Diesen Beitrag habe ich geklaut. Von wem wohl?


Vom weiblichen Geschlecht zu schwärmen, ist nicht gerade ungewöhnlich. Fast alle tun es. Selbst Schwule schwärmen von Frauen - kein Wunder, ihnen fügen sie kaum Kummer zu.

Natürlich schwärmen Milliarden stinknormaler Heteros fortwährend und aus Leibeskräften - trotz oder auch wegen des Kummers, den Frauen ihren Verehrern zufügen. Liebeskummer ist immerhin etwas. Ein starkes Gefühl. Keine schlechte Entschädigung für die entwichene oder ausbleibende Liebe. Eine Art Ersatzdroge. Richtig schlecht geht es einem erst, wenn man im Herzen nicht einmal mehr Schmerz spürt - und von der Liebe und den damit eng verbundenen Frauen nichts mehr wissen will.

Vor allem Poeten schwärmen. Und Textdichter. Ob mittelalterlicher Minne-Singsang, Opernarien oder romantische Kunstlieder, ob gute oder schlechte Popmusik: Ein großer Teil der lyrischen, prosaischen oder musikalischen Verkündigungen sind Liebeserklärungen, auch wenn die besungenen Frauen oft als grausam beschimpft werden.
Geschwärmt wird in allen Sprachen. Ladies, Girls und Pretty Women werden beschworen, schöne Hexen und raffinierte Biester angefleht. Im Singular und Plural werden an Madame und die Jeunes Filles Hymnen gesungen. Die Bella Donna, die Signoras und Signorinas von Palermo und die Senoritas aus Granada sind der Inbegriff der männlichen Sehnsucht nach südlicher Leidenschaft.

Genervt von den tönenden Komplimenten und Versprechungen weisen umschwärmte Schönheiten ihre hingerissenen Verehrer so lange wie möglich zurück, da diese bekanntlich nur in der Balzphase charmant sind und sich nach der Eroberung in phantasielose Bierbäuche verwandeln, die ihrerseits nichts Besseres zu tun haben, als den Frauen eine ungute Verwandlung von der rassigen Sex-Hexe zur bekittelten Hexen-Hausfrau vorzuwerfen.

All diese traurigen Tatsachen haben dazu geführt, dass Frauen vor allem in Frauenzeitschriften und in Frauengruppen selbstverliebt von sich und ihrer Power schwärmen und über Männer schlechte Witze machen, nur verständnisvolle Softies an sich heranlassen, die sie aber hinter deren Rücken als "Weicheier" verspotten. Als Reaktion begreiflich, aber das Schwärmen kann einem als Mann vergehen.

Soweit das negative Bild vom ewigen Kampf der Geschlechter, wie es sich den Glücklosen darstellt, die drauf und dran sind, den Glauben an die Liebe zu verlieren. Ich habe dieses Bild hier skizziert, weil die Frauen demjenigen Mann am verheißungsvollsten erscheinen, der durch das Jammertal der erotischen Frustrationen und der kaputtgegangenen Beziehungen getrottet ist. Er hat eine Menge Beweise dafür auf der Zunge, dass die Frauen nichts als Unheil bringen. Er möchte sich mit einem Leidensgenossen betrinken und schlechte Erfahrungen über all die falschen Schlangen austauschen.

Da kreuzt eine Signora, eine Lady, ein Fräulein den Weg, es kommt zu einem Blickwechsel von drei Sekunden - und genau der reicht aus, um alle Niederlagen zu vergessen und sämtliche verschütteten Sehnsüchte wieder in Gang zu setzen. Man weiß: Die nächsten Wochen und Monate werden von süßen erotischen Gelüsten bestimmt sein. Schon ist man von dem eben noch pauschal verdammten Geschlecht der Frauen pauschal begeistert. Wieder einmal hat man am eigenen Leib erfahren, dass die Aussicht auf Liebe der edelste Treibstoff des Daseins ist.

Man wird es also trotzdem wieder versuchen, obwohl einen das permanente Glorifizieren der Frauen und der Liebe eben noch abgestoßen hat. Die Kritiklosigkeit verliebter Männer, ihre lachhafte Blindheit gegenüber den Beinen, Stimmen, Haaren und Herzen der von ihnen geliebten Frauen hat man als unverliebter Ketzer eine Weile als ein Rührstück empfunden - und mit einem Schlag kann man nun an sich selbst beobachten, wie man eben noch verachtete modische Flatterhosen und kantige Schuhe entzückend findet.

