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Thema: (dramatische) Jugendsünden

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    (dramatische) Jugendsünden

    Auf Wunsch unseres begabten Dramatikers mr. jones gebe ich mich also der Lächerlichkeit preis und veröffentliche hier den Anfangsmonolog einer Jugendsünde, die ich mit etwa 20 beging. Mehr will ich euch nicht zumuten. Ich habe nichts verändert, nicht einmal die Rechtschreibfehler verbessert. Vergessen wir dabei nicht, dass ich das damals wirklich so empfunden habe. Das Stück wurde auch einmal aufgeführt. Der Hauptdarsteller war jedoch zu faul, diesen Monolog auswendig zu lernen und kürzte ihn auf: "Scheiße, Scheiße, wo bin ich? Scheiße, geht's mir schlecht."
    Heute halte ich diese Kürzung für legitim.


    Vielleicht findet sich ja noch der eine oder andere Forumatiker bereit, seine Peinlichkeiten aus seinen Anfangsjahren in diesem Order zu posten. Das könnte lustig werden.


    Gruß, Klammer

    67

    Ein Theaterstück in acht Szenen



    Die Personen:
    67
    Stefan Maier, Arzt
    Paul Berger, Patient
    Birgit Sarnov, Wächterin
    Otto Malunke, Wärter


    Die Geschichte spielt in einer Zelle in einer Geistesheilanstalt


    1. Szene
    67: (allein, erschüttert, erregt)
    Fünf Tage! Fünf elende Tage sind es nun schon. Wenn ich nur wüßte, wo ich bin. (erregter) Mein Gott, was habe ich nur verbrochen? Ich wollte nur Leben. Ein glückliches Leben wollte ich für mich und andere! Seit wann ist es ein Verbrechen glücklich leben zu wollen? Nein, das darf un kann doch kein Verbrechen sein! (nachdenklich) Unvermutet kam es, doch lange erwartet, plötzlich, wie ein lang gefürchteter Blitzstrahl, der doch überrascht durch die Heftigkeit, mit der er plötzlich kommt. Die Männer, dunkle Gesichter mit grauen Augen, die einzigsten Wesen, die ich in den letzten Tagen gesehen habe, sie brachten mich hierher in diesen Raum, häßlich weiß und steril! (aufschreiend) Oh, wie ich dieses Weiß haße, diese Leere, dieses Nichts, das droht, mich zu verschlucken.
    (er beginnt zu weinen, beruhigt sich erst nach einer Weile) Was habe ich denn nur verbrochen? Ich habe doch nur für eine Illusion gelebt, für einen Traum... ist das ein Verbrechen? (ruhig, mechanisch) Mensch, ich will leben, nur leben. Weshalb läßt du mich nicht in Frieden leben? Sie kamen in der Nacht, die zwei Männer, ich weiß nicht, weshalb sie die Haushälterin herein ließ... wahrscheinlich gaben sie ihr Geld. Ja, so muß es sein, sie gaben ihr Geld wie Judas. Ich war ihr ja immer unsympatisch und nicht ganz geheuer, eine Art Terrorist...
    (macht eine Pause)
    Dabei wollte ich nur leben... in Frieden leben... für meinen Traum. (laut) Mensch, welcher Schuld klagst du mich an? Der Schuld, dass ich anders bin, daß ich anders handle, mich anders benehme, daß ich anders... daß ich denke? Welcher Schuld klagst du mich an? Daß ich auf den Boden spucke, wo es mir passt? Mensch, nicht wert, so zu heißen, Ungeheuer, wahnsinniges, unbeaufsichtigtes Kind, das jedes Spielzeug, das nicht so funktioniert, wie es will, zerbricht! Mensch! Was habe ich getan? Du läßt dich beherrschen, knechten, schlagen und jubelst deinen Unterjochern zu, weil dir das so gut gefällt! Oh, ja, es sit ja so schön, sich das Denken abnehmen zu lassen und so einfach. Mensch, willenlose Masse in der Hand Mächtiger, warum gibst du dem, der in Frieden anders leben will, nicht die Erlaubnis, es zu tun? Ich wollte wirklich nur Frieden, doch du jagst erbarmungslos jeden, der anders ist. Mensch, mit dem Schema "haßt die, die anders sind" im Hirn. Jetzt werden eben die anders denkenden gehaßt, vorher waren es die Juden, die Schwulen, die Geisteskranken, die Kommunisten, die Neger. Ich frage, warum, warum haßt du sie, Mensch? (ruhig, beschwörend) Doch was erreiche ich mit meiner Erregung, ich meine, es hat ja keinen Sinn... (fest, erregter) Doch weichkriegen, weichkriegen tut ihr mich nie, das sage ich euch, das schafft ihr nicht, nicht mich! (schnauft heftig) aber... aber, oh, mein Gott, die Verzweiflung raubt mir die Worte...
    (ruhig, leise) Worte, was sind Worte? Was rede ich dauernd nichtssagendes Zeug, es bringt ja doch nichts. Nein, das ist falsch, ich muß reden, mit mir reden, um nicht wahnsinnig zu werden. Ja, Wahnsinn, manchmal... ja manchmal glaube ich, er sei mein Freund, doch dann, dann haße ich ihn wieder... (lauter, fest) Langsam ist das eine fixe Idee von mir, überall sehe ich den Wahnsinn lauern, obwohl ich jetzt überhaupt keine Angst mehr vor ihm habe, vor diesem bleichen Gespenst, das mir früher den Schlaf raubte. Ich war wohl ein großer Dummkopf. Meilenweit davon entfernt, verrückt zu werden, hatte ich Angst davor. Wohl, weil es zu meinem Verständnis vom Künstler gehörte, Angst zu haben, zu leiden. Ja, ein Künstler muß leiden, das war schon immer so. Dabe ist das doch blanker Unsinn! Dadurch habe ich, durch dieses seltsame Künstlerleidensgefühl habe ich den Menschen, den ich am meisten brachte, verehrte und bewunderte, leidend gemacht. Kein Wunder, daß sie es bei mir selbstgefälligen Schwachkopf mit Wahnsinnsneurose nicht länger aushielt. Naja, jetzt ist sie tot... Es ist nur schrecklich, daß ich erst hier, hier in diesem verfluchten Gefängnis erkennen muß, her und jetzt, zu spät. Alle Erkenntnis kommt immer zu spät und Reue nach vollendeter Tat. Bis eben dachte ich noch ich würde denken, ja, wirklich denken, wehrte mich gegen Staat und System, ich , der ach so große Anarchist! Doch erst jetzt, hier und jetzt, zu spät erkenne ich, warum ich das alles tat. Ich tat es, weil ich mir in der Rolle des großen Leidenden gefiel. Blind lief ich in dieser Rolle durch die Welt und verstreute Leid, ohne es zu merken, da für mich nur mein eigenes, eingebildetes Leid Bestand hatte. Ich fand es ja auch so wichtig! Oh, nein, nicht um anderen zu helfen oder um auf Mißstände aufmerksam zu machen, schrieb ich mein letztes Buch, sondern nur, um der Rolle, in die ich mich selbst gepresst hatte, gerecht zu werden. Ich wollte nur mir selbst gefallen... es geschieht mir recht, daß ich hier sitze.
    (lauter, verzweifelt) Aber jeder will sich doch selbst gefallen! Ist das ein Verbrechen? (ergeben, müde) doch für Reue ist es jetzt zu spät. Alles ist viel zu spät. Warum?
    (Es sind Schritte auf dem Gang zu hören) Hallo, Wächter, warten Sie, ich...
    (Die Schritte verhallen) Ich habe den Wärter noch nie gesehen, das Essen schiebt er mir durch eine Luke in die Zelle. (macht eine Pause, beginnt dann hoffnungsvoller) aber vielleicht ist alles auch nur ein Mißverständnis, alles nur halb so schlimm. Vielleicht täusche ich mich über den Ernst der Lage, ja, so muß es sein, so... (laut, ärgerlich) aber das mache ich mir doch alles nur vor! (wieder ruhig und müde) Was soll nur werden? Nicht einmal meine Kleidung haben sie mir gelassen, alles ist mir genommen. Anstaltskleidung habe ich an, wie in einem Gefängnis. Aber wie komme ich ohne Verhandlung in ein Gefängnis? Ja, da bin ich nun, ich armer Idiot. Staatsfeind. Verbrecher. Nur weil ich versuchte, das Leben zu leben, das mir selber am besten gefiel. Nun, ja, es war nicht eben ein tolles Leben, aber es war doch meines.
    (erregter) Irgendwo ist das alles so lächerlich. Ich habe immer versucht, leidend zu sein, und jetzt, jetzt, wo ich es geschafft habe, hier, in dieser verdammten Zelle, erkenne ich, wie leer und sinnlos dieser Wunsch war. Wie sinnlos mein ganzes Leben, doch nach einem neuen Sinn zu suchen, dazu ist es jetzt zu spät. Alles ist zu spät! Es ist alles ein gigantischer Witz, seltsam, daß ich nicht lachen kann.
    (macht eine Pause)
    Die Gefühle der Menschen sind das Spielzeug Gottes....
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  2. #2
    Bauer Hans
    Laufkundschaft

