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Thema: wahlpflicht

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
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    Post wahlpflicht

    ursprünglich hatte ich nicht die absicht, zur wahl zu gehen. ja, rümpfen sie ruhig die nase. aber ich hatte die meine voll. vom langen wahlkampf, den öden reden, den haltlosen versprechungen. ich beschloss, mich zu verweigern. standhaft. bis zum wahltag. bis ich den aufruf des herrn bundespräsidenten vernahm. zufällig im fernsehen aufgeschnappt. der gute. welche sorge aus seiner mine sprach. die buschigen augenbrauen zuckten verstört. die grossen, treuherzigen augen blickten flehend in die kamera. die stimme unseres herrn drang gramgetränkt aus den lautsprechern. wie inständig er seine mitbürgerinnen und mitbürger doch anflehte, ihre demokratische pflicht zu erfüllen. der grosse, stattliche mann ein einziges bündel aus bange um das gemeine wohl!


    es brach mir das herze. ich konnte mich nicht länger verweigern. ich würde wählen gehen. wusste zwar nicht, wen oder was. die frage hatte ich mir seit jahren nicht mehr gestellt. aber ich würde hingehen. schon dem herrn bundespräsidenten zuliebe. zuvor noch ein kleines nickerchen. wie jeden sonntag nach dem mittagessen. und dann auf zur wahl. ich hatte keine andere.


    ausgebürtige müssen nämlich wissen, dass in diesem unseren schönen vaterlande der herr bundespräsident so eine art kaiserersatz ist. den man uns ja leider weggenommen hat. den kaiser. ja leider. denn seit wir republikanisch geworden, sind wir niemand mehr. unterschätzt und unbeachtet fristet unser kleinstaat ein kärgliches dasein. aber früher. ja früher. als der kaiser noch war. nun gut. jetzt haben wir den herrn bundespräsidenten. ein landesvater, manchmal streng, mahnend, immer besorgt um das wohl seiner landesfamilie. deshalb auch der aufruf an die bürgerinnen und bürger. zur wahl zu gehen. weil die meisten hierzulande auf einen wink von oben warten. weil bei uns sicherheitshalber alles verboten ist, was nicht ausdrücklich angeordnet wurde. deshalb geht auch der herr bundespräsident auf nummer sicher. und ruft zur wahl. fordert auf. weil sonst zu viele mitbürgerinnen und mitbürger aus vorsicht zu hause bleiben könnten. man weiss ja nie.


    erwacht aus einem erquickenden schlummer, schreite ich zur tat. nehme wahlkarte und ausweisdokument zu mir. putze die zähne und kämme das haar. das bin ich der öffentlichen sache schuldig. schliesslich ist ja nicht jeden tag wahl. endlich geht es ja um die erfüllung einer pflicht. einer staatsbürgerlichen gar. lege den guten lodenjanker an und bedecke den kopf mit einem trachtenhut. ein letzter kritischer blick im spiegel. ja, so kann ich gehen.


    auf dem weg zum wahllokal begegne ich pflichtbewussten mitbürgerinnen und mitbürgern. die schon erfüllt haben. und ausgefüllt. den stimmzettel. angekommen in der försterschule, händige ich der dort sitzenden wahlkommission meine wahlkarte aus, zeige meinen ausweis vor und übernehme den stimmzettel samt umschlag. zwei wahlzellen stehen zu pflichtausübung bereit. eine ist leer. durch einen ausschnitt in wadenhöhe kann ich sehen, dass in der rechten zelle zwei beine stehen. in der linken nicht. also betrete ich den demokratischen tabernakel und breite den stimmzettel aus. er füllt die zelle vollends aus. und mich ergreift panik. ich fühle platzangst, prüfungsangst und versagensangst zugleich. dazu gesellt sich ein rudel phobien: furcht vor schweissausbruch, ohnmacht, händezittern, erröten, erblassen, pulsjagen und augenzucken. gleich breche ich zusammen. aber erst noch wählen. jetzt standhaft ausgeharrt. und wenn es mein ende wäre!


    schreibblockade ist ein gefühl grenzenloser freiheit gegen den wahlzwang unter dem ich stehe. der berüchtigte horror vacui ist ein füllhorn von ideen und vorstellungen im vergleich zum wahlnotstand, dem ich unterliege. wo ist auch der stift? er muss unter dem stimmzettel liegen. das unkontrollierbare zucken meiner hände erschwert mir das zusammenfalten des plakats. von draussen dringt ungeduldiges räuspern und hüsteln in meine zelle. völlig entnervt stopfe ich den stimmzettel in das kuvert. schweiss tropft auf das papier. mühsam glätte ich den bauschigen, bauchigen umschlag. mit beiden händen drücke ich ihn platt, walze die unterarme drüber, klopfe im zittrigen stakkato meines herzschlags mit den handkanten drauf. eine besorgte stimme aus der aussenwelt fragt, ob alles in ordnung sei. ich krächze ein heiseres ja und verlasse die wahlzelle.


