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Thema: Descrescendo

  1. #1
    schreibt hier hin und wieder
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    Decrescendo

    Im Blau des Himmels hängt ein Kondensstreifen senkrecht zum Horizont. Wie eine Nabelschnur aus dem Nichts.

    Es war ihr Recht, sich zu betäuben. Auch, bewegungslos liegen zu bleiben. Mit ausgebreiteten Armen, das Gesicht in den kalten Schlamm gedrückt. Es war auch das Recht des Spaziergängers, Hilfe anzufordern. In einem Klinikbett kam sie zu sich. In einen Idiotengurt verschnürt.
    Ich schlendere den Quai entlang und bleibe stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Kaum ein Boot ist mehr auf dem See. Ein angenehmer Spätherbsttag, obwohl die Wetterprognose Sturm und Regen voraussagte. Die Sedativa machten ihren Zustand so stabil wie ihre Nächte traumlos, aus ihrer Erinnerung ein Trümmerfeld. Ganze Filmrollen hatten die Medikamente zerdeppert. Dabei ist man nahezu nichts, ohne Erinnerung. Ich war nicht mehr viel für sie.
    Ein Leben mit Auflagen. Mit dem wenigen Spielraum innerhalb der Strukturen eines Klinikalltags. Früh stand sie auf. Weil die Zeit vor dem koffeinfreien Kaffee eine private war. Verhasst das morgendliche Befindlichkeitsgetue. Ebenso die Manische von nebenan, die geil auf sie war. Zum Brot Butterportionen wie im Hotel. Vierfruchtmarmelade. Und das Klimpern der Schlüsselbunde, wenn die Betreuer von den zu Betreuenden nach Hause gingen. Dahintropfende Abendstunden auf dem schwarz gesprenkelten, grauen Linoleum.
    Die Therapeuten konnten sie nicht zum Malen bewegen. Dazu war ihr Zustand zu stabil. Ein Mensch mit gesteigertem Speichelfluss. Eine Frau ohne Menstruationsblut. Ich ahnte ihr Leiden, aber auch mit mir wollte sie nicht reden. Sie vergass zuweilen zu menscheln. Ihre Worte hätten ohnehin bloss Wunden in den Himmel gerissen.
    Es ist nicht leicht, eine Künstlerin zu sein. Es ist nicht leicht, der Umwelt eine Künstlerin zu sein. Und es ist nicht leicht, als Frau im Körper eines Mannes zu leben. Es ist auch nicht leicht, alle Formalitäten über sich ergehen zu lassen, bis man endlich die nötige hormonelle und operative Korrektur erfährt. Und auch dann wird es nicht auf einmal leicht.

    Ein alter Mann mit Hut bröckelt Brot ins Wasser. Ein Schwarm Enten schnappt nach den Brocken. Für den Mann ist es wohl zu hart geworden. Danach geht er an einem Stock seines Weges.
    Eine Woche ist es nun her, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Noch vor einigen Wochen sind wir zusammen durch die Toskana gereist.

    Januar. Die Sonne schiebt nur flüchtig Wolken auseinander. Kaum Verkehr auf der A-13. Sicher steuert sie den Wagen. Von Zeit zu Zeit singt sie einige Takte mit, Element of Crime. In meinem Kopf hocken Gedanken mit einem langen Schatten. Ich schliesse die Augen und warte auf die Nacht; vergesse allmählich, nicht alleine zu sein.
    Meine Gedanken verziehen sich einer nach dem anderen ins Schwarz hinter dem Fenster, wo sie verbindungslos zurückbleiben, so unfassbar und vage wie die Silhouetten, die an uns vorbeigleiten.
    Auch heute habe ich mir ein frisches Hemd angezogen, aber Stuben, in denen man ganze Kindheiten verbringen könnte, kenne ich keine. Ich harre einer Stille, die weiss sein müsste. Unaufdringlich und weiss.
    Vor der Grenze stupst sie mich in die Seite. Der Pässe wegen. Aber die Grenzbeamten interessieren sich nicht für uns. Der schwere Wagen wird gelangweilt durchgewunken. Trotzdem halte ich mich an den Pässen fest. Mailand. Eine Hydra aus Autobahnen und Fabrikkontainern drängt sich zum Zentrum. Neuschnee liegt. Zehn Zentimeter ungewöhnliches Weiss. Hier bleibt nichts lange weiss.

