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Thema: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    Post Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Gebote für den erfolgreichen Schriftsteller
    (nebst Anmerkungen für Begriffsschwache)


    1. Du sollst nur von dir schreiben, aber keiner darf es merken.
    Dies ist die erste und damit die wichtigste Regel: Schreibe nur von den Dingen, von denen du etwas verstehst, also von dir selbst. "Wer versteht die Welt?" fragt Novalis und gibt als Antwort: "Nur, wer sich selbst versteht." Moderner ausgedrückt klingt das dann so:
    Moderator: "Sie schreiben, so scheint es, am liebsten über sich selbst."
    Stuckrad-Barre: "Entschuldigung, aber über wen denn bitte sonst?"


    2. Gib niemals zu, dass du nur von dir schreibst.
    Wir beide wissen es: es gibt nichts Interessanteres als dich und dein Wohlbefinden; wenn du aber willst, dass du auch gelesen wirst, rede dem Leser ein, dass du über ihn geschrieben hast. Ein erfolgreiches Beispiel ist der Steppenwolf von Hesse: Ein uninteressanter Mensch berichtet larmoyant uninteressante Dinge aus seinem uninteressanten Leben, doch jeder picklige 16-jährige identifiziert sich mit Harry und sucht vergeblich den roten Faden in seinem Leben.


    3. Du sollst ein Wohlstandsleben führen.
    Um einen Satz von Charles Ives abzuwandeln: "Ich liebe die Literatur viel zu sehr, um sie zu meinem Lebensunterhalt zu machen." Das Zeitalter des Hungerkünstlers ist vorbei. Tu dir und den anderen den Gefallen und richte dich bequem in deinem Leben ein. Dass ein leidender Autor besser schreibt als ein satter, ist ein böswilliges Gerücht, das der Pfahlbürger ausgestreut hat, um billig an Literatur zu gelangen. Glaube es nicht!
    Natürlich impliziert diese Regel, dass du neben dem Schreiben noch einem Brotberuf nachgehen musst. Dieser sollte nach Möglichkeit überhaupt nichts mit deiner Leidenschaft für das Wort zu tun haben, denn nur so kannst du dich rein halten. Mach es wie Kafka und all die anderen verkrachten Künstlernaturen: Werde Angestellter oder am besten Lehrer; kein Beruf stellt dich sicherer und er macht dich ebenso zynisch wie ein leerer Magen.


    4. Du sollst regelmäßig Cafehäuser besuchen.
    Natürlich fragst du dich jetzt, wo du denn dann deine Anregungen finden sollst, wenn deine Verdauung, dein Berufs- und dein Geschlechtsleben dem 3. Gebot gehorchend in Ordnung gebracht sind. Ganz einfach: Klemme dir deine randlose, runde Brille mit dem Fensterglas auf die Nase, setze dich in eine gesicherte Ecke des Cafes deines Vertrauens, lasse dich vom Kellner so fürsorglich bedienen, als wäre er Krankenpfleger und du Patient. Und dann tu so, als würdest du lesen. Nimm aber nichts Literarisches in die Hand, sondern etwas verstiegen Philosophisches. Fries oder Nelson sind zu empfehlen, da kommt keiner auf die Idee, mitreden zu wollen und zudem geben dir die beiden nebenher genug Argumentation in die Hand, um das 9. Gebot zu erfüllen.
    In Wirklichkeit aber höre und beobachte. In den Cafes findet heute das Welttheater statt. Alles beginnt und alles endet in einem Cafe.
    Außerdem ist es dort warm.


    5. Du sollst keine Gedichte schreiben!
    Diese Regel gilt selbstverständlich nicht für Poeten, obgleich ich Lichtenberg zustimme, dass bei den meisten Menschen das Versemachen eine Entwicklungskrankheit ist und die Welt um einiges schöner wäre, wenn nicht jeder Amateurdichter den Bodensatz seiner Liebesqualen vor dem Publikum auskotzen würde.
    Der Versuch eines Prosaautors jedoch, zu diesem überflüssigen und anachronistischen Wortgeklingel etwas beizutragen, muss zwangsläufig in die Hose gehen und zu Peinlichkeiten führen(siehe z. B.: Brecht, Grass oder Härtling, im 19. Jhd. Storm oder Keller). Das gilt auch umgekehrt für die Dichter (Kunert, Fried, Gernhardt).
    Also bleibe bei deinen Leisten und schreibe nur Gedichte, wenn du kleine Mädchen um den Finger wickeln willst.


    6. Lies niemals aus deinen eigenen Werken vor.
    Glaube mir, du bist nicht Jandl. Du hörst dich zwar gerne reden, aber da du bist auch der Einzige. Die beste Methode, seine Literatur zu töten, ist es, sie selbst laut vorzutragen. Eigentlich müsste man dem Publikum für diese Zumutungen Geld bezahlen. Wenn du eine Lesung veranstalten willst, schicke einen Strohmann; es gibt genug verkrachte und billig zu habende Schauspieler, die deine Texte tausendmal besser vorlesen können als du.


