+ Antworten
Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: Die Rakete

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    237
    Renommee-Modifikator
    0

    Post Die Rakete

    Eine Martin-Lundgren-Story, die lange vor den "weißen Schmetterlingen" spielt:


    Die Rakete

    Remember a day before today
    A day when you where young
    Free to play along with time
    Evening never comes
    Pink Floyd


    ditditdit - ditiditdit - ditditdit ...
    Das Wecksignal wurde rasch lauter.
    Benommen tastete Martin nach dem Schaltknopf. Als er ihn endlich gefunden hatte, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Seufzend richtete er sich auf, suchte blinzelnd nach seinen Hausschuhen und stapfte ins Bad.
    "Auch das noch", murmelte er verdrossen, als der Strahl der Dusche tröpfelnd erstarb. Dann fiel ihm ein, daß das Wasser schon gestern abend abgestellt worden war - nicht nur in ihrem Viertel, sondern in der ganzen Stadt. Jetzt war der Kessel im Keller leer, und er hatte nicht einmal mehr Wasser zum Zähneputzen. Mißmutig hielt Martin seinen Zahnputzbecher unter den tröpfelnden Wasserhahn; die so gewonnene Menge reichte allerdings kaum aus, um sich den Mund anzufeuchten.
    In den Lokalnachrichten hatten sie von "planmäßigen Wartungsarbeiten" gesprochen, aber das war die übliche Ausrede, wenn es wieder einmal eine Anschlagsdrohung gegeben hatte. Aus den Gesprächen seiner Eltern wußte Martin, daß die Anlagen des örtlichen Wasserwerkes schon mehrere Male ergebnislos auf Gifte oder gefährliche Krankheitserreger untersucht worden waren. Offenbar fand es irgend jemand lustig, die Polizei mit Hinweisen auf angebliche Terroranschläge auf Trab zu halten.
    Dad machte kein Hehl daraus, was er von dieser Sorte Spaßvögel hielt, und seine Vorschläge, wie mit ihnen zu verfahren sei, fielen entsprechend drastisch aus.
    Die Krankheit hatte Martins Vater verbittert.
    Als junger Mann hatte Erik Lundgren bei den Marines gedient. Nach den ersten Anschlägen hatte er den Polizeidienst quittiert und war zu seiner alten Einheit zurückgekehrt. Er hatte nur selten geschrieben - aus Ländern, die Martin erst im Atlas nachschlagen mußte, um herauszufinden, wo sie lagen. Dann war er zurückgekommen, ausgemustert auf Grund einer Krankheit, für die es weder einen Namen noch eine Erklärung gab. Die genauen Umstände unterlagen wohl der Geheimhaltung, jedenfalls hatte Dad nie darüber gesprochen.
    Bei der Polizei durfte er nicht mehr arbeiten, und so hatte man ihm auf sein Drängen hin einen Bürojob in der Stadtverwaltung vermittelt, obwohl die Familie finanziell abgesichert war. Dad war der Auffassung, daß auch der mieseste Job besser war, als zu Hause zu sitzen und auf den nächsten Anfall zu warten. Er bekam starke Medikamente, die es in keiner Apotheke zu kaufen gab. Die Päckchen mit den Tabletten kamen direkt aus einem Institut in Fort Detrick, Maryland. Angeblich sollten sie die Entwicklung der Krankheit aufhalten, bis ein Gegenmittel gefunden war.
    Martin hatte allerdings den Eindruck, daß sich sein Vater verändert hatte, seitdem er das Zeug einnahm. Er kam nur noch zu den Mahlzeiten aus dem Arbeitszimmer und kümmerte sich kaum um das, was um ihn herum vorging. Martin konnte sich nicht erinnern, wann er ihn zum letzten Mal hatte lachen hören. Neuerdings schien ihm sogar das Sprechen Mühe zu bereiten, als fiele es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Dabei vermied er es, seinen Gesprächspartner anzusehen, und starrte wie abwesend auf einen imaginären Punkt in der Ferne.
    Einen Anfall hat Martin nur ein einziges Mal miterlebt: Dads Gesicht war von einem Augenblick auf den anderen rot angelaufen, und er hatte angefangen, so heftig zu husten als hätte er sich verschluckt. Keuchend hatte er nach Luft gerungen, während sein Körper von Hustenkrämpfen geschüttelt wurde. Das Anfall hatte sicher nicht länger als zwei Minuten gedauert, aber Martin war es wie eine Ewigkeit vorgekommen. Er hatte die roten Flecken auf dem Taschentuch gesehen, das sein Vater gegen den Mund gepreßt hielt, und befürchtet, er würde vor seinen Augen ersticken. Als Dad wieder zu Atem gekommen war, hatte er Martin mit tonloser Stimme aus dem Zimmer geschickt. Er hatte traurig und beschämt ausgesehen wie jemand, der bei etwas Ungehörigem ertappt worden ist. Das war jetzt fast ein Jahr her, aber die Erinnerung trieb dem Jungen noch immer die Tränen in die Augen.
    Martin war zwölf Jahre alt und noch immer fest davon überzeugt, daß die Ärzte ein Mittel finden würden, das seinen Vater wieder gesund machte. Aber warum dauerte es so verdammt lange?