    AW: (dramatische) Jugendsünden

    Wahnsinn,
    ein Glück, daß Du Irmi kennengelernt. Sie hat bestimmt gelächelt, auf ihre besondere ruhige Art.

  3. #3
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: (dramatische) Jugendsünden

    Das ist gar nicht übel, Klammer. Es hat Kraft. Und die ist beinahe alles beim Drama.
    Ich hab ein Stück geschrieben, da war ich 18, es hieß VIS MAIOR. Wenn ich es bloß finden würd! Dem fehlt die Kraft.

    Eine gute Idee jedenfalls, diese Dinger mal zu sammeln. Vielleicht könnte man irgendwann einmal einen Abend damit füllen.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: (dramatische) Jugendsünden

    Seinerzeit stellte ich meine dramatische Jugendsünde hier nicht ein. Heute möchte ich:

    Vis Maior

    Der hier nach und nach vollendete Text stammt ursprünglich von 1986. Ich überlegte seinerzeit, wer bei einem hundert Meter weit geworfenen Speer, der einen Zuschauer tötet, die Schuld trägt. Daß ich die Handlung ins alte Griechenland übertrug und schließlich mit einem dem römischen Recht entstammenden Begriff der höheren Gewalt (vis maior) versah, kann nur meiner Jugend zugute gehalten werden. Das würde ich heute als Kritiker eines mir derart vorliegenden Textes in meiner Besprechung "Vermischung des Disparaten" oder "Konglomerat" oder "Eklektizismus" nennen. Man bedenke bei meiner Kompilation, daß die Griechen kein Wort für "Verantwortung" besaßen, das erfuhr ich erst während meines Studiums bei der Prüfung von Aristoteles. Es setzte mir völlig neue Aspekte und macht diesen Text hier obsolet. Dennoch habe ich seinerzeit gern daran geschrieben.