    7. Sei neidisch!
    Der Neid ist mithin die ehrlichste und älteste Gefühlsregung des Menschen. Er allein schuf die Kultur.
    Muss ich hier wirklich noch etwas erläutern? Das Licht eines Autors strahlt um so heller, je stärker das Licht der Konkurrenz abgedunkelt wird. Ein Autor ist des anderen Wolf.


    8. Lies nicht deine Zeitgenossen.
    Nichts verdirbt mehr den guten Stil, als ihn mit dem der Konkurrenz zu vergleichen. Es heißt, man solle tausend Bücher gelesen haben, bevor man selbst eines schreiben könne. Fall darauf nicht herein, denn glaube mir, je mehr du liest, um so schwerer wird es dir fallen, selbst noch eine Zeile aufs Papier zu bringen. Jeder Buchstabe wird dir dann wie Umweltverschmutzung erscheinen.
    Wenn du also schon unbedingt lesen musst, dann gehe mindestens einhundert Jahre zurück.


    9. Benutze kein deutsches Wort, wenn es dafür ein schönes Fremdwort gibt.
    Die besten Wörter sind die, die sich vom Griechischen ableiten. Als Autor (oder Lehrer, Politiker, Journalist; die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen) sollte man zu jedem Thema etwas sagen können, das zumindest intelligent klingt. Beispiel gefällig?
    "Durch unsachgemäße Effination des opromatischen Flip-Flops ergibt sich auf Grund der desutativen Fluxation des elementar-hypostatischen Taxio-Feldes während des Inputs beim Übergang in das Higgs-Teilchenfeld ein lethales psantylo-septisches Redundanzquariantum in der Interdependenz der approximativen Ferrumbasis des DDR-RAM-Bereichs ihres PC's. Hierfür kann keine Garantie übernommen werden."
    Wenn du solche Sätze noch nicht aus dem Handgelenk schütteln kannst, dann gehe bei den SF-Autoren in die Schule.


    10. Zweifle an allem.
    Wenn du mir schon nicht glaubst, so höre auf Decartes: "Da wir als Kinder geboren werden und von den sinnlichen (!)Dingen mancherlei geurtheilt, noch ehe wir den vollen Gebrauch unserer Vernunft hatten, so werden wir durch viele Vorurtheile von der Erkenntniß des Wahren abgewendet. Diese Vorurtheile können wir, so scheint es, nur los werden, wenn wir einmal im Leben geflissentlich an Allem zweifeln, worin sich auch nur der kleinste Verdacht der Unsicherheit findet." Dies gilt auch für diese Gebote und natürlich für den Zweifel selbst.
    Wenn du mir nachfolgen willst, so folge mir nicht nach. Amen.


    ...wird fortgesetzt mit den 10 Regeln, wie man ein Buch nicht schreibt, es aber gut verkaufen kann (siehe auch: Helmut Kohl, Dieter Bohlen, etc.).
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  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    ...immer wieder interessant zu lesen. Seit Jahren befolge ich fast alle §§, besonders Nr. 3. Wo es hapert: Nr. 9 seh ich nicht ein. Ach ja und Nr. 5 habe ich bisher ignoriert. Da muß ich mich noch bessern, vielleicht wird es dann was...

    Lester

  3. #3
    Bauer Hans
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Das war's, genau das habe ich gebraucht zur Selbstbestätigung. Und Regel nummero 6 hat doch mit Dir schon ganz gut geklappt.
    Wenn das alles von Dir, erhälst Du die 7 Sonderpunkte des Monats + der Aufforderung, Dein humoristisches Talent nicht länger im Keller zu verstecken

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    sehr schön, obwohl du dir mit punkt 8 ins eigene fleisch schneidest

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    4. Du sollst regelmäßig Cafehäuser besuchen.




    seit dem ich nicht mehr viel rausgehe, hat dieses Forum für mich bisweilen die Qualität eines Cafehauses. Ich sitze in der Ecke an meinem Tisch und schreibe, sehe manchmal auf, finde Anregung z.B. durch einer Frage wie die von Mr. Jones, wie man auf der Bühne einen Spiegel unsichtbar darstellen könnte.
    Die Texte, vor allem Fragen, sind das wichtigste an Kommunikation.
    Damit meine ich nicht Geschwätz.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Zitat Klammer:
    >>>>>Das Zeitalter des Hungerkünstlers ist vorbei. Tu dir und den anderen den Gefallen und richte dich bequem in deinem Leben ein. Dass ein leidender Autor besser schreibt als ein satter, ist ein böswilliges Gerücht, das der Pfahlbürger ausgestreut hat, um billig an Literatur zu gelangen. Glaube es nicht!
    Natürlich impliziert diese Regel, dass du neben dem Schreiben noch einem Brotberuf nachgehen musst. Dieser sollte nach Möglichkeit überhaupt nichts mit deiner Leidenschaft für das Wort zu tun haben, denn nur so kannst du dich rein halten. Mach es wie Kafka und all die anderen verkrachten Künstlernaturen: Werde Angestellter oder am besten Lehrer; kein Beruf stellt dich sicherer und er macht dich ebenso zynisch wie ein leerer Magen.<<<<<

