+ Antworten
Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 25 von 34

Thema: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

  1. #1
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    Post Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Schreiben


    Max Frisch schrieb einmal: "Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben, sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen."


    Meine Maturaarbeit hat zum Inhalt: mein Schreiben. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass mein Schreiben eine hoffnungslose Tätigkeit ist, unnütz und aussichtslos: wie die Arbeit des Sisyphos, der von den Göttern dazu verurteilt wurde, unablässig einen Felsblock den Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein dann immerfort wieder hinunterrollte.


    Schreiben ist Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken - ein symbolischer, kein realistischer Akt: das Handeln und die Macht in der Welt haben sich längst vom Denken emanzipiert. Mein Schreiben, meine Sprache, mein Denken sind das Schreiben, die Sprache, das Denken des ohnmächtigen Einzelnen: was ich schreibe, existiert in einer Wirklichkeit, in der Kinder verhungern und die Natur, unsere Lebensgrundlage, zerstört wird, unaufhaltsam. Die atomare Selbstvernichtung der Menschheit ist jederzeit möglich geworden. Mein Schreiben wird daran nichts ändern. Vielleicht nahmen früher die Dichter und Denker für sich die Ewigkeit in Anspruch. Heute glaubt kaum noch einer, dass es eine Ewigkeit, auch nicht eine kleine, für die Menschheit geben wird.


    Dennoch, ich schreibe. Dabei biete ich keine Lösungen und kenne auch keinen Ausweg. Die Frage stellt sich: Bin ich zum Schreiben überhaupt berechtigt? Worin soll dieses Schreibrecht begründet sein? In meiner Leidenschaft für das Schreiben? In meiner Person? In meiner Zeitgenossenschaft?


    Ich habe mehr Fragen als Antworten.


    Frau Aggeler, meine Deutschlehrerin und Begleitperson dieser Maturaarbeit, erzählte mir im vergangenen Sommer, er, als sie ihn einmal dazu einlud, vor ihren Schülern über sein Schreiben zu berichten, habe schriftlich abgelehnt mit einem einzigen Satz: Tut mir leid, aber ich kann Schulzimmerluft nicht eben sehr leiden.
    Vielleicht, sagte sie zu mir, rufen Sie ihn trotzdem einfach einmal an und unterhalten sich mit ihm?
    Ich wählte die Nummer. Nachdem ich es lange hatte klingeln lassen und bereits ans Auflegen dachte, meldete sich doch noch eine Stimme, leise: Werner.
    In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich mir nicht überlegt hatte, was ich eigentlich sagen wollte; dementsprechend umständlich erklärte ich ihm nun meine Situation, formulierte mein Anliegen, ohne es selbst recht zu kennen, ohne Überzeugung.
    Ein Gespräch?
    Ja, sagte ich.
    Tut mir leid, entgegnete am anderen Ende der Leitung der Schriftsteller. Tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass ich die richtige Person dafür bin.
    Er hatte recht, seine Stimme gab ihm recht. Er erklärte mir, er lebe zurückgezogen, eben weil er das nicht könne, reden. Nicht über sich. Nicht über sein Schreiben. Er habe keine Antworten, er wisse nicht, warum er schreibe. Wie ich denn auf ihn gekommen sei, fragte er.
    Froschnacht, antwortete ich.
    Tut mir leid, sagte er nochmals, tut mir wirklich leid.


    Es brauchte ihm nicht leid zu tun, er hatte recht: es bringt nichts, über das eigene Schreiben zu schreiben. Ein Spiegel, der den anderen reflektiert, bleibt leer.


    Albert Camus schreibt über Sisyphos: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."




    Bühnenstück


    Ursprünglich hatte ich die Absicht, meine vor gut zwei Jahren verfasste Semesterarbeit fortzusetzen. Damals galt es, ein in den 20er Jahren angesiedeltes Thema zu bearbeiten. Ich schrieb dann ein Porträt über den Massenmörder Fritz Haarmann, nicht aus wirklichem Interesse, sondern aus Verlegenheit. Ich fand damals beim besten Willen keinen geeigneteren Stoff für mich und entschied mich erst in letzter Sekunde, dem Wink eines Kollegen folgend.


    Bei den Recherchen zu jenem Massenmörder-Porträt stiess ich auf ein Buch mit dem Titel "Die Geschichte eines Werwolfs". Darin wurde Haarmanns Laufbahn erforscht und zugleich auch der Glaube der Gesellschaft an ihre eigene Normalität und Zivilisiertheit. Schnell merkte ich beim Lesen, dass ich mich weniger für Haarmann selbst interessierte als vielmehr für das, was der Autor dieses Buches über Haarmann und seine Zeit sagte. Ich zitiere aus dem Vorwort:


    "Nur mit Widerwillen, ja oft mit Ekel bin ich, ganz andersartige Lebensarbeit unterbrechend, der Chronist dieses Stückes 'Kulturgeschichte' geworden. Aber erstens wurde ich da hineingedrängt durch ein Gericht, das die Wahrheit zu verschleiern drohte und mithin das ewig gültige Recht zu Gunsten des bloss zeitlich geltenden Rechts zu beugen unternahm. Weil aber die Wahrheit bedroht war, so wurde es fast zur Pflicht, folgerichtig durchzugreifen und den gesamten Rechtsfall klar und sachlich vor die Nachwelt zu bringen. Dazu aber kam ein zweites: In Stadt und Schauplatz gewurzelt, war ich der einzige, der Ort, Zeit, Personen und Zusammenhänge völlig übersehen konnte. Und so wurde es auch von dieser Seite her zur Pflicht gegen die künftigen Geschlechter, den merkwürdigsten Rechtsfall unserer Tage aufzubewahren. Es geschah so, dass dem einfachen Leser alle Vorgänge bildhaft lebendig werden, dass andererseits aber auch für die Wissenschaft: Psychologie, Psychiatrie, Strafrecht und Rechtsethik, das Studium dieses Kriminalfalles wertvoll bleibt. Darüber hinaus aber sehe man in dieser Schrift ein Stück Zeitkritik und Charakterkunde; denn in dieser Hinsicht kann dies Buch gelten als ein sinnfälliges Beispiel zu den Lehren, die ich in 'Untergang der Erde am Geist' und 'Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen' über Philosophie der Kultur und in der 'Symbolik der menschlichen Gestalt' zur Psychologie niedergelegt habe.


    Hannover, im Januar 1925.
    Theodor Lessing, Dr. med. und phil. Prof. der Psychologie."


    Die Maturaarbeit ermöglichte mir nun, diesem Theodor Lessing nachzugehen. Ich fand heraus, dass Lessing ein jüdischer Philosoph gewesen ist, geboren am 8. Februar 1872 in Hannover. Er starb am 30. August 1933 in seinem Marienbader Exil, ermordet von sudetendeutschen Anhängern der Nationalsozialisten. Alles zwischen diesen beiden Daten war der Stoff, der mir zur Verfügung stand, den ich gestalten wollte.


    Anfangs hatte ich vor allem die Absicht, in Form eines Bühnenstücks diesen Theodor Lessing aufleben zu lassen, ein Porträt von ihm zu geben. Ich tat es auf dieselbe Weise, wie Lessing selbst vorgegangen war, als er über die Person Hindenburgs einen Aufsatz verfasst hatte: "Als Charakterologe muss unsereins die Züge der Wirklichkeit überzeichnen, das sehen Sie ein. Einfach um die Wahrheit und das Wesen der empirischen Person herauszulösen. So habe ich verschiedene Reden Hindenburgs miteinander kombiniert. Einfach um dadurch einen Gesamteindruck herzustellen. Dieses Mosaik ist dann kein Abklatsch der Wirklichkeit, nein. Vielmehr zeigt es gerade das Wesentliche!"


    Aber dann, während ich schrieb und umschrieb, wurde mir allmählich klar, dass der historische und meinetwegen wirkliche Lessing nicht jener war und sein konnte, den ich mir auf der Bühne vorstellte. Ich glaube, das war der Moment, da ich begriff, was Sinngebung im Nachhinein für den Schriftsteller eigentlich bedeutet. Und ich vergass jenen Theodor Lessing und erfand meinen Theodor Lessing.




