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Thema: Der Seelendieb

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Post Der Seelendieb

    Das Save Mind and Soul Board, kurz SMS, eine staatliche Institution, die sich mit dem vermehrt auftretenden Phänomen des Seelendiebstahls befaßte, rief mich heute an, um mir den Auftrag zu erteilen, nach einem Mann zu forschen, den sie den Augenjäger nannten.
    Mein Name ist Blond, Jane Blond. Ich bin Privatdetektivin. Aufgewachsen in der australischen Wildnis, im Outback von Queensland, verfüge ich über gut ausgebildete Instinkte. Ich hatte mich sehr oft bei den Aborigines aufgehalten und von ihnen unter anderem die Telepathie erlernt. Durch meine Freunde lernte ich auch parapsychologischen Phänomene zu akzeptieren, den Traum als Teil der Realität begreifen und seine Botschaft zu nutzen. Diese Fähigkeiten sollten mir nun bei der Bewältigung meiner Aufgabe sehr hilfreich sein. Mein Vater war eine Rancher und Jäger.
    Ich kenne die Spielregeln der Jagd von Kind auf genau und bin mit der Psyche der Jäger bestens vertraut. Ich verfüge über Kenntnisse der Natur und der Lebewesen, von denen ein Städter nur träumen kann. Abgesehen davon, entsprach ich zufällig im Aussehen den Frauen, die vom Augenjäger als Opfer bevorzugt wurden: Es waren durchweg blonde, blauäugige Frauen. Das SMS ist auf den Jäger aufmerksam geworden, weil vermehrt aus einem Viertel unserer Stadt, von Frauen Seelendiebstähle angezeigt wurden. Interessanterweise war keine dieser Frauen, obwohl alle einen durchaus intelligenten Eindruck bei mir hinterließen, in der Lage, diesen Jäger genauer zu beschreiben. Alle Bestohlenen waren sich allerdings darüber einig, daß er über ein ruhiges, unauffälliges Wesen verfügte und daß von dem Braun seiner Augen etwas besonderes, hypnotisierendes ausging.
    Ja, dieser Fall reizte mich. Ich ging zum SMS und ließ mir die Berichte geben, die die bisherigen Ermittlungen erbracht hatten.
    Miss Wane, die Leiterin des Archievs übergab sie mir süffisant lächelnd: " Ich bin froh, daß ich nicht blond und blauäugig bin wie Sie". Gespannt mehr über diese Fälle zu erfahren, ließ ich mich in der Registratur nieder, um kurz durchzublättern und eventuelle Fragen mit Mr. Walter, dem deutschstämmigem Abteilungsleiter abzuklären.
    Er ist ein kleiner, grauhaariger Mann mit graugrünen Augen, absolut hilfsbereit und immer bester Laune. Er entsprach überhaupt nicht meiner Vorstellung von einem deutschen
    Mann, geschweige von meinem Traummann, aber dies stand im Moment auch gar nicht zur Diskussion. Er bestätigte mir auf Anfrage, daß sich alle gemeldeten Fälle in einem Stadtviertel namens Bath zugetragen hatten und dort in einem Umkreis von etwa sechs Kilometer. Er schloß daraus, daß der Augenjäger aus diesem Umfeld stammte und sich eventuell sogar mit öffentlichem Verkehrsmitteln oder sogar mit einem Fahrrad oder Motorrad fortbewegte. Spätere Ermittlungen meinerseits ergaben aber, daß diese Annahme falsch war. Denn nach Aussagen der betroffenen Frauen, besuchte sie der Augenjäger in kurzer Zeitfolge hintereinander und ohne wetterabhängige Bekleidung, so daß nur die Fortbewegung mittels PKW in Frage kam, es sei denn er wäre Superman.
    So beschloß ich als erstes, die Frauen aufzusuchen und die Methode zu ergründen nach der dieser Jäger vorging. Jeder Jäger hat eine Methode, eine für ihn typische Vorgehensweise, seine Beute aufzuspüren und sie schließlich zur Strecke zu bringen. Wenn ich diese erst ermittelt hätte, würde es eine leichtes sein, mich als geeigneten Köder am passenden Ort zur passenden Zeit zu präsentieren.
