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Thema: Der Wissenschaftsbetrieb

  1. #1
    Kurzvormabschussiger
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    Unhappy Der Wissenschaftsbetrieb

    Hier will ich eine Diskussion lostreten, die durch den nachfolgenden Zeit-Artikel ausgelöst wird:
    Vom fehlenden Nutzen der Universitätsphilosophie für das Leben


    Von Ludger Lütkehaus




    Illustration: Matt Mauhrin


    Der Philosoph Julian Nida-Rümelin ist Kulturstaatsminister. Der Philosoph Peter Sloterdijk, zum Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung gewählt, plant mit dem ZDF ein philosophisches
    Fernsehquintett. Hat die Philosophen etwa der Praxisrausch gepackt? Drängt es sie am Ende gar ins wirkliche Leben?


    Gemach! Da ist nach wie vor die Universitäts-, die Kathederphilosophie. Wo drängende Probleme auf der Tagesordnung stehen, da wirbelt sie bestenfalls den Staub der Archive auf. Wo die Menschen auf
    alte und neue existenzielle Fragen Antworten suchen, wendet sie die Buchstaben hin und her und spielt ihre Glasperlenspiele. Wo sie mit dem selbstironischsten Satz ihrer Geschichte den kategorischen
    Imperativ "Zu den Sachen selbst!" verkündet, erschöpft sie sich in Historie und Exegese. Kurz: Wo das Philosophieren an der Zeit wäre, da ist sie dessen universitäre Schwundstufe, das Fach Philosophie.


    Für diejenigen, die weiterlesen möchten:
    http://www.zeit.de/2001/21/Wissen/20...ilosophie.html (alt) https://www.zeit.de/2001/21/Fachgiga...d_Lebenszwerge (neu)


    Hier wird behauptet, daß die akademische Philosophie eher einer Selbstbefriedigung gleichkommt, als einer Befruchtung! Was mein Ihr dazu: Sind die Frankfurter Letztbegründer eine Bereicherung oder eine Last?

  2. #2
    schreibt hier hin und wieder
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Sie sind Unrat, hagen.


    Ich glaube nicht an Letztbegründungen. Das Letzte und Ursächlichste liegt in den Dingen selbst und trägt sie. Vielleicht. Vielleicht liegt das Letzte aber außerhalb. Und wenn wir nur diese Denkoption offenhalten, ist das Rätsel nicht zu lösen, mithin Erforschung der letzten Dinge nicht möglich. Der Glaube ersetzt hier, was nicht zu leisten ist.


    Hab ich gut Kantisch argumentiert?


    Zu Deiner Eingangsfrage: Philosophie sollte immer versuchen, ins Leben zu dringen. Im Prinzip begrüße ich Fernsehdiskussionen mit philosophischem background; ich hege aber die Befürchtung, daß nur geschwatzt und gestritten wird. Philosophieren ist Gespräch, nicht Letztbegründung. Und Philosophieren ist wohl auch immer zu einem guten Teil DIALOG, nicht Quintolog.


    Ein neues Unwort. Ich habe ein neues Unwort geprägt!

  3. #3
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Lieber Rappe,
    schön daß du dich bei der Diskussion beteiligst. Versuche deine Argumentation unter Letztbegründungsaspekten zu reflektieren. Ist das was du zur Letztbegründung schriebst letztbegründet oder unbegründet? Wenn man eine Behauptung aufstellt, muß sie, wenn sie bezweifelt wird, begründet werden - das gibt uns die Last des Irrtums auf.
    Leider ist es so, daß häufig in Medien Diskussionen mißbraucht werden, in dem sie sich mit dem hochtrabenden Prädikat Philosophie auszeichnen, aber nichts als leeres Geschwätz hervorbringen. Dies hat verschiedene Gründe. Selten, daß sich nur Philosophen an einer Diskussion beteiligen. Meistens sind "unqualifizierte" Diskutanten anwesend, die das Niveau herunterziehen. Aber leider können sich auch die Philosophen nicht behaupten und zeigen, daß sie etwas zu sagen haben - darauf zielt der Zeitartikel.


    Gruß Hagen

  4. #4
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Ist ein sehr interessantes Thema, wobei ich aber Deinem Ansatz, diese Frage der Letztbegründung mit Universitätsphilosophie zu verbinden, nicht so recht nachvollziehen kann. Die hat sich vor etwa 200 Jahren von metaphysischen Fragen verabschiedet.