    Unterschiedliche Texte, Textarten


    Meine Maturaarbeit besteht aus drei unterschiedlichen Texten und Textarten (einem Bühnenstück, einem Prosatext, einem Gedicht), die auf den ersten Blick nichts miteinander verbindet als ihre gemeinsame Mitte: ich, der Autor.


    Zugegeben, es sind dies eigenständige Texte; jeder einzelne von ihnen kann für sich alleine stehen. Dennoch habe ich sie zusammengefügt und möchte sie im Rahmen dieser Arbeit als Ganzes betrachtet haben. Nicht ohne Grund: die Texte entstammen ein und demselben Prozess, meiner Arbeit am Bühnenstück "Sinngebung des Sinnlosen". Ich begann im August 2002 damit.


    Im November, ich hatte gerade die erste Fassung beendet und war unzufrieden mit dem Resultat, entstand parallel zum Umschreiben der Prosatext "Finistere". Im Nachhinein denke ich, "Finistere" sage etwas aus über mein Leben, das ich führte oder eben nicht führte, als ich an "Sinngebung des Sinnlosen" arbeitete. Da eine Aussage über das Existenzielle aber nie unmittelbar, sondern höchstens mittelbar, verschlüsselt, als Gleichnis, als Bild, als Zeichen gemacht werden kann, also in einem sehr vagen Sinn nur, im Sinn von "Finistere" eben, halte ich diesen Text für am ehesten geeignet und auch berechtigt, meine Arbeit am Bühnenstück zu kommentieren.


    In einer verregneten Dezembernacht, ich schrieb immer noch am Bühnenstück herum und hatte doch bereits fünf verschiedene Fassungen in der Schublade, die mir allesamt missglückt vorkamen, sah ich plötzlich keinen Sinn mehr in dieser Arbeit. Ich hatte Lust aufzugeben und das Bühnenstück ein für allemal in den Kübel zu schmeissen. Ich erinnere mich gut, ich stand dann auf vom Küchentisch, an dem ich immer schreibe, und ging zum Fenster. Auf dem Glas glitzerten die Regentropfen wie kleine Perlen, manchmal rutschte eine nach unten. Die Scheibe wirkte als Spiegel, ich sah nicht nach draussen, sondern hinein in die Küche, in der mein verdoppeltes Ich stand und mich lange anschaute. Gleichmässig trommelten die Tropfen gegen die Scheibe, schlugen wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt auf, ohne mich zu erreichen. Ich musste an M. denken, die im Bett lag und schlief, und an die Entfernung, die ich brauchte zu ihr, um am Bühnenstück arbeiten zu können. Als ich an den Küchentisch zurückkehrte, begann ich ein Gedicht zu kritzeln: für morgen vielleicht.


    Zwischen Weihnachten und Neujahr beendete ich meine Arbeit am Bühnenstück. Ich hatte endlich einen radikal anderen Schluss gefunden... Gleichzeitig entschloss ich mich, nicht das Bühnenstück allein, sondern auch "Finistere" und das Gedicht in die Maturaarbeit zu integrieren - Gesamtbild meines Schreibens im Rahmen der Maturaarbeit.


    Prosatext:


    F i n i s t e r e




    Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könne den Himmel zerstören; das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.
    Das ist schön, sagt sie.
    Ich nicke. Ist von Kafka, sage ich.


    1


    Hundert tote Insekten kleben zerquetscht an der Windschutzscheibe, lange vor dem Erreichen der Landesgrenze. Ich habe Ben Folds im Radio und im Rückspiegel eine schwarze Rauchsäule, die zum Himmel empor steigt. Eine Fabrik brennt. Auf der Gegenfahrbahn rast mit Blaulicht und Sirenengeheul die Feuerwehr vorbei. Ich kurble die Scheibe runter, dass der Wind mir durchs Haar fährt, und lächle, ohne dass man es meinem Gesicht ansieht.




    2


    Entweder oder. Entweder man sucht nicht und findet. Oder man sucht und findet nicht. Schreiben heisst: sich entscheiden, Wort für Wort, immerfort. Das Unwahrscheinliche. Sie stand am Strassenrand und winkte. Eine Anhalterin eben. Ein Auto fuhr vorbei. Der Wind schlug ihr das Haar ins Gesicht. Ich bremste und fuhr zurück. Ich öffnete die Tür. Sie stieg ein und wir fuhren los. Ich kann es mir selbst nicht mehr ganz glauben, im Nachhinein. Schreiben heisst: Wahrheiten erfinden. Auch und gerade, wo man die Wahrheit schreibt.




    3


    Kilometer um Kilometer spulen wir ab auf dem langen grauen Band quer durch Frankreich. Die Landschaft wird flacher, je weiter wir fahren, und unvertrauter. Nicht nur, aber auch, weil das Feld nicht mehr länger Feld, sondern champ heisst. Selbst der Geschmack der Zigaretten ändert sich. Sie schmecken herber, würziger, je kleiner die Entfernung wird zum Meer. Vieles zieht vorbei, wenig bleibt haften. Weder Bäume noch Telefonmasten, weder Verkehrstafeln noch die Bauten, die meistens Bruchbuden sind. Hier wird nicht renoviert, hier überlässt man die Dinge sich selbst. In einem gelbbraunen Feld stehen weisse Kühe. Die Szene mutet ausserirdisch an. Mondkälber, denke ich. Auch das Feld auf der anderen Seite der Strasse ist nicht von dieser Welt. Unter Pastellfarben rollen Strohballen wie schwarze Kugeln über eine endlose Tafel.




    4


    Warum Finistere? Ich zucke die Achseln. Ich weiss nicht, sage ich und denke, dass die eigentliche Frage lauten müsste: Warum nicht Prag? Dann hätte ich immerhin eine Antwort. Weil es Prag nicht gibt. Sie aber hält an ihrer Frage fest: Warum Finistere? Ich zögere. Schliesslich sage ich ihr nicht, dass Vater dort wartet. Weil es das Ende der Welt bedeutet. Sage ich. Ich komm mit dir. Sagt sie.




    5


    Ich steuere uns in die Nacht hinein und durch sie hindurch. Dabei suche ich nach einer Metapher für mein Leben. Dabei fällt mir das Bild eines tropfenden Wasserhahns ein. Dass ich existiere, merke ich, als ein Auto in die Strasse fährt und ich eine Kollision gerade noch vermeiden kann. Sie ist aufgewacht neben mir und macht grosse Augen. Später halte ich am Strassenrand, damit sie hinter ein Gebüsch kann. Ich steige ebenfalls aus und, als ginge es keinen Schritt über den Rand der Selbstverständlichkeit hinaus, folge ich ihr. Das ist kein guter Anfang, sagt sie. Aber immerhin, sage ich, ein Anfang.




    6


    Schreiben, Wort für Wort das Leben aufbrauchen. Wie ein Spaziergang, der zur totalen Ermüdung des Körpers führt, Schritt für Schritt. Am besten auf einem staubigen Kiesweg, dass es knirscht unter den Schuhen. Wir verbringen den Nachmittag damit, in Schaufenster zu blicken. Überall sind Bilder von Künstlern ausgestellt. Später, als es eindunkelt, sehe ich unser gespiegeltes Wir aufblitzen in einem der Fenster. Noch später würden diese zwei Körper schutzlos zerschellen an der Nacht, vielleicht. Wir gehören nicht zusammen, denke ich. Auch von Pont-Aven bleibt nichts als eine Erinnerung, die verdächtig der Ansichtskarte von Pont-Aven gleicht.




    7


    Die Leere des Schreibpults, nachdem ich es als solches eingerichtet und ans Fenster gestellt habe, ist eine Einladung. Ich setze mich hin, gönne mir eine ausgedehnte Verschnaufpause. Mein Blick folgt den Lebenslinien des Holzes, schneidet sich an den scharfen Schnitten im Furnier. Landschaften sehe ich. Und in den Astorten verfratzte Gesichter. Dann tauche ich ab hinter geschlossenen Augenlidern, lasse mich einlullen vom Rauschen der Wellen. Meine Gedanken sind geprägt von Bruchstückhaftigkeit, von Verschiedenartigem. Mosaiksteine, die kein Ganzes ergeben. Nichts hängt zusammen. Dieses Hotel ist kein Hotel. Dieses Zimmer ist kein Zimmer. Ich bin ein Fels, der aus der Brandung ragt, das Meer schiesst auf an meinem Stein.