    Ich war zuversichtlich und setzte mich am Abend bei einer guten Flasche Wein, begleitet von Ella Fitzgerald an meine Fälle. Ich beschränkte mich auf die fünf, die in den letzten zwei Jahren erfaßt wurden. Seine Opfer waren Frauen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen und sozialen Schichten: Eine Floristin, eine Galeristin, eine Bardame, eine Obstverkäuferin und eine Apothekerin. Wie ich herausfand, setzte er zur gleichen Zeit immer auf fünf Frauen. Mir erschien dies, als handele es sich für ihn um ein Pokerspiel oder Roulett. Er braucht immer einen Joker in der Hinterhand, als könne er ohne Frauen nicht existieren. Was hatten diese Frauen noch gemein, außer blond und blauäugig zu sein, daß sie sein Interesse weckten, fragte ich mich. Ich wußte, daß ich diese Frage erst beantworten konnte, wenn ich die Frauen gesehen und gesprochen hatte. Ich nahm mir also für den nächsten Tag vor, alle Betroffenen anzurufen und Termine mit ihnen auszumachen. Dann beendete ich schließlich meine nicht erschöpfende Lektüre und versuchte, mir keine weiterführenden Gedanken zu machen, um meinen Schlaf nicht zu stören und am nächsten Tag meine Studien fortzusetzen und Ella sang mir eine eindringliches Schlaflied. "You intoxicated my soul with your eyes" meine Nacht verstrich unter Träumen. Immer wieder wachte ich auf, von einer unsichtbaren Hand geweckt. Ich träumte von einem Mann mit braunen Augen, die wie Prismen ständig die Farben wechselten. Ich sah blonde, blauäugige Frauen, die um ihr Leben rannten, ausgebrannt und abgemagert, verfolgt vom Jäger, der sie mit großen Augenmagneten festhielt und an sich zog. Ich sah den Jäger nur schemenhaft , mit langsamen großen Schritten in bedächtigem Gang, unaufhaltsam und mit unendlicher Ruhe seiner Beute folgend.
    Schweißgebadet erwachte ich im Morgengrauen. Es muß wohl ein schlechter Wein gewesen sein oder war es der Gorgonzola, den ich dazu gegessen hatte, der mir diese Albträume bescherte. So versuchte ich mich zu trösten, aber ich wußte genau, ich hatte es von meinen Freunden den Abos gelernt, daß diese Traum zu deuten war und nichts Gutes verhieß.
    Eine Amsel weckte den Chor der Morgensänger durch ihren klaren melodiösen Ruf. Ich atmete auf und ließ mich von diesem erlösenden Gesang beruhigen. Als wäre auch die Natur aus einem hypnotischen Schlaf erwacht, so kehrte allmählich das Leben zurück und anflutende Altagsgeräusche erinnerten mich an die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.
    Ziemlich zerschlagen stieg ich aus meinem Bett. Selbst meine erfrischende Eiswassermethode, die sonst Wunder wirkte, hatte nur wenig Effekt und so setzte ich auf einen starken Kaffee, den ich später im Bistro eines meiner Opfer zu mir nehmen wollte.
    mein erstes Telefonat führte ich mit der Floristin. ich war aufd sie gespannt. Es ge-
    lang mir auch, bei allen anderen Frauen
    noch im Verlauf des Tages einen Termin zu bekommen, so daß ich heute Abend ein klareres Bild vom Augenjäger haben sollte. Nachdem ich mich angekleidet hatte, nahm ich die U-Bahn zum Stadtviertel Bath. der Blumenladen war schnell ausfindig gemacht. Er lag an einem kleinen vielbefahrenen Platz und stach durch seine üppige Dekoration mit italienischen Keramiken sofort ins Auge. Ich betrat das geschäft, eine Oase der Ruhe. Natürliche und künstliche Blumen erweckten einen exotischen Eindruck, dazu erklang eine meditative Musik, die ich aus indonesien kannte, ich war fernöstlich gestimmt und fürs erste erstaunt, als eine blonde, energische, etwas burschikos anmutende Frau um die vierzig, nicht gerade zierlich, aber mit betonter Figur auf mich zutrat und mich nach meinen Wünschen fragte. Was hatte ich erwartet? Natürlich, das mußte sie sein, blond, blauäugig, die Inhaberin. Ich stellte mich vor und sie bat mich in ihr Büro, welches hinter den Blumen, wie in einem Dschungel versteckt lag. Da wir etwa vor einer Stunde erst mit einander telefoniert hatten, kamen wir schnell zur Sache.