    Lysias: Seid gegrüß, meine Freunde!
    Perikles: Ich heiße dich willkommen, Lysias! (grinsend) Du siehst blaß aus; ist dir der Wein ausgegangen?
    Lysias: Nein, Perikles, etwas Schreckliches ist geschehen, und es bedarf keines Aufschubes mehr. Wir müssen darüber reden. - Ihr wißt, daß ich mich schon seit längerem für die Veranstaltungen des Parios interessiere. Ich bin mit dem Schutz für die Zuschauer nicht einverstanden und wies mehrfach darauf hin. Man lachte mich aus und meinte, daß ich nicht Manns genug sei, ein Risiko, wie es das Leben nun einmal sei, einzugehen. Kein Mensch würde mich zwingen, den Veranstaltungen beizuwohnen und ich solle mich zum Hades scheren.
    Protagoras: Unglaublich.
    Lysias: Aber wahr, Protagoras. - So hört denn! Es hat sich eine meiner Vorahnungen erfüllt: ein Mann ist getötet worden. Eurymos, ein sonst trefflicher und zielsicherer Werfer, nahm das ihm vertraute Wurfgerät, seinen Speer, zur Hand und trat zum Wettkampf an.
    Protagoras: Umständlich sind deine Worte, Freund.
    Lysias: Er warf den Speer fast wie gewohnt, nur hatte Spott seine Wut erhitzt; er wollte es besonders gut machen und legte seine ganze Kraft in diesen einen Wurf. Den Sieg wollte er eringen, klar, was sonst?! Und es geschah, was irgendwann geschehen mußte, die Hand rutschte ab und der Speer schnellte vom Arm, nicht in die erwünschte Richtung. Der Speer flog zu weit nach rechts und traf dort einen Zuschauer, der ins Gespräch mit seinem Nachbarn vertieft, den Versuch des Eurymos nicht weiter beachtete. Diese Nichtachtsamkeit war sein Verhängnis. Der Speer traf ihn tödlich.
    Perikles: Und du selbst, Freund. Wie hast du es wahrgenommen?
    Lysias: Ich stand unweit von dem Unfallort, sah beides, wie Eurymos abrutschte und fluchte, sah, wie der Speer auf den Zuschauer niederging und steckenbleibend, den tötete. Ich war wie versteinert. - Da rede ich und rede, daß nicht mit scharfen Speeren geworfen werden dürfe, daß die Zuschauer nicht zu nah am Wurfsektor stehen dürften, um dann hülflos diesem Unfall zusehen zu müssen.
    Perikles: Fasse dich, Freund! Es ist nicht deine Schuld, daß dieser Mensch getötet wurde.
    Protagoras: Wessen dann?
    Perikles: Das ist keine Frage des Wessen, Protagoras. Ich will dich warnen, Freund, nicht immer ist die Schuld im Menschen, auch wenn dieser handelt. Auch hier nicht. Es ist keine Frage nach DEM Schuldigen. Die Spitze des Speers tötete den Mann, also trifft sie Schuld.
    Protagoras: Soll das heißen, daß die Speerspitze schuldig ist?
    Lysias: Nun, gewiß mit. Hätte auf der Spitze ein Schutz gesessen, wäre der Mann noch am Leben. Ganz einleuchtend ist die Schuld der Spitze.
    Perikles: So sehe ich es auch. Sie trägt allein die Schuld, da sie den Mann tötete, nicht Eurymos oder andere können schuldig sein..
    Protagoras: So so! Die Spitze tat es ganz allein. Sie stülpte sich auf und warf sich los...
    Lysias: Du willst wohl nicht Eurymos die Schuld geben?
    Protagoras: Das weiß ich jetzt noch nicht. Zwingend erscheint es mir, die Spitze freizusprechen. Ein Ding! Was kann ein Ding für etwas? Es ist, das ist seine ganze Schuld. Wir machen es zu einem Wirkenden, aber das Ding selbst bleibt ein Ding, ein Unwollendes, eines ohne Maß, ohne Verstand, ohne Richtung, wenn wir ihm diese nicht geben.
    Perikles: Du überschätzt unsere Kräfte, Protagoras. Das, was wir wollen, das wird meist nicht so, wie wir es wollen.
    Protagoras: Der Mensch allein bestimmt. Er allein kann Schuld tragen. Keinem Ding kann Schuld gegeben werden, denn es ist nicht für sich da, nicht für andere. Es weiß nichts von sich, von anderen nichts, nichts voneinander; es ist nicht tot, nicht lebendig: es ist.
    Perikles: Wenn ich deinen Gedanken zu einem Ende bringe, dann hat einer Schuld. Das aber bedeutet Mord. Dann hat einer gemordet, einen anderen absichtlich getötet. - Du schweigst?
    Protagoras: Ich warte auf weitere Ausführungen...
    Perikles: Beantworte dir die Absichtsfrage, Protagoras. Ich sage dir, es kann des Eurymos Absicht nicht gewesen sein, diesen Zuschauer zu treffen. Und allein Absicht macht aus einem unverhofften Todesfall erst Mord. Und weil diese nicht gegeben ist, bleibt die Schuld bei dem Ding, das den Unfall verursachte, verschuldete, die Spitze.
    Protagoras: Nicht so schnell! Erkläre es anders.
    Perikles: Ein Beispiel. Die machen schließlich Schule.
    Protagoras: Worüber ich erst Streit hatte. Doch fahre fort!