    8


    Abenddämmerung, schreibe ich, und immer unklarer nehme ich den Raum ein. Grenzen lösen sich auf. Eine Sekunde lang halte ich es für möglich, dass ich gleich verschwinden werde. Was dann bleibt, ist weisses Papier. Schreibland. Sie kommt aus der Dusche und setzt sich aufs Bett. Sie beginnt, in meinem Buch von Kafka zu blättern. Ich schaue ihr zu dabei. Schaue ihre Nacktheit an. Ich sage nichts, ich will sie nicht stören. Oder will mich selbst nicht stören. Nach einer Weile blickt sie auf, lächelnd und fragend. Ich zögere einen Augenblick. Schliesslich sage ich nichts und lächle auch nicht zurück. Sie legt das Buch weg und fängt an zu schluchzen. Ich weiss nicht warum.




    9


    Ich schreibe, was ich sehe. Was ich sehe, ist immer nur eine Oberfläche, sind Oberflächlichkeiten. Hülle, sehe ich, und nie, was drin ist. Aber vieles, was drin sein könnte. Ich setze mich zu ihr aufs Bett. Mit der Spitze meines Zeigefingers fahre ich über ihre Stirn, ihre Nase, ihren Mund. Meine Fingerkuppe, ein Zentimeter Haut, der immer nur Aussenseiten berührt. Das Fassbare. Andere Haut. Sie reibt sich die Tränen aus den Augen, zieht den Rotz hoch in der Nase. Sie nimmt meine Hand in ihre. Glaubst du, dass das Leben einen Sinn hat? Ich antworte nicht. Sie betrachtet lange die Innenfläche meiner Hand. Deine Schicksalslinie ist nur mangelhaft gezeichnet, sagt sie, ausserdem fehlt der Saturnberg. Du kannst in der Hand lesen? Was liest du? Sie zuckt die Achseln. Bist du leer, innerlich? Sie fragt das empfindungslos. Gleichzeitig dreht sie meine Hand um und, ohne auf eine Antwort zu warten, sagt sie: Sieht ziemlich schlimm aus, was du da gemacht hast mit deinen Fingernägeln. Meine Nägel sind so kurz, dass kein Holzspleiss darunter passte, aber das macht nichts, Fingernägel wachsen nach. Nur wenn die Haut einwächst, tut es weh, manchmal. Fingernägelkauend, sage ich, vergesse ich mich am leichtesten. Du bestrafst dich für irgendwas, das ist alles. Sagt sie. Als kennte sie mich.




    10


    Ich frage sie kaum etwas und schweige über das, was ich irgendwo zurückgelassen habe: ein Bild in den Augen anderer, eine Gestalt, die nicht ich, sondern eine Zwangsjacke war, in die man mich gesteckt hatte. Ich rede auch nie von den Bergen, die mir jahrelang die Aussicht versperrten. Ich schweige beharrlich oder erzähle von Kafka. Kafkas Verlobte, sage ich, äusserte einmal den Wunsch, neben ihm zu sitzen nachts, wenn er schreibe. Daraufhin machte er ihr in einem Brief klar, dass dies unmöglich wäre: weil man nicht genug allein sein könne, wenn man schreibt. Weil es nicht genug still sein könne um einen, wenn man schreibt. Die Nacht ist noch zu wenig Nacht. Schreibt Kafka. Sage ich. Und denke, dass auch ich zu meinem Schreiben Abgeschiedenheit brauche.




    11


    Ich kritzle drauflos wie ein Verrückter, eine Zigarette zwischen den Lippen, Tränen in den Augen. Und nicht nur vom Qualm. Alles streiche ich sofort wieder. Nur ein einziger Satz darf stehen bleiben. Nur derjenige, der die ganze Geschichte erzählt. Zu Ende erzählt.




    12


    Atemnot. Ich habe von Vater geträumt und dass er mich erwürgen wollte. Als ich aufwache, hockt die Erinnerung da und grinst, während ich nach Luft schnappe. Ein Wintertag voll Sonne. Alles funkelt, alles ist weiss. Ich folge seinen Fussstapfen im Schnee von gestern. Sie führen weg vom Haus, Richtung Wald. Um in sie zu treten, muss ich grosse Sprünge machen. Ich bin sieben Jahre alt. Über mir fliegt ein Bussard einen vollkommenen Kreis. Ich bleibe stehen und sehe zu, wie der dunkle Vogel höher und höher steigt im wolkenlosen Himmel, obschon er kaum die Flügel bewegt, ganz still, immer höher. Ich habe sie geweckt. Sie streicht mir mit der Hand durchs Haar, während ich weine, mein Gesicht vergraben in ihrem Bauch.




    13


    Wenn ich mir die Faust blutig schlage an der Wand, meine ich dich, Vater. Ich schlurfe hinaus auf den Balkon. Dort stehe ich eine Weile reglos, einen Streifen Bilder im Kopf, und jedes wirft einen langen Schatten. Sonst verbindet sie nichts miteinander. Sie sind aneinander geklebt, ohne eine Geschichte zu ergeben. Ich zünde mir eine Zigarette an und blicke zu gleichgültigen Sternen empor. Die Hände heben, sage ich leise zu mir und hebe die Hände, und nach oben schauen, ist das tiefste Merkmal des Menschen.




    14


    Die Sonne brütet. Nichtstun tut man am besten am Strand und auf dem Bauch. Die Mädchen liegen da, aber auch sie verleihen dem Streifen Wüste keinen Sinn. Die Männer spielen mit Bällen. Die Kinder bauen Burgen aus Sand. Ich geh schwimmen, sagt sie, kommst du auch? Ich gucke ihr nach und bin mir auf einmal ganz sicher, dass sie schön ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, mich selbst nicht zu verstehen. Dann, umhüllt vom Meer, dringe ich ein in sie, unter Wasser. Ja, sagt sie. Salz auf den Lippen. Die Ebbe geht, die Flut kommt.
    Warum ist auf einmal alles so einfach? Sie lacht. Weil wir uns nicht lieben. Sagt sie.




    15


    Mir fällt zu allem nichts mehr ein. Und nichts passiert. Fast nichts. Der Sommer verausgabt sich und ein einmal gesetztes Ultimatum ist abgelaufen. Dennoch atme ich ein und aus und bin so oder so Teil von dem, was da an Leben durch die kopfsteingepflasterten Strassen und Gassen flutet. Was spielt ein weiteres Versäumnis noch für eine Rolle. St. Malo ist fast malerisch. Man denkt daran, Postkarten zu verschicken, wenn man wüsste an wen. Auch hier ist alles ganz auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet. Beinahe gelassen erträgt man das, erträgt man alles. Die flimmernde Luft. Den Geruch von Parfum, Säcken, Schweiss, Fisch, Russ, Holz. Das Gekreisch der Möwen. Strassencafes. Blumen. Ein Flugzeug. Sonnenbrillen. Rucksäcke. Porträtmaler. Ein Puppenspiel. Gedankenlose Blicke, die die Atmosphäre durchlöchern. Und immer wieder ein Kleinkind, das schreit. Es schreit mit seiner gesamten Existenz. Ein Bettler streckt mir einen Plastikbecher entgegen. Ich denke: Ein Merkmal des Menschen ist, dass er Lärm macht, selbst wo er schweigt.




    16


    Welchen Sinn haben Muttermale? Wir sitzen auf der Sonnenterrasse, umgeben von Leuten auf Liegestühlen und an Cafetischen, die unverschämt laut lachen in verschiedenen Sprachen. Sie merkt nicht, dass sie mich mit nichts zu überzeugen vermag. Sie kennt mich nicht. Sie kennt ihre Lage nicht. Doch lebt man immer in Unkenntnis seiner Lage. Vor allem ich. Einmal eine kleine wegwerfende Geste mit der Hand. Ein Abreissen im scheinbar entscheidenden Punkt des Satzes. Dazu ein Fragezeichenblick. Und ich habe sie vernichtet, ohne Absicht, ganz nebenbei. Dann schaue ich weg. Ich merke es nicht, als sie aufsteht und geht. Auch die anderen Menschen nehme ich kaum noch wahr. Die Sonne blutet. Ich sehe zu, wie sie tiefer sinkt und zuletzt den ganzen Horizont mit sich reisst. Der totale Niedergang, sage ich halblaut vor mich hin, lege ein paar Münzen auf den Tisch und verlasse die Terrasse.