    In der Toskana liegen Hügel wie Wermutstropfen in ockerumrandetem Grün. Ballet wird getanzt, wenn man genauer hinsieht. Perspektivenballet in Grün. Dazwischen vereinzelte Huren am Strassenrand. Auch ein gelbbeschrifteter, blauer Möbelhausklotz.
    Alle Wege führen nach Rom. Meiner nicht. Ich tauche unter hinter Sonnenbrillenlicht und werde stiller in diesem mich umgebenden, nachdrücklichen Vergessen.

    Die See. Wo im Sommer reihenweise Stundenliegestühle zur Miete stehen, tropft der Regen Ornamente in den Sand. Von der Meeresoberfläche wirft der Aufprall der schweren Tropfen feine Fäden zurück. Als wollte der Regen wieder in den Schoss des Himmels. Aber unter der Oberfläche wird aller Widerstand gefügig. Das Meer wälzt sich weiterhin unbeeindruckt und salzig zum Horizont. Und sie steht da in ihrem gelben Regenmantel wie Mont St.Michel bei Flut und hält sich andächtig eine Muschel ans Ohr.
    "In meinem Kopf", sagte sie einmal, "führt ein Schotterweg zu brachliegendem Grau."
    In meinem verwässert alles zu Erinnerungsfetzen. Erlebtes. Erliebtes. Gelesene Brocken. Filmstreifen. Ich schaue mich um: ein gelber Regenmantel. Regen. Ornamente im Sand. Die Flut kommt. Man kann nicht in ein Erinnerungsgefäss eintauchen. Weil es zu klein ist. Weil man selbst zu klein ist.
    "Ich habe Hunger." Sagt sie.
    Wir gehen ins Städtchen. Nackte Steinmauern und Kopfsteinpflaster. Die Zeit scheint hier still zu stehen oder findet nicht mehr her. Eine ehemalige Festung. Im Sommer von Touristen durchflutet. Eine schwarze Katze kreuzt unseren Weg. Und nur die Katze, trächtig wie sie ist, trägt ein Heute im Schoss.
    Wir sind die einzigen Gäste in dem Altstadtlokal. Das Lokal ist eine Art Mausoleum für Seefahrer. Antiquarischer Ramsch zu Antipasti.
    Der Wein wirft rot und schwer Taue nach uns aus. Ich bestelle Kaffee. Sie fragt nach Feuer, den Rauch schon in der Stimme sagt sie:
    "Ich hätte so gerne ein Kind."
    Draussen regnet es noch immer. Manchmal ist's warm drinnen, und man fragt sich, ob man zu lieben lernt. Und manchmal ist's kalt draussen, und man fragt sich, ob man in sich selbst erkaltet. Reisst dann panikartig ein Fenster auf und wartet.
    Fort, denke ich. Bloss fort. Und fort führe ich ihre Gedanken, dass sie sich tummeln. Mit weichen Knien erzähle ich. Erzähle, was mir grad so einfällt. Von der Toskana. Von was weiss ich was. Linkisch. Unverfängliche Sprachlandschaften. Nur nicht von mir. Von mir erzähl ich immer erst, wenn sie neben mir eingeschlafen ist, nachdem wir miteinander geschlafen haben. Weil mir klar ist, dass man mitten in einem Wort einbrechen kann wie auf dünnem Eis. Wie im Sein, diesem kurzen Augenblick zwischen zwei gestellten Fragen.
    über allem liegt Dämmerung. Abenddämmerung. Ein Hereinbrechen über dem Einbrechen. Ich werde schreiben können, später in der Nacht. In die Dämmerung hineinschreiben. Und aus ihr hinaus. Ein Aufbrechen aus einem kurzzeitigen Zusammenbrechen. Einen Rand aus Worten durchbrechen. Mit einem Blatt Basilikum zwischen den Lippen.

    Ich stehe vor dem Fenster und rauche. Blau und kalt fällt das Neonlicht des Hotelnamens in die Pfützen. Eine eigenartige, in sich zerfallende Stille. In der gegenüberliegenden Häuserwand brennt schon Licht. Eine Frau legt Wäsche zusammen. Als sie bemerkt, dass ich sie beobachte, zieht sie die Vorhänge zu. Ich hole einen Stuhl. Ab und an schieben sich zwei Lichtkegel durch den Fensterausblick, um sich in der rechten oder linken unteren Ecke wieder zu verlieren. Bevor ich mich zu ihrem Schlaf lege, überprüfe ich die Lebenslinien beider Hände. Erst rechts. Dann links. Gewissenhaft und misstrauisch. Später träume ich von einem herrenlosen Kinderwagen, der eine steil abfallende Strasse hinunterschiesst. Immer geradeaus auf eine Bordsteinkante zu. Das Morgen sollte man dem Selbstmörder überlassen und schweigen.

    Garibaldi allenthalben. Noch heute frisst er beinahe jeden Platz mit seinem Namen, geifert frisch gestanzt und sauber geputzt von den Schildern herab den Frauen in den Ausschnitt. Immer geschäftig. Auch in Siena. Wo es sich schickt, älter zu sein und gut und aufgeklärt und heiter und mit dem Spiegel zu verreisen. Wir sitzen auf der Terrasse eines Strassenkaffees, umgeben von Fernweh verpflanzten betagten Müssiggängern. Genauso lässig und weltoffen an einem Chinotto nippend. Auch im Ausland wird man ohne eigenes Verschulden älter, und die Nase bleibt so kurz wie anderswo auch. Und doch, oder eben, wird die Welt dadurch für einen nicht grösser.
    "Du hast ein Erinnerungsgesicht."
    Sagt sie.
    "Immerhin."
    Antworte ich lächelnd und löse einen Streit aus. Eine freundschaftliche Gebärde ist nichts weiter als eine freundschaftliche Gebärde. Der Streit verschlägt ihr die Sprache. Wie immer endet sie in einem schluchzenden Stottern. Tränen rollen ihr über die Wangen. Sie kann nur aus dem tiefsten Innern heraus streiten. Meine Worte prallen an ihrer Intensität ab wie Gummigeschosse. Worte, mehr habe ich nicht. Ich finde nicht mehr die Kraft, ihr zuliebe ein wenig Geschirr zu zerschlagen. Ich könnte sie vielleicht erwürgen, um ihrem verzerrten Gesicht aus meiner Unbeteiligtheit zu helfen. Aber nicht einmal dazu bin ich fähig. Dazu fehlt es mir an Format.

    Im Flur ist es ruhig. Allfällige Schritte versinken einzeln in den Teppichen.
    Ich liege auf dem Bett und denke noch einmal flüchtig an die verwachsen verspielte Spiritualität der materialisierten Tarotkarten. Was gäbe ich für diese arbeitserduldete Marmorplatte auf Tinguelygebein.
    Sie sitzt an dem kleinen, hellbraun furnierten Tischchen, einen Buntstift in der Hand. Alles ist hellbraun furniert. Der Kleiderkasten. Das Bettgestell. Die Nachttische. Die zwei Stühle. Sie hält den Buntstift wie ein Messer und starrt aus dem Fenster. Ihre Strumpfhose hat eine Laufmasche.
    "Vierfruchtlust und Speichelfluss."
    Murmle ich. Sie hört mich nicht. An ihrer eingefallenen Schulter hängen die Arme wie überreifes Affenbrot.
    Von Tag zu Tag wird es schwieriger, den Schwanz in meiner Hand hart werden zu lassen. Sie krümmt sich zur Wand. Bis die Knie die Wand berühren. Das Nachtischchen wirft einen Lichtstrahl auf die grell geblümte Tapete. Ich penetriere mitten in diese blumige Penetranz hinein. Danach bleiben wir keuchend liegend. Zwei Hinterzimmerherzen. Später schauen wir fern. Ein Kind wird eingeschult. Im Hintergrund die stolzen Eltern. Ihre rotumschleifte Liebe rund um die Bonbonniere. Sein zurechtgeklopfter Scheitel. Das Kind trägt eine Schuluniform.

    Regenfetzen, dahergeweht in krummbogigen Böen. Ein Bild zum Malen. Ein Bild um drinnen zu bleiben. Kein Bild um im Bild drinnen zu bleiben. Aber schlafen, warum nicht schlafen. Sich unter den Regenbogen legen. Sieben Tage lang. Zu einer Farbpalette erstarrt. Gelb und rot und grün würd's tropfen. Und blau. Einfach nur tropfen. Man könnte ein Gebet dazu murmeln, wenn man sich denn an eins erinnerte. Oder sich ausmalen, das gewaschene Gerüst in neue Farbkübel zu tunken. Dazu müsste man ein wenig verrückt sein. Und es wäre gut, wenn einem dabei keiner zusehen würde. Einmal ein Regenbogenmaler sein. Ich befürchte, ich werde drinnen bleiben. Und mir den Augenblick im Kopfe zu Tode verworten. Ach, Liebes, lass mich. Ich schlafe. Und nein, ich mag wirklich keinen Fisch.

    Wir fahren nach Florenz. Vorbei an androgynen Werbetafelmenschen. Ein lächelnder Einheitsbrei von schönen und möglichst geschichtslosen Frühlingsgesichtern. Werbung als Grundfarbe. Aber was ärgere ich mich. Sie sollen's haben, die Werbefritzen, auch die italienischen, mein Unterbewusstsein.
    Auf einem öffentlichen Parkplatz stehen Autos wie in einem Tetrisspiel. Ein Mann in einem elektrischen Rollstuhl umkurvt die geparkten Wagen. Der Mensch läuft von einem Kreuz zum anderen und kehrt dumpf wieder. Ich schaue zu dabei und rühre mich nicht. Ich registriere. Und stelle kistenweise rote Geranien zwischen mich und die Nachbarn.
    Alles an Florenz ist übertrieben. Von allem gibt es zuviel. Auf dem Ponte Vecchio herrscht ein Durchgangskampf. Wir finden Rettung in einer stillen, stinkigen Gasse. Ein Wind spielt Papierfetzen über den Gehsteig.

    Am Rand meiner Seele verblasst ihr Klavierspiel. Wir leben nur noch nach dem Trägheitssatz. Keiner von uns beiden schreit ein einfaches fick mich oder fick dich in das Verharren. Keiner schreit mehr seine Bedingungen der Liebe. Unser Zusammensein ist mittlerweile so lächerlich wie dieses in jedem Touristenführer angepriesene, rotbefrackte Literatenkaffeehaus. Auch hier wird doch nur Blut ausgeschenkt. Und manchmal ist es der Mann, der zur Frau geht, bis er bricht. Froschnacht. Mein Schluckauf ist läppisch genug.

    "Die Frau in dir trägt schwarz."
    Sagt sie. Ihr Inneres ist ein Weizenfeld. Ein geerntetes und voller Skorpione. Ich sehe mich wie eine Nebelschwade über das Feld ziehen. Und wenn sie ein Gebäude ist, dann weht es mich durch die zerbrochenen Fensterscheiben, ohne Spuren zu hinterlassen. Flüchtig und verflüchtigend. Nach dem Wetter kann man sich telefonisch erkundigen. Aber die Raben ziehen einetwegen ihre Kreise. Und tiefer als man denkt.
    Wenn sie schläft, tastet ihre Hand manchmal nach meinem Haar, wo sie sich dann verkrampft. Ich bleibe reglos liegen und warte. Der Krampf dauert nicht lange.

    In einem Sportgeschäft kauft sie sich ein Bikini. Sie verlässt den Laden, ohne das Retourgeld zu nehmen. Der Verkäufer steht da, in der ausgestreckten offenen Hand liegen zwei Münzen. Ich klaube das Geld aus dicken, fleischigen Fingern. Sie raucht, an eine Strassenlaterne gelehnt. Ihr Körper ist von einer Gänsehaut überzogen. In ihrem Gesicht hockt ein faltenreicher Ekel.

    Der Frühling ist längst vorbei. Mücken belagern unser Hotelzimmer. Sie presst Lavendelblüten zwischen ihre Hände, die sie bewegt, als machte sie mit Holz Feuer. Mit den zerriebenen Krümeln streicht sie mir dann Hals und Arme ein. Wir liegen engumschlungen im Bett, atmen ruhig. Sie entspannt sich aus meiner Umarmung und sackt in den Schlaf. Es riecht streng nach Lavendel. Ich bin alleine.

    Die Zeit zerreisst. Die Tage gleichen einander wie Regentropfen. Ein Warten auf irgendein aussergewöhnliches Ereignis, das diese Eintönigkeit durchbrechen könnte.
    Hinter meinem Rücken flimmert blau der Fernseher. Das Licht wirft meine schattenhaften Umrisse auf den Tisch, verzerrt und kopflos.
    Sie liegt im Bett und schläft. Unter der Decke hat sich ihr Atem rhythmisch eingerichtet. In der Beziehungslosigkeit kann man nicht verschnaufen, höchstens den Atem anhalten.
    "Welt willst du mir zeigen."
    Sagte sie vor der Abreise.
    "Dabei will ich mich nur von ihr an deinem Bauch ein wenig verschnaufen."
    Mehr als die Reise selbst habe ich nicht zu bieten. Im Vergleich mit ihr habe ich nichts erlebt, nichts selbst erlebt. Und ich stehe mir nicht einmal selbst im Weg. Ich führe ein beliebiges Leben und weiss das. Man könnte auch sagen: Ich bin irgendwie zuviel, oder überflüssig. Im Prinzip ist jeder ein nicht unwichtiger Teil vom Ganzen. Nur ist es unmöglich, dermassen umfassend zu denken. Die Tatsache, dass das Ganze ohne einen nicht wäre, ist kein Trost. Manchmal ahnt man zwar die Summe aller Möglichkeiten. Gerade wie man weiss, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden rationalen Zahlen eine unendliche Anzahl von Brüchen möglich ist. Aber das ist ein Wissen ohne weiteren Nutzen. Diese Ahnung lässt einen benommen zurück, betäubt von der verschwenderischen Fälle von Seiendem ohne Anfang und Ende. Sprachlosigkeit noch und nöcher.

    Grossräumig verstreute Dörfer, den Hügeln wie Kronen aufgesetzt. Sie trägt ein weisses Trägerleibchen zu einem hellbeigen Minirock, wie eine Sonntagsschülerin. Dazu einen Basthut mit schwarzer Krempe. Wir erklimmen zu Fuss ein Dorf. Es ist heiss. Sie lächelt. Übermorgen streicht durch Haus und Haar.
    Die Türe zu einer schlichten kleinen Kirche steht einladend offen. Das einfallende Sonnenlicht durchflutet einen Streifen des Kirchenschiffes, ein lichter Teppich zwischen den hölzernen Sitzbankreihen wirft ein stehendes langgezogenes Rechteck auf die Wand über dem Altar. Mein Schatten füllt einen Teil des Rechtecks aus. Eine Handvoll Kerzen brennt. Sie sitzt in einer der hinteren Reihen. Den Hut hat sie nicht abgenommen. In dem Moment beneide ich sie. Sie sitzt auf dieser harten Holzbank wie eine Büsserin. Ich bin der an die Wand projizierte, beobachtende Schatten. Ich stehle mich aus dem Schatten. Unterhalb der Kirche steht ein Haus. Ein Fenster spiegelt gleissend hell das Sonnenlicht, von wo aus es reflektiert durch die offene Kirchentür fällt.

    "Niemand ist gern allein, mitten im Atlantik."
    singt Sven Regener.

    Ich sitze im Bahnhofsbuffet. Ein Mann stopft unentwegt Münzen in den Glückspielautomaten. Den schmalen, scharfen Stich in der Herzgegend begrüsse ich wie einen alten Freund. Ich breite die Zeitung auf dem Tisch aus. Dabei denke ich an sie. Dabei wird der Kaffee kalt. Ich habe mir von einer Verkäuferin ein Parfum für sie aussuchen lassen. Vielleicht wird es heute das richtige sein. Frauen werden sehr alt, bis sie warme Wollmützen tragen. Ich friere.
    Die Buffettochter begleitet ein etwa dreijähriges Mädchen zur Toilette. Um die Tür zu öffnen, muss ein Code eingegeben werden. 2-2-1-2, wie man dem Kind versucht hatte zu erklären. Vergeblich. Die Mutter liest weiter, was in der Zeitung steht. Ihre flache Brust scheint mir nicht recht zu ihr zu passen, auch nicht unter diesen roten Pullover. Ich bedaure, dass man mich nicht meinen Kaffee trinken lässt. Er ist kalt, jetzt, und ich bestelle einen neuen. Die Zeit perlt an mir ab. Sie lässt mich länger als sonst warten.

    Die Fensterscheibe ist beschlagen. Mit einer Handbewegung wische ich mein Gesicht frei. Ich betrachte mein Kinnbärtchen im Zugfenster. Es hält mein Gesicht zusammen. Sie will an einem Ort namens Rosental aussteigen. Ich sehe wie mein Spiegelbild nickt.
    Rosental. Meinetwegen. Mir ist das recht. Auch in Rosental gibt es Freilandeier, biologische, und in geometrischen Bahnen fliessende Bäche.
    "Wir hätten öfters mit dem Zug verreisen sollen." Sagt sie. Im Abteil hinter uns, ich fahre ihr zuliebe rückwärts, was mir nichts ausmacht, reden zwei Reiselustige, Witwen, wie ich vermute, miteinander, ohne sich recht zuzuhören. Sie verraten sich ihre jeweiligen Verstecke für Generalabonnement und Geldbörse und schliesslich die Reiseziele. Ohne allzu unanständig zu sein fallen sie einander in den Momenten des Luftholens ins Wort, abwechslungsweise.
    Die eine macht eine Rundreise: Zürich, Bern, Biel. In Bern wird sie eine Pizza essen. Was solle sie bei diesem Wetter zuhause in der Stube hocken, sagt sie. Sie habe Recht, sagt die andere, um dann ihrerseits zu berichten.
    Man könnte dem Gespräch beiwohnen und schmunzeln, menschenfreundlich schmunzeln, bloss, ich fühle keine Regung in mir. Auch keine Neugierde. Die Gesichter und Dauerwellen der sicher rüstigen Damen kämen mir bekannt vor. Das Vorkommnis ist beliebig. Nicht zwingend. Wie mein Leben.

    Ich dränge sie in dem Couloir in die Richtung, die nicht an den Alten vorbeiführt. Wir steigen aus.
    In Rosental ist immer Sonntag. Schon am Bahnhof. Hier wird täglich und gründlich gekehrt. Kein Zigarettenstummel. Sehr selten ein Kaugummi. Auf einem Werbeplakat die heile Familienwelt einer Niveawerbung. Ein Teig von weiss gebleichten Zähnen. Die Pflastersteine vom Dorfplatz täuschen. Es gibt solche, von Jahrhunderten überzogen, die erlebnisfett und speckig glänzen. Hier glänzt nichts und alles. Ich habe das Gefühl, der Platz sei vor kurzem erst mit dem Staubsauger sauber gemacht worden.
    Sie findet einen gelben Wegweiser. Ein unträgliches Merkmal eines Wanderweges in der Schweiz. Kühl und dunkel nimmt uns ein Waldstück auf. Wir gehen nebeneinander her. Wie immer. Ohne uns an den Händen zu halten. Nicht Arm in Arm.
    Ein Waldarbeiter malt mit roter Farbe Kreuze auf Bäume. Oder Kreise. Ich kann kein System erkennen. Mich fröstelt.
    "Dir ist alles gleichgültig geworden."
    Ich antworte nicht. Ich versuche, sie mir mit einem Doppelkinn vorzustellen. Schweigend gehen wir den Weg zurück zum Bahnhof.
    Ich schiebe eine Banknote in den Billettautomaten und entnehme Fahrkarten und Retourgeld. Auf einer Wartebank sitzt eine alte Frau und redet auf ihren Pudel ein, ein Stück Wurst in der Hand. Ein wenig abseits lärmt eine junge Familie. Der Zug kommt.
    Wir sind die einzigen, die einsteigen. Das Abteil ist leer, jetzt. Der Kondukteur wohl wegrationalisiert. Unserem Schweigen fehlt die Konsistenz. Sie schaut aus dem Fenster, hat die Hände zwischen ihren Beinen und dem Polster eingeklemmt, nagt an der Unterlippe. Ich frage nicht, woran sie denkt.
    Der Regionalzug holpert von einem Kaff zum nächsten.

    Im Treppenhaus überfällt mich die konzentrierte Schwerkraft. Die Stufen des Altbaus knarren bedrohlich.
    Ihre 3-Zimmer-Wohnung ist aufgeräumt. Wie immer. Tadellos. Sie stellt eine Tasse dampfenden Tee vor mich hin, wobei ein Teil des Aufgusses überschwappt. Sie setzt sich mir gegenüber an den Tisch und schaut mich fragend an. Wartet. Kaut schon wieder an ihren Lippen. Ich stecke mir eine Zigarette in den Mund. Und sage nichts.
    Die Sekundenzeigerbewegungen der Küchenuhr. Durchzug schlägt eine Türe zu. Ein Fenster kracht gegen Scharniere. Senffarbene Streifen zwischen pechschwarzen Wolken. Licht und Schatten, von einem Blitz auf ihre Konturen geworfen. Ich zähle bis vier. Und schrecke doch zusammen, als es donnert. Ich bemerke ihre rotlackierten Fingernägel.
    Sie pflatscht den tropfenden Teebeutel in den Aschenbecher und verschränkt die Arme über der Brust. Ich inhaliere Rauch in meine Sprachlosigkeit. Ich weiss, eine Zigarettenlänge lang sind wir aufgehoben, dann muss etwas passieren.
    Es zischt, als ich die Kippe auf dem nassen Teebeutel ausdrücke. Sie geht weinend ins Schlafzimmer.
    Ich kann mich dem Schluchzen nicht entziehen, es dringt bis in die Küche. Ich sacke auf dem Stuhl in mir zusammen. Der Sekundenzeiger der Küchenuhr tickt noch immer, Regen prasselt an ein Fenster, sonst ist es ruhig. Ich fühle mich müde. Entsetzlich müde.
    Ich schlurfe ins Schlafzimmer. Und dringe in sie ein. Mitten in dieses Schluchzen. Ich kann nicht anders. Sie ringt nach Atem und streicht mir Rotz auf die Brust.

    Ich muss eingeschlafen sein. Ich träumte von einem Mädchen, das an der Hand eines alten Mannes über eine blumenübersähte Wiese ging. Das Händchen um den Stummel geschlungen, der vom Zeigefinger noch übrig war. An diesem Stummel zappelte blondgelockt das Mädchen und sagte immer wieder 'Grosspapa', wobei es auf diese oder jene Blume zeigte.
    Ich vergesse nicht, das Parfum zu den anderen zu stellen. Im mittlerweile trockenen Teebeutel steckt noch immer die ausgedrückte Zigarette, wie ein Mahnmal. Eine Sage kommt mir in den Sinn, die von einem Verurteilten berichtet, der beim Eintritt des Todes eine Ejakulation hat und die Erde unter dem Galgen befruchtet. Nach Jahren wird im Boden eine menschenähnliche Wurzel gefunden, der eine absonderliche Wirkung nachgesagt wird. Sie soll Menschen töten können oder zusammenführen. Früher sollen die Leute gesagt haben, die Sterbenden lieben die Erde, weil sie zu ihr drängen. Das könnte erklären, warum die Liebe aufrecht stirbt. Sie sollen stinken, die Alraunen, und nicht zu knapp.

    Es regnet in Strömen. Der Scheibenwischer drängt sinnlos Rinnsal um Rinnsal von der Frontscheibe. Ich betrachte gebannt dieses absurde Schauspiel. Mach's gut, schrieb ich auf einen Zettel, den ich zerknüllte und in den Kübel warf. Ich starte den Wagen.

  2. #2
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    AW: Descrescendo

    Alraunen!


    Eine italienische Reise mit Sätzen wie ein Prisma, Totalreflexionen außergewöhnlicher Beobachtungen. Und das Sterben einer Beziehung, die ich Dir glaube, wenn ich mich Deines Gesichtes erinnere.


    Wir haben lange auf beste Prosa gewartet. Es hat sich gelohnt.

  3. #3
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    AW: Descrescendo

    Das gefällt mir sehr gut Monsignore bernouilly. Wird mein Favourit nächsten Monat.


    lg Patina

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Descrescendo

    Lieber bernouilly, einen sehr gelungenen Text hast du hier gelassen.

    Erste Gedanken dazu:


    Er ist kreisförmig konstruiert. Daher erschien mir der Titel "Decrescendo" im Nachinein irreführend. Das Wort meint Töne, die leiser werden bis hin zur Stille. Linear also. Dein Text aber ist nicht linear. Wie es auch das Leben nicht ist. Er, der wortlos wurde, steht ihrer Konsequenz gegenüber und findet seine Sprache wieder. Nun schweigt sie.


    "Ich ahnte ihr Leiden, aber auch mit mir wollte sie nicht reden. "


    Das impliziert seine Gesprächsbereitschaft, seine Stimme. Also wieder Crescendo.
    Es sei denn, der Titel bezieht sich auf ihre Stimme, auf ihr Wort. Das wiederum würde nicht zur Perspektive des Textes passen.


    Ich reite diesen Titel, weil er Töne in mir weckte. Auch wenn von Farben, von einer Malerin die Rede ist, ist doch Stimme und Wort der Hauptaspekt.


    Nochmal ganz deutlich: Der Text ist wundervoll.


    Lieben Gruß von
    Trist





    [Diese Nachricht wurde von Trist am 04. Februar 2003 editiert.]

  5. #5
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Descrescendo

    vielen dank für euer interesse an dieser "trostlosigkeit".


    der titel bezieht sich eher auf die beziehung an sich, an den ton einer beziehung...


    amicalement b.

  6. #6
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Descrescendo

    text ist nicht gelungen. versatzstücke allenfalls. teilweise immerhin ganz nett. aber spreizt sich hierhin und dorthin ohne eins zu werden...


    kann man sich einen epischen atem aneignen? sollte man, gerade wenn man viel will, sich schreibend besonders bescheiden? eine hübsche idee beiseite lassen um des grossen ganzen willen? einer womöglich gelungenen wortschöpfung aufschub gewähren?


    ist schon komisch, manch getexte, im nachhinein. und wie sich einige worte und -schöpfungen wiederholt auch ins aktuelle schreiben legen, als schriebe man recht eigentlich immer am gleichen irgendwie...


    vielleicht sollte man alle paar jahre mal einen eigenen text besonders unter die lupe nehmen, und kommentieren, als ob es nicht der eigene wäre...

  7. #7
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Descrescendo

    Wie kann ein Text nicht gelungen sein, wenn es Leser gibt, denen er gefällt? Waren es nicht "die Leser", die du erreichen wolltest?

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Descrescendo

    weil dem maler der betrachter wurst sein muss, zuweilen, weil er immer der erste betrachter ist und allein den schöpfungsprozess kennt; und trotzdem er vielleicht verschlimmbessert beim über- oder weitermalen. natürlich ist es schön, wenn der betrachter gefallen am bild findet. aber es kann den maler nicht zufriedenstellen, wenn er sieht, dass das bild gefallen will, und sei es meinetwegen durchaus kunstfertig. verstehst?

  9. #9
    pjesma
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    AW: Descrescendo

    das ist ein fantastischer text. und der ist fertig, bernouili. lass die weg,die gedanken, was du anders hättest machen sollen, können, wollen...das ist selbstgeiselung. fertig ist fertig. weiter, neues


    lg

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Descrescendo

    Ein schöner Text. Er zeigt das Verschwinden einer Liebe in den Alltäglichkeiten - allerdings erhobenen Hauptes - dolce vita. Doch auch in Minirock und mit dem Wunsche nach Nachkommenschaft bleibt das großbürgerlich affizierte Gefühl der Leere. Es fehlt dem text eine Richtungsänderung, ein antithetisches Moment. Er plätschert saftlos einem Abgrund zu, den jede Liebe früher oder später durchfließen muß, meist versickert sie dann in diesem Ab-Grund.
    ich vermute, b. hat sich in diesem text schlichtweg ausgeheult - daher die spätere Abkehr vom eigenen Schicksalsentdöns.

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