    Es ist schwer, sich mit solcher ironisch unterfütterten Geistreichelei auseinanderzusetzen. Nehme ich sie ernst, so wird mir entgegengehalten, ich verstünde keinen Spaß, nehm ich sie nicht ernst, unterschätze ich sie.
    "Nur der Hunger macht den Blues" ist ein guter Satz unter Jazzern. Saturiertheit ist der Tod aller Kunst - Kyra kann uns was von den saturierten Düsseldorfer Kunstprotzern erzählen, die nur noch Schrott produzieren. Und das Elend der meisten Foren ist es, dass dort Feierabend-Poetaster und Feierabend-Romanciers am Werk, sind, Feierabend-Philosophen und Feierabend-Kritiker, saturierte Hausfrauen- und Beamtenseelen, die's "eigentlich gar nicht nötig haben" und entsprechend verblasen, verquast und verschwurbelt irgendwo zwischen Dilettantismus und Größenwahn ist dann, was dabei rauskommt. Von daher ist es auch ein Pfeifen im Keller, was ich in deinem Text vernehme, Klammer.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Lieber Quoth,


    ich nehme dich jetzt mal so ernst, wie ich meine Gebote ernst nehme. Daher will ich dir ein paar Geheimnisse verraten; aus dem tiefen Kellergrunde, aus dem ich immer pfeife:

    1. Nur wer satt ist, wer es warm und gemütlich hat und weiß, wo er am Abend sein gramgebeugtes Haupt betten kann, kann auch schreiben. Noch nie hat ein Hungerkünstler einen Roman geschrieben.
    2. Romane schreiben ist keine Kunst, sondern Arbeit und der Prosaautor ist kein Künstler, sondern ein Handwerker.
    3. Du und ich, wir sind saturierte Handwerker.



    Gruß, Klammer


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 31. Oktober 2002 editiert.]
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  8. #8
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    der erfolglose schriftsteller neidet dem erfolgreichen dessen erfolg. und der kommt nur daher, weil der schlechte geschmack des publikums die schlechten hervorbringungen des konkurrenten den eigenen vorzieht. der erfolglose schriftsteller ist schreibt eben zu anspruchsvoll.


    das ändert sich, sobald der erfolglose schriftsteller stirbt. dann wird seine erfolglosigkeit zum erfolgsfaktor, zum qualitätssiegel. dann kann er als verkanntes genie zum renner werden.


    kann, muss nicht.


    erfolg ist die resultierende aus zufall, werbung, verkaufstalent, provokation und sensationsgier.


    qualität ist machbar.
    erfolg ist geil.

  9. #9
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Deine Aufzählung ist witzig. Hinter jedem Witz verbirgt sich der Ernst des Autoren. Manchmal aber dreht der den Witz nicht nur um, sondern gibt nur wieder. Jetzt könnte ich die einzelnen Punkte durchgehen, Witz von Esprit trennen, dann an den Autoren zurückbinden; ich könnte auch den Autoren völlig draußen lassen und mich nur auf das Wort beziehen, könnte auch das Wort selbst an die Gegenwart oder Vergangenheit binden und schauen, ob sich da was verbinden läßt, könnte einen Bezug zu einem Gegenwärtigen herstellen, ohne auf irgend etwas anderes zu schauen...
    Och nö! Mach ich alles nicht. Ist mir zu anstrengend heute.


    Ich nehme Klammers Gedanken auf, daß nur ein satter Bauch Kunst ermöglicht. So getreu dem materialistischen Standpunkt: Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Brecht! Marx! und so


    Nööö!


    Vielleicht. Manchmal. Gelegentlich. Vielleicht oft. Aber nicht immer. Auch nicht immer öfter. Künstler ist einer nicht durch einen satten Bauch. Glaub ich nicht. Ein Künstler, der einer ist, schreibt oder singt auch nicht besser, wenn er einen satten Bauch hat, stets. Mensch braucht wohl ab und an etwas Gutes zu essen, keine Frage. Und andere Dinge. Aber das ist nicht so wichtig, wenn er nicht in einem Lebensrahmen lebt, in dem es wichtig ist. Und manch einer lebt in seinem Leben viele Leben, brauchte es also zu einer bestimmbaren Zeit, lebte aber auch zwischen den Welten, in denen Bürgerlichkeit seinen Tod bedeutet hätte. Maler Nolten fällt mir da ein. Da wird über diesen Zusammenhang geschrieben.

    Ich glaube das nicht. Die Kunst fragt nicht nach dem Brot, wenn sie es denn ernst meint. Die Kunst geht nach dem Brot, wenn sie mehr möchte. Es gibt auch einen geistigen Hunger, und ohne diese Noth wird kein Künstler leben können. Das Darben ist substantiell für einen Künstler.

  10. #10
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    - Warum ist für euch Wohlstand immer deckungsgleich mit Bürgerlichkeit, was bei euch gleich auch negativ ist? Ich bin gerne Bürger, es ist eine Ehrenbezeichnung.
    - Mörike lebte ein sehr bürgerliches Leben (Er war brotberuflich Geistlicher und Lehrer).
    - Wir reden hier von Dingen, von denen wir nichts verstehen, denn wir leben alle ohne Ausnahme im Wohlstand.