    17

    Der Mond ist ein Hundsknochen. Das Meer schnarcht, ein dunkles, glitzerndes Tier. Aber der Versuch, es zu skizzieren, scheitert. Ich weiss, jeder kennt es, jeder liebt es. Und still ist meine Not, mein Entsetzen. Ich habe nichts Grossartiges zu sagen. Doch, denke ich, was ich sage, kann auf diese Weise niemand ausser mir sagen. Aber ich mache mir etwas vor. Auch weil man immer sein Vorhaben hat. Man will immer irgendeine Ecke erreichen, durch irgendeine Tür treten. Um dann zurückzukehren. Jedoch, es gibt keinen Ort, an den ich zurückkehren könnte. Ich schreibe mich über das Ende der Welt hinaus, ins Bodenlose. Als ob es darauf ankäme, dass irgendetwas meine Handschrift trägt.




    18


    Ich träumte von der Zeit. Die Zeit holt mich ein. Die Zeit läuft mir davon. Auf hohen Absätzen und furchtbar schnell. Ich renne ihr nach, denn zweifellos, sie ist schön. Schön in ihrem dunkelroten, schlichten Trägerkleid. Schön mit dem langen, hochgesteckten Haar. Schön von Kopf bis Fuss. Ich verfolge sie, bis sie vor einer Wand steht und nicht mehr weiter kann. Dann. Da. Ursache und Wirkung. Aber Fäden reissen, schon ist man verirrt. Labyrinthisch, träume ich, und die Kausalkette, die sie um ihren Hals trägt, reisst. Die Perlen segeln durch die Luft, prasseln runter auf das Kopfsteinpflaster wie Regentropfen, springen vielleicht nochmals hoch, rollen dann in alle Richtungen, um in ungewisse Spalten zu versickern und in Vergessenheit zu geraten. Als ich aufschaue, ist sie verschwunden. Noch nähert sich mir irgendein Glaube aus weiter Ferne, schleicht sich von hinten an, um mir den Blick aus den Augen zu kratzen. Aber ich drehe mich um. Ich sehe eine Ratte zwischen den Zähnen einer Katze und das offene Ende der Sackgasse.




    19


    Als ich ins Hotel zurück komme, flimmert der Fernseher im Zimmer und taucht den Raum in kaltes, blaues Licht. Dabei ist es heiss. Sie ist auf dem Bett und schläft. Decke und Kopfkissen liegen auf dem abgelaufenen Teppich. Es riecht nach Mückenspray. Ich gehe ins Badezimmer, huste einen Schleimpfropf ins Lavabo, hole mir müde einen runter. Mein Spiegelbild schaut teilnahmslos zu. Nachher mache ich den Fernseher aus, hebe das Kopfkissen auf und beuge mich damit über sie. Ich drücke es ihr aufs Gesicht. Sie strampelt nur wenig. Zuckt kurz. Lässt es dann geschehen.




    20


    Ich mache die Augen zu. Ich sehe einen einsamen Gegenstand im Schnee: Vaters Hut. Fast gleichzeitig entdecke ich auch ihn. Er liegt am Waldrand, rücklings. Im dunklen Mantel und mit ausgebreiteten Armen. Im stillen macht es mich betroffen, wie er in die Leere starrt, als kennte er mich nicht. Sein Gesicht drückt freundliche, endgültige Abwendung aus. Wohin schaut er? Wohin schaut er weg? Vater schaute weg. Aber erst später dann, Jahre später, zum ersten Mal das Gefühl des Erstickens beim Gedanken an ihn, den doch keine Erinnerung mehr fasst. Ich zähle bis tausend und wieder zurück, ehe ich ihr das Kissen vom Gesicht ziehe.




    21


    Schreiben ist eine Daseinsform. Dabei hat jeder Satz zum Ziel, den vorherigen vergessen zu machen: was immer ich schreibe, es frisst das Geschriebene sofort auf. Ich komme und komme nicht weiter. Ich lösche das Licht. Und gehe und gehe auf und ab im Raum. Kafka kommt mir in den Sinn. In seinem Nachlass hat sich kein Testament vorgefunden. In seinem Schreibtisch lag aber unter vielem andern Papier ein zusammengefalteter, mit Tinte beschriebener Zettel, auf dem er seine letzte Bitte äusserte: dass man alles an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen, dass man restlos alles von ihm ungelesen verbrennen solle.




    22


    Nichts braucht man dringender als Worte, in der Dunkelheit. Um die Dinge zu erhellen. Weil es gibt sonst keine Dinge, schlechthin keine Welt. Es überrascht mich, wie glaubwürdig das klingt. Gleichzeitig frage ich mich, wieso nicht alles, was ich denke, sich ins Gegenteil verkehren sollte. Ich setze mich wieder ans Schreibpult, jedoch ich habe die Sprache verloren. Später sehe ich zu, wie die Nacht sich verwandelt in ein homogenes Grau, das heller wird, und höre erste Möwen den Morgen ankreischen. Dann erscheint langsam die Umgebung, das Hotelzimmer, ein begrenzter, differenzierter Raum. Die Dinge erhalten ihre Farben und Konturen, die Lampe, der Fernseher, der Schrank, die Wände, und als ich schliesslich über meine Schulter zum Bett schaue, tue ich es in der Gegenwart des vollen Tageslichts. Der Mensch ist allein, im Grunde.




    23


    Ein Hotel brennt. Im Rückspiegel sehe ich eine Rauchsäule zum Himmel empor steigen. Eine schwarze Nabelschnur, die die Erde mit nichts verbindet. Und endlich komme ich ganz vom Weg ab. Ich lenke das Auto auf den Abgrund der Klippe zu, lächelnd, ohne dass man es meinem Gesicht ansieht. Bussard oder Krähe. Ich halte den Atem an.


    .

  2. #2
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Lieber mr. jones,


    ich ziehe den Hut vor deinem Mut, dein Schreiben zum Thema einer schulischen Prüfung zu machen. Interessant war auch die Geschichte dieser Arbeit, die ich ja beginnend mit dem Haarmann-Text hier im Forum nun über Jahre kritisch begleite.
    Aber das ist jetzt ganz schön viel auf einmal, das muss ich erst einmal verdauen. (Vielleicht wäre ein "Fortsetzung folgt..." doch nicht so schlecht )
    Eines zuerst: Willst du ein paar Bemerkungen zu deiner "Literaturtheorie" oder ein wenig Textarbeit an der Prosa? Außerdem stehe ich noch in der Schuld, meine Arbeit am Lessingstück wie versprochen fortzusetzen.

    Immerhin, meine faule Jahresanfangsphase ist vorbei:
    Ich stehe zur Verfügung.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  3. #3
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    very pleased to read that.
    zeilen von dir zu meinem geschriebenen sind mir doch immer willkommen, ob hier oder dort, ob so oder so.


    greetings,
    Mr. Jones

  4. #4
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    11.February 2003
    Beiträge
    114
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    jetzt wissen wir,dass du dich mit so wichtigen dingen wie maturaarbeit beschäftigst.ich habe deinen eingestellten text sehr aufmerksam gelesen. du bist sehr umtriebig und stürzt dich voll in deine arbeit.gratulation
    eines vermisse ich aber speziell und generell bei dir. gefühl. herzliches beileid.

  5. #5
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    decariot:
    "ich habe deinen eingestellten text sehr aufmerksam gelesen."