    die misstrauischen augenpaare der wahlkommission gleiten über die jämmerliche figur, die aus der wahlzelle kommt. der wahlleiter muss mir helfen, das kuvert in die urne zu stecken. der schlitz ist zu klein. ich treffe ihn nicht. jetzt nichts wie weg. draussen in der kühlen luft des zuende gehenden novembernachmittags atme ich tief durch. ich werde nie wieder wählen gehen! was für ein aufwand für eine ungültige stimmabgabe! richtig lebensgefährlich dieser stress. und schuld ist der bundespräsident. hätte ich mich nur nicht überreden lassen!


    am abend bedankt sich der herr bundespräsident bei den lieben mitbürgerinnen und mitbürgern für die hohe wahlbeteiligung. er sei stolz auf sie. seine mitbürgerinnen und mitbürger.
    demokratie ist ein mühsames geschäft.

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: wahlpflicht

    Lieber Herr Eulenspiegel,


    gezwungenes Thema, gezwungener Humor, gewungene Sprache. Sollte das ihr Ernst sein?


    Ich habe schon Besseres von ihnen lesen dürfen.


    Lieben Gruss von
    Trist

  3. #3
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: wahlpflicht

    Du scheinst mir eine sentimentalische Natur zu haben, Till. Bist Du's auch? Da klappert einer mit den Zähnen, drückt ein paar Tränen aus dem faulen Auge, und Du seppelst los, Kreuzl machen? Das scheint mir doch einer ein wenig übermotiviert zu sein.
    Also, Beitrag des Monats wird das nicht, garantiert! Aber der Grundton gefällt mir schon. Das Glossieren hast Du drauf.

  4. #4
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: wahlpflicht

    Eine hundsgemeine Wahl


    Eule, Du warst schon besser, mir fehlt das Hinterfotzige der Wiener Vorstädte, mir fehlt der Schmäh.

  5. #5
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: wahlpflicht

    Wenn es in Östreich eines Aufrufs bedurft hätte, daß alles beim alten bleiben solle, dann dieses!
    Sogar der Jörg bleibt. Als ob sich nie etwas ändern würde. Ich glaub, ich such mal einen Text von Musil, der beschrieb das alles schon.

  6. #6
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: wahlpflicht

    liebe leute,

    eure reaktionen auf meinen text machen mich doch sehr nachdenklich. nicht, weil er mit wenig lob bedacht, umso mehr, weil als gemeinsamer tenor durchklingt: das hätten wir nicht erwartet vom eulenspiegel.

    ist es so, dass der herr eulenspiegel ein klischee erfüllt? ist er gar in ein solches eingekastelt, ohne dass er es bemerkte? erwartet man vom eulenspiegel, dass er diesem klischee entspreche?

    da muss ich wohl sehr in mich gehen und mein geschreibsel kritisch durchtrippeln. vielleicht hab ich mich ja wirklich soweit verschrieben, dass ich ein taferl umgehängt bekam, ohne es zu merken?

    fragen über fragen.

    aber auch antworten:

    lieber herr Trist:




    natürlich ist das mein ernstl! sie kennen mich doch.

    lieber Robert:


    ad 1: ja, ich bin's.
    ad 2: ich seppelte los, meiner seel. aber vorsicht (selbst)-ironie.

    lieber bauer:


    the answer is blowing in the wind.

    es grüsst
    seppelnd und grübelnd
    und hinterfotziger als vorderfotzig
    eule.

  7. #7
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: wahlpflicht

    leider funzt der link von 2002 nicht mehr. sauerei. die freiheitlichen haben ihn einfach gekillt. sonst aber denke ich, daß das mit der selbstironie so eine sache ist. man bleibt da doch sehr mit sich allein.

  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: wahlpflicht

    Das war sicher nicht einer meiner Glanztexte, die Kritik wohl berechtigt. Habe keine Ahnung mehr, warum ich das geschrieben habe. Wahrscheinlich eine spontane Reaktion auf die betulich-salbungsvolle, präsidiale Mahnung, zur wahl zu schreiten.

    naja, hätte ruhig schärfer ausfallen sollen die glosse.

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