    - Beim Anziehen sah der Junge aus dem Fenster hinaus in den Garten und versuchte, die trüben Gedanken zu verdrängen.
    Das dumpfe, gleichförmige Hämmern, das in diesem Augenblick aus dem Erdgeschoß nach oben drang, war allerdings nicht dazu angetan, seine Laune zu bessern. Es bedeutete zweierlei: erstens, daß die Eltern schon auf dem Weg zur Arbeit waren, und zweitens, daß seine Schwester Betty den Fernseher angestellt hatte. Daran wäre nichts auszusetzen gewesen, wenn sie sich wie jeder normale Mensch Nachrichten oder Sport angesehen hätte, aber Betty war nun einmal kein normaler Mensch, sondern in der Pubertät, und deswegen gab's entweder MTV oder noch Schlimmeres - so genau kannte sich Martin mit den unterschiedlichen Musikkanälen nicht aus - in einer Lautstärke, die den Aufenthalt in ihrer Nähe unmöglich machte.
    An einem gewöhnlichen Tag hätte er vermutlich der Versuchung nachgegeben, dem Spuk ein Ende zu bereiten. So bot es sich zum Beispiel an, den Sicherungsautomaten auszulösen oder das Kabel herauszuziehen, das die Satellitenschüssel mit dem Fernsehgerät verband.
    Aber heute war kein gewöhnlicher Tag.
    Heute war der Tag, an dem ihre Rakete, die U.S.S.S. "Steve Mancuso", in den nächtlichen Himmel aufsteigen würde - auf dem Weg zu den Sternen, oder wie es der Professor etwas vorsichtiger formuliert hatte: "soweit der Treibstoff eben reichte".
    Natürlich wußten die Jungen, daß eine selbstgebastelte Feststoffrakete das Schwerefeld der Erde nicht verlassen konnte, aber das war nicht wichtig. Wichtig war, daß sie sie gemeinsam gebaut hatten, um ihrem Freund Steve ein Denkmal zu setzen - ein Denkmal, das seiner würdig war, anders als das Steinkreuz auf dem Friedhof, auf dem sein Name und ein paar Zahlen standen, als wäre sein Leben nicht mehr gewesen als die Differenz zwischen Geburts- und Todestag.
    Steve hatte die Sterne geliebt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als eines Tages Astronaut zu werden. Er wollte dabeisein, wenn die Menschheit den Mond und die erdnahen Planeten besiedelte und sich aufmachte, zu den Sternen zu fliegen. Und vielleicht hätte er es auch geschafft, wenn er lange genug gelebt hätte ... Es war noch kein Jahr her, daß Steve Mancuso mit seinen Eltern nach Boston gefahren war, um sich ein Spiel der Pats anzusehen. Sie hatten den Wagen vor dem Hotel stehenlassen und waren mit einem Bus zum Stadion gefahren, den jemand mit zwei Kilogramm C4 präpariert hatte. Kurz vor der Abfahrt Wrentham war es dann passiert. Von Nat Saunders, dem Sohn des Leichenbestatters, wußte Martin, daß in den Särgen Sägespäne gewesen waren, in denen man Steve und seine Eltern beerdigt hatte ...
    - Gestern abend hatten die Jungen die fertig montierte Rakete mit dem Pickup von Nikis Vater zum Startplatz gebracht und mit Reisig abgedeckt. Der Countdown lief - in exakt 12 Stunden, 53 Minuten und 11 Sekunden würden die Triebwerke der U.S.S.S. "Steve Mancuso" zünden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt würde sich herausstellen, ob die Berechnungen des Professors stimmten und das Ding tatsächlich flog ...
    Bis dahin war noch eine Menge zu erledigen: Das Startgerüst mußte aufgestellt, die Rakete ausgerichtet und der Zünder montiert werden. Und das Wichtigste war: Kein Mensch, und erst recht kein Erwachsener, durfte Verdacht schöpfen.
    Martin war sich durchaus im klaren darüber, daß ihr Vorhaben alles andere als ungefährlich war. Selbst wenn alles funktionierte, riskierten sie im Falle der Entdeckung mehr als eine Tracht Prügel oder ein paar Tage Stubenarrest. Aber das waren sie Steve einfach schuldig, und außerdem erhöhte das Bewußtsein, etwas Verbotenes zu tun, den Reiz des Unternehmens nicht unbeträchtlich.
    Dennoch verspürte er ein flaues Gefühl im Magen und mußte sich regelrecht zwingen, wenigstens ein paar Bissen seines Frühstücks hinunterzuwürgen.
    "Keinen Appetit, Bruderherz?" erkundigte sich Betty scheinheilig, als er den Rest seiner Cornflakes dem Müllschlucker anvertraute.
    Der Junge zog eine Grimasse und deutete auf seine Ohren: "Nix verstehen ... Krach machen Gehirn kaputt!"
    Damit war die morgendliche Konversation auch schon beendet. Martin schulterte seinen Rucksack, winkte zum Abschied und machte sich auf den Weg zur Haltestelle des Schulbusses.
    Endlose sechs Stunden Unterricht lagen vor ihm, Pausen, in denen er aus Gründen der Geheimhaltung nicht mit den anderen Mitgliedern des Teams sprechen durfte, und schließlich die obligatorische Zivilschutzübung mit all ihren lächerlichen Verhaltensmaßregeln für den „Ernstfall“. Als der Ernstfall für seinen Freund Steve eingetreten war, hatten ihm die guten Tips der Ausbilder jedenfalls verdammt wenig genutzt ...