    >>>


    nein, das glaube ich dir nicht, decariot. nicht einmal, dass du meinen text überhaupt als ganzes gelesen hast. dennoch, wenn auch ohne es zu wollen, hast die thematik von "finistere" haargenau benannt: gefühllosigkeit und alles danach, ja. insofern ist dein kommentar, ach ironie, eine bestätigung meines teckstleins. aber eben...


    und mit dem herzlichen beileid wolltest mich beleidigen? nur zu. du scheinst es dringend nötig zu haben. ich meinerseits muss eh drauf vertrauen, dass mein kleines teckstchen solche sprüche von deinesgleichen zerplatzen lässt wie eine messerklinge seifenblasen.


    im übrigen solltest zumindest nummer 10 von "finistere" doch noch lesen.


    dear greetings.
    Mr. Jones

  6. #6
    rodbertus
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Das ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, decariot.
    erstellt bei decariot:[b]eines vermisse ich aber speziell und generell bei dir. gefühl.
    Und dieser Vorwurf ist leicht zu erheben, aber kaum zu verifizieren. Ich möchte darum bitten, hier Gefühle bei der Distinkte walten zu lassen.

  7. #7
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    6.June 2000
    Ort
    Stuttgart
    Beiträge
    531
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ziemlich frech, der Kleine.


    Mir jedenfalls gefällt der Text sehr gut. Wähle ich mit bernouillys Geschreibsel zum Monatsbesten.


    lg Patina

  8. #8
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    11.February 2003
    Beiträge
    114
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    mein lieber "rodbertus"...
    man erkennt doch,wo gefühl mitschwingt oder gar triebfeder des geschriebenen ist.ich jedenfalls kann es erkennen - soweit vorhanden....
    .wo gefühl fehlt,ist ein gedicht verloren....

    alles,was ich hier lese ist selbstbeweihräucherung. und das mit stil. aber selbst das imitieren grass'scher ausdrucksart macht nicht besser,was nur mittelmaß ist....
    nix für ungut..... decariot

  9. #9
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    merci, patina. fürs gefallenfinden.


    merci, rodebertus... "niemand ist berechtigt zu denken, er kennte mich!" das hat der gute walser geschrieben. das ausrufezeichen ist von mir. für decariot.


    ausserdem, vom decariot: "alles,was ich hier lese ist selbstbeweihräucherung. und das mit stil."


    immerhin mit stil, mein lieber, ja. der rest ist mittelmass? woran machst das fest, um zum teckstlein zurückzukommen? vielleicht liest es ja endlich doch noch?


    eine echte auseinandersetzung mit meinem geschriebenen tät mich freuen. drum wart ich weiter drauf, fast geduldig.


    wohlgemerkt, dies richtet sich durchaus am wenigsten, aber selbstverständlich auch an decariot und dergleichen...



    greetings,
    Mr. Jones

  10. #10
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Oldenburg
    Beiträge
    263
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Lieber Mister Jones,




    ich tauge nicht zum detaillierten Gespräch über Prosatexte. Ich kann hier nur meinen Eindruck, mein Gefühl dazu hinterlassen.


    Bis zur Ziffer 19 war ich dabei. Gefesselt in den Gedanken eines Depressiven. Spannend der Aufbau einer Vaterfigur, spannend die Frage, wie ich die Begegnung erleben darf. Spannend die Notizen über das Schreiben und seine Querverweise.


    Doch dann: Ein Mord und danach wieder ein Freitod. Wieder fragwürdig. Eine solche Handlung braucht ein ungeheures Energiepotential. Diese Energie nehme ich ihm nicht ab. Er ist auf einem Weg, er bewegt sich auf ein Ziel zu: Sein Vater. Ich will diese Begegnung lesen!


    Lieben Gruß von
    Trist

  11. #11
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    "Doch dann: Ein Mord und danach wieder ein Freitod. Wieder fragwürdig. Eine solche Handlung braucht ein ungeheures Energiepotential. Diese Energie nehme ich ihm nicht ab. Er ist auf einem Weg, er bewegt sich auf ein Ziel zu: Sein Vater. Ich will diese Begegnung lesen!"


    vielen dank für deinen kommentar, liebe trist!


    ich verstehe sehr gut, was du meinst. gerade deshalb sind mord und freitod wichtig: ich zwinge hier den leser, die leserin, den protagonisten anders zu sehen. du unterschätzt meines erachtens das energiepotential des protagonisten. bis zum mord kannst das machen. du nennst ihn depressiv. bis zum mord kannst das machen. ich halte ihn aber nicht für depressiv, nicht im eigentlichen sinne. er lebt die flucht, um nicht gefangen genommen zu werden von einem bild: er will nicht so oder so gesehen werden von anderen. flüchtig wie ein gas nur kann er sein. so löscht er denn alles aus, was ihn in einem bild halten könnte, was spuren von ihm sind. er sprengt jeden rahmen, sozusagen. gleichsam fällt sich der text selbst in den rücken, immerfort. der mord ist für den text unbedingt notwendig, denke ich.


    der freitod? und dazu noch derart "effektvoll"? durchaus, der angriffspunkt schlechthin von "finistere". aber lass mich den schluss nicht verteidigen, noch nicht.


    "finistere" ist eine trostlose lesereise, zugegeben. ich bitte dennoch um weitere lesarten und meinungen.


    greetings,
    Mr. Jones

  12. #12
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Oldenburg
    Beiträge
    263
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Lieber Mister Jones,


    was ist besonders an Menschen die Feigheit leben, was besonders an denen die flüchten? Die Welt ist voll davon. Dein Stoff bietet Heldentum an. Und er wählt die Mittelmäßigkeit der Flucht. Sehr pathetisch, diese Sichtweise, ich gebe es zu, aber eine wirkliche Vater/Sohn-Begegnung würde deinen Menschen hier hinausheben über Alltägliches und Vorhersehbares, nicht eine gewöhnliche Flucht über die Klippe.


    Lieben Gruß von
    Trist

  13. #13
    Bauer Hans
    Status: ungeklärt

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Eine Bemerkung zum Selbstmord, Trist. Meiner schmerzlichen Erfahrung nach war der Freitod einer bestimmten Person KEINE gewöhnliche Flucht über die Klippe, sondern wirklich der allerletzte Ausweg in eine andere Welt, die alles sein kann, aber auf alle Fälle besser für den Wanderer als ein Verbleiben.


    Mann oder Frau redet sich leicht...

  14. #14
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    Post AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    die andere möglichkeit, vielleicht im sinne trists. wobei ich meinerseits keinesfalls eine entscheidung getroffen habe.




    23


    Ein Hotel brennt. Im Rückspiegel sehe ich eine Rauchsäule zum Himmel empor steigen, eine schwarze Nabelschnur, die die Erde mit nichts verbindet, während ich das Auto dem Abgrund der Klippe entlang lenke. Dann, als ich wieder auf den Weg schaue, taucht er auf vor mir, wie aus dem Nichts: mein Vater. Im dunklen Mantel, mit ausgebreiteten Armen steht er plötzlich da, schaut mir direkt in die Augen, und hoffnungslos reisse ich das Steuerrad herum. Bussard oder Krähe. Ich halte den Atem an.




    greetings.
    Mr. Jones

  15. #15
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    Question AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ist diese Arbeit bereits fertig?
    haben die Hände eines Deutschlehrers schon an ihr herumgefummelt oder gar schon bewertet?


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  16. #16
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    Question AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    jein.
    (diese art der arbeit ist nie fertig.)

    greetings.
    Mr. Sisyphos Jones



    die dritte möglichkeit:




    23


    Ein Hotel brennt. Im Rückspiegel sehe ich eine Rauchsäule zum Himmel empor steigen. Eine schwarze Nabelschnur, die die Erde mit nichts verbindet. Und endlich komme ich ganz vom Weg ab. Ich lenke das Auto auf den Abgrund der Klippe zu, mit geschlossenen Augen. Da taucht er plötzlich auf vor mir, wie aus dem Nichts: mein Vater. Im dunklen Mantel, mit ausgebreiteten Armen steht er da, den Blick auf mich gerichtet. Bussard oder Krähe. Ich halte den Atem an.


    klammer? trist? hannemann?


    greetings,
    Mr. Jones

  17. #17
    schreibt hier hin und wieder
    Registriert seit
    10.June 2000
    Ort
    Oldenburg
    Beiträge
    263
    Renommee-Modifikator
    20

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ja, lieber Jones, Nummer 3!