    Perikles: Nimm an, du stolperst über einen Stein und fällst. Du tust dir weh. Hast du Schuld an diesem Unfall? Offensichtlich schon, du hast auf den Weg zu achten. Der Stein hat keinen Willen, dir weh zu tun. Doch kannst du das? Hast du die Möglichkeit, alles in Betracht zu ziehen, jede Änderung durch Umstände wie Wind, Wasser, Wegveränderungen, Licht- und Temperaturverhältnisse, was auch immer. Eine vollkommene Aufmerksamkeit ist uns nicht möglich; ungezählte Unwägbarkeiten lassen uns Menschen zu einem Spielball der Götter werden, des Zufalls meinetwegen, der Bestimmung. Jedenfalls sind wir niemals Herr der Sinne, des Weges, der Umstände. Was bleibt dir zu tun? Du konzentrierst dich auf Haupthindernisse und mit der Götter Hilfe gelangst du vielleicht ans Ziel. In unserem Fall ist diese Entscheidung jedoch falsch gewesen. Du hättest dich aufs Nebensächliche konzentrieren müssen, diesen kleinen Stein vor allem meine ich. Du tatest es nicht, und das war dein Verhängnis. Das, was hundert Mal richtig gewesen ist, das Achtgeben auf größere Gefahren, war diesmal falsch. Woher solltest du das wissen, daß ein kleiner Stein dein Unglück bedeutet? Wer kann das wissen? Wer hat Schuld an deinem Unglück?
    Protagoras: Du hast keine Antwort, mein Freund.
    Lysias: Er hat sie. Er ist Politiker.
    Perikles: Keine wirklich gute. Aber ich habe Fragen, und ich kenne die Ohnmacht von uns Menschen.
    Protagoras: Ich für meinen Teil möchte mich schon Herrn meiner Sinne nennen. Ich kann entscheiden, einen Fuß vor den anderen zu setzen, oder ich entscheide, es eben zu lassen.
    Perikles: Kämst du vom Fleck, wenn du auf alles achten würdest: Raum, Erfahrung, Untergrund, Zukunftserwartung?
    Protagoras: Ich würde es wagen müssen, weil ich keine andere Wahl hätte.
    Perikles: Eben. Du hast keine Wahl und rennst in dein Unglück. Früher oder später. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dir etwas zustößt, denn du kannst nicht auf alles achten und wirst dich beschränken müssen. Damit übersiehst du so manches. Mußt es übersehen, weil deine Entscheidung eben lautete, dich vom Ort in der Zeit vom Punkt A zum Punkt B zu bewegen. Und so hast du keine Gewalt mehr über dich, bist dem Äußeren ausgesetzt, mußt darauf hoffen, daß dich die Götter, der Zufall oder das Schicksal an dein Ziel bringen. Schuld jedenfalls hast du nicht. Dieses Wort verfängt hier nicht. (man schweigt)
    Lysias: Und so hat der Stein Schuld?
    Perikles: Richtig. Wenn wir hier etwas Schuld geben dürfen, dann dem Verursacher des Unglücks. Der kann nichts entscheiden, steht nur für sich, wurde vielleicht durch den Willen eines anderen bestimmt, dir etwas zu tun. Er ist vielleicht dafür geworden. Ist. So hat er Schuld, denn ohne ihn wäre dir das nicht geworden, der tiefe Fall mit allen seinen Folgen.
    Protagoras: Beinahe überzeugend, Perikles. Doch bin ich nicht bereit, mit dir über diese Schlucht zu springen und mich auf sicheres Land zu stellen, Land, das nur durch den Bezug zum Unsicheren Sicherheit verspricht. Das seine Sicherheit daraus gewinnt, daß es sich auf höhere Instanzen, auf Götter, Zufall, Naturgesetze beruft. Gibt es Gesetze in der Natur? Ja, die Sonne steht jeden Morgen auf, der Regen fällt von oben nach unten, das Heiße verbrennt, das Kalte tötet anders... Es gibt sie, Gesetze. Und doch verfangen sie hier nicht. Sie bestimmen nicht das Maß unseres Handels. - Das Ding an sich, ein Stein, ein Pfeil, ist nicht das Maß, das den anderen Dingen Sinn gibt, also unser Handeln auch nicht normiert. Denn worauf nimmt jedes Ding Bezug, schafft seinen Wert erst durch diesen Bezug? Auf uns. Auf den Menschen.
    Lysias: Nein, mein Freund. Das klingt mir zu überheblich, außerdem stimmt es nur bedingt. Es gibt Dinge außerhalb unserer Wahrnehmung, die nichts von uns wissen können, die einen Wert besitzen, den wir noch nicht kennen, die Raum und Zeit bemessen, aber nichts von uns wissen. Wir erfahren von ihnen durch die immer weiter wachsenden Kenntnisse, die wir täglich neu bekommen.
    Protagoras: Gut, du Zweifler. Dann will ich es anders formulieren: Worauf nehmen wir Bezug, wir, die wir doch die einzigen sind, die einen Kopf zum denken haben? Wir allein geben den Dingen Sinn, selbst den negativen, einem anderen Menschen mittels eines solchen Dings Schaden zuzufügen, ihn mittels einer Speerspitze oder eines Steins zu töten. Nicht die Speerspitze gibt uns den Sinn, sondern wir ihr. Sie ist für uns da, nicht wir für sie. So ist der Mensch das Maß der Dinge und kann einzig Schuld erhalten, welcher Art auch immer.
    Perikles: Dünnes Eis, Protagoras. Du gehst auf dünnem Eis. Du legst die Schuld allein in den Menschen...
    Protagoras: Ganz recht.
    Perikles: In welchen Teil des Menschen?
    Protagoras: Wo seine Entscheidungen reifen, nenne es Herz, Verstand oder Zwerchfell...
    Perikles: Seine Seele?
    Protagoras: Darüber vermag ich nichts zu sagen, weder ob es sie gibt, auch nicht, ob es sie vielleicht nicht gibt.
    Lysias: Wie ein Weib gesprochen, Protagoras!
