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Thema: Die Sau rauslassen

  1. #1
    minnie
    Status: ungeklärt

    Post Die Sau rauslassen

    Die Sau rauslassen


    Weil ich neu war, bekam ich alle Aufgaben, die keiner in der Redaktion machen wollte. Zum Beispiel die Rubrik mit den lustigen Tierfotos, die "Tierisch gut drauf" hieß und deren besonderer Gag eine originelle Sprechblase war.


    "Keine Zoten", sagte der leitende Redakteur. "Und wenn's geht, nehmen Sie erst mal die Fotos aus den Sechzigern, da brauchen wir keine Honorare mehr zahlen."
    Mich beeindruckte sein müder Zynismus. So wollte ich auch sein. Außerdem war ich voller Ehrgeiz. Natürlich hatte ich das ungute Gefühl, daß "Tierisch gut drauf" alles andere als ein Karrieresprungbrett war, aber was dich nicht umbringt, das macht dich stärker, sagte ich mir, und Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Dann würde ich eben die besten originellen Sprechblasen in der Geschichte des Journalismus entwickeln, erlesene Perlen des Humors, funkelnd vor Bosheit und sprachlicher Finesse.


    Mein Bildarchiv waren zwei modrige Pappkartons. Noch am ersten Abend, als die anderen Redakteure gegangen waren, sah ich das Material durch. Kühe, Schweine, Schafe: Abprodukte von Fotoreportagen über die stetig steigende Bedeutung der Landwirtschaft. Allerlei Tierkinder. Katzen, Hunde, Wellensittiche. Jede Menge Zootiere. Ganz zuunterst dann das langweilige Zeug, Weinbergschnecken, nistende Amseln, Bienenköniginnen in Großaufnahme.


    Kurzentschlossen wählte ich ein paar vergilbte Schwarzweißfotos und legte sie auf meinen Schreibtisch. Das oberste zeigte ein fettes Pferd, dem ein Huhn auf dem Rücken saß. Im Hintergrund war eine verwahrloste Scheune zu erkennen.


    Ich widerstand dem Impuls, das Foto in die Kiste zurückzulegen und mich einem anderen Motiv zuzuwenden, einem Welpen vielleicht, der schlafend in einem Pantoffel lag.


    Weil ich jetzt von der Presse war, besaß ich einen Notizblock. Den schlug ich auf und notierte: "Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd." Das kam mir etwas dürftig vor, und so setzte ich dahinter: "Richard III".
    Nach kurzem Nachdenken strich ich alles wieder durch. Viel zu ambitioniert. Nein, der Witz mußte aus der Hüfte kommen. Blitzschnell. Unerwartet. Und genau ins Schwarze treffen. So: Zack -


    An einer Sprechblase wie an einer Bildsäule arbeiten. Meinen nächsten Einfall, "Hoch zu Roß", schrieb ich nicht mal mehr auf. Auch "Vorsicht, Ampel!" nicht und nicht "Da haben wir wohl einen vom Pferd erzählt."


    Pferde, Hühner... Ich ging alles durch, was ich über Pferde und Hühner wußte. Arbeiten wie ein Pferd. Ich will noch härter arbeiten, sagte das Pferd. Hahn im Korb. Dummes Huhn. Krankes Huhn. Hühnerficker. Komm von deinem hohen Roß herunter. Das Ei will klüger sein als die Henne, Huhn oder Ei, Hühneraugen, Pferdefüße. Einen vom Pferd erzählen. Hoch zu Roß. Rösselsprung. Zum weißen Rössel. Die Rösser des Phaeton. Roßkastanie. Das schönste Glück der Erde, Rücken der Pferde. Pferdenarren, Pferdemädchen, Pferdemenschen, Erziehung des Chiron, Tod des Herakles, Houyhnhnms -


    Als ich beschämt nach Hause fuhr, war es halb elf. Sie können sich vorstellen, daß ich in dieser Nacht keinen Schlaf fand. Ich wälze mich herum, während Pferde, Hühner und Kentauren in meinen Wachträumen eine wüste Party feierten.


    "Und?" Der leitende Redakteur drosch mir die Hand auf die Schulter. "Läuft's gut?"
    "Super", log ich. Dann nahm ich das Foto vom Schreibtisch und fragte harmlos: "Das hier ist doch hübsch. Fällt Ihnen was ein?"
    Der leitende Redakteur überlegte. "Pferd", sagte er. "Huhn. Geflügel. Geflügelsalat. Pferd. Pferdestärken. Pferd."
    Dann winkte er unwillig ab. "Ach was, schreiben Sie einfach 'Da wollen wir mal die Sau rauslassen'. Das nehmen wir immer, wenn uns nichts einfällt."


    In den folgenden Jahren versah ich noch viele lustige Tierfotos mit originellen Sprechblasen - "Die Kuh ist noch nicht vom Eis", "Was für ein Hundeleben", "Sie sollten mal was gegen Ihre Schuppen unternehmen, mein Herr" - aber keine noch so gelungene Formulierung konnte mir das Gefühl nehmen, meiner Journalistenehre ein für alle mal entsagt zu haben.


    Minnie Maus
    ---------------
    eidothea@gmx.de

  2. #2
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Die Sau rauslassen

    Wie wäre es denn damit:


    "Die Bestimmung des Huhn ist, es zu tun!"
    "Was?"
    "Ein Pferd zu reiten!"


    Hahahaaahahaa!
    Sehr lustig. Und, was wolltest Du mit Obigem literarisch bedeuten?
    Dann schreibe ich mal: Die Gefühle, als ich meinen ersten Kümmel spalten mußte.

  3. #3
    resurrector
    Status: ungeklärt

    AW: Die Sau rauslassen

    Finde ich gar nicht schlecht. Da schwingt vieles mit, bei aller Belanglosigkeit. Eidothea! Allerliebst. Genug Erscheinungen sind hier vorm geistigen Auge vorübergezogen, aber eine verdichtete Erkenntnis kann des Bauern Vorschlag wohl nicht abgeben.

    Ich hätte mir ein störendes Drittes gewünscht, der Erzähler wabert doch sehr im eigenen Saft.

  4. #4
    Mitgestalter Avatar von anderedimension
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    Renommee-Modifikator
    8

    AW: Die Sau rauslassen

    Huhn auf dem Rücken eines Pferdes, das war die Urbesetzung der Stadtmusikanten - damals noch das Bremer Stadt-Duo

    Schöne Geschichte - und gut zu wissen, dass Journalisten einst so etwas wie ein Ehrgefühl hatten....

  5. #5
    Kurzvormabschussiger Avatar von WirbelFCM
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    AW: Die Sau rauslassen

    Zitat Zitat von anderedimension Beitrag anzeigen
    Huhn auf dem Rücken eines Pferdes, das war die Urbesetzung der Stadtmusikanten - damals noch das Bremer Stadt-Duo
    "Die Bremer Stadtmusikanten - ohne Paul und Ringo"

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