    Mir ist viel wohler nun, wirklich. Deine Geschichte gewinnt so an Freiheit, läßt sich eben nicht zuweisen und das wolltest du doch.


    Lieben Gruß von
    Trist

  18. #18
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    5.October 2000
    Ort
    Bad Füssing
    Beiträge
    953
    Renommee-Modifikator
    21

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Ein großes Lob Deiner Sprache. Du hast den Haarmann geschrieben, der war mir zu kalt, zu antiseptisch. Du erinnerst Dich. Hier hast Du gefunden.


    Ich bin ein Mensch, welcher in ersten Eindrücken lebt. Mein Eindruck: Bilder, Bildbeschreibungen, eine nach der anderen, geboren aus excellenten Beobachtungen, die zu excellenten Worten führten.
    Handlung für mich Nebensache, auch egal, wo ich zu lesen beginne. Es gibt einen Haufen einfach schöner Sätze. Es ist eine Matura, die sich auszudrucken und immer wieder zu lesen lohnt.


    Dein Genosse war schon sehr gut. Befruchtet, stachelt ihr euch gegenseitig an?


    Grüße, Hannemann






    [Diese Nachricht wurde von Hannemann am 25. Februar 2003 editiert.]

  19. #19
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    lLieber mr. jones,

    ich mag den text. Das zuerst. du hast recht zu schreiben. du bist ein schriftsteller, zweifellos.
    auch wenn ich denke, man sollte eine arbeit nie mit: x sagte einmal..., x schrieb einmal... beginnen. obwohl frisch zu den wenigen autoren zählt, die sich sinnvoll gedanken um ihr schreiben machten und auch eine theorie entwickelt haben (übrigens auch eine sehr eigenständige theatertheorie. dies als kleine anregung für dein lLessingstück.) mit frisch in der ersten zeile wirfst du allerdings ein pfund auf den tisch, dem du erst einmal gerecht werden musst. mutig, mutig... ich will hier allerdings den gleichen fehler begehen und zum einstieg ein zitat von balzac anführen, das mir hier sehr gut zu passen scheint: "ich wollte, ich wäre irgendeine beethovensche sinfonie oder irgend etwas, was fertig geschrieben ist. das geschrieben-werden tut weh."

    ich gehe schrittweise vor, so, wie ich als leser den text aufnehme.

    F i n i s t e r e der titel ist okay. es klingen fin de siecle, Decadenz und natürlich Finsternis mit. gibt es eigentlich einen ort, der so heißt?


    Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könne den Himmel zerstören; das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.
    Das ist schön, sagt sie.
    Ich nicke. Ist von Kafka, sage ich.

    du sagst es. das ist einer deiner wunderbaren anfänge. auch wenn du ab jetzt damit leben musst, dass nun jeder deiner leser dich mit dem "ich" in der erzählung verwechselt. aber damit müssen wir autoren grunsätzlich leben. würde der text auch mit "er" funktionieren? ich glaube, ja. es würde sogar noch deutlicher den unterschied zwischen dem erfindenden "ich" und dem erfundenen "ich" markieren. warum übrigens der modische schnickschnack und der verzicht auf gänsefüßchen, was das lesen anstrengend macht? ästhetische gründe?

    1

    Hundert ! Das war aber eine lange, spätsommerliche Fahrt. Konntest du sie zählen? Kannst du überhaupt noch vorne raussehen? tote Insekten kleben zerquetscht an der Windschutzscheibe, lange vor dem Erreichen der Landesgrenze.der satz fällt in zwei sinnebenen auseinander, zumal sein zweiter teil kein vollständiger satz ist. vielleicht kannst du das auch ohne komma erzählen. zumal die landesgrenze ja eine flucht andeutet. Ich habe Ben Folds im Radioein bisschen zu flapsig und amerikanisch hier im einstieg. erinnert ein wenig an die 60-er-Jahre-roadliteratur. weißt schon, jack kerouac et al. ich würde mir den protagonisten auch lieber auf einer schweizer bundesstraße als auf dem highway 66 vorstellen. auf welchen sendern läuft eigentlich ben folds? und im Rückspiegel eine schwarze Rauchsäule, die zum Himmel empor steigt.frag mich nicht warum, aber da sehe ich sofort die letzte pink-floyd-platte "the final cut" vor mir. letztes lied: "two suns in the sunset." Eine Fabrik brennt. Auf der Gegenfahrbahn rast mit Blaulicht und Sirenengeheul die Feuerwehr vorbei. Ich kurble die Scheibe runter, dass der Wind mir durchs Haar fährt, und lächle, ohne dass man es meinem Gesicht ansieht. im gegensatz zu robert habe ich nichts gegen "dass", aber warum zweimal in einem satz? wo du doch das erste "dass" leicht gegen ein "damit" auswechseln könntest. ich würde außerdem den letzten satz in zwei aufteilen. es fragt sich hier auch, warum er innerlich lächelt. ist noch jemand im auto? das mädel steigt doch erst im nächsten absatz zu. allerdings ist der nächste absatz in der vergangenheit geschrieben. hmm...


    2

    Entweder oder.nun ja. kierkegaard. "niemand kann im leben oder im tode so weit reisen, dass der autor nicht bei ihm ist." oder, hier noch besser passend: "ein rätsel will ich sein. mir und den anderen." ich würde trotzdem ein komma machen. Entweder man sucht nicht und findet. Oder man sucht und findet nicht. amen, amen, ich sage euch. schon eine binsenweisheit? ist das nötig? Schreiben heisst: sich entscheiden, Wort für Wort, immerfort.der reim zieht den satz ins lächerliche. das ist schade, denn hier ist ein wichtiger punkt. du machst deutlich, dass du eine geschichte erzählst und dass das leben die literatur nachahmt. verbleibe noch ein wenig bei diesem gedanken. Das Unwahrscheinliche. diese erfahrung hat sicher jeder autor schon gemacht. egal was er sich ausdenkt. die wirklichkeit übertrumpft ihn. Sie stand am Strassenrand und winkte. Eine Anhalterin eben. Ein Auto fuhr vorbei. Der Wind schlug ihr das Haar ins Gesicht. lange haare. schnelles auto. vor allem hoch. ein lastwagen. Ich bremste und fuhr zurück. Ich öffnete die Tür.ich...ich.... Sie stieg ein und wir? ist das ein Fahrschulwagen, den beide lenken können? fuhren los. Ich kann es mir selbst nicht mehr ganz glauben, im Nachhinein. umstellen und auf komma verzichten:"Im Nachhinein kann ich mir selbst nicht mehr ganz glauben." dieses nachhaken innerhalb eines satzes ist übrigens ein fehler, den auch ich gerne mache. Schreiben heisst: Wahrheiten erfinden. Auch und gerade, wo man die Wahrheit schreibt.mir als leser ist der gute ein wenig zu forsch und apodiktisch in seinen aussagen. er hat etwas von einem propheten. "schreiben heißt:" darauf gibt es wahrscheinlich so viele antworten wie autoren. nichts gegen feste meinungen, aber es klingt nunmal nach bevormundung.


    3

    Kilometer um Kilometer spulen wir ab auf dem langen grauen Band schwaches bild. wir fahrn, fahrn, fahrn auf der autobahn...na, war vielleicht vor deiner zeit.quer durch Frankreich. jetzt sind wir wieder in der gegenwart. hat er eigentlich maut bezahlt? die ist in frankreich ganz schön teuer. was heißt quer, wenn er zur küste fährt? die brennende fabrik, die war noch in der schweiz, oder? die anhalterin? jetzt fahren wir durch die vogesen richtung jura, dann nach süden. gut, ich bin drin. es ist ein heißer, später sommernachmittag, ich kannst mir vorstellen, auch wenn ich es gerne deutlicher gesagt bekommen hätte. Die Landschaft wird flacher, je weiter wir fahren, und unvertrauter. äh, "unvertrauter", was ist denn das für ein wort? und pack den einschub nach hinten. Nicht nur, aber auch,et - et, wie der lateiner weiß. trotzdem sollte das "aber auch" nach hinten zum satzteil, zu dem es gehört. weil das Feld nicht mehr länger Feld, sondern champ heisst. Selbst der Geschmack der Zigaretten ändert sich. Sie schmecken herber, würziger, je kleiner die Entfernung wird zum Meer.warum solch eine seltsame satzkonstruktion? zieh das hilfsverb nach hinten. oder ändere den satz völlig. Vieles zieht vorbei, weniges bleibt haften. Weder Bäume noch Telefonmasten, weder Verkehrstafeln noch die Bauten, die meistens Bruchbuden sind. Hier wird nicht renoviert, hier überlässt man die Dinge sich selbst. In einem gelbbraunen Feld stehen weisse Kühe. Die Szene mutet ausserirdisch an.streichen, denn das bevormundet den leser. der nächste satz genügt völlig. Mondkälber, denke ich. Auch das Feld auf der anderen Seite der Strasse ist nicht von dieser Welt. Unter Pastellfarben rollen Strohballen wie schwarze Kugeln über eine endlose Tafel.