    Der Augenjäger wäre eines Tages in ihrem Geschäft gestanden, um Blumen für seine Frau zu kaufen. Das wäre ja nichts besonderes gewesen, denn sie hatte öfters Kunden, die jeden Freitag zu ihr kamen, und Blumen für ihre Frauen mitnahmen und dabei noch eine kleine Unterhaltung oder einen Flirt suchten.
    Auffällig wurde er erst dadurch, daß er sie dabei immer mit einem ambivalenten Blick ansah, den ,man eher als Besitzergreifend bezeichnen würde. Er gab sich schüchtern aber
    höflich, wobei ssie immerdas Gefühl hatte, dass die Körpersprache und die Augen nicht das Gleiche aussagten. Sie hätte einen Kurs über Verkaufspsychologie besucht, indem sie gelernt hätte darauf zu achten. In den letzen sechs Monaten wäre er regelmäßig zu ihr gekommen. Man hätte die Uhr danach stellen können, immer Freitags um dreizehn Uhr. geradezu ein Ritual, immer die gleichen Blumen und immer dieser seltsame Blick, kaschiert durch Höflichkeit und einen verlegenen Humor. Ab und zu rief er sogar an, um eine kurze belanglose Unterhaltung zu führen, die darauf hindeutete, daß er Kontakt suchte.
    So gewann er Meter um Meter Terrain in diesem Blumenladen und in ihrem Herzen. Jeder normale Mensch, so betonte sie, hätte sein Verhalten als Werbung interpretiert. Sie bemerkte mit der Zeit nur sein kaltes körperliches Begehren, das Wärme und Vertrautheit vermissen ließ. Je mehr sie versuchte, ihm entgegen zu kommen, weil sie es anfänglich für Schüchternehit hielt, desto leerer wurde ihre Selle, als ob er sie aussagte, sie ihrer warmen Gefühle beraubte.
    Dies führte soweit, daß sie emotional ausblutete, und nicht mehr wußte, wie sie sein Herz erwecken könnte - alle Mühen vergebens. Nach einem Jahr habe sie erfolglos kapitulieren müssen, weil sie körperlich und geistig diesen Zustand nicht mehr ertragen konnte. Als sie seinem körperlichen Begehren eine Absage erteilte verschwand er und hinterließ sie mit einer geplünderten Seele.
    So gequält, hätte sie sich an einen Psychotherapeuten gewandt, der ihr klar machte, daß es sich um einen professionellen Seelenraub handelte. Man merkte ihr jetzt noch, zwei Jahre danach an, wie unglaublich ihr das Geschehene erschien und dass sie immer noch im gewissen Sinne darunter litt, trotz therapeutischer Unterstützung. Mich beschlich das unangenehme Gefühl von diesm Fall überfordert zu werden. Ich war froh, als ich den Blumenladen verlassen konnte, um mich zu zerstreuen. Die Zeit war schneller verstrichen, als ich gedacht hatte. Es war bereits Mittag und ich wollte eine kleine Versschnaufpause im nächsten Park einlegen, um über das Gehörte zu reflektieren.
    ich steuerte den nächsten Supermarkt an, suchte nach Obst und ging zu Kasse, um zu bezahlen. Die Kasse war stark frequentiert und ich stand in einer langen Schlange, die sich nur langsam voranbewegte. Als ich so vor vor mich hindöste, fühlte ich mich intensiv betrachtet. Meine Instinkte meldeten einen Beobachter in meinem Rücken: ich vermutete eine bekannte Person, vielleicht einen Kollegen und drehte mich erwartungsvoll um. Niemand den ich kannte, stattdessen schaute ich, keine fünf Meter von mir entfernt, in das Gesicht eines Mannes, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Ich war sicher, daß es eine Augen waren, die mich von hinten sozusagen durchbohrt hatten. Es waren goldbraune Augen die mich ruhig, aber interessiert ansahen.
    In diesem Moment forderte mich die Kassiererin auf, meine Ware auf das Rollband zu legen. Als ich mich wieder umdrehte, um den Fremden genauer zu betrachten, war dieser verschwunden. Mich überkam eine seltsames Gefühl aus Neugier und Passion. Ich versuchte mich an das äußere des Fremden zu erinnern, dies gelang mir aber nicht. Das einzige,was sich mir eingeprägt hatte, waren dies ruhig beobachtenden, braunen Augen, die fasziniernden Augen eines Jägers, des Augenjägers. Genau so hatten doch die Frauen
    ihn alle beschrieben. Mein Hirn stellte sich telepathisch auf Empfang. Ich spürte, die Jagd hatte begonnen. Die Beschreibungen der anderen Opfer deckten sich erstaunlich und ergaben ein klares Muster.
    Die Apothekerin, die ich als letzte besuchte, deutete an, daß sich der Augenjäger immer noch, wenn auch seltener bei ihr blicken ließ. Ich beschloß hier auf ihn anzusitzen, denn wenn sich seine Methode bestätigte, so müßte er sie am nächsten Dienstag um 14.15Uhr besuchen. Und tatsächlich, die Tür ging auf und ein Mann circa 1,85m groß, sportlich gekleidet mit einem militärisch kurzen Haarschnitt, betrat die Apotheke. Die Apothekerin warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu und auch ohne diesen spürte ich sofort, dass dieses mein gesuchtes Objekt war. Ja er hatte etwas. Er genoß die Frauen, die mit ihm scherzten und behielt dennoch eine spannungsvolle Distanz, durch die er schließlich den Funken zum überspringen brachte. Er beherrschte es in Perfektion und ich verfolgte das Spielchen einige Male, um mir ein Bild von seiner Vorgehensweise zu machen, ehe ich die Falle zuschnappen ließ.
    Ich wurde schließlich selbst einverleibt in dieses Geschehen und glaubte mich doch immer noch in Kontrolle der Situation bis auf einen unbedachten Moment, indem ich beinahe selbst sein Opfer geworden wäre.
    Dies ahnte ich zu Beginn meiner Tätigkeit in der Apotheke noch nicht. Vielmehr sah ich mich schon als Diana, der Göttin dieser Jagd.
    So fiel es mir auch nicht schwer, nachdem ich den Augenjäger an all diesen Dienstagen näher kennengelernt hatte, mich auf seine Einladung einzulassen.
    Ein Freund habe ihn zu einer Fancy-Dress-Party eingeladen und er würde sich sehr über meine Begleitung freuen, da sein Frau sich nichts aus diesen Parties mache. Ich nahm dankend an, denn ich witterte sofort die gute Gelegenheit, mein Opfer von seiner anderen Seite kennenzulernen.So verabredete ich mich vor Ort, um mich als wohlpräparierten Köder richtig in Szene zu setzen.
    Morgens ging ich noch zu Mr. Walter, um ihn über meine Vorhaben zu informieren und mich seiner Unterstützung zu versichern, falls etwas schief ginge. Aber dies war eine rein formelle Sache, die laut Vertrag von mir erwartet wurde. Das liebenswürdige Männlein wr durch meine Ankündigung sichtlich beunruhigt und versah mich mit allerlei gutgemeinten Ratschlägen und vor allem mit
    der Warnung, die psychische Belastung, der ich mich aussetzte, nicht zu unterschätzen.
    Ich fühlte mich stark, dennoch verlangte er mir das Versprechen ab, mich im Notfall bei ihm zu melden und das zu jeder Tages- oder Nachtzeit und da er mir ehrlich besorgt erschien, stimmte ich zu.
    Auf dem Weg nach draußen begegnete mir Miss Wane. Sie erkundigte sich höchst interessiert nach meinen Fortschritten in der Sache und ob ich ihn schon kennengelernt hätte und wie es denn so sei. Sie war offensichtlich eine der Krimienthusiastinnen, die ihren Beruf nach ihrer heimlichen Leidenschaft gewählt hatte. Es bereitete mir ein höllisches Vergnügen ihr den Fall noch spannender zu schildern als er war, und dabei ihre lüsternen und vor Spannung erregten Gesichtsausdruck zu sehen.
    Ich versprach ihr beim nächsten Besuch die Fortsetzung der Story und verließ den realitätsfremden Ort der Bürokratie.
    Viel entscheidender war nun die Frage des passenden Kostüms. Ich wollte mich so verkleiden, daß er mich interessant genug fand, seine Beute zu sein. Soviel war mir bereits bekannt. Er war ein mann, der den sexuellen reizen der Frauen nicht abgeneigt war. Aber noch mehr interessierte ihn ein bestimmte seelische Struktur, deren Muster mir noch nicht genau bekannt war, die ich aber herausinden wollte. Ich wollte diese Seelenrolle verinnerlichen und sie dann telepathisch vermitteln. Das war wohl neben meinem Supermini, den high heels, der blödblonden Perücke und meiner Marilyn Monroe
    Maske, meine wichtigste verkleidung und die schwierigste Rolle, die ich je angenommen hatte.Ich verbrachte den Nachmittag mit Meditation und Konzentration auf meine telepathischen Fähigkeiten, die nun in der Vollendung anwenden wollte. Es mußte mir gelingen seine Wünsche zu lesen und meine Seele entsprechend zu präparieren, denn nur so konnte ich erleben, wie der Seelenraub erfolgte.
    Um Mr. Walter genüge zu tun, meldete ich mich, bevor ich das Haus betrat mit dem Geheimcode, der bei schwierigen Aktionen gesendet wird, bei ihm ab.
    Ein lustiges Völkchen strömte ins Haus und verschwand die Treppe hinauf in einer Wohnung im ersten Stock. Musikschwaden stiegen gegen Himmel. Ich hoffte auf gute Tanzmusik und folgte Ihnen, gespannt, ob ich meinen Augenjäger ausfindig machen würde. Durch die heiteren Narren zwängte ich mich zur Bar, um mir einen alkoholfreien Cocktail zu holen.
    Glücklicherweise war das Buffet schon eröffnet und ich zähmte meinen Bärenhunger mit ein paar Satespießchen. Noch spürte ich nichts, was auf die gesuchte Person hindeutete. Ich gesellte mich zu einer netten Herrenrunde, die offensichtlich schon meinem plumpen Liebreiz verallen waren und nur noch von Marilyn schwärmten.Wie soviel Süßholzgeraspel begegnen, wenn viel wichtigere Dinge im Kopf kreisten. Eine Stunde war bereits vergangen und vom Apothekenkunden keine Spur.
    Hatte er sich so gut getarnt? Ich müßte ihn zumindest spüren. Der wird mich doch nicht versetzt haben, weil er meinen Plan durchschaut hat? Nach einer weiteren Stunde glaubte ich nicht mehr an sein Erscheinen.
    Ich ließ mich von einem Bären zu ein paar Drinks einladen und vergaß darüber fast meinen ursprünglichen Plan. Dieser Bär war auch ein guter Tänzer und ich war fast froh darüber, daß der Abend nicht nach Plan verlief. Meine Stimmung wurde gelöster und ich forderte den mir gegnübersitzenden Herrn im Dirndl mit der fröhlichen Bauernmädchenmaske zum Tanzen auf. er hatte mich den ganzen Abend schweigend beobachtet und hatte auch nicht getanzt. ich vermutete eine schüchterne Person, die sich nicht traute.Er gefiel mir. Irgendetwas reizte mich an ihm, wahrscheinlich diese Schüchternheit.
    Er war ein ausgezeichneter Tänzer, aber ein großer Schweiger. Bei einem Blues geschah es dann, als ich ihm körperlich sehr nahe kam und mich sehr zu ihm hingzogen fühlte, daß mir unbekannte Gefühle auf mich einstürzten, als hätte mir jemand eine Droge in meinen Drink gegossen. Ich war höchst alarmiert, konnte mich aber nicht gegen das ohnmächtige Gefühl wehren. Ich sah hilfesuchend mein Gegenüber an und blickte in die goldbraunen Augen des Augenjägers, bevor ich geistig entglitt. Als nächstes registrierte ich Mr. Walter neben mir.
    Ich habe sie den ganzen Abend beschattet, sagte er, mir war diese ganze Angelegenheit zu gefährlich für eine Frau. Wir haben hinter dem Buffet gestanden und ständig Ihren Energiefluß gescanned und gleich bemerkt als er sie angegriffen hat. Wir verließen sofort unseren Posten, um Ihnen zu Hilfe zu eilen.
    Sie hatten den menthalen Kampf gegen ihn gewonnen, als wir dazukamen um ihn festzunehmen hatten sie sich bereits wieder gefaßt.Ich war wieder bei mir und meinen Sinnen und fühlte meine Seele wie einen wertvollen Schatz. Die Jagd war zu Ende, dennoch konnte ich mir nicht erklären, wieso ich den Augenjäger nicht schon früher erkannt hatte.Die Erklärung lag im physikalischen Bereich. Der Scanner hatte die telepathischen Schwingungen gestört. Ich hätte den Augenjäger viel früher entdeckt, hätte man mich alleine gelassen. Ich war sauer, man hatte mich um meine Beute gebracht, wie eine Katze um ihre frischerjagte Maus. Ich hatte aber auch Glück gehabt und wieder einmal festgestellt, daß ich mich auf meine Instinkte und telepathischen Fähigkeiten im Unterbewußten verlassen konnte, denn schließlich gelang es mir, wenn auch mit Mühe mich aus der süßen Umgarnung zu befreien, wie eine Fliege aus einem Spinnnetz, dennoch, ein Rest des betörenden Giftes ist in meinen Adern geblieben.
    In manchen Nächten verschafft er sich Zutritt zu meinen Träumen und ich lasse es geschehen. Drer Augenjäger wurde verurteilt. Sein Verbrechen bestand darin, diem Frauen
    glauben zu machen, daß sie ihn begehrten und liebten. Damit vereinnahmte er ihre Seele, nistete sich bei ihnen ein, füllte seine ausgehöhlte Seele mit ihrer Liebe und zehrte von ihren Gefühlen, die er immer wieder entfachte, bis die Frauen emotional ausgeblutet waren und für ihn wertlos.
    Einige versuchten mit ihren Gefühlen selber fertig zu werden, indem sie das Erlebte verdrängten, ohne zu ahnten Opfer eines professionellen Seelenräubers geworden zu sein.Andere suchten Unterstützung beim Therapeuten, der wiederum das SMS auf den Fall. das SMS hatte den Augenjäger dingfest gemacht und ihn zur Therapie für einige Jahre auf eine Insel für psychisch auffällige Persönlichkeiten verbannt.Die Psychologen hatten herausgefunden, daß seine Obsession den Blonden gegenüber, durch die jahrelange Unterdrückung seiner dominanten, blonden, blauäugigen Mutter einerseits und durch eine traumatische erste Ehe mit einer Blonden, die ihn betrogen und tief enttäuscht hatte, andererseits. Durch diese Erlebnisse und eine bedrohliche körperliche Krise, glaubte er seine Seele verloren zu haben.
    Er vollzog einen subtilen Rachefeldzug gegen alles was blond und blauäugig war und was im Entferntesten an die ersten wichtigsten Frauen in seinem Leben erinnerte. Genau betrachtet fehlte es ihm an etwas, was man vielleicht Herzensbildung nennt: Die Fähigkeit aus vollem Herzen zu lieben.
    Übriggeblieben war der Glaube die körperliche Liebe, die ihn wie einen Süchtigen antrieb, immer neue Opfer zu suchen, um das unerfüllbare Verlangen nach Herzenswärme zu stillen.
    Was später aus ihm geworden ist und ob die Therapie erfolg hatte, konnte ich nicht mehr erfahren, da die Unterlagen nach so vielen Jahren unauffindbar waren. Mr. Walter, der Leiter der Abteilung ist schon längere Zeit im Ruhestand nur Miss Wane beharrt auf ihrer Meinung, daß der Augenjäger als nicht therapierbar entlassen wurde, wobei wieder dieser lüsterner Ausdruck in ihr Gesicht einzieht.

  2. #2
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Seelendieb

    das nennt sich wohl trash. es ist aber entweder nicht diffus genug, um neugier zu wecken oder es ist zu klischeeisiert. beides verträgt eine geschichte nur in maßen, sonst schaltet auch das geduldigste leserlein ab.
    die idee ist, mit einer ausnahme, formidabel, keine frage. aber die durchführung?
    das verbrechen ist mir nicht ganz klar geworden. er stiehlt sich in die herzen, aber die will er gar nicht. er will die augen? was bleibt bei den opfern? er stiehlt seelen, aber wie soll das bei frauen gehen? die haben doch (meist) gar keine!
    fragen über fragen.

    die austraismen lasse ich jetzt mal außen vor.

  3. #3
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    AW: Der Seelendieb

    gut, daß der text nicht in den archiven verschwunden ist. eine ausgezeichnete idee, die traditionell und sehr gut als kurzgeschichte erzählt ist. nach der überlänge des ersten interviews kommen die nächsten vier opfer zwar ein wenig kurz, aber doch auf den punkt. die maskerade im dirndl reduziert gerade durch diese lächerliche situation gut auf die metapher des augenjägers hin. schade, daß liz hier nichts mehr dazu gesagt hat

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