    Klammer, der einmal witzig sein wollte...
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  11. #11
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    dazu fällt mir die bibel ein - was sonst.

    eulalie war so frei

    I Das erste Buch Mosella

    Am Anfang schuf Gott die Welt: Erde und Himmel und Hölle. Gott teilte die Erde in Westen und Osten; und Süden und Norden. Im Westen ließ Gott die Sonne aufgehen und im Osten untergehen. In der Mitte zwischen Süden und Norden pflanzte Gott einen Wald aus lauter Bäumen und zog einen Zaun rundherum. Den Garten nannte Gott Paradies. Gott nahm Erde von der Erde im Paradies und modellierte eine Gestalt mit großen Brüsten, schmaler Taille und langen Beinen; und blies ihr Odem in die Nase. Gott betrachtete die Gestalt und ihre Augen waren stumpf. Und Gott sprach: Dir fehlt eine Seele und küsste ihren Mund. Gott betrachtete die Gestalt und diesmal fing sie an zu leben. Und Gott sprach: Du bist schön. Du sollst eine Menschin sein. Dein Name sei Eva. Und Gottes Wille geschah. Gott nahm Eva und setzte sie mitten in den Garten hinein. Und Gott sprach: Es ist nicht gut, dass die Menschin alleine sei; ich will ihr einen Gehilfen machen, der um sie sei. Gott baute einen Mann aus der Rippe der Menschin und brachte ihn zu ihr. Da sprach die Menschin: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; ich werde ihn Fräulein nennen, weil er von der Frau genommen ist. Und sie waren beide nackt, die Menschin und ihr Kerl, und sie schämten sich nicht. Eva gab dem Fräulein den Namen Adam. Und sie bekamen viele Kinder und die Kinder bekamen Kinder und so fort. Bald wurde es im Paradies zu klein. Und Gott sprach: Das Paradies soll für mich alleine sein. Gott schickte die Menschen zum Tor hinaus und kreuzte zwei flammende Schwerter davor und ließ lagern zur Rechten und zur Linken zwei weiße Pferde mit Flügeln, zu bewachen den Weg zu ihm. Und Gott sprach: Die Menschen müssen sterblich sein, damit die Erde nicht zu voll werde. Und Gott machte den Himmel groß und weit und befahl: Die Seelen der Menschen sollen blau sein. Die eine oder andere werde nach dem Tode wiedergeboren, damit die Menschen daraus lernen mögen. Unter der Erde zündete Gott ein ewiges Feuer und sprach: Hier sei Platz für die Gottlosen. Von Zeit zu Zeit werde die Erde beben und Vulkane werden Magma speien, den Menschen das Fürchten zu lehren. Und Gottes Wille geschah.

  12. #12
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Das erste Buch Mosella? Moses, Mosa, Mosae, in Vokal-UMkehrung Möse. Also, das erste Buch Möse. Die Genesis. Ursprung des Daseins. Aus dem Sein.


    Zaun? Problem bei Deiner Begriffsbildung: Das Grundwort darf niemals eine Suffigierung erhalten, die nachgeordnet in diesem Fall geschlechtsspezifisch ist. Mensch ist geschlechtsunspezifisch, Menscher wäre es, Menschin ist es. Katze ist geschlechtsunspezifisch, Katzin wäre es. Tischler ist geschlechtsspezifisch, Tischli o.ä. wäre es nicht.
    Das Konstrukt einer Schaffung aus dem Nichts hat immer das Problem einer Benennung und einer Frage nach dem, was zuerst da war. Und dann das der Begrenzung und Abgrenzung.


    Um jetzt den Bezug zu Klammers Eingangstext herzustellen: Regelwerke sind Annahmen und meistenteils Diskussionsgrundlagen, die an der Wirklichkeit gemessen werden. Und verändert.
    Oder sie sind, wie Klammers Attitüde wohl ausgerichtet sein mochte, ein mehr scherzhafter Angleichungsversuch. Das heißt, es wird zu einer Sache etwas gesagt, über die entweder schon viel gesagt worden ist oder über die nichts und alles gesagt werden könnte.
    Mit Eules Text verhält es sich ähnlich. Sie hat da über etwas etwas gesagt, über das nichts und alles gesagt werden kann. Also auch das UMGEKEHRTE, also auch die Verhohnepieplung.
    Und wie es dann immer so ist, hinter der Verballhornung oder offensichtlichen Verdrehung des Bekannten (nicht der Tatsachen, denn die gibt es in diesen speziellen Fällen nicht) kann der Autor einen Gutteil Spannkraft für seinen text gewinnen.
    Und wann gewinnt man Spannung aus einem Text? Wenn er logisch stringent ist und den Leser mitzieht.


    In Klammers Text läßt sich diese Stringenz nachweisen. Sie hat ein System. In Eules Text ist diese Spannkraft nicht gegeben, so muß sie früher oder später abbrechen, kann das Ganze nicht mehr zusammenhalten.
    Ein Beispiel? Wenn Gott das Paradies aus dem Nichts schuf, warum sollte er sich dann nicht noch ein zweites für sich schaffen können? Du bleibst den Grund für die Vertreibung schuldig. (Ich habe beim Lesen der Genesis eigentlich immer das Problem, daß ich an die Schuldhaftigkeit des Menschen nicht glauben mag. Sie in den Kontext zu Gott zu stellen, erscheint mir unlogisch. Sie kann nur in bezug auf das gesetzt werden, was der Mensch sein soll, also in das, was seine Existenz begründet. Das es einen anderen Grund für die ertreibung gab, jedenfalls nicht den einer Schuld.) Ich war darum enttäuscht von Eules Text, weil sie mir keine Antwort geben konnte oder wollte, weil genau das sie nicht interessierte.


    So viel über den Gebrauch von Regeln beim Schreiben, ueber die Nothwendigkeit, ein stringentes Spannungsfeld zu erzeugen, selbst bei humoristischen Texten.

  13. #13
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Rohrberto, vielleicht ist des Klammers Regel Numero 6 eine Idee für die nächste LiteNite in Mackenburch. Möglicherweise sollten die jeweiligen Autoren immer aus den Werken ihres Nachbarn oder Vorredners lesen. Wenn sie es denn können und nicht die DruckerInnenschwärze den Text verschmiert hat...

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Ein Gebot hab ich noch, aus aktuellem Anlass:


    11. Lass deine Jugendsünden, wo sie hingehören: In der Schublade.
    Das gilt auch für Werke, an denen bereits der Altersschwachsinn nagt, für Gedichte allgemein, für tagebuchartiges Befindlichkeitsgejammere, larmoyante (hallo, Robert!) Selbstbeweihräucherung und anderes, unoriginelles wie Manifeste, philosophische Wiedergängereien, Kritik im Allgemeinen, und so weiter und so fort... Also eigentlich für alles, was du so schreibst. Lass es einfach.


    Hm...?






    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 22. November 2002 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  15. #15
    rodbertus
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Nö!

    So was gehört gerade ans Tageslicht. Arbeit am Wortwerk. ..an eine Kaskadierung des Ungeratenen will ich nicht glauben, denn wer einmal aus dem Blechnapf frißt, das Licht des Tages nicht vergißt. Drum: Laßt euch belehren und nehmt Maß am kritisierten Wort!

    Gerade ein Forum wie das Wolkenstein-Forum giert nach fehlerhaften Texten, denn hier ist der Platz, wo darüber geredet werden kann, in einer Art Halböffentlichkeit, der virtuellen. Wenn ein Text in der Schublade liegt, ist nun niemandem damit gedient, auch nicht denjenigen, die nun beschützt scheinen. Gerade die sind bestraft worden. Ich will nämlich nicht glauben können, ein nur geschriebenes Wort habe ausgedient. Es hat nur einem Gedanken Platz verschafft, der aber nun, da unwidersprochen, ohne Komparation und Entgegnung bleibt, also wie bei der Hammer-Geschichte Watzlawicks im Unbewußten weiterwuselt udn seelischen Unfrieden züchtet.

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Ah, da haben wirs ja schon. Klammers Punkt Nummer drei bestätigt mich nun doch. Der Schriftsteller soll ein Wohlstandsleben führen. Mir ging es finanziell eigentlich immer ganz gut. Und ich glaube, der am Hungertuch nagende Schriftsteller stammt aus dem letzten Jahrhundert.
    Die Frage ist nur noch, ob sich Krankheit oder Gesundheit auf das Schreiben auswirkt. Das wäre noch zu untersuchen.

  17. #17
    Tochter aus gutem Hause
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    ist der erfolgreiche der gute schriftsteller?






    der schon reich war, wird auch leicht erfolgreich, aber deshalb nicht unbedingt gut.
    der arm war, wird erfolgreich, wenn er nicht gut ist und klammers thesen befolgt.
    der gute aber wird arm über sein schreiben. die obsession dafür stiehlt ihm zeit für reichtum und erfolgreichtum - da schreibt er lieber oder bereitet dieses vor. einen brotberuf hat er nicht. man kann nur ein brot essen. oder muß das lied des brotgebers singen. die obsession für das schreiben führt ihn allerdings in sehr sehr viele berufe.
    er ist er vorreich zu nennen. darüber verarmt er.


    klammers thesen ist von meiner warte aus unbedingt zuzustimmen. sie besagen aber nichts über einen guten schriftsteller.

  18. #18
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    Äh ich habe seit drei Tagen nicht einen Cent um mir etwas zu essen zu kaufen und schlauchen - wie in vergangenen Tage - mag ich auch nicht.


    Hunger treibt an, immer denkt man das Gefühl würde verschwinden wenn man dies oder das getan hat - dabei wird einem auf die Dauer einfach nur schlecht. Irgendwann - wenn man tatsächlich nur Wasser zu sich genommen hat fängt man an Schweizausbrüche (übel riechend) und Schwächeanfälle zu bekommen. Noch etwas länger - so ab einer Woche ist man unfähig irgendwelche größeren körperlichen Anstrengungen zu unternehmen und wirkt apathisch. Desto länger man wartet desto weniger würde man das Körperempfinden im Hunger assozieren...

  19. #19
    Kurzvormabschussiger
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    Post Gebote für einen erfolgreichen Nahost-Korrespondenten

    Mach dir keine Sorgen: Obwohl der israelisch-arabische Konflikt schon etliche Jahrzehnte währt und hochkomplex ist, ist für den Berichterstatter kaum Grundwissen erforderlich. Es ist auch gar nicht nötig, den unwissenden Leser oder Zuschauer mit Fakten zu nerven und das ganz dicke Brett zu bohren. Ein simples Bild ist gefragt. Und die Sache ist ganz einfach: Israel ist die stärkere Partei in diesem Konflikt (Bad Guy), die Palästinenser die Underdogs (Good Guy). Nach diesem Muster biegen wir die Ereignisse vor Ort zurecht. Du wirst sehen, es geht wie von selbst.




    Vorbemerkung


    Israel ist klein, gerade mal so groß wie Hessen, der Konflikt mit den Palästinensern im Vergleich zu anderen Kriegen lokal und eher begrenzt, auch von der Opferzahl her. Gerade mal zwei Tote pro Tag im Durchschnitt während der "Intifada". Das soll uns aber nicht anfechten. Tu so, als wäre jeder scheele Blick eine Meldung wert. Und wenn im Darfur in drei Jahren 180.000 Menschen niedergemacht werden - ein Toter in Gaza, ein paar neue Häuser in einer Siedlung, eine Demo der Siedlerbewegung, täglich dargebracht, vermitteln unserer Kundschaft: Da vor allem geht es um die Wurst. Die Leute glauben längst, dass der Kampf um Israel/Palästina der Konflikt unserer Zeit ist, und wir arbeiten daran, dass es so bleibt.


    Für dich ist der Job ideal


    Du wohnst in Tel-Aviv, kannst tagsüber im Mittelmeer baden und abends bequem in deinem Lieblingspub ein Bierchen zischen. Wenn du ein bißchen Action haben willst, brauchst du nur 15 km nach Osten zu fahren. So einen Konfliktherd findest du kein zweites Mal.


    Fakten


    Geh sparsam mit Fakten und bestätigten Meldungen um. Saftige Gerüchte und vorschnelle Anschuldigungen sind viel aufregender. Erinnere dich an Muhammed al-Dura. Oder an das "Massaker von Jenin". Heiko Flottau hat damals geschlagene zwei Wochen lang in der SZ sehr farbenfrohe Schauergeschichten von "500 Toten" gebracht, von Männern, die auf der Erde nebeneinander gelegt von Panzern überrollt wurden etc. In solchen Fällen setzt du die Glaubwürdigkeit deiner Gewährsleute einfach voraus. Entpuppt sich die Geschichte hinterher als grandiose Ente, ist das kein Drama. Eine Entschuldigung wird dein Blatt / dein Sender ohnehin nicht bringen. Oder du setzt wie Flottau einen drauf und machst dich am Ende noch über den "Fehlschlag" der israelischen Armee lustig, die eben doch nur zwei Dutzend Terroristen erwischt hat. Wenn es um die Ursachen für die "Al-Aqsa-Intifada" geht, ignoriere das Geständnis des palästinensischen Kommunikationsministers Faludji, der schon vor Jahren zugab, dass die Gewaltwelle Monate im Voraus geplant war. Wärme statt dessen zum x-ten Mal die ranzige These von Sharons Kurzbesuch auf dem Tempelberg als "Provokation" auf.


    Opfer


    Tote liefern spektakuläre Bilder. Die Araber zeigen die ihren gerne her, die Juden aus Pietätsgründen nicht. Also bringen wir auch nur die arabischen. Außerdem ist bei palästinensischen Begräbnissen immer was los, mit Hunderten, die in die Luft ballern und Rache schwören, während die Israelis nur schluchzend am Grab stehen. Wichtig: Unbedingt vermeiden, dass man israelische Opfer sieht. Nach jedem Anschlag liegen in den Krankenhäusern Dutzende Schwerverletzte herum. Bekommt der deutsche Medienkonsument die zu sehen, könnte er auf die Idee kommen, dass auch Israelis Opfer des Konflikts werden. In die Opferstatistik packen wir übrigens unterschiedslos alles rein, was bei dem Konflikt zu Tode kommt: Selbstmordbomber und ihre Opfer, Siedlerkinder und gezielt liquidierte Terror-Chefs, Zivilisten und Soldaten, nicht uniformierte Gunmen und Gelynchte, Kollateralschäden und Bewaffnete, die beim Überfall auf eine Ortschaft erschossen werden etc. Der Vorteil des undifferenzierten Bodycounts: Wer am Ende mehr Tote zu beklagen hat, egal ob Kombattanten oder Fahrgäste im Linienbus, ist im Recht.


    Bilder, Bilder, Bilder


    Die Medienpräsenz in Israel und Palästina wird dich überraschen. Dort drängeln sich mehr Journalisten als in ganz Afrika. Um jeden Steinewerfer stehen sechs Kameramänner und Fotografen herum. Dein arabischer Fotograf weiß schon, welche Motive gefragt sind, etwa wenn ein Panzer des Weges kommt und ein kleiner Junge zur Schleuder greift. Solche Gelegenheiten ergeben sich zuhauf, ja täglich, wohingegen man sich vom nächsten Busbombenattentat in Tel Aviv überraschen lassen muss. Da sind dann nun mal keine Bilder möglich.