    Bis hier her erstmal.
    Fortsetzung folgt

    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  20. #20
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    ach,ja,

    lohnt es sich eigentlich, Markus Werner zu lesen, der offenbar wie alle Autoren, die sich mal als Lehrer durchschlagen mussten, eine Aversion gegen Schulstuben hat?

    Ein Freund von mir, der Autor "Wolfsmehl" hat mal durch einen Trick (er gab sich bei der ZEIT als Suhrkampmitarbeiter aus) die Privattelefonnummer von MRR herausgefunden, ihn angerufen und ihn gefragt, warum der Kritiker nie sein Buch kritisiert habe. MRR bekam einen Wutausbruch, der mit einem Asthmaanfall endete. Wolfsmehl hätte ihn mit seinem Anruf beinahe umgebracht.
    Moral von der Geschichte: Lass den Leuten ihr Privatleben.

    Gruß, Klammer


    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 26. Februar 2003 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  21. #21
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    werte trist, werter hannemann, werter klammer, hab mich sehr gefreut, eure kommentare hier zu lesen, aber im moment hab ich nicht die zeit, euch zu antworten. darum für den moment einfach das wichtigste: danke vielmals!


    Mr. Jones


    @ klammer: markus werner ist meines erachtens einer der ganz grossen schriftsteller der heutigen zeit. lesbar und unbedingt lesenswert. zumal er die schönste unsentimentale liebesgeschichte geschrieben hat, die ich kenne, und die zu tränen rührt zum schluss: "die kalte schulter."

    Ihr Lieben, danke habe ich gesagt...

    Mr. Hannemann: „Es ist eine Matura, die sich auszudrucken und immer wieder zu lesen lohnt. Dein Genosse war schon sehr gut. Befruchtet, stachelt ihr euch gegenseitig an?“

    >>>Dein Kommentar ehrt mein Schreiben, ehrt mich. Ob mich der Genosse, den Du meinst, anstachelt, oder ich ihn? Ich weiss nicht. Wahrscheinlich ja. Wahrscheinlich geben wir uns etwas, ich weiss aber nicht genau was. Ich weiss nur, unberührt lässt mich sein Schreiben selten. Und meines ihn auch nicht, denk ich.
    Auf Deinen ersten Eindruck, mit Trists Bestätigung noch dazu, vertrau ich: die dritten Möglichkeit also.

    Trist, Dir nochmals meinen Dank für besagte Bestätigung, für Deine Meinung. Ich nehm sie mir, ums ein bisschen pathetisch zu sagen, zu Herzen.

    Mr. Klammer: „du bist ein schriftsteller, zweifellos.“

    >>>Vielen Dank vor allem für dieses Sätzchen. Es hallt nach. Und ein Dankschön auch, selbstverständlich, für Deine akribische Textarbeit. Ich werd mich zu Deinem Kommentar noch äussern, und gerne. Er freut mich. Aber heute mag ich nicht, heute ist ein guter Tag, doch hab ich wenig Erfreuliches noch um die Ohren... (Ich hoffe natürlich, dass Du ein bisschen Muse findest und weitermachst hier unterdessen... ?)

    so far.

    greetings,
    Mr. Jones

  22. #22
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    ...meine Muse schläft. Aber Muße habe ich gerade.

    4

    Warum Finistere? gut, ich habe es kapiert. auch als begriffsstutziger leser, der ich bin. schon jetzt, m. e. zu früh. es steckt das ende (die vollendung) der welt drin. fini de terre. also auf deutsch (oder englisch) vielleicht: landsend. ein capo de finisterre gibt es übrigens an der spanischen atlantikküste. und da stellt sich mir jetzt die frage, ob du hier nicht schon zu viel verrätst. das ist ein wenig wie stiller oder loman oder darth vader. da ist zu viel symbol darin. und bevormundung. dieses: "seht her, muss ich euch denn mit der nase darauf stoßen? ich habs euch doch gesagt." oder, anders herum, das symbol sollte von anfang an kristallklar herausgemeißelt sein. Wenn der protagonist anschließend sagt, sein vater warte dort, am ende der welt also, ist damit auch schon der tod ins spiel gebracht. Ich zucke die Achseln.etwas ganz banales. ich weiß nie, wie man dieses achselzucken schreibt: "ich zucke die achseln" oder "ich zucke mit den achseln" und was unterscheidet das ganze von schulterzucken (den tatsächlich zucke ichdoch zur erzeugung dieser bewegung mit den schulterblättern)? "ich zucke die achseln" klingt immer, als würde einer einen revolver herausziehen. robert? außerdem muss es doch noch andere möglichkeiten geben, gleichgültigkeit (gleich gültigkeit) zu beschreiben, als mit diesem achselzucken. Ich weiss nicht, sage ich und denke, dass die eigentliche Frage lauten müsste: Warum nicht Prag? Dann hätte ich immerhin eine Antwort. Weil es Prag nicht gibt. das ist schön surreal. kafkaesk und doch wahr. es existieren nur orte, an denen man selbst schon war. allerdings will ich zu ostern nach prag fahren. das gibt mir zu denken. Sie herrschaft! da gabelt der kerl eine anhalterin auf, offensichtlich ein nettes mädchen und du lässt mich im ungewissen sitzen. das ist nicht nett deinem leser gegenüber. ich will ein wenig fleisch. gib mir mehr informationen. selbst wenn dein protagonist sich offsichtlich nicht für sie interessiert, so wird er sie doch wenigstens wahrnehmen. schließlich redet er mit ihr. also, bitte! aber hält an ihrer Frage fest: Warum Finistere? Ich zögere. Schliesslich sage ich ihr nicht, dass Vater dort wartet. das "schließlich" gefällt mir nicht. es macht den satz schwerfällig. er kippt. streiche es. Weil es das Ende der Welt bedeutet., sage ich. bei ihr geht das. "sagt sie." ist ein satz. da schwingt dann auch "behauptet sie." mit. Sage ich. ist kein Satz, den ich allein stehen lassen will. Ich komm mit dir "dir" streichen. Sagt sie.und wieder erfahre ich nichts über das mädchen und wende mich frustiert zum nächsten absatz.


    5

    Ich steuere uns in die Nacht hinein oh, bitte! celine. reise ans ende der nacht. du musst nicht noch deutlicher auf deine vorbilder hinweisen. und durch sie hindurch. Dabei suche ich nach einer Metapher für mein Leben. "für mein leben" würde ich streichen. sei hier noch etwas geheimnisvoller. Dabei fällt mir ein tropfender Wasserhahn ein. vielleicht hier noch einen satz mehr. klingt etwas nach inkontenenz. ach, ich weiß auch nicht. Dass ich existiere, merke ich, als ein Auto in ! du meinst, einbiegt. die Strasse führt und ich eine Kollision gerade noch vermeiden kann. ich würde den schock des erwachens nach dem sekundenschlaf näher darstellen. Sie ist aufgewacht neben mir wo sonst? auf der einen seite kürzt du, wo ein paar sätze mehr sinn machen. auf der anderen steht trotzdem noch eine menge überflüssiges zeug da. lies mal isaak babel. der kann das, eine geschichte auf den punkt bringen. und macht grosse Augen. herr gott! augenfarbe? haarfarbe? körbchengröße? wenn schon er seltsam fern und amorph bleibt, vielleicht bewusst abstand zum leser schafft, dann gibt doch wenigstens ihr eine chance. das ist ein erzähltext und kein thesenpapier! Später halte ich am Strassenrand, damit sie hinter ein Gebüsch kann. Ich steige ebenfalls aus und, als ginge es keinen Schritt über den Rand der Selbstverständlichkeit hinaus, folge ich ihr.mach da doch bitte zwei sätze draus. vor allem der "als....hinaus"-einschub ist unglücklich formuliert. das kannst du besser. Das ist kein guter Anfang, sagt sie. Aber immerhin, sage ich, ein Anfang. irgendwie erinnert er mich jetzt an clint eastwood, weißt schon, dieser schweigsame heldentyp voller innerer narben, der verletzte, gebrochene held. aber immer noch ein held. auch wenn er kleinen mädchen beim pinkeln zusieht.

