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Thema: Bei der Arbeit

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Post Bei der Arbeit

    Jeden Donnerstag besuche ich einen Menschen, der sich auf mich freut. Einen Menschen, der niemals Bäcker werden wollte, aber sein Vater ist Bäcker und deshalb er auch. Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben wird, ist wie er. Wenn ich die unscheinbare Glastür- an ihr prangt ein Schild "Privat" - öffne, fühle ich mich, als würde ich in den ungepflegten, ungeliebten Teil der Familie steigen. Vor dieser Tür: Das beste Cafe am Platz, renovierte Fassade, Frühstücksbuffet am Sonntagmorgen. Nur einen Schlüssel weiter und ich befinde mich in Vergangenem. Eine alte Wirtschaft. Alles ist noch an seinem Platz. Die Tische sind für eine Beerdigung gedeckt. Oder für einen Verein. Ich beeile mich nach oben zu kommen. Die Treppe knarrt, Holzstufen. Ich klopfe an, sage dass ich da bin und gehe weiter in die Stube. Es ist wie immer dunkel hier. Muffig auch. Ich öffne das Fenster zur Straße. Herr B. kommt nun, mühsam, seine Gehhilfe hilft. Ich begrüße ihn, er setzt sich und es sind Minuten vergangen. "Ich wollte Sie schon anrufen, es hat gebrannt in Ihrem Viertel", er schaut mich besorgt an. Ich glaube er ist ein wenig verliebt in mich. Seit einigen Wochen will er seine Stunden verplaudern, mehr über mich wissen. Er findet die Übungen anstrengend und möchte, eher als gewöhnlich, seine Gesichtsmassage. "Ich habe davon gelesen, aber es war weit entfernt von mir", ich frage mich, woher er meine Privatnummer hat. "Wollen wir anfangen?"




    "Ich gehe nicht mehr vor die Tür, mich kennen alle hier und sie warten nur darauf, dass mir die Scheiße aus der Windel läuft. Ich mag Quizshows und Kreuzworträtsel."


    "Ich glaube, ich habe diese Krankheit, weil ich Liebeskummer hatte. Und weil ich nie Bäcker werden wollte."


    "Ich will nicht üben, wenn Sie da sind reicht das. Dann merke ich, ob ich schlechter geworden bin, wenn Sie Urlaub haben und nicht hier waren spreche ich schlechter, weniger."


    "Sie verstehen doch auch was ich sage, mein Vater nicht. Er ist schwerhörig und will es nicht wahrhaben."


    "1989 wurde das erste Mal die Diagnose MS gestellt. Ich habe gelacht und ein Kind gezeugt. Ich war verliebt. Und es funktionierte alles so, wie es zu sein hatte. Sie wissen schon. Heute ist nix mehr los, da. Haben Sie einen Freund?"




    Ich höre.
    Ich bin bei der Arbeit.
    Ich höre.
    Ich höre.
    Ich streichle ihn,
    mit meinen Händen,
    bei der Arbeit.
    Seine Stirn, die für sein Alter noch so glatt und faltenlos,
    seine Augenbrauen, er kann sie nicht zusammen ziehen und böse schauen,
    die Nase, sehr fein geschwungen, aristokratisch.
    Seinen Mund, hier wird es schwierig, ich mag keine Schnäuzer, doch er mag ihn und pflegt ihn. Frisch geschnitten.
    Wenn ich meine Ballen um seinen Unterkiefer lege, streiche Richtung Ohr, dann geht er mit. Genießt sie, die Berührung.
    Ich bin bei der Arbeit.
    Und doch keine Hure.
    Meine Hände sind mein Handwerkszeug.
    Ich möchte Gesichter wecken,
    kleine, feine Muskelbewegungen herausfordern.
    Meine Arbeit.
    Die Geister, die ich rief.
    Ein Mensch, der mich mag, weil ich ihn leben lasse.








    [Diese Nachricht wurde von Trist am 24. Januar 2003 editiert.]

  2. #2
    rodbertus
    Laufkundschaft

    AW: Bei der Arbeit

    Du bist in diesem Text viel zu präsent. Wenn Du Dich ein Stück zurücknehmen könntest, könnte der text vielleicht athmen. Versuch es!

  3. #3
    schreibt hier hin und wieder
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    Post AW: Bei der Arbeit

    Danke Robert, für den guten Hinweis. Dies ist ein erneuter Versuch mich im Schreiben von Prosa ein wenig freizuschwimmen. Eine Schreibübung ist das. Mehr nicht. Was mich interessiert ist, ob ich mit der Überarbeitung mehr Luft lassen konnte oder nicht.


    ---------------------------------


    Jeden Donnerstag besucht sie einen Menschen, der niemals Bäcker werden wollte, aber sein Vater ist Bäcker und deshalb er auch. Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben wird, ist wie er. Wenn sie die unscheinbare Glastür- an ihr prangt ein Schild "Privat" - öffnet, fühlt es sich an, als würde man in den ungepflegten, ungeliebten Teil der Familie steigen. Vor dieser Tür: Das beste Cafe am Platz, renovierte Fassade, Frühstücksbuffet am Sonntagmorgen. Nur einen Schlüssel weiter und sie befindet sich in Vergangenem. Eine alte Wirtschaft. Alles ist noch an seinem Platz. Die Tische sind für eine Beerdigung gedeckt. Oder für einen Verein. Sie beeilt sich nach oben zu kommen. Die Treppe knarrt, Holzstufen. Sie klopft an die Bürotür und geht weiter in die Stube. Es ist wie immer dunkel hier. Muffig auch. Kein Fenster ist geöffnet. Herr B. kommt herein, mühsam, seine Gehhilfe hilft ihm. Er setzt sich auf das Sofa und es sind Minuten vergangen. "Ich wollte Sie schon anrufen, es hat gebrannt in ihrem Viertel", er schaut sie besorgt an. Seit einigen Wochen will er seine Stunden verplaudern. Er findet die Übungen anstrengend und möchte, eher als gewöhnlich, seine Massage. "Ich habe davon gelesen, aber es war weit entfernt von mir, wollen wir anfangen?"


    "Ich gehe nicht mehr vor die Tür, mich kennen alle hier und sie warten nur darauf, dass mir die Scheiße aus der Windel läuft. Ich mag Quizshows und Kreuzworträtsel."


    "Ich glaube, ich habe diese Krankheit, weil ich Liebeskummer hatte. Und weil ich nie Bäcker werden wollte."


    "Ich will nicht alleine üben, was bringt das? Es hört mir hier ja doch niemand zu."


    "Mein Vater behauptet man versteht mich nicht mehr. Das sagt er aber nur, weil er schwerhörig ist und es nicht zugeben will."


    "1989 wurde das erste Mal die Diagnose MS gestellt. Ich habe gelacht und ein Kind gezeugt. Ich war verliebt. Und es funktionierte alles so, wie es zu sein hatte. Sie wissen schon. Heute ist nix mehr los, da."


    Sie hört ihm zu und macht ihre Arbeit.
    streichelt ihn,
    Seine Stirn, die für sein Alter noch so glatt und faltenlos,
    seine Augenbrauen, er kann sie nicht zusammen ziehen und böse schauen.
    Die Nase, sehr fein geschwungen, aristokratisch.
    Seinen Mund samt Schnäuzer, er scheint ihn zu mögen und pflegt ihn. Immer frisch geschnitten.
    Wenn sie ihre Handballen um seinen Unterkiefer legt, streicht Richtung Ohr, bahnt sich fast unmerklich Minenspiel in seinen Mundwinkeln an.
    Sein Atmen geht ganz ruhig nach einer Weile.
    Fast könnte man meinen er schliefe.
    Und dann lächelt er.
    Ihr Lohn.

  4. #4
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Bei der Arbeit

    Text gefällt mir heute besser als vor Jahren. Das liegt wahrscheinlich daran, daß ich hier zwei biographische Kontexte herstellen kann: Bäckerei und MS. Diese vitiöse und doch vor allem distante Assoziation bringt mir den Text näher. Der Text selber, wenn ich mein Lesen davon befreie, leistet das nicht. Zwar ist die Zweiteilung eine gelungene Technik, v.a. der zweite teil scheint mir dicht zu sein, doch mir wird nicht klar, worin nun die eigentliche Botschaft des Textes bestehen soll. Für ein Kindheitsmuster ist es zu wenig, für eine Erinnerung zu prätuberant und für eine Kurzgeschichte fehlt es an klarer Zeichnung verschiedener und doch einprägsamer Handelnder.

    Ich versuche mein Glück in zwanzig Jahren noch mal.

  5. #5
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Bei der Arbeit

    Für mich (als Leser) ist der Einstieg in eine Geschichte sehr wichtig:

    ursprüngliche Eröffnung
    Jeden Donnerstag besuche ich einen Menschen, der sich auf mich freut. Einen Menschen, der niemals Bäcker werden wollte, aber sein Vater ist Bäcker und deshalb er auch. Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben wird, ist wie er.
    überarbeitete...
    Jeden Donnerstag besucht sie einen Menschen, der niemals Bäcker werden wollte, aber sein Vater ist Bäcker und deshalb er auch. Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben wird, ist wie er.
    Die Überarbeitung ist aeroliths Ratschlag...sich selbst etwas zurückzunehmen...geschuldet. Trist ist jetzt nicht mehr Erzähler und LY-I zugleich...sondern "nur" noch Erzähler.

    mE macht das nicht den großen Unterschied...Nähe oder Distanz schaffe ich durch den Erzählstil...weniger über die Erzählperspektive.

    Bei beiden Fassungen stört mich "einen Menschen" (Version 1 gleich doppelt)

    das klingt distanziert und aufgesetzt...und widerspricht der eigentlichen Aussage...denn eine Person...die ich jeden Donnerstag besuche...die bezeichne ich nicht als "einen Menschen". Diese Person ist mir bereits so vertraut, dass ich sie mit einem "Attribut" begleite - also einen "liebenswürdigen Single", einen schüchternen Mittvierziger", einen "zerstreuten Gesellen"....oder wie auch immer. Es gibt aber auch die Möglichkeit neutral zu bleiben...und dennoch auf "einen Menschen" zu verzichten...

    Jeden Donnerstag besuche ich einen Bäcker, der nie auch Bäcker werden wollte.....

    ....nun ließe sich der Vater gleich mit einbauen


    aber sein Vater ist Bäcker und deshalb er auch
    Wohl weiß ich was der Erzähler sagen möchte...jedoch das WIE gefällt mir nicht. Mich stört "deshalb"...weil das so klingt als hätte er keine Wahl gehabt. Würde ich dann akzeptieren...wenn im Folgesatz die Begründung mitgeliefert wird. Wenn nicht...dann besser eine Formulierung wie:

    ...aber sein Vater ist Bäckermeister im eigenen Betrieb - und so lag es nah, dass....

    und was mir auch nicht gefällt...das ist "zeitlebens" in Kombination mit wird"

    Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben wird, ist wie er.
    Ich verwende "zeitlebens" nur im Rückblick..bis maximal zum heutigen Tag (Er war/ist zeitlebens ein Spinner)...aber egal...funktioniert auch in die Zukunft gedacht...nur sollte es dann heißen:

    Das Haus seines Vaters, das zeitlebens auch seines bleiben soll, ist wie er

    so oder so...ich frage mich auf wen sich "er" bezieht...auf den Vater...oder auf den Sohn?

    statt nur "er" besser:

    ist wie der(....)selbst





    Wenn sie die unscheinbare Glastür- an ihr prangt ein Schild "Privat" - öffnet, fühlt es sich an, als würde man in den ungepflegten, ungeliebten Teil der Familie steigen. Vor dieser Tür:
    Hier lässt sich schön erkennen...wie Trist (durch den Perspektivwechsel) durcheinander kam.

    ....fühlt es sich für sie an...als würde sie...


    Vor dieser Tür: Das beste Cafe am Platz, renovierte Fassade, Frühstücksbuffet am Sonntagmorgen.
    Vor dieser Tür: Das beste Cafe am Platz, renovierte Fassade, Frühstücksbuffet an Sonntagen.


    Eine alte Wirtschaft. Alles ist noch an seinem Platz. Die Tische sind für eine Beerdigung gedeckt. Oder für einen Verein
    hm...einen für eine Beerdigung gedeckten Tisch, den kann man vielleicht noch als solchen erkennen (Blumenschmuck usw...)...aber was der nachgeschobene Verein hier soll...das ist mir ein Rätsel. Also ich erkenne entweder gar nichts...oder etwas bestimmtes.../...und so würde ich mich auf die Beerdigung festlegen und den Verein weglassen.

    Sie beeilt sich nach oben zu kommen. Die Treppe knarrt, Holzstufen.
    Sie eilt über die knarrende Holztreppe nach oben...


    Herr B. kommt herein, mühsam, seine Gehhilfe hilft ihm
    Gestützt von einer Gehhilfe...müht sich....

    Er setzt sich auf das Sofa und es sind Minuten vergangen.
    ?

    Gestützt von einer Gehhilfe, müht sich Herr B. in den Sessel...


    "Ich wollte Sie schon anrufen, es hat gebrannt in ihrem Viertel", er schaut sie besorgt an.
    Zunächst: das sollten zwei Sätze sein - der zweite "beschreibend"...was einen sorgenvollen Blick auszeichnet.

    Unabhängig davon...klingt das alles nicht sehr logisch. Warum wollte sie "nur" anrufen?


    Seit einigen Wochen will er seine Stunden verplaudern. Er findet die Übungen anstrengend und möchte, eher als gewöhnlich, seine Massage.
    da kann ich nicht folgen


    "Ich habe davon gelesen, aber es war weit entfernt von mir, wollen wir anfangen?"
    Nachdem er bereits davon lesen konnte...macht "aber" keinen Sinn.


    "1989 wurde das erste Mal die Diagnose MS gestellt. Ich habe gelacht und ein Kind gezeugt. Ich war verliebt. Und es funktionierte alles so, wie es zu sein hatte. Sie wissen schon. Heute ist nix mehr los, da."
    "das erste Mal" und "gestellt"...da passt nicht so recht. Es ist weder der Arzt, noch der neutrale Erzähler...der davon berichtet...sondern der Protagonist selbst. Also eher so etwas in der Art von:

    "1989 wurde ich mit der Diagnose MS konfrontiert"

    so erklärt sich dann auch das Lachen - als eine Gegenreaktion (zur Konfrontation)

    Ich lachte, verliebte mich und zeugte ein Kind


    Und es funktionierte alles so,
    wie es zu sein hatte.
    "zu sein hat" passt nicht zu "funktionieren"

    Und es funktionierte alles, so wie man sich das wünscht




    Ich höre.
    Ich bin bei der Arbeit.
    Ich höre.
    Ich höre.
    Ich streichle ihn,
    mit meinen Händen,
    bei der Arbeit.
    Seine Stirn, die für sein Alter noch so glatt und faltenlos,
    seine Augenbrauen, er kann sie nicht zusammen ziehen und böse schauen,
    die Nase, sehr fein geschwungen, aristokratisch.
    Seinen Mund, hier wird es schwierig, ich mag keine Schnäuzer, doch er mag ihn und pflegt ihn. Frisch geschnitten.
    Wenn ich meine Ballen um seinen Unterkiefer lege, streiche Richtung Ohr, dann geht er mit. Genießt sie, die Berührung.
    Ich bin bei der Arbeit.
    Und doch keine Hure.
    Meine Hände sind mein Handwerkszeug.
    Ich möchte Gesichter wecken,
    kleine, feine Muskelbewegungen herausfordern.
    Meine Arbeit.
    Die Geister, die ich rief.
    Ein Mensch, der mich mag, weil ich ihn leben lasse


    Dieser Teil sollte komplett überarbeitet werden
    Geändert von anderedimension (07.10.19 um 15:52 Uhr)

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