    Martins Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, und das flaue Gefühl in seiner Magengrube hatte bereits um die Mittagszeit die Grenze zum Unwohlsein überschritten.
    Als sich die Jungen schließlich um Punkt zwei Uhr am Rastplatz "Raven's Creek" trafen, war Martin nicht der einzige, dem man die Aufregung ansah. Einzig Nikos, der Grieche, stellte sein gewohnt zuversichtliches Grinsen zur Schau. Mit knapp vierzehn Jahren war er älter als die anderen Jungen, weil er schon einmal "hängengeblieben" war, wozu nach Martins Ansicht allerhand gehörte.
    Für das Team war er allerdings unverzichtbar, denn er war der einzige, der mit Schneidbrennern und Schweißgeräten umzugehen wußte. Der Schrottplatz seines Vaters bot zudem die besten Voraussetzungen für mechanische Arbeiten und dazu sichere Verstecke für die fertigen Teile.
    Nik, der Professor und Martin bildeten den harten Kern des Teams. Die anderen drei Jungen waren dabei, weil sie Steve gemocht hatten und das Ganze für eine "verdammt großartige Idee" hielten. Martin war überzeugt davon, daß er sich auf sie verlassen konnte, auch wenn sie im Augenblick vielleicht weiche Knie hatten.
    "Na los, Jungs!" rief Nikos übermütig. "Dann wollen wir's mal ordentlich krachen lassen."
    "Immer mit der Ruhe, Nik", dämpfte Martin die Euphorie des Älteren. "Alles läuft nach Plan." Er hatte gesehen, wie der Professor bei Niks Worten leicht zusammengezuckt war. Für Jeff Goldblum stand eine Menge auf dem Spiel. Wenn die Sache schiefging, würde man vor allem ihm die Schuld geben. Er hatte die Konstruktionszeichnungen besorgt, nach denen die Rakete gebaut worden war. Von ihm stammten sämtliche Berechnungen und nicht zuletzt die Rezeptur für den Treibstoff. Heute wirkte er noch blasser und unscheinbarer als sonst, und seine dunklen Augen lagen tief in den Höhlen.
    "Okay, wir müssen los", übernahm Martin das Kommando, und die Jungen beeilten sich, ihm zu folgen. Auf dem schmalen Forstweg hinüber nach Howard's Green begegneten sie keinem Menschen. Es war noch früh in der Saison, und die ersten Ausflügler würden nicht vor dem Wochenende in der Gegend auftauchen - Angler zumeist, die normalerweise kaum in das Innere der dicht bewaldeten Halbinsel vordrangen. Gefahr drohte einzig von Waldarbeitern oder Forstbeamten, die ihr Versteck durch Zufall hätten entdecken können, aber auch das war extrem unwahrscheinlich. Dennoch geriet die Unterhaltung der Jungen ins Stocken, als sie sich ihrem Ziel näherten, und verstummte schließlich ganz.
    Doch ihre Sorge erwies sich als unbegründet. Niemand hatte das Versteck aufgespürt. Das Felsplateau lag nur einige Dutzend Meter vom Weg entfernt auf einer kleinen Lichtung. Die beiden Reisighaufen, unter denen die Rakete und Teile des Startgerüstes versteckt lagen, schienen unberührt.
    Martin sah auf die Uhr: kurz nach drei. Ihnen blieben knapp vier Stunden, um die Rakete startklar zu machen.
    Zuerst scharrten sie die Winkeleisen frei, die sie am letzten Wochenende einbetoniert und zur Tarnung mit Erde bedeckt hatten. Dann wurden die beiden Trägereinheiten aufgerichtet, die vom Ausleger eines verschrotteten Kranes stammten, und mit den Winkeln verschraubt Die aufwendigste Arbeit war die Einrichtung der Träger und ihre Befestigung vermittels seitlich angebrachter Stützstreben. Pete Sterling, genannt "das Pfund", und Martin hielten die Träger senkrecht, während der Professor die Wasserwaage anlegte und die notwendigen Korrekturen vornahm. Zum Abschluß bohrte Nik die Löcher für die Verschraubung der Streben.
    Nach zwei Stunden schweißtreibender Arbeit stand das Startgerüst - zwei vertikale Stahlkonstruktionen, die mit jeweils einer Stützstrebe seitlich fixiert waren und auf diese Weise stabile Dreibeine bildeten. In Anbetracht der aufgewendeten Mühe wirkte die knapp 10 Fuß hohe Startvorrichtung ein wenig primitiv und alles andere als beeindruckend, aber das würde sich sicher ändern, wenn sie erst die Rakete trug.
    Daran war jedoch im Augenblick noch nicht zu denken, denn zunächst mußten die Halterungen montiert werden. Das Problem der Befestigungen bestand in erster Linie darin, daß die Vertikalbewegung des Flugkörpers nicht behindert werden durfte, wohl aber das seitliche Ausbrechen oder gar Umkippen während des Startvorgangs.