    Fortsetzung folgt.





    [Diese Nachricht wurde von Klammer am 28. Februar 2003 editiert.]
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

  23. #23
    Tochter aus gutem Hause
    Registriert seit
    7.May 2001
    Ort
    St. Gallen
    Beiträge
    548
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    "F i n i s t e r e: der titel ist okay. gibt es eigentlich einen ort, der so heißt?"


    lieber klammer, es gibt den ort. in der bretagne. ich war dort und bin es in manchen augenblicken noch immer.


    "herr gott! augenfarbe? haarfarbe? körbchengröße? wenn schon er seltsam fern und amorph bleibt, vielleicht bewusst abstand zum leser schafft, dann gibt doch wenigstens ihr eine chance."


    nein. es ist wichtig, dass sie nicht beschrieben wird. ärgerlich, aber wichtig. meinst, ich hätt nicht gern ein wenig über ihr äusseres geplaudert? aber abschnitt 18, der traum von der zeit, verbietet mir jede anderweitige beschreibung, denk ich.

    recht hast aber mit dem clint eastwood. ich werd ihn das 'immerhin...' denken lassen. überhaupt zielst zumeist ins schwarze mit deiner kritik. wofür ich dankbar bin, weiterhin. und wofür du durchaus ein kompliment verdienst.


    dear greetings,
    Mr. Jones

  24. #24
    Kurzvormabschussiger
    Registriert seit
    21.June 2002
    Beiträge
    63
    Renommee-Modifikator
    0

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    Wen diese Pedanterie interessieren mag:
    Das Finistere ist das westlichste Departement Frankreichs. Also kein 'Ort', wie eine Stadt, sondern eine Region. Unbedingt zu bereisen und zu erleben:



  25. #25
    Tochter aus gutem Hause Avatar von Klammer
    Registriert seit
    27.April 2001
    Ort
    Diedorf
    Beiträge
    550
    Renommee-Modifikator
    19

    AW: Mein Schreiben und ich - Matura-Arbeit (Ausschnitte)

    gut, dann weiß ich jetzt, wo das ende der welt ist, oben links in frankreichs norden, wo simenon so gerne seine romane spielen lässt. danke, florian. ich dachte immer, das ende der welt ist kurz hinter tabor, ein verwitterter, windschiefer bretterzaun, auf den ein kaum leserliches schild in fraktur genagelt ist: "achtung, hier geht's nicht weiter." davor wächst im frühjahr wilder rhabarber und im sommer stechend riechender russischer bärenklau. dahinter beginnt die unendlichkeit.
    ich war auch der meinung, mr. jones finistere würde im süden liegen. seltsam, das hat meine vorstellung der autofahrt stark beeinflusst. nun, vielleicht liegt es daran, dass ich an seiner stelle ans mittelmeer gefahren wäre. wenn ich schon mit stil mein selbstmitleid feiere, soll es wenigsten warm sein.



    6


    Schreiben, Wort für Wort das Leben aufbrauchen.ist das so? mache ich nicht genau das gegenteil als autor, schaffe ich nicht wort für wort leben? immer wieder neue. bastle ich mir nicht existenzen, welten, kosmen, die ich mit so viel zeit ausfülle, wie ich will. ist schreiben nicht genau das: endlosigkeit, das ruhige auge im sturm. und gebe ich dieses geschenk nicht an den leser weiter? ich merk schon, ich bin heute mehr zum gedichteschreiben als zum kritisieren gelaunt. Wie ein Spaziergang, der zur totalen Ermüdung des Körpers führt, Schritt für Schritt.zum einen ist das kein ganzer satz, zum anderen frage ich mich, ob ich mich mit einem spaziergang "total" ermüden kann. außerdem gleicht für mich das schreiben eher einer bergwanderung. übrigens bin ich kein freund des wortes "total", das übrigens neben "fanatisch" hitlers lieblingswort war und erst durch das III. Reich in den allgemeinen deutschen sprachschatz gelangte[siehe: Klemperer - LTI). Durch das kleine wörtchen "völlig" kann ermüdung eleganter und auch wohlklingender ausgedrückt werden. "totale vernichtung", "totaler krieg", "totale ermüdung"; ich höre ihn richtig, den kleinen irren aus braunau. Am besten auf einem staubigen Kiesweg, dass es knirscht unter den Schuhen.naja, wieder kein satz, schlimmer aber, dass das "dass" keinen bezug zum ersten teil, dem staubigen kiesweg, sondern zur vorherigen satzruine, dem schritt für schritt herstellt. hier musst du umstellen und ändern. am besten "total". Wir verbringen den Nachmittag damit,"damit" würde ich streichen. warum ist hier eigentlich kein absatz, denn an dieser stelle zerfällt dein text in zwei hälften. wobei ich an dieser stelle gerne noch ein weinig beim schreiben verharrt wäre. auch bei einem spaziergang macht man mal pausen. in Schaufenster zu blicken. Überall sind Bilder von Künstlern ausgestellt. Später, als es eindunkelt, schönes wort, kannte ich gar nicht. "eindunkelt", ist das schwyzerdütsch? "einmachen", "einsauen", kenne ich. im duden zumindest finde ich es nicht. sehe ich unser gespiegeltes Wir aufblitzen in einem der Fenster.hm. es will lyrisch sein, doch es ist irgendwie schwerfällig. in der formulierung (unser wir blitzt auf) und im gedanken (es blitzt im (!) fenster auf). vielleicht so: "im spiegel der scheibe erblickten (erkannten, entdeckten) wir uns selbst." Noch später würden diese zwei Körper schutzlos zerschellen an der Nacht, vielleicht.noch lyrischer, was ein wenig überraschend kommt, denn ich erwarte eigentlich von dem erzähler ein wenig mehr abstand, ironische distanz. so ist es trotz den an sich gelungen angehängten "vielleicht" ein wenig zu bedeutungsschwanger, um nicht zu sagen, schmalzig. Wir gehören nicht zusammen, denke ich.eben. der lässt solch sentimentale sachen gar nicht erst hochkommen. Auch von Pont-Aven bleibt nichts als eine Erinnerung, die verdächtig der Ansichtskarte von Pont-Aven gleicht. schön. warum fällt mir so ein satz nicht ein?


    Schritt für Schritt das Leben erfinden. Bis demnächst, wenn ich wieder in kritischerer Stimmung bin. Meine Frau ruft, sie hat "Küchle" gebacken.


    Gruß, Klammer
    Aber ein Traum - nikolaus-klammer.blog

+ Antworten

Ähnliche Themen

  1. Bei der Arbeit
    Von Trist im Forum Forum für das geschriebene Wort
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 07.10.19, 13:42
  2. Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 19.05.19, 11:48
  3. Fazit - Über die Arbeit im Wolkenstein-Forum
    Von aerolith im Forum Leiden schafft
    Antworten: 27
    Letzter Beitrag: 08.04.18, 12:48
  4. nicht schreiben
    Von Richard im Forum Lyrik
    Antworten: 24
    Letzter Beitrag: 20.02.17, 02:31
  5. Mein Schreiben hat blutige Füße
    Von Trist im Forum Lyrik
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 30.03.03, 15:53

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Ja
  • Themen beantworten: Ja
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •