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Thema: Die Herrin der Masken

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Die Herrin der Masken

    Eine neue Martin-Lundgren-Geschichte, an der ich schon einige Wochen laboriere. Ist vielleicht noch nicht ganz stimmig, da gerade erst "fertiggeworden".

    Die Herrin der Masken

    "Der Rummel ist da!" riefen die Kinder und stoben jubelnd davon.
    An liebsten wäre ihnen Martin nachgelaufen - wie früher, als sie Stunden damit verbracht hatten, den tätowierten Männern beim Aufbau der Zelte und Fuhrgeschäfte zuzusehen.
    Wie lange war das eigentlich her?
    Martin wußte es nicht genau, es hatte schon lange keinen Rummelplatz mehr in der Stadt gegeben. Das hatte wohl mit den Anschlägen zu tun und dem Mißtrauen, das die Leute allem Fremden entgegenbrachten ...
    Das war auch der Grund für Martins Skepsis gewesen, als er heute morgen die bunten Papptafeln gesehen hatte, die die Schausteller über Nacht aufgestellt hatten: MERLIN & ROGERS - DER BERÜHMTESTE RUMMELPLATZ NEU-ENGLANDS - NUR EINE WOCHE!
    Dennoch kostete es ihn wenig Mühe, seine Freunde - den Professor, Pete Sterling und Ronny O'Neill, zu überreden - nach dem Unterricht mit ihm hinaus zum Festplatz zu fahren, um der Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Zwei Stunden später war es dann endlich soweit, und tatsächlich: Da standen sie, die bunten Wohnwagen, die riesigen alten Sattelschlepper und die Verkaufstände mit ihren marktschreierischen Aufschriften: "Lady Catanga's Zauberamulette", "Farmer's beste Grill-Spezialitäten" und "Little Las Vegas - Das Große Glücksrad".
    Alles war wie früher, und für einen Augenblick hatte Martin das schwindelig machende Gefühl, als sei die Zeit stehengeblieben. Gleich würde er nach Hause radeln, die Neuigkeit verkünden und Dad um ein paar Scheine anpumpen ...
    Martin zuckte zusammen, als ihn Pete anstieß und grinsend auf eines der bunten Schilder deutete. "Club Playboy" stand dort geschrieben, und die Bilder ließen vermuten, daß die zu erwartenden Darbietungen alles andere als jugendfrei sein würden.
    "Na und?" konterte Martin mit der Gelassenheit des Kenners. "So alt wie der Wagen aussieht, machen die das schon seit dreißig Jahren mit dem gleichen Personal - oder sie spielen überhaupt nur Videos ab ..."
    "Außerdem lassen die uns da gar nicht rein", ergänzte Ronny bedauernd, und damit war das Thema erledigt.
    "Treffen wir uns heute abend?" Pete schien es gar nicht erwarten zu können, sich in den Trubel zu stürzen.
    "Klar, was denn sonst!" Ronny nickte eifrig, und selbst Jeff, der sonst um keine Ausrede verlegen war, ließ sich zu einem zustimmenden Murmeln herab.
    "Und du, Marty?"
    "Ich bin dabei", bestätigte Martin, obwohl ihm gerade eine Idee gekommen war, die das bevorstehende Ereignis in einem völlig anderen Licht erscheinen ließ. Aber warum sollte er die Freunde vor den Kopf stoßen ...
    So verabredeten sie sich für den Abend und radelten dann im Eiltempo zurück zum Schulgebäude, um den Beginn der Nachmittagskurse nicht zu verpassen.
    Obwohl der Astronomie eigentlich Martins Lieblingsfach war, konnte er sich nicht erinnern, jemals so sehnsüchtig auf das Ende eines freiwilligen Kurses gewartet zu haben wie heute nachmittag. Voller Ungeduld rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und sah dabei immer wieder zur Uhr, bis Dr. Balmer, der Leiter der Schulsternwarte, nach endlosen neunzig Minuten schließlich zum Ende kam. Der alte Mann hatte sich noch nicht einmal richtig verabschiedet, da stürmte Martin schon aus dem Zimmer, um als erster bei den Schließfächern zu sein. Nachdem er seine Habseligkeiten verstaut hatte, lief er weiter zur Cafeteria, um Anna dort abzupassen. Mittlerweile kannte er ihre Gewohnheiten und war beinahe sicher, daß sie noch auf einen Capuccino hereinkommen würde.
    Martin liebte Anna.
    Er liebte sie mit der ganzen Hingabe eines fünfzehnjährigen Jungen, der dieses Gefühl zum ersten Mal erlebte. Er liebte ihre Augen, ihr Haar und die Art, in der sie sich bewegte. Er mochte den Klang ihrer Stimme und den skeptischen Ausdruck auf ihrem Gesicht, wenn jemand in ihrer Anwesenheit allzu dick auftrug. Martin bewunderte sogar Annas Kleider, obwohl er nichts von Mode verstand und auch nicht hätte sagen können, was denn daran so großartig war.
    In den wenigen Kursen, die sie gemeinsam belegten, starrte er manchmal minutenlang zu ihr hinüber und wartete mit banger Ungeduld darauf, daß sich ihre Blicke begegneten. Hin und wieder lächelte das Mädchen ihm zu, und dann spürte Martin, wie sein Herz einen kleinen Sprung machte und ihm die Hitze in die Wangen schoß. Viel mehr brauchte es nicht, um ihn in seiner schüchternen Liebe zu bestätigen.
    Dennoch hatte er bis jetzt noch nicht den Mut aufgebracht, Anna direkt anzusprechen. Das Risiko, abgelehnt oder gar ausgelacht zu werden, erschien ihm zu hoch. Was, wenn sie überhaupt nichts von ihm wissen wollte und ihm nur aus Höflichkeit zugelächelt hatte?
    Martin war Realist genug, um seine Wirkung auf das andere Geschlecht nicht zu überschätzen. Er war nicht der Typ, der automatisch Aufmerksamkeit erregte, dafür verhielt er sich einfach zu unauffällig, ganz abgesehen davon, daß für einen Freshman im ersten Highschooljahr die Bäume ohnehin nicht in den Himmel wuchsen.
    Die Erinnerung an ihr Raketenexperiment war längst verblaßt, wahrscheinlich wußten die meisten seiner Mitschüler nicht einmal, daß Martin damals dabei gewesen war.
    Was also sollte ein so gutaussehendes Mädchen wie Anna Santini veranlassen, mit ihm auszugehen?
    Martin wußte es nicht, aber aus irgendeinem Grund war er der Auffassung, daß eine Chance wie das bevorstehende Volksfest nicht wiederkehren würde. Deshalb nahm er all seinen Mut zusammen und harrte in der Cafeteria aus, bis das Mädchen endlich auftauchte.
    Er hatte Glück, denn Anna kam allein, ohne den kichernden Pulk von Freundinnen, der sie üblicherweise begleitete. Vielleicht lag es daran, daß heute Freitag war, und die meisten es kaum erwarten konnten, das Schulgelände zu verlassen. Martin war es recht, er hätte ohnehin nicht gewußt, wie er sie im Beisein der anderen hätte ansprechen sollen. So wartete er, bis das Mädchen bezahlt und sich einen Platz gesucht hatte, während er in Gedanken fieberhaft nach einer passenden Gesprächseröffnung suchte.
    Das Ergebnis war alles andere als originell.
    "Hallo, Anna!"
    "Hi, Martin!"
    Wieder dieses fragende Lächeln, das er nicht einordnen konnte. Freute sie sich tatsächlich, ihn zu sehen? Noch konnte er ihr rasch ein schönes Wochenende wünschen und weitergehen, und nichts wäre verloren. Aber gewonnen auch nichts, und außerdem stand er jetzt schon viel zu lange an ihrem Tisch ... wie ein Kellner, der auf eine Bestellung wartet, dachte Martin und wurde rot.
    "Ich wollte dich fragen ...", stammelte er unglücklich.
    "Ja?"
    Die Unterbrechung brachte Martin völlig aus dem Konzept Am liebsten hätte er sich auf dem Absatz umgedreht und wäre davongelaufen, aber dafür war es bereits zu spät. Jetzt mußte er es zu Ende bringen, auch wenn er sich damit vielleicht vollends zum Narren machte.
    "Na ja ... am Wochenende ist doch Jahrmarkt ...und da wollte ich ...", Martin räusperte sich und versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken. Er wußte, daß sich sein Lächeln längst in ein hilfloses Grinsen verwandelt hatte, daß seine Ohren feuerrot waren und daß er dastand wie ein Drittkläßler, der seine Schulbücher zu Hause vergessen hat. Ängstlich suchte er im Gesicht des Mädchens nach Anzeichen von Belustigung, doch Anna blieb vollkommen ernst.
    "Mich einladen?" erkundigte sie sich, als hätte sie nichts anderes erwartet.
    Martin fiel ein Stein vom Herzen.
    Er nickte zustimmend, und plötzlich gehorchten seine Stimmbänder auch wieder, als er hinzufügte: "Heute abend vielleicht?"
    "Nein, heute abend kann ich nicht weg", das Bedauern in der Stimme des Mädchens klang aufrichtig. "Mein Onkel feiert seinen Fünfzigsten, und da zählt nur Kindbett oder rechtzeitiges Ableben als Entschuldigung. - Willst du dich nicht setzen?"
    "Klar, danke." Ein wenig umständlich rückte Martin einen Stuhl zurück und nahm Platz. "Schade, und wie wär's mit morgen?" Samstagsabend. Die Frage kam ihm selbst ein wenig vermessen vor, aber er wollte sich nicht später vorwerfen, es nicht wenigstens versucht zu haben. Im Grunde hatte er schon jetzt mehr erreicht, als er noch heute morgen zu träumen gewagt hätte. Er saß mit Anna Santini in der Cafeteria, und sie hatte ernsthaft vor, mit ihm auszugehen! Heute war sein Glückstag, daran würden auch ein Dutzend Familienfeiern im Hause Santini nichts ändern. Irgendwann würde sie Zeit für ihn haben; er würde warten.
    "Nicht am Wochenende, wenn die gesamte Verwandtschaft bei uns herumsitzt", wehrte Anna lächelnd ab. Martins Ungeduld schien sie zu amüsieren. "Vielleicht irgendwann nächste Woche?"
    "Versprochen?"
    "Versprochen!" bestätigte das Mädchen mit einem verschwörerischen Augenzwinkern und schlug in Martins ausgestreckte Hand ein.
    "Okay, ich hol dich ab!" rief der Junge überglücklich, und dabei blieb es, auch wenn Anna sein ritterliches Angebot, sie nach Hause zu bringen, ausschlug. Aber das wäre dann wohl auch zuviel des Guten gewesen ...

    ***

    Als sich die vier Jungen um viertel vor sieben an der alten Dampferanlegestelle trafen, lag ein Hauch von Abschiedsstimmung über der Landschaft. Vielleicht war es der Widerschein des Sonnenuntergangs, der sich wie eine Haut aus glühendem Kupfer über den Fluß gelegt hatte, oder der kalte Wind, der von den Wäldern des Vorgebirges hinabwehte, die dieses Gefühl beinahe übermächtig werden ließen.
    Es ist das letzte Mal, dachte Martin, als die bunten Lichter vor ihnen auftauchten, und dieser Gedanke hatte nichts mit Anna und ihrem Rendezvous zu tun.
    Dann aber zerstreuten die Musik der Drehorgeln, die Rufe der Marktschreier und die stampfenden Rhythmen aus den Lautsprecherboxen beinahe mühelos seine trüben Gedanken und füllten sein Herz mit Staunen und Vorfreude.
    Mit leuchtenden Augen tauchten die Jungen in die Menge ein und ließen sich von einer Attraktion zur nächsten treiben.
    Schlagartig waren sie wieder acht oder zehn Jahre alt - so lange war es wohl her, daß sie nicht mehr auf einem Rummelplatz gewesen waren -, und nichts hatte sich verändert.
    "Platz da!" riefen sie übermütig beim Auto-Skooter, und rammten jeden entgegenkommenden Wagen unbarmherzig gegen die Bande.
    In wilden Schwüngen jagten sie die Gondeln der Kahnschaukel zum Überschlag und genossen den kurzen Augenblick der Schwerelosigkeit, bevor sie in sausender Fahrt Anlauf für die nächste Umdrehung nahmen.
    Mit dem abgeklärten Lächeln erfahrener Astronauten schnallten sie sich in den Pilotensitzen des Spaceshuttles fest und verzogen keine Miene, als die wild gewordene Mechanik des Simulators sie mit immer aberwitzigeren Brems- und Beschleunigungsmanövern umherschleuderte.
    Sie stopften ihre Mägen mit Bergen von Pfannkuchen und Pommes frites voll, die nirgendwo so frisch und knusprig schmeckten wie auf einem Rummelplatz, und schütteten literweise eiskalte Milchshakes hinterher.
    Irgendwann ließen sie es dann ruhiger angehen und schlenderten mit erhitzten Gesichtern über den Festplatz, noch immer auf der Suche nach einer lohnenden Herausforderung, aber ohne den Zwang, sich oder den anderen etwas beweisen zu müssen.
    Mit kritischen Blicken musterten sie die Angebote der Glücksspielgeschäfte, bewunderten oder belächelten die Künste der Schützen, die mit .22er Gewehren auf Ziele schossen, die man aus der kurzen Entfernung eigentlich kaum verfehlen konnte, und spotteten über die würfelspieler, die vergeblich auf den ganz großen Wurf warteten. Der Professor bewies an Hand einer Formel, die keiner der anderen verstand, daß die Wahrscheinlichkeit für fünf Sechsen ungleich geringer war als die für andere Konstellationen, zum Beispiel eine Große Straße. Derlei Kenntnisse schienen den Spielern jedoch abzugehen. Sie setzten unverdrossen Dollar um Dollar, um endlich den Hauptpreis abzuräumen - einen zugegebenermaßen prächtigen Plüsch-Goofy, der nicht nur die Stimme des Originals, sondern auch die von Bruce Willis zu imitieren vermochte.
    Als der entscheidende Gewinn weiterhin ausblieb, gingen die Jungen weiter und ließen das lärmende Zentrum des Platzes allmählich hinter sich. Hier, abseits der großen Fuhrgeschäfte, hatten die Kellerkinder des Schaustellergewerbes ihre Stände aufgeschlagen: Schmuckhändler, die "echt silberne" Ohrringe und Haarspangen anboten, Glasbläser, die über blauen Gasflammen Weihnachtskugeln formten und Zigeunerinnen, die auf weißen Plastikstühlen Beschwörungen murmelten und auf Käufer für ihre magischen Amulette und Voodoopuppen "Made in Taiwan" warteten.
    Das Interesse des Publikums entsprach dem bescheidenen Angebot, und so hatten sich die Jungen schon beinahe zur Umkehr entschlossen, als Martin plötzlich wie vom Donner gerührt stehenblieb.
    "Seid mal still!" flüsterte er aufgeregt und deutete nach vorn in Richtung einiger spärlich beleuchteter Wagen. "Hört ihr das auch?"
    "Nee, was denn?" erkundigte sich Ronny nach einer Weile kopfschüttelnd. "Spinnst du?"
    "Klingt wie Kirchenmusik", murmelte der Professor, der offenbar über ein feineres Gehör verfügte als die beiden anderen. "Meinst du das?"
    Martin antwortete nicht. Ihm war plötzlich klargeworden, wo er diese seltsamen, beinahe schwebenden Akkorde schon einmal gehört hatte. Ohne sich noch einmal umzusehen, lief er in die Richtung, aus der er die Musik gehört hatte.
    "Der spinnt!" wiederholte Ronny O'Neill überzeugt und tippte sich vielsagend an die Stirn.
    "Nee, ich hab' auch was gehört", widersprach der Professor, "aber es war gleich wieder weg."
    "Sollten wir nicht hinterher?" drängte Pete, "das Pfund", dem die ganze Sache allmählich unheimlich vorkam.
    Martin lief jetzt schon zwei Dutzend Schritte vor ihnen. Offenbar steuerte er direkt auf einen der bunten Wagen zu, dessen Vorderfront von einem Scheinwerfer mit gelbem Licht angestrahlt wurde.
    "DIE HERRIN DER MASKEN", stand in goldenen Lettern auf einem Schild, dessen Untergrund wie roter Samt schimmerte und darunter, etwas kleiner: "LIEST IHRE ZUKUNFT!"
    Aber das war nicht das Ungewöhnliche, schließlich gehörten Wahrsagerinnen genauso zu einem Rummelplatz wie das große Riesenrad oder die Geisterbahn.
    Was die drei Jungen irritierte, war der Umstand, daß der bunte Wagen weder Türen noch Fenster zu besitzen schien. Fast die gesamte Vorderfront wurde von der großformatigen Darstellung einer Phantasielandschaft eingenommen - einer prunkvollen Stadt am Ufer eines breiten, dunklen Flusses.
    Die Häuser, Türme und Paläste reflektierten das Licht, als bestünden sie aus Glas oder Kristall. Einige wiesen eine dunklere Färbung - wie Bernstein - auf und waren so angeordnet, daß der Eindruck eines riesigen Gesichtes entstand. Eines Gesichts oder der einer Maske aus schimmerndem Glas ...
    Dennoch mangelte es der Darstellung nicht an Details. Obwohl der Fluß dunkel, beinahe schwarz dargestellt war, konnte man erkennen, daß ein Boot am Kai angelegt hatte. Im Heck der Barke brannte ein Feuer und beleuchtete die Gestalt des Fährmanns - eines schlanken, in dunkles Tuch gehüllten Mannes, der eine Maske trug und dem Betrachter aus schwarzen Augenschlitzen entgegenstarrte.
    Der Eindruck, den das Bild beim Betrachter hervorrief, war zwiespältig: Einerseits Staunen über die erhabene Schönheit und die filigranen Strukturen der gläsernen Stadt, deren Gebäude von innen heraus zu leuchten schienen, auf der anderen Seite das Gefühl einer unbestimmten Bedrohung angesichts des schwarzen Flusses und der düsteren Gestalt des Fährmanns. Unter dem Eindruck dieser Symbole löste das Versprechen "... LIEST IHRE ZUKUNFT" eher Unbehagen aus.
    Doch den drei Jungen blieb keine Zeit für weitere Betrachtungen, denn in diesem Moment hatte ihr Freund den Wagen erreicht. Plötzlich verschwand ein Teil des Bildes in einer dunklen Öffnung, in die Martin ohne zu zögern eintrat. Unmittelbar danach schloß sich die geheimnisvolle Zugang wieder wie das Maul eines riesigen Ungeheuers, das seine Beute verschlungen hat.
    Einen Augenblick lang standen die drei starr vor Schreck, bevor sie sich ein Herz faßten und losliefen. Eine Zeitlang war nur ihr keuchender Atem und das Knirschen der Schritte auf dem Schotter zu hören, dann tauchten sie in den Lichtkegel des Scheinwerfers ein.
    Verwirrt und ein wenig beschämt starrten sie auf das rot schimmernde Display über dem Geldeinwurf, das nur ein einziges Wort anzeigte: "BELEGT".
    Die Erläuterung fand sich auf einem unscheinbaren Plexiglasschild darunter:

    * DIE ZUKUNFT AUS ERSTER HAND!*
    Maria Lalandes exklusiver Handlese-Service
    EINTRITT: 10,00 $
    Bitte keine Geldscheine bei laufender Sitzung einlegen (Anzeige: "BELEGT")
    Achtung! Tür öffnet und schließt automatisch!

    "Ach du Scheiße, 'ne Automatiktür!" sprudelte Pete aufgeregt hervor, "Mann, hab' ich einen Schreck bekommen ..."
    "Zehn Scheine für so 'nen Blödsinn!" ereiferte sich Ronny O'Neill, dem man seine Erleichterung dennoch deutlich ansah. "Marty muß nicht mehr alle Tassen im Schrank haben."
    "Er hat nicht bezahlt", widersprach der Professor, "er ist nicht einmal stehengeblieben."
    "Und wie ist er dann reingekommen?"
    Jeff zuckte mit den Schultern. Vorsichtig fuhr er mit den Fingern über den schmalen, kaum sichtbaren Spalt zwischen Tür und Wagen, als könne er auf diese Weise etwas über den Öffnungsmechanismus herausfinden.
    "Irgendwas stimmt nicht", murmelte er dann, wobei unklar blieb, ob er die Tür meinte oder das merkwürdige Verhalten ihres Freundes. "Es muß eine andere Erklärung geben ..."
    "Warum warten wir nicht einfach, bis Marty wieder rauskommt?" schlug Ronny vor. "Dann wird er uns schon erzählen, was los war."
    "Klasse Idee", bemerkte der Professor trocken, "wenn er wieder rauskommt ..."
    "Nun mach aber mal halblang!" beschwerte sich Pete, der die Diskussion mit zunehmendem Unbehagen verfolgt hatte. "Bis jetzt wissen wir doch nur, daß Martin vorausgelaufen ist, weil ihn irgendwas an dieser komischen Bude interessiert hat. Ist doch seine Sache, wenn er sein Geld unbedingt zum Fenster rauswerfen will."
    "Das ist keine gewöhnliche Jahrmarktsbude", beharrte der Professor, ohne auf Petes Einwand einzugehen. "Zuerst diese merkwürdige Musik - Seht ihr hier irgendwo Lautsprecher?"
    "Ich hab' keine Musik gehört", widersprach Pete. Allmählich ging ihm die Rechthaberei des Professors auf die Nerven.
    "Ich auch nicht", pflichtete ihm Ronny bei. "Vielleicht hast du dir das wirklich nur eingebildet, Jeff."
    "Okay, okay. Dann habe ich mir vielleicht auch nur eingebildet, wie komisch sich Marty auf einmal benommen hat? Ich sag euch was: Der ist auf dieses Ding zugelaufen wie ein Mondsüchtiger!"
    Die Art, wie der Professor "dieses Ding" ausgesprochen hatte, gefiel Pete ebensowenig wie Ronnys zustimmendes Nicken.
    "Jetzt ist er jedenfalls drin!" versetzte er und versuchte seiner Stimme einen sarkastischen Unterton zu verleihen. "Und was willst du dagegen machen? Die Polizei holen oder die Nationalgarde? Entschuldigen Sie, aber ein Freund von uns wurde gerade von einer Wahrsagerin gekidnappt ..." Trotzig stemmte er seine Hände in die Hüften und starrte den Größeren herausfordernd an.
    "Reg dich ab, Pete", versuchte Ronny zu schlichten. "Wir können sowieso nur abwarte, bis Marty wieder rauskommt. Er kann ja nicht ewig da drinbleiben."
    "Okay", murmelte Pete besänftigt.
    "Okay", stimmte der Professor widerstrebend zu. "Obwohl ..." Den Rest des Satzes behielt er klugerweise für sich.
    Als sich die Tür schließlich öffnete, stellte sich heraus, daß jeder der drei Jungen auf seine Weise rechtbehalten hatte: Martin kam wieder heraus; es gab keinen Anlaß, die Polizei zu rufen, und der bunt bemalte Wagen war ganz gewiß keine gewöhnliche Jahrmarktsbude ...

    ***

    Als sich das dunkle Tür-Maul endlich öffnete und seine Beute ausspie, vermochte Martin keine der drängenden Fragen seiner Freunde zu beantworten. Er erinnerte sich weder an die Wahrsagerin noch daran, wie er in den Wagen gelangt war.
    Die Musik hatte ihn in einen Zustand versetzt, in dem die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwammen. Dabei hatte es nur weniger Töne bedurft, der zarten Andeutung eines Themas, um diese Reaktion auszulösen. Obwohl seine Freunde Stein und Bein schworen, daß sie wenig oder überhaupt nichts gehört hatten, war er sicher, daß die Musik mit jedem Schritt lauter geworden war, bis er den bunt bemalten Wagen erreicht hatte.
    Erst nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, war sie plötzlich verstummt. Im gleichen Augenblick verschwand auch die Vision der gläsernen Stadt, die ihn die ganze Zeit über begleitet hatte.
    Verwirrt wie jemand, der eben aus einem Traum erwacht ist, versuchte sich Martin über seine Lage klarzuwerden. Dennoch dauerte es einige Sekunden bis sich seine Augen soweit an das Halbdunkel gewöhnt hatten, daß er sich orientieren konnte. Er befand sich in einem langen, schmalen Raum, der auf der rechten Seite von einigen Kerzen notdürftig erhellt wurde.
    "Hallo, junger Mann", sagte eine weibliche Stimme. "Nimm Platz. Ich habe schon auf dich gewartet."
    Erschrocken starrte Martin in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und erkannte schließlich die Umrisse einer sitzenden Gestalt. Die Frau - der Stimme nach mußte es eine Frau sein - saß mit gesenktem Kopf vor einem kleinen Tisch und schien in tiefes Nachdenken versunken. Ihr schwarzes, von grauen Strähnen durchzogenes Haar verbarg das Gesicht beinahe vollständig. Etwas stimmt nicht mit ihr, dachte Martin beklommen, während er nähertrat und vergeblich auf eine Bewegung - ein Hochziehen der Augenbrauen, ein Stirnrunzeln oder auch nur einen Wimpernschlag - wartete.
    Doch erst als die Frau den Kopf hob, und das Licht auf ihr Gesicht fiel, wurde ihm klar, daß sie eine Maske trug. Doch es war keine jener vergleichsweise primitiven Metallmasken, die ihm aus seinen Träumen vertraut waren. Diese hier schimmerte weiß wie Porzellan, und sie trug eindeutig menschliche Züge.
    "Nun setz dich schon. Oder möchtest du, daß wir uns im Stehen weiter unterhalten?" lächelte das Porzellangesicht, das Martin - vielleicht wegen des Schnittes der Augen - an eine chinesische Prinzessin erinnerte. Es war eine wertvolle Maske, dessen war er sich beinahe sicher, obwohl er nichts von diesen Dingen verstand. Wahrscheinlich war das Mädchen, das dem Künstler Modell gestanden hatte, schon seit Jahrhunderten tot, und dieses sanfte, fast verlegene Lächeln war alles, was von ihm geblieben war ...
    Obwohl ihm die Vorstellung unangenehm war, entschloß sich Martin, das Angebot anzunehmen und ließ sich vorsichtig auf den Lederpolstern des ihm zugedachten Sessels nieder.
    "Danke", erwiderte er höflich, während er sich unauffällig weiter umsah, "können Sie mir sagen, wo ich hier bin?"
    Das gesamte Mobiliar des Raumes bestand aus zwei Sesseln und einem runden Holztisch. Die einzige Lichtquelle waren die Kerzen auf einem dreiarmigen Leuchter. Ihr Licht spiegelte sich auf dem polierten Holz und beleuchtete Intarsien, die auf kunstvolle Weise in die Tischplatte eingearbeitet waren. Es waren Masken, und nicht eine davon ähnelte der anderen. Das gleiche Motiv war auf den roten Samtvorhängen und dem schweren Perserteppich zu erkennen.
    "Das ist im Grunde ohne Belang", erwiderte die Porzellanprinzessin nachsichtig. "Die richtige Frage müßte lauten: Wo werde ich sein? In zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren? Das möchtest du doch wissen, oder?"
    Möchte ich das wirklich? fragte sich Martin, dem allmählich dämmerte, daß er es mit einer Wahrsagerin zu tun hatte. Die Erinnerung kehrte nur bruchstückhaft zurück, und er hatte noch immer keine Vorstellung, wie er an diesen seltsamen Ort gelangt war.
    "Und wo werde ich sein?" erkundigte er sich schließlich schulterzuckend.
    "Das steht in deiner Hand geschrieben", erwiderte die Maske. "Doch ich muß dich warnen: Du könntest Dinge erfahren, die unangenehm sind."
    "Sie wollen mir aus der Hand lesen?" erkundigte sich Martin skeptisch. Immerhin war er fünfzehn Jahre alt und alles andere als leichtgläubig.
    "Was sonst? Deshalb bist du doch hier." Die Maskenfrau schien sich ihrer Sache sicher zu sein.
    Martin schwieg. In seiner Erinnerung war ein Bild aufgetaucht, ein goldglänzender Schriftzug auf rotem Untergrund: DIE HERRIN DER MASKEN LIEST IHRE ZUKUNFT ...
    Eine Jahrmarktsbude! Das mußte es sein. Aber war er tatsächlich hergekommen, um sich aus der Hand lesen zu lassen? Auch wenn er nach wie vor Zweifel hegte, hatten ihn die Worte der Wahrsagerin nachdenklich gemacht. Was, wenn sie tatsächlich in der Lage war, aus den Linien seiner Hand die Zukunft vorauszusagen? Vielleicht gab es sie wirklich, die Lebenslinie und all die anderen Schicksalslinien, die nur der Eingeweihte zu deuten wußte ...
    "Hast du etwa Angst?"
    "Angst?" Martin verzog die Lippen zu einem ungläubigen Lächeln. "Wovor?"
    Die Maske lächelte stumm.
    Im gleichen Augenblick begriff Martin, daß er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte sich nicht provozieren lassen dürfen. Jetzt konnte er nicht mehr zurück.
    Entschlossen richtete er sich auf und legte seinen rechten Arm mit der Handfläche nach oben auf den Tisch: "Bitte."
    "Also gut", murmelte die Maskenfrau und griff nach seinem Handgelenk. "Mut ist eines der zahlreichen Privilegien der Jugend."
    Ihre Haut war warm und fühlte sich an wie trockenes Leder. Die Frau mußte weitaus älter sein, als Martin zunächst angenommen hatte. Dennoch verrieten ihre Bewegungen keinerlei Unsicherheit. Wider Willen fasziniert beobachtete Martin, wie sich die ausgestreckten Finger ihrer Rechten seiner Handfläche näherten, ohne sie zunächst zu berühren. Er hatte erwartet, daß sich die alte Frau nach vorn beugen würde, um besser zu sehen, aber ihre Haltung blieb unverändert.
    Doch erst als ihre Fingerkuppen über seine Handfläche glitten und sie Zoll für Zoll abtasteten, begriff er, daß die Maskenfrau nicht mit den Augen sah.
    Sie ist blind!
    "Es muß dir nicht unangenehm sein", versetzte die alte Frau gelassen. "Es gibt viele Arten der Blindheit, und das Fehlen des Augenlichts ist bei weitem nicht die schlimmste."
    Sie kann Gedanken lesen! Am liebsten wäre Martin aufgesprungen und davongerannt. Aber wohin? Und war es nicht lächerlich, sich vor einer blinden, alten Frau zu fürchten?
    Bemüht, seine Unsicherheit zu verbergen lehnte er sich zurück und wartete auf das Ende der Prozedur.
    Es kam schneller als erwartet.
    Einen Augenblick lang verharrten die Fingerspitzen der Wahrsagerin auf der Stelle, dann löste sich plötzlich der Griff um Martins Handgelenk.
    Beunruhigt zog Martin seine Hand zurück und betrachtete stirnrunzelnd das Areal, das die Maskenfrau zuletzt berührt hatte. Es war nichts Auffälliges zu sehen.
    "Ich will dir die Wahrheit sagen, Junge", erklärte die alte Frau nach kurzem Zögern, "obwohl du mir vermutlich nicht glauben wirst."
    Martin blieb jedoch keine Zeit, über ihre Worte nachzudenken. Erschrocken starrte er auf ihr Gesicht, das sich auf unheimliche Weise verändert hatte.
    Es war eine neue Maske, das wurde ihm einen Augenblick später klar, die das Gesicht der Wahrsagerin in eine weiße und eine schwarze Hälfte teilte. Davon ausgenommen waren nur die Lippen des traurigen Mundes, die blutrot, wie frisch geschminkt, glänzten. Doch das Gespenstischste waren die Augen: schräg angesetzte ovale Löcher, hinter denen nichts zu erkennen war. Es fiel Martin schwer, sich ein Gesicht hinter dieser Maske vorzustellen, auch wenn der Eindruck der dunklen Augenhöhlen möglicherweise nur auf der Wirkung von Licht und Schatten beruhte. Was ihn allerdings noch mehr irritierte, war der Umstand, daß er den Wechsel der Masken nicht bemerkt hatte.
    Wie war so etwas möglich?
    "Wer die Nacht kennt, muß den Tag nicht fürchten", erklärte die Maskenfrau eindringlich. Es klang wie eine Beschwörung. "Das solltest du niemals vergessen."
    "Warum?" erkundigte sich Martin, der seinen Blick nicht von der unheimlichen Maske abwenden konnte, die ihn mit einer Mischung von Mitgefühl und spöttischer Überlegenheit zu mustern schien.
    "Weil es Tage geben wird, an denen dir das Licht sehr fern erscheinen wird", entgegnete die alte Frau.
    Was meint sie damit? fragte sich Martin, den ein ungutes Gefühl beschlich. Was auch immer die Wahrsagerin damit andeuten wollte, es war bestimmt etwas Unangenehmes ...
    "Du wirst drei Meere durchqueren", fuhr die Stimme fort. "Sie werden Spuren hinterlassen und dich auf die Prüfung vorbereiten."
    "Welche Prüfung?"
    "Auf die Prüfung, mein Junge", erwiderte die Maskenfrau mit sorgfältiger Betonung. "Du wirst dich ihr stellen, wenn du die alte Welt erreicht hast."
    Wovon redet sie überhaupt? dachte Martin verwirrt. Welche alte Welt?
    "Ich verstehe nicht", sagte er schließlich, als das Schweigen drückend wurde.
    "Ich weiß“, versetzte die alte Frau. "Aber du solltest begreifen, daß es keine Zufälle gibt. Die Ereignisse folgen einem bestimmten Muster. Es ist ein kompliziertes Muster und manchmal kaum zu erkennen, nicht nur für einen Jungen wie dich. Aber es ist immer vorhanden."
    "Und was bedeuten die drei Meere?"
    Die Wahrsagerin antwortete nicht sofort. Einen Augenblick lang schien es Martin, als habe die Maske ihren Ausdruck geändert, aber das war unmöglich. Sicher lag es nur an dem unruhigen Licht, daß der rot geschminkte Clownsmund jetzt noch trauriger aussah.
    "Schmerz, Zorn und Dunkelheit." Die Worte fielen wie Steine in den halbdunklen Raum. Ein kühler Luftzug streifte den Nacken des Jungen und ließ ihn frösteln.
    Ich hätte nicht fragen dürfen, dachte er und biß sich auf die Lippen.
    "Nein, Junge", widersprach die Stimme. "Es ist gut, daß du gefragt hast. Auch wenn dein Wissen zunächst keinen Einfluß auf die Geschehnisse haben wird. Aber eines Tages wirst du dich erinnern und danach handeln."
    "Aber bis jetzt weiß ich doch gar nichts!" wandte Martin ein.
    "Schmerz bedeutet, daß man dir wehtun wird", erklärte die Maskenfrau ernst. "Du wirst Menschen verlieren, die du liebst. Manche für immer ..."
    Dad! war alles, was Martin denken konnte. Er wird sterben.
    " ... und andere für sehr lange Zeit", fuhr die Stimme fort, aber der Junge hörte sie nicht mehr. Er stand neben seiner Mutter auf einem der endlosen Gänge des Martin-Reed-Krankenhauses und starrte durch ein Fenster in ein kleines, mit Apparaten vollgestopftes Zimmer. Sein Vater lag in einem Sauerstoffzelt und schien zu schlafen. Durch die Folie konnte Martin die Schläuche und Kabel erkennen, die Dads Körper mit den Maschinen verbanden. Sein Gesicht war eine wachsfarbene Maske der Erschöpfung, die Lippen kaum mehr als ein schmaler Strich. Obwohl der Junge ängstlich auf ein Lebenszeichen gewartet hatte, fuhr er zusammen, als sein Vater plötzlich den Kopf zur Seite drehte und die Augen öffnete ...
    Die Vision verschwand, aber das Gefühl lähmender Angst blieb. Nie hatte sich Martin hilfloser gefühlt als damals, als sie Dad kurz nach seiner Operation besucht hatten. Angeblich hatten die Chirurgen nur ein kleines Stück Lungengewebe entfernt, aber so wie Dad ausgesehen hatte, war es wohl doch nicht so klein gewesen. Einen entsetzlichen Augenblick lang hatte Martin sogar geglaubt, er sei bereits tot ...
    "Wird er sterben?" flüsterte er, als das Brennen in seiner Kehle nachgelassen hatte. Er hatte die Frage nicht stellen wollen, doch etwas in ihm war stärker gewesen. Etwas, das in naiver Hoffnung auf ein "Nein" wartete, wo es höchstens ein "noch nicht" geben konnte. Dennoch spürte Martin, wie ein Teil dieser Hoffnung von ihm Besitz ergriff, während er die Maske fixierte, als könne er in ihren starren Zügen die Antwort lesen.
    "Zorn", fuhr die alte Frau fort, als hätte sie seine Frage überhört, "ist der Gefolgsmann des Schmerzes. Er wird deinen Blick trüben und dich Dinge tun lassen, die du später bereust."
    Was soll das? dachte der Junge, bis ihm einfiel, daß die Wahrsagerin noch immer bei ihrer Erklärung war. Schmerz, Zorn und Dunkelheit ...
    Ein kalter Windstoß fegte plötzlich in den Raum und blies die Kerzenflammen aus.
    Martin fror, und dann spürte er, wie der Boden unter seinen Füßen nachgab. Er wollte schreien, aber die eisige Kälte preßte ihm den Brustkorb zusammen und ließ den Atem in seinen Lungen gefrieren. Aber auch dieser Schmerz verging, und voller Entsetzen wurde ihm bewußt, daß er seinen Körper nicht mehr spüren konnte, daß er bereits im Begriff war, selbst Teil dieses dunklen, kalten Nichts zu werden, das ihn umgab - daß er starb.
    "Hilfe!" schrieen die devonwirbelnden Reste seines Bewußtseins wie Ertrinkende im Sog eines untergehenden Schiffes. "Hilf ..."
    Dann wurde es still.

    ***

    - Martin kam zu sich, als ihn etwas oder jemand an der Schulter berührte. Die Berührung tat gut. Dennoch würde er seine Augen erst öffnen, wenn er sicher sein konnte, daß dieser entsetzliche Alptraum vorbei war. Wenigstens fror er nicht mehr, und selbst durch die geschlossenen Lider vermochte er einen schwachen Lichtschein wahrnehmen, der ihm die Furcht vor der Dunkelheit nahm.
    "He, Marty! Was ist denn ...?"
    War das nicht Petes Stimme?
    Blinzelnd öffnete er die Augen und erkannte die Gesichter seiner Freunde, die ihn besorgt musterten.
    "Schon gut", murmelte er verlegen. "Ich bin okay."
    "Was war denn los da drin?" So schnell ließ sich Pete nicht abschütteln.
    „Bist du wirklich in Ordnung, Marty?" selbst der Professor schien ernsthaft besorgt zu sein.
    Martin schwieg.
    "Ich ... ich weiß es nicht", sagte er schließlich, und in seinem Blick lag etwas, das die anderen verstummen ließ. "Laßt uns abhauen ...ich will nach Hause."
    In stummem Einverständnis machten sich die Jungen auf den Rückweg. Schweigend durchquerten sie den lichtüberfluteten Festplatz, schwangen sich auf ihre Räder und fuhren hinaus in die Nacht. Musik und Lärm blieben hinter ihnen zurück, und bald erloschen auch die bunten Lichter wie die letzten Funken eines fernen Feuerwerks.
    "Mach's gut, Marty!"
    "Macht's gut!"
    Martin winkte den Freunden nach und wartete, bis sie hinter der nächsten Straßenbiegung verschwunden waren.
    Erst dann begann er zu weinen.

    Gruß
    K.

  2. #2
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    AW: Die Herrin der Masken

    Ich gestehe, ich kenn mich nicht aus. Erst das zarte Keimen jugendlicher Liebe, danach das Mysterium der Wahrsagerei. Teil eines Ganzen?
    Ich erwartete Antworten und stehe im Regen. Auch wenn alles sehr langatmig geschildert, besteht doch Neugierde, wie sich der Kreis schließt.
    Ein Roman?
    Frohes Schaffen im neuen Jahr, Hannemann

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Die Herrin der Masken

    Hallo Hannemann,

    ja, Teil eines Ganzen im Sinne eines Episodenromans (der neuen "Mars-Chroniken") Dieser Teil ist die Fortsetzung von "Die Rakete", die hier auch noch irgendwo stehen muß.

    Da ich gerade drei Seiten rausgeworfen habe, interessiert mich, wo Du Langatmigkeit siehst. Kürzen kann man immer.

    Gleichfalls frohes Schaffen im Neuen Jahr!

    K.

  4. #4
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    AW: Die Herrin der Masken

    Tochter des Priamos, laß das mal den Klammer machen, der hat dafür den richtigen Blick.
    Ich wollte in der Handlung weiterkommen, unnötig erklärende Sätze haben meinen Spannungsaufbau gestört. Meine Phantasie eilte im Laufschritt mit, wurden gebremst von einem Beispiel: Vielleicht lag es daran, daß heute Freitag war, und die meisten es...


    Klammer, stürz Dich Drauf!

  5. #5
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Die Herrin der Masken

    An diese Geschichte kann ich mich erinnern. Ich besprach sie seinerzeit nicht, weil mir kassandras Verhältnis zum Forum nicht paßte. Heute ist mir diese Arbeitshaltung gleichgültig.

    Der Text weist ein Mißverhältnis zwischen der geschürten Erwartungshaltung und dem Ergebnis auf. Der Leser dürfte enttäuscht werden, erwartete er doch Weitreichenderes, denke ich. Die Figuren sind in ihrer Psychologisierung nicht ausgewuchtet, das Innenleben scheint mir blaß, die Außencharakterisierung dagegen umfänglich. Daß der Text dennoch seine Wirkung erzielt, liegt wahrscheinlich - beim aufmerksamen und geduldigen Leser - daran, daß die Behutsamkeit des Autoren, mit der er sich dem Kern des Geschehens nähert, beim Leser Anerkennung findet, zudem üben Jahrmarktsgeschichten auf die meisten eine höhere Faszination aus als beispielsweise Geschichten aus der Murkelei.
    Ich würde heute einige retardierende Mitteilungen, wie das eine oder andere aufzufassen sei, streichen wollen.

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