    Perikles: Wie ein Alleszweifler, ein Atheist.
    Protagoras: Weißt du mit Sicherheit eine ewige Seele zu benennen, eine Seele, die nie vergeht, nie entstanden ist...
    Perikles: Darum geht es. Ich nenne den Ort der Entscheidungen des Menschen "Seele", nicht Herz oder Verstand. Der Verstand führt bloß aus, die Entscheidung mag er nicht zu treffen, dafür gibt es immer Für und Wider. Immer. Ich spreche nicht von Entscheidungen, die durch Überlegungen zustande kommen, sondern von den grundlegenden Entscheidungen, die nicht durch langes Disputieren aus dem Hirn quillen, sondern die bloß durch ein Gefühl, eine Seelenqual, ein aus dem tiefsten Inneren stammendes Wort auf einmal da sind, unerklärlich und doch den Menschen in seiner Substanz antreffend. Das nenne ich Seele, ein Geschenk der Götter, uns jedenfalls vom Tier unterscheidend. In dieser Seele ist für dich der Mord schon vorherbestimmt, und immer wieder wird diese Seele morden.
    Protagoras: Erkläre mir genauer, was du meinst!
    Perikles: Der anscheinend mißratene Speerwurf des Eurymos tötete den Mann. Du machst einen Menschen verantwortlich, wen anderen als den Speerwerfer?
    Lysias: Er könnte im Auftrag gehandelt haben...
    Perikles: Bleiben wir bei der Grundfrage, ob es eine menschliche Schuld hier geben kann.
    Protagoras: Ich glaube nicht, daß du mir die zeigen kannst.
    Perikles: Deiner Auffassung nach wäre Eurymos der Mörder. Was aber war Eurymos' Wille? Ich glaube, er wollte den Speer so weit werfen, wie er es nur konnte. Dafür trat er an. Der Wille war vorhanden, einzig, und du willst daraus einen Mord konstruieren? Nehmen wir es einmal an! Dann müßten wir nach einem Motiv fragen. Wir müßten uns fragen, warum Eurymos den Mann in der Öffentlichkeit ermordete, was er gegen ihn hatte, warum er ein solches Risiko einging. Wir müßten hier viel zu vieles fragen, worauf es keine guten Antworten gäbe.
    Lysias: Ich hatte nicht den Eindruck, daß Eurymos irgendwelche anderen Absichten als die besaß, seinen Speer möglichst weit zu werfen. Andernfalls, wenn das Abrutschen beim Wurf gefälscht war, dann hat er größtes schauspielerisches und werferisches Talent. Aber Eurymos ist uns allen als treuer Bürger Athens bekannt. Mir ist kein Händel mit jemandem bekannt. Soviel ich weiß, kannte er den Getöteten nicht. Das alles spricht gegen die Annahme einer Absicht, eines Mordes.
    Protagoras: Anderes?
    Lysias: Du meinst, daß er bloß sein Können zeigen wollte, den Mann tötete, weil er es konnte?
    Protagoras: Ich kenne Menschen, die immer zeigen müssen, was sie können.
    Lysias: Nein, der Mann ist Sportler und lebt von dem Ruf. Der ist nun hin; wer wird ihn jetzt noch zulassen? - Nein, je länger ich darüber nachdenke... es war ein Unfall, glaubt es. Dennoch gebe ich der Spitze nicht länger die Schuld, die hat bloß einen Willen ausgeführt, aber nicht den des Eurymos. Höhere Mächte, Freunde.
    Perikles: Das ist mir zu einfach, Lysias.
    Protagoras: Des Menschen Tun und Wirken...
    Perikles: ...liegt in dieser Welt. Hier gelten Gesetze, denen jeder unterworfen ist, Bauer, Handwerker, Soldat und Archon. Aber haben wir auch die Kontrolle?
    Protagoras: Schwierig zu sagen. Du willst eine vollkommene Kontrolle, erst dann wärest du bereit, Verantwortung zuzugestehen?
    Perikles: Wirf einen Stein ins Wasser! Kein Mensch weit und breit. Im Wasser ein Taucher. Du triffst ihn unglücklich. Er stirbt udn steigt nach der Zeit auf, tot. - Wer hat Schuld? - Nein, Protagoras, ich kann dem Eurymos keine Schuld geben.
    Protagoras: Ein Wort fiel, das bislang unberücksichtigt blieb: Verantwortung. Wer trägt sie wann? Kein Stein trägt sie. Nur Menschen können sie tragen.
    Lysias: Du vergißt die Götter.
    Protagoras: Wirklich? Wem sind die verantwortlich als sich selbst?
    Lysias: Sie übertragen sie auf uns, wir auf Dinge.
    Protagoras: Das ändert nichts. Die Übertragung nimmt ihm die Verantwortung nicht ab, denn trüge das Ding welche, besäße es eine Seele und bestimmte sich selbst, hätte die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Wenn dem so wäre, würde das unserem Wissen widersprechen.
    Perikles: Was nichts besagt. Was wissen wir schon?
    Protagoras: Nicht viel. Doch bei jeder Beurteilung kannst du nur von Bekanntem ausgehen. Dieses Bekannte ist die Grundlage unseres Urteils. Und wir wissen, daß das Ding kein Eigenleben, keine Seele besitzt.
    Perikles: Das leuchtet ein.
    Lysias: Mir nicht. Deine Schlüsse scheinen durchdacht, Protagoras. Nur eines gefällt mir nicht: das Ergebnis. Warum machst du den Werfer zum Schuldigen? Das ist ein zu hartes Urteil, denn offensichtlich handelte er in gutem Glauben. Willst du Eurymos für einen Unfall verantwortlich machen? Nein, ein mißglückter Wurf unterlief ihm, wie er jedem unterlaufen kann. Für die Folgen darf er nicht haftbar gemacht werden. Wo kämen wir hin, wenn jedermann... (er trinkt und verschluckt sich)
