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Thema: Nena

  1. #1
    pjesma
    Status: ungeklärt

    Post Nena

    ...noch nicht ganz bearbeitet...bitte um nachsicht, kämpfe ein bischen mit "überich"...




    Nena entdeckte ihr Nationalbewusstsein irgendwo in der 6.ten Klasse Grundschule. Da kannte ich sie schon 7-8 Jahre.
    Es wurde ihr plötzlich klar dass sie eine Serbin in Kroatien ist. Wodurch es ihr so sternenklar wurde und warum es ihr als eine Benachteiligung vorkam, in dieser damaligen friedlichen Bruderschafts und Einheits-einerlei, weiß ich nicht. Elternhaus, würde ich sagen, wäre ich sicher. Das bin ich aber nicht.


    Schwuppdiewupp weigerte sie sich die lateinisches Schrift zu benutzen, und fing an ihre Hausaufgaben in Kyrilisch zu schreiben.


    Ich mochte Nena, weil sie ein quirliges lautes kleines Wesen war. Sie waren mir aber unangenehm, ihre Auseinandersetzungen mit der Kroatischlehrerin, die der Auffassung war, dass es sich um den reinen Wunsch aufzufallen handelt. Ich kann mir nicht vorstellen dass die Lehrerin ein Problem hatte mit dem lesen der kyrilischen Buchstaben, es war eine gute und gerechte Lehrerin. Möglicherweise hatte sie bloß eine verstärkte Beobachtungsgabe, und merkte frühzeitig Nenas Neigungen zum Übertriebenem. Die Versuche der Lehrerin diese Stimmung zu mildern, lenken und zu relativisieren, ernteten Nenas trotzigen Zorn und leise, nur mir die ich daneben saß hörbare, in Kinn gemurmelte Vorwürfe von Schowinismus. Ja, wir kannten solche Worte, dort und damals. Es waren mächtigen Worte, anzündbar wie Streichhölzer. Nena wollte stolz sein dürfen eine Serbin zu sein, auch wenn die Kroaten sich mit dem Muckefuckstolz zufrieden zu stellen hatten, Jugoslaven zu sein.


    War ich doof? Oder nur glücklich? Ich hatte keine Meinug über diese Themen und mir genügte es bloß Tochter meiner Eltern zu sein. Worte wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Ausbildung und Fleiß spielten bei mir zu Hause eine größere Rolle, zumal ich aus einer gemischten Ehe stammte, mit Beimischung Germanen und Ugrofinnen. Abgesehen davon mochte ich die Kroatischlehrerin, ja, ich schwärmte buchstäblich von ihr und war ein bisschen verliebt in ihren Auftritt und ihr Wissen. In ihre Bücherregale.


    Also mischte ich mich insofern ein, dass ich versuchte die Nena mit Jungensgeschichten abzulenken. Das geling mir auch immer, weil die Jungs... die Jungs waren die andere große Nena Leidenschaft.


    Es genügte bloß anzudeuten dass einer von den Jungs womöglich angesagt sein könnte, schon lief die Nena Amok und wurde Feuer und Flamme und gab kein Ruh, bis ihr derjenige Junge, für alle deutlich sichtbar und unmissverständlich verfallen war. Danach verlohr sie das Interesse an ihm, aber ein Neuer stand schon bereit. Nenas verschleiss an Jungens war zur Zeit bemerkenswert.


    Nenas eigentliches Pech bestand daraus dass sie eine superaussehende Mutter hatte. Wahrhaftig sah die Frau wie eine Rakete aus, großgewachsen,schwarzhaarig, mit Wangengrübchen und immer gutgelaunt und spritzig. Sie war immer 10 jahre jünger als gleichaltrige und immer 10 cm größer als ihr Mann, Nenas Vater, deren Statur die Nena, zu ihrem Bedauern, vererbte.
    Nenas Vater war liebestoll, die ganzen Jahre über war er liebestoll, und einige zeit meiner Jugend, glaubte ich auch dass das was er gegenüber Nenas Mutter rüberbrachte, tatsächlich die große Liebe sein muß, da es so verschieden war vom Alltag meiner Eltern. Aber Ich weiß nicht wie die große Liebe aussehen SOLL, wer weiß das schon?
    Nenas Vater stelzte seiner Frau nach, verfolgte sie, fuhr sie hin und her zu ihrem Arbeitsplatz in Keksfabrik. Er wartete auf sie in dunklen Gassen, um sich zu überzeugen dass sie auch wirklich alleine nach Hause läuft. Keiner aus der Straße, niemand den ich kannte schenkte bei uns Blumen, höchstens pflückte mann etwas aus dem Garten, außer, einer hatte Geburtstag, oder ist hingeschieden. Aber Nenas Mutter bekam oft Blumen von Nenas Vater und zwar nur so, ohne einen ersichtlichen Grund.
    Er kaufte seiner Frau goldene Ketten und Ohrringe, und ganz leidenschaftlich die sündhaft teueren, (für seine Kleinbeamtentasche zu teueren) roten und lilanen Seidennegligees, die mir Nena dann später wenn wir alleine zu Hause blieben, stolz und mit erwartungsvollen blicken demonstrierte. Es waren wunderschöne Teile, solche sah ich bei meiner Mutter höchstens einmal oder zweimal im leben, und dann ausschließlich in verhaltenen Pastelfarben. Ich sagte Nena, sie sehe gut aus. Ich sagte nicht das ihr das Oberteil etwas leer und unbeholfen Richtung Bauch beutelt, und sie tat auch so, als wüßte sie es nicht. Streit wollte ich ja nicht anzetteln und schließlich mochte ich sie, weil sie so gern lachte und klein und quirlig war und weil es bestimmt nicht leicht war eine Rakete als Mutter zu haben.
    So verbrachte Nena ihre Pubertät kyrilisch schreibend und die Jungs anderen Mädchen ausspannend. Ausspannen machte Spaß. "Was kann ich dafür?" klagte sie "was kann ich dafür dass er mich will?" jammerte sie scheinbar hilflos, aber sieg blinzelte ihr in augen und ich sah es und kannte es. Mehr als Spaß, bedeutete das Ausspannen eine Selbstbestätigung. Etwas zu bekommen was andere haben wollten oder gehabt hatten, preiste sie höher, und ich glaube ehrlich, dass in diesem empfindlichen Lebensabschnitt unsere Freundschafft ungestört gedieh, nur Dank dem Zufall dass ich damals einen Freund in einem anderen weit entfernten Ort hatte, dem ich mir sicher war und leidenschftliche Liebesbriefe mit ihm tauschte. Zu dieser Zeit fing ich an Gedichte zu schreiben. Manchmal schenkte ich Nena ein Gedicht, und sie freute sich und klebte es auf die Wand ihres Jugendzimmers, direkt über das Bett. Ja sie mochte mich auch, zweifelsohne,weil eines konnte ich gut, nämlich zuhören.
    Irgendwann verlohr das Jungensausspannen am Charme. Etwas neues, eine Steigerung mußte her. Jungs waren zu leicht zu kriegen in diesen zarten, hormongesteuerten Alter, das konnte ja Jede. Also suchte sie und fand ihre neue Leidenschaft. Sie fing mit Leib und Seele einen bekannten serbischen Fußballer zu verehren an.
    Ich gönnte ihr ihre Liebe. War ich verlogen? War ich egoistisch auf eigene Ruhe bedacht? Es ist möglich. Aber ich mochte sie, das schwöre ich, trotzdem. Ich verfolgte meine Linie, schrieb Gedichte und las Bücher, und sie verfolgte die ihre. Bald wusste sie von dem Fußballer mehr als seine eigene Mutter, ich wurde Zeuge einer wachsenden Opsession. sie schnitt ihre Haare ab weil er die burschikosen Mädchen mochte. Sie ass was er auch gern ass. Trank plötzlich Weißwein. Kannte alle Namen der verschiedenen feindlichen Fußballmanschaften auswendig, und Begriffe wie Offside und ähnliche. Ich langweilte mich zur Tode mit ihr. Manchmal las ich ihr ein Gedicht vor, aber überwiegend redete sie von IHM, mit dem blick, vernebelt wie ein Kupferstich unter dem Seidenpapier. Sie besorgte sich die Stadtpläne von der weißen großen Stadt Beograd, und lernte die Strassennamen auswendig die sie zu seine Residenz bringen würden.
    Sie lernte die Reihenfolge der Bushaltestellen auswendig die zum Stadion des "Roten Sternes" führen.
    So war sie gut bewaffnet mit Insiderwissen, beim nächsten jährlichen Besuch unsres Gymnasiums zur Buchmesse in Beograd. Da die Bücher meine Leidenschafft geworden waren, freute ich mich auf den Duft des großen weiten Weltes, auf üppige Werbegeschenke fremdländischer Aussteller und auf seltene Buchausgaben.
    Und da, in dieser großen weißen Stadt, der ihren kostbaren Schatz aufbewahrte,entkreuzten sich unsere Wege zum ersten mal. Wir standen an einer Straßenmündung, und sie wollte zum Stadion des "Roten Sternes".
    Schon während ich versuchte mit ihr einen Treffpunkt auszumachen, (weil es für mich fest Stand das ich zur Messe gehe, komme was wolle), wurde mir klar das sie es sich ganz anders vorgestellt hatte. Ich sollte an ihrer Leidenschaft teilnehmen. Ich sollte mit ihr die Luft des leeren "Roten Stern" Stadion einatmen und hoffen das mich die selbe Luftpartikel erfüllen, die ihr Idol in die Atmosphäre ausgeatmet hatte. An heiligen Rasen sollte ich steigen, und mit meinem Segen ihrem Gefühl würdigen. Schließlich war ich ihre beste Freundin.
    Ich weigerte mich. Ich sah nichts schlimmes daran, das wir uns trennen und zum späteren Zeitpunkt an einem Ort wiederfinden. -Wenigstens werden wir uns etwas zu erzählen haben?, argumentierte ich, aber Nena war wütend, sie schrie mich an, lautstark fing sie zu weinen auf dieser Straßenkreuzung und mir verschiedene sachen vorzuwerfen, mit Füßen zu Stampfen und mit Armen zu wedeln. Sie fing an persönlich zu werden. Also sagte ich:
    "Ich gehe jetzt, und warte hier auf dich um 18 uhr. Mach was du willst."
    Und ich ging. Sie schrie noch etwas hintermirher, aber ich drehte mich nicht mehr um. Ich wusste wie sie da steht, mit dem Kinn weit nach vorne und Armen auf der Brust gekreuzt.
    Nach diesem Vorfall, den wir stillschweigend begruben und zu vergessen beschlossen, sahen wir uns etwas seltener. Sie zog mit ihren Eltern in einen anderen Stadtteil um, da sie eine größere Wohnung bekamen. Sie wechselte die Schule, die Zeiten änderten sich und vergingen. Sie fing an Jura zu studieren, und ich Pedagogik, und unsere horizonte erweiterten sich mit neuen Leuten. Unsere Wege überkreuzten sich nicht mehr so oft.
    Später, trafen wir uns hin und wieder zu einem Cappucino, im Kaffebar auf der Hälfte der Strecke zwischen unseren Unis. Sie damals: aufgedonnerte, ein touch übergeschminkte junge Frau, sehr laut und koket, in Hemden mit riesigen Seidenschleifen, mit auffäligen Ohringen und hochtuppiert. Und wenn sie auch ein Klischee war, war ich nicht besser, mit meinen blassen Jeans und ewig grauen ausgeleierten T-Shirts, mit Crayonresten zwischen den Augen und Augenringen, vom Vortag. Mit Plateauxschuhen und Rucksack, in dem man vielleicht eine Hühnerbatterie beiwohnen lassen könnte, aber auf Anhieb das finden was mann braucht, auf keinen Fall. Ich hielt von Äusseren nicht viel zur Zeit, zu allen Zeiten ist es mir geblieben. Aber damals war ich auf der besonderen Suche nach der Seele. Nach WAHRHEIT. Nach wirklicher Tiefe der wirklich ewigen und wirklich allumfassenden Wahrheit. Ach. Ich versank zunehmend in poetische Welten, mich interessierten die Dinge hinter den Dingen...ja, auf eine Art fand ich mich auch zu sehr wichtig.
    Sie gönnte mir meine Farblosigkeit, und es machte ihr nichts aus das ich so ungepflegt zu unseren Treffen erschien. Zwar waren ihre Motive zweifelhaft, (womöglich diente ich als Kulisse für ihren Glanz), aber ich war ihr dankbar dafür dass sie mich in Ruhe lies, zumal ich die ständigen Meckereien meiner Mutter nicht ausstehen konnte darüber wie eine junge Frau auszusehen hatt. Als hätte ich mich auf der Suche nach Seele darauf herrablassen können eine Frau zu sein!
    Ich erfuhr in unseren Cappucinogesprüchen, nebenbei, dass Nena den Fussballer ganz zufällig kennengelernt hatte. Sie schlief sogar mit ihm, und es war nichts besonders. Er kam zu früh.
    Zur Zeit, sagte sie, wäre sie mit dem Türsteher einer Stadtbekannten Disco zusammen, und er trüge sie auf Händen. Fürchterlich eifersüchtig wäre er, sagte Nena, und noch, dass er alle verprügelle die ihr zu nahe kommen. Ihre Augen glänzten voller Stolz dabei und ich war mir ganz sicher dass sie stets bemüht war, sämtliche und viele zu nah kommen zu lassen.
    Irgendwann landete der Türsteher im Gefängniss, aber das war lange nach dem sie das Interesse an ihm verlohren hatte, und auf ihre neue Leidenschaft umstieg: Politik.
    Da sie Jura studierte, und sich erneut zu erinnern schien, eine Serbin in Kroatien zu sein, versuchte sie Examenmisserfolge damit zu erklären und zu rechtfertigen, das sie keine Kroatin ist. Sie war von Komplotten überzeugt, und bösen Spielchen, ihre Benehmen bekam etwas paranoide Züge. Ich weiß nicht ob es was wares dran ist. ich wuste es auch damals nicht. Aber weil ich sie kannte, wusste ich das das kein großen Unterschied macht, ob was wares dran war. Es konnte gewesen sein, zur diesem Zeitpunkt der Geschichte. Es konnte aber auch nicht gewesen sein. Aber wäre es nicht gewesen, hätte sie es "gewesend" gemacht.


    ..
    Ich gab mein Studium auf, jobte gelegentlich,und schrieb Gedichte, wie von allen guten und schlechten Geister verlassen. Ich schwebte in einer Traumwelt in der ich nicht wusste welchen Tag wir haben und welche Woche. Meinen Glück störten von Zeit zu Zeit nur die Stimmen von aussen, die einen Krieg prophezeiten, konstruierten, schürrten. Ohnmächtig gegen Kettenrasseln und Lautstärke der Fanfaren der Neuen Zeit, beugte ich mich umso tiefer in Verse. Nicht bereit eine Farbe zu bekennen, eine Seite zu ergreifen, mich für eine Wahrheit zu entscheiden, da ich inzwischen, in der Welt der großen Philosophen und Dichter, unzählige Wahrheiten entdeckt hatte. Ich wollte bloß in Ruhe gelassen zu werden, lesen, schreiben, schlafen und hoffen, dass die verrücktgewordenen Politiker, Massen und Medien zur Vernunft kommen.
    Aber kommt Zeit, kommt Rat. Und manchmal leider sogar Tat. Unentschlossen kann man nicht für immer stehen. Jederein wird einmal gezwungen eine Farbe auszuwählen. Er tut es nicht aus freien Stücken, es wird ihm getan. Der Passiv zersprengt seine Starre und wird beweglich. Die Steine rollen den Berghinunter.
    An diesem Tag besuchte mich Nena zu Hause, und brachte mir ein Bündel Schreibmaschinenpapier, da sie wusste wie ich mich drüber freuen werde. Ich brühte uns einen Kaffee und wir nisteten uns auf meiner Coutch, Füße in Decke eingewickelt, und fingen an vom Gott und der Welt zu sinnieren. Was aber nicht lange andauerte. Ich war gerade im Begriff von meiner neue Geschichte zu erzählen, fing sie mit Politik an. Missgestimmt, hörte ich ihr geduldig zu, aber schon sehr bald, durfte ich feststellen, dass diese Opsession von besonderer Intensität geprägt war. Einen Eifer verrieten ihre Augen, eine Lautstärke erfüllte das Zimmer, noch nie dagewesene. Nena schimpfte über den neu gewählten kroatischen Präsident, nannte ihn Nazihelfer und -wollte meine Meinung hören. "Ganz dicht ist er nicht", sagte ich, "aber das sind sie Alle nicht." Nena war aber einer anderen Meinung. Sie fing von einem aufsteigendem Stern vom Osten zu lobzuhäden, namens Slobodan Milosevic. Ich erblickte diesen Kupferstichblick verschleiert unter dem Seidenpapier, und musste an die große weisse Stadt Beograd denken und an ihre Liebe zum Fusballer der dann doch zu früh kam. Ich rief mir in Erinnerung messiasähnlich inszenierte Auftritte des Milosevics , in Fussballstadionen, Fabriken und Konzerthallen, und mit einem Augenblick wurde mir klar, dass das hier kein Spiel mehr war, sondern Lebens sein ernst, und dass das hier, jetzt, dieser langvermiedene Moment war in dem ich die Farbe bekennen werde. Müssen werde. In dem mir eine Farbe bekannt und zugefügt wird.
    Weil ich nicht streiten wollte, und mich davon fürchtete eine unausradierbare Kontur zu bekommen, startete ich einen letzten Versuch und bat Nena das Thema zu wechseln. Aber sie wollte es nicht. Sie konnte es nicht. Die Steine rollten unaufhaltlich ihren Weg den Berghinunter.
    Sie war endlich auf der Seite der Gerechten und Großen angekommen, sie stand für die Ideale und für die einzige Wahrheit, einzige wirklich wirkliche, wirklich große, wahre Wahrheit. Sie atmete, bereit für diese Wahrheit zu sterben, ja, sogar als Taube auf dem Monumentensockel des großen Vaters und Vereinigers der Nation zu stehen. Es fielen Worte, wie: "Opfer". Wie "Helden". Und viele noch. Sie appelierte an meinen serbischen Anteil, und ich sah mich auf einmal an der Strassenmündung in der großen Stadt Beograd, mich weigernd ihr zu folgen zu dem Stadion des "Roten Sternes".
    "Ich bitte dich", sagte ich. "Der Milosevic ist nun wirklich noch schlimmer. Ein richtiger Kriegshetzer".
    Und da ich sie mochte, so klein und quirlig, und da sie mich auch mochte, und meine Gedichte in ihrem Zimmer auf der Wand klebten, hatte ich mit diesem Wortschwall nicht gerechnet.
    Es flossen wieder die Worte, noch viel mehr bittere Worte, und ich schwieg. Es wurden die Worte ausgesprochen wie: "Verräter" und "Feige". Wie "blind" und "blöd". Nena fuchtelte mit Armen und die Tränen sprießten ihr förmlich aus dem Gesicht, und weil ich sie kannte, wusste ich wie gern sie jetzt mit ihren kleinen Füßen stampfen möchte. Meine Mutter klopfte an die Zimmertür und fragte ob wir noch Kaffe wollten; ich merkte ihr an dass sie erschrocken war, also winkte ich sie weg.
    Nena schwieg ein, ihr Kinn weit vor ihrem Gesicht.
    Wir schwiegen sehr lange. Und die Luft wurde immer stickiger.
    Und dann sickerte sie sie zu mir, und es war sehr viel Bosheit in ihrer Stimme:
    "Weist du...mögest du auch deine arme Mutter an der Türschwelle geschlachtet finden, dann wirst du fühlen, wie ist es manchen ergangen und wovon ich rede!" Und da Nenas Mutter noch quitschlebendig in ihre Keksfabrik ihre Negligees auftrug, und Nenas Vater den Beamtenstatus noch ungestört genoss, und Nena selbst über genug Geld verfügte um teueres Schreibmaschinenpapier zu verschenken; da sie selbst nicht wusste wovon sie sprach und was sie mir wünschte; und da wir noch in Tag hinein erwachten und die Vögel noch zu hören waren, und die Strasse belebt und Geschäfte voll, Himmel blau und Gras grün; stand ich von der Coutch hochauf, ging zu der Eingangstür, öffnete sie breit und sagte leise :
    "Bitte, geh."
    Sie stand auf und wir schauten uns, mit feuchten Augen noch ein paar Sekunden an. Sie wollte noch etwas sagen, obwohl sie wusste schon zu viel gesagt zu haben, aber ich drückte ihr das Maschinenpapier in die Hand. "Ich will es nicht!" zischte sie, und ich wollte es auch nicht sondern legte ich es an die Schwelle. Sie rannte die Treppe hinunter und verschwand hinter der Mauer.
    Papier stand noch tagelang da, bevor es einer weg räumte. Ich vermute, es war meine Mutter.
    Wie eine schwarzer Flut, überkam uns der Krieg. Ich verliess das verrücktgewordene Land, und ging nach Deutschland, weil ich mich nicht zu einer einzigen Wahrheit durchringen konnte und wollte. Oder aber ein Feigling war und lieber die Bücher lass. Aber bevor ich wieder Bücher lesen konnte, musste ich lernen wie mann Hähnchen verkauft, Blumen bindet und eine Wohnung gründlich putzt.
    Nena, hörte ich, wechselte auf die "andere Seite" des Drauufers, zu dem "Feind", von woher mann unsere Wohnungen beschoß. Man munkelte, dass die Wohnungen nicht wahllos beschossen wurden, und dass da viele von der anderen Seite genaue Informationen über kroatische und serbische Bewohnern auf verschiedenen Etagen hatten. Manche Schüsse waren, sagte man, persönliche Racheakte für irgendwann zerwackelten Zaun, geklauten Apfel, betrogenen Ehemann oder, vor Jahren weggenommenen Parkplatz. Das kann heute keiner mehr beweisen.
    Unsere Wohnung blieb, wie durch ein Wunder, heil; nur die Fensterscheiben zerbrachen von Detonationen und ein Schrappnel bohrte sich tief in unseren Wohnzimmerschrank ein..
    In Welt verstreut, wir, Verweigerer, spürten uns auf und kontaktierten interkontinental. Inzwischen verfügen wir über Technik um unsere Treffen online zu organisieren und so in Kontakt zu sein. Und so passierte es vor drei Jahre, dass mir ein guter Freund, jetzt sesshaft in London, ein E-mail verschickte, mit einer Telefonnummer und Nenas Namen.
    Die Nummer verriet mir, dass sie in der großem weißen Stadt wohnt, in der jährlich eine Buchausstellung stattfindet. Ich rief sie an. Um 2 Uhr in der Nacht.
    Sie freute sich wahnsinnig von mir zu hören, und mein Herz schlug auch aufgeregt. Nena erzählte mir lange: wovon sie lebt und was sie jetzt macht, dass die Mutti sehr alt geworden ist, Bruder studiert, und Vater ist ganz grau. Sie freute sich, dass ich einen Sohn habe, und erteilte mir herzliches Beileid bezugs des Todes meiner Mutter. Verlangte ein paar Sätze auf deutsch von mir, kicherte danach, und sagte: "Ungewöhnlich!"


    Ich fragte sie nach der Liebe. Und sie gestand mir, noch ledig zu sein, eben aber einen neuen Freund zu haben, der ein Falschirmspringer sei, und von ihr volle 12 jahre jünger . Der wäre so toll, sagte sie, um ihn würden sie sie wirklich alle beneiden. Aber alle.

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause
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    21

    AW: Nena

    Es ist auch bei uns, wo Du nun lebst, nicht anders: Was schert mich das Gestern! Ein Flackern der Begeisterung, näher zur Gerade-Jetzt-Lichtfigur und mit verbrannten Fingern nur weg von ihr. Auf einen Neuen...


    Ein fesselnder Rückblick und ein Ritzen des alten Zweigespanns: Die Schillernde und die gescheite graue Maus. Woher stammt Dein Kind? Männer, die sich auskennen, wählen die Maus.

  3. #3
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Nena

    Das ist der Stoff, aus dem Romane gestrickt werden. Allerdings reicht es nicht, nur das aufzuschreiben, was einem begegnete, man muß auch Form-, geringerennotwendigst Strukturwillen mitbringen. Da der fehlte, ist aus diesem Anfang nichts weiter auseinanderklamüsert worden.

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