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Thema: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Schmerz
    Independence Day


    Am 2. Juli, zwei Tage vor Martins siebzehnten Geburtstag, kam Dad zu letzten Mal aus dem Krankenhaus. Am Abend zuvor hatte Ma noch einmal mit den Ärzten in Washington telefoniert und war danach stumm auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Bett stand jetzt im Arbeitszimmer seines Vaters, der inzwischen ins Erdgeschoß umgezogen war. Die Treppen waren für ihn zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden ...
    In der Nacht hatte Martin Mas Weinen gehört. Das Haus war ausgesprochen hellhörig. Wände und Decken schienen nachts ihre Konsistenz zu verlieren, wurden zu dünnen Membranen, die durch jedes noch so verstohlene Geräusch in Schwingung gerieten.
    Martin hörte, wenn seine Mutter nachts aufstand, um in irgendwelchen Medizinbüchern zu blättern, er hörte, wie sie sich in den Schlaf weinte, und - wenn seine Schwester mit ihrem Freund zu Besuch war - hörte er auch Bettys vom rhythmischen Quietschen der Bettfedern begleitetes Stöhnen. Das war einer der Gründe, warum er Anna nie mit nach Hause brachte. Er fühlte sich belauscht ...
    Doch selbst wenn er allein war, brachte es das Haus fertig, ihn mit allerlei geheimnisvollen Geräuschen wachzuhalten. Balken knarrten, Dachziegel klapperten und der Wind pfiff durch Ritzen und Spalten, die man tagsüber vergeblich suchte. Meist dauerte es lange, bis Martin in einen unruhigen, von wirren Träumen unterbrochenen Schlaf fiel.
    Manchmal träumte er vom Krieg.
    Meist war er dann auf der Flucht - auf der Flucht vor einem namen- und gesichtslosen Feind, von dem er nur eines wußte: daß er ihm nicht in die Hände fallen durfte ...
    Er ist nicht allein. Vor ihm laufen andere Soldaten, die die gleiche beigebraun gefleckte Uniform tragen wie er selbst. Ihre Gesichter kann er nicht sehen, nur ihre Helme und ein wenig verbrannte Haut im Nacken. Sie sind schnell, schneller als er, und allmählich bleibt er zurück. "Wartet!" will er rufen, aber kein Ton dringt aus seiner Kehle. Seine Füße stampfen über den rissigen Boden: brauner Sand, von der Sonne festgebacken. Keine Unebenheit, kein Versteck. Schließlich wird er langsamer, greift nach seiner Waffe. Noch immer wagt er es nicht, sich umzudrehen. Als er es doch tut, sieht er die Wolke, groß, dunkel, drohend. Und sie ist schnell. Er zielt darauf, schießt, nichts geschieht - Ladehemmung. Die Wolke ist jetzt keine Wolke mehr, sondern ein dunkle Wand, die auf ihn zustürmt. Er wirft die Waffe weg, springt auf, aber die Wolke ist schneller, hüllt ihn ein, reißt ihn mit sich fort in die Dunkelheit. "Hilfe!" schreit er lautlos. "Hil ..." ?
    Wenn Martin dann schweißgebadet erwachte, sehnte er sich manchmal zurück an das Ufer des stillen schwarzen Flusses, wo die gläserne Stadt auf ihn wartete. Er hatte schon lange nicht mehr von ihr geträumt. Vergebens suchte er in seiner Erinnerung nach der Melodie, die damals vom anderen Ufer des Flusses zu ihm herübergeklungen war.
    Warum träumte er statt dessen vom Krieg? Es mußte etwas mit seinem Vater zu tun haben. Dabei hatte ihm Dad nie etwas von seinem Einsätzen erzählt. Früher hatte Martin geglaubt, es sei wegen der Geheimhaltung, jetzt war er dessen nicht mehr so sicher. Wenn die Terroristen damals tatsächlich Giftgas eingesetzt hatten, warum machte man dann ein Geheimnis daraus? Was war das überhaupt für eine Krankheit, die seinen Vaters zugrunde richtete - nicht nur seinen Körper, sondern auch die Erinnerung an den Mann, der er einst gewesen war? Wer auch immer daran schuld war, er würde es büßen ...
    Am Nachmittag brachten zwei Sanitäter Dad nach Hause. Sie kamen in einem Krankenwagen der Army mit grün getönten Milchglasscheiben. Die beiden Uniformierten benutzten eine Art Sänfte, um seinen Vater ins Haus zu tragen. Die Szene wirkte wie eine gespenstische Parodie auf einen orientalischen Märchenfilm: Der greise Kalif wird von seinen Dienern in den Palast getragen. - Aber Dad war erst 44 Jahre alt!
    Die Ärzte hatten gesagt, daß Martins Vater eine weitere Operation nicht überleben würde. Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß sie nicht gelogen hatten. Dad - oder das, was die Krankheit von ihm übriggelassen hatte - sah aus, als könne er nicht einmal den nächsten Windstoß überstehen ...


    Fortsetzung folgt


    Gruß
    K.

  2. #2
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    AW: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Fortsetzung folgt


    Ich hoffe das. Diesmal kommst Du schnell in die Gänge, bist eindringlich und machst Lust auf Erklärungen.


    Kriegsträume: Seltsam, ich, friedlichster Mensch, der nie gedient, habe sie auch, fast jede Nacht. Und sie sind grausam, ich bin entsetzlich grausam zu meinen Gegnern, töte, metzele, schlachte und stets in einer hügeligen italienischen Stadt. Woher stammen diese Bilder?
    Vielleicht wären unsere Träume es wert, in einem eigenen Ordner bedeutend zu werden.

  3. #3
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    AW: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Hallo Kassandra,


    bis ich mir ein fertiges Bild mache, sollte ich die Fortsetzung abwarten, daher zum Inhalt und spärlichem Plot nicht viel, mehr zu rein technischen Sachen.


    "Ma" und "Dad" klingen nach den Waltons. Ich finde sie daher für die Geschichte nicht geschickt. Ebenso passen sie mehr zu einem zwölfjährigen Martin wie auch einige Bilder die er benutzt. Zum Beispiel die Sänfte des Kalifen. Das ist kindisch und legt einen noch jüngeren Martin nahe.


    Dann die Szene mit der Schwester und der Hinweis auf eine Freundin (Anna). Das lässt vermuten, dass er sich zumindest im Teenageralter befindet. Also, wie alt ist denn nun Martin?


    Die Überschrift "Independence Day" habe ich auch nicht verstanden. Du beschreibst vermutlich das Golf Syndrom, nicht?


    Schließlich bleibt es beim Erzählen, man erlebt nicht mit. Das finde ich vor allem bei solchen Geschichten traurig. Besser fände ich es, wenn du in den Traum einsteigen würdest als sei er ein echtes Erlebnis und dann "Schweißgebadet wachte er auf!" (Nicht "erwachen" - das ist Dornröschen aus dem hundertjährigen Schlaf!) Dann könntest du den Leser fühlen lassen, statt ihn in der Sicherheit eines Traums zu wiegen.


    Im Augenblick weiß ich noch nicht, worauf du hinauswillst. Es erscheint mir, als sei dein Beitrag ein Mittelstück einer Erzählung, Anfang und Ende fehlen noch. Für den Anfang ist diese Sequenz zu schwach, wobei ich damit nicht den Anfangssatz meine, sondern die Einführung insgesamt, sie gibt viel zu wenige Informationen, die aber auf ein so großes Stück schneller folgen müssten.


    Das waren meine Gedanken dazu, ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen.


    Einen freundlichen Gruß,


    N.

  4. #4
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    Post AW: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Hier die Fortsetzung mit dem korrigierten 1. Teil:


    Schmerz
    Independence Day


    Am 2. Juli, zwei Tage vor Martins siebzehnten Geburtstag, kam Dad zu letzten Mal aus dem Krankenhaus. Am Abend zuvor hatte Martins Mutter noch einmal mit den Ärzten in Washington telefoniert und war danach stumm auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Bett stand jetzt im Arbeitszimmer seines Vaters, der inzwischen ins Erdgeschoß umgezogen war. Die Treppen waren für ihn zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden ...
    In der Nacht hatte Martin ihr Weinen gehört. Das Haus war ausgesprochen hellhörig. Wände und Decken schienen nachts ihre Konsistenz zu verlieren, wurden zu dünnen Membranen, die durch jedes noch so verstohlene Geräusch in Schwingung gerieten.
    Martin hörte, wenn seine Mutter nachts aufstand, um in irgendwelchen Medizinbüchern zu blättern, er hörte, wie sie sich in den Schlaf weinte, und - wenn seine Schwester mit ihrem Freund zu Besuch war - hörte er auch Bettys vom rhythmischen Quietschen der Bettfedern begleitetes Stöhnen. Das war einer der Gründe, warum er Anna nie mit nach Hause brachte. Er fühlte sich belauscht ...
    Doch selbst wenn er allein war, brachte es das Haus fertig, ihn mit allerlei geheimnisvollen Geräuschen wachzuhalten. Balken knarrten, Dachziegel klapperten und der Wind pfiff durch Ritzen und Spalten, die man tagsüber vergeblich suchte. Meist dauerte es lange, bis Martin in einen unruhigen, von wirren Träumen unterbrochenen Schlaf fiel.
    Manchmal träumte er vom Krieg.
    Meist war er dann auf der Flucht - auf der Flucht vor einem namen- und gesichtslosen Feind, von dem er nur eines wußte: daß er ihm nicht in die Hände fallen durfte ...
    Er ist nicht allein. Vor ihm laufen andere Soldaten, die die gleiche beigebraun gefleckte Uniform tragen wie er selbst. Ihre Gesichter kann er nicht sehen, nur ihre Helme und ein wenig verbrannte Haut im Nacken. Sie sind schnell, schneller als er, und allmählich bleibt er zurück. "Wartet!" will er rufen, aber kein Ton dringt aus seiner Kehle. Seine Füße stampfen über den rissigen Boden: brauner Sand, von der Sonne festgebacken. Keine Unebenheit, kein Versteck. Schließlich wird er langsamer, greift nach seiner Waffe. Noch immer wagt er es nicht, sich umzudrehen. Als er es doch tut, sieht er die Wolke, groß, dunkel, drohend. Und sie ist schnell. Er zielt darauf, schießt, nichts geschieht - Ladehemmung. Die Wolke ist jetzt keine Wolke mehr, sondern ein dunkle Wand, die auf ihn zustürmt. Er wirft die Waffe weg, springt auf, aber die Wolke ist schneller, hüllt ihn ein, reißt ihn mit sich fort in die Dunkelheit. "Hilfe!" schreit er lautlos. "Hil..." -
    Wenn Martin dann schweißgebadet aufwachte, sehnte er sich manchmal zurück an das Ufer des stillen schwarzen Flusses, wo die gläserne Stadt auf ihn wartete. Er hatte schon lange nicht mehr von ihr geträumt. Vergebens suchte er in seiner Erinnerung nach der Melodie, die damals vom anderen Ufer des Flusses zu ihm herübergeklungen war.
    Warum träumte er statt dessen vom Krieg? Es mußte etwas mit seinem Vater zu tun haben. Dabei hatte ihm Dad nie etwas von seinem Einsätzen erzählt. Früher hatte Martin geglaubt, es sei wegen der Geheimhaltung, jetzt war er dessen nicht mehr so sicher. Wenn die Terroristen damals tatsächlich Giftgas eingesetzt hatten, warum machte man dann ein Geheimnis daraus? Was war das überhaupt für eine Krankheit, die seinen Vaters zugrunde richtete - nicht nur seinen Körper, sondern auch die Erinnerung an den Mann, der er einst gewesen war? Wer auch immer daran schuld war, er würde es büßen...
    Am Nachmittag brachten zwei Sanitäter Dad nach Hause. Sie kamen in einem Krankenwagen der Army mit grün getönten Milchglasscheiben. Die beiden Uniformierten benutzten eine Art Sänfte, um seinen Vater ins Haus zu tragen. Die Szene wirkte wie eine gespenstische Parodie auf einen orientalischen Märchenfilm: Der greise Kalif wird von seinen Dienern in den Palast getragen. - Aber Martins Vater war erst 44 Jahre alt!
    Die Ärzte hatten gesagt, daß er eine weitere Operation nicht überleben würde. Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß sie nicht gelogen hatten. Dad - oder das, was die Krankheit von ihm übriggelassen hatte - sah aus, als könne er nicht einmal den nächsten Windstoß überstehen...
    Hemd und Jacke schlotterten um seinen Oberkörper, und trotz der brütenden Hitze trug er eine Wolldecke über den Knien. Am erschreckendsten aber war die Veränderung, die sein Gesicht genommen hatte. Es schien auf geheimnisvolle Weise geschrumpft zu sein. Die Haut spannte sich so straff über den Wangenknochen, daß man fürchten mußte, sie könne bei der nächsten Bewegung reißen. Seine Lippen hatten sich zu einem schiefen Lächeln verzogen, das Martin an das Grinsen einer Mumie erinnerte. Mit seiner Sonnenbrille - helles Licht vertrug er schon seit längerem nicht mehr - sah der Mann auf der Sesselsänfte aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Martin stand wie versteinert und konnte seinen Blick nicht abwenden.
    "Na, was ist? Willst du uns nicht reinlassen?"
    Der Junge fuhr zusammen und beeilte sich, den Sanitätern Platz zu machen.
    Er ist mein Vater, dachte er, während die Männer den Sterbenden ins Haus trugen. Was auch immer sie mit ihm gemacht haben, er ist immer noch mein Vater ...
    Aber da war auch noch eine anderer Gedanke - ein Gedanke, den er nie ausgesprochen hatte und auch nie aussprechen würde: Warum ist er damals nicht einfach gefallen, im Kampf, wie andere Soldaten auch?
    Martin hatte immer wieder versucht, ihn aus seinem Bewußtsein zu verdrängen, aber mittlerweile war sein Widerstand beinahe erlahmt. Fünf Jahre war es nun her, daß sein Vater aus dem Krieg heimgekommen war, fünf Jahre, in denen er vor ihren Augen verfallen war, jeden Tag ein wenig mehr. Fünf Jahre, die das Lachen und die Unbeschwertheit der Kindertage aus dem alten Haus vertrieben hatten., in denen jedes Gespräch, jede Lebensäußerung unter der unsichtbaren Anwesenheit des Kranken litt. Betty war nicht wegen des besseren Wetters nach Berkeley gegangen und erst recht nicht, weil das College dort so wahnsinnig exklusiv war. Nein, sie hatte fortgewollt, fort aus diesem Haus. Wenn sie zu Besuch kam, brachte sie stets ihren Freund Tom mit, als bräuchte sie jemanden, der sie vor der eigenen Familie beschützte...
    Es ist nicht gerecht! dachte Martin, während die beiden Sanitäter die Spezialmatratze aufpumpten, die seinen Vater vor dem Wundliegen schützen sollte. Die Matratze wurde von einem winzigen Kompressor angetrieben, der die querliegenden Luftbälge in Bewegung hielt. Seine Mutter beobachte die Männer mit ausdrucksloser Miene, ohne selbst mit Hand anzulegen. Erst als die beiden ihre Arbeit beendeten hatten und sich nach dem Bettzeug erkundigten, fiel sie aus ihrer Erstarrung und brachte das Gewünschte.
    Martin wäre am liebsten auf sein Zimmer gegangen, er wollte das alles nicht sehen. Nicht die Gummidecke, die seine Mutter unter das Bettlaken zog, nicht den mit gelblicher Flüssigkeit gefüllten Plastikbeutel, der zum Vorschein kam, als die Sanitäter die Beine des Kranken aus der Wolldecke wickelten. Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Es geschah, als der Kranke, der sich die ganze Zeit über kaum bewegt hatte, plötzlich die Sonnenbrille abnahm und ihn ansah. Martin sollte den Ausdruck in den Augen seines Vaters nie vergessen. Es waren die Augen eines Mannes, der mehr ertragen hatte, als je ein Mensch ertragen sollte. Und der sich dafür schämte - vor seinem eigenen Sohn, der ihn in diesem unwürdigen Zustand erleben mußte...
    Aber Martin sah in den Augen seines Vaters noch etwas anderes, das ihm Angst machte. Es war eine Bitte, und tief in seinem Herzen wußte der Junge, daß er sie erfüllen würde.
    Vorsichtig legten die Sanitäter den Kranken aufs Bett. Der Ältere, ein Farbiger mit kurzgeschorenem weißen Haar, erklärte Martins Mutter, wie der Urinbeutel gewechselt werden mußte. Sie sah blaß aus, und ihre Mundwinkel zuckten ein paar Mal unkontrolliert. Gleich würde sie anfangen zu schreien...
    Nun macht schon, daß ihr wegkommt! dachte der Junge, von unerklärlichem Groll gegen die beiden Uniformierten erfaßt. Es reicht!


    Fortsetzung folgt


    Hallo N.


    "aufwachen" anstelle von "erwachen" ist sicherlich okay - danke.


    Zu Ma und Dad: "Ma" habe ich rausgewofen (zu kindlich). "Dad" bleibt drin. Selbst ältere Männer benutzen in den Staaten noch zuweilen diesen Terminus für ihre Väter.


    "Independence day" dürfte sich erschließen, wenn man sich das Datum noch einmal ansieht.


    "Golfkriegsyndrom" stimmt mehr oder weniger, da es sich um einen phantastischen Roman handelt, muß es nicht das konkrete Krankheitsbild sein.


    Gruß
    K.

  5. #5
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    Post AW: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Auch wenn's keinen groß interessiert, hier ist die Überarbeitung und Erweiterung ...


    Schmerz
    Independence Day


    Am 2. Juli, zwei Tage vor Martins siebzehnten Geburtstag, kam Dad zu letzten Mal aus dem Krankenhaus. Am Abend zuvor hatte seine Mutter noch einmal mit den Ärzten in Washington telefoniert und war danach stumm auf ihr Zimmer gegangen. Ihr Bett stand jetzt im Arbeitszimmer seines Vaters, der inzwischen ins Erdgeschoß umgezogen war. Die Treppen waren für ihn zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden...
    In der Nacht hatte Martin ihr Weinen gehört. Das Haus war ausgesprochen hellhörig. Wände und Decken schienen nachts an Substanz zu verlieren, wurden zu dünnen Membranen, die durch jedes noch so verstohlene Geräusch in Schwingung gerieten.
    Martin hörte, wenn seine Mutter nachts aufstand, um in irgendwelchen Medizinbüchern zu blättern, er hörte, wie sie sich in den Schlaf weinte, und - wenn seine Schwester mit ihrem Freund zu Besuch war - hörte er auch Bettys vom rhythmischen Quietschen der Bettfedern begleitetes Stöhnen. Das war einer der Gründe, warum er Anna nie mit nach Hause brachte. Er fühlte sich belauscht...
    Doch selbst wenn er allein war, brachte es das Haus fertig, ihn mit allerlei geheimnisvollen Geräuschen wachzuhalten. Balken knarrten, Dachziegel klapperten und der Wind pfiff durch Ritzen und Spalten, die man tagsüber vergeblich suchte. Meist dauerte es lange, bis Martin in einen unruhigen, von wirren Träumen unterbrochenen Schlaf fiel.
    Manchmal träumte er vom Krieg.
    Meist war er dann auf der Flucht - auf der Flucht vor einem namen- und gesichtslosen Feind, von dem er nur eines wußte: daß er ihm nicht in die Hände fallen durfte...
    Er ist nicht allein. Vor ihm laufen andere Soldaten, die die gleiche beigebraun gefleckte Uniform tragen wie er selbst. Ihre Gesichter kann er nicht sehen, nur ihre Helme und ein wenig verbrannte Haut im Nacken. Sie sind schnell, schneller als er, und allmählich bleibt er zurück. "Wartet!" will er rufen, aber kein Ton dringt aus seiner Kehle. Seine Füße stampfen über den rissigen Boden: brauner Sand, von der Sonne festgebacken. Keine Unebenheit, kein Versteck. Schließlich wird er langsamer, greift nach seiner Waffe. Noch immer wagt er es nicht, sich umzudrehen. Als er es doch tut, sieht er die Wolke, groß, dunkel, drohend. Und sie ist schnell. Er zielt darauf, schießt, nichts geschieht - Ladehemmung. Die Wolke ist jetzt keine Wolke mehr, sondern ein dunkle Wand, die auf ihn zustürmt. Er wirft die Waffe weg, springt auf, aber die Wolke ist schneller, hüllt ihn ein, reißt ihn mit sich fort in die Dunkelheit. "Hilfe!" schreit er lautlos. "Hil..." -
    Wenn Martin dann schweißgebadet aufwachte, sehnte er sich manchmal zurück an das Ufer des stillen schwarzen Flusses, wo die gläserne Stadt auf ihn wartete. Er hatte schon lange nicht mehr von ihr geträumt. Vergebens suchte er in seiner Erinnerung nach der Melodie, die damals vom anderen Ufer des Flusses zu ihm herübergeklungen war.
    Warum träumte er statt dessen vom Krieg? Es mußte etwas mit seinem Vater zu tun haben. Dabei hatte ihm Dad nie etwas von seinem Einsätzen erzählt. Früher hatte Martin geglaubt, es sei wegen der Geheimhaltung, jetzt war er dessen nicht mehr so sicher. Wenn die Terroristen damals tatsächlich Giftgas eingesetzt hatten, warum machte man dann ein Geheimnis daraus? Was war das überhaupt für eine Krankheit, die seinen Vaters zugrunde richtete - nicht nur seinen Körper, sondern auch die Erinnerung an den Mann, der er einst gewesen war? Wer auch immer daran schuld war, er würde es büßen...
    Am Nachmittag brachten zwei Sanitäter Dad nach Hause. Sie kamen in einem Krankenwagen der Army mit grün getönten Milchglasscheiben. Die beiden Uniformierten benutzten eine Art Sänfte, um seinen Vater ins Haus zu tragen. Die Szene wirkte wie eine gespenstische Parodie auf einen orientalischen Märchenfilm: Der greise Kalif wird von seinen Dienern in den Palast getragen. - Aber Martins Vater war erst 44 Jahre alt!
    Die Ärzte hatten gesagt, daß er eine weitere Operation nicht überleben würde. Wahrscheinlich war es das erste Mal, daß sie nicht gelogen hatten. Dad - oder das, was die Krankheit von ihm übriggelassen hatte - sah aus, als könne er nicht einmal den nächsten Windstoß überstehen...
    Hemd und Jacke schlotterten um seinen Oberkörper, und trotz der brütenden Hitze trug er eine Wolldecke über den Knien. Am erschreckendsten aber war die Veränderung, die sein Gesicht genommen hatte. Es schien auf geheimnisvolle Weise geschrumpft zu sein. Die Haut spannte sich so straff über den Wangenknochen, daß man fürchten mußte, sie könne bei der nächsten Bewegung reißen. Seine Lippen hatten sich zu einem schiefen Lächeln verzogen, das Martin an das Grinsen einer Mumie erinnerte. Mit seiner Sonnenbrille - helles Licht vertrug er schon seit längerem nicht mehr - sah der Mann auf der Sesselsänfte aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Martin stand wie versteinert und konnte seinen Blick nicht abwenden.
    "Na, was ist? Willst du uns nicht reinlassen?"
    Der Junge fuhr zusammen und beeilte sich, den Sanitätern Platz zu machen.
    Er ist mein Vater, dachte er, während die Männer den Sterbenden ins Haus trugen. Was auch immer sie mit ihm gemacht haben, er ist immer noch mein Vater...
    Aber da war auch noch eine anderer Gedanke - ein Gedanke, den er nie ausgesprochen hatte und auch nie aussprechen würde: Warum ist er damals nicht einfach gefallen, im Kampf, wie andere Soldaten auch?
    Martin hatte immer wieder versucht, ihn aus seinem Bewußtsein zu verdrängen, aber mittlerweile war sein Widerstand beinahe erlahmt. Fünf Jahre war es nun her, daß sein Vater aus dem Krieg heimgekommen war, fünf Jahre, in denen er vor ihren Augen verfallen war, jeden Tag ein wenig mehr. Fünf Jahre, die das Lachen und die Unbeschwertheit der Kindertage aus dem alten Haus vertrieben hatten., in denen jedes Gespräch, jede Lebensäußerung unter der unsichtbaren Anwesenheit des Kranken litt. Betty war nicht wegen des besseren Wetters nach Berkeley gegangen und erst recht nicht, weil das College dort so wahnsinnig exklusiv war. Nein, sie hatte fortgewollt, fort aus diesem Haus. Wenn sie zu Besuch kam, brachte sie stets ihren Freund Tom mit, als bräuchte sie jemanden, der sie vor der eigenen Familie beschützte...
    Es ist nicht gerecht! dachte Martin, während die beiden Sanitäter die Spezialmatratze aufpumpten, die seinen Vater vor dem Wundliegen schützen sollte. Die Matratze wurde von einem winzigen Kompressor angetrieben, der die querliegenden Luftbälge in Bewegung hielt. Seine Mutter beobachte die Männer mit ausdrucksloser Miene, ohne selbst mit Hand anzulegen. Erst als die beiden ihre Arbeit beendeten hatten und sich nach dem Bettzeug erkundigten, fiel sie aus ihrer Erstarrung und brachte das Gewünschte.
    Martin wäre am liebsten auf sein Zimmer gegangen, er wollte das alles nicht sehen. Nicht die Gummidecke, die seine Mutter unter das Bettlaken zog, nicht den mit gelblicher Flüssigkeit gefüllten Plastikbeutel, der zum Vorschein kam, als die Sanitäter die Beine des Kranken aus der Wolldecke wickelten. Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Es geschah, als der Kranke, der sich die ganze Zeit über kaum bewegt hatte, plötzlich die Sonnenbrille abnahm und ihn ansah. Martin sollte den Ausdruck in den Augen seines Vaters nie vergessen. Es waren die Augen eines Mannes, der mehr ertragen hatte, als je ein Mensch ertragen sollte. Und der sich dafür schämte - vor seinem eigenen Sohn, der ihn in diesem unwürdigen Zustand erleben mußte...
    Aber Martin sah in den Augen seines Vaters noch etwas anderes - eine stumme, aber unmißverständliche Aufforderung: Ich muß mit dir reden. Und genau davor hatte der Junge Angst...
    Sein Vater war nie besonders redselig gewesen, aber seitdem er im Rollstuhl saß, sprach er nur noch das Nötigste. Vielleicht versuchte er auf diese Weise zu verbergen, was in ihm vorging. Worüber hätten sie auch miteinander sprechen sollen? Über die Heilungsaussichten oder die nächste Urlaubsreise? Im Grunde war Martin sogar froh über dieses Schweigen gewesen, das seine Mutter und ihn davon entband, jene barmherzigen Lügen auszusprechen, an die sie längst nicht mehr glaubten. Wenn sein Vater jetzt mit ihm sprechen wollte, dann mußte es sich um etwas Wichtiges handeln. Etwas, das sich nicht aufschieben ließ...
    Vorsichtig legten die Sanitäter den Kranken aufs Bett. Der Ältere, ein Farbiger mit kurzgeschorenem weißen Haar, erklärte Martins Mutter, wie der Urinbeutel gewechselt werden mußte. Sie sah blaß aus, und ihre Mundwinkel zuckten ein paar Mal unkontrolliert. Gleich würde sie anfangen zu schreien...
    Nun macht schon, daß ihr wegkommt! dachte der Junge, von unerklärlichem Groll gegen die beiden Uniformierten erfaßt. Es reicht!
    Doch es war noch nicht vorbei.
    Einer der Sanitäter ging hinaus zum Wagen und kehrte mit einem Gerät zurück, das wie ein Bodenstaubsauger aussah. Natürlich war es keiner, sondern ein Sauerstoffkonzentrator, wie der Weißhaarige Martins Mutter erklärte. Für den Fall, das der Kranke unter Atemnot litt, lieferte das Gerät auf Knopfdruck reinen Sauerstoff über eine Nasensonde. Als der Sanitäter die Sonde anlegen wollte, schüttelte der Kranke unwillig den Kopf: "Jetzt nicht!"
    Martin fuhr zusammen. Es war lange her, daß er die Stimme seines Vaters gehört hatte. Und obwohl der Kranke nicht laut gesprochen hatte, klang sie selbstbewußt genug, um ihm Respekt zu verschaffen.
    "Okay, dann eben nicht", murmelte der Weißhaarige schulterzuckend und legte dann Schlauch zurück auf den Nachttisch. "Sie kennen sich ja damit aus."
    "Schon gut", murmelte Martins Vater besänftigt. "Ich glaube, Sie sollten uns jetzt allein lassen."
    "Wie Sie wünschen, Sir." Der Sanitäter richtete sich auf und tauschte einen Blick mit seinem Kollegen, der bereits in der Tür stand. Die beiden sahen aus, als warteten er auf etwas, doch der Kranke schien ihre Anwesenheit vergessen zu haben.
    "Tut mir leid", murmelte der weißhaarige Sanitäter schließlich und wandte sich ebenfalls zum Gehen. "Auf Wiedersehen, Ma'm."
    "Wiedersehen!" sagte Martins Mutter mechanisch, ohne ihn dabei anzusehen. Der Junge sagte nichts.
    An der Tür nahmen die beiden Soldaten Haltung an und salutierten. Das dumpfe Geräusch, mit dem sie die Hacken zusammenschlugen, riß Martin aus seiner Erstarrung. Plötzlich waren Schmerz und Trauer ausgelöscht. Er war nicht mehr beteiligt. Seine Augen nehmen die Bilder auf wie Kamerasensoren und sein Gehirn speicherte sie:
    Klick - eine pergamenthäutige Mumie, die auf Dads Bett lag und grinsend zur Decke starrte.
    Klack - eine in der Bewegung erstarrte Porzellanpuppe mit dem Gesicht seiner Mutter.
    Klock - zwei Sanitäter der US Army, die strammstanden wie Zinnsoldaten und ohne Kopfbedeckung salutierten...
    Und dann geschah etwas, das die Szene vollends unwirklich erscheinen ließ.
    Ein kleiner Junge stand plötzlich neben Bett seines Vaters und betrachtete den Kranken mit nachdenklicher Miene. Er trug ein Trikot der New England Patriots, das ein, zwei Nummern zu groß für ihn war, und ein Basecap.
    "Steve!" wollte Martin rufen, aber sein Kehle war wie zugeschnürt.
    Dennoch schien der Junge etwas gehört zu haben, denn er drehte sich zu ihm um und hob grüßend die Hand.
    Der Umstand, daß sein Freund buchstäblich aus dem Nichts aufgetaucht war, irritierte Martin in diesem Augenblick ebensowenig wie die Tatsache, daß Steve Mancuso seit fünf Jahren tot war, mehr noch: Während die anderen Personen im Raum in seiner Wahrnehmung zu zweidimensionalen Schatten verblaßten, erschien ihm der schmächtige Junge mit dem widerspenstigen Haarschopf als vollkommen real.
    Warum sagt denn niemand etwas? dachte Martin, während die Kamera in seinem Kopf Bild um Bild der seltsamen Szene aufnahm, die anderen müssen ihn doch auch sehen...
    Der Junge hatte die Hand sinken lassen, eine Geste, die hilflos wirkte, fast schon resigniert. Obwohl sich Martin keiner Schuld bewußt war, berührte ihn der Anblick unangenehm. Er spürte, daß etwas zwischen ihnen stand, das früher nicht dagewesen war. Und tief in seinem Inneren wußte Martin auch, was es war: Er hatte begonnen, Steve Mancuso zu vergessen ...
    Er dachte noch darüber nach, als ein heftiger Knall die Fensterscheiben erzittern ließ. Ein Flugzeug hatte die Schallmauer durchbrochen. Automatisch fuhr Martins Blick zum Fenster, aber auf dem kleinen Ausschnitt blauen Himmels war natürlich nichts zu sehen.
    Dennoch hatte sich etwas verändert. Es schien, als habe der Donner eine Art Bann gelöst. Durch das halb geöffnete Fenster drang ein Fülle von Geräuschen in den Raum: Vogelgezwitscher, das Brummen von Rasenmähern, fernes Bremsenquietschen. Mit einem Mal war Martin wieder imstande, seine Umgebung in gewohnter Weise wahrzunehmen. Er mußte sich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, daß Steve Mancuso verschwunden war...

  6. #6
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Schmerz - eine Martin Lundgren-Geschichte

    Es geht durcheinander. Sowohl die Erzählperspektive wechselt zwischen Innensicht und einer beinahe neutralen. Die vermittelten Einzelheiten sind nicht klar zuweisbar: welche sind wichtig, welche redundant, welche dienen dem Erzählten (Haupterzählstrang), welche sind für Nebenhandlungen wichtig? - Die Variante, in der die Gedanken des Helden in kursiv formatierter Schrift wiedergegeben werden, gefällt mir besser. Es wird nicht klar, wer hier im Zentrum steht: der erkrankte Vater, das, was die Krankheit verursachte, die Erinnerungen Martins oder gar die Freude daran, eine solche Geschichte zu erzählen.

    kassandra, Deine Geschichten interessieren hier immer. Sie gehören zu den besten in diesem Forum. - Jammre nicht herum!

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