namen auf meinen circa 230 gelben Tagebuchseiten,
    ihr Frühlingsduft in meinen Nasenlöchern.
    Sie war bildhübsch und fast unbeschreiblich. Als Zeichen meiner Zuneigung,
    kritzelte ich am darauffolgendem Morgen an jeder beleuchteten Ecke zwei
    Meter große Herzen in den Pulverschnee und schrieb ihren lieblichen Namen
    in kursiven Lettern auf unzählige eisige Autoscheiben. Ich wünschte jedem
    Passanten den ich unterwegs traf einen super wunderschönen guten Morgen
    und lächelte die ganze Zeit.
    Nachts rannte ich durch die leeren Straßen und schrie mein Glück hinaus.
    Diewarme Luft aus meiner gefüllten Lunge schien wie Sauna Dampf aufzusteigen um
    sich in den Himmel schlafen zulegen. Jeder warme Atemhauch verschwand erst
    nach Minuten in der dunkelblauen Tiefe und verblasste zu einem Rosenbett als
    Wasserzeichen meiner Hingabe am abendlichen Firmament. Mein Puls schlug
    wieder mit der Zeit, ich träumte von Ihr bis in den Nachmittag und weinte mich
    in den Schlaf. Obwohl ich noch nie eine Sterneschnuppe sah, wünschte ich mir, dass Sie in so manchen Augenblicken meinen Handschuh halten würde.


    Es war wieder Frühling. Sie schien vergessen doch draußen war es warm
    und mein Herz so tief wie ein immergrüner Wald und unüberschaubar wie Weintrauben in Frankreich.
    Auch heute, zig Jahre danach, freue ich mich jedes Mal über die ersten
    Schneeflocken der vierten Jahreszeit, in meinem bis dato glücklichsten Leben.

  2. #2
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    AW: winterschlaf

    Was willst Du mir im Winterschlaf erzählen? Erstes Verliebtsein?

    Du beobachtest und beschreibst, schreibst vor lauter Beobachten eine Handlung tot. Manches Wortgespiel gefällt, doch insgesamt ufert Dein literarischer Fluß aus.
    Kürze den Schwall, nimm die Essenz Deiner Absicht und erzähle eine klare Geschichte: Beginn verliebter Gefühle ist immer und ewig ein spannend Thema.

    Auf das WIE kommt es an.

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: winterschlaf

    Kann hier keinen Kern erkennen, um den etwas erzählt wird. Vielleicht ist es die Pudelmütze, vielleicht die "scheiß Kälte". Das wird nicht klar, so tappt Dein Leser im dunkeln. Die beschriebenen Gefühle könnten beinahe jedem Text entstammen, auch da nichts Festes, nichts mit Substanz. Vielleicht gibt es die, aber mitgeteilt hast Du nichts davon.
    Stell einen Text ein, in dem Du ein Zentrum setztest.

    Das Problematische beim Kitsch ist, daß er die Poren verstopft und den Leser einlullt, das Denken einfriert. Manche wollen genau das, daher hat Kitsch seine Berechtigung.

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