    Ursache und Wirkung


    Geschieht ein solcher Anschlag, können wir davon ausgehen, dass die israelische Armee gegen die Urheber vorgeht. Dann sind wir wieder dabei. Wichtig: Die üppige Verwendung des Wortes "Vergeltung", auch wenn es sich um eine absolut vertretbare Maßnahme zum Schutz der Bürger handelt. Der Wiedererkennungswert ('alttestamentarische Rachsucht') ist beträchtlich und delegitimiert die Aktion. Bemühe das Bibelwort "Auge um Auge, Zahn um Zahn" bei jeder Gelegenheit. Es geht da zwar um Entschädigungsregelungen, aber das weiß eh kein Mensch. Erwischt die israelische Armee einen Chefterroristen per Rakete in seinem Auto, machen wir auf mit "Israel greift Gaza-Stadt an". Pflanzt ein Terrorist am Straßenrand eine Bombe, wird dabei von einer Patrouille erwischt und erschossen, titeln wir "Israelis erschießen Palästinenser". Am Ende bleiben so nicht die palästinensischen Aktionen hängen, sondern die israelischen Reaktionen. Genial, nicht?


    Die Mauer


    Die von Israel errichtete Sicherheitsanlage besteht zu 96 Prozent aus High-Tech-Zaun, aber wir bleiben beim Terminus Mauer, das ist plakativer und erinnert an das Berliner Monstrum. Vermeide, den rasanten Rückgang der Terroranschläge um 80 Prozent zu erwähnen und weise statt dessen darauf hin, dass der Bau der "Mauer" manche Unbill für die palästinensischen Anrainer mit sich bringt. Fahre notfalls 50 Kilometer am Zaun entlang, bis du ein Mauerstück findest, das du filmen kannst, gern mit einem palästinensischen Jungen davor, der einen Esel an der Leine führt. Alternativ: ein altes Mütterchen mit Kopftuch, das einen Checkpoint passiert oder mit einem schwer bewaffneten Soldaten disputiert. Empöre dich über acht Meter hohe Betonteile und lass außer Acht, dass sie dort errichtet wurden, wo früher Gewehrschützen auf Autos und doppelstöckige Linienbusse schießen konnten. Akzeptiere die Klage, die Sperranlage sei ein Hindernis für den Frieden, obwohl er erwiesenermaßen ein Hindernis für Terroristen ist.

    Friedensgegner


    Im Gegensatz zu den palästinensischen Autonomiegebieten ist Israel eine Demokratie, in der echte Radikale kaum Zulauf haben. Erkläre deshalb jeden zum Hardliner, der sich rechts von Uri Avneri befindet. Lässt du mal einen Israeli zu Wort kommen, was möglichst selten der Fall sein sollte, dann nimm einen wie Avneri oder auch Moshe Zimmermann. Die sprechen praktischerweise auch beide deutsch. Jeder Mainstream-Israeli, der aus guten Gründen Zweifel am Friedenswillen des palästinensischen "Partners" hat, ist für uns ein Gegner des Friedens an sich. Ganz wichtig: Stelle die Linken als die wenigen guten Israelis dar, die Siedler als das Böse schlechthin und ignoriere die breite Mitte der Gesellschaft. Sorge dafür, dass vor allem Soldaten, bewaffnete Siedler und orthodoxe Juden in deinen Berichten auftauchen. In der palästinensischen Gesellschaft gibt es kaum echte Demokraten, deshalb gehört eine säkulare Terrororganisation wie Fatah schon in die Schublade "gemäßigt", auch wenn noch der letzte Likudnik mehr Demokratieverständnis besitzt als diese maskierten und Kalaschnikows schwingenden Kohorten. Danach kannst du die Hamas ruhig "radikal" oder besser "militant" nennen und guten Gewissens von "Radikalen" oder "Extremisten auf beiden Seiten" sprechen.


    Mach alles gleich


    Zwar stehen sich in diesem Konflikt zwei sehr unterschiedliche Parteien gegenüber, nämlich auf der einen Seite eine pluralistische parlamentarische Demokratie mit freier Presse, Gewaltenteilung etc., vom Wählerwillen auf Friedenskurs getrimmt, auf der anderen ein von korrupten Revoluzzern und Warlords kontrollierter rechtsfreier Raum, in dem allerhand Milizen ungehemmt wachsen und gedeihen, die ein Interesse am fortwährenden Kriegszustand haben, um von ihrem völligen Versagen auf allen Gebieten abzulenken. Du aber musst den Eindruck erwecken, dass da zwei irgendwie gleich geartete Konfliktparteien miteinander zu Potte kommen können. Vergiss die herkömmliche Weisheit, dass man für den Frieden zwei braucht, für den Krieg aber bereits einer genügt.


    Hintergrundinformationen


    Absolut tabu. Wenn du erst einmal anfängst, Teilungspläne, israelische Friedensofferten oder arabische Kompromissunfähigkeit zu erläutern, verunsicherst du nur die Leute, die den Beginn des Konflikts mit der Eroberung der Westbank und Gazas 1967 ansetzen und lediglich zwischen Besetzten und Besatzern unterscheiden wollen. Lass es!