    Nach einer Vielzahl mehr oder weniger gelungener Versuche hatten sich die Jungen schließlich für die sogenannte "Federklauen-Methode" entschieden. Dabei saß das Heck der Rakete auf zwei fest angebrachten Halterungen, während ihr Oberteil durch konkav geformte "Klauen" stabilisiert wurde. Starke Spiralfedern preßten die "Klauen" gegen den Rumpf und verhinderten so ein seitliches Ausbrechen. Wichtig war, daß die "Klauen" zurückgezogen werden konnten, wenn das Treibwerk die notwendige Schubkraft entwickelt hatte.
    Die Lösung des Professors war aus Sicht seiner Mitstreiter ebenso einfach wie genial: Die Spiralfedern befanden sich dabei in fest am Startgerüst montierten Rohren. An einer Seite des jeweiligen Rohres steckte der bewegliche Kolben der "Klaue", auf der anderen der Anker eines Zugmagneten. Wurde nun die Spule des Magneten unter Spannung gesetzt, gab der Anker die Feder frei, und die "Klaue" zog sich zurück. Trotz des vergleichsweise einfachen Prinzips hatte es tagelanger Experimente bedurft, bis die Federklauen-Konstruktion auf Knopfdruck das Stück Rohr fallenließ, das die Rolle des Raketenrumpfes spielte.
    Ein anderer Aspekt des Problems entpuppte sich in diesem Zusammenhang als wesentlich heikler: Wer bestimmte eigentlich, wann die Rakete den genau "richtigen" Schub hatte, daß sie der stabilisierenden Wirkung der Federklauen nicht mehr bedurfte?
    Auf diese Frage wußte keiner der Jungen eine Antwort. Sie gingen einfach davon aus, daß derjenige von ihnen, der den Schalter zu betätigen hatte, wissen würde, wann der richtige Augenblick gekommen war. Martin hatte das ungute Gefühl, daß ihm diese Aufgabe zugedacht war, auch wenn sie noch nicht darüber abgestimmt hatten. Der Professor hatte bereits abgewinkt. Der fragliche Zeitpunkt sei nicht exakt berechenbar, deshalb müsse er die Verantwortung ablehnen.
    Im Augenblick machte es allerdings wenig Sinn, diesen Punkt noch einmal anzusprechen, denn Jeff war beschäftigt. Sichtlich aufgeregt kletterte er von einem Träger zu anderen, hantierte mit seinem Ultraschallmeßgerät und kommandierte Nik und die anderen herum. Obwohl seine Anweisungen prompt und widerspruchslos befolgt wurden, dauert es bis zum Abend, bis Halterungen und Federklauen zu seiner Zufriedenheit montiert waren.
    Erst jetzt konnten die Kabel verlegt, durchgemessen und an die "Zentrale" angeschlossen werden. Die "Zentrale" war ein winziges Schaltpult mit zwei Drucktastern und Signallämpchen, die mit "Zündung" bzw. "Freigabe" beschriftet waren. Als Stromversorgung diente eine Autobatterie, die nach Niks Aussage "so gut wie neu" war.
    Der abschließende Test der Mechanik verlief erfolgreich: Mit einem metallischen Klicken gaben die Zugmagnete die beiden Spiralfedern frei, die nach hinten herausschnellten und die "Klauen" entspannten.
    Jetzt blieben nur noch vierzig Minuten bis zum geplanten Starttermin, und noch immer lag die "Steve Mancuso" in ihrem Versteck unter dem Reisighaufen.
    "X+40", verkündete Martin nach einem Blick auf seine Armbanduhr. "Wir liegen in der Zeit." Dennoch beeilten sich die Jungen, den letzten und entscheidenden Teil der Startvorbereitungen in Angriff zu nehmen.
    Der Transport der Rakete zum Startplatz verlief unproblematisch. Die 180 Pfund Startgewicht ließen sich ohne weiteres bewältigen, solange alle mit anfassen konnten, um das 12 Fuß lange Fluggerät an seinen Bestimmungsort zu bringen. Vorsichtig wurde die Rakete aufgerichtet, und dann begann der kräftezehrendste Teil des Unternehmens.
    Pete und der Professor kletterten auf das Gerüst, um das seitliche Abkippen des Rumpfes beim Einhängen zu verhindern. Die anderen vier hatten die Aufgabe, die Rakete auf die vorgegebene Höhe zu bringen und sie dabei so genau zu positionieren, daß die Bolzen der Gerüsthalterung in die dafür vorgesehenen Bohrungen im Heck einrasteten. Es war vor allem Niks Einsatz zu verdanken, daß das Vorhaben trotz der Behinderungen durch die Heckflügel und das Gerüst selbst schließlich doch noch gelang.
    Schwer atmend und mit glänzenden Augen musterten die Jungen ihr Werk. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tanzten wie Leuchtkäfer über die silberne Haut ihres Raumschiffs. Auf dem Rumpf prangte das Sternenbanner und in schwarzen Lettern die Aufschrift: U.S.S.S. "Steve Mancuso".
    Die Rakete war startklar.
    Mehr als sechs Monate hatten die Jungen daran gearbeitet. Das Projekt hatte Hunderte von Arbeitsstunden und jeden Cent ihres Taschengeldes verschlungen - Geld, das sie in Hotdogs, Kinokarten oder neue Computerspiele hätten anlegen können. Es war ihnen nicht leichtgefallen, auf all diese Dinge zu verzichten, aber sie hatten ihr Wort gegeben, und nur das zählte. Monatelang hatten sie diesem Tag entgegengefiebert, und jetzt, da alles bereit war, hatten sie Angst. Schon bald würde sich zeigen, ob sie ihr Versprechen einlösen konnten - und was, wenn nicht?
