Der Honigsammler


War einst ein Honigsammler
In den Wäldern des Königs von Auenau.
Bis tief in die Mitten des Waldes mußt' er,
Rings um ihn war alles grau in grau.


Zu sammeln hatte er zweieinhalb Pfund
Vom besten Honig und Pollen.
"Wenn du versagst, wirst im Kerker du leiden!"
Sein König ihm drohte mit Grollen.


Der Sammler, da ihm sein Leben lieb,
Nicht lang an des Königs Hofe blieb.
Auf machte er sich, ging in des Herrschers Wald,
Zu dessen drei Eichen, wo er alsbald
Eine holde Jungfrau schlafend fand,
Ihr Haupt gelegt in ihre Hand.
Ihr Gesicht so lieblich, ihr gold'nes Haar so schön,
Das wollte der Sammler von Nahem seh'n.


Doch als er dann in raschem Lauf
Zueilte auf die große Eich',
Da schlug sie ihre Augen auf
Und erhob sich engelsgleich.


"Sammler, was ist dein Begehr?",
so sie sprach: "Was führt dich an diesen Ort?"
Ein Rauschen durchstriff das Blätterdach;
Die Jungfrau war wieder fort.


War sie wirklich aus Fleisch und Blut?
Ein Wesen, einem Engel gleich?
Oder war sie ein Bild der Sonne Glut,
Entsprungen einem phantast'gen Reich?


Der Sammler seufzte und nahm seinen Topf,
Ging tiefer in des Herrschers Wald hinein.
Er sammelte seinen Honig ein,
Doch die Jungfrau ging ihm nicht aus dem Kopf.


Noch lange der Honigsammler sann
Über diese Erscheinung nach.
Bis er schließlich, schon abends dann,
Erreichte des Königs Handelsgemach.


Dort im Schlosse ward das kostbare Gut
Auf Waagen gelegt und gewogen.
Doch halt! es fehlten zweihundert Gramm!
So ward der König betrogen?!


"Honigsammler, wie kannst du es wagen?"
der König nun drohte ganz scharf.
"Ab in den Kerker!" hört' man ihn sagen
Und sogleich man den Sammler da dorthinein warf.


Der dunkle Kerker, ein so düst'rer Ort,
Machte dem Sammler ängstlich und bange.
Er wünschte sich nur noch ganz weit fort
und lehnte an die Wand die Wange.


Da! Schattengleich erschien sie vor ihm,
Die Jungfrau mit dem güld'nen Gewand.
Ihr Gang so hold, gleich einer Glorien;
Ein silbernes Fläschchen sie barg in der Hand.


Vertrauensvoll gab er sich hin,
Er wußte, was er tat.
Mit einem Lächeln im Gesicht
Gab sie ihm einen Todestrunk;
Das Lebensend' sehr bald
mit sanfter Hand ihm wunk.