Was einem die Liebe zu den Frauen vermiest, sind keineswegs nur die eigenen schlechten Erfahrungen. Es ist auch die inflationäre Vermarktung der Liebe, die einen zum Liebeshasser machen kann, weil damit ein kostbares, subtiles und individuelles Gefühl zu einem hundsgemeinen Hormonzustand herabgesetzt wird. Wenn James Brown sich die Seele aus dem Leib schreit, dass "a man's world" nichts, absolut nichts wäre, "without a woman or a girl", dann ist diese Binsenwahrheit kraft seiner Stimme und der Melodie noch immer überzeugend. Wenn einem aber Photos von frisch verliebten prominenten Halbaffen mit glänzenden Blitzlichtgesichtern vor Augen kommen, die Hand in Hand aus einem In-Lokal kommen, dann verlieren die Verliebtheit und mit ihr die schönsten Frauen der Welt jeglichen Reiz. So will man nicht sein.

Schlimm auch, was uns z. B. der Internetbuchversand zum Valentinstag an Ratschlägen erteilt. Einen europäischen Skeptiker überfällt an diesem aus den gelobten Landen des fernen Amerika zu uns gekommenen Liebesgedenktag der große Ekel, wenn ihm als Buchkunden auf der Startseite zunächst einmal liebevoll und ganz persönlich verpackte Liebes-CDs und Liebesromane für garantiert gemütliche Kuschelstunden zu zweit offeriert werden. Treten einem solche Formulierungen vor Augen, möchte man nie wieder lieben.

Und dann, völlig unerwartet, dieser Blick, der einen trifft. Ein paar Worte gehen hin und her. Telefon? Man verständigt sich auf das Herausrücken der E-Mail-Adresse. Und dann geht es plötzlich los. Beileibe kein einsam-autistisches Chatten ins Nichts. Schöne lange Briefe hin und her. Nachts um drei den vierten Brief des Tages abfeuern wollen und mit Herzklopfen ins Netz gehen. Keine Antwort von ihr auf Brief Nummer 2. Und dann morgens um sechs feststellen, dass sie um vier zurückgemailt hat. Und wie! Und was!

Und dann nichts überstürzen. Und feststellen: Wahnsinn, es gibt sie: Die junge, schöne moderne Frau, mit der man 14 Tage lang hin und her mailen kann, nur um einen Gang ins Kino zu verabreden. Diese wunderbar altmodische Korrespondenz ist in ihrem Wesen nichts anderes als das sturm-und-dranghafte Bekritzeln von Papier mit dem Federkiel, während der Bote an der Tür wartet und das Pferd draußen ungeduldig wiehert. Nix virtuell. Nix Cyberspace. Sie selbst nennt sich "Fräulein". Keine 30 ist sie, aber 200 Jahre gepflegte Ironie hat sie intus. Wir werden uns sehen. Dann werden wir sehen. Wir haben Geduld. Wir verlieren uns nicht. Keine Pflichten, keine Schwüre, keine Versprechen - aber natürlich, bei mir jedenfalls, prachtvoll quer zur Realität: Der Traum vom Glück. Ein Hauch von Verheißung. Ich erlaube mir kitschige Alliterationen, mein Fräulein: Verheißung. Das Phantom des Potentiellen. Und wenn es nur die zwei Gläser Wein sind, zu denen wir nach dem Kinobesuch wild entschlossen sind. Oder drei?

Liebe im Zeitalter des Internet. Ganz klar eine Bereicherung. Hätte ich auch nicht gedacht. Der Nutzen für Liebhaber ist enorm. Wie sieht es in der zweiten Maiwoche aus, Fräulein? Werde ich es aushalten, zwei Stunden neben dem himmlischen Fräulein im Kino zu sitzen, ohne vor Glück in Ohnmacht zu fallen? Das frage ich sie gleich. "Hey, was hast du dagegen, ohnmächtig zu werden", antwortet sie, "ich könnte dich wecken!"