    Was hat ein Stein des Weisen mit der Alltagsvermittlung an Unbedarfte aber immerhin gelegentlich Wollende zu tun?

  5. #5
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Lieber Robert,
    folgendes Zitat aus dem Artikel, auf das ich hinweisen wollte:


    Aber da scheut die Universitätsphilosophie das Risiko. Nichts fürchtet sie mehr als das Dilettieren. Wie gebannt starrt sie auf die Wissenschaften - und weiß doch, wenn sie nicht gerade dem noch von
    Edmund Husserl kultivierten Traum der Vernunft von der Philosophie als "strenger Wissenschaft" oder irgendeinem Frankfurter Letztbegründungswahn anhängt, dass sie diese nie erreichen kann. Das ist der
    Stachel in ihrem kaum noch vorhandenen Fleisch.

    Hier wird der Konflikt, den der Artikel anspricht offenkundig: Philosophie als Meinungsfach - bisschen was zu Medizinethik, bisschen etwas zu Bioethik, vielleicht mal Freitod? Nein, und hier widerspreche ich, Philosophie ist keine Beschäftigung für die gelangweilte Fernsehgeneration, sondern eine ernstzunehmende Wissenschaft! Wer fordert die Mathematiker auf, in einer Talksendung einen Beitrag zu leisten. Mann, haben es die Mathematiker gut!


    Gute Nacht
    hagen


    [Diese Nachricht wurde von hagen am 24. Mai 2001 editiert.]

  6. #6
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Ja, ist denn der Traum des Philosophen wirklich von strenger Wissenschaftlichkeit geprägt? Wohl kaum. Vielleicht bildet sich um den Traum ein Netz des Wissens, eine Korona aus Vernunftschlüssen. Aber das Antriebsmoment der Philosophie ist der Traum des Kommunizierens, der Traum vom Verstehen des Drumherum, des Drinnen und Draußen, das Reden, Sagen und Mitteilenkönnen. Diesen Zweck hat Philosophie: Sie ist ein Mittel, der sich im Zweck befindet, eine Methode zur Erreichung eines höheren Menschdaseins.
    Bei Letztbegründungen kann mir also nur schlecht werden. Ebenso schlecht wird mir, wenn ich Philosophie als Vexierspiel des Verstandes begreifen soll, in der jeder alles behaupßten dürfen soll, solange es nicht widerlegt worden ist. Popper, nein danke. Schon Kant wußte, daß eine Überbordung des Verstandes letztlich Metaphysik erzeugen muß. Er schrieb NACH seinen Kritiken eine "Metaphysik der Sitten", in der er doch zur Philosophie zurückkehrte, die sich ethischen Fragestellungen anbedang. Manche behaupten, dieses letzte Buch (vor dem Friedensbuch) sei sein wichtigstes.


    Das mit dem Meinen ist Kern des Philosophierens, insofern hat sie ihren Platz im täglichen Leben zu finden. Vielleicht haben wir hier verschiedene Auffassungen, Hagen. Das Bißchen, wie Du es nennst, hat hier durchaus seine Berechtigung. Es setzt Akzente des Wirkens in bestimmbare Richtungen, die auf Kommunikation und Toleranz (was auch immer) ausgerichtet sind, insofern ist mir ein Philosoph in jedem Fachbereich nur recht. Und geht es nicht gerade darum, der gelangweilten Fernsehgeneration durch Fragestellungen Impulse zum eigenen Nachfragen zu geben? Sicherlich wird man nie alle erreichen, aber verkenne niemals die Synergieeffekte...

  7. #7
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Hallo Hagen, ich kann diese Leute, die sich in alles einmischen, auch nicht leiden. Mit Philosophie hat das wohl kaum was zu tun.
    Neulich fragte mich ein Freund, wie man die Philosophie dieses Jahrhunderts bezeichnen könne. Ich wußte es nicht.
    Vor lauter Pragmatismus haben wir wohl vergessen, daß Ph. so etwas wie eine Draufsicht ist, die sich kaum mit Alltag befaßt. Ich glaube aber auch, daß die Ph. des 20. Jhd.s mitgemacht haben. (Heidegger) Und weil sie dies machten, glauben sie heute, daß sie sich in Politik und small talk einmischen müßten. Oder aber sie schweigen, trauen sich nicht.

  8. #8
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Hier geht es aber munter durcheinander und immer nach dem Motto: Drauf auf die Philosophie. Momentchen bitte.


    Bo, bitte nicht alle immer und alles pauschal verurteilen. Ich habe einige Schriften Heideggers gelesen und auch Einiges über ihn. Sicher, Stadler habe ich auch gelesen, den muss man als literarisch interessierter Mensch lesen, wenn man sich mit Heidegger mal aus anderer Perspektive beschäftigen will. Aber nach allem bin ich noch zu keinem abschließenden Urteil über Heidegger gekommen, denn es braucht noch viel Zeit, glaube ich, bis man seine zur Sprache gebrachte Weltsicht wird angemessen beurteilen können.
    Das mit den Letztbegründern muss der Artikelschreiber der ZEIT irgendwie nicht ganz richtig auf die Reihe bekommen haben. Das war die Erlanger Schule in den siebziger Jahren. Habermas wollte das immer anders, diskursiver geregelt wissen, aber die Erlanger hatten ganz gute Ansätze, es nicht in dauerndem Gelaber ersticken zu lassen.
    Praktische Philosophie gibt es, seit es Menschen gibt. Philosophen helfen seit den sechziger Jahren in Ethik-Kommissionen in großen US-Krankenhäusern bei entsprechenden Entscheidungen. Neuerdings auch hier in Europa, in Deutschland seit den neunziger Jahren in einigen Universitätsstädten.
    Ist Triage allen ein Begriff?
    Ich wäre jedenfalls froh, wenn Medizinstudenten ab dem vierten Semester nicht nur diesen Begriff kennenlernen, sondern auch ein wenig philosophisch geschulter in der Praxis ihn dann anwenden würden. Das hilft ihnen selbst am meisten!
    Soll ein Leberkranker eine Spenderleber eingepflanzt bekommen, obwohl er seine Lebererkrankung durch Alkoholsucht verursacht hat. Da brodelt der Volksmund - ein philosophisches Wort dazu kann Wogen glätten. Seit Beginn des Empirismus-Wahns hatte die Philosphie sich in einen Dornröschenschlaf begeben, danach in eine Pseudo-Verteidigungsrolle.
    All das hat sie niemals nötig gehabt. Nicht mehr und nicht weniger sagen heutige Philosphen.
    Nicht zuletzt Max Frisch hat uns mit den Physikern gezeigt, wie "schön" Naturwissenschaft ist. Heute im Zeitalter der Gentechnik und -manipulation brauchen wir mehr denn je philosophisches, humanistisches Denken. Angela Merkel, Friedrich Merz, der katholischen Kirche und den Grünen allein möchte ich jedenfalls die Entscheidung über das menschliche Erbgut nicht überlassen.

  9. #9
    Kurzvormabschussiger
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Hallo Diskutanten,
    mit frankfurter Letztbegründer meint der ZEIT-Schreiben mit höchster Sicherheit K.-O. Apel, der einen hoch interessanten Ansatz zur Letztbegründung vorbrachte. Dabei ist anzumerken, daß seine Schriften in Tat fast an Unlesbarkeit grenzen. In seinen Vorlesungen drückte er sich allgemeinverständlicher aus.


    Zur Alltagsgebräuchlichkeit der Philosophie:
    Als die Philosophie zu § 218 oder zur Euthanasie Diskussion Stellung bezog, wie z.B. Hoerster, Singer etc. sind regelrechte Progrome gegen diese Philosophen eingeleitet worden. Es stellt sich die Frage inwieweit ein Meinung, die nicht den "gesunden" Menschenverstand bedient, überhaupt artikulierbar ist.
    Buchheims größter Gegner beim Aufbau seines Museums in Feldafing war ein Landbriefträger, der niemals eine moderne Kunstausstellung besuchte. Leider ist das unsere Wirklichkeit.

    Gruß Hagen

  10. #10
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Hallo!
    a) Bo
    Es hat etwas mit Philosophie zu tun, sich ÜBERALL einzumischen. Gefragt werden darf nach dem Wie. Neulich hatte ich eine Tüte in der Hand, auf der stand "Pößnecker Gelee". Unter dieser Bezeichnung stand der Herstellort, der nicht Pößneck war. Das Gelee schmeckte wie ranzige Erdnußbutter. Ih!
    b) Uis
    Man muß nicht Stadler gelesen haben, um sich Heidegger aus anderer Sicht anzutun. Man muß ihn nur lesen, um schon mal zwei Sichten der Dinge zu haben. Mindestens. Bist Du immer der Gleiche? Jeden Tag? Aber es schadet wohl nicht, Stadler zu lesen. Vielleicht. So pauschal würde ich das nicht behaupten wollen.
    Du thematisierst Diskursethik? Ist das Hagens Thema? Ich bin mir da nicht sicher. Eher würd ich sagen, es geht ihm um Universitätsphilosophie, ihren Nutzen. Weitergefaßt soll überhaupt der Wissenschaftsbetrieb thematisiert sein, denn eindeutig geht es nicht um Philosophie allein, sondern eine besondere Spielart, eben die Universitätsphilosophie, die lehrbare also. Hagen hat da keine bestimmte Richtung im Sinn, will sagen, er ist offen für Gesprächsrichtungen. Nehme ich einmal an, er wollte sich über Diskursethik unterhalten: Dann könnte wir jetzt die Habermas mit den Franzosen vergleichen, Barthes gegen Karl Otto abwägen, Hogrebe gegen Sartre wenden, um schließlich genau das zu tun, was Hagen wohl im Sinne hatte: Geschwätz. Oder nicht im Sinn hatte!
    Zu Deiner Frage, ob ein Alkoholkranker das Recht auf eine Spender-Niere besitzt kann ich nur sagen, ja. Es gibt keine Kranken erster und zweiter Klasse. Dem Manne muß geholfen werden! Wo kämen wir denn hin, wenn der Arzt vor der Behandlung fragt, ob man auch jedes Gesetz und jede Diät eingehalten habe und erst nach positiv bejahender Antwort mit folgender Prüfung durch die Stasi die Behandlung aufnähme?
    Das ist keine philosophische Frage, nicht einmal eine praktisch-ethische, es ist eine Frage des Menschseins. Und jetzt komme mir mal keiner mit dem Einwurf, daß eben das die Philosophie ausmache, daß sie eben verschiedenes zu Verschiedenem zu sagen habe. Hat sie nicht. Ein Philosoph hat nicht entscheidungsbefugt oder mächtig zu sein. Chaos wäre die Folge.
    c) Hagen
    § 218 hat mit Philosophie nichts zu tun. Kein Philosoph sollte sich dazu äußern. Philosophie hat meiner Meinung nach die Aufgabe, auf die Wertsetzungen und Intentionen der Menschen einzuwirken, diese jedoch nicht zu bestimmen. Rechtsstreitigkeiten können nicht philosophisch gelöst werden. Ich habe als Philosoph meine Meinung zu sagen, aber ich habe darüber nicht zu entscheiden. Andererseits gibt es Rechtsphilosophen, die zuweilen klug sein können. - Unentschieden.

  11. #11
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Hallo


    ZITAT
    § 218 hat mit Philosophie nichts zu tun. Kein Philosoph sollte sich dazu äußern.
    ...


    Der § 218 selbst hat mit Philosophie nichts zu tun, jedoch stellt sich sehr wohl die ethische Frage, wann die Würde des Menschen beginnt. Ich empfehle hier sehr, sich mit Hoerster (Abtreibung im säkularisierten Staat) zu beschäftigen. Es gibt Sachverhalte, die können nicht ausschließlich auf Rechtsstreitigkeiten reduziert werden. Was hier auch vollkommen übersehen wird, ist, daß dem Recht die Ethik zugrunde liegt - nicht umgekehrt. Also haben hierzu Philosophen sehr wohl ihren Beitrag zu liefern. Man sollte das Feld hier nicht der Religion überlassen, die den Anspruch erhebt, ausschließlich über Recht und Unrecht zu entscheiden. Daher sind normative Aussagen wie "Kein Philosoph sollte sich dazu äußern" ist schlicht falsch und gefährlich! Des weiteren ist es Unsinn, daß Philosophen Meinungen zu vertreten haben! Vielmehr ist es ihre Aufgabe logisch konsistente Wissenschaftstheorien bzw. ethische Systeme zu entwickeln, die es ermöglichen, objektive Urteile zu fällen, um gerade dem Beliebigen Grenzen zu setzen. Gerade durch solche Beiträge wird dem Vorurteil Vorschub geleistet, daß Philosophie Geschwätz sei!


    Zur Info:
    1. Diskursethik ist Universitätsphilosophie.
    2. Barthes ist Literaturtheoretiker
    3. Apel ist Philosoph
    4. Ein Vergleich zwischen Beiden wäre überflüssig
    5. wenn schon Vergleiche: dann überlassen wir sie Seminaristen

  12. #12
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    das ist ja ein spannender ordner!


    ich sehe das so: jeder hat zum leben mikro-und makrotheoretisch eine haltung, die er mit sich selbst ausdrückt. ohne es zu wissen, steht er für eine philosophie, die er nicht benennen kann. die universitätsphilosophie ist auf der suche nach benennungen. mit benennungen werden diese haltungen greifbar und teilbar. damit aber bieten sie alternativen an, die man nehmen oder lassen kann. den meisten bleiben sie unbewußt und unbekannt, könnten aber ihre leben entscheidend ändern, weil sie ihre haltung zum leben ändern könnten.


    philosophie ist damit dynamik gegen trägheit und statik. selbstverständlich muß sie sich überall einmischen, weil sonst alternativen nicht erkannt werden. die möglichkeit, immer auch anders zu handeln, als wesentliches element des lebens, eröffnet erst die denkräume für alles futur. zwar lebt sich auch das leben selbst vor sich hin, aber kein leben als zu gestaltendes kommt ohne futur aus. da die universitätsphilosophie aus vergangenen wie zukünftigen futuren lebt und kommt und wieder ans leben zurückgibt, ist die eingangs genannte trennung unsinn. pragmatischer unsinn, der sich aus dem nicht-bewußten und unbekannten der masse schöpft.

    der heutigen philosophie, die sich wie precht auf den lebensberater einstellt, ist allerdings die dogmatik abhanden gekommen.
    wie mein philosoph so schön sagt:
    philosophie ohne dogmatik ist leer, dogmatik ohne philosophie blind.
    und was geschieht, wenn die dogmatik abhanden kommt, noch?
    das abhandenkommen der dogmatik etabliert sich als dogmatik. die verheerendste folge ist die meinungslosigkeit, die alle türen für unüberprüfbare, weil alternativlose dogmen öffnet.

  13. #13
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    Unhappy Der Wissenschaftsbetrieb

    Ich sehe es in meinem Arbeitsumfeld; jene, die eigentlich Intellektuelle sind / sein wollen und die Wissenschaft aus - nennen wir es - idealistischen Gründen betreiben - und dann Menschen wie meine Chefin: Professoren, die es als Beruf mit Karrierestufen betrachten.
    Wissen managen.

    Ich habe die letzten zwei Wochen auch so einige Krisen mit der Diss durch. Warum mach ich das nochmal?
    Nein, eigentlich war die Frage nie da.
    Eher ein: Was bringt mir das?
    Irgendwann vorgestern, glaub ich, beschloss ich, dass ich dieses "Bringen" noch nie mochte, setzte mich wieder an den Schreibtisch, wurschtel mich durch und es ist ein permanentes Auf und Ab zwischen "Mut" und "Irr-sinn" und Ruhe bewahren.
    Ich behalte meinen Fokus und sagte diese Woche auch mal NEIN zur Chefin und verfolge das jetzt die nächsten Jahre. Dann entscheid ich mich, ob ich in der Uni bleibe oder in ein Forschungsinstitut außerhalb gehe. Für beides brauche ich die Diss, also wird die jetzt geschrieben.

    Aber wenn ich nur dann Prof werde, wenn ich derart überdreht eine Veröffentlichung nach der anderen abhake, mich auf überteuerten Konferenzen begebe und am Ende nüscht sage, dann ist das nicht mein Weg.

  14. #14
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Wenn jedoch nur diejenigen weitermachen, die später zweifelsfrei nur weitergeben, was ihnen vorgekaut wurde, kann sich ja nix ändern.

    Wurden mal die Veränderungen wissenschaftlicher Standardlehrmeinungen untersucht: Ab einem erkennbaren "Abwanderungsgrad" schließen sie sich immer schneller dem Paradigmenwechsel an. Die Fakten liegen auf dem Tisch, in allen Bereichen. Sie in den Köpfen eine Wirkung hervorrufen zu sehen, benötigt Zeit.

    Mit jedem Ewig-Gestrigen-Kauf-Prof. der natürlicher Weise diese Zeitlichkeit segnet, entsteht Raum für einen frischen Geist.

  15. #15
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Nur das Schlechte muß geändert werden. Diskutabel ist, was das im Wissenschaftsbetrieb ist, das Schlechte? Methoden, Lehrinhalte, Paradigmen?
    Konferenzen sind notwendig, weil sie das persönliche Band knüpfen und manches Mißverständnis ausräumen können. Aber die Grundfrage, die ich hier erahne, lautet doch: Ist der Wissenschaftler ein Brotberufler oder ein Künstler? Geht Kunst nach dem Brot, dann der Wissenschaftler um so mehr. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß die freie Wirtschaft kulanter ist, mehr Freiheiten zuläßt.

  16. #16
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Der Wissenschaftler darf kein Künstler sein... weil ihm die Interpretation fremd bleiben muss.

    Die Auslegung ist der erste Schritt des Irrtums - die Rechenschaft der letzte.

  17. #17
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Das irritiert mich aber sehrlichst, ad, daß Wissenschaft keine Interpretation kennen soll. Was ist denn Interpretation anderes als das Dazwischenschieben des Subjektiven (Erfahrungen aus allen Lebensbereichen) in ein Faktisches (nennen wir es nicht anmaßend Objektives)?

    Irrtum allerdings ist wichtig, denn wer keine Irrwege betrat, der weiß den rechten Weg nicht zu schätzen, den jeder irgendwann doch nicht nur zu finden, sondern auch zu erweitern hofft. Du nicht?

  18. #18
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Natürlich neigt auch der Wissenschaftler zur Interpretation - er ist Mensch, kann sich dagegen kaum wehren.

    Der Künstler und der Wissenschaftler erhalten (von Zuhause) jeweils folgende Sms:

    "Wir müssen reden"

    Der Künstler sagt sich: "Es ist vorbei, sie macht Schluss - das war's"....er geht erst gar nicht nach Hause, mietet sich in einem schäbigen Hotel ein, bestellt sich zwei Flaschen Rotwein und verfasst einen dramatischen Abschiedsbrief.

    Der Wissenschaftler antwortet in einer Sms: "Bin um 18:00 zuhause, wie viel Zeit soll ich einplanen?!"

  19. #19
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Das kömmt jeweils auf das Naturell an, nicht auf den vordergründig ausgeübten Beruf. Wissenschaft und Kunst gehen oft miteinander, da sie nun einmal von Menschen betrieben werden. Die jewiligen Antworten könnten auch anders aussehen:

    Wissenschaftler antwortet: "Bringe Luise als Zeugin mit."
    Künstler antwortet: "Um sechs ist es noch hell, da bin ich schlecht sortiert."

  20. #20
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    Ja, hat mit dem Naturell zu tun - dieses entscheidet auch (mit) darüber, ob ich Künstler oder Wissenschaftler werde.

    "Bringe Luise als Zeugin mit."
    ...wäre bereits eine Interpretation. Der Wissenschaftler hält eine Zeugin für nötig, obwohl er den Gesprächsinhalt noch nicht kennt. Er weiß lediglich um den Gesprächsbedarf.

    Die Wissenschaft kennt weder "richtig" noch "falsch", sondern nur die im Nachhinein bestätigte oder unbestätigte Vermutung. Vermute ich die Existenz des Higgs-Teilchens und finde es auch, dann hat sich diese Vermutung bestätigt. Finde ich es nicht, dann könnte es dennoch existieren. Eine Interpretation verbietet sich, sie stünde der Entwicklung im Wege.

  21. #21
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Eine wissenschaftliche Hypothese wird durch die Zeugin von einer persönlichen Realität zu einer anerkannten Wirklichkeit. Wobei auch die wissenschaftlich bezeugte Wirklichkeit oftmals von der Wahrheit weit entfernt ist.

    So glauben wir an den Irrtum, bis wir uns eines Besseren belehren lassen. Daher finde ich den Verweis auf einen immer nur temporären Wissenstand nützlich und wollte ihn damit unterstreichen: Jede wissenschaftliche Theorie ist vorläufig, eine statische Wissenschaft wäre schon gestorben. Die Kaufwissenschaft der Industrielobbyisten ist trotzdem eine Schande für ein lebendiges Gehirn.

    Erst, wenn wir wieder erkennen, nichts erkannt zu haben, sehen wir, dass wir nichts so gesehen haben, wie es wirklich ist.

  22. #22
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Sah neulich ein Interview mit der Sprecherin des Computer - Chaos -Clubs. In diesem Club gibt es auch eine Ethik - Kommission. Ethik und Moral sind für den Wissenschaftler wohl die höchsten Hürden. Immer auch die möglichen Konsequenzen im Blick zu haben ... verlangt ihm niemand ab - er muss/kann es von sich aus tun. Aber ich denke, dass der Drang nach Wissen immer siegen wird.

  23. #23
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Das ist wohl eine Wahrheit, das ewige menschliche Streben, allerdings darf man das für die meisten Menschen ausschließen. Ganz böse Onkelz behaupten, man könne es sogar für ganze Völker ausschließen. Doch so lautet das Thema nicht. Es geht um den Wissenschaftsbetrieb. AD bringt die Ethikkommission ins Spiel. Inwiefern hat die etwas mit dem Betrieb zu tun? Ein staatliches Verdikt, dies und jenes Forschungsgebiet NICHT anzurühren, hat noch nirgends etwas bewirkt, denn wie will man Forschung verbieten, von der man noch gar nicht weiß, zu welchen Ergebnissen sie führen wird? Ich muß als Forscher nicht an einem Embryo herumspielen, um Ergebnisse über Embryonen zu erhalten. Oder, wem das jetzt zu abstrus war: Ich muß kein Pferd gewesen sein, um ein guter Jockey zu werden.

  24. #24
    Mitgestalter
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Der Jockey kann nur so gut sein, wie sein Pferd ist. Ethik und Eigenverantwortung wurden strukturell anfänglich unmöglich gemacht.

    Falls es ein Wissenschaftler wagen sollte, eine Meinung zu vertreten, die nicht den Interessen der globalen IG-Farben entspricht, dann ist er weg vom Schreibtisch mit Fenster. Gab mal einen, der es wagte, die Gefahren der Mobilfunkstrahlung gutachterlich zu bestätigen. Beim Interview räumte er seinen Platz gerade...

    Schauen wir mal auf das CERN-Experiment zum nächsten Vollmond: Sie wollen ein kleines schwarzes Loch "machen". Andere sprechen vom Öffnen eines Dimensionsportals, wie bei Stargate...

    Sie beschleunigen schon...

    Dieser satanische Wissenschaftsbetrieb ist die Folge der Abspaltung aus dem Selbst - eine geistige Kernspaltung sozusagen.

    UN-.gemein gemein.

  25. #25
    Resurrector Avatar von aerolith
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    AW: Der Wissenschaftsbetrieb

    Umgekehrt, WSIB. Das Pferd ist zwar wichtig, aber am Ende ist es dem Pferd egal, ob es gewinnt. Es besitzt keinen Ehrgeiz. Das Pferd ist also nur so gut, wie der Jockey, der es reitet, denn der gibt dem Pferd die Richtung und kitzelt die letzten Prozente heraus - aus einer Mähre allerdings kitzelt auch der beste Jockey nicht das Notwendige heraus.

    Auch dem zweiten Gedanken muß ich widersprechen. Es gibt NICHT NUR eine Weltfirma, die alles reguliert, sondern viele Kraftzentren. Marx' Theorie einer sich in einer imperialen Gesamtfirma zusammenfindendem Konsortium hat die Entwicklung Lügen gestraft. Und das hat viel mit der Forschung zu tun. Bill Gates fummelte in Garagen herum und baute eine Weltfirma. Andere Großkonzerne haben um Marktanteile zu kämpfen und verschwinden in der (wirtschaftlichen) Versenkung, jüngst hat es wohl Nokia erwischt, die aber ihrerseits auch aus dem Nichts entstanden waren. Die Liste ist endlos. Daß es Konsortien gibt, die die Jahrzehnte überdauern, will ich nicht bestreiten. Es ist aber NICHT SO, daß Forschungen nur dann stattfinden, wenn es einer Weltfirma paßt. Ob es nun zwischen Marktführern Übereinkünfte gibt, bestimmte Patente nicht zur Anwendung zu bringen, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht gibt es die. Aber ein Wissenschftler kann auch in ein Land gehen, wo die großen Firmen wenig Einfluß haben (die gibt es überall auf der Welt) und dort das Geschäft seines Lebens machen mit einem Patent, das von den Marktführern blockiert werden soll.

    Um den Bogen zum Wissenschaftsbetrieb zu schließen: ein sich ernstnehmender Forscher fragt in seltenen Fällen nach ethischen oder politischen Kontexten. Später mal irgendwann, denke ich, wenn Alter und Weisheit ihn erreichten.

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