    Die Palästinenser


    Hab Verständnis. Hab noch mehr Verständnis. Egal, was sie treiben, ob Lynchmorde an Kollaborateuren oder Jubelfeiern nach einem Massaker in Jerusalem, ob sie israelische Flaggen verbrennen und "Tod den Juden!" rufen oder Straßen nach Suizidmassenmördern benennen, ob sie Kinder als Kanonenfutter missbrauchen oder unehelich schwanger gewordene Frauen zur Wiederherstellung der Familienehre in den Märtyrertod schicken. Merke: An allem ist "die Besatzung" schuld, zehn Jahre Autonomie hin oder her. Hake nicht nach, wenn Saeb Erekat von "40 years of occupation" spricht und Osloer Abkommen und Selbstverwaltung souverän ausklammert. Unterschlage, dass die Roadmap in erster Linie von der PA Maßnahmen gegen den Terror fordert. Akzeptiere, dass Kompromisse seitens der Palästinenser nicht möglich sind, weil sie ihre Maximalforderungen als "heilige Rechte" ansehen und jedes Entgegenkommen als Verrat. Lass sie jammern. Lass sie noch mehr jammern. Über Landkonfiszierungen und abgeholzte Olivenbäume, Mauerbau und Checkpoints und darüber, dass sie nicht mehr in Israel arbeiten dürfen. Halte dich nicht mit Erklärungen der Ursachen für jede dieser Maßnahmen auf. Dafür bleibt im unserem Tagesgeschäft keine Zeit. Schließlich können wir über alles reden, aber nicht über 1:30.


    Gefahren


    Vermeide es, auch nur ein Wort der Kritik am Gewalt- und Todeskult in den Gebieten zu verlieren. Mit Kritik kann man dort schlecht umgehen. Denk an Ricardo Cristiano von der RAI, der sich dafür entschuldigt hat, dass die Kollegen vom Privatsender RTI den Lynchmord von Ramallah gefilmt hatten, und an die massiven Drohungen gegen Journalisten, die das Verbrechen dokumentieren wollten. Oder an die Jubelszenen in Ramallah am 11. September. Man hat die ausländischen Reporter damals in einem Hotel eingesperrt, bis das Happening vorbei war. Also halte den Ball flach. In Israel geschieht dir nichts. Die Linken sind dir sogar gern behilflich, wenn du Israel anprangerst, und die breite Masse ist ohnehin nichts anderes gewohnt. Geht es in den Gebieten mal etwas heftiger zur Sache, bleib cool. Wozu hast du all die arabischen Freelancer, die als Fotografen und Kameramänner vor Ort sind? Mach dir den doppelten praktischen Nutzen klar: du musst das Bildmaterial nicht einmal sichten. Wenn du für das Fernsehen arbeitest, spare dir das Anlegen der schusssicheren Weste für den Aufsager am Abend auf, damit man auch sieht: Hei-ho, der traut sich aber was als Krisenreporter!


    Kleines Wörterbuch


    Die dezente Zurückhaltung, die wir bei der Berichterstattung aus Frankreich oder Australien üben, darfst du an deinem neuen Arbeitsplatz getrost ablegen. Werte nach Herzenslust, greife tief in die Phrasenkiste, gehe großzügig mit Euphemismen und Hyperbeln um.


    Terrorist: Militanter, Kämpfer, Radikaler, Bewaffneter
    Terroranschlag: Angriff, Zwischenfall
    Terrorwelle: Intifada, Aufstand, Unruhen, Widerstand, Ringen um Unabhängigkeit
    Militäraktion gegen Terroristen: blutige Vergeltung, Rache, Drehen an der Gewaltspirale
    Israelischer Politiker: Hardliner
    Palästinensischer Diktator: charismatischer Führer
    Arabischer Märchenerzähler aus Jenin: Augenzeuge
    Zaun: Mauer
    Liquidierung einer "ticking bomb": ungesetzliche Tötung
    Andauernde Gewalt: Waffenstillstand, Hudna
    Steine- und Molliwerfer, Gewehrschütze: Demonstrant
    Chef einer islamistischen Terrororganisation: spiritueller Führer
    Dessen Stellvertreter: Kinderarzt
    Beachte: Palästinenser nie im Aktiv erwähnen! Palästinenser werden erschossen, aber sie ermorden niemals Israelis. Sprengt ein Terrorist einen Bus in die Luft, titeln wir neutral: "Anschlag in Tel Aviv". Oder: "Nahost: Tote bei Selbstmordattentat". Zwar werden die Bomber immer von einer Organisation losgeschickt und sind nur ein Rädchen in der Maschinerie des Terrors. Sprich aber trotzdem von einer "Verzweiflungstat", das gibt den Human Touch. Halte Äquidistanz zu Tätern und Opfern und sei stolz auf deine Unabhängigkeit und Neutralität.


    Wenn du alle Ratschläge dieses Handbuches beherzigst, hast du besonders gute Chancen, bei Arte, beim ZDF, beim stern oder bei der Süddeutschen Zeitung unterzukommen.

  20. #20
    resurrector
    Laufkundschaft

    AW: Gebote für einen erfolgreichen Schriftsteller

    bin mir nicht so sicher, ob da nicht der eine oder anderem punkt ironisch gemeint ist; andererseits scheint mir die ironie ein notwendiger mittel für den erfolg zu sein; schließlich ist erfolgswille doch aber nicht das, was einen schriftsteller antreiben sollte.

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