    Stille breitete sich aus, als die Sonne hinter den Hügeln versunken war, und der Startplatz in den Schatten der Bäume eintauchte. Die Vögel waren verstummt, und der Wind wehte sacht - kaum mehr als ein kühler Hauch, der den Schweiß auf der Haut der Jungen trocknete und sie frösteln ließ.
    "X+5". Der Professor hatte nicht laut gesprochen. Dennoch fuhr Martin zusammen, fing sich aber sofort wieder und übernahm das Kommando: "Alles auf die Positionen!"
    Die Jungen verließen den Startplatz und suchten hinter einem Felsblock unterhalb des Plateaus Deckung. Martin nahm seine Armbanduhr ab und legte sie auf das Schaltpult: noch zwei Minuten.
    "Zündung klar?" erkundigte er sich bewußt forsch.
    Jeff grinste und hob den Daumen.
    Noch sechzig Sekunden.
    Alle Blicke waren jetzt auf Martin gerichtet. Er bemühte sich, sie zu ignorieren und sah erneut zur Uhr: noch dreißig Sekunden.
    Plötzlich war Martin ganz ruhig. Zum ersten Mal seit vielen Wochen dachte er nicht mehr darüber nach, was alles schiefgehen konnte. Das flaue Gefühl in der Magengegend war verschwunden.
    "10, 9, 8 ...", wieder die Stimme des Professors, emotionslos wie das Ticken eines Metronoms.
    "... 6, 5, 4 ..." Der Taster des Startknopfes fühlte sich glatt und warm an.
    "... 3, 2, 1, Start!" Wie von einem elektrischen Impuls getrieben zuckte Martins rechter Zeigerfinger nach unten. Das rote Signallämpchen leuchtete auf.
    Weiter geschah nichts.
    Obwohl er wußte, daß es einige Sekunden dauern konnte, bis der Hitzdraht die Zündmischung in Brand setzte, waren seine Nerven bis zum Zerreißen gespannt. Bange Augenblicke vergingen, dann bestätigte ein rasch anschwellendes Zischen den Erfolg der ersten Phase des Zündvorgangs.
    Aufatmend ließ Martin den Startknopf los.
    Er widerstand der Versuchung aufzustehen, um die Triebwerksflamme zu sehen. Das Risiko war zu groß. Wenn die Treibladung jetzt explodierte, konnten ihm die Splitter den Kopf wegreißen.
    Plötzlich änderte das Geräusch seinen Charakter: Das Zischen ging in ein tiefes, bösartiges Fauchen über. Der obere Teil der Rakete begann zu vibrieren. Die zweite, entscheidende Phase des Startvorgangs hatte begonnen.
    Der Widerschein der Flammen tauchte den Startplatz in gespenstisches weißes Licht. Die Vibrationen, die den Rumpf der "Steve Mancuso" erschütterten, wurden stärker. Brüllend kämpfte die Rakete gegen die Kräfte an, die sie am Boden hielten. Die Vibrationen griffen auf das Gerüst über und drohten, es aus der Verankerung zu reißen.
    Jetzt! Martins Rechte schnellte nach vorn und gab die Federklauen frei.
    Einen endlosen Augenblick lang schien es, als habe der Mechanismus versagt, dann aber erhob sich die "Steve Mancuso" mit quälender Langsamkeit, verharrte wie unschlüssig über den Baumwipfeln und schoß dann wie ein leuchtender Pfeil auf einer weißen Feuersäule in den nachtblauen Himmel.
    Keiner der Jungen sagte etwas. Es gab keine Hurra-Rufe, kein Schulterklopfen und keine Freudentänze. Andächtig schweigend verfolgten sie den Flug des Raumschiffes, das noch immer größer und leuchtender war als alle Sterne am Himmel - und hundertmal schöner.
    Vielleicht ahnte der ein oder andere von ihnen bereits, daß sie etwas erlebten, was so nicht wiederkehren würde. Etwas, an das sie sich noch erinnern würden, wenn sie selbst alt geworden waren, vielleicht sogar so alt wie ihre Eltern heute ...
    Ronny O'Neill, der jüngste des Teams, sprach schließlich aus, was alle bewegte:
    "Ob Steve es wohl sehen kann - sein Raumschiff?"
    Martin war überzeugt davon, auch wenn er Schwierigkeiten gehabt hätte, seine Vorstellungen in Worte zu fassen. Er dachte noch darüber nach, als etwas geschah: Die Jungen hörten einen dumpfen Knall, weit draußen auf dem Meer, und dann tauchte ein weißer Lichtpunkt über den Uferfelsen auf und jagte mit zunehmender Geschwindigkeit auf die "Steve Mancuso" zu.
    Der Lichtpunkt war eine lasergesteuerte Stormrider-Rakete des neuen SEABAD (Sea-Based-Air-Defence) Systems der US-Navy, aber das wußten die Jungen natürlich nicht, und so verfolgten sie den Flug des leuchtenden Objekts mit ungläubigem Staunen - bis es ihr Raumschiff traf.
    Dort, wo sich die Bahnen der beiden Flugkörper gekreuzt hatten, entfaltete eine leuchtende Blüte ihre Flammenblätter, gefolgt von einem berstenden Donnerschlag. Augenblicke später löste sich das strahlende Gebilde auf und verglomm in einem glitzernden Funkenregen.
    Der Sternenflug der "Steve Mancuso" war zu Ende.