    Perikles: Wir glauben zu wissen. Doch auf dem Glauben basiert unser gesamtes Leben.
    Protagoras: Und auf Erfahrung. Sie lehrt uns den bestimmten Platz der Dinge. Der Vorteil bestimmt diesen Platz; wir lernen den Vorteil zu nutzen. Das wiederum bestimmt den Platz. Das Leben lehrt uns Änderungen wahrzunehmen.
    Lysias: Wischiwaschi. Wir setzen Steine, Speere und anderes dort ein, wo wir einen Nutzen erwarten. Wir berechnen mögliche Ausfälle mit ein, relativer Nutzen entsteht durch gezielten Einsatz. Und dann doch, Protagoras: Wie viele Steine liegen ohne Nutzen herum; wie viele Speere werden geworfen, ohne daß ein Sinn dahinterstünde als der, eben einen Speer zu werfen, aus Freude vielleicht, aus Übereifer...
    Protagoras: Ungezählte Beispiele, für die der Mensch nichts kann.
    Lysias: Es gibt demnach Orte auf dieser Welt, wo der Mensch nicht das Maß ist, keinen Bezug nimmt.
    Protagoras: Früher oder später schon.
    Perikles: Ich glaube, Lysias hatte das Göttliche im Sinn, all das, was außerhalb unserer Wahrnehmung existiert und trotzdem Einfluß auf unser Tun besitzt.
    Lysias: Aber laß doch das Göttliche aus dem Spiel: Was hat es mit unserem Problem zu tun?
    Perikles: Alles. Die Götter sind an allem schuldig. Gib ihnen die Schulöd daran, daß wir hier sitzen, diskutieren und Schuldige suchen. Sie schufen die Welt nach ihrem Plan; unser Maß für ihre Taten ist menschlich und berührt sie nicht. Sie schufen diese Maßgaben für uns, damit wir uns bewegen können, damit wir existieren können. Sie schufen uns für sich, schufen uns Erklärliches und Unerklärliches, unser Wollen, alles verstehen zu wollen und dies auch zu glauben, schufen unsere eingeborenen Ideen von Schönheit, Gerechtigkeit und Boshaftigkeit. Wir haben nur einander, hier zu scheiden, hier Grenzen festzulegen, Gesetze und Verfassungen zu notieren, die aus diesem Inneren kommen, das sie uns gaben. Wir haben auch die Pflicht, hier bestmöglich zu trennen, das Beste zu schaffen während unseres kurzen Aufenthalts, bis sie uns abberufen, so oder so.
    Lysias: Du sprichst von Ungewissem, als ob es vor dir läge wie eine beschriebene Tafel. - Wenn mich ein Stein erschlüge, von dessen Existenz ich weiß, der im übrigen jedoch keinen Bezug auf mich hatte, dann ist das im nachhinein für meine Hinterbliebenen schon ein Teil des Erklärlichen, wie du das nennst. Nur im ersten Augenblick scheint es vielen unerklärlich, scheint es eine Fügung zu sein.
    Protagoras: Willst du den Göttern Schuld geben?
    Lysias: Nicht den Göttern. Denen, die leugnen, daß es Bereiche gibt, in denen diese für unser praktisches Leben versagen, und jenen, die gewähren lassen, was zu verhindern wäre. Wir müssen uns selbst kümmern.
    Perikles: Das ist Frevel, Lysias.
    Lysias: Frevel ist es, den vorauszusehenden Tod eines Menschen den Göttern zuzuschreiben. Schuld hat der, der dies sah und nichts dagegen tat, wenn er es hätte tun können.
    Perikles: Voraussagen treffen kann keiner; dies bleibt den Göttern vorbehalten.
    Protagoras: Die Götter! Lassen wir die doch aus dem Spiel, Perikles. Zu vieles wird ihnen in die Schuhe geschoben, zu vieles bleibt bei ihnen unsicher. Wissen wir denn, ob sie sind?
    Perikles: Protagoras!
    Protagoras: Wenn sie sind, so ist unser Leben zu kurz, als daß unsere Ohnmacht ihnen gegenüber sie wahrhaftig in uns fassen könnte, denn sie wären unsterblich und was könnten sie von uns armen Sterblichen schon begreifen? Und wir von ihnen? Ein gegenseitiges Mißverständnis! Drum, weil sie ungewiß, kann ich nichts für, nichts wider sie sagen und sage nichts, was auf sie schließen könnte, sie gar in meinem Denken verortete. Sie dann in eine Diskussion wie die unsrige einzubeziehen ist unstatthaft, verfehlt, Freunde. Das Unsichere verdient keine Behandlung für einen Beweis.
    Perikles: Ein Eigentor, Protagoras. Was ist unsicherer als der Mensch? Den allerdings willst du zum alleinigen Richter machen.
    Protagoras: Besser ist es, eine unsichere Sicherheit als eine sichere Unsicherheit zu Rate zu ziehen.
    Perikles: Nun gut. Belassen wir es dabei! Wir kennen es auch nicht anders. Nur eins verbleibt: der Hauch des Fehlurteils bei menschlichem Schiedsspruch. Wir sind eben nicht unfehlbar.
    Protagoras: Wir sind die Einzigen, die so einen Begriff wie Fehlbarkeit überhaupt kennen. Wir stellen welche auf, wir brechen sie, die anderen rings um uns gehorchen, ohne etwas zu wissen. Oder sie stehen darüber. Götter fehlen nicht, sonst wären sie keine Götter. Ein Gott mit Fehlern ist keiner.
    Perikles: Der Vorbehalt bleibt. Wir können uns irren, auch du mit deiner Meinung übers Göttliche.
    Lysias: Alles ist Meinung. Alles ändert sich. Weil wir Menschen uns stets irren, gibt es nichts Festes. Die stärkste Meinung setzt sich durch und bestimmt, was wahr ist.
    Perikles: So glaubst du nicht an etwas Stärkeres als die menschliche Meinung?
    Lysias: Du sprichst vom Schicksal und meinst, daß es Schicksal war, daß der Speer den Mann tötete?
    Perikles: Ja. Das war einem Menschen unvorhersehbar.
    Protagoras: Früher oder später mußte das geschehen.
    Lysias: So gesehen ist alles bloß eine Frage der Zeit, jedes Unglück kann jederzeit eintreten. Einen Schutz gibt es nicht.
    Perikles: Das ist mir zu willfährig. Wir haben Möglichkeiten, Unglücksfälle auszuschließen, können uns versichern durch Gebet, durch Sicherungsmaßnahmen, durch Körperschutz. Warum zöge sonst ein Krieger mit dem Schild in die Schlacht, wenn er nicht glauben würde, sich damit schützen zu können?
    Lysias: Dann muß der Schuldige doch zu finden sein!
    Protagoras: Das denke ich eben auch. - Gab es einen Veranstalter?
    Lysias: Sind wir Memmen? Das bleibt Sache eines jeden, ob er zu so einem Wettkampf geht. Soll er sich vorsehen. Der Preissetzer muß keine Sorge tragen, ob seine Besucher geschützt sind. Denn das wäre Gängelung und würde ihnen die Freude am Besuch nehmen. Abgesehen davon soll die Natur des Wettkampfs nicht durch Beschränkungen geschmälert werden.
    Perikles: Nein, nein, Lysias. Es wundert mich, das aus deinem Mund zu hören.
    Lysias: Aus meinem wie aus einem anderen...
    Perikles: Der erste Steuerzahler dieser Stadt will nicht geschützt werden, auch bei einem Wettkampf nicht?
    Lysias: Du meinst...
    Perikles: Anfangs sagtest du, daß du mit den Sicherheitsbestimmungen nicht einverstanden seist, jetzt kann es dir nicht rauh genug zugehen. Was bewirkte diese Änderung?
    Lysias: Ihr, Freunde. Ich habe gelernt, nicht in anderem die Schuld zu suchen, nur in mir selbst, sofern etwas geschieht, dessen ich nicht Herr war. Ich muß meine Lebensumstände so bestimmen, daß mir nichts geschehen kann.
    Protagoras: Voreilig urteilst du, Lysias. Ich sprach vom Maß, das der Mensch sei, nicht davon, über alles Herr sein zu können.
    Lysias: So konzedierst du einen Schuldigen?
    Protagoras: Fragen wir den Veranstalter, was er zu sagen hat.
    Perikles: Ja, ganz recht. Thukydides!
    Thukydides: Ja, Herr!
    Perikles: Lauf zum Parios, richte ihm meine besten Grüße aus und frage ihn, wie er die Sicherheit für seine Spiele garantierte! - Laß dir die Auskunft schriftlich geben! Falls er sich weigert, richte ihm aus, daß wir, Protagoras, Lysias und ich, mit dem Gedanken spielen, ihn anzuklagen. Eine Nichtauskunft käme einem Schuldbekenntnis gleich. Dann kann er sich vor den 500 gleich verantworten. Sag ihm das aber erst, wenn er sich weigert, dir Auskunft zu geben!
    Thukydides: Ja, Herr.
    Protagoras: Ich lobe deinen Eifer, die Sache aufzuklären, Perikles, doch kann ich dir folgende Frage nicht ersparen: Ist es ein Schuldbekenntnis, wenn Parios sagt, er habe es wie immer getan? - Eine andere Auskunft ist nicht zu erwarten. - Es wird Erfahrung sein, welche ihn das notwendige Maß an Sicherheitsvorkehrungen treffen ließ. Wir haben nur Erfahrung, um Angelegenheiten zu regeln.
    Lysias: Das bestreite ich.
    Protagoras: Was sollte Parios veranlassen, gegen seine Erfahrungen Sondermaßnahmen zu treffen?
    Lysias: Schlechte Omen, ein ihm bekannt gewordener Racheakt des Werfers, ein Versäumen seiner religiösen Pflichten, ein Streit mit sonst wem... Ich kann dir viele Gründe nennen.
    Protagoras: Mich sollte es wundern, wenn wir etwas anderes zu hören bekämen. Parios schaufelt sich nicht selbst sein Grab, indem er uns solche Ausnahmen nennte.
    Perikles: Es liegt allerdings in Parios' Interesse, seine Sicherheitsbestimmungen zu prüfen, immer wieder neu.
    Protagoras: Allerdings.
    Lysias: Dann hat er Schuld, so oder so.
    Parios: Ich komme selbst, diesen ungeheuerlichen Vorwurf zu entkräften. - Seid gegrüßt, Protagoras und Lysias!
    Perikles: Erkläre dich! Drei Fragen sind zu beantworten: Was tatest du für die Sicherheit deiner Zuschauer? Was wirst du für die Erben des Getöteten tun? Wie willst du Rache verhindern?
    Parios: Was kann ich dafür? Das war der Wille der Götter. Und keiner gibt mir Schuld. Bloß ihr.
    Perikles: Mehr hast du nicht zu sagen?
    Parios: Ich verletzte kein Gesetz. Sicherheit für Zuschauer? Soll ich mannshohe Mauern aufrichten? Wie sollen meine Zuschauer etwas sehen können? Daß vor jedem Wurf ein Achtung ertönt, muß genügen. Jeder soll gefälligst aufpassen. - Und hast du nicht selbst immer wieder gefordert, Perikles, daß wir Athener selbständiger handeln sollen, nicht alles dem Staate überlassen, nicht bei jedem Vorfall nach der Hülfe des Staates rufen, wenn wir selbst die Angelegenheit regeln könnten?
    Perikles: Wohl wahr. Aber trifft das hierfür zu?
    Parios: Wofür denn sonst, wenn nicht auf Veranstaltungen des Vergnügens, zu denen keiner gezwungen wird. Athen braucht Männer, die nach Gutdünken verfahren, keine Memmen, die in geschützten Sphären wudeln.
    Lysias: Ich erinnre mich deiner Kandidatur in der letzten Volksversammlung, Parios. Gegen Perikles.
    Parios: Ja, und?
    Lysias: Du willst Gelder für das Vergnügen der Bürger ausgeben. Geld, das uns dann für den Trieremenbau fehlen dürfte. Du willst Geld für deine Arenen, deine Theater, deine Stadien und Märkte, Parios.
    Parios: Ja, und? Welchen Vorteil habe ich von diesem Unfall? Letztlich fällt das auf mich zurück. Wenn ich diesen Unfall benutzen wollte, hätte ich es schon längst getan. - Deine Zunge heuchelt, Lysias. Schaffen deine Schildfabriken keinen Gewinn mehr? Brauchst du einen neuen Krieg?
    Lysias: (springt auf und schlägt Parios ins Gesicht) Nimm das für deine Unverfrorenheit!
    Perikles: Thukydides! Führe Parios hinaus! - Gesetze sind nicht von ewiger Dauer. Gerade die, die sich um Sicherheit und technische Einzelheiten bekümmern, müssen ständig überprüft werden. Dennoch bleibt ein Risiko. Wer wollte schon behaupten, daß es etwas vollkommen Sicheres gäbe?
    Protagoras: Das ist gewiß, mein Freund. Aber wer hat nun Schuld?
    Lysias: Die Stadt?
    Perikles: Kaum. Wir können nur ermahnen, acht zu geben. Doch wie sollen wir auf jeden Besucher achten? Nächst tragen wir die Schuld, wenn einer ausgleitet und tödlich stürzt... Gewissenhaftigkeit wird übertragen auf denjkenigen, der die Veranstaltung zu seinem und dem Gewinn der Besucher organisiert. Wir ziehen nur indirekt Gewinn aus solchen Spielen, sofern die Sieger Athener sind.
    Lysias: Dann geht alles auf den Veranstalter über. Risiko und Gewinn.
    Protagoras: Das gefällt mir schon besser als diese ewige Suche nach Schuldigern außerhalb unserer Macht.
    Perikles: Und weil dir das gefällt, Protagoras, will mir das nicht gefallen.
    Protagoras: Gerchtigkeit suchen wir. Dann fragen wir nach dem Risiko, das alle Beteiligten eingingen! Der Getötete wußte, daß er acht zu geben hätte; der Betreiber wußte, daß er ein Mindestmaß an Schutz bieten müßte, schließlich bezahlt jeder Eintritt und erwartet das; der Speerwerfer wußte um die Gefahren, die sich aus seinem Wurf ergeben könnten. Wäge ich alles ab, so sage ich: der Getötete hat Schuld. Er hätte aufpassen müssen. Kein Veranstalter kann vollkommene Sicherheit garantieren, kein Werfer immer einen Wurf im Wurfsektor; also bleibt dieser Rest an Selbstverantwortung beim Zuschauer selbst, der Obacht geben muß.
    Perikles: Ist das dein letztes Wort?
    Protagoras: Nein, nur ein mögliches.
    Lysias: Kann dem Zuschauer eines Wettkampfs, bei dem mit scharfen Wurfspitzen geworfen wird, die Eigenverantwortung zugemutet werden?
    Perikles: Nein, und das ist der springende Punkt.
    Lysias: Der springende Punkt?
    Perikles: Das hätte verhindert werden müssen. Solange es kein Gesetz und keinen Maßstab für Schuldfähigkeit gibt bleibt die Schuld beim Getöteten selbst, sofern wir sicherstellen können, daß der Werfer keine absichtsvolle Tötung vornahm.
    Protagoras: Was sind Gesetze?
    Perikles: Gebote der Zeit.
    Protagoras: Also der Veränderung unterworfen.
    Lysias: Das greift zu kurz. Das ewige Gesetz in uns befiehlt uns Achtung vor dem Leben, befiehlt uns Gerechtigkeit.
    Protagoras: Mag sein. Dennoch ändert sich die Vorstellung davon, was gerecht ist. Und wenn Gesetze und Gerechtigkeit einen ineinander wirksamen Prozeß beschreiben, dann müssen wir die Gesetze von Zeit zu Zeit ändern, um Gerechtigkeit schaffen zu können. Ich bezweifle allerdings, ob wir da immer auf Augenhöhe mit der Gegenwart sind.
    Lysias: Das klingt düster.
    Protagoras: Was ist düstrer als die Wahrheit?
    Lysias: Geboren zu sein.
    Protagoras: Das ist eine Wahrheit. - Gefalle dir nicht allzusehr in deinem Leiden, Freund!
    Perikles: Ich will ein Ergebnis.
    Lysias: Leiden, Protagoras? Das ist nicht das rechte Wort. Wie würdest du dich fühlen, wenn du ein lange befürchtetes Unglück eintreffen sähst? wie würdest du dich fühlen, wenn dein ärgster Konkurrent auf deine Warnungen nicht hörte und das Schreckliche eintraf, daß du auf Kosten eines Unschuldigen recht behieltest?
    Protagoras: Jetzt kenne ich den Schuldigen: Freunde, öffnet die Augen, der Schuldige sitzt unter uns. Es ist unser Freund Lysias.

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