Viele kennen den Liederzyklus Winterreise von Franz Schubert. Nur wenige wissen, dass die Texte dazu von Wilhelm Müller stammen, einem Dessauer Dichter, der von 1794-1827 lebte. (Schubert lebte von 1797-1828). Es ist kein Zufall, dass dieser Zyklus - Schubert wählte die 24 Gedichte aus dem zweiten Band 'Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten' aus - in Schuberts Liedschaffen eine Sonderstellung aufweist. Zu Lebzeiten Schuberts fand er nur wenig Anklang und Anerkennung, sogar die Freunde Schuberts lehnten die Vertonung weitgehend ab. Zu krass, zu expressiv, zu düster schienen ihnen diese Lieder. Schubert aber war überzeugt von seinem Werk, ihm bedeuteten die Lieder - nach eigenen Worten - 'mehr als alles, was ich bisher (in Liedern) gemacht habe'. Wesentlichen Anteil an der musikalischen Einzigartigkeit haben die Texte Müllers. Sie wären ohne Schubert heute unbekannt. Durch die Vertonung allerdings haben sie - zusammen mit dem zweiten Liederzyklus Schuberts 'Die schöne Müllerin', ebenfalls aus der Textfeder Müllers! - bis heute überlebt und das zu Recht!

Müllers Verse sind romantisch, aber alles andere als kitschig, sentimental oder irgendwie okkult angehaucht. Sie sind knapp, treffend, drastisch und damit sehr modern. Sie sind beinah existenzialistisch in ihrer Fokussierung auf die Grundfragen des Menschen. Liebe bleibt unerfüllt, der Protagonist einsam und verlassen, er ist ein rastloser Wanderer durch eine düstere, kalte Welt. Sein Ende bleibt ungewiss - im Gegensatz zum tragischen Helden der 'schönen Müllerin', der sich aus unerwiderter Liebe das Leben nimmt. Schubert hat diese Gedichte kongenial vertont. Seine musikalische Expressivität, die melodische Kargheit und die harmonische Dürre, sind waren bis dahin und weit danach unbekannt und unerreicht. Die Winterreise steht bis heute wie ein Monolith auf der Steinhalde aller Lieder aller Genres.

Leider gibt es nur wenige kongeniale Aufnahmen des Werks. Die meisten Interpreten versuchen zu glätten, den Gesang Richtung Belcanto schön zu schleifen. Zu gern nur wird klassisch gedämpft und kalmiert, was in der Musik Schuberts schreit und brüllt. Ich bin mit keiner bisher gehörten Aufnahme zufrieden gewesen. Am ehesten sagt mir noch die Interpretation von Julius Patzak zu, sie ist weitgehend frei von Manierismen und Belcanto-Verschandelung.


Hier der erste Vers der Winterreise, Text Wilhelm Müller, Musik Franz Schubert:

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh' ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh', -
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.


Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such' ich des Wildes Tritt.


Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus ?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern -
Gott hat sie so gemacht -
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht !


Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad' um deine Ruh'.
Sollst meinen Tritt nicht hören -
Sacht, sacht die Türe zu !
Schreib im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab' ich gedacht.