    ***

    Die sechs Jungen wurden noch in der Nacht festgenommen. Man beschuldigte sie, einen Raketenanschlag geplant und durchgeführt zu haben. Da sich der Verdacht der Zusammenarbeit mit einer terroristischen Vereinigung zunächst nicht erhörten ließ und sie noch minderjährig waren, ließ man sie zwar kurz darauf wieder laufen - allerdings mit der Auflage, die Stadt nicht zu verlassen und sich zur Verfügung zu halten.
    Journalisten und Kamerateams fielen wie Heuschrecken in die kleine Stadt ein und übermittelten die aktuellen Nachrichten zum "Terroranschlag in Maine" in die entlegensten Winkel des großen Landes.
    Es war eine Zeit, an die sich Martin später nur sehr ungern erinnerte ...
    Erst als Wrackteile gefunden wurden und sich herausstellte, daß ihre Rakete kein Gramm richtigen Sprengstoffes enthalten hatte und den Namen eines Jungen trug, der zusammen mit seinen Eltern bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen war, wendete sich das Blatt.
    Von einem Tag auf den anderen wurden die Ausgestoßenen zu Helden.
    Die Stadt schwamm auf einer Woge patriotischer Begeisterung, und es fehlte nicht viel, und man hätte die Jungen im Triumphzug durch die Straßen getragen. Die renommiertesten Anwälte rissen sich um ihre Verteidigung, doch die Staatsanwaltschaft verzichtete von sich aus darauf, Anklage zu erheben.
    Ein paar Tage später verschwanden die Reporter aus der Stadt, das "Holliday Inn" entließ das zusätzlich eingestellte Personal, und alles war wie immer.
    Nein, alles doch nicht.
    Nikos, der Grieche, zum Beispiel trug neuerdings ein verklärtes Lächeln auf den Lippen, und das hatte einen besonderen Grund. Der Grund hieß Melissa Landers, von Eingeweihten auch "Matrazen-Lissy" genannt. Besagte Dame hatte sich kurzfristig entschlossen, dem Werben des jungen Helden nachzugeben, und so hatte Nik als erstes Mitglied des Teams seine Unschuld verloren.
    Aber es war ja auch Frühling in Stormfield, Maine, und die Saison hatte noch nicht begonnen ...

    © 2002 by FWH

    Rabenschwarze Geschichten

  2. #2
    Bauer Hans
    Laufkundschaft

    AW: Die Rakete

    Frohen Nikolaus, Kassandra!

    Eine konservative Geschichte, flüssig erzählt. Woran lag es nur, daß ich dennoch nicht gefesselt?
    Ich will es Dir verraten: Karl-Heinz, der Weihnachtshund, hat gefehlt! Zum Himmel hoch, da kommt er hin... auch ohne Feststoffrakete.

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    237
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Rakete

    Gleichfalls frohen Nikolaus, Ungefesselter.


    Woran letzteres liegt?
    Naja, vermutlich an den Mühen der Ebene (technische Beschreibungen sind nun mal nicht sehr emotional).


    Mir ging es um das "Ende eines Sommers"-Gefühl und darum, eine Gemeinschaft von Freunden zu beschreiben, deren Teil ich nie war.


    Gruß
    K.

  4. #4
    Bauer Hans
    Laufkundschaft

    AW: Die Rakete

    Kassandra, Klammer hat dieses Thema einer Jungenfreundschaft auf eine ganz eigene Art geschildert. Du findest seine Geschichte in dem Malerbuch "Spaziergänge am Fluß", das Robert herausgegeben

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    523
    Renommee-Modifikator
    19

    Post AW: Die Rakete

    Nun, die beiden Geschichten ähneln sich so wenig, dass des doch staunen macht, dass beide irgendwie vom "Löwenzahnwein" beeinflusst sind...
    Aber Hannemann hat recht, die Story ist zwar ganz hübsch, aber arg konventionell, ja, bieder. Nein, es ist keine gelungene Stand-by-me-Variante. Sie quält sich auf einen netten 99-Luftballons-Schlussgag zu, mit viel zu viel Technik und viel zu wenig menschlichen Regungen und Identifikationsmöglichkeiten für den Leser. Schrecklich (aber wohl nicht vermeidbar, wenn Teil eines Zyklus) ist, dass ich ständig den Eindruck hatte, den Plot eines Ami-Filmes zu lesen. Warum kann so eine Geschichte nicht in Deutschland spielen?


    Gruß, Klammer

    Und hier meine "Stand-by-me"-Variante, der Vollständigkeit halber. Wenn sie dich in diesem Ordner stört, Kassandra, dann lösche ich sie wieder.


    ---
    Kleine Veränderungen
    oder
    "Ein Flussspaziergang im Jahre 2035"


    Diese Geschichte hat mir Vitali erzählt. Es sei eine alte, sentimentale Geschichte, meinte er. Sie sei zwei desillusionierten Männern würdig, die larmoyant an einem ausgetrockneten Flusslauf spazieren gehen.


    Es war im Sommer vor einigen Jahren. Damals lastete die Hitze zwar schon schwer und staubtrocken auf der Stadt, aber man konnte noch ins Freie gehen, ohne größere Vorkehrungen treffen zu müssen.
    Vitalij verbrachte die meiste Zeit mit seinen Freunden unten am Fluss, nur dort waren die Tage noch zu ertragen. Die drei trafen sich am frühen Vormittag am Westufer der Staustufe. Das war nahe bei den Hochhäusern, die bereits mit Hitzeschlieren getüncht waren.
    Dort wohnte Stefan bei seinen Vätern. Obwohl er den kürzesten Weg hatte, mussten die anderen immer auf ihn warten. Das waren eben Vitalij und einer, den ich nicht kenne und dessen Namen ich vergessen habe. Ich werde ihn Burak nennen. Meist war Burak der erste, der, sein Rad in Griffweite abgestellt, auf die anderen wartend, die Füße ins Wasser hängen ließ. Seltener kam Vitalij zuerst. Er war nur dann vor Burak da, wenn er bereits am Morgen mit seiner Mutter Streit bekommen hatte.
    Zu dritt radelten sie dann weiter flussaufwärts. Sie hatten eine sehr unzugängliche Stelle zum Ziel. Es war ein Ort, an dem sie allein nackt sonnen und baden konnten. Burak hatte die Kiesbank vor ein paar Wochen durch einen Zufall entdeckt, als er nach einer verflogenen Frisbeescheibe forschte: Die schmale Landzunge im Fluss war nur durch einen engen Pfad in dichtem Gestrüpp und eine wagemutige Klettertour den Hang hinab zu erreichen. Vitalij war sich sicher, dass hier im Jahr zuvor noch keine Kiesbank war. Sie wäre ihm bei seinen Bootsausflügen aufgefallen. Also musste sie durch eine seltsame Laune des Flusses erst im Dauerregen des Winters aufgeschwemmt worden sein.
    Das Trio hatte niemandem von seinem Badeplatz erzählt, das war ein Geheimnis zwischen den Freunden. Auch wenn sie häufig abends mit Bekannten und Mädchen am Flussufer grillten, tranken oder Computer spielten, sie führten nie jemanden an diese Stelle. Ich wusste auch nichts davon, obwohl ich Vitalij häufig traf. Die Kiesbank war nur für die drei bestimmt, für die langen, heißen Nachmittage jenes Sommers. Trotz der Sunblocker wurde ihre Haut im Verlaufe der Ferienmonate dunkel, fast schwarz. Sie waren stolz auf diese nahtlose Bräune, auch wenn sie sie, außer sich gegenseitig, niemandem vorführen.
    Stefan und Vitalij redeten sehr viel, über viele Dinge, die sie bewegten. Sie hatten dazu die Zeit, wenn sie in der Sonne lagen und auf die geringe Abkühlung des Abends warteten, um dann zu einer spärlichen Vesper heimzukehren. Sie waren sehr ehrlich zueinander.
    Burak war schweigsam. Manchmal er hörte zu, meist las er allerdings in den dicken, seltsamen Büchern, die ihn interessieren. Wenn sie von der Sonne genug erhitzt waren, sprangen sie gemeinsam in den Fluss. Sie ließen sich in der starken Strömung ein Stück hinab treiben, um dann im spärlichen Schatten der vertrockneten Erlen über die klobigen Ufersteine wieder zu ihrem Badeplatz zurückzukehren. Manchmal lagen sie einfach nur da und lauschten den Vögeln, die in den Zweigen saßen und die Klingeltöne von Handys nachahmten.
    Diese Idylle konnte nicht ewig währen. An einem Sonntag, es war bereits Anfang September, warteten Burak und Vitalij vergeblich auf Stefan. Sie mussten schließlich allein zum Baden gehen. Vitalij bedauerte das um so mehr, da er mit Burak allein nicht viel anzufangen wusste. Zu zweit wurde ihnen schnell langweilig und sie trennten sich früher als sonst üblich. Am nächsten Tag ließ Stefan die beiden wieder vergeblich auf sich warten.
    Doch als sie zu der Kiesbank kamen, war er bereits dort. Er war nicht allein. Er hatte ein Mädchen mitgebracht; er küsste es demonstrativ, als er die anderen kommen sah. Burak übersah den Eindringling kommentarlos. Er ließ nur seine Badehose an, als er sich etwas abseits auf den Kies legte und nickend eines seiner Bücher hervorzog. Vitalij jedoch wurde wütend. Er fühlte sich betrogen und winkte Stefan zur Seite.
    "Warum hast du das getan?", fragte er scharf. "Diese Stelle sollte doch eine Sache zwischen uns dreien bleiben, unsere Zuflucht."
    Stefan zuckte mit den Schultern. Er schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. "Na und? Das ist jetzt anders. Sie ist meine Freundin. Ich nehme sie überall hin mit. Das ist nicht schlimm. Das hat sich eben geändert."
    "Ich will aber nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.", erwiderte Vitalij. Am meisten enttäuschte ihn, dass er das Stefan auch noch erklären musste. Der sah ihn zuerst stumm und erstaunt an, dann lachte er.
    "Das soll wohl ein Witz sein! Wir sind keine kleinen Kinder". Er begriff noch immer nicht, was genau Vitalij eigentlich wollte. Vitalij wusste keine Worte, keine Entgegnung mehr, die sinnvoll gewesen wären. Was blieb ihm also übrig? Er schlug dem Freund mit der flachen Hand ins Gesicht. Stefan taumelte überrascht rückwärts. Vitalij setzte nach, Stefan verteidigte sich, nun selbst voller Wut. Bevor Burak oder das Mädchen eingreifen konnten, rangen die beiden miteinander, lieferten sich ein verbissenes Handgemenge. Endlich rollten sie aneinander geklammert in das an dieser Stelle recht tiefe Wasser. Um nicht zusammen unterzugehen, mussten sie sich trennen. Vitalij ließ von Stefan ab und schwamm beleidigt davon.
    Als er zu Kiesbank zurückkehrte, fand er nur noch Burak vor. Stefan und seine Freundin waren längst gegangen. Eine Weile leckte Vitalij noch klagend seine Wunden. Burak ging nicht auf ihn ein, er starrte ohne zu lesen in sein Buch. Dann sagte er:
    "Niemand kann zweimal in den gleichen Fluss steigen."
    Es war das letzte Mal, dass Vitalij mit den beiden zusammen beim Baden war, auch zur Kiesbank ging er nie mehr. Von dem Tag an bis zum Beginn des neuen Schuljahres traf er sich mit uns anderen im Freibad.
    Natürlich hat er sich später mit Stefan versöhnt. Sie schwiegen den Vorfall tot. Vitalij musste sich daran gewöhnen, dass die Freundin, bis sie sich von Stefan trennte, immer dabei war. Mit Burak trafen sich weder er noch Stefan noch einmal. Es war ihnen beiden peinlich, wenn sie ihm durch Zufall einmal begegneten.
    So hat Vitalij mir diese Geschichte erzählt. Das sei eine alte, eine sentimentale Geschichte, meine er noch. Aber sie sei immer wieder neu.
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    19.April 2000
    Ort
    Waldsachsen
    Beiträge
    237
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Die Rakete

    Ja, Klammer, das ist eine gelungene Miniatur, die mit dem Satz


    "Ich will aber nicht, dass sich etwas ändert. Ich will, dass alles so bleibt, wie es ist.", erwiderte Vitalij.


    vielleicht etwas zu deutlich erklärt wird.


    Inwieweit die Beziehung zwischen den drei Protagonisten allerdings tiefer sein soll als die zwischen Martin und seinen Freunden, kann ich im Augenblick nicht sehen.


    Da mir ein relativ sachkundiger Leser jedoch (unaufgefordert) erklärt hat, daß er sich bei der Raketengeschichte an den Stand-by-me-Film erinnert fühle, mag ich Deine Kritik nicht annehmen. Natürlich ist die Beschreibung der "Federklauen-Methode" nicht gegeignet, den Leser zu Tränen zu rühren, aber sie gibt dem Projekt nun einmal den nötigen technischen Hintergrund.


    Im übrigen halte ich "Löwenzahnwein" nun wirklich nicht für den besten Roman Bradburys (das werden für mich immer die "Mars-Chroniken" bleiben).


    Der Handlungsort USA mißfällt niemanden mehr als mir (man muß unheimlich viel recherchieren), nur glaube ich nicht, daß die erste Mars-Landung von Deutschen realisiert wird. Auch wirken in Deutschland spielende SF-Geschichten stets etwas hausbacken und albern (was nicht heißen soll, daß "Martin Lundgrens Traum" ein SF-Roman werden soll).


    Gruß
    K.

  7. #7
    Resurrector Avatar von aerolith
    Registriert seit
    30.October 1998
    Ort
    Magdeburg
    Beiträge
    4.433
    Blog-Einträge
    35
    Renommee-Modifikator
    25

    AW: Die Rakete

    Zwei gute Geschichten. Die erste krankt an Geschwätzigkeit, ist aber gut konstruiert und omnipräsent, zudem Teil eines Zyklus'; also ist der Text hier nur als Ausschnitt zu verstehen, dessen semantische Leerstellen durchaus in anderen Texten gefüllt worden sein können. Das bitte ich zu bedenken.
    Die Klammer-Geschichte ist eine Miniatur? Mir hätte es gefallen, wenn das Mädchen auch zu Wort gekommen wäre.

    Zur Marserkundung: Es sollte jedem aufgefallen, daß, seitdem die Deutschen nicht mehr den "Supermächten" bei ihren Raumflügen zur Seite stehen, diese Raumflüge nicht mehr oder auf dem Niveau der 60er Jahre stattfinden. Wenn wir es wollten, würden wir zuerst zum Mars fliegen - und in Besitz nehmen. Aber solange die deutsche Wissenschaft am Gängelband der Politik hängt, werden wir nicht das für die Welt leisten können, wozu wir in der Lage wären.

    Musik zum Eingangstext


+ Antworten

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •